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Full text of "Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. Illustrierte Zeitschrift für die Völkerkunde Ungarns und der damit in ethnographischen Beziehungen stehenden Länder"

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Ethnologische 
Mitteilungen 
aus Ungarn 



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II. Jahrgang. 



1891. 



I— V. Heft. 




ZUGLEICH 



ANZEIGER DER GESELLSCHAFT .FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 



BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. JJr. Atilon Ilermxaixn 



REDIGIERT VON 



ANTON HERRMANN und LUDWIG KATONA. 



Jährlich W Hefte — 20 Hogcn. Preis .v ß. Für Mitglieder eines Vereins für Volks- 
kunde 2 fl. . 



Rcdnction und Administration 
Budapest, I. Attila-utcza 47. 



KOLOZSVÄB. 

ACTIENDRUCKEKEI l>KE GESELLSCHAFT „K< »ZMÜVELÖDES.* 

1 8 9 1. 



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Mitteilung des Herausgebers. 

Nach verschiedenen PJiinen und Vorsuchen, deren Gelingen unsicher erschien, 
finde ich mich bewogen, auf den ersten, vor vier Jahren schüchtern betretenen Pfad 
zurückzukehren, und die „Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn 4 in neuer Folge 
und veränderter, handlicherer Form, aber wesentlich irn Sinne des ersten, von Be- 
rufenen gutgeheissenen Programme« weiter zu fahren. Hand in Haud mit meinem 
alten Mitstreber Ludwig Katona, unterstützt von der Bereitwill ! gkeit der Kolozs- 
-varer Actiendruckerei „Közmüvelodes". hoffe ich dies Unternehmen endlich in ein 
sicheres und regelmässiges Geleise zu bringen. Was im III. Hefte der Ethnologi- 
schen Mitteilungen, (*p. 413—416.) über die geplante Zeitschrift „Folklore", und 
im I. Hefte des hier eingebetteten Anzeigers (Seite 1.) Uber diesen gesagt wor- 
den, ist als gegenstandslos zu betrachten. Der Anzeiger ist von Heft II. an den 
„Mitteilungen" gänzlich einverleibt. 

Die „Ethnologischen Mitteilungen" erscheinen jährlich in 10 Heften, etwa 20 
Bogen. Preis 3 tl., für Mitglieder irgend eines Vereins für Volkskunde 2 H. Das IV. Heft 
des I. Jahrganges, im Format der ersten drei Hefte, den Schluss der dort begonnenen 
Aufsätze enthaltend, wird in kurzem erscheinen, und an diejenigen Besitzer der 
übrigen drei Hefte gratis abgegeben, die auf den II. Jahrgang praenumeriert haben. 

Heft VI— VIII. des Jahrganges wird anfangs Oktober zur Ausgabe gelangen. 

Curort Jegcnye bei Kolozsvär, August 1891. ^ aerrtna „„ 

Publicationen zur Volkskunde. 

Herausgegeben von Anton Hert mann. 

'„ .. I. Südost. Bibliothek zur Völkerkunde Ungarns und der Nachbarländer. Für die 
ersten 8erien sind in Vorbereitung: 1. 2. Bd. Comee Gtza Kuun: Relationes Hun- 
garorum cum Oriente gentibusque orieutalis orginis Historia antiquissima. (Unter der 
Presse.) 8 — 6. Bd Ludwig Katona u. Anton Herrntann: Die magyarischen Volks- 
märchen. Mit vergleichendem Apparat. — 7. Bd. Adolf St rauas u. Anton Herr man : 
Bulgarische Volkpoesie. — 8. Bd. Dr. Athana*. Marienescu u. A. Herrmann: Novak. 
Ein rumänisches Volksepos. Rumänisch u. deutsch, mit Abhandlungen. - 9. 10. Bd. 
Fr. S. Kuchai: Eigentümlichkeiten der magyarischen Volksmusik. — 11. 12. Bd. 
Dr. Fr. S. Kraus«: Auf Ungarn bezügliche epiBche Gesänge der Südslaven. 

II. Ural-Altai. Bibliothek zur Kunde der ural-altaiechen Völker. In Vorberei- 
tung: 1. Bd. Dr. Bernhard Munhicsi: Die Volkspoesie der Wotjaken. Deutsch von 
A. Herrmann u. H. v. Wlislocki. (Unter der Presse.) — 2. Bd. Dr. B. Munkdcxi: Die 
Volkspoesie der "Wogulen. Deutsch von A. Herrmann, (Unter der Presse) — 3. Bd. 
Dr. Ignaz Kunos: Osmanisch-türkische Volkspoesie. (Unter der Presse.; — 4. Bd. 
J)r. Karl Pdpai: Ostjakisch-£amojediscbc9. — 5. Bd. Beta Vikdr: Finnischo Stu- 
dien. - 6 Bd. Gabriel Bdlint: Mongolische Volkspoesie. 

Je eine Serie „Südost" u. „Ural-Altai", zusammen 8 Bde, 80—100 Bogen, 
vom Herausgeber (Budapest, I. Attilautcza, 47.) oder von der litterarischen Anstalt 
„Kozmüvelödes" in Kolozsvär bezogen, kostet 10 H. Einzelne Bände 2-50. 

III. Publicationen der „Ethnologischen .11 itteilungen ans Ungarn " 1. Heft. 
A. Herrmann Beiträgo zur Vcrgleichung der Volkspoesie. Mit Musiknoten. 150 kr. 
— 2. Dr. H. v. Wlislocki: Zauber u. Besprechungsformeln der Zigeuner. 60 kr — 
3. Kranss, Asboth, Thallöczy: Südslavisches. 30 kr. - 4. A. Hertmann: Heimische 
Völkerstimmen. 60 kr. — 5. Dr. Fr. S. Krauts: Das Burgfräulein von Pressburg; 
W. v. Schulenburg: Die Frau bei den Südslaven; J. v. Asboth: Das Lied von Gu- 
sinje. 90 kr. — 6. Dr. II. v. Wlislocki: Uber den Zauber mit menschlichen Kör- 
perteilen bei den transilvaniseben Zigeunern. 60 kr. 

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Ethnologische Mitteilungen 

aus Ungarn. 
Zugleich Anzeiger der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. 



Begründet un d herausgegeben von 

Prof. Dr. Anton Herrmann. 

Redigiert von 

Anton Herrmann and Ludwig Eaton: 




II. Baud. 



Budapest, 1892 

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Inhaltsverzeichnis. 



Seit* 



Barvti L., Deutsche Volksballaden aus Südungarn 198 

Czdmbel S., Zur Kritik der Editionen slovakischer Volksdichtungen . 18 

Czink L., Italienische Sprüche und Lieder aus Fiume 226 

H. A., Paul Hunfalvy 176 

— — Sprachmonopol 184 

Hoff mann- Wigand Maja, Deutsche Volkspoesie in Ungarn (Pancsova, . 207 

Kaindl R. F., Baba-Jaudocha-Dokia 222 

Kdlmdny L., Kosmogonische Spuren in der magyarischen Volks» ber- 

Ueterung. I. Die Schöpfung. II. Der Sündenfall 3, 139 

Katonn L., Recht und Unrecht. Ein magyarisches Märchen mit seinen 

Varianten und Parallelen 38, 159 

— — Ethnographie, Ethnologie. Folklore 13, 244 

Kits« Ar., Siebenbürgische Kinderspiele (deutsche) 216 

Klein &, Deutsche Wiegenlieder aus Dobsina 262 

KBrösi Alex., Italienische Sprüche und Lieder aus Fiume 226 

Krams F. 8., Mensch und Bär. Eine bosnische Tiersage 101 

— — Sveta Nedeljica 242 

Kuhdc Fr. S., Albanesen in Slavonien 25, 169 

Kuun Giza Graf, Schatzgräber und Bergleute 60 

— — Ueber uneigentliche Ausdrücke verschiedener Sprachen aus Khr- 

lnrcht vor der Gottheit und vor den Machthabern 80 

Kdnon Ig., Türkische Gedankenlieder aus Ada-Kaieh 51 

— — Türkisches Puppentheater (Karagöz-Spiel) 148 

Kurz S. t Hochzeitssprüche der Uienzen 211 

Ldzdr B., Ueber den „Garabonczias diäk" 166 

Uhoczky S., Deutsche Volkspoesie in Ungarn (Bereger Comitat) . . . 193 
Island Ch. G., Begrüssungsschreiben an die ethnographische Gesellschaft 

in Ungarn 2 

— — Die alten Folkloristen 253 



Marienescu A., Baba Dokia, eine volksmythologische Gestalt der Rumänen 12 

Matirko B., Die Zipser Volkssage von Kasnarek 162 

Menesviachean G., Ein chinesischer Brauch bei den Armeniern ... 56 
Munkdcxi B., Kosmogonische Sagen der Wogulen (deutsch v. A, Ii.) 

I. Die Sage von der Entstehung der Krde 63, 105 

II. Die Sage von der Umgürtung der Krdo . 78 

ITI. Das Lied von der Ueberschwemmung des Himmels und der Krde 109 

IV. Die Sage von der heiligen Feuerflut. A. B. C 121 

V. Heiliges Lied von der Herablassung der Erde aus dem Himmel 125 

VI. Das Lied von der Erschaftung der Erde und des Himmels . 255 



Pdpai K., Unter Wogulen und Ostjaken 65 

ProluUzka Fr., Historische Sagen aus dem Barscher Comitat. 

I. Die Kirche von St. Benedek. II. Die Katzenfähre .... 103 

Ktthy Lad., Die Armenier in Ungarn 11 

— — Trajan-Decebal-Sagen bei den Rumänen 58 

— Colonien der Spanier in Ungarn 168 



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Srhicanfeldtr A.. Deutsche Be.-piechungsformeln aus Südungarn . . . 97 

— — Deutsche Volkspoesie in Ungarn (Bresztovacz) 204 

StratiHz Ad., Fremd zu Hause (aus Ungarn ausgewanderte Bulgaren) . 21 
Szonyotl Kr., Armenische Volksmärchen aus Siebenbürgen. 

Mutter. Sohn und Drache 21S 

Veivss Audi:, Die Baba-DokiaSage und die mit ihr zusammenhangenden 

Volksgebräuche in Rumänien ">6 

Vikar B., Ueber meine Studienreise in Finnland Hl 

Weber S., Die Kleidung der Zipser Sachsen 105 

Wlislocki H.. Wesen und Wirkungskreis der Zauberfrauen l»t:i den 

siebenbürgischen Zigeunei'n 33 

— — Wanderzeichen der Zigeuner 133 

— — Siebenbürgische Kinderspiele (sächsische) 213 

Magyarische Volkspoesien (übersetzt von Handmann, Herrmann, Katona. 

Weiss-Schrattenthal, Wlislocki) 88, !>8, 185, 263 

Volkslied, bulgarisches (übersetzt von A. H.) PK) 

— — italienisches, fiumaner (übersetzt von A. H.) 191 

— — deutsches, aus Siebenbürgen 18!» 

— — ruthenisches (übersetzt von A. H.) 191 

Volkslieder der Spaniolen von Reich-Neuhaus (übersetzt von A. H.) . 192 

Aus dem Munde der Ofner Schwaben von Josefine Weisz-Fin&czy 1S-» 
Volksballaden, deutsche aus Ungarn (M. Wigand, E. Pratscher) ... 1*4 

* * 

BQchrrhe&prechunyrn. 

Paul Sebillot, Dovinettes de la Häute-Bretagne (Krau**) 17<» 

M. ' Haberlandt, Der altindische Geist (Krams) 177 

Ethnologische Litteratur Ungarns (Wlislocki) 17"» 

Fr. v. Hellwald, Ethnogr. Rösselsprünge (Wlislocki, 18t» 

Frd. v. Andrian, Der Höhenkultus ( Wlislocki) ISO 

Wlislocki, Märchen und Sagen der Bukowinaer und Siebenbürger 

Armenier (A. H.) 181 

Wlislocki, Volksglaube und rel. Brauch der Zigeuner (A. H.) . 181 

Wlislocki. Die Ungarn und Szekler in Siebenbürgen (A. Ii.) . I8i 

Hunfalvy-Album (A. II.) 181 

Strausz Ad., Bolgar uepköltesi gyüjtemeny (A. H.) 182 

* > 

Splitter und .>>'///. 104. 2»i4 



Zu hemo km: Das 1. Heft dieses Bandes rührt den besondern Titel : Anzeiger 
der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. 



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I. Jahrgang. Budapest, Januar 1891. I. Heft. 



ANZEIGER 

DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 

REDIEGIERT VON 
ANTON HERRMANN LUDWIG KATONA 

SecreUr d. Gesellschaft f. d. Völkerkunde Schriftführer d. Oeselisch, f. d. Völkerkunde 

Ungarns. Ungarns. 



Mitteilung der Redaction. 

Die „Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns" ist aus den Be- 
wegungen hervorgegangen, zu denen die unmittelbare Anregung die 
im Jahre 1887 gegründete Zeitschrift „Ethnologische Mitteilungen aus 
Ungarn" gegeben hat. Die statutenmiissige Aufgabe der Gesellschatt ist : 
das Erforschen der jetzigen und einstigen Völker des ungarischen Staates 
und des historischen Ungarns, ferner auf Grund gegenseitigen Kennen- 
lernens die Pflege der geschwisterlichen Eintracht und des Gefühles 
der Zusammengehörigkeit unter den im Vaterlande lebenden Völkern. 

Die Gesellschaft, die ihre Tätigkeit im Herbst 1889 mit etwa oÖÖ 
Mitgliedern begonnen, hält monatliche Vortragssitzungen und gibt als 
Amtsorgan (gegen den Jahresbeitrag von 3 fl.) die Monatschrift „Eth~ 
nographia" heraus. (I. Jahrg. 1890. 31 Bogen, redigiert von Dr. La- 
dislaus Rethy; von 1891. an unter der Redaction der Gefertigten). 

Um den Inhalt des Amtsorgans sowie diejenigen Verhandlungen 
der Gesellschaft, die ein allgemeineres Interesse beanspruchen dürfen, 
den Volks forschem auch weiterer Kreise zugänglich zu machen, haben 
wir die Herausgabe dieses Anzeigers beschlossen. Er erscheint mo- 
natlich (August u. September ausgenommen) wenigstens einen Bogen 
stark und wird an die auswärtigen Mitglieder der Gesellschaft für die 
Völkerkunde Ungarns gratis abgegeben. Son3t kann der Anzeiger nur 
als regelmässiges Beiblatt der gleichfalls von den Gefertigten redigierten 
Monatschrift „Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn" bezogen werden. 

Die beiden Zeitschriften (jährlich wenigstens 30 Bogen) kosten 
zusammen 4 fl ; für die Mitglieder der Gesellschaft für die Völkerkunde 
Ungarns 2 fl; für die Mitglieder jedes andern Vereines für Völker- 
kunde 3 fl. 

Alle Sendungen sind an Anton Herrmann, Budapest, I. Attilla- 
utcza 47 zu richten. 

Budapest, am 20. Dezember 1890. 

Prof. Dr. Anton Herrmann Prof. Dr. Ludwig Katona 

SecreUr der Gm. f. d. Völkerkunde Ungarns. Schriftfahrer d. Ges. f, d. Volkerkunde Ungarns. 



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BEGR ÜSSUNQSS CHREIBEN VON CHARLES O. LEL AND. 

Aus dem Begrüssungsschreiben an die Gesellschaft. 

Von Charles G. Leland. 

i 

(Vorgelesen in der Vortragssitzung am 7. Dezember 18 8'J.) 

Es macht mir ein ausserordentliches Vergnügen, dass ich — wenn 
auch nicht persönlich, so doch wenigstens brieflich — die Gründung 
der Ungarischen Folk-Lore-Gesellschaft begrüssen kann. Dass es nötig, 
ja sogar eine Pflicht ist, eine solche Gesellschaft zu gründen, davon 
war ich schon längst aus zwei Ursachen überzeugt. Erstens aus dem 
Grunde, weil kein Land in der ganzen Welt so reichen, verschiedenen 
und so interessanten StolF für den Forscher bietet, als eben Ungarn. 
Im westlichen Europa existiert dieser Stoff meistens nur als ein trockener 
und todter Ueberrest vergangener Zeiten, — hier in Ungarn aber Übt 
er, und kann vom Forscher frisch und lebendig studiert werden. Dass 
Ungarn sich rühmen kann einen der besten Roman- und Novellendichter 
der Welt — nämlich Jökai — zu besitzen, findet seine Begründung schon 
darin, dass der ethnologische und ethnographische StofT in der Ver- 
schiedenheit der Racen, in seinen wundervollsten Nuancen dem Dich- 
ter hier von allen Seiten in unzählbarer Abwechselung engegentritt. 
Wenn dies eben nicht der Fall wäre, so hätten Sie. meine Herren, 
wohl auf anderen Gebieten grosse Männer aufzuweisen, aber grosse 
Dichter vom Range eines Petöfi, Eötvös, Arany und Jökai wohl schwerlich. 

Ein zweiter Grund für die Gründung dieser Gesellschaft ist der, 
dass Sie, Meine Herren, in den von Prof. Dr. Anton Herrmann redi- 
gierten „Ethnologischen Mitteilungen 11 ein bahnbrechendes Folk- Lore- 
Journal besitzen, das — wie ich dies in Englands erstem Journal be- 
tont habe — das beste in Europa ist. Obgleich das Unternehmen_ noch 
jung ist. so ist sein Wert im Ausland doch schon anerkannt. Auf dem 
Gebiete der Archaeologie und Ethnologie steht Ungarn keinem Lande 
nach, indem es Männer wie Pulszky. Hunfalvy, Vämb6ry, Török 
und manche andere aufweisen kann die auch in dieser Richtung ih- 
rem Volke zur Ehre gereichen. Und sehr charakteristisch und eh- 
rend für dies Land ist auch der Umstand, dass es in der Person Sr. 
k. u. k. Hoheit des Erzherzogs Josef nicht nur auf socialem und politi- 
schem, sondern auch auf strengwissenschaftlichem Gebiete einen berühm- 
ten Vertreter besitzt, der als erster Kenner der Zigeunersprache, zu 
den Forschern ersten Ranges gehört. Und diesen Titel hat er nicht 
geerbt, sondern durch Eigenfleiss erworben. 

♦) Etbnographia, L, I. Heft. S. 38—41. 

2 



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BEQBÜSSUNGSSCHREIBEN VON CHARLES G. LELAND. 



Mögen Sie, meine Herren, ja nicht denken, dass ich etwa als 
Praeses der englischen Zigeuner-Gesellschaft, der Gypsy-Lore-Society, 
ein solches Studium zu hoch anschlage. Vergessen Sie ja nicht, dass 
wir in erster Reihe Folkloristen sind und dass für uns die Entdeckung 
des Zigeunertums und dessen Erforschung eine wichtige und unerschöpf- 
liche Quelle bildet. Es gibt freilich gelehrte Philister, die uns nur mitlei- 
dig belächeln und die Rohemiens der Wissenschaft, eine colluvies gen- 
tium nennen; aber wir müssen bedenken, dass Folk-Lore als Wissen- 
schalt noch eine gar junge Erscheinung ist, und dass es noch genug 
Krämer auf dem Markte der Wissenschaft gibt, die noch nicht wissen, 
was für ein Artikel Folk-Lore ist. Die Folkloristik ist die allerletzte, aller- 
tiefste und schönste Entwicklung der Geschichte. In meiner Jugend lernte 
man. die Geschichte nur in monochromischen Skizzen, aber heute ist man 
schon bestrebt, nicht nur grosse Männer, sondern Ideen und bewegende 
Factoren in den Vordergrund der Geschichte zu rücken. Und hiebei ist 
eben der Folk-Lore berufen mitzuhelfen. 

Jacta est alea. Wir haben den Anfang gemacht; jetzt heisst es 
nur vorwärts zu streben. Sie können, meine Herren, die schönsten 
Hoffnungen aus den vielen, sich Ihnen darbietenden Vorteilen schöpfen. 
Sie haben einen reichen Vorrat an Stoffen, ein vortreffliches Journal, 
viele grosse und strebsame Gelehrte, während Ihre Völkerschaften 
berufen sind, das schönste ethnologische Museum der Welt zu bilden, 
wobei Sie Alle vom edelsten Nationalgefühl begeistert sind, dem grosse 
Erfolge nie abgehen können. Und wenn die Gesellschaft ihre Pflicht 
erfüllt, so hat sie in grossem Masse Ungarns Cultur und die Kräfti- 
gung seines Staatslebens gefördert. 



Kosmogonische Spuren in der magyarischen Volksüberlie- 
ferung. 

Von Ludwig Kdlmdny. 
I. Die Schöpfung. 
(Vorgelesen in der Vortrags-Sitzung am 11. Januar 1890.) 

Zweifelsohne spielte der Teufel (magyarisch : ördög) auch in den 
magyarischen Sagen ursprünglich eine demiurgische Rolle, die erst un- 
ter dem Einflüsse des Christentums in eine diabolische übergieng. Schon 

3 r 



LUDWIG KALMANY. 



Erman und Reguly ') wiesen auf den Örtik der sprach verwandten 
Ostjaken hin, der als ein dem Hauplgotte befreundetes, helfendes Wesen, 
als Demiurg also, dargestellt wird. Wir können uns im Folgenden gar 
leicht davon überzeugen, dass der örtik der Ostjaken nicht nur dem 
Laute nach, sondern auch betreu" seiner demiurgischen Rolle dem ma- 
gyarischen Ordög, dem türkisch-tatarischen Ärtik oder Ärlik und dem 
mongolischen Erlüng, Erlik-Kahn entspricht. 

Als der wogulische Demiurg Elm-pi die Welt aus dem Wasser 
emporsteigen Hess, begann dieselbe sich auf demselben rasch im Kreise 
herumzudrehen. Damit nun die Erde für die Menschen bewohnbar 
werde, so wurde sie von Elm-pi mit einem Gebirge, dem Ural befe- 
stigt. So erzählt die wogulische Sage, der wir die folgende magyarische 
(aus Sägüjfalu) entgegenhalten : „Wo sich die Schleuse von Endrefalva 
befindet, dort wollte der Teufel die Welt absperren. Es gelang ihm auch 
zum guten Teile, aber den Knauf anzubringen, hatte er keine Zeit 
mehr, denn es erscholl der Hahnenruf und die Schleuse versank. 
Zur Ergänzung erzählte der Palovze von Sägüjfalu, dass die Schleuse 
von Endrefalva quer durch die ganze Welt gezogen ist, das kam aber 
so: Gott sprach einmal zum Teufel: Er soll auch sein Reich haben, 
wenn er's von Morgen bis Abend abzusperren im Stande ist, dahin 
wird die Sonne nicht scheinen. Der Teufel aber konnte den fabschlies- 
senden) Knauf nicht aufsetzen, der Hahn krähte, die Schleuse versank, 
der ganzen Länge nach ist noch ihre Spur sichtbar." 

In dieser magyarischen Sage ist der Ausdruck tögdt (Schleuse, 
Schliesse, Verschluss) von besonderer Bedeutung, nachdem dies Wort 
in den magyarischen Chroniken in der Form Togata vorkommt und 
der Name eines Flusses ist, an dessen Ufern — den Chroniken ge- 
mäss — sich die Urheimat der Magyaren befunden haben soll. Nicht 
nur dem Laute nach, sondern auch seiner Bedeutung nach entspricht 
es dem vogulischen tagat, taget und dem ostjakischen tangat (stecken, 
stecken bleiben a ). Mit diesem Ausdrucke der Palovzen, nicht weniger 
mit der vogulisch-ostjakischen verwandten Bedeutung desselben, stimmt 
überein die Erklärung Simon Kizaih (circa 1 282) und die der Wiener 
Chronik, des sogenannten „Codex pictus" (circa 1 358), der gemäss die 
Togota oder Togata „in unbewohnten morastigen Gegenden und zwi- 

») 8. Castrin % Vorlesungen über die finnische Mythologie S. 216 und Ipolyi r 
Magyar Mythologia (magyar. Mythologie) S. 40. 

») Hunfalvy, Magyarorszag ethnographiaja (Ethnographie Ungarns) S. 2B5 

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KOSMOGONISCHBN SPÜREN IN DER MAGYARISCHEN VOLKSÜBERLIEKERUNG. 



sehen schneebedeckten Bergen fliesst" ; *) ein Fluss, der durch solche 
tiegenden fliesst, verdient in der Tat den Namen eines abschliessenden, 
stecken bleibenden oder eines tögata. Um diese magyarische Sage in 
ihrer ursprünglichen Gestalt kennen zu lernen, müssen wir all das 
von ihr abschälen, womit sie fremde Religion bekleidet hat. Die ge- 
meinschaftliche Grundlage der wogulischen und auch der magyarischen 
Sage ist die Welterschaffung. Elm-pi erreicht sein Ziel, der Teufel nicht. 
Dass der Teufel grade dann fallen musste, als er das Ziel beinahe 
schon erreicht hatte, dass er sein Reich desshalb mit Bergen umgab, 
damit die Sonne nicht hineinscheine, dass er heute als ein Feind Got- 
tes erscheint, das sind alles Züge, die im christlichen Diabolus sich 
vorfinden; aber das, dass sich der Teufel eine Welt erschafft, und zwar 
nicht in der Unterwelt, sondern hier auf der Erde, dass er gleich 
Elm-pi eine Gebirgsspitze besitzt, dass endlich die Schleuse (tögdt) 
versinkt, gleich dem Berge Elm-pi's, das sind Züge, die wir im Chris- 
tentum nicht, wohl aber in der wogulischen Sage autreden. 

Nach der Erschaffung der Erde verfertigt Elm-pi auf Numi 
Tarom's Rat aus Schnee einen Menschen, der jedoch in Stücke lällt. a ) 
Ebenso erfolglos ist dies Beginnen für den magyarischen Demiurgen, 
den Örd$g. Die Sage erzählt: „Als Gott den Menschen erschaffen 
halte, sagte der Teufel, dass er sich auch einen erschaffen wolle. 
Gott sprach: ,Also erschaffe ihn!' Der Teufel formte auch einen Men- 
schen, und Gott sagte: .Mach 1 ihn also gehen!' — ,Das kann ich nicht', 
versetzte der Teufel. Da sprach Gott: ,Verleihe ihm eine Seele.' — ,Das 
kann ich nicht ohne deine Hilfe, 4 versetzte der Teufel ; Gott aber 
meinte : ,Das thue ich nicht ; dem Teufel gebe ich keine Seele /' Und 
daher kann der Teufel nicht mit der Seele schalten." (Majdän.) Der 
Einfluss des Christentums ist gleich am Anfang dieser Sage bemerk- 
bar, wo Gott den Menschen erschaffen, während nach der Sage ver- 
wandter Völker der Demiurg sich damit abplagt. Dass der Teufel keine 
Seele habe, drücken die magyarischen Redensarten aus: „Szöghiy az 
ördög, mert nincs neki lelke. u (Arm ist der Teufel, denn er hat keine 
Seele. [Szeged.] Wenn er also keine Seele hat, so ist er Demiurg, 
denn der christliche Diabolus ist ja selbst eine „böse Seele" (rossz 
Ulek), dem die Bösen angehören, daher die Redensart: „Az ördögnek 
adta a lelkdt* (Er gab dem Teufel seine Seele), oder „Annak mär 

>> Derselbe, Ugor vagy török-tatar eredetü-c a magyar nemzet? (Ist das ma- 
gyarische Volk ugrischen oder ttlrkisch-tartariscben Ursprungs). S. 22. 
») Derselbe, Reguly hagyomänyai (Rcguly's Nachlass) I. 126. 



LUDWIG KALMANY 



az ördögi a Ulke" (Dessen Seele gehört schon dem Teufel) [Szegedj. 
Der wogulische Elm-pi verzweifelt nicht über die Erlolglosigkeit seiner 
Unternehmens, sondern bittet Numi Tarom um Hilfe, der ihm rät, er 
möge Erde mit Schnee mischen und daraus einen Menschen formen. 
Hiezu haben wir auch ein magyarisches Bruchstück: „Als der Teufel 
den Menschen geformt hatte, konnte er ihn nicht aufrichten ; nachdem 
Gott ihn angehaucht hatte, sprach er: .Steh' auf, Elias!* Und er stand 
auf.* (Täp6). Eine, wenn auch nicht auf die Erschaffung, so doch auf 
die Vermehrung der Menschen bezügliche magyarische Sage erzählt: 
,Gott segnete das erste Menschenpaar, damit es sich vermehrte, und 
Hess dieserwegen auf das Gesäss des impotenten Adam vom Him- 
mel glühende Kohlen herabfallen.' (Török-Kanissa). Das Feuer ent- 
spricht hier der Seele. (In Magyur-Kanizsa legt der Teufel die Koh- 
len auf.) 

Gehen vir weiter. Der wogulische Elm-pi formt den Menschen und 
macht ihn auch gehen, in der magyarischen Sage stösst Gott dreimal 
an die Sohlen Adams, worauf er sich rührte, dann aufrichtete und endlich 
gehen konnte. (Egyhazasker.) Auf gleiche Weise wird der vom Teu- 
fel erschaffene Elias durch Jesus erweckt. (Teraesköz-Lörinczfalva.) 
Auch die sibirisch-türkische Sage von der Teilnahme des Hundes an 
der Erschaffung des Menschen finden wir im Magyarischen wieder. 
„Als Gott den Adam erschaffen hatte, nahm er ihm ans der linken 
Seite eine Rippe heraus, und legte sie auf die Erde. Hierauf entfernte 
sich Gott, um Kot zu holen, womit er das Loch in Adams Seite zu- 
stopfen wollte. Inzwischen raubte die Hippe der Hund, und wollte da- 
von laufen, aber (iott schnitt ihm den Schwanz ab und formte daraus 
die Eva ! Und so ist es denn auch : Ob du ein Geheimnis an die 
Zunge der Weiber bindest, oder an den Schwanz des Hundes — es 
bleibt sich gleich!" (Majdän.) Hiebei wird freilich weniger auf die Er- 
schaffung, als eben auf die specielle Erschaffung des Weibes aus einem 
Hundeschwanz Bezug genommen, um dadurch die Frauen liicherlich 
zu machen. Es wird auch erzählt, dass die Frauen desshalb so llöhig 
sind, weil sie aus einem Hundeschwanz erschaffen worden sind. l ) 
Auch sagt das Sprichwort: „Das Weib ist unbeständig wie der Hunde- 
schwanz. u (Sägüjfalu.) 

In einer anderen Variante wird erzählt, Gott habe den Hund 
beim leblosen Körper als Wächter zurückgelassen, während er selbst 

') Ikirna Fnl. A votjäkok pogany Tallaaaröl (Ueber die heidnische Religion 
der Wotjaken) S. 27. 

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K0SMOG0NI8CHE SPÜR E N IN DE R MAGYARISCHEN VOLKSÜBERLIEFERUNO . 

um Kot gieng; da habe der Teufel (hier also Diabolus) eine solche 
Külte entstehen lassen, die der Hund nicht im Stande war, zu ertra- 
gen. Der Teufel habe nun dem Hunde einen Pelz angeboten, wenn er 
ihm den Körper auf einen Augenblick überlasse. Der Hund nahm den 
Pelz, der Teufel aber spie den Körper an, und legte dadurch den Grund 
zu allen menschlichen Krankheiten. 

Auch bei der Erschaffung der Tiere spielt der Teufel in den 
magyarischen Sagen eine Rolle. In zahlreichen Varianten wird erzählt: 
„Als Gott die Biene erschaffen hatte, sprach der Teufel : ,Auch ich 
will mir ein solches Tierchen erschaffen!' — ,Also erschaffe dir! 4 ver- 
setzte Gott. Der Teufel gieng von dannen und formte sich Bienen. Als 
er nun Gott rufen wollte, damit er sein Werk ansehe, sprach er zu 
den Bienen: ,Hier bleib' !' iungar. üt Ugy), Da verwandelten sich alle 
von ihm erschaffenen Bienen in Fliegen (ungarisch Ugy — die Fliege) 
und flogen von dannen." (Csanäd-Apacza). Als ErschalTer der Fliege 
wird auch unter gleichen Umstünden Set. Petrus erwähnt. Nach einer 
anderen Sage soll Lucifer statt Bienen blutsaugende Bremsen erschaf- 
fen haben. (Egyhäzas-Ker.) Nach christlicher Autfassung zerstört Gott 
die Werke des Diabolus und lässt ihn nicht zum Ziel gelangen. Eine 
Sage erzählt: „Als Gott die Welt erschaffen hatte, kam der Teufel zu 
ihm und sprach : er würde auch eine erschaffen. Fragte ihn der Herr : 
„Was schaffst du Teufel?" Sprach dieser : „Fliegen, so gross, wie ein 
Pferd; wen sie stechen, der wird sterben!" — „Nicht also," versetzte 
Gott, „ich selbst werde auch Fliegen erschaffen, aber nur so gross, 
dass sie die Schnitter nicht schlafen lassen. " (Szeged-Gajgonya). Die 
Benennung der einzelnen Tiere soll von Adam, oder wie andere Sa- 
gen erzählen, von Noe herrühren. Als Verbreiterin der Fliegen, gilt 
Margaretha ; daher heisst es im magyarischen Volksglauben : „ Vor dem 
Margarethentage ist keine Fliege im Hause zu finden ; an diesem Tage 
aber geht Margaretha herum und lässt aus ihrer Schürze in jede Küche 
eine Schaar Fliegen hienein schwärmen. Deshalb soll man an diesem 
Tage die Türen nicht offen halten. - (Torontäl-Monostor.) Eine andere 
Sage erzählt, dass eine alte Jungfrau stets über Langweile geklagt habe; 
da erschuf Gott ihr zuliebe die Fliegen und Flöhe, damit sie nun 
etwas zu tun habe. (Szeged-Madaräsztö). Auch die Laus soll der Teu- 
fel erschaffen haben : Gott hatte den Floh erschaffen, der Teufel bat, 
auch so etwas schaffen zu dürfen. r Nun schaff, wenn du kannst !* 
sprach Gott. Der Teufel machte sich daran, konnte aber nur eine Laus 
zustande bringen. Und so ist es auch besser, denn wenn die Laus 

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LUDWIG KALMAKY. 



auch so springen könnte, wie der Floh, wärs arg gefehlt. (Szeged- 
Kirälyhalom). 

Auch als Lehrer der Menschen spielt der Teufel eine Rolle in 
der magyarischen Volksüberlieferung. Er soll die Menschen das Rau- 
chen, Kartenspiel, Saufen gelehrt haben. Hier also tritt er wieder als 
Diabolus auf. In einer Sage aus Majdän lehrt er den Gebrauch der 
Schusswaffe und erscheint als Demiurg. Auch wird erzählt, der Teufel 
habe die Menschen das Mahlen gelehrt; er habe die erste Mühle ge- 
baut, doch konnte er keinen Beutler verfertigen ; diesen habe der Zi- 
geuner gemacht. (Majdan). — An Stelle des Teufels in demiurgischer 
Rolle hat das Christentum in einigen magyarischen Sagen den heil. 
Petrus gesetzt, der, wie wir gesehen, auch die Fliege erschaffen hat. Kr 
soll auch die Raizen (ung. rdcz) erschaffen haben. Als nämlich Hott 
— so erzählt die Sage — mit der Zeit alle Völker erschaffen hatte blieb 
noch ein ungeformter Lehmhaufen zurück, aus dem ein Slovak hiilte 
geformt werden sollen. I)a bat der heilige Petrus. Gott möge ihm er- 
lauben, dass er auch ein Volk erschaffe. Die Bitte wurde ihm gewährt 
und er begann nun den Lehm zu formen und anzubohren, wobei der 
Bohrer im Lehm den Ton: Rar. Raf, Rae! hören Hess. „Also soll dies 
Volk Raizen heissen!" rief geärgert der heil. Petrus, und seil dieser 
Zeit gibt es auch Raizen auf der Welt. (Egyh&zas-Ker.) — Nach ei- 
ner Variante aus Szöreg geschah dies später. Als nämlich Petrus mit 
Christus bei Pressburg an der Donau wandelte, fiel ihm auf. dass Gott 
allerlei Völker habe auf Erden, nur keine Raizen. Christus erlaubte 
ihm welche zu schaffen. Er bohrte sich einen aus einem Deutschen, 
der am Donauufer grade seine Notdurft verrichtete. Auch die zahlrei- 
chen Windungen der Theiss werden im Volksglauben dem heil. Petrus 
zugeschrieben. Er soll nämlich mit einem blinden Pferd die Furche für das 
Theissbelt gezogen haben. (Algyö) Nach einer Variante aus Magyar- 
Kanizsa soll es ein Esel gewesen sein, der nach Disteln suchend, den 
Pflug hin und her zerrte. Die Wirbel in der Theiss werden Christus 
zugeschrieben. Als er nämlich mit Petrus die Theiss aufwärts fuhr, 
hörte dieser die Schiffer wegen der Schwierigkeit der Fahrt gar oft 
fluchen. Da bat er Jesus, er möge bewirken, dass der Strom auf der 
einen Seite aufwärts, auf der anderen abwärts fliesse, damit dadurch 
die Fahrt erleichtert werde und die Schiffer nicht so viel fluchen soll- 
ten. Jesus gewährte seine Bitte, und die Folge davon war. dass nun 
die Schiffer bei erleichterter Fahrt erst recht Zeit hatten zum Flu- 
chen Da bat der heil. Petrus abermals Jesus, er möge den Strom 



KOSMOOONISCHE S PUREN IN D EB MA GYARISCHEN VOLKSÜBERLIEFERUNO. 

wieder so fliessen lassen, wie früher. Auch dieser Bitte willfahrte Je- 
sus, doch liess er im Strome Wirbel zurück, die auch heutigen Tages 
„das Wasser des heilig, Petrus" {Stent Piter vize) heissen. (Szeged). 
Nach einer Variante aus Magyar-Kanizsa erscheint Petrus als Fischer 
und Fischer treten an Stelle der Schiffer. — Aehnlich erzählt man 
sich die Erschaffung der Knoten im Holze. l ) Der heil. Petrus, mit 
Jesus auf Erden wandelnd, hörte die Zimmerleute fluchen. Da sprach 
er : „Siehe da, Herr, diese Leute haben eine gar leichte Arbeit und 
daher auch Zeit zum Fluchen! Wie könnte man dem abhelfen, damit 
sie mehr zu tun und weniger Zeit zum Fluchen haben?" Der heil. 
Petrus hatte den Mund grade voll -Kautabak und Jesus sprach zu 
ihm: „Speie auf diesen Balken! Gleich werden die Zimmerleute zu 
tun haben!" Petrus spie auf das Holz und aus seinem Speichel sind 
die Knoten entstanden Seither fluchen die Zimmerleute dem heiligen 
Petrus. 

Es gibt magyarische Volksüberlieferungen, in denen Set. Peter 
bei der Schöpfung nur gegenwärtig ist, ohne daran Teil zu nehmen; 
höchstens fragt er nach dem Namen des Erschaffenen, wie z. B. in 
der Sage von der Erschaffung des Weizens: 

„Als Ciott die Welt, die Pflanzen und auch den Weizen erschaf- 
fen hatte, kam Set. Petrus heran und fragte: „Was ist das für ein 
Gras, das den andern Gräsern gleicht?" Gott antwortete: „Es soll 
Weizen heissen." Hiebei segnete er den Weizen; dieser abar sprach: 
„Man wird mich aber aussäen." — „Vermehre dich!" erwiderte Gott. — 
„Ich werde Kälte und Hitze ertragen müssen!" — „Vermehre dich!" 

— „Ich werde in die Höhe schiessen!" — „Vermehre dich!" — „Die 
Sonne wird mich versengen!" — „Vermehre dich!" — „Meine Körner 
werden verdorren'" — „Vermehre dich!" — „Man wird meine Füsse 
abschneiden!" — „Vermehre dich!" — „Man wird mich binden und 
auf den Wagen werfen!" — „Vermehre dich! 4 — „Man wird mich 
durch Pferde zertreten lassen und in Säcke füllen!" — „Vermehre 
dich!" — „Man wird mich in der Mühle mahlen ! - — „Vermehre dich!" 

— „Man wird mich sieben!" — „Vermehre dich!* — „Man wird 
mich kneten!" — „Vermehre dich!" — „Man wird mich backen!" — 
„Vermehre dich!" — „Man wird mich zweimal backen!" — „Nimm 
ab!" (Szöreg). — Zuweilen will Petrus, der Demiurgrolle entkleidet 
nicht erschaffen, sondern zerstören, wie in der folgende Sage vom 

') S. mein Werk: Szeyed nt t * (Szegedin's Volk) II. 141. 

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LUDWIG KÄLMANY. 



Tabak: Als Petrus mit dem lieben Gott auf Erden wandelte, da gab 
es untern den andern Kräutern auch schon Tabak. Als sie unter Ta- 
bakpflanzen umhergiengen, ward der Mantel Petrus' mit dem Samen 
ganz belegt; da sprach er zu Gott: „Mein Herr und Schöpfer! Ver- 
tilge doch den Samen dieses Krautes! mein Gewand ist ganz damit 
belegt!" Gott aber versetzte: „Lassen wir es nur, Petrus! das ixt ein 
kostbares Kraut, davon wird ein grosser Teil der Welt leben! 14 So ist 
dann der Tabak geblieben. (Temesköz-Lörinczfalva). 

Den heiligen Petrus als Demiurgen stellt uns auch die magyari- 
sche Redensart dar, die bei grosser Hitze angewendet wird: „Nicht 
vergeblich war ein strenger Winte»; der heil. Petrus hat viel Holz 
fallen lassen, nun kann er auch tüchtig einheizen. (Torontäl-Csoka). ') 
(Netn hidba volt nagy tü; Szent PÜer sok fdt vdgatott, ugyancsak ra- 
katott it a tüzre). Hieraus ist ersichtlich, dass er dem Volksglauben 
gemäss Sorge für die Welt trägt, dieselbe regiert und dass die Wit- 
terung von ihm abhängt. Als Demiurg spielt dieser Heilige auch bei 
der Erschaffung der Plejaden (des Sternbildes : Gluckhenne) in der ma- 
gyarischen Sage eine Rolle. Es heisst nämlich : Als Christus und Set. 
Petrus auf Erden wandelten, erblickte der Heilige eine Henne und 
fragte Jesus: „Was ist das? tt — „Eine Henne," antwortete der Herr. 
„Sollen wir sie nicht mit in den Himmel nehmen?" — „Nimm sie! u 
versetzte Jesus. Und Petrus nahm die Henne mit sich in den Him- 
mel und lieRs sie brüten. Nun sieht man sie oft am Himmel mit ihren 
Küchlein scharren (Szöreg). 

Mit der Himmelfahrt Christi ist in einer magyarischen (palöcz) 
Sage die Entstehung der Berge verbunden. Es wird nämlich erzählt: 
Als Christus sich in den Himmel erhob, folgte ihm die Erde nach; 
als er aber „Amen!" sprach, blieb sie zurück und so entstanden die 
Berge, so entstand auch der Karancs-Gipfel, auf dem die Engel dann 
eine Kirche erbauten. (Sägüjfalu) Kosmogonische Spuren und zwar 
mohamedanische, finden wir auch im magyarischen Rätsel. Als Gott 
den Adam aus Lehm geformt hatte, lehnte er ihn an einen Zaun, 
damit er an der Sonne trockne; wer hat aber den Zaun gemacht? 
- Der Islam lehrt, dass Gott den Menschen aus schwarzer Erde ge- 
formt und diese Form vierzig Jahre lang an der Sonne habe trock- 
nen lassen. 



') Vgl. hiezu das siebenbürgisch-säcusische Kinderlieb, das die Kinder, den 
Schneemann umtanzend, zu singen pflegen. 

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K08MOO0NISCHE SPUREN IN DER MAGYARISCHEN VOLKSÜBERLIEFERUNO. 



Es scheint, als ob durch das zweimalige Formen des ersten Men- 
schen der Demiurg im Volksglauben unsere Zukunft gleichsam voraus- 
bestimmt habe, und uns schon damals an das Leid, an den Kampf ums 
Dasein habe gewöhnen wollen. 



Die Armenier in Ungarn. ') 

Von Dr. Ladislaus Bithj. 

Unter denjenigen fremden Volkerschaften, die in Ungarn eine 
neue Heimat fanden, sind in erster Reihe die Armenier zu erwähnen, 
die — obwohl sie die alte Benennung ihres Volkes beibehalten haben — 
mit der magyarischen Nation so sehr verschmolzen sind, dass sie de- 
ren integrierenden Teil bilden, und von jeher an Freud und Leid der- 
selben Teil nahmen. Die Armenier sind den Magyaren schon in ihrer 
an der Wolga gelegenen Urheimat bekannt gewesen, da man in den 
erwähnten (legenden armenische Denkmäler «onstatiert hat, und es 
ist höchst wahrscheinlich, dass sie die Magyaren auf ihrem Zuge nach 
Mitteleuropa als Handwerker und Händler begleitet haben mögen. K6zai 
erwähnt in seiner Chronik, dass unter den fremden Familien auch ar- 
menische zu finden sind und in der Arpaden-Zeit soll ein Teil der 
Bevölkerung von Gran armenisch gewesen sein (Armenii Strigonii. Czi- 
nar 20). In späterer Zeit kommt in den Chroniken der Name „Arme- 
nier" (ungarisch: Örm6ny) auch als Familienname häufig vor. So hat 
z. B. im Jahre 1415 zu Ofen ein Bürger, namens Jakob sein Haus 
einem gewissen Martin, einem „Armenier" (Armenus) für 600 fl 
(nach heutigen Uelde circa 10,800 fl.) verkauft. Im Jahre 1432 finden 
wir unter den Vorstehern der Stadt Pest einen gewissen Aegidius Ör- 
meny als Geschworenen, und am Hof Mathias Hunyady's diente ein 
Stefan Ermeny als Burgkapitän. l ) Armenier als Adelige werden in 
den Listen der Adeligen gar oft angeführt, so in den Archiven des 
Karlsburger Domkapitels und des Kolosmonostorer Convent's; und 
auch heutzutage gibt es ungarische Magnaten armenischer Abstam- 
mung, z. B die Grafen Kardesony i de Beodra. 

») Ethnogmphia I. 4. Ha. S 197—202. Ein Kapitel ans des Verfassers dem- 
nächst zu erscheinendem, grösseren Werke: Mayijar Tdrmdnlom (die ungarische 
Gesellschaft). 

J ) F. Solomon, Budapest törtenete (^-- Geschichte der Stadt Budapest). 

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DK. LADISLAUS KETHY 



Was die spätere armenische Einwanderung im Mittelalter anbe- 
langt, so lässt sich dieselbe nur annähernd datieren. Einem aus dem Jahre 
1453 stammenden Briefe des (iraner Erzbischofs Nicolaus zufolge be- 
stand zu Talmescb, in der Nähe des Rotenturm-Passes (Siebenbürgen) 
ein armenisches Bistum, als dessen Bischof ein gewisser Martin erwähnt 
wird : Venerabiiis in Christo Pater frater Martinus praedicta gratia 
Kpiscopus Armenorum de Tulmachy noster sufTraganeus. ') Die Tal- 
mescher Armenier wanderten aus der Walachei in Siebenbürgen ein 
und zwar aus Arges, wo — nach dem Berichte des rumänischen Ge- 
schichtsforschers Hasdeu sich eine armenische Niederlassung belunden 
haben soll. Die Armenier in den siebenbürgischen Städten: Szamosuj- 
var, Elisabethstadt u. s. w. sind zur Zeit des siebenbürgischen Fürsten 
Michael Apaffy im Jahre 1684 eingewandert. 

Auf dem Gebiete des Handels sowohl, als auch der Politik, Lit- 
teratur und Wissenschaft haben einzelne ungarischen Armenier von 
jeher eine hervorragende Stelle eingenommen. *) Die armenische Spra- 
che wird nur von der älteren Generation als Conversationssprache ge- 
hraucht, in den Schulen aber nur beim Religionsunterricht. 



Baba Dokia. ') 

(Eine volksmythologiscbe Gestalt der Rumänen.) 
Von Dr. Athanasius E. Marienescu. 
— Vorgelesen in der Vortrags-Sitzung am 15 Februar 18i»t>. — 

I. 

Festtage. 

Der 1. März gr. K. ist Tür die Frauen der rumänischen Land- 
leute ein Festtag, den sie zu Ehren der Baba Dokia einhalten. An 

») Jos. Cur. Kdtr, Exercitationes Diplomaticae. Fol. Lat. 2242 im Archiv dos 
ungarischen National -Museums. 

») Die hervorragendsten Vertreter sind namentlich angeführt : ,. Ethnograph ia- 
I. Hft. 4. S. 199 ff. Im Anhang zu Dr. Ladislaus Rethy's obigem Aufsatz teilt Chri- 
stoph Szongott ein Ncujahrslied der siebenbürgischen Armenier im Originaltext und in 
ungarischer Uebersetzung nebst Melodie mit Dies Lied verfasste 1836 der Szamos- 
ujTarer Professor Zacharias Gäbrus, der unter dem Titel.- „Zänazän adanavor kirkh" 
seine gesammelten Gedichte im Manuscript bintcrliess. 

») Ethnographia, I. 3. Hft. S 137—144. 



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BABA DOKIA. 



diesem Tage wird keine Arbeit vorgenommen, damit Baha Dokia die 
Saaten nicht abfrieren mache. Die 12 folgenden Tage sind aucli der 
Baba Ookia geweiht und werden „Babele* oder „Zilele babelor* d. h. 
„Alte Frauen" oder „Tage der alten Frauen* genannt. Die Witterung 
dieser Tage ist sehr wechselvoll ; bald schneit es, bald regnet es, bald 
scheint die Sonne; und manchmal zieht sich dies wechselvolle Wetter 
bis in den April hinein, und diese auf die 12 ersten Märztage folgende 
Zeit heisst: „imprumutnri" oder „zilele imprumutate 11 d. h. „das Aus- 
leihen" oder „die ausgeliehenen Tage." 



Der Kaba VoMa-Mytko». 

Baba Dokia hatte einen Sohn, namens Nikodim, der sich ver- 
ehelichte : aber Baba Dokia lebte mit ihrer Schwiegertochter auf so 
schlechtem Fusse, dass ihr Sohn seine Frau vor seiner Mutter kaum 
genug schützen konnte. Einmal gab Baba Dokia ihrer Schwiegertoch- 
ter schwarze Wolle und schickte sie an den Bach, damit sie dort die- 
selbe so lange wasche, bis sie weiss werde. Die Schwiegertochter gieng 
an den Bach und wusch die schwarze Wolle so lange, bis die Haut 
sich von ihren Fingern ablöste und ihr Blut das Wasser des Baches 
ganz rot färbte ; aber die Wolle blieb noch immer schwarz, und da 
begann die Schwigertochter bitterlich zu weinen. Christus sah dies, 
verwandelte sich in einen Menschen und kam mit Set. Peter an den 
Bach und fragte die Schwiegertochter: „Warum weinst du?" Hierauf 
erzählte ihm die Schwiegertochter die Umtriebe ihrer Schwiegermutter. 
Christus tröstete sie und eiferte sie an, die schwarze Wolle zu wa- 
schen; hierauf band er aus Schneelilien einen Strauss, den er ihr 
gab, indem er sie aufforderte, bei ihrer Heimkehr von diesen Blumen 
auch ihrer Schwiegermutter zu geben, — und hierauf entfernte sich 
Christus mit St. Feter 

Die Schwiegertochter steckte die Blumen in ihr Haar und wusch 
die schwarze Wolle bis Sonnenuntergang ; dann gieng sie nach Hause, 
wo sie zu ihrer grössten Freude bemerkte, dass die Wolle ganz weiss 
geworden sei. Als aber Baba Dokia die weisse Wolle sah, zürnte sie 
gar sehr, weil sie nun ihre Schwiegertochter nicht sekieren konnte ; 
— als sie nun gar die Blumen im Haare ihrer Schwiegertochter er- 
blickte, da verdächtigte sie dieselbe, indem sie ihr vorwarf, dass sie 
die Blumen von ihrem Buhlen erhalten habe. Die Schwiegertochter 

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DR. ATHANASIUS E. MAR1ENESCU. 



erklärte ihr nun, dass ihr die Blumen „Martzisoy gegeben habe und 
überreichte auch einige derselben, worauf diese den Martzitor zu höh- 
nen begann. 

Baba Dokia glaubte, als sie die Blumen sah, dass es schon Früh- 
ling sei und dachte daran, mit ihren Schafen und Ziegen hinauf ins 
Gebirge auf die Weide zu ziehen, wesshalb sie ihrem Sohne aultrug, 
die Tonnen und Milchgefusse herzustellen. Sie sprach : „Gehen wir 
auf den Berg, denn die Weide grünt schon. — nimm deine Flöte mit ; 
du wirst auf der Flöte spielen, ich aber werde tanzen." Der Sohn er- 
. klärte ihr vergeblich, dass ja der Februar kaum vergangen, dass noch 
der „Martzisor" zurück sei und sie solle sich nicht so beeilen; aber 
Baba Dokia höhnte abermals den „Martzisor 4 und zog 12 Ledermän- 
tel an, und machte sich mit ihrem Sohne und ihrer Herde aut den 
Weg. Bei ibrem Aufbruch strahlte die Sonne, als sie aber oben auf 
dem Berge waren, regnete und schneite es und kalt blies der Wind. 
Baba Dokia's oberster Ledermantel wurde nass und überzog sich mit 
Eis, und da er ihr nun lästig war, so warf sie ihn weg und schritt 
weiter den Berg hinan, um für ihre Schafe und Ziegen einen Weide- 
platz zu suchen ; — aber das Wetter blieb veränderlich, so dass Baba 
Dokia jeden Tag einen Ledermantel wegwarf, und nach 12 Tagen 
keinen mehr hatte. Die Kälte Hess indessen nicht nach und dauerte 
auch in den „geliehenen 14 Tagen fort. Baba Dokia's Sohn erstarrte auf 
dem Berge und von seinem Munde und Barte hieng ein Eiszapfen he- 
rab, den seine Mutter für die Flöte hielt und also zu ihm sprach: 
„Ich kann die Kälte kaum ertragen und du bläsest noch immer die 
Flöte!" Der Sohn schwieg, — es blies nur der Wind. Da erschien 
Martzi.sor und fragte höhnisch die alte Frau: .Nun, wie gefällt dir 
der Frühling, und warum tanzest du denn nicht beim Flötenspiel deines 
Sohnes? Nichtwahr, deine Schwiegertochter fror nicht, als du sie den 
ganzen Tag über die schwarze Wolle weiss waschen liesest?" Hierauf 
verschwand Martzi.sor. Baba Dokia und ihr Sohn, so wie auch ihre 
ganze Herde erfroren und wurden dann zu Stein. In Steine verwan- 
delt kann man sie auch noch heute auf dem Semenik-Berge sehen. 
Den Füssen Baba Dokia's entsprang eine Quelle, die auch heute noch 
fliesst. Martzi.sor brachte die Baba Dokia um, weil sie ihn gehöhnt 
hatte, doch dies hätte sie nicht getan, wenn die „geliehenen Tage" 
nicht gewesen wären *) 

*) Varianten dieses Mythos erhielt ich von den Lehrern: E1U Jana in Ka- 
kasdia, Costa Ungurian in Szaszkabanya. Joh. Orza in Uoman Ciklova, Jak. Ocean 

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HAHA D0K1A. 



III. 

Erläuterungen und Vergleiche mit der romischen Mythologie. 

Den Namen Dokia brachte man mit dem Namen Daria in Ver- 
bindung, aber unrichtig; denn Dokia ist die verkürzte Form des Na- 
mens Eudokia, die als Heilige in der gr. or. Kirche am 1. März ge- 
feiert wird. Die Frauen der rumänischen Landleute feiern die Baba 
Dokia auch am 1. März, damit sie den Saaten nicht schade. Also 
repräsentiert Baba Dokia die Kälte und hat Einfluss auf das Frühlings- 
wetter, wesshalb sie in die Reihe der Dämonen oder Göttinnen der 
Kälte und des Ackerbaues zu reihen ist. Ihr alter mythologischer Name 
ist durch einen christlichen Namen einer Heiligen ersetzt worden. Die 
auf alte heidnische Götter bezüglichen Mythen und heidnische Festge- 
bräuche werden auch heute gewöhnlich zu der Zeit begangen, in wel- 
cher sie auch im heidnischen Altertum gefeiert werden; aber durch 
den Einfluss der christlichen Religion wird die dem alten Feiertage 
entsprechende Zeit gar oft mit dem in dieselbe Zeit fallenden Tage 
und Namen eines christlichen Heiligen in Verbindung gebracht; res- 
pective wird der christliche Heilige zu einer heidnischen, mythologi- 
schen Gestalt, wie in gegenwärtigem Falle, wo aus der heil Eudokia 
die Göttin Dokia entstanden ist. Beim rumänischen Volke ist dies kein 
einzeln dastehender Fall. 

Untersuchen wir nun die heidnischen Elemente im Dokia-Mythus 
und vergleichen wir dieselben mit der römischen Mythologie: vor al- 
lem betrachten wir den Martziior. Baba Dokias Schwiegertochter sagte, 
dass sie die Blumen vom Martsisor erhalten habe, worauf Dokia ihn 
verhönt; Martzisor erscheint der Baba Dokia und verhöhnt sie auch. 
Hieraus ergibt sich, dass beide Wesen einander feindlich gesinnt sind. 
Den Monat März nennt das rumänische Volk Marth, oder auch Uar- 
tetsor, in welch letzterem Worte Jor u eine Deminutiv-Endung ist ; da- 
her Martzisor „ kleinen März," „ Märzchen" bedeutet. Demzufolge reprä- 
sentiert MartziSor den jungen März, den Gott Mars und den Monat März. 

Mars war der älteste italische und römische Nationalgott, der 
Gott des Frühlings und der schaffenden Kraft der Natur, weshalb auch 
sein Fest am 1. März gefeiert wurde. Wen aber repräsentiert Baba 
Dokia's Schwiegertochter. Der Mythos kennt ihren Namen zwar nicht, 

in Petrilora, ferner vom Pfarrer Georg Pokrean in Resicza, dem Gefangenhausauf- 
geher G. Prugac in Oraviczabanya und dem Theologen N. Apostolescu. Vgl. Schott, 
Walachische Märchen S. 113. 

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DR. ATHANASIUS E. MARIEXESCU. 



aber die Blumen von Christus erhält und von ihrer Schwiegermutter 
eines Liebesverhältnisses verdächtigt wird, steht nicht mit Christus, 
sondern mit Martzisor in einem Verhältnis. Die römischen Mamuralien- 
Feste werden im Monate März begangen, wobei von den Jungfrauen 
eben auch Anna Perenna, die mit dem jungen Mars ein Liebesver- 
hältnis hatte, gefeiert wurde (S. Preller, Köm. Mythologie S. 316). 
Ovid (Fast. Lib. III. 523) erzählt nun, dass das Fest der Anna Pe- 
renna an den Iden des Märzes in dem an der Tiber gelegenen Haine 
der Göttin begangen wurde; in Lavini um wurde dies Fest am Xumi- 
cius-Flusse abgehalten und auch im Monat März, wenn eben die Quel- 
len zu fliessen beginnen. *) Preller (S. 306) leitet den Namen Anna 
aus dem griechischen ene (alt) und nea (neu) ab, was den neuen und 
alten Mond bedeuten soll, gibt aber zu, dass er auch von Anna^am- 
nis perennis d. i. „ewig fliessend" herrühren könne. Ich schliesse 
mich letzterer Erklärung an, doch leite ich den Namen Anna vom 
keltischen an oder ean = Wasser, Fluss ab. Anio und Anien (en ist 
die keltische Deminutiv-Endung) war der Name eines Baches, der in 
die Tiber mündete. Also bedeutet Anna Wasser, Fluss; in Perenna 
ist enna ebenfalls Anna, das per entstammt dem bar, was „Berg tf 
bedeutet, demgemäss der Name vordoppelt worden ist. **) Anna Per- 
enna ist also die Repräsentantin des Wassers, der Quelle und als 
solche die Geliebte des die schaffende Kraft der Natur darstellenden 
,Mars.' Im Baba Dokia-Mythus gibt Christus die Blumen der Schwie- 
gertochter, die aber Baba Dokia erzählt, dass sie dieselben vom Mar- 
tzisor erhalten habe; somit vertritt hier Christus den Martzisor. Bei 
Schott (Walachische Märchen S. 117) erscheint vor der Baba Dokia 
statt dem Martzisor der „Frühling" (Prima vara); woraus eben er- 
sichtlich ist, dass Martzisor, Christus und der Frühling ein und die- 
selbe Rolle spielen. 

In diesem Mythos spielt Baba Dokia die Hauptrolle. Als sie die 
Blumen erblickte, dachte sie, es sei schon Lenz und rüstet sich zur 
Abfahrt, weshalb sie 12 Ledermäntel sich umhängt. Sie musste von 
dannen, denn sie repräsentierte das alte Jahr und den Winter. In der 

*j Ein ähnliches Fest wurde auch in Athen abgehalten (S. PrelUr, griech. 
Myth. I. S. 616). 

**> Aus dem keltischen an, ean leite ich auch noch die folgenden Flussna- 
men ab: Aenus oder Oenus (heute; Inn); Anisus (heute: Ens). Von den heute ge- 
bräuchlichen Flussnamen gehören hieher: Ain, ein Bach, der in die Rhone mündet ; 
Abna oder Ane, der sich in die Fulda ergiesst. 

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BABA DOKIA. 



römischen Mythologie finden wir auch eine der Baba Dokia ähnliche 
Gestalt. Am Tage vor dem 15. März wurden in Horn die Mamuralien, 
oder das Fest des Mamurius Veturius begangen. An diesem Tage wurde 
ein in Felle gehüllter Mann, der den Mamurius Veturius darstellte, 
mit weissen Stöcken aus der Stadt hinaus getrieben. Dieser Mamurius 
Veturius ist eben der „alle Mars,* das alte Jahr. In wie viel Felle 
diese Gestalt gehüllt war, erwähnen die lateinischen Schriftsteller nicht. 
Den Mamurius Veturius hielt man aber für den Schmied, der zu dem 
vom Himmel gefallenen Schild (ancüia) noch 11 gleiche verfertigt ha- 
ben soll; also für denjenigen, den die 12 Salier, die bei der im März 
abgehaltenen Feierlichkeit mit 12 ancilia herumtanzenden Marsprister 
in ihren Gesängen erwähnten; dass aber die 12 Salier und 12 ancilia 
sich auf die vom König Numa eingesetzt en 12 Monate des Jahres be- 
zogen, ist bewiesen. Hieraus können wir folgern ; dass die in 12 Le- 
dermäntel gehüllte, alte Dokia dem alten Mamurius entspricht; dass die 
12 Ledermäntel den 12 ancilia und den 12 Monaten des alten Jahres 
entsprechen. 

Der Schauplatz des Mythos ist der Berg Senicnik, im Krassö- 
SzÖrenyer Comitat; nach Schott aber ein gegen Almas sich hin- 
ziehender Berg, während die Lehrer Orza und Ocean ihn als in 
der Gegend von Karänsebes befindlich sagen. Nach der Mitteilung Ge- 
org Asaki's (Culegeri de poesii, Jäsi 1854 S. 212) knüpft sich der 
Mythos auch an den Berg Pion in der Moldau ; Dionisius Miron (Co- 
lumna lui Trajan 1880. Nr. 4) erwähnt, dass das Steinbild der Dokia 
sich auf dem Öehlen, einem dem Pion benachbarten Berge befinde. 
Baba Dokia's Sohn repräsentiert ungefähr den Wind, was sich aus Do- 
kia's Worten ergibt: „Ich kann die Kälte kaum ertragen und du bläsest 
noch immer die Flöte!" Sie hielt das Sausen des Windes für Flöten- 
töne. Der Sohn gieng mit der Mutter auf den Berg; der Winter nahm 
also seinen Sohn, den Wind mit sich. Durch das viele Waschen schält 
sich die Haut von den Händen der Schwiegertochter, und das Blut 
färbt das Wasser; das Eis, die Haut des Baches löst sieh, Anna Pe- 
renna's Blut, d. i. das Wasser des Baches fliesst. Die schwarze Wolle 
ist das Sinnbild des Winters, der Dunkelheit; durchs Waschen wird 
sie weiss, sie wird zum Sinnbild des Lichtes. 



DR. SAMUEL CZAMHEL. 



Zur Kritik der Editionen slovakisoher Volksdichtungen. ») 

Von Dr. Samuel Czambel. 
(Vorgelesen in der Vortrags-Sitzung 11. am Januar 1890.) 
Es ist eine bekannte Sache, dass die Stovaken einen grossen 
Reichium an Liedern, Märchen und volkstümlichen Erzählungen besit- 
zen, die für den Folkloristen um so interessanter sind, weil sie sowol 
der Form, als auch dem Inhalte nach wesentlich von der Volksdich- 
tung der übrigen Slaven abweichen. Wol dem Einflüsse ungarischer 
Volksdichtung ist es zuzuschreiben, dass die slovakische Volkspoesie 
den anderen slavischen gegenüber eine Sonderstellung einnimmt, wo- 
von man sich selbst bei flüchtiger Vergleichung gar leicht überzeugen 
kann. Johann Kolldr, slovakischer Pfarrer zu Budapest, später Pro- 
fessor an der Universität zu Wien, war der erste, der aut den grossen 
Schatz slovakischer Volksdichtung hinwies, indem er in zwei dicken 
Bünden unter dem Titel „Ndrodnie Zpieicanky* (Ofen, 1835) die erste 
slovakische Volksliedersammlung herausgab, die allgemeine Verwunde- 
rung in den gelehrten Kreisen hervorrief. 1866 gab die B Kisfaludy- 
Gesellschaft" eine Auswal aus dieser Sammlung heraus, die das beste 
und nur echt volkstümliche enthält; denn Kolldr nahm in diese seine 
„Sammlung" auch solche Sachen auf, die mit der slovakichen Volks- 
dichtung gar nichts zu schaffen haben, sondern eigene oder fremde, auf- 
fällig tendentiös gehaltene Verseleien sind. Vom ethnographischen, so- 
wol, als auch vom philologischen Standpunkt sind h'ollär'a Sammlun- 
gen höchst unzuverlässig. Sein ganzes Leben hindurch schwärmte er 
von der cecho-slovakischen Spracheinheit und um auch durch diese 
seine „Sammlung" die durch ihn vertretene Ansicht : dass nämlich das 
Slovakische nur ein Dialekt der böhmischen Sprache sei, zu erhärten, 
n vercechisierte"er Sprache und Geist der von ihm mitgeteilten Lieder. 
Er erreichte auch sein Ziel, denn auf Grund seiner vielfach angestaun- 
ten Sammlung erklärten die namhaftesten Slavislen die slovakische 
Sprache für einen blossen Dialekt der böhmischen, welche Ansicht bis 
auf den heutigen Tag ihre Vertreter in Fachkreisen findet. Viele der 
von Kollär mitgeteilten Lieder sind bloss schwache üebersetzungen 
magyarischer Volkspoesien, so z. B. ist auch das historische Lied der 
Magyaren: ^Szildgyi und Hajtndsi* in einein schwachen Abklatsch 
unter dem Titel „Mkhal Siladi a Wtklaw Jfaäma»i* x ) (I 45— 52) in 

') Ethwyraphia I. 3. Hft. 8. 131-137. 

») N. Herrmann'a Beitrüge zur Vergleichung der Volkspoeaic (im I. M. der 
„Ethnol. Mitteilungen aus Ungarn- S. 04.) 

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ZUK KRITIK DEK EDITIONEN SLOVAKISCHEU VOLKSDICHTUNGEN. 



Koll&r's Sammlung aufgenommen. Interessant ist das: „Die Verherrli- 
chung der Slovaken 14 (Chwäla Slowdku) betitelte Lied, das auch als 
Volkslied gelten soll. Ich will hier nur einen Teil desselben in genauer 
Uebersetzung mitteilen : 

n Unsere slovakische Nation ist uralt. 
Denn schon zu Homer* 8 Zeiten lebten Slovaken. 
Homer aber lebte zu Moses* Zeit, 
Also viele hundert Jahre vor Jesu Ankunft. 

An Alter übertrifft also das slovakische Volk 
Alle lebenden Nationen; 
Vor den Slovaken blühten wol viele Nationen, 
Aber keine hielt sich so lange aufrecht. 

Die Slovaken leben in Europa in grossen Massen, 
Dreiviertel davon nehmen sie ein; 
Nur im vierten Viertel wohnen andere, 
Zum Beispiel: Deutsche, Franzosen, Italiener! 

Was sind die Mähren, Cechen, Ruthenen, 
Polen, Kroaten? Sie sind alle Slovaken. 
(Wtecko jsou jsou Slovdct!) a usw. 

Wer das slovakische Volk kennt, der wird jeden bedauern, der 
Kolldr's Sammlung als Quelle benützt. Ein Licht auf Kollär's Denk- 
weise wirft übrigens auch einer seiner Briefe an ^aj/'arik, der neulich 
in der böhmischen Zeitschrift „Maticza" abgedruckt worden ist und in 
welchem es unter anderm heisst: „Mein Buch ist kein Evangelium, 
und das will ich auch nicht, dass alles wahr sei, was es enthält." 

Die in neuerer Zeit herausgegebenen slovakischen Volkslieder- 
sammlungen sind vom ethnographischen Standpunkt schon brauchbar, 
aber der Philologe kann auch von diesen nur mit der grössten Vor- 
sicht nutzbringend Gebrauch machen. Die vom Verein „Slavia* 187!» 
in Prag herausgegebene Sammlung „Pisnt slovenski* leidet auch an 
dem Fehler, dass sie die Aussprache des Volkes mangelhaft wieder- 
gibt. Es wäre sehr zu bedauern, wenn jemand der diesbezüglichen 
Erklärung der Herausgeber Glauben schenken würde , dass alle 
in dieser Sammlung edierten Lieder der Aussprache nach aufgezeichnet 
worden sind, so wie dieselben in dieser oder jener Gegend gesprochen 



19 



2* 



DK. SAMUEL CZAMItEL. 



werden; und dieserwegen wurden überall die Eigentümlichkeiten der 
Dialekte genau hervorgehoben. „(VSechny pisnl ve sbirce podani psäny 
jsou foneticky, tak jako vijslovujl se v iom neb onom kraß ; proto pi tsnh 
setieno vsude zvldstnosti dialektick)ch.") 

Sehen wir einige Beispiele. In den Volksliedern aus dem Zölyomer 
Comitat kommen daselbst nie gebrauchte Worte vor, wie svdzani, do- 
vim (im 81. Lied) statt: zviazanie, dovietn. In einem Liede (Nr. 271.) 
aus derselben Gegend lesen wir die daselbst ungebräuchlichen Wörter: 
milehOf iniho statt: miUho, iniho (= druh'ho!), oder: susedov, z voh- 
ladov, po polnoci, hlavka statt : susedou, z vohladou, po pounoci, hlduka 
usw. 

Ich gehe nun auf die Sammlungen slovakischer Volksmärchen 
über. Die erste derartige Sammlung erschien im Jahre 1845 zu Leut- 
schau unter dem Titel „Slovenskje Pove&ti, usporjadau a vidau Janko 
Ramavski.* Der Herausgeber sieht in ihnen „die sonderbare Erschei- 
nung des ureigentümlichen slavischen Geistes" und nennt sie »die 
Vorboten der Zukunft der Slovaken." 

1858-1861 veröffentlichten in Schemnitz A H. Skulttty und 
P. Dobsinsky in 6 Bünden eine Sammlung slovakischer Volksmärchen. 
Beide Sammlungen sind wertvoll, indem sich die Herausgeber eben 
bemüht haben, alles so wiederzugeben, wie es im Munde des Volkes 
lebt. Das Gegenteil davon gilt von der neuesten Sammlung slovakischer 
Volksmärchen, die DoHinsky 1880 — 1883 in Turöcz-Szent-Märton ver- 
ölTenl licht hat. Der Herausgeber hat seine Autgabe ganz und gar ver- 
kannt. Er hat nicht nur den Inhalt der Märchen „verschönert," son- 
dern auch die Sprache derselben „verfeinert", ihr eine „originellere," 
slavische Nuance verliehen. So setzt er z. B. das reflexive Wörtchen 
„sa u nach russischem (nicht aber slovakischem) Gebrauch neben das 
Verbum. Eine Phrase wie: „Boli raz traja Synovia u jednoho otca u 
klingt ganz russisch ; der Slovake sagt : „mal razjcdon otec troch synov u ; 
und slavische Wörter wie: ostrostrelei, m'vy, znam«, kabonüa (celo), 
rüno (=vlna), okriat, hrud (=prsrf), krdVoviv, krdlic, küiabovic, fcnaiiö, 
zdhybeV, dvoränin usw. sind dem slovakischen Volke unbekannt, 
ebenso die Monat-Namen: Sebeb, Brezet\ usw. (II. 40—49). 

Was nun den Inhalt dieser Märchensammlung anbelangt, so hat 
der Herausgeber z. B beim Märchen „Uubka a Kovavldd* (II. sosit), 
die Myslification bis zum Aeussersten getrieben, indem er eine ganze 
slovakische Mythologie geschaffen. Ein deutsches Märchen erzählt er 
slovakisch, aber so, dass er die im Volke lebenden, aus dem Deut- 

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FREMD ZI HAUSE. 



sehen herübergenommenen Wörter, wie: permonik = Bergmann durcli : 
L'udifc, hastnnan = Wassermann durch : Vodnik usw. ersetz». Auch 
eine ausführliche Studie über die slovakische Märchendichtung hat 
Paul Dobsimk)- unter dem Titel: „Üvahy o slorenskych pooest'ach* 
(Tur. Sv. Martin 1871) verbrochen; auch hier gönnt er seiner 
Phantasie einen weiten Spielraum. — Nach dem Vorhergehenden ist 
es einleuchtend, dass von den Editionen slovakischer Volksdichtungen 
sowol der Ethnograph, als auch der Philologe leider nur mit der 
grössten Vorsicht nutzbringend Gebrauch machen kann. ') 



Fremd zu Hause. 2 ) 

— Leber die aus Ungarn ausgewanderten Bulgaren. — 

(Vorgelesen in der Vortrag-Sitzung am 22. Milrz 1890.) 

Von Adolf Strausz. 

Verhältnismässig kennen nur wenige die ungarischen Bulgaren, 
die ein ethnographisch wichtiges Inselchen in der Umgebung von Te- 
mesvär bilden. Noch wenigem sind die bulgarischen Ungarn bekannt, 
die man in der Gegend von Sistova antreffen kann. Nicht in grossen 
Massen, wie z. B. die Serben, sondern nur in kleinen Truppen oder 
gar nur einzeln wanderten die Bulgaren bei uns ein. So ist ihr Haupt- 
sitz — Vinga — 1722, 1723 und 1724 bevölkert worden. Zwar wan- 
derten um diese Zeit gar viele Bulgaren aus dem Tuna-Vilajet, dem 
nördlichen und westlichen Teile des heutigen Bulgariens, aus, aber die 
Hauptmasse derselben zog in die Walachei. Ich habe nicht die Ab- 
sicht, hier eine Geschichte der bulgarischen Einwanderung nach Un- 
garn zu geben und will nur die Hauptorte anführen, wo Bulgaren 
wohnen: Vinga, Bessenyö, Lukacsfalva, Mödos, Lovin, Bodrog, Dvo- 
rin, Ittvarnok, Zmrzsova, Teregova, Baraczhaza, Ivanova, Rsdna und 
in den sieben kraäovaner Dörfern. Ihre Gesammtzahl beträgt ungefähr 
20—25 Tausend. Die sieben krasovaner Dörfer habe ich desshalb be- 
sonders erwähn», weil ihre Bewohner sich von ethnologischem Stand- 
punkt betrachtet, wesentlich von den übrigen Bulgaren unterscheiden 

') Vgl. Ladisfuus C.sojtet/s Aufsatz: „Sammlung ruthenischer Volkslieder' (im 
I. Bd. der „Ethnol. Mitteilungen aus Ungarn" S. 49), wo derselben Klage Ausdruck 
verliehen wird. 

») tohnoprajthi«, 1 4. Heft. 8. 187—193. 

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ADOLF STKAUSZ. 



Während jene ihre Nationalität mehr oder weniger rein bewahrt ha- 
ben, konnten diese dem Einflüsse der benachbarten fremden Völker- 
schaften nicht widerstehen. Sie wurden zwar nicht, gleich ihren in 
Siebenbürgen in Alvincz und Deva wohnenden Landsleuten zum gröss- 
ten Teil rumänisiert, aber man kann sie keinesfalls mehr für rechte 
Bulgaren halten. Ich will an dieser Stelle vielmehr der bulgarischen 
Ungarn, d. i. der aus Ungarn in das befreite Fürstentum zurückge- 
wanderten Bulgaren gedenken, die also heimkehrten, um in der Hei- 
mat — fremd zu sein. 

Als Alexander von Battenberg auf Grund des Berliner Vertrages 
den bulgarischen Fürstenthron bestieg, überschätzte das bulgarische 
Volk im ersten Freiheitsrausche seine Kraft viel zu sehr und wollte 
sich mit einem Schlage auf das Niveau westeuropäischer Cultur 
erheben. Gar bald aber sahen sie ein, dass sie in ihrem eigenen 
Kreise keine „Fachleute" besässen und wandten sich daher um solche 
an ausländische Regierungen. Im Handumdrehen war das kleine Land 
mint „Fachmännern" jeder Art und Sorte überschwemmt, von denen 
jeder irgend einen himmelanstrebenden, betäubenden Plan und sinn- 
verrückende Memoranden mit sich brachte. Wie der Sturmwind, der 
den Mist vor sich herlreibt, stoben aus aller Herren Ländern die 
Schwindler, Vagabunden und Abenteuerer in das befreite Bulgarien. 
Gar bald sahen nun die Bulgaren ein, dass sie wahrlich aus dem 
Hegen in die Traufe geraten seien. Da erscholl auf einmal die Parole : 
„Die ungarischen Bulgaren!" Diese sind reicher und gebildeter als 
wir; wozu brauchen wir die Fremden. 

Ein gewisser DecofT, der aus Ungarn gebürtig ist, überreichte der 
Regierung in dieser Angelegenheit ein sinnbestrickendes Memorandum, 
auf Grund dessen die Zurückwanderung der ungarischen Bulgaren 
in Scene gesetzt wurde. DeSofT wurde mit Orden, Aemtern und Wür- 
den überhäuft, aber Bulgaren kamen nur in spärlicher Anzahl, obwol 
die Regierung auf Grund des von DecofT überreichten Memorandums 
der irrigen Meinung war, dass in Ungarn wenigstens 100,000 Bulga- 
ren wohnen. Infolge der spärlichen Zurückwanderung sank auch gar 
bald DecofTs Stern. Als ich bei Gelegenheit der Vorarbeiten zur Bu 
dapester Landesausstellung nach Bulgarien entsendet wurde, um die 
dortige Regierung für die Errichtung eines bulgarischen Pavillons zu 
gewinnen, und auch DecofT besuchte, war er schon ein „abgemachter" 
Mann. — Doch sehen wir das Loos der aus Ungarn zurückgewander- 
ten Bulgaren an. Das, was ihnen DecofT und seine Agenten verspro- 

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FREMD ZU HAUSE. 



chen hatten, fanden sie nicht im geringsten vor. Obwol die Regie- 
rung ihr gegebenes Versprechen in jeder Beziehung einlöste, so fühl- 
ten sie sich in ihrer Heimat fremd und verlassen. Denn das bulgari- 
sche Volk, dessen Sprache von türkischen und russischen Elementen 
zersetzt ist, verstand nur mit schwerer Mühe die Sprache seiner zurück- 
gewanderten Brüder, die sich obendrein noch zur römisch-katholischen 
Religion bekannten. Zänkereien, Schlägereien und Gehässigkeiten aller 
Art waren an der Tagesordnung, so dass die zurückgewanderten Bul- 
garen beim österreichisch-ungarischen Consul, Kvialkovsky Beschwerde 
führten, der selbst ein sehr bigotter Katholik, sich ihrer Sache annahm 
und bei Sr. Majestät eine Unterstützung von 2000 fl. erwirkte. Für 
dieses Hilfsgeld kaufte der Consul eine Unmasse von Bibeln und Ge- 
betbüchern ein, die er unter die zurückgewanderten Bulgaren verteilte. 
So dachte er in seinem Religionseifer dem Uebelstande abgeholfen zu 
haben. — 

Ich hatte selbst Gelegenheit den grossen Unterschied wahrzuneh- 
men, der zwischen der Sprache der ungarischen und der Süd -Bulga- 
ren herrscht. Als ich nämlich bei der Regierung in Sofia wegen der 
Budapester Ausstellung Verhandlungen pflog, übernahm der mir von 
der ungarischen Regierung zugeteilte Dolmetsch Michael Karagyena 
das Amt, den bulgarischen Minister des Aeussern in feierlicher Rede 
zu begrüssen und unser Ansuchen ihm vorzulegen. Karagyena hielt 
nun die Rede, von der — wie uns später der Minister in französischer 
Sprache gestand, er sozusagen kein Wort verstanden hatte. Die Sprache 
nämlich, in der Karagyena seine Rede gehalten hatte, war die reine 
bulgarische, die alte Volkssprache, die die Bulgaren vor 160 Jahren 
gebrauchten. Seither ist die Sprache der Südbulgaren - wie schon 
bemerkt — von türkischen und russischen Elementen ganz zersetzt. 
Auch der schriftliche Verkehr ist sehr erschwert, weil die ungarischen 
Bulgaren die cyriftlischen Buchslaben nicht kennen und nur die latei- 
nischen gebrauchen. Unter solchen Umständen ist es also kein Wun- 
der, dass mir die aus Ungarn zurückgewanderten Bulgaren klag- 
ten : Wir sind im Glauben an unsere bulgarische Abkunft nach Bul- 
garien heimgekehrt, und sind nun Fremde — in der Heimat ! 



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NOTIZEN. 



Notizen. 

In diesem ersten Hefte des Anzeigers geben wir auf l'/ s Bogen die Aus- 
züge einiger Aufsätze aus den ersten Heften des I. Jahrganges der „Etbnographia" 
und auderer Verhandlungen der Gesellschaft fOr die Völkerkunde Ungarns. Wir 
werden uns bestreben, die Mitteilungen Uber die wichtigsten bisherigen Verhandlan- 
gen der Gesellschaft in den nächsten Heften dos Anzeigers zum Abschluss zu brin- 
gen, um dann Uber die currenten Angelegenheiten eingehend und unverzögert be- 
richten zu können Über wichtige Vorträge des 1 Vereinsjahres die sich auf Ent- 
stehung und Geschichte der Gesellschaft bezlihen, werden wir im 2. u. 3. Hefte 
referieren. Herrn Dr. Heinrich v. Wüslocki, derzeit Professor in Zombor, sagen wir . 
hiemit Dank für seine Mitwirkung bei der Herstellung des Anzeigers. — Die Red. 

Die auswärtigen Mitglieder der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns 
werden ersucht, ihre Jahresbeitiäge an den Cassier der Gesellschaft, Dr. S. Bo- 
rovszky, (Budapest, Palast der Ung. Akademie der Wissenschaften ) gelangen zu 
lassen. Für die Mitgliedstaxe von 3 tl. erhalten sie das Amtsorgau der Gesellschaft 
(„Ethnographia," 10 Hefte a 3 Bogen) und als Gratis Beigabe diesen Anzeiger. Der 
Anzeiger wird auch der Monatsschrift „Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn* 
beigegeben, welche au die Mitglieder d. Gcsellsch. f. d. Völkerk. Ungarns um den 
halben Preis, jährlich 2 11. abgegeben wird. (Andere Zeitschriften für Volkskunde 
von gleichen Umfange kosten das fünffache). Für jährlich 5 fl. werden also alle drei 
Zeitschriften, wenigstens 60 Bogen, geliefert. An Porto ins Ausland ist ein Auf- 
schlag von Mark 1 zu berechnen. 

Beiträge für das Amteorgan der Ges. f. d. Völk U , welche auf - Ungarn 
Bezügliches enthalten, werden ergebenst erbeten und können in welcher Sprache im- 
mer an die Redaction (Budapest, I. Attila-utcza 47.) geschickt werden. 

Der Inhalt des Anzeigers dar! bei genauer Angabc der Quelle beliebig 

reproduciert werden. — Dio Red. 

Inhalt der „Ethnographia." II. Jahrgang. 1. Heft. Januar 1891. (3>/ t Bo- 
gen). Mitteilung der Redaction. — Dr. At. Maricnescu, Die Opfer in der rumäni- 
schen Volksmythologie. — Dr. L. Katona, Parallelen zu magyarischen Märchen, I. 

— Anton Herrmann, Turistik u. Ethnographie. — A. Kovics, Alte Bieneoregeln. 

— A Herrmann, Uber die Dislocation des ethnographischen Museums. — Die Frage 
der Gesellschaft f. d. Völkerk. Ungarns und des ethnogr. Museums im ung. Reichs- 
tage (Otto lierman's Rede). — Amtliches: Telegramm des Erzherzogs Josef. Verfü- 
gungen des Ministeriums lür Kultus u. Unterricht. Schreiben des serbischen Metro 
politen G. Brankovics. Sitzungsprotokoll — Volkspoetische Überlieferungen : Dr. B. 
Munkacsi (B. Vikar) Gebet der Wogulen. Karl Papai, Abschied vom Jungfernkranz. 
Adolf Strauss, Bulgarisches Volkslied. — L. Kälmäny, Magyar. Besprechungsformeln. 

— Litteratur: Jones Kropf, The folk talcs ot the Magyars, bespr. von L. Katona. 
G Istvänffy, Märchen der Palovcen, bespr. v. L. K. Sbornik, bulgarisches Sammel- 
werk, bespr. v. A Strauss Kirchhoff. — Leutetnann, Bilder aus dem Leben der 
Menschenrassen. — Inländische Zeitschriften - Ausländische Zeitschritten. — Ver- 
schiedene Mitteilungen. — Auf dem Umschlag: Vercinsnachrichten. 

Inhalt des Anzeigers I. Jahrgang 1. Heft. 

Mitteilung der Redaction 1 

Charles G. Leland, Begrüßungsschreiben an die Gesellschaft 2. 

Ludwig Kalniany, Kosmogonische Spuren in der magyarischen Volksüberlieferung 3. 

Dr. Lad. Relhy, Die Armenier in Ungarn 11. 

Dr. A. Marienescn, Baba Dokia, eine volksmythologische Gestalt der Rumänen. 12 

Dr. S. Czambel, Zur Kritik der Editionen slovakischer Volksdichtungen. . . IS. 

Adolf Strangs, Fremd zu Hause. (Aus Ungarn ausgewanderte Bulgaren . . 21. 

Notizen 24. 

Aus der Aetieiibuchdru.kcrei »Köim(iYe1«><J«i>" in Koloitvitr 



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II. Jahrgang. Budapest, 1891. II.-V. Heft. 





ANZEIGER DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 

■ 

BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON PROF- DR. ANTON HERRMANN. 

REDIGIERT VON 
ANTON HERRMANN LUDWIG KATONA 



SecreUr d Geaellechaft f. d. Volkerkunde 
Ungarne. 



Schriftführer d. OeeelUck. f. d. Völkerkunde 
Ungarns. 



Albanesen in Slavonien. l ) 
Von Pro/. Fr. §. Kuhaa. 

usser Serben und Kroaten finden wir in Slavo- 
nien auch deutsche und magyarische Ansied- 
lungen, und auch eine albanische Colonie. Die 
Mitglieder der letzteren nennen sich Kiemen- 
tiner, sind seit 1737 — 38 in Slavonien und 
wohnen in den Ortschaften Hrtkovci und Ni- 
ki nee unweit der Stadt Mitrovica in Syrmien. 

Diese Klementiner erhielten ihren Stamm 
bis etwa zum Jahre 1848 rein und unver- 
mischt ; sie heirateten nur unter einander, und 
ein klementinisches Mädchen, das die Hand ei- 
nem Fremden gereicht hätte, würde die eigene 
Familie aufs ärgste beleidigt haben. Heutzutage 
k rfind die Klementiner nicht mehr so skrupu- 
lös und machen keine Einwendung, weno ein 
klementinischer Jüngling ein kroatisches oder 
magyarisches Mädchen heiratet, weil sie wissen, dass sich diese recht 
bald albanisieren. Gegen die Wahl eines deutschen oder serbischen 
Mädchens lehnt sich jedoch die Familie auf, weil sie aus Erfahrung 
wissen, dass bei einer solchen Verbindung der Klementiner bald ver- 
loren geht So haben sich z. B. jene Klementiner, die nach Pantova 
übersiedelten und dort Serbinnen heirateten, in kurzer Zeit serbisiert. 
Ein klementinisches Mädchen jedoch darf auch heule noch keinen Frem- 
den heiraten. Die Mädchen heiraten gewöhnlich mit 14 — 15 Jahren, 
die Jünglinge mit 17—18 Jahren, so lange dies nämlich noch er- 
laubt war. 




») Wir beginnen die Veröffentlichung dieses Aufsatzes mit der zweiten, 
mehr folkloristischen Hälfte und lassen darauf den ersten, mehr historischen Tei 
folgen. 



Herrinann, Kthiologmche Mitteilungen. 



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FR. 8. KÜHAC 



Die alle Nationaltracht der syrmischen Kiemen! iner glich jener 
der heutigen Albanesen, Neugriechen, Bergsehotten, oder der alten 
Römer. Die Männer haben die alte Tracht schon langst aufgegeben, 
selbst bei festlichen Gelegenheiten kleiden sie sich nicht anders als das 
kroatische Volk, aber vor etwa fünfzig Jahren trugen sie bei Festlich- 
keiten noch ihre alte Nationaltracht. Das weibliche Geschlecht behielt 
indess von der alten Tracbt noch einiges bei. 

Der Oberrock (dolama) des klementinischen Kriegers war aus 
rotem Tuche gemacht und sehr eng, die Weste weiss mit blauem Un- 
terfutter. Rock und Weste wurden offen getragen, und waren mit 
glänzenden Metallknöpfen völlig besäet. Der Kragen und die Aufschläge 
der Dolama waren vielfach und künstlich ausgenäht. Das Hemd (che- 
misa), das mehr einem Weiber-Unterrocke als einem Manneshemde 
ähnlich sah, war in Falten gebügelt, und reichte bis an die Kniee. 
Um die Lenden hatte er zwei Gürtel: einen breiten Untergürtel (pus- 
tat) aus roter Wolle und einen schmalen Obergürtel (bre*) aus Leder. 

Die Strümpfe waren aüs Wolle und gestreift. Als Kopibedeckung 
hatte er eine rote Kappe, wie solche die Likaner tragen. Seine Be- 
waffnung bestand aus einer Handkeule (buzdovan), die er in der rech- 
ten Hand trug, und mit der er fürchterliche Hiebe austeilte, einem 
langen reich verziertem Gewehre (Sarkija), das auf der Schulter hieng, 
einem Säbel an der Seile und einem Handschar (hand/ar) und meh- 
rere Pistolen im Gürtel. — Die einstige Kleidung der Weiber war färbi- 
ger und bunter als die Federn des Pfaues oder des Spechtes, wie 
Stjepan Marjanoviö sagt, der die Tracht der Klementiner in No. 9. 
der Zeitschrift P Danica Ilirska" vom Jahre 1839 ausführlich beschrieb. 
Das Oberkleid (lij me-tuff) war aus schönem roten Tuche mit Fran- 
sen, Pelzwerk und Stickereien geziert. Die Aermel reichten nur bis 
zu den Ellbogen, hatten einen dreifachen puffartigen Aufputz und kleine 
Schellen oder grosse Glasperlen. Das Hemd mit langen Aermeln reichte 
bis zu den Fussknöcheln, war aber so enge, dass die Klementinerin 
nur ganz kleine Schritte machen konnte, weshalb die Kroaten den 
Klementiner Mädchen den Schmeichelnamen „prepelice" (Wachteln) 
beilegten. Beim Absteigen von einem Wagen musste die Klementine- 
rin des engen Hemdes wegen mit geschlossenen Füssen herabspringen. 

Wie unser Initiale zeigt, *) tragen die Klementinerinnen jetzt kein 
langes Hemd mehr, sondern einen Rock (fut-gunj), der von ausneh- 
mend schöner weisser Leinwand gemacht, künstlich ausgenäht und 
mit Schlingereien versehen ist. Dass die Schlingereiem mehr zur Gel- 
tung kommen, wird unter dieselben ein rotseidenes Band gegeben. 



») Vrgl. das Werk Bretons «Illyrique et Dalmatie> auf Befehl Napoleons I., 
als er Dalmatien und einen Theil Kroatiens occupierte, vcrfasste, im Jahre 1816 in 
deutscher Uebersetznng in Pesth erschienen. 

*) Das Portrait der Klementinerin Dolja (Dominika) Nikic, eines hübschen 
Mädchens aus Hrtkovci, gezeichnet von V. Bello^ica, nach einer Photographie, wel- 
che der Schreiber dieses durch die Vermittlung des GeraeiodeTorstaudea Herrn An- 
ton Kolic erhielt. 

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ALBANESEM IN SLAVONIEN. 



Das Leibchen ist mit Perlen, Münzen und sonstigem Klirrwerk derart 
geschmückt, dass sich das Herannahen mehrerer Klementinerinnen so 
anhört, als käme ein Schlitten mit Schabracken-Böllern angefahren. 
Statt der Schürze tragen die Klementinerinnen zwei kleine, meist schwarze 
Seidentücher, das vordere nennen sie „ pokci na a , das rückwärtige „ker- 
kadena". Um die Taille haben sie einen zwei- oder anch dreifachen 
Gürtel, der mit goldenen, silbernen oder gläsernen Füttern geziert ist. 
Die Mädchen tragen am obersten (ledernen) Gürtel einen an einem 
Metlalkettchen hängenden Schlüssel, die Frauen ein Klappmesserchen. 
Die wollenen Strümpfe (carab gjatana) sind bei Mädchen bunt gefleckt, 
bei Frauen gestreift, die ausgeschnittenen Schuhe entweder aus Wolle 
gestrickt (skurtana) oder aus Leder (kpuc). Als Kopfbedeckung tragen 
sie ein kleines rotes Käppchen (kunora'n kapic), von dem ein weisser 
Schleier auf den Bücken fällt. Die Kopfbedeckung der Bräute ist eine 
hohe Haube, geschmückt mit künstlichen Blumen, Bändchen, Fransen, 
Quastchen u. d gl., unter der die in zwei Zöpfe geflochtenen Haare 
berabwallen. Diese Brauthaube, oder richtiger gesagt Braut hut (chessule) 
wird nicht albanischen sondern kroatischen Ursprungs sein, da solche 
Kopfbedeckungen auch die Kroatinnen um Agram, Oedenburg und auch 
die Lausitzer Serbinnen tragen. 

Die Hochzeitsgebräuche der syrmischen Klementiner sind fol- 
gende. Sobald das Mädchen das dreizehnte Jahr zurückgelegt hat, wird 
um dessen Hand geworben. Sagt es zu, so wird bald darauf die Ver- 
lobung, nach einem Jahr aber die Hochzeit (dasmor) gefeiert. Während 
des Brautjahres wird die Ausstattung des Mädchens besorgt, und das- 
selbe in der Hauswirtschaft unterwiesen. Beim Trauungszug zur Kirche 
wird grosser Pomp entwickelt, die Hochzeit selbst aber zwei Tage 
hindurch gefeiert. Nach der Trauung wird im Elternhause der Braut 
gespeist und gezecht. Abends wird die Braut in das Haus des Bräuti- 
gams gebracht. Sobald sie den Wagen des Beistandes (kuparem, kumtr) 
bestiegen hat, darf sie sich zum Zeichen der Treue nicht mehr umse- 
hen, und würde man ihr was immer zurufen. Um zu erproben, wie 
fest die Braut in Erfüllung dieses Gebrauches ist, wird hinter ihr ge- 
schossen, um Hilfe gerufen, oder es reitet ein junger Bursche in grösster 
Eile dem Wagen zu mit der Kunde, in dem rlause ihrer Eltern sei 
Feuer ausgebrochen oder sonst ein Unglück geschehen. Wenn die 
Braut, die stehend im Wagen fahren muss, im Hause des Bräutigams 
angelangt ist, wird ihr ein männliches Kind in die Arme geworfen, 
das sie einigemale herzlich küsst, und dann zurückgibt. Hierauf tritt 
ein Mann des Hauses zu und bittet den Beistand, die Braut vom Wa- 
gen herabheben zu dürfen. Der kumtr antwortet, dass er dies sehr 
gerne gestatten wolle, allein da nichts auf dieser Welt umsonst ist, 
insbesondere aber jede Ehre teuer bezahlt werden müsse, so verlange 
auch er für die Gewährung dieser Ehre einen Dukaten. Nun wird 
dem Beistand begreiflich gemacht, dass sein Preis viel zu hoch sei, 
bekommt ja doch ein Klementiner Soldat für die Ehre den Heldentod 
sterben zu können vom Kaiser täglich nur fünf Kreuzer. Nach vielem 

27 3* 



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FB. 8. KUHAÖ 



Handeln und Hin- und Herreden stellt sich der Beistand beleidig!, 
befiehlt dem Kutscher im barschen Tone umzukehren und aus dem 
Hause zu fahren, die Umgebenden versichernd, dass er für solch einen 
herzlichen Schatz, wie es die Braut ist, anderwärts sogar mehr als ei- 
nen Dukaten bekommen werde. Der Kutscher schickt sich nun an, den 
Befehl auszuführen, aber in dem Momente stürzt ein Manu aus der 
Küche hervor und droht, mit einem brennenden Stück Holze, das 
er in der Hand hält, den Wagen anzuzünden, wenn sich dieser vom 
Fleck rühren würde. Ueberrascht erhebt sich der kumtr und spricht 
zur Menge: „Nicht deshalb, weil ich mich vor dem Feuer fürchte, 
denn ein Klementiner kennt keine Furcht, begnüge ich mich mit dem 
mir zuletzt angebotenem Lösegelde, nämlich mit einem Kronenthaler 
von der grossen Kaiserin Maria Theresia, die unserem Stamme grosse 
Wohlthaten erwies und deren Name unter uns stets gefeiert sei : 
sondern weil ich ein guter Mann bin, wie es unser Held und Altva- 
ter Klement war, dessen Andenken geheiliget sei. u Nachdem auf diese 
Weise der Handel geschlossen und der Kronthaler überreicht wurde, 
springt die Braut vom Wagen. Einer der Hochzeitsgäste fangt sie im 
Fluge auf, und geleitet sie zum Eingange des Wuhnhauses. Dort er- 
wartet die Braut eine ältere Frau, die ihr eine Flasche Wein, einen 
Laib Brot und eine Düte Salz überreicht. Die Braut nimmt die Gaben 
in Empfang, trägt sie mit feierlicher Miene in das Wohnzimmer und 
legt sie auf den Tisch. Gleich darauf wird die Braut von derselben 
alten Frau in die Küche geführt, wo sie ihr die Feuerschaufel dar- 
reicht. Die Braut ergreift dieselbe, stiert damit im Herdfeuer und spricht : 
„So viel Funken sprühen, so viel Glück und Segen sei dem Hause 
beschieden." 

Nach dieser Cereraonie setzt man sich zu dem bereits aufgetra- 
genen Nachtmahle und thut demselben „die gebührende Ehre" an. 
Am Schlüsse wird der kroatische Reigen „Kolo* getanzt, der gewöhn- 
lich bis nach Mitternacht dauert. Bei dieser Gelegenheit muss sich der 
Brautführer bemühen, die Braut dem Beistande zu stehlen und sie 
ins Brautgemach zu bringen. Da der kumtr mit Falkenaugen auf die 
Braut Acht gibt und jeden Versuch, sie zu entführen, nach Möglich- 
keit vereitelt, sucht einer der Hochzeitsgäste die Aufmerksamkeit des 
Beistandes von der Braut dadurch abzulenken, dass er etwas Wichti- 
ges erzählt, auf den kumtr eine Lobrede hält oder irgend ein Kunst- 
stück produciert. Gelingt ihm seine Aufgabe nicht, so werden auf ei- 
nen Wink sämmtliche Lichter im Zimmer ausgeblasen oder sonst ein 
Schabernak ausgeführt. 

Am folgenden Morgen wird die Braut durch einen Gewehrschuss, 
der vor ihrer Kammer abgefeuert wird, aus dem Schlafe geweckt. 
Erschrocken öffnet dieselbe die Türe und fragt, was geschehen sei, 
ob Türken herannahen, oder ob Diebe oder Wölfe verfolgt werden. 
„ Nichts von dem, liebes Bräutchen," antworten die vor der Türe 
versammelten Weiber, sondern die Gäste (welche natürlicherweise die 
ganze Nacht hindurch zechten) wünschen dich zu sehen, und da sind 

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ALHANESEN IN SLAVONiEN. 



wir gekommen dir beim Ankleiden behilflich zu sein. „Das ist schön 
und lieb von Euch, meine Gefährtinnen" — erwidert die Braut und 
heisst die Weiber eintreten. Bald darauf steht die Braut wieder 
im festlichen Anzüge da, begibt sich zu den Gästen, küsst dieselben der 
Reihe nach, und fordert sie zum Waschen des Gesichtes auf. 

liegen Mittag bewegt sich der ganze Zug, begleitet von einem 
DudeLsackbläser in das Haus des Oberswat (Hochzeit svater, Bräutigams- 
Begleiter), woselbst die Braut Schmucksachen und Kuchen erwarten 
und wo auch zu Mittag gespeist wird. Nach dem Mahle beschenkt die 
Braut sämmt liehe Gäste mit feingearbeiteten Hand- oder Taschentü- 
chern, Bändern, künstlichen Blumen u. d gl., wofür sie von jedem 
Anwesenden einiges Geld bekömmt. Gegen Abend wird Kolo getanzt, 
der abermals bis Mitternacht dauert. Derjenige, der den Reigen mit 
der Braut eröffnen will, muss für diese Ehre beim kumtr einen Du- 
katen erlegen. Auch die späteren Tänzer, welche mit der Braut tan- 
zen, müssen etwas bezahlen. 

Nachdem man sich voll getrunken und todmüde getanzt hat, 
wird die Braut nach Hause begleitet und hiemit die Hochzeits^eier ge- 
schlossen. 

Am dritten Tage wird die Braut von dem Weibe des Hausober- 
hauptes in die Wirtschaft eingeführt und mit ihrem Wirkungskreise be- 
kannt gemacht In den klemenlinischen so wie in vielen kroatischen 
Bauernhäusern leben nämlich mehrere Familien in Gemeinschaft, wo- 
bei jedes Mitglied eine bestimmte Aufgabe hat. So hat sich einer blos 
um die Pferde zu kümmern, der andere blos um das Hornvieh, Schafe 
oder Schweine, der eine hat die Aufsicht über den Getreideboden, der 
andere über den Weinkeller u. s. w. Und so ist die Arbeit auch unter 
die weiblichen Mitglieder der Hauscommune verteilt. 

Von sonstigen Gebräuchun oder abergläubischen Vorschriften, 
welche bei den Klementinern strenge befolgt werden, seien folgende 
erwähnt: 1) Am Freitag darf nicht gesponnen wenden. 2) Xach Son- 
nenuntergang darf keine Milch aus dem Hause gegeben, kein Essig aus 
dem Fasse gehoben werden. 3) Am Tage, an welcliem Getreide ge- 
säet wird, trage man kein Brot aus dem Hause. 4) Nur am Dienstag 
und Freitag angesetzter Essig wird sauer. 5) Die am Freitag angebau- 
ten Gurken werden bitter. 6) In der Palmwoche und an jenen Tagen, 
welche im Kalender das Zeichen der Jungfrau haben, darf gar nichts 
gesäet oder angebaut werden, weil die betreffenden Pflanzen blos Blü- 
ten, aber keine Früchte bringen. 7) In der Oster woche angebaute Erd- 
äplel werden wässerig. 8) An jenem Tage der Woche, auf welchen 
das Fest Johannes Enthauptung fällt, darf nicht geackert werden. 
Fällt also das Johannesfest z. B. auf einen Mittwoch, so ist jeder 
Mittwoch des ganzen Jahres Ackerfeiertag. Desgleichen darf auch an 
den ersten sieben Donnerstagen nach dem Gründonnerstage nicht ge- 
ackert werden, u. s. w 

Dichterisch und musikalisch sind die Klementiner bei weitem 
nicht so begabt wie die Kroaten oder Ma-yaren. Die Klementiner hal- 



29 



FR. S. KUBA (' 




ten gleich den Spaniern mehr auf Tanz als auf Gesang. Es wird zwar 
behauptet, dass die Kiemen tiner in ihren Liedern den Held Skender- 
beg feiern, allein ich konnte keinen einzigen Klementiner finden, der 
ein solches Lied gekannt hätte. Die nachstehenden fünf Lieder hatte 
ich nur mit schwerer Mühe aus ihnen herausgebracht: die Melodien 
mögen albanischen Ursprunges sein, die Texte jedoch sind einfache 
Uebersetzungen oder Nachahmungen kroatischer Volkslieder. Dieselben 
sangen mir Martin und Marko Jvanic*; die Texte verdolmetschten mir 
kroatisch die Herrn Anton Kolic" und Marko Pepcic\ Den kroatischen 
Text hinweglassend, gebe ich hier eine deutsche Uebersetzung der- 
selben. 



t 



15 i lus gjon e ßjat, 
No te fuso gjon e gjat 
Is i pemo kubilite, 
Nar at pem kubilit 
H i strat struamit, 
Nat strat struamit 
Derdjej joj varuamit, 
Bedeo e ki bergjat, 
Bedroj i za zot vet : 
Cou ti, o zot, zoti era! 
Veno komen en skajj, 
PSeti vart pr salj, 
Anit skojim en zezifit ton. 
Dno ljgosim na fos kojim, 
En deksim na vajlojin: 
Ornat tona per gji$ mon, 
Motrat tona per djast vjet, 
VaSat tona per djast dit: 
Tri dit per mal stim, 
E kiuren diten mu martua. 

Jekt kontk po va faljim, 
Ksaj sorfs 6po digojin. 



War ein Feld lang und breit. 
Auf dem Felde lang und breit 
War ein Zwetschken-Obstbaum; 
Unter diesem Zwetschkenbaum 
War ein Bett gebettet, 
Auf dem Bett gebettet 
Lag ein Verwundeter; 
Ein Pferd hatte er neben sich, 
Das Pferd sprach zu seinem Herrn: 
Steh' auf, o Herr, mein Herr! 
Gib den Fuss in den Steigbügel, 
Lehne die Wunde an den Sattel, 
Und gehen wir in unser Land. 
Wenn wir erkranken, wird man uns heilen, 
Wenn wir sterben, wird man uns ] 
Unsere Mutter für immer, 
Unsere Schwester sechs Jahre lang, 
Unsere Weiber durch sechs Tage : 
Drei Tage für die Trauer, 
Drei Tage vor der Heirat. 

Dieses Lied widme ich 
Der Gesellschaft, die da zuhört. 



Auf dieselbe Melodie wird gesungen: 



Dijeli e saroj malj, 

Kopilji öeti fjalen, 

Se ton Bosna jo robit; 



Die Sonne beschien den F3erg, 
Ein Held brachte die Kunde, 
Ganz Bosnien sei geplündert: 



30 



ALBAN E8EN IN SLAVONIEN. 



Kur kn§ nuk na pet, 
Por dfi vaSa cit ne bar. 
Jora e Ijejü djal o zohn, 
Tjetra e Ijejü vaiz ne zohn. 
Djaljit ja citne Radic, 
Vaiz ja t-itne Janozensen. 
Kur erz redi mu martua, 
Citi Galjen Radiei, 
Me mar Janozensen, 
Byot dasmor e kuparen. 
Kur jon nis Sali pruv, 
Gjit bedevat jo Ijodruan, 
E i Janozenses moji forti. 
E irah ke£ Radicit, 
E dzuar djiden, 
Ma djuajt bedev, 
Bedevi i perciti, 
E e gjoji Janozensen. 
Jana kje vasa e Ivet, 
Kur kuj nuk i ftoji, 
Dzuar pamuk e zuh gjakun 
Dzuar mtas e Ijivi varen. 

Dualj nona para dasmorme, 
E vo nona Janozenses: 
More, Jano, vajza eme, 
Pocem je vojt ke6? 
A tka ora uva e ljark? 
A tka ora Sujta e pak? 
Kur jon skua gjiv dasmort, 
Janozenseja o dek. 
E nebi oma djalje vet : 
n Oj ti Radic djalji em, 
Po ti pse e vrave Janozensen? 
Bedevit pljast Salj pruv, 
E tu tpljast gjarpni." 



Niemand blieb daselbst, 
Nur zwei schwang' re Weiber 
Eines gebar einen ruhmreichen Sohn, 
Das andere ein ruhmvolles Mädchen. 
Der Knabe erhielt den Namen Hilarius, 
Das Mädchen den Namen Agnes. 
Als die Zeit der Verheiratung kam, 
Gab Hilarius das Wort, 
Die Agnes zu nehmen, 
Lud Hochzeitsgäste und den Beistand. 
Als sie auf der Reise waren, 
Tanzten alle Pferde, 
Das der Agnes aber am meisten. 
Da kam Neid über Hilarius, 
Er schwang die Lanze, 
Um zu schlagen die Stute, 
Aber die Stute wich aus. 
Und er traf die Agnes. 
Agnes ein rechtschaffenes Mädchen 
Sagte niemandem etwas, 
Nahm Baumwolle und stillte das Blut, 
Nahm ein Seidentuch und verband die 

Wunde. 

Da kam die Mutter vor den Hochzeitszug, 

Und die Mutter sprach zu Agnes : 

Weh mir, Agnes, mein Kind, 

Warum bist du so gebrochen? 

Hat dicb der lange Weg ermüdet? 

Oder die kleine Wunde dich ermattet ? 

Als die Hochzeitsgäste fort waren, 

War Agnes eine Leiche. 

Die Mutter fluchte ihrem Sohn: 

„0 Hilarius, mein Sohn, 

Warum erschlugst du Agnes? 

Es berste dir auf der Reise das Pferd, 

Und dich zerreisse die Schlange!" 



1 r r r I f ut r i r u f rir r Jm 




Ej, Bukara, ßis kje prome, 
Cimo Skelje prom en kom, 
E mi dzuar a to gjom, 
Nar at hijet ta saj son, 
Nar at revet a saj hon, 
Tu e puv, tu e gron! 



0, du Schöne, von gestern abends, 
Die mir den Fuss hat eingeklemmt, 
Und mich hat gebracht zum seufzen, 
In der Kühle jenes Schattens, 
In dem Schatten jenes Mondes, 
Die mich küsste und mich bissl 



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FR S. KüilAC. 



Inr/arU, 1*69 



J ^ — — " — ~ ~ ^ * 


















i u 1 



Ej! rakije, rozolije! 
„ ljumi usö ci to pije; 
„ ut mar cesno barko 
, tim mer citne boljt. 

. LenU i : S6 



0! du Branntwein, du Hosoli, 
Wohl mir, der ich dich trinke; 
Dich giess ich in den Schlund, 
Du wirfst mich in den Kot. 



3 



Hej ! dimo zoto per sum moh te, 0 ! Gott hilf uns viele Jahre. 
„ medjiz ioko me vlaznije, Der Genossenschaft und den Brüdern, 
B hejo medjiz miöe kumtri ! Den Freunden und Gevattern! 

Auf meine Frage, ob die syrmischen Klementiner die schonen 
albanesischen WafTent änze tanzen können, erhielt ich die Antwort, dass 
ihnen ihre AJten von diesen Nationaltänzen wol erzält hatten, aber 
dass kein einziger Klementiner dieselben tanzen könne. „Wozu auch*, 
fiel Marko Ivanic" ins Wort, „da es unmöglich einen schöneren Tanz 
geben könne, als der kroatische Kolo! K — Bei diesem von Ivanic" und 
seinen Landsleuten so sehr geschätzten Kolo singen jedoch die Kle- 
mentiner nicht, wie die Kroaten und Serben, sondern der Dudelsack- 
bläser schreitet den inneren Raum des Kreises ab, bleibt bald bei 
diesem, bald bei jenem Tänzer oder Tänzerin stehen, und bläst ihm 
oder ihr ein Stückchen Melodie ins Ohr. Mir fiel dieser gesangslose 
Tanz auf, und ich erkundigte mich deshalb um den Grund dieses 
Schweigens. Da sagte man mir, dass dies der gemischten Bevölkerung 
wegen geschehe. So lange nämlich in Hrlkovci und Nikince blos Kle- 
mentiner und Kroaten wohnten, wurde beim Kolo. den man im Ge- 
meindewirtshause gemeinschaftlich tanzte, jederzeit gesungen, u. z. 
entweder in klementinischer oder in kroatischer Sprache; als jedoch 
Schwaben und Magyaren einwanderten, welche keine der beiden Spra- 
chen verstanden, gab es beim Kolo last jedesmal Schlägereien und 
blutige Köpfe, weil diese dachten (wahrscheinlich nicht ohne Grund), 
man mache sich über sie lustig. Um derartigen Zwistigkeiten auszu- 
weichen, wurde beschlossen beim gemeinschaftlichen Sonntagstanze 
nicht mehr zu singen. Und so tanzen nun Klementiner, Kroaten, Schwa- 
ben, Magyaran und Zigeuner in stummer Eintracht mit einander, und 
freuen sich des Lebens 

Agram, am 10. Juni 1890. 

(Schluss folgt.) 



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WESEN UND WIRK. DER ZAUBERFRAUEN BEI DEN 8IEBENB. ZIGEUNERN. 



Wesen und Wirkungskreis der Zauberfrauen bei den sieben- 

bürgisehen Zigeunern. 

Von Dr. Heinrich v. Wlislocki. 

Man hat bisher die Zigeuner und unter diesen besonders die 
Wanderzigeuner zumeist als jedes religiösen Gefühles bare Horden dar- 
gestellt, indem man dabei nur die auf das Christentum bezüglichen, 
verschwommenen Begriffe derselben in Betracht zog, ohne dabei die 
in den verschiedensten Richtungen hinwuchernden heidnischen Schöss- 
linge des uralten indischen Religionsstammes zu beobachten. Als sol- 
ches uraltes Überlebsei sind auch die sogenannten ,Zauberfrauen u 
(Covölji) oder „guten Frauen" (lät e romhi, gute romhi) anzusehen, die 
gleichsam der letzte Nachhall altindischen Prieslertums sind. 

Meistens aufs Geratewol hin wird von den Beobachtern der Zi- 
geuner nur erwähnt, dass „die alten Weiber bei dem Zigeunervolke 
Gegenstand besonderer Ehrfurcht sind," ohne dabei den Kern dieser, 
selbst Culturvölkern sozusagen ganz und gar abgehenden, in ihrer Art 
höchst eigentümlichen Sitte zu erforschen. Die Stellung des Weibes 
überhaupt ist bei den Zigeunern dem Manne gegenüber eine unabhän- 
gige. Als Besitzerin zigeunerischen Heirawesens, in das eben der Mann 
hineinheiratet, wobei er sogar seinen Beinamen, nämlich den Namen 
seiner Genossenschaft (gakkija) aufgeben und den Namen der Ge- 
nossenschaft seiner Frau annehmen muss, kurz, mehr oder weniger 
die Geburtsbande löst, steht das Zigeunerweib dem Gatten gegenüber 
ganz unabhängig da, der in den meisten Fällen die Ehe als eine Art 
Sinecure zu betrachten gewohnt ist. Diese Stellung der Zigeunerfrau 
erweist sich lür die ethnologische Forschung durchgängig als die ergeb- 
nissreichste, für ethnische Lehren sowol, als auch für mystische Ver- 
wirrung. Die Einzelstellung der „Zauberfrauen " hat sich in mancher 
Beziehung mehr oder weniger als eine Sonderstellung auf das gesamte 
weibliche Geschlecht dem männlichen gegenüber übertragen. 

Ich habe schon an einem anderen Orte erwähnt, ') dass dem 
Glauben der Zigeuner gemäss es Frauen gibt, die im Besitze überna- 
türlicher Kräfle und Eigenschaften sind, welche sie teils auf überna- 
türlichem Wege erworben, teils aber ererbt haben. So bringt das sie- 
bente Mädchen einer durch keine Knaben unterbrochenen Kinderreihe 
Eigenschaften mit sich auf die Welt, die anderen Sterblichen abgehen, 
so z. B. sieht es Dinge (vergrabene Schätze, die Seelen Verstorbener 
u. dgl ), die andern unsichtbar sind. Die meisten Zauberfrauen wurden 
noch in ihrer zartesten Jugend von ihren Müttern in der Heil- und 
Zauberkunst unterrichtet und erben von ihnen zugleich den Ruf und 
das Ansehen. Nur ihre eigenen Töchter können die Zauberfrauen in 



') Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn I. Bd. S. 51: „Zauber- und Bespre- 
chungsformeln der transsilvanischen und südungarischen Zigeuner" (auch als Son- 
derabdnick erschienen in Herrmann's „Publicationen d. ethn. Mitteilungen aus Un- 
garn" Hft II. 



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DR. HEINRICH V. WLISLOCKI 



ihrer Kunst unterrichten, nachdem dieselben die Anlagen dazu durch 
Blutvererbung mit sich auf die Welt bringen, also eine praedestinierte 
Zauberkraft schon a priori besitzen, die aber nur dann zum vollen 
Ausbruch kommt, sich zur Tätigkeit entfaltet, wenn das betreffende 
Weib selbst wenigstens schon drei Töchter zur Welt gebracht hat. 
Stirbt die Mutter, eine Schwester oder eine Tochter der „Zauberfrau", 
so muss sie das Wasser aus dem Napfe trinken, den man nach ein- 
getretenem Tode zu den Füssen der Leiche aufzustellen pflegt, damit 
r sich die Seele des Verblichenen darin bade." Trinkt sie es nicht, so 
nimmt die Todle ihre Weisheit mit und sie hat aufgehört zur Gilde 
der Zauberlrauen zu gehören; daher die Redensart: pijel sdr vovdlji 
(er trinkt wie eine Zauberfrau, d. h. er muss trinken, ob er will oder 
nicht). Um ihre „Weisheit". „Zauberkraft* 1 (toodljiben) zu bewahren, 
steckt sie auch ein angebranntes Stückchen von den Kleidern der Ver- 
blichenen zu sich, die eben — nach, allem Gebrauche — gleich nach der 
Leichenbesiatlung verbrannt werden. Mit diesem Fetzen räuchert sie 
sich dann in der nächstfolgenden Johannisnacht oder Neujahrsnacht 
auf irgend einem Kreuzwege, um die noch immer herumflatternde Seele 
der Verblichenen zu bannen. Aus eben diesem Grunde muss sie neun 
Tage hindurch jedesmal zu Mittag das Grab der Verblichenen besu- 
chen und Mohnkörner auf den Weg bis zum Grabe fallen lassen, da- 
mit die ihr nachfolgende Seele dieselben auflese und keine Zeit habe, 
sie in ihrer Zauberkraft zu schwächen. Während dieser Zeit muss sie 
sich auch des Beischlafs enthalten, damit sie nicht etwa geschwängert, 
ein todtes Kind zur Welt bringe, aus dem ein Locholit&o (dämonisches 
Wesen) werden würde, das seine Eltein zu Tode quälen könnte. Gut 
ist es auch das Brustbein (aU Silz des Lebens) der Verblichenen mit 
einem Tuchlappen zu reiben und denselben die neun folgenden Tage 
am blossen Leibe zu tragen, dann ihn aber auf dem Grabe zu ver- 
brennen. Die dadurch entstandene Asche gilt für ein wichtiges Mittel 
bei Liebesangelegenheiten. Wer davon genossen, kann von der Person, 
die es ihm eingegeben, nimmer lassen. Häufige Schluckungen nach 
Verlauf der erwähnten neun Tage deuten an, dass die Zauberkraft 
der betreffenden Frau ungeschwächt, ja im Gegenteil gestärkt und ver- 
mehrt sich in ihr befinde. Um die Slammgenossen zu dieser Meinung 
zu bewegen, greifen die Zauberfrauen bei solchen Gelegenheiten frei- 
lich zu mancherlei künstlichen Mitteln, um recht arge und häufige 
Schluckungen hervorzubringen. 

Ausser diesen „erbgesessenen * Zauberfrauen gibt es auch solche, 
die ihre Kunst nicht durch Blutvererbung erlangt, sondern von den 
Niva$i-( Wassergeistern) oder /'c^upus-Leuten (unterirdische Wesen) er- 
lernt haben, indem sie mit denselben geschlechtlichen Umgang pflogen. 
Der Act selbst geschieht ohne W ssen des Weibes, das erwachend erst 
die mit ihr vorgenommene Veränderung wahrnimmt und nur dadurch 
zum Schweigen gebracht wird, dass sie eben der Nica&i oder f'guvuS 
in den geheimen Künsten unierrichtet. Tut er es nicht oder schreit 
das Weib um Hilfe, so ist er verloren, denn er verliert auf einige 



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WESEN UND WIRK. DER ZAUBERFRAUEN BEI DEN 8IEBENB. ZIGEUNERN. 



Stunden seine Kraft — post coitum triste omne animal — und ist nicht 
im Stande sich von der Stelle zu rühren, so dass er leicht erschlagen 
■werden kann. Ein weiter Spielraum für Betrug und Schwindel ist hie- 
bei selbstverständlich geöffnet. Ich kannte z. B. eine wunderschöne 
siebzehnjährige Zigeunermaid, die bereits drei uneheliche Kinder hatte, 
deren Väter jedem anderen, aber nur nicht dem Zigeunervolke ange- 
. hörten. Sie war desshalb die Zielscheibe des Spottes, ja selbst der Ver- 
achtung ausgesetzt und mit dem Schimpfworte parne lubHi < weisse 
Metze) benannt. Ich sagte ihr oft und oft : sie möge der Truppe den 
Rücken kehren und sich irgendwo niederlassen, um so diesen fortwäh- 
renden Gehässigkeiten zu entgehen. Bei einer solchen Gelegenheit ant- 
wortete sie mir: n Me nd dza, avava jeka iovdlji. Dikh tu akor mdn 
pirdnen roma u (Ich gebe nicht, ich werde eine Zauberfrau. Sieh dann, 
(wie) mich die Leute lieben). Sie bat mich nun, der Truppe mit- 
zuteilen, dass ich die nächste Nacht im Dorfe zubringen wolle. Ich 
tat es, worauf sie mich ersuchte, die Nacht über midi in der Nähe 
der Zelte versteckt zu halten und von Ferne und unbemerkt den kom- 
menden Skandal anzusehen. In der Nacht nun erwachte die Horde auf 
ein ohrzerreissendes Geschrei. Alle rannten zum Zelte der parne 
lubHi, die am ganzen Leibe zitternd den Staramgenossen erklärte, ein 
Niva&i habe sie besucht, und dabei auf die am Boden sichtbaren zahl' 
reichen Hufspuren hinwies. Hierauf wari sie sich auf den Boden, mur- 
melte Zaubersprüche und verfiel scheinbar in Verzückungen. Am näca- 
sten Morgen wurde mir der nächtliche Vorfall mitgeteilt. Als ich die 
Leute frug: woher sie es wissen, dass auch in der Tat ein Niva&i 
die parne lubHi besucht habe, meinten sie: sie hätte es i nen bewie- 
sen und ich dürfe sie nicht mehr parne lubHi nennen, sonst könnte 
es mir schlecht ergehen. Wie sie den näheren Beweis für die Rich- 
tigkeit ihrer Angabe tührte, unterlasse ich hier zu erwähnen; kurz 
und gut, von dieser Zeit an geniesst sie ein grosses Ansehen unter 
ihren Stammgenossen und ist als Zauberfrau auch bei der siebenbür- 
gischen Landbevölkerung berühmt. Sie heist Ileana Darej. 

Solche Zauberfrauen, die ihre Kunst von einem PchuvuS oder gar 
von einem Niva&i erhalten laben, werden von den Stamragenossen 
besonders gefürchtet, denn man glaub\ dass sie infolge ihres Umgangs 
mit dem PchnvuS oder NivaU eine Schlange im Leibe hätten, die den, 
der eine solche Zauberlrau beleidigt, zu Grunde richten kann. Um den 
Sei« windel zu vervollständigen, trinken auf solc ^e Weise zu Zauberfrauen 
gewordene Weiber die nächstfolgenden neun Tage bindurci Pferde- 
milch, um sich — wie es heisst — dadurch vor einer Wiederholung 
des Besuc 5 es seitens des Niva&i oder Pchuvuk zu sc ȟtzen, ihn also 
von sie i abzuwehren. Wird nun eine Zauberfrau alt und gebrechlicD, 
so bereitet sie sich zur Fahrt ins „Todtenreich" vor, indem sie sich 
die Nägel wachsen lässt. Ks beisst nämlich im Volksglauben, dass eine 
Zaubertrau gar schwer ins „Todtenreich" gelangen, und sich nur mit 
ihren langen Nägeln an den Felsenwänden festhalten kann, die sie eben 
erklimmen muss, um ins Jenseits zu gelangen. Stirbt ein Weib, das 

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DR. HEINRICH V. WUSLOCKI 



I 

durch Umgang mit einem NivaU oder PchuvuS Zauberfrau geworden 
ist, so fährt ein Blitz ins Wasser, der von den Nivasi- Leuten aufge- 
fangen wird. 

Bei der Betrachtung der Zaubertrauen letzterwähnter Art müs- 
sen wir — um zum mythologischen Kern dringen zu können — die 
Schlange, deo Blitz und die Pferd'tnilch besonders hervorheben. 

Wie erwähnt, sollen Zauberfrauen nach gepflogenem Umgange 
mit NivaSi Leuten eine Schlange im Leibe haben; lerner heiast es, 
dass beim Tode einer solchen Zauberfrau ein Blitz ins Wasser ("also 
in die Wohnung der Wassergeister) fährt der vom „Allsamenbaum" *), 
der am Himmel „blüht* und alle Kräuter der Welt trägt, kommend 
den A 7 iVas/-Leuten Heilkräuter mitbringt, auf deren Gebrauch sie dann 
die Weiber, mit denen sie Umgang geflogen, lehren und dieselben da- 
durch zu Zauberfraucn machen. Der die Heilkräuter enthaltende und 
von dem Niva&i aufgefangene Blitz wird also infolge geschlechtlichen 
Umgangs als Schlange in den Leib der Zaubertrau überfragen, ihr 
gleichsam die Zauberkunst eingeimpff. l)ass sich dieser, gegenwärtig zu 
reinem Schwindel herabgesunkene Glauben aus den sogenannten Na- 
turmythen entwickelt hat, unterliegt kaum einem Zweifel. **) Geben wir 
weiter. Uta na Varej zeigte ihren Stammgenossen die Hufspuren in ih- 
rem Zelte, als Reweis dafür, dass sie in der Tat ein AVpasi besucht 
habe. Dem Volksglauben der Zigeuner gemä** haben die Wassergei- 
ster, die Niva&i, Pferdefüsse und um diese Wesen von sich ferne zu 
halfen, trinkt die Zauberfrau neun Tage lang Pferdemilch. Hier finden 
wir also einen Nachhall der indogermanischen Naturmytbe vom Don- 
nerross, den rossgestalligen Kentauren (den Chiron an der Spitze), 
und von den indischen Acvinen. Hiebei müssen wir besonders zwei 
Mythen in Bcf rächt ziehen: die eine, nach der Poseidon und Demeter- 
Erinnys mit einander als Rosse buhlen und die Despoina und den 
Arion erzeugen; die andere, nach der Kronos mit der Philyra so den 
Cheiron zeugt ; — diesen beiden entspricht der indische Mythos von 
der Vermählung des Vivasvat und der Saranyu in Pferdegestalt. Aus 
letzterer Verbindung entstammen „die himmlischen Heilärzte", das 
Zwillingspaar der Acvinen, welche davon „die Stutensöhne* heissen ; 
nach dem greichischen Mythos enstammt der Buhlschaft des Kro- 
nos mit der Philyra der „rossgestaltige" Kentaur Cheiron. der hilf- 
reiche .mythische Arzl" der Griechen, bei dem auch der Name des 
Tausendgüldenkrautes „ Kentaurion u noch speciell auf die ursprüngli- 
che Art seiner angeblichen ärztlichen Tätigkeit in ihrer Beziehung zu 
„heilbringenden Kräutern" hinweist. ***) 

*) Ygl. meine Sammlung: „Märchen und Sagen der transsilvanischen Zigeu- 
ner" (Berlin. Nicolai'sche Verlagsbuchhandlung). 

**) Vgl. W. Schwartz Die rossgestaltigen Himmeisärzte bei Indern und Grie- 
chen (in der Zeitschrift für Ethnologie, Berlin 1888, V Hft. S. 222.) Vgl. auch 
sein grundlegendes Werk: -Ursprung der Mythologie* S. 43. und Schrotder, Indi- 
ens Literatur und Cultur Leipzig 1887 S. 377. 

***) Vgl. W. Schwärt« a. a. 0. S. 228. 

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WESEN UND WIRK. DER ZAUBERFRAUEN BEI DEN SIEBENB. ZIGEUNERN. 



Zu berücksichtigen sind noch die zigeunerischen Redensarten, 
die bei einem Gewitier angewendet werden: Romfn hl Nivaüi (Der 
Nivaäi heiratet) oder: Pujen Niva&ä (Die Niva&i begatten sich, vgl. 
die feurige Geburt des Asklepios.) Wie die phantasievolle Vorstellung 
der indogermanischen Urzeit den himmlischen Helfern eine rossartige 
Gestalt verleiht, um dann mit dem Fortschritt der Cultur, in mehr 
historisch werdender Zeit aus ihnen den indischen, menschlich göttli- 
chen Dhanvanlari oder den griechischen Asklepios zu schaffen, so 
spielt sich diese Wandlung im zigeunerischen Volksglauben gleichsam 
vor unseren Augen ab, indem der Blitz vom Allsamenbaum dem ross- 
füssigen Nivasi die Heilkräuter (Heilkraft) bringt, dieser durch geschlecht- 
lichen Umgang diese Eigenschaft zu heilen in Gestali einer Schlange 
(als Sinnbild des Blitzes) auf eine irdische Frau überträgt, somit gleich- 
sam einen Kreis schliesst, der mit dem Blitz beginnt und mit dem 
Blitz abschliesst. Wenn also im indogermanischen Mythos aus schöp- 
ferischem Reiz eine Anregung zur Umgestaltung jener himmlischen 
Helfer in mehr menschliche Wesen beginnt und zwar einem Notwen- 
digkeitedrange zur Befriedigung eines bei der Gebrechlichkeit der Men- 
schen gefühlten Bedürfnisses nach Heilkünstlern folgend, — so sehen 
wir auch im zigeunerischen Volksglauben diese dem Himmel (dem AU- 
saraenbaum) entstammende Heilkraft notwendigerweise auf irdische, 
für den primitiven Menschen handgreifliche Wesen übertragen. Und dies 
sind für die Zigeuner eben die Zauberfrauen, und den Glauben an sie 
und ihre Heilkraft beseelt auch nur der Wunsch nach Heilung, das 
sehnende Hoffen auf ein übelbefreiendes Erlösungswort, das bei jedem 
Volke, sowol bei Naturstämmen, als auch bei Culturträgern, zu jeder 
Zeit die religiösen Ideale mehr oder weniger deutlich durchklingt. Wie 
der ganze mythische Bau dieses Glaubens bei den Zigeunern ursprüng- 
lich geformt war, können wir aus den jetzigen Trümmern nicht er- 
schliessen; so viel aber ist gewiss, dass es zunächst der körperliche 
Schmerz war, der seine Helfer verlangte und den Grund zu den phan- 
tasievollen Gebilden dieses Mythos legte. 

So treten denn auch die Zauberfrauen der Zigeuner in erster 
Reihe als Helfer und zwar als Heilkünstler auf, sowohl für Mensch, als 
auch für Tiere. Sie können die Zauberformeln, durch welche der Misech 
(das Schlechte, der Krankheitsdämon) aus dem Körper des Siechenden 
vertrieben werden kann; sie haben die Macht und Kraft die Seele 
der Menschen zu .binden und zu lösen", Liebe und Hass zu entfa- 
chen und zu vernichten: und wie die physichen Angriffe, wissen also 
die Zauberfrauen auch psychische Störungen zu bekämpfen. Sie haben 
also noch immer dieselbe Rolle, die bei Naturvölkern die Priester hat- 
ten vor der Trennung der Seelsorge von der leiblichen. Im Bewusst- 
sein überirdischer Begabung oder im zuversichtlichen Vertrauen auf 
die helfende Kraft überirdischer Wesen wird durch Kenntnis zauber- 
kräftiger Formeln und Kräuter geheilt. 

Wie bei der Heilung von Krankheiten, seien dieselben nun phy- 
sische oder psychische Angriffe, — muss die Zauberfrau auch in an- 

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DB. L. KATONA 



deren Kenntnissen ihr Können beweisen, um wirksame Talismane und 
Fetische dem Volke verteilen zu können. Selbst für die täglichen Le- 
beosbedürfnisse muss sie ihre Macht bekunden, indem sie die Zukunft 
voraussagt, das Unglück abweist, überhaupt durch zauberkräflige Mit- 
tel das (ielingen eines Unternehmens befördert. Nicht nur die Todten 
zu bannen, sondern auch die Weiterung zu regeln, muss die Zauber- 
frau verstehen, um ihre Verbindung mit überirdisc en Wesen darzule- 
gen. Ihre Holle entspricht im Grossen und Ganzen der der Priester pri- 
mitiver Völker. 



Recht und Unrecht. 

Ein magyarisches Märchen mit seinen Varianten und Parallelen. 
Übersetzt und verglichen von Dr. L. Katona. 

Ks gieng einmal ein Mann seines Weges. Am Kreuzwege traf er 
einen zweiten Mann; sie sagen sich gegenseitig guten lag, dann fragt der 
eine den andern: Wer bist du, Kamerad? — Sagt darauf der andere: 
Ich bin der Träger der Wahrheit. Und wer bist denn du, Freund? — 
Ich bin die Falschheit und der Träger der Falschheit. — Nun. ent- 
gegnet darauf die Wahrheit, dann passen wir schlecht zusammen. — 
Warum sollten wir nicht passen? versetzt die Falschheit. Kann man 
doch mit der Falschheit besser auskommen als mit der Wahrheit. — 
Das will ich nicht glauben, meint die Wahrheit. Ist doch der fal- 
sche Mensch und eine falsche Seele stets in Ängsten. — Das sollst du 
nicht glauben, entgegnet der Falsche, denn der Unlautere hat weniger 
zu türchten als der Redliche. — Da streiten nun die beiden über diese 
Frage solange herum, bis sie recht hart an einander gerieten. Doch 
meinte endlich der Falsche, es wäre des unnützen Streites genug und 
weit besser, wenn sie sich nach einem Nachtlager umsehn würden, 
ehe es noch ganz finster geworden. Damit giengen sie auch weiter, 
beide in derselben Richtung, wo sie eine Stadt in der Nähe wahrnah- 
men. Ehe sie aber noch die Stadt erreichen konnten, wurde es späte 
Nacht, so dass der Träger der Wahrheit zum Falschen gewendet 
meinte, das beste, was sie nunmehr tun könnten, wäre hier auf dem 
Wege, unterm Kreuze zu übernachten, da sie zu so später Nachtzeit 
in der Stadt kein Obdach finden dürften. Dem Falschen war auch 
dies recht. Meinetwegen, so sprach er. können wir wo immer über- 
nachten und sei es in der tiefsten Hölle, denn ich fürchte mich vor 
gar nichts auf dieser Welt! Nun giengen sie richtig unter das Kreuz 
am Wegesrande und legten sich zum Schlafen. — Warte nur, dachte 
der Falsche bei sich, du wirst es bald zu wissen bekommen, wer von 
uns beiden recht gehabt? Schlafe nur schön ruhig, ich werde dich 
schon Ichren. dass dir die Lust vom Wahrheittragen vergeht! Nach- 
dem sie noch eine Weile geplaudert, fiel der (iereehte bald in einen 

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I 



RECHT UND UNRECHT 



tiefen Schlaf. Nun denkt der Falsche, die Zeit seiner Rache sei gekommen. 
Er nimmt sein Taschenmesser hervor und sticht damit dem Schlafen- 
den beide Augen aus. Nun kjnnst du gehn und mit deiner Wahrheit 
den Weg suchen, solange du willst — spottete seines Opfers der Fal- 
sche. I)er Wahrhaftige aber entgegnete ruhig, dass er auch geblendet 
nur der Wahrheit nachhängen und sie nimmer aufgeben werde. Hie- 
rauf wurde er vom Träger der Falschheit verlassen. Wahrheit lag nun 
mit ausgeronnenen Augen unterm Kreuze und dachte darüber nach, 
was er fortan beginnen solle? Er gienge von dannen, doch wie soll er 
sich ohne Führer von der Stelle rühren? Ich bleibe noch eine Weile 
hier sitzen, so meinte er schliesslich, — und warte getrost, da ich 
weiss, dass Gott den gerechten Menschen nicht verlässt — Da sassen 
zur selben Stunde drei Raben auf dem Kreuze, die gerade aus ihrem 
Schlafe erwachten. Schläfst du noch, Kamerad? fragt der erste Rabe 
den anderen. Ich habe schon längst ausgeschlafen, entgegnet der an- 
dere. Nun denn, so spricht der erste, wenn du nicht mehr schlafen 
kannst, so könnten wir uns die Langweile der Nacht mit Gesprächen 
über den Weltlauf verkürzen. Was sollen wir aber besprechen? fragt 
der andere. Die nächste Stadt hier vor uns, meint der erste. Du weisst 
doch von der tiefen Trauer, die dort herrscht, und von der grossen 
Wassernot, der Ursache dieser Trauer? — Und wie leicht wäre es ihnen 
dorf in der Stadt, der Not ein Ende zu machen, — versetzt der zweite 
Rabe Wenn sie nur wüssten, wie es auzufangen! Vielleicht dass du 
darum weisst? — fragt weiter der erste. Wie sollt' ich es nicht wis- 
sen, entgegnet der zweite. In der Mitte jener Stadt, auf dem mit Stei- 
nen gepflasterten Hauptplatze ist ein grosser viereckiger Stein. Nur 
diesen brauchten sie zu heben und darunter ein wenig zu graben, so 
hätten sie eine Quelle, die ihnen Wasser im Überflusse spenden könnte. 
— Das hört der arme Blinde unterm Kreuze mit an, — doch spricht 
darauf der andere Rabe : Nun will auch ich ein Märlein sagen. Zehn 
Schritte von diesem Kreuze befindet sich ein Brunnen, von dem nie- 
mand was weiss ; und doch ist sein Wasser so heilkräftig, dass der 
Blinde sich damit nur ein einzigesmal die Augen zu waschen hat, 
wenn er sein gesundes Gesicht znrückerhalten will. Da will zum Schlüsse 
auch der dritte Rabe was Neues erzählen. Des Königs Tochter, so 
spricht er, ist bereits seit drei Jahren todeskrank. Kein Arzt der Welt 
kann ihr helfen. Und doch ist nichts leichter als ihr Übel zu heilen, 
wenn man nur um das Mittel wüsste! Vor drei Jahren war nämlich 
das Mädchen bei der Communion. Nachhause gekehrt, war es ihr 
übel und sie musste sich übergeben. Die heil. Hostie kam dabei auf 
die Erde zu fallen, und eine Kröte, die unterm Bette verkrochen war, 
schnappte dieselbe auf und hält sie noch heute im Munde verborgen. 
Wenn man nun diese Hostie dem Tiere entreissen und sie der Kö- 
nigstochter eingeben würde, so wäre diese im selben Augenblicke ge- 
nesen. — Das Gespräch der Raben wurde aber, wie gesagt, vom Blin- 
den mitangehört. 

Bei Tagesanbruch flogen die Raben davon. Der arme Blinde aber 

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DR. L. KATONA 



zerbrach sich den Kopf darüber, wie er den Brunnen finden könnte, 
von dem der zweite Vogel gesprochen hatte und der ihm nach seiner 
Überzeugung das Gesicht wiedergeben könnte. Das Kreuz will er auch 
nicht verlassen, in der Furcht, es nicht mehr finden zu können. 
Da fallt ihm auf einmal ein, dass er sich auszieh n, seine Kleidungs- 
stücke zu einem zehn Schritt langen Leitseil zusammenbinden und das 
eine Ende desselben ans Kreuz geknüpft, am andern sich festhaltend, 
den Brunnen aufsuchen wird. Gedacht, getan! Nachdem er den Brun- 
nen in der besagten Entfernung richtig angetroffen, wusch er sich in 
demselben und — sieh da! er sah wieder eben so put wie vor seiner 
Blendung. Man kann sich seine Freude denken. Nun weiss ich. so 
sprach er bei sich, dass die Raben die Wahrheit geredet. Damit klei- 
dete er sich an, und gieng in die Stadt. Da sieht er die Einwohner in 
der grössten Bestürzung ; der eine passt nach dieser, der andere nach 
jener Seile auf. Was lauert ihr so ungeduldig, und worauf wartet ihr 
denn mit solcher Sehnsucht? so fragt er die Bürger, die er in den 
Gassen antrifft — Wir warten auf ein Wasserfass, — wird ihm zur 
Antwort, — denn nicht einmal zum Waschen haben wir das nötige 
Wasser. — Und könnt ihr denn keinen Brunnen graben ? so fragt wei- 
ter der Fremde. — Der könnte sieb bei uns ein schweres Geld ver- 
dienen, entgegnen die Städter, der uns einen Brunnen graben könnte. 
Doch haben sich schon manche bei uns damit versucht, ohne auch 
nur auf einen Tropfen Wasser zu stossen. — Was würdet ihr guten 
Leute mir wol geben, wenn ich euch einen Brunnen graben würde? 
fragt der Wahrhaftige. — 0, Freund! Du könnlest kaum so viel for- 
dern, dass wir es dir nicht gerne gäben, wenn du wirklich einen zu 
graben vermöchtest ! — Ihr sollt keine weitere Sorge haben, meint der 
Fremdling, und damit lässt er sich nach dem Stadl hause bringen, wo 
der Stadthauptmann ihn sofort ins Verhör nimmt. Wer bist du? so 
fragt ihn der gestrenge Herr. — Ich bin nur ein armer Wanderer, 
doch rechtschaffenen und milden Herzens, erwidert ihm der Träger 
der Wahrheit. — Und was ist hier dein Begehren? — Ich will euch 
einen Brunnen graben, denn ich sehe, dass ihr kein Wasser habet, 
und infolge dessen die grösste Not leidet. — Freund, sagt hierauf der 
Hauptmann, wenn du die Wahrheit sprichst und uns wirklich Wasser 
verschaffen kannst, so warst du die längste Zeit ein armer Teufel. — 
Seid getrost, wenn ich einmal sage, dass euerer Not abgeholfen wer- 
den soll; gebet mir nur einige Männer zur Aushilfe, die mir beim 
Graben beistehn sollen. — Du sollst so viele haben als du nur benö- 
tigst, versetzt der Hauptmann. — Zehn Männer dürft' ich wohl brau- 
chen, sagt der Wahrhaftige, um mit der Arbeit rascher fertig zu wer- 
den. — Und wenn du deren hundert fordern würdest, so wären sie 
dir sofort zur Hand, wenn du nur einmal begonnen. Wo willst du aber 
den Brunnen graben? — In der Mitte eures Hauptplatzes sollt ihr ihn 
haben, meint der gute Mann, damit ihn ein jeder gleich weit und gleich 
nahe habe. - Das wäre gerade das Hechte, wenn du ihn auf besagter 
Stelle graben könntest! — Wenn ich euch einmal mein Wort gege- 



40 



ÄfcCHT UND UNRECHT. 



ben, meint der arme Fremdling, so könnt ihr euch darauf verlassen. 
Damit geht er auf den Platz und sucht die Stelle mit dem viereckigen 
Steine auf. Kaum war dieser emporgehoben, als bereits nach einigen 
Spatenhieben d*is Wasser in einem starken Stral hervorquoll und in 
alle Riehl ungen zu rinnen begann Nun könnt ihr — so spricht der 
Wahrhaftige zu den Bürgern — Kanüle für eine jede Gasse graben 
und ihr werdet fortan das Wasser nicht mehr für teures Geld kaufen 
müssen. Sein Hat wurde auch sofort befolgt, und das Wasser rann 
ganz lustig in allen Gassen der Stadt, wo eitel Freude über den rei- 
chen Segen herrschte. Der Hauptmann Hess nun den armen Mann 
zu sich bestellen, und fragte ibn, was er lür seinen guten Dienst for- 
dere? Ihr möget nur geben, was euch beliebt, — war die Antwort 
des Wahrhaftigen. Nun, da hast du diesen Strumpf voll Geldes; dies 
sei dein Lohn ; und mit der Bedingung, dass du das Geld nur auf 
rechtem W T ege verausgabest, sollst du von mir immer einen neuen 
bekommen, so oft er leer geworden. Der arme Mann steckt den Strumpf 
zu sich, und nachdem er sich beim Hauptmann schön bedankt, zieht 
er seines Weges. Nun, so denkt der Wahrhaftige bei sich, jetzt 
werd' ich noch die Königstochter auffinden, von der mein dritter Habe 
gesprochen. Vielleicht wird auch dieser Spruch sich bewähren. 

Am Königshofe angekommen, spricht er beim Hofmeister vor, 
der ihn nach seinem Begehren fragt. Ich möchte die Tochter des Kö- 
nigs besuchen, antwortet der Fremde. Und wozu das? fragt ihn der 
Hofmeister weiter. — Ich habe gehört, dass sie krank sein soll, und 
ich möchte sie heilen. Sagt darauf der Hrn.: Ja Freund, das meinst 
du, giengeso leicht! Waren doch andere und berühmtere Leute, die 
ersten Ärzte der W r elt vor dir mit demselben Vorhaben da, und konn- 
ten alle miteinander nichts ausrichten. — Doch hat man sie darum 
nicht gehenkt, wenn ich fragen darf? — Da kannst du ohne Sorge 
sein, entgegnet der Hofmeister, kein Haar wurde ihnen gekrümmt, 
und man hat ihnen noch den doppelten Lohn ihrer Mühe ausbezalt. 
— Nun, dann werden sie wol auch mich nicht henken, zumal ich 
gar keine Belohnung heische sondern, recht gern mit dem zufrieden 
bin, was man mir nach Belieben der königlichen Eltern zu spenden für 
gut finden wird. — Wolan denn, so spricht der Hofmeister, — hab' 
ich doch mehr als einmal gehört, dass mancher Bauer mehr weiss, 
als viele von den studierten Herrn Damit giengen sie zum König hin- 
ein. Der Hofmeister meldet der Majestät, es wäre ein Mann vor der 
Türe, der sich anheischig macht, die Königstochter zu kurieren Dem 
König wäre keine Nachricht willkommener gewesen, auch wurde der 
Fremde sofort hereinbestellt. — Was bist du denn? guter Mann, so 
fragt ihn der König. — Ich bin nur ein armer W'anderer, Herr, doch 
ohne Falschheit und guten Herzens. — Was ist deines Kommens 
Zweck? - Ich möchte mit Ew. Majestät gnädiger Erlaubnis Ihre 
Tochter heilen. — Wie sollte ich dies nicht erlauben? entgegnet der 
König, — wenn du es nur fertig bringen könntest ! Kostet mich doch 
diese Krankheil meiner Tochter mehr als eine Million! — Nun dann, 



HerTmmn, Kihnologi.che Mittelungen. 41 



4 



DR. L. KATOKA 



Majestät und gnädiger Vater, - sagt der arme Mann, — dann möge 
man mich zur Prinzessin hinein führen ; mit (ioltes Hilfe hoffe ich 
sie zu heilen. — Man führt den armen Mann sofort zur Königstoch- 
ter. Er sieht die Kranke an, die schon so trocken und ausgezehrt im 
Bette aussah, wie das Bild des heil. Johannes in Suczawa. Der Fremd- 
ling schickt nun die HofTräulein aus dem Zimmer, und als sie fort 
waren, hob er unter dem Bette eine Diele auf, fand unter derselben 
die von den Raben besagte Kröte, und in deren Maule die Hostie. 
Kaum hatte die Königstochter die Hostie verschluckt, so reckte und 
streckte sie sich im Bette, dass ihr alle Glieder krachten, und wollte 
gleich aufstehn. Dies musste sie aber für eine Weile noch bleiben las- 
sen, da sie von der Krankheit sehr entkräftet war. Dann verlangte sie 
aber sofort etwas zu essen, was ihr auch ohne Aufschub gewährt wurde; 
und sie ass mit einem Appetit, der den König in gross tes Staunen 
versetzte. Nachdem sie etwas zu sich genommen, war sie schon soweit 
gestärkt, dass sie im Bette sitzen konnte. Auch sagte sie, dass ihr 
eigentlich gar nichts mehr fehle, nur dass sie noch zu schwach sei, 
um gehn zu können. Der König meinte, dies wäre kein so grosses 
Übel mehr, dass sich durch kräftige Nahrung nicht bald beseitigen 
Hesse. Darauf führte er den armen Mann mit sich, und fragte ihn, 
was er wol für seinen Dienst fordere? Dieser gab zur Anlwort, man 
möge ihm geben, was man eben will, ihm sei alles recht. Da gab ihm 
der König einen Strumpf voll Geldes, und sagte: er möge nur das 
(ield ruhig und unbekümmert ausgeben, und wenn es alle wäre, so 
kann er wann immer bei ihm vorsprechen ; für den Fall, dass seine 
Tochter ihre Gesundheit wirklich wiedererlangt, soll er für seine Le- 
benszeit reichlich versorgt sein. — Der Fremde gieng mit bestem Danke 
aus dem Hause des Königs und zog weiter. 

Draussen vor dem Staditore trifft er mit dem Falschen zu- 
sammen, der ihn seines Augenlichtes beraubt hatte. Sie erkannten ein- 
ander sofort, und nach gegenseitiger Begrüssung hub der Wahrhaf- 
tige zum Falschen gewendet an: Nun, siehst du, dass ich dennoch 
recht gehabt, und dass du falsche Seele mir umsonst die Augen aus- 
gestochen, da ich heute eben so gut sehe wie ehedem. Was hast du 
aber unterdessen mit deiner Falschheit gewonnen? Ich habe mir un- 
terdessen diese zwei Strümpfe voll Geldes verdient. — Und wie 
denn? fragte ihn der Falsche. Da berichtet nun der Wahrhafiigc den 
ganzen Hergang von dem Gespräche der Haben und das Weilen». — 
Warle nur, denkt sich der Falsche, wenn ich zum K reize gehe und 
den Haben erzähle, wie du ihrem Gespräche gelauscht, werden sie es 
dir schon heimzahlen. So tat er auch, und traf die drei Vögel ge- 
rade zur Zeit, wo sie aus ihrem Schlafe erwachend, ein Gespräch an- 
knüpfen wollten. Sagt der eine zum andern: Höre, mein Kamerad, 
neulich sprachen wir da über so manches, und wurden dabei belauscht, 
wie ich daraus entnehme dass man in der nahen Siadt bereits keine 
Not mehr am Wasser leidet. Jetzt wollen wir vorsichtig sein und 
schweigen, denn es könnte uns wieder ein unwillkommener Horcher 



42 



RECIIT UND UNRECHT. 



aufpassen. Daraufhin fliegt einer von den Raben vom Kreuze herab, 
und bemerkt unter demselben einen Menschen. Holla! Kameraden, so 
ruft er, da ist der Schuft, der uns neulich belauscht hat und jetzt 
wieder aushorchen möchte! Damit werfen sich die drei Raben wütend 
auf den Falschen, zersausen und zerfetzen ihn in so viele tausend 
kleine Stücke, dass man heute überall, wo man nur hinblickt, nichts 
als Falsches und Falschheit sieht. Wer es nicht glauben will, der kann 
sich davon überzeugen, wenn er nur die Augen aufmacht; überall wird 
ihm die Falschheit in der Welt entgegentreten. 

(Aufgezeichnet von Dominik Zsid6 in Hertelendyfalva aus dem 
Munde von Csangö-Magyaren die aus der Bukowina in den 80-er 
Jahren nach Südungarn repatriiert worden sind. Herr Zsidö, königl. 
Zollamtscontrollor in Pancsova, hat sich als Betrauter der Regierungs- 
commission erhebliche Verdienste um die südungarischen Csängö-An- 
siedlungen erworben, und auf Anregung des Herausgebers dieser Zeit- 
schrift die günstige Gelegenheit zur Aufzeichnung wertvollen folkloris- 
tischen Materials fleissig benutzt, das er den Ethnol. Mitt zur Verfü- 
gung zu stellen die Güte hatte.) 

(Schhws folgt.) 



Ethnographie. Ethnologie. Folklore. *) 

Von L. Katona. 

(Auszug aus einem Vortrage, gehalten in der Sitzung der Gesellschaft für die Völ- 
kerkunde Ungarns am 11. Janaar 1890.) 

Es ist eine in der Geschichte der Wissenschaften sich oftmals 
wiederholende, sozusagen reguläre Erscheinung, — weil sie zugleich eine 
Folge das natürlichen Ganges der Entwickelung des menschlichen Gei- 
stes ist, — dass neue Wissenschaftszweige gezwungen sind eine Zeit lang 
um ihre Existenz zu kämpfen. Oder, da es — nach der sehr richtigen 
Bemerkung von Wundt, — neue Wissenschaftsfächer im strengsten 
Sinne des Wortes nicht gibt, so können wir berechtigterweise nur 
sagen, dass die neuen Richtungen der wissenschaftlichen Untersuchung 
so lange als Schosslinge eines altern Stammes treiben und wachsen, 
bis sie genügende Kraft, und Lebensfähigkeit erlangt haben, um sich, 
von ihrem Stamme getrennt, selbständig fortzuentwickeln, und dann 
oft. wieder Stämme für neue Schosslinge abzugeben. 

So sehen wir, dass — teils schon im vorigen Jahrhunderte, teils 
erst in diesem — die verschiedenen Philologien sich eine selbständige 
Existenz erobert haben. Und ehe diese Lehrsysteme auch nur halbwegs 
dazu gekommen sind, das auszubauen, wozu ihre in mancher Hin- 
sicht verfehlten, weil auf einer incohaerenten Grundlage aufgeführten 
Baugerüste dienen sollten, — geraten sie bereits auf zwei verschiede- 
nen Seilen in Grenzstreitigkeiten: auf der einen Seite mit der von 

*) S. Ethnograpbia, I. 8. 69. ff. 

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DR L. KATONA 



ihnen sich mehr und mehr loslösenden und immer selbstständiger wer- 
denden Sprachwissenschaft, auf der anderen Seite mit der Ethnologie. 
Die letztere entwickelte sich anfangs in einem engeren wechselseitigen 
Verhaltnisse mit der Geographie und Geschichtskunde, und trat dann auf 
halbem Wege zu der aus der Anatomie und Biologie erwachsenen 
Anthropologie in nähere Beziehung. So schwankte sie an der Grenze 
der Naturwissenschaften im engeren Sinne, und der sogenannten Gei 
steswissenschaften, und neigte sich bald der einen, bald der andern 
Seite zu, je nachdem ihre jeweiligen Pfleger der einen oder der ande- 
ren Schule angehörten. 

Die Frage über die Zugehörigkeit der Ethnologie, über ihren 
eigentlichen Gegenstand und damit im Zusammenhange die Frage über 
die von ihr zu befolgende Methode ist umso verwickelter, je grösser 
die Meinungsverschiedenheiten sind über die Aufgabe und das Gebiet 
jener ßisciplinen, welche mit der selbst noch fraglichen Ethnologie 
teils eng benachbart sind, teils sogar den gleichen Gegenstand behan 
dein. Über Begriff und Zweck der Philologie hat von WolfT angefan- 
gen bis Gröber jeder wirklich beachtenswerte Philologe, den wir da- 
rüber befragen, seine eigene Meinung Es ist wieder eine Bemerkung 
Wundts, dass die Sprachforscher über das Verhältnis ihres Gegen- 
standes zu den übrigen Gegenständen der historischen Forschung durch- 
aus nicht im Klaren seien, so unzweifelhaft bestimmt auch der Gegen- 
stand ihrer Untersuchungen erscheinen möge Schuchardt *) glaubt, 
dass die Sprachwissenschaft überhaupt zu keinem scharf umrissenen 
und unzweideutigen Begriffe von ihrer Stellung im Kreise der übrigen 
Wissenschaften gelangen könne, ehe sie sich von den Namen der „Phi- 
lologie" befreit, der seiner Meinung nach die Verwirrung nur ver- 
grössert. 

Wenngleich nun bezüglich ihres Gegenstandes die Anthropologie 
wenigstens in derselben glücklichen Lage ist, wie die Sprachwissen- 
schaft, insoweit an dieselbe keine Zweifel hinanreichen können. — 
so sind schon darüber, ob die Gesammtheit der an diesem Geg 'nslandc 
beobachtbaren Ercheinungen, oder nur ein Teil derselben in ihr For- 
schungsgebiet gehöre, Meinungsverschiedenheiten möglich, und in 
Wirklichkeit auch vorhanden; sowie auch darüber, wie weit diese 
Wissenschaft den Mensehen auf dem Wege seiner historischen Ent- 
wicklung zu verfolgen habe. Hier stossen wir al^o schon wieder auf 
Controversen, welche jene bezüglich der Ethnologie von uns aufge- 
worfenen Fragen immer mehr verwickeln. 

Unseren, auf eine Lösung dieser Fragen abzielenden Bestre- 
bungen verspricht nur ein Versach Erfolg. Er besteht darin, dass 
wir einerseits von dem gegenseitigen Verhältnisse ausgehen, welches 
zwischen den Gegenständen der hiseiplin und den Arten der Bei räch - 
hing derselben besteht, andererseits von den Merkmalen des allgemei- 
nen Begriffes der Wissenschaft, und so die Stelle der Ethnologie in 

•) II. Schuchardt, Ühor dio LnutßCSftz-. Berlin 1885. S. 37. 

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ETHNOGRAPHIE, ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



dem Systeme der Wissenschaften zu bezeichnen trachten, wenn aus 
den eben angeführten Gesichtspunkten ihr Recht, als eine selbstständige 
Wissenschaft zu gelten, überhaupt erweislich ist. 

Wir wollen aber keineswegs in den bei der Definition von Wis- 
senschaftszweigen oft begangenen Fehler verfallen, und werden uns des- 
halb wol hüten, den Begriff der Ethnologie einfach aus dem Namen 
derselben abzuleiten, so wie das ja mit der Philologie schon zu öfte- 
ren Malen geschehen ist. *) Wir werden das aber im gegenwärtigen 
Falle auch schon deshalb nicht tun, weil das den Gegenstand unserer 
Disciplin bezeichnende Wort., nämlich ethnos, selbst zu jenen Worten 
von Zeit zu Zeit und beinahe von Volk zu Volk wechselnden Sinnes 
und daher fortwährend schwankender Deutung gehört, und unsere De- 
finition somit auf sehr schlüpfrigem Boden sich befände, wenn wir die- 
selbe auf dieser Basis aufbauen würden. Nichtsdestoweniger dürfen wir 
bei der Feststellung dieses Begriffes den historischen Standpunkt neben 
dem rein logischen nicht vollständig ausser Acht lassen Und zwar des- 
halb nicht, weil, so wechselnd wir auch den Begriff dieses Wortes im 
Lpufe der Zeiten finden, wir dennoch sicherlich auf die Spur eines 
gemeinsamen Merkmales slossen werden, das sich gleichsam wie 
ein roter Faden durch all die wechselnden Bedeutungen hindurch- 
zieht, und das uns ein wertvoller Führer auf unserem weiteren W r ege 
sein kann. Das griechische Wort i &vn$ führt - nach der annehmbar- 
sten Etymologie desselben — nach Wegnahme des darin klar erkenn- 
baren Suffixes vog zu der Wurzel i& (das ältere aFe£, die wir auch 
in den Worten os, ij&-og (Sitte, Gewohnheit), iH9eto-$ (traut), et-iod-a 
(bin gewohnt), f£-i£-w (gewöhne) leicht wiedererkennen. Diese Wurzel 
gehört gemäss den Zusammenstellungen von Curtius (Grundzüge der 
griech. Etymologie 251, 4. Auflage) in dieselbe Familie mit den fol- 
genden Worten : sanskrit svadhd (Wille, Kraft, anu svadhä-m nach 
Gewohnheit) gotisch sid-us, althochdeutsch sit-u (Sitte), gotisch sidön 
(üben), ferner lateinisch sue-sc-o, sue-tu-s, consuc-tu-do; das Sanskrit- 
wort sva-dhä weist aber nach der Annahme von Kuhn (Zeitschr. II, 
134 u. ff.) auf die Grundbedeutung „eigenes Tun," durch eine Zerle- 
gung in seine Elemente sva {= griech. f , lat. se) dha (= griech. 
te, deutsch tu-n.). Curtius, der diese Hypothese Kuhn's aeeeptiert, 
und deren beste Bekräftigung in jenen lateinischen Worten findet., die 
hieher gehören und ohne Zuhilfenahme einer anderen Wurzel, direct 
von dem Pronomen suu-s abgeleitet werden können, - sagt im Zu- 
sammenhange mit der obigen etymologischen Zusammenstellung : „ Wie 
könnte die Sitte treffender bezeichnet werden, denn als eigenes Tun, 
eigenes Halten eines Volkes ? u Das griechische t-Sog entspricht demge- 
mäss dem Worte Sitte nicht nur der Bedeutung nach, sondern stammt 
auch von derselben Wurzel, oder — um genauer zu sprechen — von 
denselben zwei Wurzeln, wie das deutsche Wort, und auf dieser Ba- 



•) Vgl. z. B. die Bestimmung des Begriffes der Philologie als „die Wissen- 
schaft vom iöyo?" bei Gröber. (Grundr. d. roman. Philol. I, 146. 8.) 

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DR. L. RATÜNA 



sis können wir auch als ursprüngliche Bedeutung des Wortes t&vog: 
„eine Anzahl von Menschen mit denselben Lebensgewohnheiten und 
einer Sitte 14 annehmen. Jedenfalls ergibt sich aus diesem Worte ein 
tieferer und in unserer weiteren Betrachtung noch in Rechnung zu 
ziehender Begriff, der den wesentlichen Merkmalen des Begriffes Volk 
viel näher kömmt, als das lateinische populus und plebs und das alt- 
slavische pluku (turba, populus). und pleme (tribus). zu welcher Fa- 
milie auch das deutsche Wort Volk, (althochdeutsch fol, folo) gehört, 
und als deren Basis blos die Vorstellung „Menge, Viele" dient. (S. 
Curtius 1. c 277.). Die griechischen Worte laog. dt ; u(K bedeuten eben- 
talls „FoffcV und ist die Verwandtschaft des ersteren mit dem Worte 
„Leute" (ahd. Hut, populus, pl. . liuti, Leute) und dem altslavischen 
ljudn in die Augen fallend, über die Grundbedeutung der Wurzel herrscht 
jedoch bisher Dunkel. (S. Curtius I. r. H64.) Bezüglich des Wortes 
d-üjuoc dürften die beiden, sich nahe berührenden Meinungen von Hugo 
Weber (Etymologische Untersuchungen, Halle 1861. I. 8.) und Fielet 
(Les Origines Indoeuropöennes ou los Aryas primitifs. Paris 1859, 
1863; II. 390.) dennoch nicht ganz zu verwerfen sein, wenn auch 
Curtius (1. c 231.) sie für falsch hält, hauptsächlich wegen des häu- 
figen Gebrauches dieses Wortes bei Homer mit der Bedeutung „Land," 
„Continent" (also „das Zusammenhängende 1 '); denn mit dieser Bedeu- 
tung steht die auf die ursprüngliche Vorstellung „der enger Zusam- 
mengehörenden* zurückführende Etymologie des Wortes d?jiog durch- 
aus in keinem unversöhnlichem Widerspruche. Wenn das griechische 
Wort l\%'0(; auf eine der bedeutsamsten Folgen des Zusammenlebens 
hinweist, so weist auch das in seiner Herleitung ganz klare lat. 
gens und natio, auf den allerursprünglichsten Grund des Zusammen- 
haltens eines Volkes, nämlich auf die gemeinsame Abstammung. (Ebenso 
das gleichbedeutende magyarische Wort nemzet, welches offenbar nach 
dem Muster eines dieser beiden Worte, wahrscheinlicher nach dem des 
ersteren gebildet ist.) Wenn wir schliesslich an das ungarische Wort 
hSp erinnern, und uns einstweilen, in Ermangelung einer plausibleren, 
der Etymologie von Budenz anschliessen (Magyar-ugor összehasonlitö 
szötär 402.), so sehen wir in der Bedeutung desselben: „homines ut- 
riusque sexus" — Menschen beiderlei Geschlechtes, - durchaus keinen 
characteristischeren Zug, als in den lat. Worten plebs und populus. 

Aus unserer bisherigen Untersuchung können wir soviel ersehen, 
dass in den einzelnen, characteristischere Züge zeigenden Fällen zu- 
meist die Vorstellungen des „ Zusammengehörens, v der „gemeinsamen 
Abstammung", der „gemeinsamen Lebensgewohnheiten", der „gleichen 
Sitten" jene sind, welche auf einer gewissermassen schon entwickel- 
teren Kulturstufe als die bezeichnenden Merkmale des Begriffes „Volk", 
oder besser gesagt der „Zugehörigkeit zum Verbände eines Volkes" 
betrachtet werden; während die für eine niederere Stufe zeugenden 
Benennungen noch keine Spur einer eingehenderen Analyse zeigen, son- 
dern nur auf die Vorstellung der „Menge," „Masse," hinweisen, in- 
dem hier diese, eines jeden präciseren Merkmales entbehrende Vorstel- 



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ETHNOGRAPHIE. KTHNOLOGIE. FOLKLORE. 



lung noch genügend erscheint zur Bezeichnung desselben Begriffes, 
oder gar eines noch weiteren Begriffes, entsprechend der unbestimmte- 
ren Begrenzung des Ausdruckes. 

Bevor wir an die genauere Feststellung des Begrifles .Volk", 
und aul Basis desselben an eine regelrechte Definition der Aufgabe 
und des Forschungsgebietes der Ethnologie herangehen, wollen wir we- 
nigstens in Kürze jene vereinzelten Versuche betrachten, die bis in die 
neueste Zeit getan wurden, um den noch dämmerigen Begriff des Volks- 
tums zum Gegenstande wissenschaftlicher Untersuchung zu machen, und 
im Anschluss an diesen Bückblick wollen wir des Weiteren auf jene 
bereits zielbewusslere und systematischere Bewegung in den letzten 
Üecennien unseres Jahrhunderies hinweisen, die sich zur Bezeichnung 
ihres Untersuchungsobjectes und zugleich mit Betonung ihrer, von 
mancher Seite noch immer bestrittenen Berechtigung zu selbständiger 
Existenz, bald des Namens der Ethnographie, oder der Ethnologie, bald 
auch des englischen, in jüngster Zeit gemeingiltig gewordenen Wortes 
folklore bedient. 

Die beiden kultiviertesten Volker des Altertumes, die Griechen und 
die Kömer, denen doch hinreichende Gelegenheit geboten war, solche 
Völker beobachten zu können, die von ihnen an Stammescharacter, 
Sprache, Lebensgewohnheiten und Sitten verschieden waren, haben auf 
diesem Gebiete eine merkwürdige und höchst bedauernswerte Gleich- 
giltigkeit gezeigt. Als lobenswerte Ausnahme kann allenfalls nur Hero- 
dol erwähnt werden, dessen IV. Buch — neben der im 10-ten Ab- 
schnitte der Genesis enthaltenen semitischen (?) Tradiiion, und den 
hierher gehörigen einzelnen Daten der aegyptischen und assyrisch- 
babylonischen Denkmäler, ferner neben den wenigen zerstreuten Be- 
merkungen des Ktesias, Hippokrates, Aristoteles, und aus späterer Zeit 
des Vilruv, Strabo, Julius Caesar und Tacitus, — das Wertvollste ist, 
was das Altertum uns an ethnographischen Daten aulbewahrt hat. Bis 
zu den letzten zwei Jahrhunderten des Mittelalters kam man trotz 
der Kreuzzüge diesbezüglich nicht viel weiter über das hinaus, was 
man aus den zumeist missverstandenen, oder überhaupt unverstande- 
nen Angaben des biblischen Völkerstammbaumes herausbuchstabieren 
konnte. Plan Carpin (um die Mitte des XUI-ten Jahrhunderts) und 
ein wenig später Marco Polo brachten überraschende Nachrichten von 
dem mongolischen Stamme und dessen eigentümlicher Civilisation nach 
Westeuropa. Doch machte erst die grosse Bewegung der Kirchenreforma- 
lion, Hand in Hand mit der Wiedererweckung der Wissenschaften und 
Künste und in ihrem Gefolge die gesellschaftliche und ökonomische 
Umwälzung, welche die Entdeckungen und Erfindungen hervorriefen, — 
in dem so plötzlich erweiterten Gesichtskreise unter anderem auch eine 
von neuen Gesichtspunkten ausgehende Untersuchung des Menschen 
und Menschlichen möglich. 

Beim Wühlen nach alten Münzen und Meilensteinen stösst der 
Spaten hie und da aul riesige Knochen und Petrefacte; anfangs hält 
man die seltsamen Funde natürlich für Reliquien der biblischen Rie- 



DR. L. KATONA 



senvölker Gog und Magog. oder gar für launenhafte Naturspiele: aber 
was verschlägt es?... dem kindlichen Irrtume folgt die allmälig auf- 
dämmernde Ahnung des Richtigeren, und hierauf die Erkenntnis der 
Wahrheit. Aus der freiwilligen Berührung der Archaeologie mit den 
Naturwissenschaften entwickelt sich die Palaeontologie, die dem For- 
scher auch in das Dunkel der vorgeschichtlichen Zeiten hinein einen Leit- 
faden bietet, und die Vergangenheit der Menschheit weit zurück, bis 
in Zeiten, in welche die Gedenkbücher und Traditionen unseres Ge- 
schlechtes nicht mehr reichen, aus der Rinde der Erde herausbuch- 
stabiert. Die im Dienste der Medizin erst nur verborgen, dann aber 
immer freier sich entwickelnde Anatomie enthüllt den wunderbaren 
Organismus des menschlichen Leibes und findet auch die Fäden, ver- 
mittelst welcher der Mensch mit den Wesen niederer Gattung in ein 
verwandtschaftliches Verhältnis zu bringen ist. Die Anthropologie im Verei- 
ne mit der innerhalb der Geographie sich heranbildenden Ethnographie 
gelangte endlich zu den ersten Versuchen einer Einteilung unserer Art 
in Rassen. (Blumenbach: De generis humani varietate nativa. Göttin- 
gen 1776.). Auch die Sprachwissenschaft, die es in der Zwischenzeil 
in dem Lehrsysteme der Philologie zu einer gewissen Selbständigkeit 
gebracht hatte, trägt dazu bei, jenes Gewölke zu verteilen, welches 
die Urzeit des Geisteslebens der Menschheit bedeckt. Der sich immer 
mehr vertiefenden geschichtsphilosophischen Auflassung kömmt auch die 
der französischen Revolution folgende Rcaction zu Gute: den auf den, 
als Übergangsstufe wol notwendigen, aber seichten und sterilen Ratio- 
nalismus folgt als ebenso notwendiger Rückschlag der Romanticismus, 
der bei den aul ihre nationale Selbstständigkeit eifersüchtig gewordenen 
Völkern ein wärmeres Interesse für ihre eigene Vergangenheit erweckt, 
dem die Wertschätzung ihres ursprünglichen Charakters und das Be- 
streben folgt, die Entwicklung dieses Charakters aufzuklären und zu 
verstehen. 

In der Romantik wurzelt auch jenes allgemeinere Interesse für die 
älteren und neueren Äusserungen des Volksgeistes, welches in Deutsch- 
land hauptsächlich mit den Namen der Brüder Grimm, („Kinder und 
Hausmärchen 1 * I. 1812, II. 1815, III 1822. „Deutsche Sagen" 1816 — 
1818. .Deutsche Rechtsalt crlümer' 1828., Deutsche Mythologie" 1835 ), 
— in England aber mit dem mächtigen Einfluss Walter Scotts auf 
den Zeitgeist eng verllochlen ist. („Minstrelsy ol the Scoltish Border" 
1802 — 3.). Den Brüdern Grimm gieng Herder voran („Stimmen der 
Völker in Liedern" mit dem ursprünglichen Titel „Volkslieder" 1778 
—79 ), während Scott in Percy einen Vorgänger hatte, der in sei- 
nen r Reliques of Ancient English Poctry" (1765.) zum eigentlichen 
Führer und Wegweiser für alle bald nachfolgenden Sammler und 
Ordner der „ populär antiquities" wurde. Es ist wol wahr, dass die- 
ses Interesse anfangs und auch später noch ziemlich lange grösstenteils 
ein rein belletristisches war, und sich besten Falles in philologischem 
Geiste äusserte. Deshalb zeigte sich anfangs zumeist nur in dem Sam- 
meln der mündlichen Volkstradition eine erfreuliche Geschäftigkeit, doch 

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ETHNOGRAPHIE. ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



war man vorläufig noch weit davon entfernt, die eigentlichen Quellen 
des Volksglaubens an richtiger Stelle zu suchen und die Bedeutung 
seiner Überreste nach Gebühr zu würdigen. Kein Wunder, wenn der 
litterarische und der romantisch angehauchte philologische Dilletanlis 
mus sich eine erstaunliche Menge von Fehlschlüssen zu Schulden kom- 
men lässt, und besonders in der Verwertung der Märchen und Sagen 
für die Reconstruclion der verwitterten Mythensysleme sowol der al- 
ten wie der neueren Völker einen beinahe noch grösseren Aulwand 
dichterischer Phantasie, als gediegener und von keiner Voreingenom- 
menheit bestochener Gelehrsamkeit geleistet hat. Hiezu kömmt noch 
die auf etymologische Kunstgriffe gestützte mythologische Theorie der 
Romantiker in der Sprachwissenschaft, wie ich sie alle nennen möchte, 
die bei der grossen Gefälligkeit und allgemeinen Beliebtheit ihrer My- 
thendeutungen nur zu oft den augenfälligen Fehler begehn, dass sie in 
ihren geistreichen Erklärungen mit ihrer eigenen dichterischen Divi- 
nation und manchmal sogar mit den unbewussten Folgerungsdisposi- 
tionen ihrer wissenschaftlichen Bildung den mythenbildenden Urmen- 
schen aufs verschwenderischeste bedenken. (Adalbert Kuhn, F. L. 
W. Schwartz, Max Müller, Georg Cox, A. Gubernatis u. s. w.) 
Die Richtigstellung dieses Irrtumes verdanken wir zum Teile Ben- 
fey und den mit wahrem Ameisenfleisse arbeitenden Forschern, die 
seiner Initiative gefolgt sind (Felix Liebrecht, Reinhold Köhler, H. 
Oesterley, D. Comparetti, A. Wesselofsky, E. Cosquin, u. s. w) Diese 
haben die Wanderung und den gegenseitigen Austausch der münd- 
lichen Volksüberlieferung von Schritt zu Schritt verfolgt, und ha- 
ben in ihren mühseligen und eine ausserordentliche Sachkenntnis 
erlordernden Werken nachgewiesen, dass die meisten als mythologische 
Quellen ausgebeuteten Märchen, ja selbst ein gut Teil der localisierten 
Sagen aus der Litteratur solcher Völker übernommen sind, die eine 
vollständig andere Weltanschauung haben oder hatten, — und oft nicht 
einmal aus der volkstümlichen, sondern geradezu aus der KunstWi- 
teratur dieser Völker. Diese Sagen sind also in der Überlieferung des 
Volkes, das sie aufgenommen hat, ein Material ohne jeden organischen 
Zusammenhang, und können solchermassen kaum zur Aufklärung der 
Vorstellungen des Volksglaubens beitragen. Andererseits brachte das, aus 
den sich immer mehrenden Tatsachen der Anthropologie und Ethno- 
logie geschöpfte Räsonnement, bezüglich der Erforschung der volks- 
tümlichen Überlieferungen jene bessere Einsicht, die — nicht eben ganz 
zufällig — ebendort die Wendung zum Besseren inauguriert, wo die schon 
erwähnte einseitige Mythenerklärung ihre grössten Triumphe gefeiert 
hatte. In England bildete sich die sogenannte anthropologische Schule, 
(E. B. Taylor, A. Lang. u. s. w.), welche hauptsächlich durch die Pro- 
paganda der mit ihr auf gleicher Basis stehenden Londoner Folk-Lore 
Society den Stab ihrer Getreuen angeworben hat. Von dieser Gesell- 
schaft gieng auch der erste Versuch aus, die gesammten traditio- 
nistischen Forschungen in ein übersichtliches und möglichst einheitliches 
System zusammenzufassen. Diesem Versuche leistete auch das schon 

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DR. L. KATONA 



erwähnte Wort folklore gute Dienste, indem es ermöglichte, unter ei- 
nem bequemeren Terminus all das zu gruppieren, was bisher unter 
dem lange schwankenden Begriffe und dem nach Belieben dehnbaren 
Namen der „volkstümlichen Altertümer" gesammelt wurde. Dieser 
Terminus verdient, wegen der wichtigen Rolle, die er in der Geschichte 
der Ethnologie spielt, ein w*»nig eingehender besprochen zu werden. 

Sein Schöpfer ist W. J. Thoms, der in einem am 22-len Au- 
gust 1846 im Londoner „Athenaeum" abgedruckten, mit dem Pseudonym 
Ambrose Merton gezeichneten Artikel die .Sammlung der volkstüm- 
lichen Überlieferungen („Populär Antiquities. Populär Literature") ur- 
giert. Dort empfiehlt er das Wort Folklore (oder Folk-Lore, wie es ihm 
folgend die meisten Engländer auch heute noch schreiben) als zusam- 
menfassenden Namen für alle jene Gegenstände, welche — als wie im- 
mer geartete Aeusserungen des Volksgeistes, und als in welcher Bezieh- 
ung immer charakteristische Erscheinungen des Volkslebens — zu dem 
Materiale der Ethnologie gehören, ohne dass in ihnen das ungemein 
weile Forschungsgebiet derselben vollständig abgegrenzt wäre. Dem 
genannten (.'.orrespondenten des englischen Wochenblattes sind die bei- 
den oben erwähnten, einander ergänzenden Ausdrücke ungefähr gleich- 
wertig mit der neuen Benennung: um aber den Begrillskreis des em- 
pfohlenen neuen Wortes genauer zu präcisieren, züli er die zum In- 
ventar des Kolklore gehörigen Gegenstände nach folgenden Kategorien 
auf: Gewohnheiten, Überlieferungen, Sitten, Aberglauben. Volkslieder, 
Sprichwörter (manners, customs, observances stiperstitions, ballads, 
proverbs). Er berührt also nur einen Teil jener Gegenstände, die wir 
nach dem in der wissenschaftlichen Welt allgemein aeeeplierten und 
sozusagen internationalen übereinkommen unter diesem Ausdrucke 
zusammenlassen, ich sage „international", weil das vor ungefähr einem 
halben Jahrhunderte in den Spalten des „Athenaeum* aufgetauchte 
Wort bald darauf gemeingiltig und auch beinahe überall heimisch 
wurde, wo man dem Studium des Volkslebens Wichtigkeit beilegte, 
und dessen unaufschiebbare Dringlichkeit und Notwendigkeit einsah. 

Das Wort Folklore ist eine regelrichtig gebildete Zusammensetzung 
aus den angelsächsischen Worten folk (gens, Leute) und lore (science, 
savoir, doclrine; Lehre, Kunde, Kenntnis.) Nebst seiner Kürze und 
Weiterbildungsfähigkeit haben dem Worte besonders die folgenden 
Hauptvorzüge zur weilen Verbreitung verhüllen. Einerseits lässt sich 
dieser Terminus anderen Sprachen sehr leicht anpassen, andererseits 
weicht das Wort lore in einer charakteristischen Bedeutungsnuance ab 
von den Worten science und Uterature, welche verwandle Bezeichnun- 
gen sind. Das Wort lore hebt eben mit präciser Kürze jenen Unter- 
schied hervor, welcher die Kenntnis und die Wellansicht eines Volkes 
gegenüber der im eigentlichen Sinne des Wortes genommenen Wissen- 
schalt, in einer eigentümlichen und auf den ersten Blick aullallenden 
Weise qualifiziert, so wie es auf anderer Seite die vorwiegend in der 
mündlichen Überlieferung lebende Volksdichtung, die nur mit Vorbe- 
halt Litteratur genannt werden kann, der Kunstlitteratur gegenüberstellt. 

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ETHNOGRAPHIE ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



Wenn wir die Unterscheidung auf dieser Basis weiter führen, so können 
wir in dem Worte lore des weiteren noch eine sehr geeignete Bezeich- 
nung sehen für alle jene Äusserungen des Volksgeisles, welche in 
Folge der Vererbung gleichsam instinctmässig geworden sind, und eben 
deshalb in dem Entwicklungsgange des Seelenlebens unseres Geschlech- 
tes einstmals einen allgemeinen, heute aber nur mehr einen teils schon 
überwundenen Zustand und eine überschrittene Daseinsstufe darstel- 
len, gegenüber jener Denk-, Fühl- und Handlungsweise, welche auch 
heute nur Eigentum einer sich geistig stark hervorhebenden und sehr 
weit vorgeschrittenen Minorität ist, und selbst bei dieser Minorität 
noch fortwährend mit Gedanken, Gefühlen und Neigungen einer älte- 
ren Entwicklungsstufe durchsetzt erscheint. 

Der Folklore muss also, wie wir dieses schon gesagt haben, mit 
der, weiter unten detaillierten Gesammtheit seiner Gegenstände in die 
Ethnologie eingefügt werden. Diese beiden Begriffe sind also durchaus 
nicht gleichwertig, wie man etwa — durch das Zusammentreffen des 
Wortes folk (und noch mehr des formell vollkommen entsprechen- 
den, aber begrifflich ein wenig abweichendem deutschen Volk) mit dem 
griechischen ethnos und des Wortes lore (Lehre) mit dem griechischen 
logia verleitet — glauben könnte. Das deutsche Wort Volkskunde, mit 
welchem bald das eine bald das andere bezeichnet wird, bezeichnet 
richtigerweise nur das Erstere, das Zweite können wir nur mit den 
Worten : Kunde vom Volke (und nicht Kunde des Volkes) übersetzen, wel- 
ches nach der Analogie solcher Zusammensetzungen wie : Erdkunde, Pflan- 
zenkunde u. s. w., gebildet ist. Am zweckmässigsten erscheint es, wenn 
wir die ausserordentliche Malerialmenge, welche zum Ganzen der Kunde 
vom Volke gehört, und die körperlichen so wie die seelischen Eigen- 
tümlichkeiten des Volkes, alle Äusserungen des Volksgeistes und sämmt- 
liche formelle und materielle Erscheinungen des Volkslebens umfasst, 
unter den hiemit schon umschriebenen Begritt der Ethnologie verweisen, 
und aus dieser Materialmenge in den engeren Kreis des Folklore (Volks- 
kunde im engere Sinne) nur jene Gestaltungen und Emanationen der 
Volksseele aufnehmen, die an die Überlieferung als an ihre Lebensvo- 
rausselzung geknüpft sind, und zwar wesentlich und in erster Linie 
nur an die mündliche Überlieferung. 

(Schluss folgt.) 



Türkisehe „Gedankenlieder* aus Ada-Kaie. 

Von Dr. Ignaz Kunos. 

Eine der reichsten Abteilungen der türkischen Volkspoesie ist 
die der Gedanken- oder M&ni-Lieder. Diese Lieder bestehen aus vier 
Zeilen und geben zumeist einen auf die Liebe Bezug habenden Ge- 
danken wieder. Mdni heisst „Bedeutung" und mdtti atmak „mäni 

il 



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DIU IONAZ KÜMOS 



werfen" heisst ungefähr soviel, wie seiner Angebeteten ein bedeutungs- 
volles Wort zuwerfen; es geschieht dies selten direot, sondern fast 
Stets im Vorbeigehen oder Vorüberfahren. Jedes Mdni enthält auch ein 
nijet, eine Prophezeiung, und ernstlich Verlieble glauben an das ihnen 
zugeworfene nijet als n ein kräftiges Amulet. 

Der Tag, an dem die meisten Mdni geworfen werden/ ist der 
erste Frühlingstag, Hidrellez, der ja auch bei den orientalischen Christen 
als heiliger Georgstag in grossen Ehren steht. Obwol diese Sitie von 
den Türken verspottet Und missbilligt wird, verfehlen trotzdem die 
türkischen Frauen nicht, sich am Vorabende des Hidrellez in dem 
geräumigen Hofe eines Hauses in einem der Siadivierlel zusammenzu- 
finden, um hier, vor männlichen Augen geschützt, aus Afdut-Liedern 
ihre Zukunft zu erforschen. Zu diesem Behufe wirft jede anwesende 
Frau irgend ein Pfand, einen Ring, einen Handschmuck oder derglei- 
chen in einen grossen Topf, der dann fest verbunden und unter ei- 
nem Rosenstrauch vergraben wird, nicht ohne vorher mit roten Tü- 
chern oder Bändern umwunden zu werden, da die rote Farbe bei 
Heiratsangelegenheiten glückverheissend ist. In Anatolien werden die 
Liebespfänder anstatt in einem Topf auch in einem Backofen versteckt. 

Alles dies geschieht am Vorabende. Am Morgen des ersten Früh- 
lingstages versammeln sich die Frauen zum zweüenmale. Der Topf 
wird ausgegraben und von einem weissgekleideien, unschuldigen Mäd- 
chen geöffnet. Nach einem jedesmaligen Bismillah (Im Namen Goltes) 
greift die Jungfrau in den Topf und nimmt einen der darin geborge- 
nen Gegenstände in die Hand, jedoch so, dass ihn keine der anderen 
Frauen sehen kann, und nun singt der Reihe nach eine jede der Frauen 
ein bedeutungsvolles Mdni-Ued. Dann öffnet die Jungfrau ihre Hand, 
zeigt den darin verborgenen Gegenstand und gibt denselben ihrer Ei- 
gentümerin zurück, die natürlich sehr erfreut ist, wenn ihr Mdni eine 
günstige Zukunft prophezeit hat und tief belrübt ist, wenn ihr Böses 
bevorsteht. Junge Mädchen, welche trotz mehrmaliger Mitfeier des 
Hidrellez ihren Kismet noch nicht gefunden haben, binden sich am 
Vorabend auch ein grosses Vorhängeschloss in die Haare, welches sie 
dann am anderen Morgen vor Beginn der Feierlichkeit aufschliessen. 

Eine andere Gelegenheit zum Singen der Jf/m'-Lieder bieten die 
langen Winterabende. Am LoJbna-Abend (lokma ist eine süsse, runde 
Mehlspeise) versammeln sich die Frauen mit ihren Mdni-torbasy, klei- 
nen Siickchen, angefüllt mit Papierstreifen, auf denen Üfdni-Lieder auf- 
geschrieben stehen. Dann wird je eines der Afdni-Lieder gezogon und 
derjenigen vorgesungen, welche einen Blick in ihre Zukunft machen 
will. Nicht selten erfolgt von Seite dieser letzteren eine gesungene 
Antwort, da viele der AMni-Lieder aus einem Paar, aus Apostrophe 
und Antwort, bestehen 

Wie schon erwähnt, beschäftigt sich der Inhalt dieser Lieder am 
häufigsten mit Liebesangelegenheiten, doch enthalten sie auch manch- 
mal rätselhafte Fragen, auf welche dann mit Improvisationen geantwortet 
wird. So zum Beispiel wird von einem Burschen, um ihn zu probieren, 



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TÜRKISCHE OEDANKENMEDER. 



ob er wirklich ein guter 3/(in» -Sänger ist, verlangt, dass er sieben 
Früchte besinge, und als Antwort darauf erfolgt dann die (llorification 
dieser sieben Fruchte als Liebessymbole, der Aprikose als Kuss, der 
Orange als Brust u. s. w. 

Was ihre Classifioalion anbelangt, bilden die Mdnf* mit den 
Türk&s zusammen die eigentlichen Volkslieder und sind nicht met 
risch, sondern rhylhmisch gebildet. Sie haben sieben oder acht Sil- 
ben (4 4 oder 4 -+- 3), welche durch eine Ciisur in vier und vier 
oder vier und drei Silben geordnet werden. Der Reim befindet sich 
am Schlüsse der ersten, zweiten und vierten Zeile und ist zumeist ein 
weiblicher Reim. Auch kommt es vor, dass Türkffa aus zusamraenge- 
reihten JASnt-Liedern. denen dann ein gemeinsamer Refrain beigege- 
ben wird, zusammengesetzt werden. 

Folgende Mani-Lieder aus meiner reichen Sammlung, die ich auf 
Anregung des Herausgebers dieser Zeitschrill in Ada-Kaie, dieser Nie- 
mandsinsel der untern Donau angelegt habe, und die ich in einer grös- 
seren Monographie über Ada-Kaie veröfTeni liehen werde, sind auch 
aus einem der oben erwähnten Mani-Säckchen. Als Probe, wie ein Mani 
dein andern anworlel, diene das folgende: 



Jaz gününde buz-me-sen. 
kare me-sen, kez-me-sen ? 
den j:edse geledsejim, 
hanende jalnez-me-sen? 

Die Antwort lautet: 

Jaz gününde buz-um ben, 
kare dejl-im kez-em ben; 
eger gelcdsek isen, 
erken gel jalnez-em ben. 

Als Probe einer Rätselfrage 

Manidsi mani gelir, 
manima mani gelir; 
pek ustad manidsi-sin. 
jedi türlü mejve gelir. 

Die Antwort lautet: 

Elma, armud, zordali, 
dalda biter äefluli , 
narle lurunc pek güzel, 
ejva dalen ejmeli. 



Willst du Eis im Sommer sein? *) 
Bist du Frau, bist Mägdelein? 
Heute Nacht will ich zu dir: 
Bist du wol im Haus allein ? 



Eis will ich im Sommer sein; 
Bin nicht Frau, bin Mägdelein! 
Wenn zu mir du kommeti willst, 
Zeitig komm, ich bin allein! 

diene : 

Mani-Sänger Mani sing"! 
Auf mein Lied ein Lied erkling' ! 
Bist ein Mani-Meister du, 
Früchte siebnerlei mir bring ! 

Apfel, Birne, kleine Pflaum', 
An dem Ast der Pfirsich Flaum; 
Schön Granate, Goldorange, 
Bieg' den Zweig vom Quiltenbaum. 



•) Die Übersetc angen sind von A. H. improvisiert. 



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DR. IGNAZ KÜNOS 



Nun eine längere Reihe 

Keten gömlek ela du*, 
gelin sevmek bela dir; 
severseniz kez sevin, 
alenmadek kala dir. 

Keten gömlek dizde dir, 
jar bu gedse bizde dir; 
jedi je! gelin sevdim, 
Simdi gönlüm kezda dir. 

Keien gömlek iki kat. 
gel birini bana sat; 
anan baban dujmadan, 
gel bu gedäe bizde jal. 

Mani kitabcn aftem 
mani bilmedim saStem; 
bir ajagen üstüne 
binbir mani söjleölim. 

Dere boju keslane, 
gülge vurmu§ üstüne; 
varen dejin dosluma, 
evlenraesin üstüme. 

Ilana bak elana, 
indse bele dolana; 
bej jareme kajb eltim. 
jüz bin alten bulana. 

Askerlikte talim var, 
bir gemidsi jarem var; 
§11 dsihanda gülmedim, 
ne talisiz basem var. 

Kara kara kazannar, 
kara jazö jazannar; 
ejlik jüzü görmesin, 
arameze bozanlar. 

GüverdSini ucurdum, 
konde dseviz dalena; 
bu dsanem kurban olsun, 
jaren selvi bojuna. 



gewöhnlichen Mani-Vierzeilen : 

Leinenhemd ist buntgefärbt, 
Frauenlieb macht Herzen krank ; 
Lieb' nur eine Maid, sie ist 
Eine Burg, die niemand zwang. 
Leinenhemd blinkt auf dem Knie. 
Bei uns schläft das Mädchen heut ; 
Sieben Jahr' liebt' ich 'ne Frau, 
Jetzt gehört mein Herz der Maid. 

Leinenhemd zweifaltig ist: 
Komm, verkauf 1 das eine mir; 
Vater, Mutter wissen's nicht, 
Nimm die Nacht bei uns Quartier. 

Konnte keinen Mani-Spruch, 
Las umsonst im Mani-Buch, 
Sing' nun steh'nd auf einem Fuss 
Tausendeinen Mani-Spruch. 

Die Kastanie steht im Tal, 
Dorfen ist es schattenvoll; 
Geht und saget meinem Schatz, 
Dass er nicht heiraten soll! 

Sieh die Schlang', die Schlange an, 
Wie sie schlank sich windend schlingt ; 
Hunderttausend Goldstück' dem, 
Der' s verlorne Lieb mir bringt. 

Habe Glück beim Militär, 
Mein Geliebter ist Matros; 
Nie lacht ich mein Leben lang, 
War stets glück- und freudenlos. 

Kessel, Kessel, schwarzberusst; 
Schreiber schreiben schwarze Schrill; 
Der mich vom Geliebten schied, 
Den gewiss kein Glück mehr trifft! 

Meine Taube Hess ich frei, 

Flog in Nussbaums Zweige weit; 

Meine Seel' ein Opfer sei 

Dem Cypressonwuchs der Maid! 



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TÜKKI8CHK OKDANKENUEDKR. 



Bugün günlerde pazar. 
kjatibler okur jazar; 
senin gibi güzeli, 
evlija görse jazar. 

Geminin basenda-jem. 
oniki jasenda-jcm; 
onikisinden berü 
jar senin pesinde-jim. 

Kar jagar dolcib dolab, 
«•evrilir siSle kebab; 
baklern jaren jüzüne, 
sandcm dogmus mahilab. 

Malimur mahinur bakarsen, 
jüregimi jakarscn ; 
ne kücük-sün ne büjük, 
tamam bana karar-sen. 

Baklern jaren jüzüne. 
ujku gelmez gü/.üme; 
jar pesinde gezmekten, 
seze indi dizimc. 

Hu baga bir gül gerek, 
gül üslüne bülbül gerek; 
sendsilejin sultima, 
bendsilejin kul gerek. 



Dieser Tag ein Sonntag ist, 
Jeder Schreiber schreibt und liest ; 
Auch ein HeiTger schrieb 1 dich aul, 
Sah' er dich, wie schön du bist. 

Bin am Schiffe vorne ganz; 
Alt bin ich zwölf Jahre nur, 
Und seit meinem zwölften Jahr' 
Folge ich des Madchens Spur. 

Sieh, der Schnee fällt dicht u. dicht; 
An dem Spiess der Braten brät; 
Sah dem Mädchen ins Gesicht, 
Glaubte, dass der Mond aufgeht. 

Schläfrig schauest du auf mich, 
Und im Herzen brenne ich; 
Nicht zu klein und nicht zu gross, 
Passest du gerad für mich. 

Sah dem Madchen ins Gesicht, 
Schlafen kann ich deshalb nicht; 
Lief so lang dem Mädchen nach, 
Dass es mich im Knie nun sticht. 

Garten eine Bose braucht, 
Rose eine Nachtigall ; 
Einer Sultansmaid, wie du, 
Ziemt, wie ich bin, ein Vasall. 



Ein chinesischer Gebrauch bei den Armeniern 

Sehr viele Gebräuche haben die heuligen Armenier in ihrem 
Hauplsiize, in Ilocharmenien bewahrt, welche für den Forscher höchst 
interessant sind um so mehr, weil sie auf ein graues Altertum hin- 
weisen, dos in der Lebens- und Anschaungsweise der Bewohner Hoch- 
armeniens bis auf den heutigen Tag sich wenigstens teilweise erhalten 
hat. Im folgenden will ich eines sonderbaren Gebrauches der Armenier 
gedenken, der seinem Ursprünge nach sehr alt und von China aus 
nach Armenien eingewandert ist, wie ich dies durch altclassisehe ar- 
menische Schriftsteller bestätigt finde. 

Heutzutage ist es an vielen Orlen, besonders aber in Khotord- 
j ur (Hoch- Armenien) gebräuchlich, kleinen Kindern das Haupthaar 

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PATER O. MENE VISCH EAN 



über der Stirne und am Hinterhaupte gänzlich abzuscheren, so 
dass mit der Zeit es bei vielen eine unbedingte Notwendigkeit ist, um 
die Stirne vom Haarwuchs frei zu halten, immer das Schermesser 
bei sich zu tragen. Eine sehr alte historische Erwähnung wird hiemit 
bestätigt. In der Geschichte Fausti von Byzas (V. Jahrh. n. Chr.) 
wird nämlich erzählt, dass der Stifter eines mächtigen Generalats 
(zorav arutheann sparapetuthiün) aus Lhina wegen des 
viel vergossenen Blutes (zi ariun metz ankeal c i vera) 
nach Armenien geflüchtet und wegen seiner Tapferkeit von den ar- 
schakänischen Königen freundlich aufgenommen sei ; von einem Nachkom- 
men desselben wird dabei erzählt, dass er gegen die Erlaubnis seines 
Generals und Hausherrn geheim in den Krieg mitziehen wollte; als 
dies der General erfuhr, nahm er eine Peitsche zur Hand, und fieng an 
auf den geschorenen Kopf des Ungehorsamen ordentlich loszuhauen; 
und „nach der Religions-Sitte der Armenier, wie es ge- 
bräuchlich war die Köpfe der Kinder (zu scheren), so war 
in jener Zeit auch der Kopf des Kindleins Artavasd gescho- 
ren, (und in der Mille) ein Haar zopf gelassen" est kronits ffawts' 
Orpis ortn fr' ezglüch manktvöjn söjnpes i iatnanakin gertzeal er üzgluch 
mankdnn Artavazdd jev tsetsuns *'r thöghedl ev gts ardzakeal. (Byz. 
IV. Buch, Cap 43. S. 253.) Der Gebrauch dieser eigentümlichen Haar- 
tracht der heuligen Armenier bestätigt die Erwähnung des Historikers, 
dass nämlich ein Chinese nach Armenien eingewandert sei, dessen 
Name Mamikonean (aus Mam-Kun) wol auf einen chinesischen Ur- 
sprung deutet. Von diesem mögen also die Armenier diese eigentüm- 
liche Sitte geerbt haben. 

Wim. 

Pater G. Menevischean. 



Die Baba Dokia-Sage und die mit ihr zusammenhängenden 

Volksgebräuche in Rumänien. x ) 

Von Andreas Veress. 

Mit Bezug auf Dr. Athanasius Marienescu's Aufsatz: „Baba Do- 
li;» u a ) teile ich hier alles das mit, was ich hier in Rumänien drauf be- 
züglich vernommen habe. Der Mythos selbst ist in Rumänien sozusa- 
gen ganz unbekannt. Es ist zwar richtig, dass der Volksglaube die 
versteinerten Gestalten dieser Sage in die Moldau auf den Pion und 
Calo-Berg versetzt, ja in der Moldau, gibt es sogar ein Dorf Lunca 
Dochiei, aber dies alles ist so lokal begrenzt, dass diese Sage kaum 

«) Ethnotjrajihia I. 4. IM. S. 11)4—197. ») Vgl. Anzeiger der Gesellschaft für 
di* Völkerkunde Ungarns, I 1. Heft S. 12-17. 

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DIE BABA DOKIA- SAGE. 



über die Grenzen der nächsten Umgebung geschritten ist. Ich habe 
mehrere interessante Sammlungen rumänischer Volksdichtungen durch- 
gelesen, ohne dabei auch nur eine Spur von dieser mythischen Sage 
zu finden. Wenn auch dieser Mythos in Rumänien und selbst in Un- 
garn gar wenig und nur an einzelne.i Orten bekannt ist, so ist desto 
verbreiteter der mit ihm zusammenhangende Gebrauch. Am ersten 
März nämlich behängt sich die walachische Bevölkerung Rumäniens 
mit einem Talisman. Dieser heist martzisor, so genannt dem Monat 
März zuliebe, in dem er eben eine Rolle spielt, oder vielleicht nach 
dem Martzisor der Baba Dokia-Sage so benannt, in welch letzterem 
Falle dann das Volk doch noch eine Reminiscenz an den ihm nun 
unbekannten Mythos aulbewahrt hätte. In Rumänien besteht dieser 
„martzisor« genannte Talisman aus einer kleinen herz- oder kreisför- 
migen Medaille, auf deren einer Seite „erster März" geschrieben steht, 
während auf der andern Seite des Frühlings Ankunft bedeutende 
Schwalben und Rosen geprägt sind. Solche Medaillen werden jedes 
Jahr mit der betreffenden Jahreszahl aus Messing und auch aus Sil- 
ber und Gold gepresst. Ein Bukaresler Schmuckhiindler verkaufte heuer 
auch aus Glas geformte „martzisor", in deren convexer Mitte zu 
meiner Ueberraschung die Baba Dokia auf einem Berge neben einer 
Kapelle zu sehen war, angetan mit einem roten Ledermantel (kosok) und 
neben ihr 9 (im Banal und nach Marienescu's Mitteilung 12) erfrorene 
Schafe: alle mit greller Farbe gemalt. — Schon Mitte Februar be- 
ginnen die Kinder in den Gassen die billigen Martzisore zu ver- 
kaufen, die sie an einen Stab zu 20—30 Stück gereiht mit den Wor- 
ten feilbieten : 

„ Nationale Martzisore. 

Schön von Herrn und Fraun getragen". 
Am ersten März hängen die Frauen aller Stände solche Martzi- 
sore an ihren Hals, während dieselben von den Männern an das Hand- 
gelenk gebunden werden. Der sie den ganzen Monat hindurch trägt, soll 
von der Sonne nicht gebräunt werden. Die auf den Martzisoren sicht- 
baren Schwalben erinnern uns an den Frühlingspruch der magyari- 
schen Maide. die sie beim Sehen der ersten Schwalbe herzusagen pfle- 
gen: „Schwalbe seh' ich, Sommersprossen ! ) wasch' ich" (Feeskit Id- 
tok. szeplöt mosok). Mit Ende März wird der Martzisor an einen Ro- 

«) Dem siebenbürgisch-säcbsischcn Volksglauben gemäss ist das Scbneewasser 
im März gesammelt, ein «bewährtes« Schönheitsmittel und dient besonders zur Ver- 
treibung der Sommersprossen. 

Herrmann, Ethnologische Mitteilungen. 57 Ö 



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DR. L. KäTHY 



senstrauch gebunden, damit der oder die betreffende Person schön wie 
eine Rose werde. Also auch hier ist Martzisor das Sinnbild de» Früh- 
lings, der erwachenden Natur and der Reinheit. 

Die von Dr. Ath. Marienescu erwähnten „nabele "-Tage begin- 
nen in Rumänien am 1. März und dauern 9 volle Tage hindurch, die 
der hiesigen auf Baba Dokia bezüglichen Reminiscenz gemäss wohl 
ihren 9 Schafen entsprechen. Die Frauen bestimmen unter sich für 
jeden dieser Tage eine baba (alte Frau) und wie an diesem Tage das 
Wetter eben ist (trüb, klar, wolkig u. s. w.), so wird auch die Seele 
der betreffenden Person das ganze Jahr hindurch sein. Den neunten 
Tag nennt man mutenit (nach der Benennung der 40 Märtyrer, und 
stampft an diesem Tage die Erde mit Holzpflöcken, damit die Wärme 
herauskomme und die Kälte hineingetrieben werde. — Was nun die Anna 
Perenna anbelangt, so schmückten die Römer an ihrem Feste, am 1. 
März oder eben an ihrem Neujahrstage, den Altar der Göttin und ihre 
eigenen Häuser mit Lorberzweigen. Diesem römischen Gebrauch soll 
— nach Obodescu und Teodorescu's l ) Bericht — die rumänisehe Sitte 
entstammen, die Häuser am Palmsonntag und besonders am Georgitage 
mit Weidenzweigen zu schmücken. Ein Nachhall dieses römischen Festes 
und ein Ueberbleibsel des der Anna Perenna geweihten Lorbers soll auch 
die rumänische sorkova sein, eine mit Papierblumen und Silberfaden ge- 
schmückte Rute, mit welcher am Neujahrstage die Dortkinder der Ru- 
mänen von Haus zu Haus gehen und jedes Familienglied mit dersel- 
ben gelinde berührend, demselben Glück und Wohlergehen wünschen. *) 



Trajan-Decebal-Traditionen bei den Rumänen. ') 
Von Dr. Ladislaus Rithy. 

Dass zwischen der einstigen römischen Bevölkerung Daciens und 
den heutigen Rumänen diesseits der Donau weder ein geschichtlicher, 
noch ein sprachlicher Zusammenhang besteht, hat die Sprachwissen- 
schaft entgiltig bewiesen. Trotzdem hält die Sprach- und Geschichtsfor- 
schung der Rumänen zäh an dieser Lehre. Wie naiv bei der Erhär- 
tung derselben auch von Leuten wissenschaftlicher Kreise vorgegangen 
wird, dazu diene als kleiner Beitrag ein Aufsatz der von Hr. Corwc- 



l ) S. G. Dem. Teodorescn, Incercäri critice asupra unora crediote, duine si 
moravuri (Bucuresci 1874.) S. 64 mit einem Vorwort von Obodescu 

*< Ein auch unter den siebenbflrgiscben Szeklern weitverbreiteter Gebrauch ; 
am 8 Christtag (Tiengen die Kinder mit der sogenannten «Davidsrute» (Aprd-Sxentek) 
von Haus zu Haus. 

») Ethnograph in, I. 3. Hft. S. 144—150. 



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TRA J AN- DEC'EHAL-TRADITIONEN BEI DEN RUMÄNEN. 



Uus Diaconovich herausgegebenen „Romanischen Revue" (7. Heft, Jahrg. 
1887), *o bei Gelegenheit einer Besprechung der unter dem Titel „Durch 
die Jahrhunderle" erschienenen Erzählungen von Carmen Sylva, der 
rumänischen Königin, erwähnt wird, dass neben vielen andern histori- 
schen Volksliedern, die Dichterin auch eine Volksballade: „Decebal's 
Tochter* in Prosa bearbeitet habe. Da heisst es denn nun in der 
r Romanischen Revue" (1887. VII. S. 344): „Diese im Volksmunde, 
im verstecktesten Dorfe lebende kleine Geschichte von Decebal's Tod 
und dem Falle Sarmizegetusa's hat heute nebst ihrer Schönheit auch 
noch einen besonderen historischen Wert, da sie allein schon hinreicht, 
die Errungenschaften der magyarischen Geschichtsforschung, welche 
auch jüngst wieder zwischen den Romänen und dem ehemaligen Da- 
cien jeden Zusammenhang leugnet, ins gehörige Licht zu stellen." 
Dies klingt nun gar hübsch, aber wie heisst denn dieses „versteckte 0 
Dorf? und wie lautet der Originaltext dieser Ballade? Wir glauben, 
dass die rumänische Akademie, wenn diese Ballade überhaupt existiert, 
dieselbe schon längst mit eingehendem Apparat publiciert hätte. 

Wie nun solche „ Volksballaden 4 entstehen und » gesammelt" wer- 
den, darüber gibt Carmen Sylva selbst Auskunft, indem sie uns ein 
mit dem rumänischen „ Dichterkönig - , Alessand ri, dem vielbewunder- 
ten Sammler rumänischer Volksdichtungen, geführtes Gespräch mitteilt. 
Im Laufe dieses Gesprächs nun gibt Alessandri der Königin Auskunft 
über sein Verfahren beim Sammeln von Volksdichtungen, und erklärt 
rund heraus, dass er, wenn er nur ein Bruchstück vorfinde, dasselbe 
selbst ergänze, d. h. den fehlenden Teil hinzudichte. So habe er auch 
z. B. zur Ballade „Stefanicza Voda u die fehlenden zwölf Verse hinzu- 
gedichtet. Nun aber welch' Wunder geschah ! erzählt Alessandri weiter : 
Bei einer Gelegenheit habe er in der Ferne Soldaten singen gehört. 
Als er zu ihnen kam und sie nach dem Liede fragte, djs sie so- 
eben gesungen, haben sie auf sein Ansuchen eben die Ballade „Ste- 
fanicza Voda tf hergesagt und zwar mit den von ihm (Alessandri) hin- 
zugedichteten zwölf Versen. Der Dichter fragte sie nun, von wem sie 
dies Lied gelernt haben. „Von meinem Vater !• lautete die Antwort. 
„Kannst du lesen!" fragte der Dichter. „Nein", war die Antwort. „Und 
von wem hat dein Vater es gelernt!" forschte der Dichter weiter. „Von 
seinem Vater!" antwortete man ihm 

Ich meinerseits werde nicht im Geringsten staunen, wenn es nun 
heute oder morgen heissen wird, dass die langgesuchte Ballade «Trajan 
und Decebal" im Volksmunde irgendwo in Rumänien lebt. Der glück- 
liche Entdecker kann dann den betreffenden Sänger ebenfalls fragen: 
.Von wem hast du dies Lied gelernt?" — .Von meinem Vater!" wird 
auch er zur Antwort erhalten. Fragt er dann weiter: „Und von wem 
hat dein Vater es gelernt?" — „Von seinem Vater!" wird er dann 
ebenfalls zur Antwort bekommen. Und dann wird freilich ein Nach- 
komme der „Romänischen Revue * der erstaunten Welt mitteilen, dass 
die berühmte Ballade ..Trajan und Decebal" entdeckt worden sei. die 
nun die ungarische Geschichtsforschung in „gehöriges Licht" stelle. 



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GRAF GEZA KLTN 



Schatzgräber und Bergleute. l ) 

Von Graf Giza Kuttn 
(Vergelegt der Vortrags-Sitiung am 22. März 1890.) 

Aus der Astrologie ist die Astronomie, aus der Alchimie ist die 
Chemie entstanden, das Suchen nach edlen Metallen und Schätzen aber 
hat schon im Altertum die mineralogischen und geologischen Kennt- 
nisse vermehrt und auch auf die Geschichte der Archaeologie einen be- 
deutenden Einfluss ausgeübt, was sich seit dem Mittelaller bis auf 
unsere Tage herab durch unerwartete Resultate zahlreicher Forschun- 
gen beweisen lässt. Wahr ist es. dass die Archaeologie durch den Zu- 
fall mit neuen und immer neueren Funden bereichert wird ; aber auch 
die Schatzgräberei selbst ist mit Rücksicht auf ihren unerwarteten 
Erfolg, ein Zufall zu nennen. Die Geschichte des Forschens nach edlem 
Metall und nach Schätzen ist ebenso alt, wie die der Cullur unseres 
Geschlechtes, und ist auch in die Mythologie der meisten Völker einge- 
drungen. In der Heroenzeit des hellenischen Altertums spielen das gol- 
dene Vliess und die goldenen Aeplel der Hesperiden eine grosse Rolle; 
und nicht nur die Gothen und Römer vergruben ihre Schätze, wenn 
der Feind sich näherte, sondern dies geschah bei solcher Gelegenheit 
zu allen Zeiten. Diese Schätze brachte dann nur der Zufall oder die 
Forschungen der Schatzgiäber ans Tageslicht. Dass die Schatzgräber 
bei ihrem Geschäft gewisse abergläubische Formalitäten beobachten, ist 
selbstverständlich. In Steiermark und auch an anderen Orten nehmen 
sie eine Haselrute, die sie mit den beiden Enden an dem Orte, wo 
sie einen Schatz vermuten, halbkreisförmig in die Erde stecken ; schnellt 
nun die Rute mit beiden Enden empor, so ist an dem betreffenden 
Orte ein Schatz vergraben. In Ungarn sind die diesbezüglichen aber- 
gläubischen Gebräuche noch nicht gesammelt *) und Zweck dieser meiner 
Zeilen ist es, hierauf aufmerksam zu machen, obwol wir nur eine 
spärliche Lese haben werden. 

Das magyarische Volk selbst hat sich zu keiner Zeit mit Vor- 
liebe mit dem Bergbau beschäftigt, und schon die Könige aus Arpäd's 
Hause verpachteten die Bergwerke an Fremde, die Deutsche beim Berg- 
bau verwendeten. Trotzdem standen die Magyaren nicht nur in den 
Karpaten und in Siebenbürgen, sondern schon in ihrer Urheimat am 
Altai-Gebirge und im Ural in fortwährender Berührung mit Bergleuten, 
und es ist denn kein Wunder, wenn Perceptionen der subterraneen 
Mythologie sich auch auf sie vererbten. Die magyarischen „bergdrehen- 
den", „bergrollenden" Riesen erinnern lebhaft an die Erzählung der 
Novgoroder Gjurgata Rogovir. welche uns Nestor aufbewahrt hat. Uebe- 
rau, wo Schütze verborgen sind, da denkt sich die Volksphantasie 
Wächter dazu, Greife, Schlangen, Chimaeren, Kentauren udgl. Völker, 



') EthHoyraphin, I. 4. Heft. S. 179—183. 

*) Ein Aufsatz Wieder« in „Kthnoeraphia" I. 247. ff. „Schatzgräber- Aber- 
glauben und BeschwuruDiren." 

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SCHATZGRÄBER UND BERGLEUTE. 



die solche Untiere erdacht haben, folgten hierin der Richtung des 
Samanismus, der die sich in irdischen Erscheinungen offenbarenden 
Kräfte mit göttlichen Attributen bekleidet. *) 

Schatzgräber und Bergmann müssen Glück haben, wenn ihr Werk 
Erlolg haben soll, daher der Gruss: „Glück auf!" im Bergwerk ganz 
an seinem Platze ist. Im Hunyader Comitat forscht das Volk nicht 
nur nach Decebals Schätzen, sondern auch nach denen eines gewissen 
Franz Geszti, der kurz von seinem Tode seine Schätze irgendwo ver- 
graben haben soll, damit sie nicht in die Hände seiner von ihm unge- 
liebten Frau geraten. Und mancher dort aufgegrabene praehistorische, 
romische udgl. Fund wurde vom Volke dadurch ans Tageslicht geför- 
dert. Auf der Insel Lussin sollen der Sage nach die aus Bysanz flie- 
henden Griechen ihre Schätze in die Felsen des Monte Asina ver- 
borgen haben. Als nun im Jahre 1787 ein Lussin- Piccoloer Einwoh- 
ner nach diesen Schätzen grub, brachte er mehrere wichtige praehis- 
torische Funde ans Tageslicht. 



Ueber meine Studienreise in Finnland. ') 

Von Bela Vikar. 
(AttMOg aus einem Vortrage, gehalten j n der Sitzung vom i5. März 1 S9< ».) 

Als ich mich enlschloss unsere finnischen Sprachverwandten zu 
besuchen, schwebte mir einerseits das Ziel vor : mich mit der Sprache 
der Kalevala an Ort und Stelle eingehend bekannt zu machen, ander- 
seits aber: einen liefern Einblick in die finnische Ethnographie zu tun. 
Aus diesem Grunde schien es mir zweckmässig, vor allem diejenigen 
Punkte der von Finnen bewohnten Gebiete aufzusuchen, wo ich noch 
Aussicht haben konnte, Ueberreste oder Nachklänge der epischen Dich- 
tung und somit noch einen gewissen Teil vom Sprachmaterial der 
Kalevala aufzufinden, — und dann erst wollte ich in die Hauptstadt 
Finnlands reisen, um dort die vorzügliche ethnographische Sammlung 
der Universität zu der Kalevala und die finnische Volksmusik über- 
haupt und vom Standpunkt der Vergleichung mit der magyarischen Musik 
und der vergleichenden Metrik zu studieren. 

Zu erstem Aufenthaltsort auf finnischem Gebiet erkor ich mir 
das am nördlichen Ufer des Ladoga liegende Städtchen Sortavala, des- 
sen Umgebung J. Krohn in seinem über die Kalevala geschriebe- 
nen Werke als besten Fundort erwähnt, und wo man auch eine an- 
nehmbare Existenz hat. 

Ende Juli 1889. machte ich mich auf die Reise mit meiner Frau, 
die bei meinen Studienreisen stets mein bester Gehilfe war. 



*) S. meine Abh;mdl«ng: „Adalekok az imädsag törteneltnehez" (Beiträge zur 
Gescl ichte des Gein tes) S. 7. 

») Kthnographia, I. 251. ff. 



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B£LA VIKAR 



In St. Petersburg hielten wir uns einige Tage auf, und von dort 
die augenehmsten Erinnerungen mit uns nehmend, setzten wir unsere 
Reise über den Ladoga fort, und am 31. Juli brachte uns das finni- 
sche Dampfschiff nach Sortavala 

Die ersten Wochen benützle ich dazu, um mich in der Iii l era- 
rischen Sprache so gut als möglich einzuüben. Die Intelligenz da-* Städt- 
chens, besonders Oskar Forsströtn, Seminarlector, einer der eifrigsten 
und tüchtigsten finnischen Ethnographen, der in Sortavala auch ein 
schönes kleines Museum gegründet hat und aufrechthält, war mir mit 
der grössten Bereitwilligkeit in allem behilflich. Nach Verlauf einiger 
Wochen, nachdem ich es so weit gebracht hatte, um nicht nur mich 
verständlich zu machen (was gleich im Anfang leicht war), sondern 
auch dass ich andere verstand (was anfangs sehr schwierig war), wandte 
ich meine Studien der Umgegend zu. 

leb machte einen Ausflug nach der Stadt Pitkänta zum Volks- 
fest, das am 4. August abgehalten wird. Hier halte ich Gelegenheit 
Offenbarungen der Volksseele während der Lust barkeilen zu beobach- 
ten. Die Sprache der Umgegend ist grosser ßeachtungs wert. Mit der 
Sprache von Sortavala verglichen, spricht man hier eine der Kale- 
vala viel näher stehende Sprache ; hier herrseht schon sehr abweichen- 
der Dialekt, der einigermassen den Cebergang bildet in den ostfinni- 
schen Dialekt. 

Ueber die Volkstracht dieser Gegend lässt sich nichts sagen. Sie 
bat gänzlich den nationalen Charakter verloren. Und dies ist der Fall 
im grössten Teile Finnlands. Die alten finnnischen Volkstrachten wer- 
den grösstenteils nur noch in finnischen Museen bewahrt. 

Dann besuchte ich im Dorfe Rautlahii in ■ Begleitung des Magis- 
ters Oskar Relander den 86-jährigen Ontrei Vanninen (mit seinem rus- 
sischen Namen Borissa). der dieses in alter Zeit berühmten Gesangs- 
gebietes letzter Sänger ist. Seine Zauber- und Gesangskunst erbte ßo- 
rissa von einem seiner Ahnen, der vor ungefähr sieben Menschenaltern 
als erster sich hier in Rautlab ti niedergelassen hatte. Nach ihm gab 
es in der Familie stets ein-zwei berühmte Sänger, auf die das Lie- 
dererbe der Ahnen fiel. Borissa ist der letzte Epigone; er hat in die- 
ser Beziehung keinen Nachkommen mehr. Auch sein Erinnerungs- 
vermögen - wol in Folge seines Alters — ist lückenhaft und ver- 
wirrt. Gar oft wiederholt er einen epischen Teil, stets nehmen die 
Bruchstücke seiner Erinnerung andere Formen an. Am besten erinnert 
er sich noch der Zaubersprüche und Hochzeits-Runen, nachdem 
er einst weit und breit ein berühmter „tietäjä tt (Kenner) gewesen ist 
und diese Gattungen besonders cultivierte ; nirgends kam eine Erkran- 
kung, Hochzeit udgl. vor. ohne dass er, selbstverständlich bei guter 
Belohnung, nicht zugegen gewesen wäre. Die Zaubersprüche trägt er stets 
recitierend, die Hocbzeilsrunen aber singend in einer einfachen, schlep- 
penden Tonart vor, die sich nur auf zwei Zeilen erstreckt. Solcher 
epischer Tonweisen gibt es gar viele und auch der grösste Teil der fin- 
nischen Volkslieder ist in solcher Form wie die Kalevala verfasst, und 




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UEBEK MEINE STUDIENREISE IN FINNLAND 



wird auf die Weise gesungen. Beim Hersagen der nach dem Gesang 
niedergeschriebenen Texte bemerken wir sogleich den Unterschied, der 
zwischen den gesungenen und hergesagten Texten vorherrscht. Bei 
jenen bleibt die alte Sprache und das genaue Metrum der Runen un- 
verändert; bei diesen biingt der Milteiler die Regeln seiner heutigen 
Sprache zur Geltung, wodurch die Versform gar oft verdorben wird. 
Also im Gesangsvortrag : 

„Paasia pakotiamahon, 

Kiviä kivistämähän u — t4— 4 Trochaeen) — 

hergesagt aber: 

„Poasii pakollama!', 
Kivü kivistämä i — 

wo also die Versform verdorben ist. 

Mit Borissa konnte ich nicht so kurz, im Handumdrehen fertig 
werden; icli bestellte ihn daher mehrmals zu mir in die Stadt und 
schrieb das Wenige, was er noch wusste, auf. 

Hiernach verlegte ich meine Excursionen in das (Jebiet von Su- 
istorae. Im Dorfe Latvasyrjä schrieb ich von einer alten Frau ein Hir- 
tenlied und einen Hochzeilsruno auf, im Dorfe Laitioiset von einem jungen 
Weibe Klageverse und Liebeslieder. Das Niederschreiben der Klagerverse 
(Todtenklagen) ist gar schwer, denn der Mitteiler stellt aus gewissen 
und bestimmten Phrasengebild^n improvisierend stets ein anderes Gan- 
ze her. das zu wiederholen er dann nicht mehr im Stande ist ; 
und weil er in der Tat weinend, oder im bestem Falle in weinerli- 
chem Tone diese Lieder vorträgt, bleiben bei einmaligem Hören gar 
viele Lücken zurück. Hier war ich also jedesmal* auf Hilfe angewie- 
sen, indem wir zwei-drei Personen zugleich schrieben und dann un- 
sere Aufzeichnungen verglichen. 

Von bestem Erfolg war mein Aufenthalt zu Jalovaara. Varianten 
zur Kalevala. zahlreiche Volkslieder und Besprechungsformeln berei- 
cherten hier meine Sammlung. Besonders die Vollkommenheit der Be- 
sprechungsformeln, ihre künstlerische Form (die ganz der der Kalevala 
entspricht) und ihr reicher, mythischer Gehalt überraschten mich Mit 
Freuden überzeugte ich mich auch davon, dass die Erzeugnisse der 
finnischen Volkspoesie inhaltlich und formell in der Tat so klassisch 
sind, als wir sie aus den erschienenen Sammlungen kennen. 

Von Jalovaara aus sandte ich Boten in das Dorf Kokkari, das 
einen ganzen Tag weit von hier liegt, nach den berühmtesten Sängern 
der Umgegend, nach den beiden Brüdern Schemejka; aber nur der 
jüngere, der 75-jährige Peter Schemejka konnte zu mir kommen. Sehr 
schöne Kalevala-Varianten, zahlreiche Zauberformeln und Jagdlieder 
citierte er mir, und fast jedes Stück in zwei Varianten : damit der 
zwischen dem gesungenen und hergesagten Text vorherrschende Unter- 
schied constatiert werden könne. 

Eine höchst interessante Episode meines Aufenthaltes in Jalovaara 



63 



B£LA V1KÄH 



bildet mein Ausflug mit dem Wirte Kerksonen in das Dorf Uuksu. Dies 
Dorf ist der einzige Ort in dieser Gegend, wo man noch befestigte 
„savutupa" (Rauchhäuser) sehen kann; solcher Häuser gibt jetzt es 
in Finnland nur noch weiter in den nördlicheren Gebieten und in der 
russischen Karjala inmitten endloser Wälder. Auf diese Gebiete, die 
sowol ethnographisch, als auch wa-* ihren Reichtum an Runos betrifft, 
in erster Reihe dastehen konnte ich infolge meiner materiellen Be- 
schränktheit meine Studien nicht ausdehnen. Ich kehrte daher nach 
Sortavala zurück. 

Gelegenheit zur Vermehrung meiner Sammlungen von volkstüm- 
lichem Sprachmaterial hatte ich auch hier, teils bei meinen aus der 
Umgebung hereinbeschiedenen Gewährsmännern, teils bei denen, die 
hier die Kirche besuchen. Einige Märchen bekam ich von den Zöglin- 
gen des Seminars. Ausserdem wurde ich mit dem grössten Teil der fin- 
nischen Volkslieder bekannt, die uns durch i'ire Ähnlichkeit in Be- 
zug auf Versform und Musik mit unsern magyarischen Liedern be- 
sonders interessieren. *) 

Von Sortavala aus wandte ich mich in Sachen einer ethnogra- 
phischen Sammlung brieflich an den Secretär der ungarischen ethno- 
graphischen Gesellschaft, an Dr. Anton Herrmann; mit gewohntem Ei- 
fer u Fleiss betrieb er die Sache. Demzufolge machte ich Ausflüge im 
Sortavalaer Gebiet und sammelte in 2 Wochen so viel, als es meine 
geringen Mittel mir erlaubten. Später hat diese Sammlung das hohe 
königl. ungar. Cultus- und Unterrichtsministerium im Ankaufspreis von 
mir übernommen 

Im Oktober zogen wir nach Helsingfors Hier verbrachte ich mit 
finnischen Sprachstudien und dem sehr eingehenden Studium des er- 
wähnten Universitätsmuseums geraume Zeit. Beim Director bewirkte 
ich es, dass sie uns die Dupla der ethnographischen Gegenstände im 
Ankaufspreis überliessen Auf diese Weise — und mit Hinzufügung mei- 
ner eigenen Sammlungen — gelangte ich in den Besitz einer recht rei- 
chen und für uns wichtigen schönen Collection zur finnischen Eth- 
nographie Zu besonderem Danke sind wir Herrn Cultusminister Grafen 
Albini Csäky verpflichtet, der durch Ankauf dieser Sammlung neuer- 
dings ein Zeichen seines warmen Interesses Tür die Ethnographie ge- 
geben hat. Unsere dankbare Anerkennung verdient ferner Mag. Theo- 
dor Swindt, der Intendant der oben erwähnten Sammlungen, dem in 
Rücksicht auf die Bewirkung der Ueberlassung der Dupla und auf seine 
mit der Auswahl und 1 ebergabe verbundene Mühewaltung — das Haupl- 
verdienst zukommt. Dem ausgezeichneten Manne gegenüber spreche 
ich hiemit öffentlich unsern innigen Dank aus. 

Als einen Erfolg muss ich auch noch das Versprechen genannter 
Direction erwähnen, demgemäss sie sich bereit erklärt hat, die Aus- 
füllung der Lücken unserer finnischen ethnographischen Sammlungen 



*) Wir werden Gelegenheit haben, ans Vikars Sammlungen manches wert 
volle mitzuteilen Red. 

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UEUER MEINE STUDIENREISE IN FINNLAND- 



durch ihre eigenen Sachverständigen besorgen zu lassen. Es wäre an- 
gezeigt, wenn unsere tonangebenden Männer sobald als möglich dies 
Versprechen in Anspruch nennen, denn wenn irgendwo — so mahnt auf 
diesem Gebiete die Zeit zur Eile an. Die Civilisation schreitet in Finn- 
land im Sturmschritt vorwärts, und mit ihr nimmt das Gebiet und das 
Material ethnographischen Sammeins immer mehr ab. Gar bald kommt 
die Zeit, wo wir die Fundorte finnischer Ethnographie nur noch in 
den Wüsteneien der russischen Karjala antreffen. Aber der grösste 
Grund zur Eile liegt bei den Finnen selbst im Eifer für ihre eigene 
Ethnographie. Das Museum zu Helsingsfors und die in der Provinz 
von Jahr zu .lahr sich mehrenden kleineren Museen breiten ihre Samm- 
lungen auf das ganze Gebiet finnischer Ethnographie aus. und im kur- 
zen haben sie alles zusammengetragen, was man auf diesem Gebiete 
heute noch Bedeutendes und Wichtiges finden kann. Das Beispiel un- 
serer finnischen Verwandten möge uns zu ähnlichem Bestreben an- 
eifern. 



Unter Wogulen und Ostjaken. ') 

Von Karl Pdpai. 
(Vorgelegen in der Vortrags Sitzung am 7. Dezember 1869.) 

Ich will von den Erfolgen meiner Studienreise Rechenschaft able- 
gen, die ich im vergangenen und laufenden Jahr mit meinem Freunde, 
dem Philologen Dr Bernhard Munkdcsi ins Land unserer Sprachver- 
wandten, der Wogulen und Ostjaken unternommen habe. Anthropolo- 
gische und ethnologische Forschungen unter diesen Völkern zu ma- 
chen, war das Hauptziel meines Unternehmens, während mein Freund 
sich linguistische und folkl ristische Studien zur Aufgabe gestellt hatte. 
Den Verlauf unserer Reise habe ich schon an anderer Stelle eingehend 
beschrieben a ), und »v»ll daher hier nur von den Ergebnissen meiner 
Studien sprechen. 

Nachdem wir von der Ungarischen Geographischen Gesellschaft, 
der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, dem hohen k. ung. Mi- 
nisterium für Cultus und Unterricht eine materielle Unterstützung er- 
langt hatten, machten wir uns am 13. März 1888 mit einem Begleit- 
schreiben von Seiten der Akademie der Wissenschaften versehen, 
auf den Weg. Ich halte es für meine Pflicht der hohen russischen 
Regierung und allen ihren Beamten, besonders Herrn Troiucki, Gouver- 
neur von Tobolsk, meinen Dank auch an dieser Stelle auszusprechen, 

«i Ethnttgraphia, I. 3 Hft. S. 117—130. 

•) 8. FöUlrajzi kSzhminyek (Geographische Mitteilungen 1838 IX. u X. 
1889 VIII. ff. Ausführlich beschrieben hat unsere Reise auch mein Geno-se Mun- 
kdcsi in der Zeitschrift Bwiapt»ti Szemh '188';», dessen Aufsatz auch deutsch in der Un- 
garischen Herrn- erschienen ist 

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KARL PÄPA1 



Tür die Zuvorkommenheit und tatkräftige ünterslützung, die s*ie unse- 
rem Unternehmen angedeihen Messen, und womit sie den Erfolg un- 
serer Studien sicherten. Zu besonderem Dank haben uns auch die 
Gelehrten verpflichtet, in Petersburg: die Herren Akademiker Radio ff 
und fchrenk, Prof. Petri und Pattcanow, in Moskau : Gondatti, in Ka- 
san : Smirnow und Weske, in Jekaterinenburg : Clerc, in Tobolsk : Ma- 
mew, Lytkin und Lugovski, in Tomsk : Florinski, Kusnecow und Adri- 
janow s die uns alle wichtige Anleitungen zu unseren bevorstehenden 
Reisen und Studien gaben. 

Am 6. Mai 1888 gelangten wir in die erste wogulische Ansiede- 
lung, in das Dorf Pelina, das am Sosva-Fluss gelegen ist. Beinahe 
einen ganzen Monat hindurch beschäftigte ich mich hier mit anthropolo- 
gischen Messungen, dem Sammeln von ethnographischen Gegenstän- 
den, Modellieren und photographischen Aufnahmen. Da bot sich mir 
unerwartet Gelegenheit zu einer Reise nach dem nördlichen Ural, wo 
noch nicht entnationalisierte, auf primitiver Culturstufe stehende Wogu- 
len wohnen. Diese Gegenden bereist nämlich seit einigen Jahren eine 
russische Commission, um den Reichtum des Ural an Erzen usw. zu 
durchforschen und topographische und geographische Aufnahmen zu 
machen. Der Zuvorkommenheit des Leiters der Expedition, des Berg- 
werkingenieur's Lebedsinsky kann ich es verdanken, dass ich mit die- 
ser Expedition das Stromgebiet der Sosva durchsch weifen konnte. Nach 
Verlauf eines Monates kehrte ich nach Peräina zurück, wo mein Freund 
noch seinen linguistischen Studien oblag, von dem ich am 20. Juli 
schied, um die südlosvaer, pelymer uud kondaer Wogulen aufzusuchen, 
nach deren Untersuchung ich mich in das Stromgebiet des Ob begab, 
wo ich in übdorsk bei na 1 e einen ganzen Monat mit der Erforschung 
der Lebensweise und der Verhältnisse der Wogulen zubrachte. Ver- 
schiedene Umstände beschleunigten unsere Heimfahrt, die wir am 17. 
März antraten, indem wir Obdorsk verliessen und über Tobolsk, Je- 
katerinenburg, Kasan, Moskau, Petersburg, Helsingfors, Stockholm, Ko- 
penhagen und Berlin am 15. Juli in Budapest anlangten. 

Dies wäre unsere Reisetour in flüchtigen Strichen dargestellt; 
ich will nun auf die Resultate dieser Reise übergehen. 

Das Harptziel meiner Forschungen war der Mensch, das Volk. 
Die Untersuchung natürlicher Verhältnisse der bereisten Gegenden konnte 
ich aus Mangel an Instrumenten nicht vornehmen. Nur eine kleine 
botanische Sammlung (ungefähr 70 Exemplare) ist das Ergebnis in 
dieser Richtung. In den Kreis meiner Untersuchung gehörte vor allem 
die Anzahl der Bevölkerung, deren Verbreitung, der physische Typus, 
und die Lebensweise. Die statistischen Daten habe ich teils auf Grund 
von mir vorgenommener Zälung, teils auf Grund der weniger verläss- 
lichen Matrikeln und Steuerbücher gesammelt. Sorgfältig sammelte ich 
auch die auf die Verbreitung des Volkes bezüglichen Daten, die in 
einer ethnographischen Karte des durchforschten Gebietes zusammenge- 
stellt sein werden. Neben diesen demographischen Studien nahm ich 
in erster Reihe anthropologische Untersuchungen vor. In dieser Rich- 



66 



UNTER WOGULEN UND OSTJAKKN 



tung war die Bestimmung des physischen Typus der Wogulen und Ost- 
jaken meine Hauptaufgabe, wobei ich Hautfarbe, Augen, Haare. Ge- 
sicht, Schädelbildung usw. genau untersuchte Schädel konnte ich nur 
zwei mitbringen. Bei den Messungen gebrauchte ich den französischen 
Anthropomeier und folgte dabei dem kleineren Schema TopinorcTs, 
auf welche Weise ich an 40 Wogulen (darunter nur an einem Weibe) 
Messungen vornahmt Körper- und Schädelmessungen unterzog ich 100 
Wogulen, 145 Ostjaken, 50 Syrjänen und 32 Samojeden. Meine an- 
thropologischen Beobachtungen werden, was besonders den Typus an- 
belangt, von meinen photographischen Autnahmen ergänzt. Dem Gesamrat- 
eindruck nach ist der Typus der Wogulen dem der Ostjaken gleich. Der 
Typus hat einen mongolischen Charakter, wenn auch in gering- rem Maasse 
wie bei den Somojeden. Der Schädel ist brachykefal ; Hautfarbe bräun- 
lio; Backenknochen breit, weniger hervorstehend und schmale Au- 
genschlitze, was besonders bei den Weibern und Kindern auffällt. Das 
Haar ist dicht und gleich der Hornhaut der Farbe nadi dunkel. Kör- 
per- und Gesicbtsbebaarung sehr schütter. Besonders charakteristisch 
ist die Form der Nase: an der Wurzel tiefeingedrückt, schmal und 
abwärts se'ir flach. 

Meine ethnographischen Untersuchungen erstreckten sich auf 
alle Gebiete und nach allen Richtungen des Volkslebens Deshalb 
musste ich mich an mehreren Orten längere Zeit aufhalten, um das 
Volksleben in allen seinen Aeusserungen beobachten zu können. Diese 
Studien nahm ich stets in Begleitung eines Eingeborenen vor, der mir 
die auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, Beschäftigung, Familie, Ver- 
wandtschaft udgl. bezüglichen Aufklärungen geben konnte, die ich mir 
dann genau aufzeichnete. Selbstverständlich bildete auch das geistige 
Leben einen Gegenstand meines Studiums, und wo ich nur konnte, 
sammelte ich Märchen und Heldenlieder, nebenbei auch lexikalisches 
Material. So habe ich von den vasjuganer Wotjaken, einem bislang 
unbekannten Dialekt, ein kleines Wörterverzeichnis angelegt. 

Das Volksleben charakterisierende Gegenstände zu sammeln, war 
für mich ebenfalls eine der Hauptaufgaben. In dieser Richtung erstreckte 
sich mein Sammeln auf Kleider, Wirtschaftsgeräte, die beim Fischfang 
und der Jagd gebräuchlichen Geräte, ebenso auf die auf den Cultus 
bezüglichen Gegenstände, wobei ich die Fetische mit besonderer Vor- 
liebe sammelte. Auf diese Weise gelang es mir eine Sammlung von 
ungefähr 500 Gegenständen nach Hause zu bringen, die sich gegen- 
wärtig im ungarischen Nationalmuseum befinden, ebenso die photo- 
graphischen Aufnahmen von verschiedenen Gegenständen, deren Zahl 
ungefähr 200 Stück beträgt. — Wenn nun einmal diese Sammlungen 
und Aufzeichnungen — wie es meine Absicht ist — in grösseren und 
kleineren Abhandlungen von verschiedenen Gesichtspunkten aus auf- 
gearbeitet sind so werden sie nicht nur auf die nahe Verwandtschaft 
des wogulischen und ostjakischen Volkes mit dem magyarischen ein 
neues Licht werfen, sondern auch vom allgemeinen anthropologischen 
und ethnologischen Standpunkte von einiger Bedeutung sein. 



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DR. BKRNHARD MUNKÄCSI 




Kosmogonische Sagen der Wogulen. 

Aus dem Volksmunde aufgezeichnet von Dr. Bernhard Munkäcsi. *) 

I. 

Die heilige Sage von der Entstehung der Erde. 
(Mi. tülem jelpin mojt.) 

1. Tundrahügels Frau und alter Mann leben. Sie haben einen 
schneeweissen Raben. Beiderseits des Hauses ist überall Wasser; Erde 
ist keine. Der Alte geht nicht aus dem Hause, die Aussenwelt wie sie 
gestaltet sei, er weiss es nicht. Wie sie so leben, einmal nur erschallt 
aus dem obern Himmel irgend ein Geräusch. Der Alte schaut zum 
Fenster hinaus, also von oben her, aus dem Himmel kommt ein ei- 
serner Tauchervogel, Erde zu suchen taucht er ins Wasser. Er gieng 
und gieng umher: er tauchte auf, er hatte keine Erde gefunden. Er 
schöpfte Atem und tauchte wieder ins Wasser. Er gieng und gieng um- 
her, er tauchte auf: wieder vergebens, Erde gibt's keine. Ein wenig 
atmete er und tauchte zum drittenmal unter. Als er auftauchte, holte 
er so stark Atem, dass ihm unten die Kehle barst; an der Schnabel- 
wurzel hat er ein Bröcklein Erde. Er schwang sich aul und stieg da- 
mit gen Himmel. 

2. Die Frau und ihr Alter legten sich nieder. Morgens als sie 
aufstehen, erschallt wieder ein Geräusch aus dem Himmel. Als der 
Alte hinaus schaut, steigt ein eisernes Seehuhn vom Himmel, taucht 
ins Wasser. Es gieng und gieng herum, als es auftauchte, halte es 
nichts, ganz und gar nichts. Ein wenig holte es Atem und tauchte 
wieder ins Wasser. Wieder gieng und gieng es. als es auftauchte, hatte 
es wieder nichts. Ein wenig holte es Atem, und noch einmal, zum 
drittenmal tauchte es nieder. Als es auftauchte, holte es so stark Atem, 
dass ihm der Seheitel barst; an der Schnabelwurzel steht ein ziemli- 
ches Slückchen Erde. An die Ecke jenes Tundrahügel- Hauses rieb es 
den Schnabel, dann flog es gen Himmel. 

3. Die Frau und ihr Alter legten sich nieder. Morgens, als sie 
aufstanden, war die Erde tussohlenbreit geworden. Andern Tages als 
sie aufstanden, reichte die Erde schon bis zum Gesichtskreis, so sehr 
hat sie sich vergrössert; am dritten Tage als die Frau und ihr Alter 
zum Fenster hinaus sehen, gibt's kein Wasser, überall hatte es sich 
in Erde verwandelt. Zu seinem schneeweissen Raben sprach der Alte : 
„Geh nur, sieh, wie gross die Erde geworden!" Der Rabe entfernte 
sich, blieb eine kleine Stunde weg, so gross war die Erde schon ge- 
worden. Die Frau und ihr Mann legten sich nieder, sie standen wie- 
der aul, sie schicken den schneeweisen Raben wieder aus, die Grösse 
der Erde anzusehen. Der schneeweise Rabe kam von seinem Fluge 
nur um Mittag heim; so gross war die Erde schon geworden. Am 

•) Aus Munkäcsi's unedierten Sammlungen übersetzt von A. 11 - Noten und 
Erklärungen im nächsten Heft. Red. 



6S 



KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



dritten Tage standen sie auf. sprachen wieder zum Raben : „Geh nur, 
sieh wie gross die Erde geworden ist!" Von seinem Fluge kehrte er 
gar nicht zurück, so wurde es Abend. Zur Zeit des Niederlegens kam 
auf einmal der schneeweisse Rabe nachhause, in schwarz verwan- 
delt. Der Alte spricht zu seinem Raben: .Du hast auf deinem Fluge 
was angestellt!" — Der Rabe spricht: „Was hab' ich angestellt?! Ein 
Mensch ist gestorben, von dem habe ich gegessen, darum bin ich 
schwarz geworden." — „Hast du Menschen gegessen, so fort mit dir von 
hinnen ! Beim Eintritt der Welt des Menschenzeitalters, beim Eintritt der 
Welt der Menschenepoche (d. h wenn Menschen leben werden) sollst du 
allein nicht vermögen, Tiere des Waldes zu lödten, sollst du nicht 
vermögen, Fische des Wassers zu tödlen; wo der Mensch irgend ein 
Waldtier getödtet, dort am blutigen Orte sollst du dein Herz (deinen 
Hunger) stillen ; an manchem Tage sollst du dich hungrig niederle- 
gen." Der Rabe gieng hierauf in den Wald, und lebt dort bis auf den 
heutigen Tag. 

4. Jelzt tritt die Frau aus ihrem Hause auf dem Tundrahügel. 
Als sie hinein geht, spricht sie zu ihrem Alten: .Alter, hinterm Hause 
ist irgend eine Staude gewachsen." Der Alle spricht: „Die Wurzel, 
wie sie war, der Zweig, wie er war, bring's herein!- Seine Frau 
grub den Baum aus, brachte ihn herein, der Alte erkennt ihn: es 
ist halt ein Zirbelbaum. Er spricht zu seiner Frau : „Trag ihn hinaus, 
stelle ihn daselbst hin!« Der Alte selbst geht nie aus. Er legte sich 
mit seiner Frau nieder; als er aufsteht, ist seine Frau nirgends. Sie 
ist irgendwohin gegangen, oder was; — der Alte geht nicht hinaus, 
er lebt auch weiter nur so. So lebend vergiengen ungefähr vier, 
fünf Wochen, da langweilte er sich. Obwol er nicht hinausgehen 
darf, geht er diesen Tag doch hinaus seine Frau zu suchen. Er 
gieni,' zur Türöffnung, seine Frau draussen redet ihn an und spricht: 
„Komm nicht heraus I ich habe ein Söhnchen, mein Söhnchen ist schon 
so gross geworden, dass es Eichhörnchen tödten kann; ich werde 
nach einer Woche nachhause kommen, du komm nicht heraus!" Eine 
Woche war sie noch drau?sen, dann gieng seine Frau mit ihrem Söhn- 
chen ins Haus. Ihr Söhnchen war so gross geworden, dase es schon 
zu laufen begann. 

5. Der Mensch des Sanges, der Mensch der Sage, wächst er 
wol lange?! Die Frau und ihr Mann sind weiter glücklich, leben wei- 
ter. Ihr Söhnchen wird so gross, dass es Waldtiere tödten kann. Aus 
dem vom Holze der zum Abwischen bestimmten Hobelspäne gebliebe- 
nen Mittelstück machten sie ihm einen Bogen; was in Wassergegend 
ist, was in Waldesgegend ist, begann er zu jagen. Der Alte spricht: 
„Was für einen Namen geben wir unserem Sohne?" Seine Frau spricht: 
„Wär's ein Mädchen, benennete ich es; aber hat der Knabe nicht von 
seinem Vater den Namen zu erhalten?!" — Der Alte spricht: „Was 
für einen Namen soll ich ihm geben?! Mag denn sein Name sein: 
Tari-pSs- %i-mäVä-saw. * 

6. Tari-p. geht nun in den Wald. Viele Speisekammern der Ge- 

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DR. BERNHARD MlTfKÄCSI 



birgsgegend füllt er an, viele Speisekammern der Waldgegend füllt er 
an; Marder, Hirsche fallen nur so. Als er so wandelte, bekam er da* 
Verlangen Wasser zu trinken. Er kam zu irgend einem freifliessenden 
Fluss; er legte sich ans Wasser, um daraus zu trinken. Ein bärtiger 
Mann sieht ihm ins Gesicht. Erschrocken springt er auf. „Das ist ge- 
wiss irgend ein teuflischer Fluss!" — sagt er, — „der hat einen 
Teufel, hier ist es nicht erlaubt zu trinken." Damit gieng ervondan- 
nen, hieb Eis aus dem Teiche, und legte sich wieder bäuchlings, Was- 
ser zu trinken. Der bärtige Mann sieht ihm wieder ins Gesicht. „Das 
ist irgend ein teuflischer Teich!" — sagt er wieder und damit gieng 
er zum Ob. Er kam bis in die Mitte des Ob, legte sich ans Wasser, 
der bärtige Mann sieht ihm wieder ins Gesicht. Da betastet er sich, 
also der Schatten seines eigenen Bartes sieht ihm ins Gesicht ; er trank 
vom Wasser des Ob, dann gieng er nachhause. Er trat ins Haus, Hess 
sich auf die Bank nieder, und liatte weder Mund noch Zunge. Sein 
Vater fragt ihn vergebens, er spricht fortwährend nichts. Seine Mutter 
spricht: „Wenn du nicht sprichst, und wenn du irgend einmal in Not 
gerätst, wirst du nicht aus können, weder nach unten, noch nach 
oben!" Sein Vater spricht: „Du hast dich wortlos niedergelassen, hast 
du vielleicht einen bösen Gedanken gegen uns?" — Sein Sohn beginnt 
erst jetzt zu sprechen: „Bis mein Bart so lang geworden, hast du bis* 
her keine frauenbetretene frauige Gegend gekannt?" — Sein Vater 
spricht: „Ich geh nicht aus, wo eine trauen betretene frauige Gegend 
ist, weiss ich nicht; du bist der erdumwandernde Mann, du bist der 
wasserum wandernde Mann, nur du selber kannst eine frauenbetretene 
frauige Gegend suchen." 

7. Tari-p. senkte sein Haupt, wickelte seine Augen ein, und legte 
sich nieder. Am andern Morgen stand er auf : sein Vater sagt zu ihm : 
„Geh zu den Trümmern des zusammengestürzten Pferdestalles, grabe; 
wenn du zu etwas kommst, so kommst du ; wenn du nicht kommst, so 
kommst du nicht!" Damit gieng der Sohn hinaus, und gieng zur Ecke 
jenes zusammengestürzten Pferdestalles. Er begann im Pterdedünger 
zu graben, da kam ihm das Ende eines Leitseiles vor die Augen. 
Er fasste das Ende jenes Leitseiles und zog es nach aussen : es war 
ein solches Pferd, als wäre es eben im Begriffe sein Leben auszuhau- 
chen, es wankte nur so hin und her. Mit einem Nagelpfeil schoss er 
ihm zwischen die Augen (gab ihm einen Nasenstüber): aus einem Na- 
senloch sprühten Funken, aus dem andern Nasenloch qualmte Rauch. 
Es ward zu einem dreijährigen Pferde. Er schwang sich jetzt auf den 
Rücken seines Pferdes, plötzlich hob er sich in die Höhe, er mengte 
sich unter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. 

8. Wie er auf dem Rücken seines Pferdes so geht, gelangt er 
zum Ob. Am Ufer des Ob an einer steilen Bergwand wandelnd: stehen 
auf dem Gipfel der Bergwand drei Pappeln. Ihrer Blätter eines scheint 
ein goldnes Blatt zu sein: es dreht sich beständig, dass das Auge nicht 
darauf zielen kann. Tari-p. denkt bei sich : „ Wie geschickt wol meine 
Händ sind? ich soll danach schiessen!" Mit seinem Panzerring-Pfeile 



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KOSMOGON ISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



schiesst er danach, der bohrte sich mitten durch das Blatt. Nachdem 
er seinen Pfeil verschossen hatte, kam Schlaf über seine Augen. Er 
schlief ein, er (räumt. Das Schelten einer Frau lässt sich vernehmen: 
„Zeigen die Kinder also ihre Geschicklichkeit? sie durchwandeln die 
Erde, durchwandeln da<* Wasser und durchschiessen das Pelzfell, dem 
Menschen zum Siegen bestimmt!" Als er auf dem Rückeu seines Pfer- 
des erwachte, liegt er au der Öffnung der Türe eines Hauses. Er 
steigt herab und tritt ins Haus. Die Frau spricht: „Ei, Tari-p. erst 
jetzt bist du angekommen? Gar lange hast du deinen Schlaf geschla- 
fen! Tarem hal dir eine Frau bestimmt; aber diese deine Frau hat 
Paräpärsex geraubt." Tari-p. spricht: „Nach seinem Belieben, er mag 
sie rauben! Wer war denn auch bisher verheiralet? Ohne Frau zu 
leben ist gleichfalls gut ! u Seine Frau Schwester tradierte ihn wol mit 
Speisen und Getränken, und dann gieng er wieder weiter. Seine Frau 
Schwester gab ihm ein zweischneidige-* Messer, einen Habichibilg aus 
Eisen, ein Hasenfell aus Eisen, ein Mausfell aus Eisen, eine kleine 
Hechthaut aus Eisen. „Bruder! — sprach sie - jetzt gehst du weg. 
wenn du zurück kommst, trag diese meine Sachen nicht weiter! Ich 
brauche sie. Wann du in Not oder Gefahr gerätst, citiere mich nicht 
heftig, erwähne mich leise. Du gehst jetzt weg, sieh abwärts, dort ste- 
hen sieben Tuchzelte; allerlei Schafe, Schweine wie das Gewürm! Zu 
diesen Tuchzelten lassest du dich herab, aus den Tuchzelten wird ein- 
äugiges Volk hervorgehen; ein Auge ist ihm herausgt flössen, das an- 
dere Auge ist heil. Du frag sie dort: , Wessen Schafe, Schweine hü- 
tet ihr?! Sie werden antworten: ,Wir hüten Päräpärsex's Schafe, 
Schweine. 4 Da sprich du also: .Saget nicht so, saget so: Tari-p.* s 
Schafe, Schweine hüten wir; hinten kommt der feurige Fürst, wenn 
ihr saget, dass ihr Päräp.'s Schafe, Schweine hütet, werdet ihr Feuer 
fangen; wenn ihr aber saget: ,Tarip.'s Schafe, Schweine hüten wir, 
wird euch gutes zu teil. 4 — Dann heile ihre Augen, hauche sie an, 
damit sie zweiäugig werden. Darauf gehst du wieder vorwärts, gelangst 
wieder zu sieben Tuchzelten: allerlei Kühe, wie das Gewürm (so wim- 
meln sie). Du lässest dich wieder hinab, gelangst hin, einarmiges Volk 
wird herauskommen. Du fragst sie: , Wessen Kühe hütet ihr?* Jene 
antworten: ,Wir hüten Päräp.'s Kühe/ Da sprich du also: , Saget 
nicht so; saget so: ,Wir hüten Ton-p's Kühe.' Wenn ihr nicht also 
sprechet, hinten kommt der feurige Fürst, ihr werdet Feuer fangen 
Dann hauche ihre Hände an, damit sie heilen. Darauf gehst du wieder, 
an einem Orte stehn abermals sieben Tuchzelte. Dort nur lauter Pfer- 
de. Nun wirst du dich hinablassen, du wirst hinab gelangen, aus dem 
Tuchzelte wird einfiissiges Volk hervorkriechen. Du frage sie: »Wessen 
Pferde hütet ihr?' Jene werden dann sagen: ,Wir hüten Paräp.'s Pferde.' 
Hierauf sprich du: ,Saget nicht so; saget, wir hüten Tari-p's Pferde; 
sonst — hinten kommt der feurige Fürst — werdet ihr Feuer fangen ; 
weder ihr werdet sein, noch die Pferde werden sein, alle verzehrt das 
Feuer. 4 Wenn sie dir gut sein werden, hauche ihre Füsse an und 
heile sie. Nun aber gehl* 

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DR. BERNHARD MUNKÄCSI 



9. Nun setzte sich Tari-p. auf den Rücken seines Pferdes. Er 
nahm -eine siebenseilige (?) Peitsche hervor, er mengte sich wieder un- 
ter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken An einem Orte, da er 
hinab sieht: stehen sieben Tuchzelte, allenthalben Schafe. Schweine, 
wie das Gewürm. Hierauf Hess sich sein Pferd hinab. Er fragt sie: 
„Wessen Schafe, Schweine hütet ihr?" — „Wir hülen Päräp.'s Sc'-afe, 
Schweine!" — „Nein, saget nicht so: Saget, wir hüten Tari- p.'s Schafe» 
Schweine; denn wenn ihr so sprechet, wir hüten Päräp.'s Schafe, 
Schweine, kommt hinten der Feuerfürst, er zehrt euch alle auf!* — 
Sie neigen das Haupt, legen sich ihm zu Füssen. — „Wie sollten wir 
nicht sagen, dass wir 7 aW-p.'s Schate, Schweine hüten'?!" — Er hauchte 
sie an. alle wurden heilen Auges Wie sich sein Pferd rührt, mengte 
er sich wieder unter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. So ge- 
hend blickt er an einem Orte abwärts: sieben Tuchzelte stehn; die 
lieben Kühe allenthalben wie das Gewürm. Sein Pferd Hess sich hin- 
ab, es kam hinab. Das Zeltvolk kommt hervor, lauter einhändige. Er 
fragt sie: r Wessen Kühe hütet ihr?" — n Päräp.'s Kühe hüten wir.* 
— „Saget nicht so; saget, wir hüten Tarip.'s Kühe ; hinten kommt der 
Feuerfürst, ihr fanget Feuer ! w Er hauchte sie an, ihre Hände wurden 
heil. Sie legen sich zu seinen Füssen: „Wir sind heiler Hand gewor- 
den, wie sollten wir nicht sagen, dass wir Tari-p.'* Kühe hüten!" — 
Darauf bestieg er sein Pferd, erhob sich plötzlich wieder in die Höhe. 
An einem Orte blickt er hinab: allerhand Pferde, wie das Gewürm, 
und sieben Tuchzelte stehen. Sein Pferd Hess sich wieder hinab, aus 
den Zelten kriecht einfüssiges Volk hervor. Er fragt sie: „Wessen 
Pferde hütet ihr?" — „Päräp.'s Pferde hüten wir " — „Saget nichso! 
Saget, wir hüten Tari-p 's Pferde; wenn ihr so sprechet, wird es euch 
gut ergehen!" — „Wie sollten wir nicht so sprechen? I" entgegnen sie. 
Tari-p. hauchte ihre Füsse an, alle bekamen heile Füsse Nun gieng 
das Pferd wieder weiter; er mengte sich unter wandelnde Wolken, 
unter eilende Wolken. 

10. Wie er so geht, blickt er auf einmal nur vorwärts: liegt 
halt ober einem siebenflügligen eisernen Pferde eine Burg. Da liess 
sich sein Pferd an die Schwelle des Tores jener Burg hinab. Er sprang 
herab, band sein Pferd dort an und trat ein. Ist halt eine für Tärdm 
bestimmte wunderschöne Fee im Hause. Das Mädchen spricht: „Ei 
Tari-p. ! gar lang hast du deinen Schlaf geschlafen ! Wie war' ich jetzt 
deine Gattin, jetzt bin ich Päräp.'s Gattin. u Tari-p. erwidert: „Was 
soll ich nun mit dir machen? auch ausser dir gibt's wol noch eine 
schöne Frau?!" Jene Frau schämte sich. Tari-p. sprach: „He, Frau! 
bring mir was zu essen, ich bin hungrig." — „Zu essen soll dir 
bringen jene deine schöne Frau ausser mir, jene deine zierliche Frau 
ausser mir!" — „Na, na, bring mir was zu essen, denn ich bin 
hungrig!" — „Was hab' ich zu essen; jene deine schöne Frau aus- 
ser mir, die mag dir bringen ! " — „Was für eine Zauberkraft hat Pä- 
räparscy?* — „Deine ausser mir seiende, Zauberkraft kennende Frau 
mag es dir sagen; ich weiss von keiner Zauberkraft etwas!" — „Na, 

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KOSMOG ONISCHEN SAGEN DEK WOGULEN. 



sag" es mir, sag' es mir schnell!" Hierauf brachte ihm die Frau zu 
essen. „Nun!" — sagt er — „sag' mir, was für Zauberkraft hat er?" 

— „Nun! was tür Zauberkraft hat er? gar keine Zauberkraft hat er. 
Später" — sprach sie — „wird er auf eine siebenwipflige Rottanne in 
Rabengestalt sich setzen, allerlei Gegenden von allerlei Städten betrach- 
tet er fortwährend ; wenn er dic;h wahrnimmt, fliegt er krächzend in 
den Wald. tt Tari-p. ass, wurde fertig, gieng hinaus. Sein Pferd verbarg 
die Frau ; er gieng zum Fusse jener Rottanne, grub sich in die Erde, 
nur sein Äuge liess er unbedeckt, um hinaufsehen zu können 

11. Wie er so liegt, erschallt von der Gegend des obern Ural 
her Rabengekrächze Er schaut hin: sieh da, der alte Rabe kommt; 
seinen Rücken reibt er an den Himmel, so hoch kommt er. Er kam, 
er kam, er selzte sich dahin auf den Wipfel jener sieben wipfligen 
Roitanne. In allen Richtungen befindliche Städtegegenden besichtigt er, 
damit fliegt er krächzend weiter. Er hatte Tari-p. bemerkt. Dieser stand 
nun auf. schloff in den eisernen Habicht balg und verfolgte den Raben. Er 
verfolgt ihn verfolgt ihn, schon ist er ihm nahe, darauf verlor er ihn 
irgendwohin. Er schaut abwärts: dort hüpft er in Hasengestalt. Er 
schlieft in sein eisernes Hasenfell, verfolgt ihn wieder, hat sich schon 
genaht, hat ihn schon fast erreicht, wieder verlor er ihn. Er blickt ab- 
wärts: ein Mausloch ist da. Auch er schlieft in sein eisernes Mausfell 
und auf demselben Wege verfolgt er ihn weiter. Wieder hat er ihn 
beinahe erreicht, jener liess sich in Gestalt eines kleinen Hechtes ins 
Meer. Auch er schlieft in seine eiserne Hechthaut, und auf dem 
Wege jenes Menschen warf er sich ebenso ins Wasser des Meeres. 
Er war schon nahe daran, ihn zu erreichen, jener hechtgestaltige 
Mensch sprang durch das Eis des Meeres auf. Auf dem Lande fasste 
er ihn: wie Sandkörner, wie Staubkörner zerstückelte er ihn; im Feu- 
er verbrannte er ihn ; seine aufwärts steigenden Funken schlug er ab- 
wärts, seine abwärts steigenden Funken schlug er aufwärts. Nach sol- 
chem Herumschlagen flog Pärfiparse^ als Elster weg. Seinen Panzer- 
ring-Pfeil schiesst er nach ihm ab, die Elster liegt beinahe in zwei 
Stücken. Wieder warf er ihn ins Feuer; vergebens späht er bis zum 
Erlöschen des Funkens, nichts geht hinaus. Dort hat er den Mann 
getödtet, der seine Frau geraubt hatte. 

12. Wie er ihn so verfolgte, gieng er einesteils auf Flügeln: in 
welche Gegend er gekommen, er weiss es nicht. Teils gieng er in Ha- 
sengestalt. teils in Mausgestalt, teils in Gestalt eines kleinen Karpfens; 
in welche Gegend er gekommen, er weiss es nicht. Er denkt eben nur 
daran, dass er stirbt: weinend geht er da herum. Auf einmal spricht 
ihn jemand hinter seinem Rücken an: „Mein Freind, was machst 
du? werde einmal fertig mit deinen Sachen, ich langweile mich schon!" 
Er schaut hin, steht halt sein Pferd da „Steig auf meinen Rücken!" 

— spricht es. Hierauf stieg er auf den Rücken seines Pferdes : gieng 
weiter, er mengte sich unter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. 

13. Wie er so geht, erschallt nur auf einmal in der Ferne ein 
Getöse. Sein Pferd blieb hierauf stehen. Er spricht zu Tari-p. : „Weisst 



Hermann, Ethnologische Mitteilungen. 



73 



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DR. BERNHARD MCNKÄC8I 



du was, was für ein Getöse das in der Ferne ist? - — „Wie soll ich's 
wissen; gewiss ist etwas dort, was tost!" — »Nun das ist die heilige 
Feuerflut: ein Teil des göttlichen Feuers brennt oben im Himmel, ein 
anderer Teil brennt in den zwei Ecken des Himmels, Himmel und Er- 
de wird von ihm verzehrt ; auf welche Weise gehen wir durch dieses 
Feuer?" - Tari p. spricht : „Woher soll ich's denn wissen?- Das Pferd 
sprichl: „Kriech 1 hinein in mein Nasenloch, kauf 30 Ellen weisse Lein- 
wand, kauf 30 Ellen Leinwand zu Taschen i flehen." Er kroch in das 
Nasenloch des Pferdes, war also im Nasenloch des Pferdes ein Kauf- 
laden. Dreissig Ellen weisse Leinwand kaufte er, dreissig Ellen Taschen- 
tücher kaufte er, gieng aus dem Gewölbe, umwickelte seines Pferdes 
Vorderfuss, Hinteriuss, auch sich wickelte er hinein. Nun hört man, 
dass das Pferd zu gehen begonnen. Ist er lange Zeit gegangen, oder 
ist er kurze Zeit gegangen: auf einmal bleibt das Pferd stehen .Komm 
heraus!" spricht es Von den Linnen, mit denen es umwickelt war, 
fielen nur die verkohlten Überreste herab: während jene durch das 
Feuer gegangen, waren sie verbrannt. 

14. Wieder geht er auf seinem Pferde vorwärts. In der Ferne 
erschallt wieder ein Getöse. Sein Pferd spricht: „Weist du, was so ein 
Getöse macht?" „Woher soll ich's denn wissen?" — Schau nur 
vorwärts, was geschieht dort?" Er sieht vor sich, da verflechten sich 
30 Pappeln, dann gehen sie auseinander; was nur unlerm Himmel ist. 
alles heben sie empor, nichts kann da durchkommen. Sein Perd spricht: 
„Denke nicht her, denke nicht hin ! a — und schreitet vorwärts. Tari-p. 
denkt, was für eine Ungeheuerlichkeit haben wol diese Pappeln. Er 
gieng nach den Pappeln hin, diese schlugen auseinander. Tari-p. wur- 
de von ihnen berührt, fiel vom Rücken seines Pferdes herab; wohin 
sein Pferd gegangen, er weiss es nicht, wohin er selbst gekommen, er 
weis es nicht. Als er zu sich kam, hieng er mit seinem Kinn an einem 
Pappelasle; her und hin schankell er, hinab kann er nicht gelangen, 
hinauf kann er nicht gelangen. „Ei!* spricht er, „darum sagte meine 
Mutter : wenn du einmal in eine Gefahr geraten wirst, kannst du nicht 
abwärts kommen, kannst du nicht aufwärts kommen : sieh da, nun 
kann ich nicht abwärts kommen, kann ich nicht aufwärts kommen. 
Meine Frau Schwester sagte neulich: wenn du in Not, in Elend ge- 
rätst, dtiere mich nur ; wo ist sie denn hier? ich sterbe hier gleich!" 
Im selben Augenblicke erschallt irgend ein plötzliches Gepolter. Er 
sieht hin, also kommt auf dem Rücken eines dreiflüglichen Pferdes jene 
seine Frau Schwesler. „Wie ist dir geworden, Jungbruder?! Warum 
hast du mich so eilig citierl ; ich sass eben Thee trinkend und die Thee- 
schalen sind in Stücke zerbrochen : in welch' eine Not, ein Elend bist 
du geraten?* — „Frau Schwester! mein Slerbort ist dies abwärts 
kann ich nicht kommen, aufwärts kann ich nicht kommen : mein Pferd, 
wer weiss in welche Gegend es verschleppt worden ist. u Seine Frau 
Schwester fasste die dreissig Pappeln zwischen ihre Nägel, brach sie 
entzwei: sie spricht: „Die Welt des Menschenzeitallars. die Welt der 
Menschenepoche wird beginnen: was für ein Mensch wir da im Stande 



74 



KOSMOGONISCHEN SAGEN DER WOGULEN. 



sein durch euch hindurchzudringen?!" Tari-p., als er um schaut: ist 
seine Frau Schwester nirgends, er selbst ist zur Erde gefallen, dort 
sieht er. Kein Pferd gibt's da, nichts gibt's da „Herr Gott!" — spricht 
er — „wohin ist mein Pferd gekommen? gleich sterbe ich hier!" Im 
selben Augenblicke spricht ihn sein Pferd hinler seinem Rücken an : 
„Sei schon lertig! es ist mir schon langweilig, steig auf meinen Rücken!" 
Froh stieg er auf den Rücken seines Pferdes. „Nimm deine siebensei- 
tige (?) Peitsche hervor — sagt sein Pferd — schlage mich!" Er nahm 
seine siebenseitige Peitsche hervor, er schlug einmal auf sein Pferd, 
plötzlich erhob es sich in die Höhe. Er mengte sich wieder unter 
wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. 

15. Wie er so geht, erschallt in der Ferne wieder ein Gelöse. 
Sein Pferd blieb stehen und sprach: „Weisst du was das für ein Ge- 
töse in der Ferne ist?" Tari-p. antwortet: „Woher soll ich 's wissen?" 
Wenn du s nicht weisst, also der quer-über-sieben-haarlos-gewordene- 
Bundschuhe-liegende Alte schnarcht; das ist der Endpunkt unseres 
Lebens, weiter können wir nicht mehr kommen, jetzt tödtet man uns ; 

— hat dir neulich deine Frau Schwester nicht etwas gegeben?* Tari-p. 
spricht: „Was hat sie mir gegeben?" — Sein Pferd spricht: „Hat sie 
dir kein zweischneidiges Messer gegeben?" — „So ist's!" — denkt er 

— «ein zweischneidiges Messer hat sie mir gegeben." Sein Pferd spricht: 
„Geh, schliefe ins Mausfell, schneide dem Alten die Nasenflügel und 
Ohrlappen ab; wenn es dir bestimmt ist, dass du den Gesang vor- 
wärts bringest (d. i. dass über dich das Lied fortgesetzt werde) wenn 
es dir bestimmt ist, dass du die Sage vorwärts bringest: dann wirst 
du ihn bewältigen können ; wenn dir das nicht bestimmt ist, dann 
wirst du getödtet." — Tari-p. schlofT ins Mausfell und gieng in Maus- 
gestalt zum quer-über-sieben-haarlos-gewordene-Bundschuhe-liegenden 
Alten. Sein Pferd blieb dort. Der Alte atmet aus: er wird irgend wo- 
hin rückwärts gehoben, jener atmet ein: beinahe wirbelt es ihn ins 
Nasenloch hinein ; er stemmt sich zurück, er zwingt es kaum. Er zog 
sein zweischneidiges Messer hervor, schnitt den Alten Nasenflügel und 
Ohrlappen ab und steckte sie in d'*e Tasche. Sein Pferd spricht : „komm 
schnell, besteige mich! - Er lief zu seinem Pferde, schwang sich schnell 
auf dessen Rücken. Das Pferd stieg aufwärts. Als ihm der quer-über- 
sieben-haarlos-gewordene-Bundschuhe-liegende Alte nachsetzte, stieg das 
Pferd plötzlich in die Höhe, jener konnte ihn nicht erreichen Der 
Alte sprach: „Hej Tari-p. in der Zukunft, bis der letzte eine Mann 
nicht umkommt, bis die letzte Frau nicht umkommt, wirst du als ein 
Gott leben; ich aber bin nun schon gestorben." Tari-p versetzt da- 
rauf: „Einst wird die Welt des Menschenzeitalters, die Well der Men- 
schenepoche beginnen; was für ein Mensch wird dich da bewältigen 
können; darum hab' ich dich getödtet." Sein Pferd gieng nun weiter; 
er mengte sich unter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. 

[Hier folgt der eigentliche heilige Teil der Sage; die Frauen ge- 
hen aus der Jurte, auf den Tisch wird Silbergeld gelegt.] 

Ib. Tari-p. Ross, wie es so weiterschreitet, bleibt einmal nur 

75 C» 



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! 



DR. BERNHARD MUNKiC'81 



stehen, spricht :, „Auf meine Nase wirst du eine Birkenbast- Rolle stecken, 
auf meinen Vorderluss, auf meinen Hinterfuss wirst du eine Birken- 
bast-Kolle stecken, meinen Schweif winde aut dein Schwert." Auf Nase. 
Vordertuss, Hinterfuss steckte er eine Birkenbast-Rolle, den 8chweif 
wand er auf sein Schwert. Sein Ross spricht: „Jetzt besteige meinen 
Rücken ! J Er bestieg den Rücken seines Rosses, dieses erhob sich 
hoch, sie mengten sich unter wandelnde Wolken, unter eilende Wol- 
ken Wie sie so gehen, Hess sich das Ross einmal nur nieder, gelangte 
herab. An dem Orte, da er herabgelangte, stand ein Haus und eine 
Vorratskammer. Das Ross spricht: „Steig hinab von mir; geh, ent 
führ' die Tochter der Fasanenten- nasigen Frau, ihre Mutter ist einge- 
schlafen!" Als er im Begriffe war ins Haus zu treten, sprach sein Ross: 
„Geh mir nicht, komm her! du wirst irgendwie an eine Torheit den- 
ken, die Frau erwacht, und dann ist's aus mit meinem Leben, schliefe 
in eine meiner Nüstern, dort ist eine Schenke, in der Schenke trinke 
drei Gläschen. Tari-p. schliefe in die Nüstern des Rosses. in der Nüster 
drin ist jene Schenke; er trank drei Gläser Branntwein und kam he- 
raus. Sein Ross spricht: „Nun jetzt geh, entführ die Tochter der Fa- 
sanenten-nasigen Frau!' Er gieng ins Haus, ergrifT das Mädchen und 
brachte sie heraus. Sein Ross spricht: „Steig schnell auf, sie kommt 
uns nach!" Kaum gelangte er zu seinem Rosse, erschien die Fasanen- 
ten-nasige Frau Das Ross spricht: „Wirf rasch das Weib von dir, 
sie kommt uns nach ! u Er wart das Mädchen von sich, bestieg schnell 
den Rücken des Rosses, und vorwärts gieng er! Die Fasanenten-na- 
sige Frau erfasste die Nase des Rosses. Das Haupt des Rosses machte 
eine Bewegung, und die Birkenbast-Rolle löste sich ab. Sie machte 
sich an den Vorderfuss des Rosses, erfasste den Vorderfuss des Ros- 
ses : die Birkenbast- Rollen lösten sich ab. Nachher machte sie sich 
an den Hinterfuss des Rosses, als das Ross emporsprang, lösten sich 
wieder die Birkenbast- Rollen ab. Nun machte sie sich an den Schwei! 
des Rosses, beider Hände Finger schnitt sie sich am Schwert entzwei. 
Jetzt macht sie Jagd auf sie. Bald hascht sie hier nach ihnen, bald 
hascht sie dort nach ihnen. Das Ross spricht: „Was hast du in der 
Hand; gleich wird sie uns ja ergreifen!" Tari-p. antwortet: „Nicht? 
habe ich in der Hand. Die Fasanenten-nasige Frau hascht bald hier 
nach ihnen, hascht bald dort nach ihnen. Das Ross spricht: „Was 
wartest du, vas hast du in der Hand, weissl du's nicht?" Er blick? 
auf seine Hand : er hat ja seine siebenseitige (?) Geissei darin. Jetzt schlag' 
er auf sein Ross und nun mengt er sich unter wandelnde Wolken, un- 
ter eilende Wolken. Die Fasanenten -nasige Frau spricht : „Ei da, Tari-p 
du hast also das Mädchen geraubt; Tarem hat dich angenommen, du 
bist davongekommen. 1 ' 

17. Jetzt gieng's vorwärts. Einmal nur kamen sie in die Burg 
Päraparse/'s Sein Ross Hess sich zum Tore der Burg nieder, gelangte 
hinab. Seine Frau kam erst jetzt heraus, erst jetzt reichten sie sie l. 
die Hände. Seine Frau führte ihn ins Haus : „Ei wol, Sangesmann. 
Sagenmann! — sprach sie da drinnen — gar viel Drangsal magsi 



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KOSMOGONJSCHEN SAGEN DER WOGULEN- 



du erduldet haben!" Mit Bier und Honigspeisen ward ein Tisch be- 
reitet, sie begannen zu essen. Einmal nur sagt seine Frau : „Geh nur 
hinaus, dein Ross rutt dich hinaus!" Er geht hinaus, sein Ross hebt 
und hebt den Fuss. „Komm her tt — sprach es — „meinen Fuss hat 
ein Ast versehrt." Er geht hin: also, die Tochter der Fasanenten- 
nasigen Frau haftet daran." Jetzt gehn sie ntit der Tochter der Fasan - 
enten-na?igen Frau wieder hinein; er setzte sich zwischen die zwei 
Frauen; sie küssten sich, umarmten sich. Mit dem Essen waren sie 
fertig, er spricht zu seinen Frauen: „Ich lege mich jetzt nieder; wenn 
ihr mich nicht zum alten Mann und zur Frau am Tundrahügel, zu 
meinem Vater und meiner Mutter bringet, bis ich aufstehe: ist es aus 
mit eurem Leben, in haardünne Stücke zerhacke ich eure Hälse. Diese 
ganze Stadt sammt ihrem Volk und allen Dingen, ihren Schafen. Kü- 
hen, Pferden, alles schaffet in meine Heimat!- Er senkte sein Hanpt 
und seine Augen, und legte sich nieder. Im Liegen horcht er nur 
einmal auf, das Schelten einer Frau erschallt : r Ist das denn die Le- 
bensweise des jungen Volkes ? Soll denn hinfür die Frau des Menschen 
hingehen, der Mann aber soll herumliegen; meine teuern Kinder, wie 
er sie quält! — Auch hab' ich ihm neulich ein zweischneidiges Mes- 
sergegeben; Eisenhabichtbalg Eisen hasenfell, Eisenmäuselell, Eisenhecht- 
haut hab' ich ihm gegeben ; jetzt macht er sich damit nur so davon!" 
Er liegt nur weiter, steht nicht auf. Einmal nur, wie er lie.t, ermun- 
tert ihn seine Frau : „Steh auf, sieh da, wir sind schon zuhause 
angekommen!" Er steht auf, wirklich ist er zu seinen Eltern gelangt. 
Wie seine Eltern zu ihm gelangt sind, wusste er nicht, und wie er zu 
seinen Eltern gelangt ist, wusste er auch nicht. Sie küssten und umarmten 
sich. Eine solche Burg entstand dort, dass die eilende Wolke entzwei 
geteii' sich darauf niederlässt dass die wandelnde Wolke entzwei ge- 
teilt sich darauf niederläßt. Ein silbernes Haus erstand, ein golde- 
nes Haus erstand. Sie leben weiter, sie sind weiter glücklich. 

18. In seiner Tundrahügel-Burg ob er lange Zeit gelebt, ob er 
kurze Zeit gelebt, einmal nur spricht Tari-p zu seinen zwei Frauen : 
.Ich suche noch eine weiberbetretene, weiberbewohnte Gegend.» Sei 
ne Mutter spricht: „Ei ja! einst, wenn die Welt des Menschenzeit- 
alters, der Menschenepoche eintreten wird, wirst du das Herbst-Eich- 
hörnchen, das Frühjahrs- Eichhornchen eben so mit voller Gewandtheit 
suchen 1" Sie küssten und umarmten sich ; er gieng hinaus, bestieg den 
Rücken seines Resses und entfernte sich. — Gieng er lange Zeit, oder 
gieng er kuize Zeit: einmal nur Hess sijh sein Ross in die Mitte des 
Meeres nieder. Durch jenes Meeres Wasser hindurch ist abwärts ein 
Silbertor, ein Goldlor Sein Ross lüsst er dort, selbst aber geht er 
hinab. Er langt unten an, dort des Wasserfürsten Burg, Silberburg, 
Goldhurg. Neben dem Hauptgebäude steht ein kleines Haus, da trat 
er hinein Im kleinen Hause sitzt wasserlockig gelocktes Weib, ein was- 
serschmuek-geschmücktes Weib. Diese Wasserfurstentochter spricht: 
„Ei Tari-p! Türem hat dich gewisslich mir bestimmt !" Sie küsste, um- 
arm'e ihn: mit Bier, mit Honigspeisen bewirtete sie ihn gut. Das 

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DR. BERN 11 Ali D MLNKACSI 



Weib spricht : „Geh zu meinen Brüdern ; geh ins grosse Haus ; zwingst 
du's, so zwingst du's, zwingst du's nicht, so zwingst du's nicht " Er 
stand aut und gieng hin Er trat ein, sieben Männer spielten Karten. 
Sie schauteu nach ihm hin, er fiel beinahe nieder, mit Mühe hält er 
sich. „Ej Tari-p* — sagen sie — „was Bringendes hat dich gebracht, 
was Tragendes hat dich getragen? wie gelangt ein lebender Mensch 
in diese Gegend? Willst du Fürsten weibes-Schwiegersohn, Fürsten- 
Schwiegersohn werden, setz dich her zum Tische!" Er setzte sich zum 
Tisch, sie spielen weiter Karten, Schach. Immer ist er der Meister, 
er versteht es besser, als die sieben Männer; er ist der Meisler im 
Spiel. Einmal spricht er zu den sieben Männern: „Auch ich selber 
habe ein Haus, auch ich habe Gewässer; meines Hauses, meiner Ge- 
wässer Gedanke überkam mich, ich geh jetzt fort." Schon schickte er 
sich an fortzugehen, als man seine Frau mit der Ausstattung auszu- 
rüsten begann. Die Wasserfürsten-Tochter spr'cht: „Was für eine Mit- 
gift brauchst du, Landtiere-Mitgift, oder Fisch- Mitgift?'' Tari-p. antwor- 
tet : .Natürlich, dass ich Fischmitgift brauche; wass wird die Welt des 
Menschenzeitalters, die Welt der Menschenepoche beginnen, was sonst 
wird dann der Mensch essen?!" Seine Frau spricht: „Geh voraus, 
bis du nach Hause gelangst, komm ich auch an!" Jetzt gieng Tari-p. 
durch jenes Wassertor zu seinem Boss hinaus. Sein Ross war ganz 
abgezehrt, sein Fleisch war weggesiecht, seine Knochen waren wegge- 
siecht. Tari-p. hauchte es mit seinem Atem an; was für ein Ross es 
vorher war, was für ein Tier es vorher war: jetzt wird es zu einem 
noch viel schöneren Ross; aus einem Nasenloch dringen Funken, aus 
dem andern Nasenloch dringt Rauch. „ Besteige — spricht es — mei- 
nen Rücken!" Er bestieg den Rücken des Rosses. gieng weiter; mengte 
sich unter wandelnde Wolken, unter eilende Wolken. 

(Schluss folgt.) 



II 

Die Sage von der Umgürtung der Erde 

(Mn fnteptane m.'.jt.) 

1. Eine Frau und ein alter Mann leben. Auf einem Erdbühel, 
von ihres Hauses Grösse, hausen sie. Hat ihren Erdhügel ihr Vater 
Numi-Tfirem hernieder gesenkt, ist er untenher emporgetaucht? sie 
wissen es schlechterdings nicht. Wenn der Nordwind weht, weht er 
sie ins Südmeer, wenn der Südwind weht, weht er sie ins Nordmeer. 
Der Winter sieben, der Sommer sieben, da sie so leben, wuchs weder 
Gras, weder Kraut. Einmal aber, als die Frau hinausgeht, wuchs in 
der Hausecke der Gastnische ein gelbwipf liger Grasstengel. Sie geht 
ins Haus, spricht zu ihrem Alten: »Der Winter sieben, der Sommer 
sieben, dass wir hier leben: zeither ist nimmer ein so gestalles Kraut 
gewachsen, sieh's nur an!" Der Alte spricht: „Brings nur herein!" 



7« 



K0SM000N1SCHEN SAGEN DER WOGULEN. 



Die Frau trug in der Hand ihr Seidentuch hinaus, da» gelbwipflige 
kleine Kraut bede<-kte sie mit ihrem Seidentuch, sammt den Wurzeln 
zog sie's heraus; als sie's emporhob: begann ein Kind zu weinen. 
Das Kind trug sie freuender Hand, freuenden Fusses ins Hau* Der 
Alte spricht: , Wir sind ein seit sieben Wintern, seit sieben Som- 
mern kinderlos lebendes Par; wo denn hast du das gefunden?* 
Die Frau spricht: „Woher ich's habe? das ist das Kraut, das ich 
bemerkt halte.* 

2. Der Sangesmann, der Sagenmann, wachst er etwa lange? 
Das heutigen Tags getragene Gewand wird ihm (im schnellen Wach- 
sen bald) überllüssig ; endlich hat er nicht Kaum im Hause. Weilen er 
so wachst, einmal nur zu seinem Vetter, zu seiner Muhme spricht er : 
„Ich möchl' ausgehen, meine Hand langweilt sich schon, mein Fuss 
langweilt sich schon?" Die Muhme lässt das Kind nicht allein hi- 
naus: sie spricht zu ihrem Alten: „Mit dem Kind geh du aus; wo- 
hin es geht, geh mit ihm, ins Wasser soll es nicht fallen!" Der Alte 
trug das Kind hinaus; wohin das Kind spielend läuft, geht er mit 
ihm. Giengen sie lange Zeit, oder giengen sie kurze Zeit : einmal nur 
wird der Alte kraftlos, er gehl ins Haus hinein. Seine Frau schilt ihn: 
„hu, warum bist herein gekommen? geh hinaus, das Kind fällt ins 
Meer!" Der Alte gieng wieder hinaus, er sucht und sucht das Kind 
vergebens; das ist nirgends! Wenn's also nicht ist, wohin soll er sich 
wenden ? Er gieng ins Haus. Seine Frau begann ihn weinend zu schel- 
ten : „Du, warum bist du herein gekommen ? ! Ich half es dir gesagt, dass 
du mit ihm gehest, dass du es auch nicht ein wenig weiter las- 
sest! sieh, jetzt ist's ins Meer gefallen!" Der Alte spricht: „Wie soll 
ich's denn anstellen; das Kind läuft viel herum, wie kann ein alter 
Mann meines Gleichen mit ihm aushalten?" 

3. Wie sie so streiten, auf einmal nur tritt von aussen irgend 
ein Mann plötzlich ins Haus. Als sie hinschauen, sieh da. steckt das 
Kind dort. Es fragt: „Vetter, Muhme! was zanket ihr?' — „W r o ich 
gewandelt? Ich war zu meinem Vater tiold-Ktcore's emporgestiegen.* 
Sein Vetter, seine Muhme sprechen: -Und weshalb bist du denn em- 
porgestiegen, was für eine Botschaft hast du gebracht?" — „Die von 
meinem Vetter Gold-Äu?or*8 gebrachte Botschaft ist diese: sieben Nächte, 
sieben Tage sollt ihr eures getürten Hauses Türe, eures dachlukigen 
Hauses Dachluke gesperrt halten : was für Getöse auch draussen tose, 
geht nicht hinaus, mein Vater lio\d~ Kwores lässt die Erde himmelab!" 
Des getürten Hauses Türe versperrten sie, des dachlukigen Hauses 
Dachluke verdeckten sie Einmal nur entstand ein donnerndes, wet- 
terndes Getöse. Sieben Nächte, sieben Tage hindurch wettert es inei- 
nemfort, ihr Vater (iold-Kicores lässt die Erde herab. Nach Verlauf 
der anberaumten Woche hörte das wetternde Getöse auf. Das Kind 
gieng hinaus, bestieg den Rücken seines Tieres, nahm seine Mütze ab. 
In dem Augenblicke als er seine Mütze abnahm, gelangt er in sieben 
Gegenden, so Schnellerdings drehte sich die herabgelassene Erde seines 
Vater Gold- Ktrores. Zu seinem Vetter, seiner Muhme spricht er: „Ich 



V.) 



GRAF GfeZA KUUN 



steige wieder zu meinem Vater Gold- Kwords empor; seine Erde mag 
er befestigen, mag er mit irgend einer Feste festsetzen; denn er wird 
die Welt des Menschenzeitalters erschaffen, er wird die Welt der Men- 
schenepoche erschaffen : „welcher Mensch abgeschniltenen Nabels wird 
es aushalten, wenn die Erde sich in einenfort dreht, und nicht an 
einem Orte festsitzt? 14 Darauf stieg er empor. Zu seinem Vater Gold- 
Kwores spricht er: „Was das Hinablassen anbelangt, hast du die vom 
Menschen zu bewohnende Erde schon herabgelassen; wenn aber ein- 
stens die Well des Menschenalters, die Welt seiner Epoche da sein 
wird, welcher auf den Fusspitzen stehende Mensch wird das wol aus- 
halten?! Dieses dein Erdchen mögest du irgend welcher Weise befe- 
stigen!" Sein Väterchen (io\d-Kworti8 spricht: „Sieben Nächte, sieben 
Tage sollen die des getürten Hauses Türe wieder sperren, des dachlu- 
kigen Hauses Dachluke wieder verdecken, ich werde die Erde umgür- 
ten." Sieben Nächte, sieben Tage hindurch versperrten sie sich; was 
neulich für ein Getöse, ein Wettern war : jetzt entstand ein noch grös- 
seres Getöse, ein noch grösseres Wettern. Nach Ablauf der anberaum- 
ten Woche als sie hinausgehen: wenn sie aufwärts schauen, kann ihr 
Augensirahl nicht bis ans Ende des Uralgebirges dringen ; wenn sie 
abwärts schauen, kann ihr Augenstrahl gleichfalls nicht bis ans Ende 
des Uralgebirges dringen. So setzte sich die Erde in aufrechter Stel- 
lung fest, jetzt ward sie dann geeignet, dass der Mensch auf ihr wohne 
4. Das seinem Vetter, seiner Muhme in gelbwipfligen Krautes 
Gestalt herniedergestiegene Kind thront jetzt unter dem Namen des 
Gottes Pole'm. An seiner heiligen Stätte, am Gestade des vom Flusse 
Poletn (Pelymka) gebildeten Sees, — dort betet man ihn mit Verbeu- 
gungen an, dort bringt man ihm Opferspeisen dar bis an den heuti- 
gen Tag. 



Ober uneigentliche Ausdrücke verschiedener Sprachen aus Ehr- 
furcht vor der Gottheit und vor den Maohthabern. 

Es gibt dem Anschein nach zweierlei uneigentliche Ausdrücke : 
1) die metaphorischen, welche der überreichen Phantasie der Volks- 
psyche entspringen : 2) solche, welche aus Ehrfurcht (nu-zia/s), Demut 
(Ttmuvjhip), Artigkeit (eiTga/rth'a) und Euphemismus (eirpi-uia) an die 
Stelle der eigentlichen treten. Dieser Unterschied ist jedoch nur ein 
scheinbarer, denn in allen diesen tropischen Ausdrücken offenbart 
sich eine regere Phantasie, als in dem gewöhnlichen Sprachgebrauch, 
der auf einer einfachen Auffassung der Realien beruht. Die scheinbar 
zweierlei uneigentliohen Ausdrücke bilden vereinigt den Bereich des 
Tropus und die Antithese des eigentlichen Ausdruckes. Die zweite 
Gruppe der tropischen Ausdrücke mit allen ihren Abzweigungen ist 
eben nur eine Unterart der Metapher, welche uns eine nähere Re- 



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ÜBER UN EIGENTLICHE AUSDRÜCKE VERSCHIEDENER SPRACHEN. 



trachtung als einen wicStigen Baustein im Gebäude der menschlichen 
Sprache darstellt. Max Müller unterscheidet zwischen zwei Arten der 
Metapher, welche er die radikale und die poetische nennt 

Wir beschränken uns in dieser kurzen Skizze auf jene uneigent- 
lichen Ausdrücke, welche aus Ehrfurcht vor der Gottheit und vor den 
Machthabern gebraucht werden. Von den übrigen Abzweigungen die- 
ser Gruppe werden wir nur einige Beispiele anfuhren. 

In den Sprachen jener Völker, die auf der untersten Stufe der 
Bildung stehn, sowie in den Sprachen der gesitlenen Völker unterlau- 
fen in der gewöhnlichen Rede zahlreiche uneigentliche Ausdrücke die- 
ser Art. In allen diesen metaphorischen Ausdrücken regt sich ein so- 
cialer und ethisch religiöser Trieb, der auch den ungesittenen Völkern 
nicht abzusprechen ist, und der Unterschied zwischen den verschie- 
denen Stufen der Gesittung besieht hauptsächlich nur in der grösse- 
ren oder geringeren Entwickelung dieser Keime des Forlschrittes. Die 
Kahrfrauen vermeiden solche Wörter, welche eine den Namen ihrer 
nächsten männlichen Verwandten ähnlich klingende Silbe enthalten, 
und auch die Männer einiger Kafirstämme machen keinen Gebrauch 
von Wörtern, die im Klange dem Namen eines ihrer frühern Häupt- 
linge gleichen, so z. B. gebrauchen die Amambalu den allgemeinen 
Ausdruck Tür Sonne, ilanga, darum nicht, weil ihr erster Häuptling 1 
Ulanga hiess, sie sagen dafür isota *) Diese Spracheigenheit entspringt 
der Ehrfurcht vor den nächsten männlichen Verwandten und vor 
den Häuptlingen. Auf einer hohen Stufe der Gesittung, bei den mo- 
notheistischen Semiten, so z. B. in der hebräischen Sprache, bemer- 
ken wir die Substitution des Gottesnamens, welche entweder in dem 
veränderten Vocalismus, oder in der Auswahl eines uneigentlichen Aus- 
druckes besteht. Der Gottesname Jehovä. welcher nicht seine ursprüng- 
lichen Vocale, sondern die von ddonai hat, nimmt auch die Praefixa 
diesen entsprechend an, als lajhovä usw., weil man lesen soll ladonai 
usw. Schon in den Büchern des „Alten Testaments" wird der Gottes- 
name Jehovä an einigen Stellen durch das Wort sem substituiert, wel- 
ches „Name" bedeutet Diese Substitution ist in der talmudischen u. 
rabbinischen Sprache eine sehr häufig vorkommende : so lesen wir bei 
Aben Esra hol halem „die Stimme des Namens" anstatt kol Jehovd 
„Donner. - Philo paraphrasiert diese Bezeichnung des Gottesbegriffes mit 
den Worten Krauet cor ow«s, n) siq\; ttlrj&tiav nv. Die Araber ver- 
meiden in einigen ihrer Schwurformeln den Gottesnamen A'Mh und 
ersetzen ihm mit hakkun „Wahrheit." Solche Substitutionen entsprin- 
gen der Ehrfurcht vor der Gottheit, die, wie das delphische Orakel 
treffend angab, unaussprechlich ist: oYvnua urjdf h'yym ynqnvitEvn^. 

Ans dem lateinischen *enior sind im Französischen verschiedene 
Ausdrücke entstanden, wie sire, »eigneur % sienr usw.. deren ersterer 
im Verlauf der Zeit zur Betitelung der Herscher beschränkt wurde. 

*) „Vorlesungen Uber die Wissenschaft der Sprache" von dr. Max Müller, 
für das deutsche Publikum bearbeitet von dr. Carl Böttger (Leipzg, 1866.), S. 34. 

dl 



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GRAF G£ZA KUUN 



Auch im Englischen wird sowohl in der Aussprache wie in der Schrei- 
bung ein Unterschied gemacht zwiehen Sire, womit die Könige ange- 
sprochen werden und rtr, welches letztere in der ümgangspache eine 
weitvei breitete Anwendung findet. Bei Homer bedeutet ytQtay, o\ yiQovttg 
die Vornehmsten, wo der Begriff des Alters zurücktritt. — In der mon- 
golischen Sprache werden mehrere Handlungen der Götter und der 
Vornehmen mit besonderen Zeil Wörtern bezeichnet, die bei anderen 
nicht angewendet werden, so wird ihr Reden girlak bol-khu, ihr 
Essen üagnklakhu. Is. „Siddhi Kür" herausg. von .Jülg, S. 70), ihre 
Installation oalakhu genannt, (*. „Siddhi Kür* S. 71.) Das Sterben der 
Machthaber heisst 1) niroau holchu. (s. S. K., S. 81) 2) öngröqhü, 
(s. 8 K.. S. 78 wo Vikramäditja des Todes seines Vaters Gandharva 
Erwähnung tut). Etwas ähnliches sehen wir auch in anderen Spra- 
chen; so bedeutet das arabische tekrih (takribun) in der persischen 
und türkischen Sprache die Annäherung zu Gott, oder zu den Macht- 
habern, (s. „Scheibaniade" herausg. von Vämbcry, S. 22.) 

Auch der „Pluralis excellentiae" wird in diesem Abschnitt füg- 
lich erwähnt werden können wie wir ihn im Hebräischen vorfinden, 
wo er sich auf .l acht und Gewalt bezieht, so namentlich Elohim „Gott", 
einigemal kt-loklm „der Heilige", adonim anstatt adon „Herr", z. B. 
adonim Arose „ein harter Herr" (Jes 19, 4.) usw. Im Persischen wird 
Wi „König" mitunter mit dem Plural des Verbums construiert, z. B. 
§«Ä ez iehr btrün te&rif miburdend .Der König hat sich aus der Stadt 
hinaus begeben." In diesem Satz wird das Wort se/ir „Stadt" in der 
Bedeutung der Hauptstadt des persischen Reiches Teheran genommen, 
wie urbs bekanntermassen bei den lateinischen Glassikern oft genug 
Roma bedeutet, vgl. die arabischen Städtenamen Mekka und Medfna* 
welche beide „Stadt" bedeuten, da Mekka wo'il mit der Endsilbe des 
Namens Baalbek (' Hkinv-unXi^) zu vergleichen ist. 

Im Verlauf der Zeit sind manche Ausdrücke der Heiligkeit, Macht- 
vollkommenheit und Auszeichnung dieser ihrer Bedeutung verlustig 
geworden, so ist das sanskrit deva, devas bei den Ost-, und Westira- 
niern zur Bezeichnung eines bösen Geistes geworden (zend. daeva, neu- 
persisch d«v\. In der altern Geschichte Ungarns bedeutete jouiagiones 
die Vornehmen des Landes, welches Wort in späteren Zeiten zur Be- 
zeichnung der Untertanen gebraucht wurde, s. jobbdgyi s. v. a. colo- 
nical. Der zweite Theil dieses Compositum* bag ibagi) ist mit dem 
ost türkischen baj. alt. pai. ujg. und osm. ftey identisch, welches auch 
in den stidslavischen Sprachen vielfach in Anwendung kommt, (griech. 

Mit der Ehrfurcht geht die Demütigung Hand in Hand. Der 
Araber nennt sich aus Demut 'ab<l „Knecht", und so wird auch der 
Freie genannt, denn auch er ist Gottes Knecht. Der Perser bedient 
sich oft des bende „Knecht 14 anstatt des Pronomens der ersten Person 
und bezeichnet sein Heim mit dem Ausdruck bende chdne „das Haus 
des Dieners", z. B. in dem Satz: be bende chäne mtrevem .ich gehe 
nach Hause", wörtlich „ich gehe in das Haus des Dieners". Bende-i 

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ÜBER UN El G ENTLICHE AUSDRÜCKE VERSCHIEDENER SPRACHEN. 



dergdh „ Knecht der Schwelle" nennt sich der Perser, wenn er die Schwelle 
eines vornehmen Mannes betritt, und bezeichnet seinen Sohn in der 
Rede mit einem Vornehmen mit der Zusammensetzung: bende zdde 
„der Sohn (deines) Knechtes*. Uebrigens bedeutet bende im Fersischen 
den von G»tt erschaffenen Menschen, ganz so wie im Arabischen, ob 
frei oder unfrei, als Gottesknecht. Der Vornehme nennt sich in seiner 
Rede mit dem Geringem bende perven „der Ernährer des Dieners". — 
Die Mongolen haben es gerne im Gespräch von sich selbst in den 
erniedrigendsten Ausdrücken, von den andern aber in solchen der Lo- 
beserhebung zu reden, so z B A: „Wie befindet sich mein erlauch- 
ter Freund, der erhabene und ruhmvolle Cang? u B: „Mein erbärmli- 
cher Leichnam befindet sich so gut, als den Umständen nach erwartet 
werden kann". *) — Aus Achtung für die angesprochene Person, oder 
aus Ehrfurcht vor ihr, und aus Demütigung pflegt der Perser ihre 
Handlungen mit /ermüden „befehlen", „geruhen" zu bezeichnen, so 
z. B duae fermüdtd „was Ihr gesagt habet", eigentlich „was Ihr be- 
fohlen habet a . Der Türke bedient sich zu demselben Bedarf des Ver- 
bums bujurmak, /.. B filän ujujor. bach&i'S versengizde, bujumng „N N. 
schläft, hast du bachsiS gebracht, geruhe einzulrelen", wörtlich „be- 
fehle einzutreten". Auch im Ungarischen, namentlich in Siebenbür- 
gen, hört man oft die höfliche Aufforderung parancsoljon „befehlen 
Sie", z. B. parancsoljon leülni „Belieben Sie Platz zu nemen", wört- 
lich „Befehlen Sie sich zu setzen". Diesen Ausdruck haben die Ungarn 
gewiss von den Türken entlehnt, und er ist bei den Siebenbürgern in 
Gebrauch, deren Ahnen bekanntermassen viel mit den Türken ver- 
kehrten Das Wort parancsolni ist slavischen Ursprung, vgl. asl. poraeiti, 
rum. poruncenk. Das Wort te*stk „belieben" war in früheren Zeiten in 
Siebenbürgen ungebräuchlich, aber seit einigen Jahrzehnten ist es ziem- 
lich allgemein geworden. 

Die Artigkeit passt gut zur Ehrfurcht und zur Demut. 

Der Perser, wenn er jemanden zum hinaufsteigen, hinabgehen, 
oder ausgehen auffordert, bedient sich aus Höflichkeit der Ausdrücke: 
„die Ehre hinauf-, hinab-, oder hinauszuführen," z B. bald tekrtf 
biberid „bitte heraufkommen zu wollen", wörllich „bringet Eure Ehre 
herauf", — pojin te&rif biberid „bitte, herabzukommen", wörtlich 
„bringet Eure Ehre herab", — bintn te&rif biberid „bitte, herauszu- 
kommen" usw. Der oben angeführte Satz: Mh ez Sehr btrün te&rif 
mibürdend lautet wörtiich „der Regent hat seine Ehrfurcht aus der 
Stadt (Teheran) heraus getragen". Te&rifdt heisst das Ehrenkleid, oder 
ein vom König gegebenes Ehrengeschenk, arabisch hhiVattin. Im Itale- 
nischen heisst cortesia „Artigkeit" auch Freigebigkeit. 

Mit der Artigkeit ist die Zucht und Ehrbarkeit innig verbunden. 
Das Wesen der ethischen Gefühle ist sich auf einer gleichen Stufe 
der Gesittung . gleich : nur die Tiefe, Kraft, Erhabenheil dieser Ge- 
fühle, und die Formen ihrer Äusserungen zeigen eine Verschiedenheit 

*) S Frick's Rundschau, 1890. S 435. 

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GRAF GfcZA KUUN 



bei den auf derselben Stufe der Enlwickelung siehenden Völkern. So 
siud auch die Äusserungen der Zucht und Ehrbarkeit zu verschiede- 
nen Zeiten und bei verschiedenen Völkern ungleich. Die Stellung der 
Frau im Orient ist bekanntermassen eine ganz andere, wie im Omdent, 
und in dem Altertum wurden die Frauen ganz, anders behandelt, als 
seit der Zeit, wo sich das Christentum der Herzen bemächtigte. Die 
mystisch indirekte Erwähnung der orientalischen Frau passt gut zu ih- 
rer verschleierten Tracht und zu der Verschlossenheit des Harem, wo 
auch die Kinder erzogen wurden. Die Muhamedaner pflegen überhaupt 
nicht über das Wohlgehen ihrer Frauen nachzufragen, wenn sie es 
aber thun, so slellen sie ihre Frage indirekt z. B. arabisch: ktf 
kauet dehnet bttka oder krf käu sirr htika „wie befindet sich die 
Henne deines Hauses ?* oder „wie befindet sich das Geheimnis deines 
Hauses ?• Der Araber sagt anstatt nikäh „Ehe - auch sirr .(ieheimnis". 

Das Grab wird im Griechischen euphemistisch auch *rW genannt, 
und die Furien (Erinnyen; wurden auch mit dem Wort EvtuviAij. xi, 
(toai) bezeichnet, welches die wohlwollenden, gütigen Göttinen bodeu- 
tet. — EioQvt&iu heisst die gute Vorbedeutung, von „Vogel". 

Vade boiiis avihu*. 

Graf Oiza Kuun. 



Bücherbesprechungen. 
1. 

1) II. Gaidoz et Paul Sibillot, Hlason populaire de la France. 
Paris, Leopold Cerf. XV. 382, (La France merveilleuse et legendaire 
par H. G. et P.S.) — 2.) Hlason populaire de la Haute-Rretagne (C.ötes- 
du-Nord) par Paul SJbillot. Paris 1887. 

Ein guter Ruf dringt weit, ein schlimmer noch weiter, sagt das 
deutsche Sprichwort. Vorliegende zwei Arbeiten sind so eigentlich nur 
Verbuchungen alles (inten und Rosen, was die franzosischen Provinz- 
ler einander und den Nachbarvölkern nachgetratscht haben, und noch 
nachtratschen Nicht jede aus dem Volke herrührende Remerkung ist 
gut oder richtig, aber die meisten sind witzig und heben die grotesk 
komischen Seiten, die Schwächen und zweifelhaften Vorzüge des Nach- 
barn hervor. Es unterlauft auch manch bissiges, vergrämtes, neiderfüll- 
tes Wort mit unter, wie es ja beim Tratsch anders nicht sein kann, 
der nie nach Gründen und nie nach der Wahrheit forscht, sondern 
nur aus fluch l igen Eindrücken sein Lrteil braut, „( est une sorte de 
caricalure en paroles" definieren zutreffend die Herausgeber, die ihren 
Ursprung häufig einem Wortspiel, einer lustigen Regebenheit o.ler ei- 
nem geschichtlichen Ereignis verdankt. 

Die Herausgeber erinnern daran, dass bei allen Völkern zu al- 
len Zeiten gewisse Volksslamme. S;idte und Dörfer mit ihrer nngeb- 



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liCCHKRBKSPRECHUNGEN 



liehen Einfalt und Ungeschicklichkeit zur allgemeinen Erlustigung unfrei- 
willige Schärflein beitragen mussten. So z. B. Sie Boiotier, die Abderi- 
ten, die Schildbürger, die Pofcegaer in Slavonien, bei uns die biederen 
Stix-Neusiedler und die Jung-Bunzlauer, ja wer könnte sie alle im Nu 
aulzählen, selbst nur die in unserer Heimat? Was für derbe Witzworte 
setzt der Deutsche nicht auf Rechnung des deulsch radebrechenden 
Magyaren, und wie derb geisselt der Wiener Witz den harmlosen 
Chrowolen? Gaidoz und Sibillot beleuchten die Eigenartigkeiten der 
tranzös. Nachredesucht in einer Weise, die allgemeine Giltigkeit auch 
für andere Völker besitzt. Doch nein, wie beschleicht uns Scham, 
wie ergreift uns Neid, dass nicht auch wir so sprechen dürfen, wie 
die zwei Franzosen: „Noire pays, heureusement, ne connatt plus ces 
acces de frenesie populaire au simple nom de juif, comme nous 
en voyons eclater souvent encore dans l'Europe Orientale, ou du 
moins il ne les connatt que pour des causes poliliques ou sociales, 
ce qui est incontestablement un progr&s." 

Viele, sehr viele von den hier angeführten bösen Nachreden fin- 
den bei anderen Völkern ihre Seitenstücke Ich will einige Beispiele 
herausgreifen. S. 299: „Trois .luifs font un Bälois, trois Bälois font 
un Genevois. tt Der Südslave sagt ähnlich : Fünf Juden gehen auf einen 
Serben, fünf Serben auf einen Cincar (Rumaenen) oder einen Griechen, 
des Armeniers wegen würde aber die Sonne nicht aufgehen". Der Serbe 
sagt: „Bugari su stare varalice" (Die Bulgaren sind aitersher Betrüger.) 
Der Bulgare spricht sich in gleicher Weise über den Serben aus. Der 
Katholike sagt vom Altgläubigen: n Nit u tikri sudanitu vlaha druga" 
(Eine Kü rbisf lasche ist kein Fass, und ein Altgläubiger kein Freund) ; 
auch etwas spöttisch derb: „Doso sokac prdno u lonac, doso vlah, 
pojio grah." 

Ich könnte ohne viel Mühe ein halbes Tausend solcher dicta 
insipida der Südslaven zusammenstellen. Am Schlimmsten kommen bei 
den Franzosen die Deutschen weg. Schon ihre Redeweise missfällt, 
sich selber lobt aber der Franzose. S 322.: „Die Italiener plärren, die 
Deutschen kreischen, die Franzosen singen." Die Deutschen heissen 
B /i plus ireux" oder „couUrous" oder n querelleurs u oder „autourious" 
(hautain). sie sind „ Dampf nudelfresser* aber auch die besten Tänzer. 
Niehl übel ist der Elsässische Gassenhauer: „Wenn jede Festung in 
Frankreich umher — Eine Pflutle oder ein Pfannkuche wär, — So hät- 
ten's die Deutschen schon längst gewonnen, — Hätten sie alle mit 
Sturm eingenommen. - Ganz wie unter den Magyaren, hat der Schwabe 
im Elsass seine Epitheta : elender, dummer, pfiffiger, hergeloflener 
Schwab. Der Jude hat dagegen keinen schlimmen Ruf, er gilt als got- 
tesfürchtig: Creire coumo un Jousiou ii la santo Biblo (Languedoc), 
als ehrlich: c'est im bon Israelite, als reich: riche coum' un Jusife, 
als verständig: prudent coumo un Jousiou, aber auch als geizig: avare 
cnmme un rabbin und als furchtsam: es esfraiat coumo un Jousiou. 
Der slavische Mahommedaner in Herceg-Bosna drückt sich genauer 
aus, wenn er einen plötzlichen, furchtbar ergreifenden Schrecken be- 

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BÜCHERBESPRECHLNOKN 



zeichnen will: spopala ga tifucka groznica - Es hat ihn ein jüdisches 
Fieber ergriffen. — W ie ruft doch ein einziger Vergleich, wie mit einem 
Zauberschlag eine Zeit finsterer Religionsverfölgungen ins Gedächtnis 
zurück. Der Franzose und der Bosnier haben im Volke längst die ur- 
alte Bedeutung dieser Phrase vergessen; „les noms et les sobriquets 
qui expriment ces haines de race, de religion ou de provinces ont sur- 
vecu aux sentiments qui les inspiraient, et ceux-memes qu'ils devrai- 
ent irriter ont le bon sens de ne plus se senlir atteints," bemerken 
sachgemäss die Herausgeber, denen man für die grosse Mühe und 
kritische Sorgfalt beim Sammeln und Sichten der 1200 Tratschworte 
nicht genug Dank wissen kann. 

Wien. 

Dr. F. &. Krams. 

II. 

Altweiber-Medicin bei den Rumänen. 

Wie aus ihren Annalen und Memoiren ersichtlich, hat die ru- 
mänische Akademie in Bukarest seit ihrem Bestände beinahe aul al- 
len Gebieten der Wissenschalt namhafte Fortschritte gemacht und sich 
bemüht, sich aul den Standpunkt der heutigen Wissenschaft zu erheben. 

Was aber bei dieser Akademie die Aufmerksamkeit der forschen- 
den Welt besonders verdient, ist der tiefe prüfende Blick, den sie in 
das nationale Leben des rumänischen Volkes getan hat. Alles, was das 
Volk seit vielen Jahrhunderten geistig produciert und bewahrt hat. 
was bei ihm in seinem Alltagsleben bei jeder Gelegenheit als alter- 
tümlicher Brauch geübt wird, wird als nationaler Schatz aus dem Munde 
des Volkes gesammelt, und entweder in den Annalen der Akademie 
publicierl, oder praemiiert, oder dem Sammler auf eine andere Art 
Hilfe geleistet. 

Ich will bei einer andern Gelegenheit registrieren, was die ru- 
mänische Akademie in dieser Hinsicht geleistet hat, und beschränke 
mich jel> t auf ein Materiale des täglichen Lebens des rumänischen 
Volkes, das von vielen als leerer Aberglaube, als unnützes Zeug betrach- 
tet worden ist, nämlich die Altweiber-Medicin. 

Die Forschung hat auf diesem Gebiete ihre Arbeit noch nicht 
beendet, obwol Material auch bis jetzt in ziemlich grosser Masse ge- 
sammelt und puhliciert worden ist. 

Ein Auszug aus den Annalen der Akademie. Serie II. Band XII. 
vom Jahre 1890 unter dem Titel „Medicina Babelor" (die Medicin der 
alten Weiber) gesammelt zumeist in der Gegend der Stadl Roman in 
Rumänien von Dimitrie V. Lujascu, hat zwei Teile. Im I-ten sind 54 
„Descantece- carmina contra incanlationem, Gegenzauberlieder, um 
den Bezauberten d. i. den Kranken gesund zu machen, und jedem 
Liede ist auch das Recept, d. h. die Arznei und die Verfahrungsweise 
beigegeben. Im I l-ten Teile sind 109 Arzneien und Verfahrungsregeln 
enthalten, aber ohne Zauber- oder Gegenzauberlieder. Man könnte 



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IU ('HERBESPRF( HUNGEN 



fragen, warum bei den 109 Arzneien und Gebrauchsanweisungen keine 
Zauber- oder Gegenzauberlieder gegeben sind? 

Die 109 Arzneien und Verfährungsregeln sind von solchen Haus- 
trauen gesammelt, die dieselben als Hausmittel kennen und nur für 
ihre Familien als Heilmittel verwenden, und dieselben gewöhnlich von 
ihren Müttern u. Grossmüttern gelernt haben. Im allgemeinen kümmern 
sie sich wenig um Zaubereien; wenn aber die versuchten Heilmittel 
nicht helfen, dann wenden sie sich an die Hilfe der Zauberinnen. 

Die 54 Stüek Gegenzauberlieder rühren gewöhnlich von solchen 
alten Weibern her, die sozusagen als Dorfmediciner fungieren, und in 
die Häuser zu den Kranken gerufen werden. Und es wäre nicht ge 
nug und zu einfach, nur die Arzeneien zu machen und anzuwen- 
den, oder sie nur zu verschreiben; man muss auch auf den Ge- 
mütszustand und den Geist des Kranken wirken. Zu diesem Behufe 
dienen die Gegenzauberlieder, und der Inhalt und das Recitieren der- 
selben ist gerade das heilige oder schauerliche Geheimnis, das eine 
grosse Wirkung auf den Kranken ausübt. 

Und diese alten Weiber haben viele nationale Traditionen bewahrt. 

Gegenzauberlieder, die keine Bruchstücke sind, haben gewöhnlich 
drei Teile. Im ersten wird gewöhnlich metaphorisch erzählt, auf welche 
Art das Böse, das Übel gekommen, oder von welchen (mythologischen) 
Wesen oder Zauberinnen es über den Kranken geschickt worden ist, 
wie der Kranke an Kräften siecht, wie er leidet und wehklagt. 

Im zweiten Teile sieht und hört gewöhnlich (Nro 2. 3. 6. 7. 13. 
14. 16. 26. 33. 37. 46. 47.) die Mutter-Gottes aus dein Tore des 
Himmels den Kranken und fragt ihn, was ihm weh tut. Der Kranke 
erzählt dann durch den Mund des Weibes beinahe dasselbe, was im 
Anfange des Gegenzauberliedes ist, die Mutter des Herrn schickt dann 
den Kranken zum alten Weibe, oder verschreibt selbst die Heilmittel 
und etwas, was noch zu machen ist. 

Im dritten Teile werden die über den Kranken geschickten oder 
geworfenen Zaubereien verjagt, das Böse, das Übel in das schwarze Meer 
geworfen, oder manchmal (Nro 6. '27, 37. 53.) nimmt die Mutter des 
Herrn den Kranken bei der Hand, führt ihn auf den Weg des Abra- 
ham, zu der Quelle des Jordan und hier wäscht sie ihn, und wirft 
alles Böse auf das Haupt desjenigen, der das übel verursacht hat ; 
zuletzt die Bitte, dass der Kranke gesund, rein und makellos bleibe, so 
wie Gott ihn geschaffen und in die Welt geschickt hat. 

Von diesen Liedern haben wenige einen poetischen Wert, vie- 
les wiederholt sich in denselben: doch haben sie grosse Wichtigkeit 
fiir die rumänische Sprache, und weil einige auch mit Volksgebräu- 
chen in Zusammenhang stehen, auch für diese. Auch für den 
Arzt, den Chemiker, den Botaniker und den Mythologen sind diese 
Lieder, Arzneien und Verhall ungsregeln eine wahre Fundgrube der 
Forschung. Vom Standpunkt der Volkssprache will ich noc^i einige Be- 
merkungen zu dieser Sammlung machen. 

Im Liede Nr. 1. ist das Wort »tescule-le u lat. testicula, fr. tes- 

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Hl ( HKRHKSPRECIH NGEN 



ticule, die in der alltäglichen Sprache einen anderen Namen haben. In 
Nro 13. ist die lateinische Form „*triga a , während in der Volkssprache 
strigoia (die Hexe) ist. In Nr. 16. sqaul, die Grube der Ohren, wo qau aus 
den lateinischen cav-us cav-erna enstanden ist, und sehr selten gehört 
wird. In Nr. 24. prhnarie lat. primoria. hier in dem Ausdrucke r die 
ersten Geschwisterkinder." In Nr. 43. lautör*, die Waschende, lat. lava- 
tor, während in der Volkssprache gewöhnlich spelare, waschen im Ge- 
brauche ist. In Nr. 52. amente-le die Liebhaberinnen, lat. amantes , was 
bis jetzt in der Volkssprache nicht gehört worden ist. 

In diesen Gegenzauberliedern, Arzneien und Verfahrungsregeln 
gibt es noch eine Menge von Wörtern, die in den rumänischen Wör- 
terbüche n nicht auffindbar, und deren Sinn und Ethymologie noch 
nicht bestimmt ist. Diese Wörter aus den vergessenen Jahrhunderten 
als veraltet u. aus dem täglichen Gebrauche verschwunden, bereichern 
nun das Material der Sprache *) 

Auch betreffs der grammatikalischen Formen sind die Lieder be- 
deutsam. Einige Diminutivsuffixe sind bemerkenswert. In Nr. 2(J 
sioparlaitia (sioparla Eidechse) gewöhnlich sioparlitia, wie in Nr. 23. 
merlositia (von merlusia, Amselchen), brandusitia (eine Blume); und 
in Nr. 36. sierpurel (sierpe Schlange) gewöhnlich sierpuletia. Auch betreff 
der Declination, der Conjugation und der Laut-Verwechslung wäre 
noch sehr vieles zu bemerken, doch ich glauoe. das gesagte genügt, 
um von der Bedeutung dieser Lieder für den rumänischen Folklore 
und die Linguistik einen Begriff zu geben 

Budapest, Januar 1891. Dr. Athanasius E. Marienescu 



Magyarische Volksballaden. l ) 
J. 

Anna. Anna. 

„Kgszü'j man, käszü'j man Spute dich, spute dich. 

Anna, te sz6p lejany! Anna, schönes Mädchen! 

Nekünk adott apäd Uns gab dich dein Vater 

Az anyäd mehibe , ! ,, Noch im Mutterleibe! 



*) Auf Grund mannigfacher einschlägiger Erfahrungen glauben wir einen 
Teil dieser Bereicherung aul die Rechnung der Erfindungsgabe und Intention der 
Sammler schreiben zu dürfen. Die Redaction. 

*) Aufgezeichnet von Ludwig Kälmany. Ubersetzt von A. H. — Diese Ballade 
weist manchen bedeutungsvollen Zug auf. Märcbenmässig ist, dass die Hähne spre- 
chen (vgl. die Parallelen in Kälmany, Szeged m'pe, II. 171.) Nach dem Volksglau- 
ben zeigen sich die Seelen der Abgeschiedenen oft in Tiergestalt. In den Märchen 
hat das rechte Kind kein Mitleid mit Tieren, und geht darum zugrunde. Bei Ipolyi, 
Nr. 16., gibt die rechte Tochter der Katze und dem Hahne nicht zu essen, und 
wird darum von ihnen nicht gerettet, als der Teufel um sie kommt. (Ähnlich : Me« 
r6nyi, Dunamellöki nepmeseJc, II. 117. Eredeti nepmesek. II. 169. Arany, Ne>mesek, 
176 Kälmäny, Szeged nepe I 187. Grün. Die drei Männlein im Walde; Karadschitsch, 
Volksmärchen der Serben 199. Waldau, Böhmisches Märchenbuch. 519 — Das be- 
deutsamste Moment : Der Vater verkauft das, was er ohne Wissen zuhause hat; es 
ist die Leibesfrucht seiner Frau. Der Käufer ist wol der Teufel; denn Anna will 



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MAGYARISCHE VOLKSBALLADF.N 



.Keszülok, keszülok 
£dös l'anykerüjim! 
£gy' kicsit värjatok, 
Mozsdö vizem nines kesz! 1 * 



„Spute mich, spute mich, 
Meine lieben Freier! 
Wartet nur ein wenig. 
Wasser fehlt zum Waschen! - 



Kiszalad, kiszalad 
Kakasülö alä: 
„Kakasim, kakasim, 
Fekete kakasim! 

£dös kakaskäjim 
Kukurekujjatok. 
Mer' elvisznek engöm 
Isten tugygya, huva!' 

A feher feleli : 
„Szöjon a fekete!" 
Fekete feleli: 
„Van meg idö r'äja! a 

„Keszü'j man, keszü'j man 
Anna, te szep lejäny! 
Nekünk adott apäd 
Az anyäd mehibe'! 44 

„Värjatok, värjatok, 
Edös I'änykeröjim! 
Hogy vögyem magamra 
A piros szoknyämat ! 

Szoknyajim, szoknyajim, 
Szep, piros szoknyajim! 
Szögrtt' lehujjatok, 
Gyäszba borujjatok !■ 

Akkor is kiszalad 
Kakasülö alä: 
„Kakasim, kakasim, 
Fekete kakasim! 



Läuft hinaus, läuft hinaus, 
Hin zur Hühnersteige: 
.Hähne mein, Hähne mein, 
Meine schwarzen Hähne! 

Meine lieben Hähnchen, 
Fangt doch an zu krähen, 
Fort will man mich führen, 
(ioit nur weiss es, wohin!" 

Antwort gibt der weisse: 
„Mag der schwarze sprechen !' 
Antwort gibt der schwarze: 
„'s hat noch gute Weile! - 

„Spute dich, spute dich, 
Anna, schönes Mädchen! 
Uns gab dich dein Vater 
Noch im Mutterleibe." 

„Wartet doch, wartet doch, 
Meine lieben Freier, 
Möchte mir noch anziehn 
Meinen Rock, den roten. 

Röcke mein, Röcke mein, 
Schöne roten Röcke! 
Fallt herab vom Nagel, 
Wendet euch in Trauer!" 

Wieder läuft hinaus sie, 
Hin zur Hühnersteige: 
„Hähne mein, Hähne mein, 
Meine schwarzen Hähne? 



ihre Freier mit dem Hahnenschrei vertreiben, und diese müssen vor dem Stunden- 
schlag zurück, wie die bösen Geister um ein Uhr nach Mitternacht. Auch in andern 
Überlieferungen verkauft dem Teufel der Mann, waa er ohne Wissen zuhause hat, 
gewöhnlich sein Kind, (vgl. Erd&yi, III. 329. Gyulai II. 214. III. 234. Kriza, 477. 
Ipolyi's, Sammlung, Märchen Nr. 13. 128 ) In andern magy. Märchen tritt ein Greis, ein 
Ungeheuer, udgl. an die Stelle des Teufels. — Auch bei andern Völkern häufig, 
(Schreck, Finnische Märchen 116; Poeation, Lappländische Märchen, 247; Grimm, Das 
Mädchen ohre Hände; Schott, Walachiscbe Märchen, Waldau, Böhmisches Märchen- 
buch, 24. u. s. w.) 



Herrraaon, Ethooloj Uche Mitteilungen. 



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MAGYARISCHE VOLKSBALLADEN. 



£dfts kakaskäiim 
Kukurekujjatok. 
Mer' elvisznek engöm 
Isten lugygya, huva!* 

A feher feleli : 
„Szojon a (ekele!" 
Fekete feleli: 
„Van meg idö r'aja! - 

„Sijes' man, sije.V man, 
iling) ä' üt az dra ! 
Nekü'nk adott apad 
Az anyad mehibe'!" 

„Värjatok, värjatok, 
£dös Panykeröjim! 
Hogy bücsuzzak el meg 
A viragajimtul : 

Virägim, virägim. 
Szep, piros virägim! 
Kör6va väjjatok, 
Gyäszba borujjatok!" 

Akkor is kiszalad 
Kakasülö alä: 
„Kakasim, kakasim ! 
Szep feher kakasim! 

Szep, feher kakasim 
Kukurekujjatok ! 
Mer 1 elvisznek engöm 
Isten tugygya, huva! 1 * 

„Nem kuktirekulunk, 
Mer' nem atta önni ! 
A többinek aua'. 
Mmket Ozavariä"" 



Meine liehen Hähnchen, 
Fangt doch az zu krähen, 
Fort will man mich führen, 
Gott nur weiss es. wohin.* 

Antwort gibt der weisse: 
„Mag der schwarze sprechen!* 
Antwort gibt der schwarze: 
„'s hat noch *rute Weile!" 

„Spute dich, spute dich, 
Denn gleich schlagt die Stun let 
I ns gab dich dein Vater 
Noch im Mutterleibe!" 

„Wartet doch, wartet doch. 
Meine lieben Freier! 
Möchte Abschied nehmen 
Noch von meinen Blumen: 

Blumen mein. Winnen mein, 
Schöne rote Ulumen ! 
Werdet dürre Stauden. 
Wandelt euch in Trauer !• 

Wieder läuft hinaus sie, 
Hin zur Hühnersteige: 
„Hähne mein, Hähne mein, 
Schöne weisse Hähne! 

Schöne weisse Hähne, 
Fangt doch an zu krähen! 
Fort will man mich führen, 
Gott nur weiss es. wohin!" 

„Werden dir nicht krähen, 
(iahst uns nicht zu essen! 
Andern hast gegeben, 
Uns hast du verscheuchet!* 



(A (ehfir kakasok 



arva gyer'ökök T. tak ) <I»ir weise n Hiihne »arm Waisenkinder.) 

(Szüre*.) 



II. 



Szödörv&ri Kata. 

„L/änyom, edes l'Anyom, 
Szödörvari Katam ! 



Katchen SsödörvÄri. 

„Tochter, liebe Tochter, 
Katchen Szödörväri! 



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MAO YAKISCHE VOLKSBALLADEN. 



Vajon mi dolog az: 
Kerek ajjü szoknyad 
Elül rövidödik, 
Hätal hoszsza'bodik?" 

„Anyam, edös anyäm, 
Kedves szülö dajkam: 
Szabö oem jö szabta, 
Varo nem jö va'rta!- 
„ Szabö azt jö szabta, 
Va'rö azt jö va'rta!« 

„Mi türes, tagadäs, 
Man ki köT vallanom : 
Kis kertömbe' järtam 
(iyöngyväri Jänossal, 
Kedves galamboramal, 
Szerelömbe estem. M 

„Höherok, höherok, 
Fogjatok, vigyetök 
A siralomhäzba 
Szödörväri Katät!* 

„Madarim, madarim, 
Hirhordö madarim, 
Vigyetök levelem 
(iyöngyväri Jänosnak!* 

, Kocsisom , kocsisom , 
Le'kiseb' kocsisom : 
Fog' be csak, fog' be csak 
A legjob' hat lovam! 
Hagy mögyök Katahon, 
Kedves galambomhon." 

Mikö oda ertek 
A sok soküsäg köszt, 
Akkö vesztöttek el 
Szödörväri Kalät ; 



Sag. was soll das heissen : 
Rund war ja dein Röcklein, 
Ist zu kurz nun vorne, 
Ist zu lang nun hinten!" 

„Mutter, liebe Mutter, 
Die mich hat geboren: 
Schneider schnitt es schlecht zu, 
Näh'rin nähte's nicht gut!" 
„Schneider schnitt es gut zu, 
Näh'rin nähte's sauber !- 

„Wozu lügen, leugnen? 
Muss es wol gestehen : 
Gieng im kleinen Garten 
Mit Johann Gyöngyväri, 
Und mit meinem Liebsten 
Dort der Lieb' verfiel ich." 

„Henker, hört ihr Henkerl 
Fasset, fangt und führet 
In die Seufzerkammer *) 
Kätchen Szödörväri!" 

r Vögel, meine Vögel, 
Ihr beschwingte Boten, 
Traget meinen Brief hin 
Zu Johann Gyöngyväri !' 

„Kutscher, du mein Kutscher, 
Du mein kleinster Kutscher, 
Schirr' nur an und spann ein 
Sechs der besten Pferde, 
Dass ich eil' zum Kätchen, 
Meinem lieben Täubeben !" 

Eben als sie hin zur 
Grossen Menge kamen, 
Wurde hingerichtet 
Kätchen Szödörväri: 



*) S. Ethnol. Mitt. I. Spalte 849. Anmerkung. — Ans Ludwig Kilmany's un- 
gedruckten Sammlungen Ubersetzt und mitgeteilt von A. H. — Varianten sehr zahl» 
reich; grösstenteils verzeichnet in Katminy L. Szeged nepe, II. Bd S. 172 ; aus- 
serdem hoi Arany Gyulai. III. 419. und in Abafi's Sammlung. Vielleicht auf Metern- 
psychosis bezüglich ist das Hervorgehen der Taube u. des Hahnes (vgl. die vorige 
Ballade« aus dem Grabe. Dass dem Grabe der Liehenden Pflanzen entwachsen, und 
•ich dann in einander schlingen, ist auch der magyarischen Poesie gelaufig. (Vgl. 
Melusine, 1890. Les deux arbres entrelaceY) 



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MAGYARISCHE VOLKSli ALLADEN" . 



Gyöngyväri Jänos mög 
Kivegezte magät 

„Veröm a verö'del 
Egy' patakot mosson, 
Testöra a tesiö'del 
ßgy* sirba nyugogygyon, 
Lelköm a lelkö'del 
Egy' Istent imagygyön!" 

Az egygyikön tämatt 
Fehe> galambocska, 
A legen von tämatt 
Feher kakasocska. 

Feher galambocska 
Csak asz" turbekolja: 
„Atkozot», ätkozott 
Az az 6dös anya, 
A ki az ü l'änyät 
Ha kerik, nem agygya!** 

Feher kakasocska 
Aszt kukurekulja: 
„Ätkozott az apa. 
Ätkozott az anya, 
A ki az ü kedvessinek 
Eszt nem tudösityiya!" 

(Ha tudattak vöna vele. mög lött 
vöna a mönynyegzö.) 



Und Johann Gyöngyväri 
Hat sich stracks entleibet 

„Mög' mein Blut und deins im 
Selben Bache rinnen, 
Unser beider Leib im 
Selben Grabe ruhen. 
Meine Seel' und deine 
Einen Gott anbeten!" 

Aus dem einem Grab stieg 
Eine weisse Taube, 
Aus dem Grab des Jünglings 
Flog ein weisses Hähnchen. 

Und das weisse Tiiubchen 
Girrt ununterbrochen: 
„Sei verflucht, verflucht sei 
Jede rechte Mutter, 
Welche ihre Tochter, 
Freit man sie, nicht hingibt ! tt 

Und das weisse Hühnchen 
Kräht ununterbrochen : 
„Sei verflucht der Vater, 
Sei verflucht die Mutter, 
Welche dem Geliebten 
Dies nicht tun zu wissen!" 



(Wenn man es ihm zu wissen getan 
hätte, hätt' er Hochzeit gemacht ) 



(Ö-Szent-Ivän ) 



III. 



Reveszök ndtaja. 

(Vot egy' kiräjne, ügy bittak hogy Marija 
Tör^zjja, az ellenseg elill szabadult, oszt' 
at akart mönni a Dunau, hi'tta a revö- 
szöket:) 

Röveszök, röveszök, 
Jö szivü revöszök, 



Fergenlied. *) 

(Es war eine Königin, die hiess M aria 
Theresia, sie flüchtete sich vor dem Feinde, 
wollte über die Donau setzen, und rief die 
Fährleute:) 

Fährleut\ oh ihr Fergen, 
Herzensgute Fergen, 



*) Aus Ludwig KAlm&ny's ungedruckten Sammlungen übersetzt und mitgeteilt 
von A. H. — Ähnliches bei Erd&vi, Nepdalok es mondäk I. 40«— 410, als Kinder- 
spiel. (Auch in magyarischen Kinderspielen finden sich viele Balladenfragmente.) Bei 
Erd^lyi 1. 408. sind einige Zeilen mit Bruchstücken des Jahrhunderte alten Liedes 
von Lengyel Laszlö vermischt (vgl. Kölcsey Fer. Munkäi, 1866. IH. 28 ) Kalmany 



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MAGYARISCHE VOLKSBALLADEN. 



Vigyetök ät a Dunan, 
A Duoän! 

Van en nagy zsäk aranyom, 
Aszt is nektök ajällom! 

„Nem löhet csillagom. 
Nem löhet galambom. 
Nem viszlek angyalom, 
Angyalom ! 

Mer' nagy zaj men a Dunan, 
Kicsike az en csajkäm: 
Kicsi a csajkam szele. 
Nagy a viz ereje!' 

(Viszszanezött, az ellensegöt hogy 
lätta, asz' gondoha, hogy surö erdd":) 

Istenöm, Istenöm. 
Abba 1 az erdöbe' 
De szepen turbekolnak 
Azok az vad galambok! 

(MögeV viszszanezött, akkor ijett 
mög, hogy nem erdö az, banem 
ellensegök:) 

Reveszök. reveszök, 
Szent nevü re>6szök. 
Vigyetök ät a Dunan. 
A Dunan! 

Van kök^ny szömü I anyora. 
Aszt is nektök ajällom; 
Van en nagy zsäk aranyom, 
Asztat is nöklök adom! 
Vigyetök ät a Dunan, 
A Dunän ! 

„A l'änyod szeretnenk, 
Az aran't kedvelnenk; 
Nem löhet galambom. 
Galambom! 



Setzt mich übern Donaustrom, 
Donaustrom ! 

Einen Sack hab' ich voll Gold, 
Das sei euer Fergensold! 

„Oh mein Stern, es kann nicht sein, 
Kann nicht sein, du Täubehen fein, 
Führ' dich nu;ht. du Engel mein, 
Engel mein! 

Mächtig ist des Eises Gang 
Und mein Kahn ist klein und schwank, 
Meines Kahnes Bord ist schmal. 
Heftig ist der Wasserschwall \ u 

(Sie blickt zurück, als sieden Feind sah, 
glaubte sie, es wär' ein dichter Wald:) 

Gott, du lieber Herrgott. 
Dort in jenem Walde 
Ach wie lieblich girren 
Dort die Turteltauben! 

(Blickt wieder zurück, und erschrickt, 
dass es kein Wald ist. sondern die 
Feinde:) 

FährleutV oh ihr Fergen. 
Mit der Heiligen Namen, 
Setzt mich übern Donaustrom, 
Donaustrom ? 

Mein blauäugig Töchterlein 
Soll auch euer eigen sein : 
Meinen grossen Sack voll Gold 
Geb 1 ich euch als Fergensold ! 
Setzt mich übern Donau*trora, 
Donaustrom ! 

.Hätten deine Tochter 
Lieb und gern dein Gold auch ; 
's kann nicht sein, Täubchen fein, 
Täubchen fein! 



bemerkt, dass es bald e n König, bald eine Königin ist, die über die Donau oder 
Th*iss setzen will. In Prosaerzählungen fehlt der Selbstanbot der Königin Zumeist 
wird Maria Theresia genannt, die in der Temesgegend auch sonst noch häufig er- 
wähnt wird. Die altern Sänger und Erzähler geben an. in ihrer Kindheit eine viel 
längere Fassung dieses Liedes gekannt zu haben. Ähnliches in der slovakischen Volks- 
poesie (vgl. Szeherenvi, Tot nepdalok, S. 194. u. 260 ) 

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MAGYARISCHE VOLKSBALLADEN 



Mer' nagy zaj men a Dunan, 
Kicsike az 6n csajkam: 
Kicsi a csajkam szele, 
Nagy a viz ereje! - 

(Mikor mögen 1 viszszanezött, min 
az ellenseg fegy vereit is latta :) 

R6vöszöm, röveszöm. 
Csillagom, kedvesöm. 
Vigyel ä'tal a Dunan, 
A Dunan! 

Van kökeny szörnü l'änyom, 
Aszt is neköd ajällom; 
Van en nagy zsäk aranyom, 
Asztat is neköd adom ; 
Magamat is oda'adom, 
Magamat is oda'adom: 
Vigyel ä'lal a Dunan, 
A Dunan ! 

„Atviszlek, atviszlek 
Csillagom, mönyöcskem. 
Galambom, kedvesöm, 
Kedvesöm. 

Mer' nem men zaj a Dunan, 
Mer 1 nem m6n zaj a Dunan, 
A Dunan!« 4 



Mächtig ist des Eises Gang. 
Und mein Kahn ist klein und schwank, 
Meines Kahnes Bord ist schmal, 
Heftig ist der Wasserschwall!* 

(Als sie wieder zurückblickte, sah sie 
schon die Waffen dar Feinde:) 

Fährmann, du mein Ferge, 
Du mein Stern, mein Liebster, 
Setz' mich über'n Donaustrora, 
Donaustrom I 

Mein blauäugig Töchlerlein, 
Das soll auch dein eigen sein, 
Meinen grossen Sack voll Gold 
Geb' ich dir als Fergensold, 
Geb' mich dir auch selber hin, 
Geb' mich dir auch selber hin, 
Setz' mich übern Donaustrom, 
Donaustrom ! 

.Will dich übersetzen' 

Du mein Stern, mein Weibchen, 

Liebchen du, mein Täubrhen. 

Täubchen mein. 

Frei vom Eis der Donaustrom, 

Frei vom Eis der Donaustrom, 

Donausirom! a 



(Szöreg.) 



Deutsohe Volksballaden aus Ungarn. *) 

i. 

Sttdongarn. 

„Du sagst, du willst mich nehmen, 
Sobald der Sommer kommt. 
Der Sommer ist gekommen, 
Du hast mich nicht genommen, — 
Die wahre Lieb' ist aus!" 



*' (Aus den Sammlungen der Frau Maja Wigand, Pancsova.) 

Vgl. Simrock, Nr. 22. 23. Unland Nr. 216. Wunderhorn, (Reclam) S. 60. u. sonst. 

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DEUTSCHE VOLKSBALLADEN AUS SÜDUNQARN 



„Was soll ich dich denn nehmen, 
Wenn ich dich ja nicht mag! 
Du bist mir viel zu arm, 
Du bist mir viel zu arm, 
Du bist mir viel zu schlecht' " " 

„Ei, bin ich dir zu arm, 
Ei, bin ich dir zu schlecht, — 
In's Kloster will ich gehen. 
Will werden eine Nonn." 

„„ Willst du ins Kloster gehen, 
Willst werden eine Nonn'; 
Die Welt will ich durchreisen, 
Bis ich an's Kloster komm , ! ttu - 

Und als ich an das Kloster komm', 
Da klopr ich an die Tür: 
„Die allerjüngsie Nonn' 
Soll treten da her für !- 

Die Nonne kam getreten 
Mit ihrem blauen Kleid; 
Ihr Haar war abgeschnitten, 
Zur Nonn' war sie bereit. 

Der Ritter dreht sich um und um 
Und weinte bitterlich: 
r In einer halben Stunde 
Ist mir mein Herz zersprungen 
Vor lauter Lieb' und Leid!' 

„„Ist dir dein Herz zersprungen 
Vor lauter Lieb' und Leid: 
Ein' Mess' lass' ich dir lesen, 
Weil du mein Schatz gewesen, 
Für deine Seligkeit 



II. 

Westungarn. 

Es gierig ein Knab spazieren aus, 

Wol in dem grünen Wald 

Da begegnet ihm ein adeliges Mädchen, 

Von achtzehn Jahre alt, 

Sehr schön war ihr' Gestalt 



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DEUTSCHE VOLKSBALLADEN AUS UNGARN. 



Er nahm's wohl hei der Mitte, 
Wo sie am schwächsten war, 
Er legt's vor seiner nieder 
Auf's Laub und grüne Gras. 
Mein Schatz, was nützt dir das? 

Zu Augsburg in dem Wirtshaus, 

Wo er's gut ass und trank. 

Da kam das adelige Mädchen, 

Und reicht ihm ihre Hand, 

Liess ihn sohliessen in Eisen und in Band 

Zu Augsburg in dem Turme, 

Wo er gefangen lag, 

Da kommt seine Frau Mutter 

Und wünscht ihm ein schön gut'n Tag: 

Mein Sohn was machst du da? 

Was ich allhier tu' machen, 
Das will ich Euch sagen bald. 
Hab' geliebt ein adeliges Mädchen, 
Hab's geliebt allso sehr, 
Hab 's gebracht um ihre Ehr! 

Ei ! bist Du so ein reicher Kaufmanssohn, 
Musst sterben ein solchen Tod, 
Ach weh', was Schand und Spott ! 

Ist der Briet schon kommen an, 

Dass ich nun slerben muss? 

So schickt mir's nur kein Wagen, 

Ich gehe viel lieber zu Fuss, 

Weil ich weiss, dass ich sterben muss. 

Ihr Lieben, meine Herrn zu Augsburg! 

Um eins bitt ich Euch noch : 

Schenkt mir's den kühlen Friedhof, 

Dazu ein seidenes Kiss'n, 

Worauf gut zu rasten ist. 

Ach Sohne, liebster Sohne mein! 

Das kann ja gar nicht sein. 

Dein Haupt kommt auf den Galgen, 

Dein Leib kommt auf das Rad, 

So wie er's verschuldet hat. 

(Aufgezeichnet in Vas-Surany, Eisenburger Comitat, vom Piof. E. Pratscher, 
der auf Anregung »eines Lehrer«, des Herausgebers dieser Zeitschrift, eine wertvolle 
Sammlung von Volkstraditionen seiner Heimat angelegt hat. Der fleissige und talen- 
tierte Sammler ist diesen Frühling leider verstorben ) 

Vgl. Simrock, Nr. 62. (u. 53. III.) Wunderhorn II. 189. Hoffmanu Schi. 63. 
Erk. III. 1. »50. Kretrschmer II. 117. u. s. w. 



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DEUTSCHE BESPRECHUNGSFORMELN AUS SÜDUNGARN. 



Deutsche Besprechungsformeln aus Südungarn. 

/. Fürs Verrencken eines menschlichen Gliedes. 

Hast du deine Hand verrengt. 
Wie die Juden unsern Herrgott ham ghengt. 
Hat ihm das Hengen nicht geschaden, 
So soll dir das Verengen nicht schaden, 
Hilft Gott, der Vater, Gott der Sohn 
Und Gott der heilige Geist. 

2 Für das Verrencken eines Fuszes. 

Hast du den Fuss verrengt dein. 
Oder versprengt die Flaxen dein, 
Nerven und Bein, Fleisch und Blut. 
Wie Jesus Christus am Kreuz hängen tut, 
Hilft Gott Vater, Sohn und heiliger Geist. 

S. Für Gebärmutterschmerzen 

Gebärmutter, und Kolika. 

Ich hab dich, und dreh dich, 

(üb keine Ruh. bis die liebe Mutter Gottes, 

Ein Kind gebären tut, 

Das Jesus heissen tut. 

Hilft dir Gott Vater usw usw. 

4. Für die Schuss- Blattern am Auge. 

Schuss-Blatter ich druck dich. 

Die liebe Mutter Gottes duckt sich. 

Mit ihrem heiligsten Daumen wird 

Sich der Fleck aus dem Aug wegräumen. 

Hilft dir Gott Vater usw. 

5 Für Pferde, die die Mauskrankheit haben. 

Fanny. — du sollst dein Bändl nicht länger tragen, 

Als wieder Esel die Jungfrau Maria von Bethlehem hat g' tragen. 

Hilfi dir G^tt Vater usw. usw 

6. Em Diebs-Segen. *) 

Ein wirksames Gebet, einen Nachtdieb, Nacklräuber, - es sei in was für ei ner Ab- 
sicht immer, — so fest zu halten, dass er von der Stelle sich nicht bewegen und 
auch nicht fortgehen kann Es lautet wörtlich und getreu der Schreibweise : 

*) Dieser Diebs Segen wird im Votksmunde allgemein: .Banmtttl" genannt, 
soll eine wunderbare Kraft besitzen und wird in rieten Familien als eine Reliquie 
bewahrt u. mancher Teufelsbeschwörer oder alte Brauchbar Frauen, die im Besitze 
von Geheimmitteln sind) trägt diesen Zettl als unfehlbares Schutzmittel am blossen 
Bu*en oder in einem kleinen Säkclchen auf blossem Leib gehängt. 

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DEUTSCHE RE8PRECHUN0SF0RMKLN AUS SCüUNQAKN. 



Im Namen der allerheiligst en Dreifaltigkeit, Gott den Vater f 
Schöpfer aller Dinge; - Gott der Sohn, f Erlöser der Well; Gott 
heiliger Geist f: du heiliger, du aller menschlichen Kreaturen sey und 
bleihe du allerzeit bey uns, sorge, und behüte mir all dasjenige, was 
ich von deiner Valerhand empfangen habe, dass es mir kein Dieb, 
Mörder, Räuber, oder sonst Niemand nicht entwenden kann. Bind, hei- 
liger Petrus, bind durch das Band der Gottes Hand, bind durch das 
Band der Christen Hand, bind alle Dieb, Mörder u. Käuber, sie mögen 
seyn grosz oder klein, jung oder alt, auf meinem Guih, es sei gleich 
in meinem Haus, Küchen, Keller u Stall, auch in meinem Garten, 
und Land, so sollen sie von Gott dem Vater gestellet seyn, von Gott 
dem Sohn gebunden und von Gott dem heil. Geist gehalten seyn, 
und 24 Stunden weder vorwärts noch rückwärts in Schuhen, noch in 
Strümpfen noch barfüssig können, es sey dann; er zähle mir zuvor 
alle Sterne am Himmel, alle Sandkörner im Meer, und alles Laub, und 
Gras auf der Erden wächst, oder bis ich ihn mit meinen Augen sehe, 
oder mit meiner Zunge los gebe, dazu helfe mir die allerheiligste 
Dreifaltigkeit, die Jungfrau Maria, und alle allen Heiligen im Himmel, 
Amen 

(Nun bete 3 Vater unser u. den Glauben.) 
(Niederschrift des Originales am 8. Febr. 1863.) 
Brestovatz, Torontaler Komitat. 

Anton Schwanfei der. 



Magyarische Volkslieder. 

i. 

Mein Liebster zog ins lerne Land, 
Mir Ärmsten Hess er sagen, 
Dass ich ihm folgen soll, doch kann 
Den Weg ich nicht erfragen. 

Ach, wenn ich's könnte, gerne möchf 
Mit einem gold nen Pfluge 
Ich pflügen jenen weiten Weg. 
Den er durcheilt im Fluge. 

Und kleine Perlen möchf* ich sä n : 
Im nimmermüden Sehnen 
Wollt' ich durcheggen jenen W T eg 
Mit meinen heissen Tränen! 

Karl Weiss-Schratttnthal. 



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MAGYARISCHE VOLKSLIEDER. 



Ich hätr fürwahr als Rose 
Ein gar zu traurig Los; 
Von allen unbeachtet 
Verwelkt" ich liebelos 



Will keine Rose heissen. 
Will auch kein Veilchen sein, 
Müsst* kaum erblüht verdorren 
Im heissen Sonuenschein. 

Hätt' ich die Wahl, so lauscht' ich 
Nur mit der Taube gern, 
Mit Sehnsuchts-Eile flog' ich 
Zum Liebsten, der so fern! 

Doch lieber als Veilchen und Rose, 
Viel lieber als Täubchen fein — 
Klingt's mir im treuen Herzen, 
Du nennst mich : ewig dein. 

(Original bei: Erdtlyi. Nepd. es M. I 43.) 

L. Kaiona. 



3. 

„Schwarzes Band an meinem Hut — 
Flattert hin und her im Wind; 
Dtnk dir! dass du mich bislang 
Hast geliebt, du schönes Kind. 

Tausend Dank dir! dass du oft 
Mir das Leben hast versüsst, 
Dass du mich, du Röslein rot. 
Hast so oll und oft geküsst! 

Siehst du jene Pappel dort, 
Dürr und kahl, entblättert stehn? 
Wenn sie wieder Knospen treibt, 
Werden wir uns wiedersehn u . . . 

Gott! es grünt die Pappel schon, 
Hat schon längst manch' grünen Trieb, 
Doch es kehrt noch immer nicht 
Heim mein Schatz, mein süsses Lieb! 

(Original bei: Erdfiyi, Nepd I. 81.) 

H. v. Wlizlocki. 



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MAGYARISCHE VOLKSLIEDER. 



4. 

Das verwaiste Turteltaubchen. 

Traurig girrend Turteltäubchen. 
Ach verlor sein liebes Weibchen. 
Flog es da vom Neste fort 
Fern an grünen Waldesort. 
Doch nicht flog's auf grünen Ast, 
Hielt auf dürrem Zweig nur Rast; 
Hämmert an des Zweigleins Rinde, 
Stöhnt, und stöhnt's in alle Winde : 
„Weibchen, Weibchen, liebes Weibchen, 
Werd' nie haben solch ein Weibchen. 
Wie du warst, mein liebes Weibchen !" 

Flog das Taubchen wieder fort 
Fern an grünen Saatenort. 
Doch nicht in die Saatenflur, 
Auf ein dürres Hecklein nur; 
Hämmert an des Heckleins Rinde. 
Stöhnt, und stöhnt's in alle Winde: 
„Weibchen. Weibchen, liebes Weibchen, 
Werd' nie haben solch ein Weibchen, 
Wie du warst, mein liebes Weibchen!" 

Flog das Täubchen wieder fori 
Fern an stillen, wüsten Ort. 
Hin zu eines Baches Quelle: 
hoch nicht trinkt's die Flut, die helle 
Trübt sie, dass ihr Glanz erst schwinde, 
Stöhnt, und stöhnt's in alle Winde: 
-Weibchen, Weibchen, liebes Weibchen. 
Werd' nie haben solch ein Weibchen. 
Wie du warst, mein liebes Weibchen! 

Adolf Handmann. 



r>. 

Kisgörgenyi Miklös Tochter. 

„Meines Herzens Herre, süsser, frommer Herre! 
Lasst mich heut von hinnen. 
Hin zur teuren Tochter, unserer kleinern Tochter, 
Kam mir zu die künde, dass sie krank, die arme.* 

Legt sie an den Leib da lose Rettellappen; 
Kam so auch zum Tore ihrer teuern Tochter : 
Lehnte dort ihr Leibknecht lässig vor dem Tore. 



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MAGYARISCHE VOLKSLIEDER. 



Wandt' das Bettelweib an ihn »ich mit den Worten: 
„Sage deiner Frauen : soll es sie nicht reuen, 
Send sie ein Glas Wasser, send' ein Bröcklein Brot mir." 
Brauste auf die Herrin, rief mit rauher Rede: 
„„Sag" dem Wanderweib dort: 

Brauch mein Brunnenwasser selbst zur eignen Haushalt, 
Zehrt mein eigner Haushund selbst den Brocken Brotes." 

Stürmt* da von der Strasse stracks ins Haus die Arme : 
„Hohe Herren Irauc! 

Wann du warst ein Mädchen, wessen Tochter warst du ? a 
„Was denn mag dich also kümmern meine Maidschaft V 

Hei, weil ich gewesen 

Weiland Kisgörgenyi Miklös kleinste Tochter?" u 
„Wahrlich! .... aber ich bin seine eigne Ehlrau. . 

Wandte sich da ab die arme, alte Fraue, 

Wollte heimwärts wandern. 

„„Geht nichl, liebe, liebsie Mutter, 

Lasst mich hier nicht ohne Liebe ! uU 

„Kind, ich kehre heimwärts. — kanntest nicht die Mutter!* 

„„Meine Mutter, liebste Mutter, will euch kochen 

Milde Kümmelsuppe, 

Will hinein euch schneiden schmale Semmelschnitten, 

Lass' mich fert'gen, liebe Mutter. 

Schönes Leibhemd, licht aus Linnen. 

Nur wollt nicht verleugnen, mich nur nicht verleugnen ! 

Geb" euch, Mutter, gerne meine lichte (iastburg, 

Auch die schöne Kutsche mit sechs schmucken Schecken, 

Und auch meine Mühle, mahlend mit zwei Steinen . . Utt 

„Feuers Flamme fasse deine lichte Gastburg, 
Hast so leicht verleugnet du die liebe Mutter: 
Höstes Zahn verzehre deine Zierkarosse. 
Rüden sollen deine Rosse all zerreissen. 
So du erst verleugnet deine eignen Kitern; 
Dammflut spüle dir weg deine Doppelmühle, 
So du hast verleugnet deine holde Heimat!" 

Adolf Handmann. 

Mensch und Bär. 

Eine bosnische Tiersage. 

Aufgezeichnet inder Treskavica planina im Winter des J. 1886. nach der Mittei- 
lung eines alteu slavischen MahoramedHners. 

Tako su se sastali u staro vrime rovjek i medved u äumi. Onda- 
kare su znali ljudi njemucki a fcivotinja razumjevala ljucki razgovor. 




MENSCH UND HÄR. 



Pä se, da ti kazem, pobralise raedved i covjek te su vec bili vazda za- 
jedno. Medved bi ugrabio a covjek cevap nattnivte podjelio Eh, baS 
im dobro bilo! Svega su iraali .1 nista ne ieljeli. 

Onda bilo nekako, udrila kisa krupna inepogodna a oni ti se, 
dzanane moj, uvukose bogme u näkvu rupetinu u peiUni stini. Tu se 
zakloni&e pa legose da umor povrate. Lezi striku u/. insana ko majka 
uz naranle cedo svoje. Istom ce Covjek: .Ajde se ti striko okreni na 
drugu stranu!' ,A ja rasta? 4 kazace medved. ,Ajde okreni se, borati, 
smrdis iz ustiju!' Okrene se medved pa nikom ni mukajet. 

Kad u jutru grassu sunce a medved re probudit pobratima t-ovjeka : 
,Ustaj zurno pa uzmi onu sikiru pa mi razlupaj glavu !' — ,Bog ti po- 
mogo, da te nijesu sejtani spopanuli, man se toga, gje tfu ja tebi glavu 
razlupat?' — ,Ama rekoh, pa ako te nije volja a ja cu te zagnjavit. 4 

Kut ce jadan insan vec" uze Sjekiru te udri medonju poglavurini. 
I komadmu lubanje osiko. Sat 6e medved: ,Ajde ti mirno pobratime 
svojim putom a ja du svojim. Danas na godinu. da si doSo ope vamo, 
da se ope sastanemo. 1 

I ta godina dosla pa prosla pä ti se pobra ope sastala. Kazaöe 
medved: .Glegji de pobro je 1 mi veczarazlona glavi?' — ,Jest bogami, 
istom se vidi ama ti nije vec nisia.' — ,Eto vidis fovjet^e. ta mi je 
rana zarasla a ona ne moze nikako sto si me rijerju posiko. Idizurno 
otolem jer ce§ krv platiti.' 

Odanda veö se ne paze nikako covjek i medved. 

In alter Zeit begegneten einmal einander im Walde der Mensch 
und der Bär. Damals verstanden die Menschen die stumme (Tier)- 
Sprache, die Tiere aber die menschliche Rede Nun, was soll ich dir 
sagen. Bär und Mensch schlössen Wahlbruderschaft und blieben von 
da ab immer beisammen. Der Bär pflegte eine Beute zu erjagen, der 
Mensch den Braten zuzubereiten und zu verteilen. Ei, ihnen gieng 
es warhaftig ganz gut! Sie hatten alles im Überflins und nichts mehr 
zu wünschen. 

Da traf es sich zufällig, dass ein dicker Gewitterregen fiel und 
sie, meine liebe Seele, krochen, bei Gott, in so eine unheimliche Höhle 
in einer Felsenwand hinein. Hier bargen sie sich und legten sich 
nieder, um die Ermüdung zu bannen. Es liegt der Veiter neben dem 
Menschen wie eine Mutler neben ihrem Säugling. Plötzlich rult der 
Mensch aus: ,(ieh Vetter, kehr dich auf die andere Seite um!' — ,.Ia 
warum denn? ; trägt der Bär. ,Geh, kehr dich um, so dir Gott helfe, 
du stinkst aus dem Munde! 4 Der Bär kehrle sich um. und muckste 
sich nicht mehr. 

Als am Morgen die Sonne aufgieng, weckte der Bär seinen Wahl- 
bruder, den Menschen auf: ,Steh schleunig auf und nimm jene Axt 
und zerschlage mir den Schädel!' — ,Gott soll dir beistehen, haben 
dich etwa die bösen Geister erfasst ! lass das sein, wie sollte ich dir 
den Schädel zerschlagen!' — ,Ioh hab' es gesagt, und tust du es nicht, 
so erwürge ich dich. 1 

Was soll der ärmste Mensch anfangen ? Gezwungen nimmt er den 

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HISTORISCHE SAGEN AUS DEM BARSCHEtt COMITAT. 



Axt und schlägt mitder Axt den Brummbär auf seinen Dickschädel. Hat ihm 
auch ein Stück vom Schädel abgeschlagen. Jetzt sagt de - Bär: ,Greh du ru- 
hig, Wahlbruder, deines Weges, ich gehe meinen Weg. Heule über ein 
Jahr sollst du wieder herkommen, damit wir uns wieder treffen.' 

Auch dieses Jahr kam und vergieng. und die Wahlbrüder trafen einan- 
der. Sprach der Bär:, Schau mal Wahlbruder, ob das auf dem Kopfe schon 
zugewachsen ist?' ,Ja, bei Gott, kaum merkt man noch etwas, es fehlt dir 
schon nichts mehr ' — ,Da siehst du Mensch, diese Wunde ist mir vernarbt, 
doch jene, so du mir mit deinem Worte geschlagen, noch immer nicht. 
Pack dich schleunigst von hinnen, sonst zalst du Blutgeld 1 . 

Seit jener Zeit vertragen sich auf keine Weise Mensch und Bär. 

Wien. Friedrich S. Kraus». 



Historische Sagen aus dem Barscher Comitat. 

i. 

Sage von der Kirche zu St. Benedek. 

Von der Kirche zu St. Benedek, einem kleinen Städtchen im 
Barscher Combat erzält die Sage folgendes : Des Fürsten Gejsas Sohn, 
Vojk, der spätere König Stefan der Heilige, verirrte sich in seinem 
Kindesalter aus Gran. Gejsa setzte 600 Dukaten als Belohnung für 
den aus, der ihm Kunde von seinem Sohne bringe. Da meldeten sich 
einige Slovaken, und erzählten dem betrübten Vater, dass sie auf dem 
Garam-Fluss mit Flössen nach Gran fahrend, als sie sich am Ufer 
eben das Essen bereiteten, mit einem Knaben zu-ammengetrofTen seien, 
der seiner Aussage nach sich von Gran verirrt habe, und sich gegen- 
wärtig im kleinen Kloster zu St. Benedek aufhalte. Sie hätten ihn be- 
reitwillig nach Gran zurückgebracht, aber der Knabe wollte das Klos- 
ter nicht verlassen, wo es ihm — wie er sagte — sehr gut gienge. Fürst 
(iejsa machte sich sogleich nach dem Kloster St. Benedek auf, und als 
er daselbst seinen Sohn wolbehalten antraf, fragte er ihn in der er- 
sten Freude des Wiedersehens: „Was wünschest du dir, mein Sohn!" 
Da soll der Knabe seinen Vater gebeten haben, er möge dem Kloster 
eine schöne, grosse Kirche bauen lassen. Fürst (iejsa Hess nun auch 
die schöne monumentale Kirche in golhischem Stil erbauen, die auch 
noch heuligen Tages die Hauptzierde des Städtchens St. Benedek bildet. 



II. 

Die Kaizeniahre. 

Die Türken wollten einst das Städtchen St. Benedek einnehmen, 
konnten aber nicht über den durch andauernde Regengüsse angeschwol- 
lenen Garam-Fluss setzen. Am rechtem Ufer des Flusses lagerten 
die Ungarn, während am linken Ufer sich das türkische Heer befand. 
Tage vergiengen, ohne dass es zum Kampfe kam. Voll Ungeduld sann 

10S 



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SPLITTER UND SPÄNE. 



der Führer der Ungarn, namens Kohäry, auf ein Mittel, um au das 
jenseitige Ufer zu gelangen. Da lief aus dem ungarischen Lager eine 
Katze hervor und eilte an den Garam-Fluss, wo sie über eine bis 
dahin unbekannte seichte Stelle das jenseitige Ufer erreichte. Die Un- 
garn merkten sich diese Fähre und setzten in der nächsten Nacht 
über den Gar -m, überraschten die Türken und schlugen sie in die 
Flucht. Seit dieser Zeit ist diese Fähre über den Garam in ganz Nord- 
ungarn unter dem Namen „Katzenfähre* (ungar. macskarh) bekannt. 

Franz Prohdszka. 



Splitter und Späne 

Zur lttdetmirt : *Eteetera Bumtechuh.» 

Unser Altmeister der Volkskunde, FelU Liebrecht, stellt in seinem Werke: 
,Zur Volkskunde' (Heilbronn 1879 p. 495.) das Vorkommen der Redensart ,h'tcetera 
Bundschuh' in der Litteratnr fest, ohne aber die Entstehung des .Bundschuh' in die- 
ser Verbindung erklären zu können. .Bundschuh 1 ist hier nur ein absichtlich enstell- 
t*s lateinisches Wort, um einen scherzhaften Effect hervorzubringen. In den latei- 
nischen Klosterschulen pflegten die Lehrer am Schluss eines Dictates gewöhnlich 
ein ,et cetera, et cetera. Punctum* anzubringen. Ein zum Spass aufgelegter Mönch 
brachte wol den ,Bundschuoch' auf. Seltener ist die Variante: et Zeter mordjoh! 
Einer meiner ehemaligen Gymnasiallehrer zu Slavonien plegte, wenn er gut aufge- 
legt war, für ,»' tako daije' (u. s. w.) ,i tako u Dalj'i u Keökemet' (und so nach 
Dalja und nach Kecskem6t zu sagen. Eine weitere Verbreitung scheint die Wen- 
dung nicht gefunden zu haben. 

Wien. Dr F. S. Krau** 



Der ilitntl ah Portemonnaie. 

In den bei Brockhaus 1688 erschienenen Sprichwörtlichen Redensarten von 
dem im Mai oder Juni 1889 verstorbenen Wilhelm Borcbardt lese ich als Anmer- 
kung zu der Redensart: «In jemandes Hand stehen» eine Abhandlung über «Mor- 
genstunde hat Gold im Munde»: zuerst eine Anmerkung zu Laura Conzenbach's Si- 
cilianischen Märchen (1870) II 2*26. Dass man aber früher auch wirklich Geld in 
den Mund nahm etc. — Vg). noch M. Müller Vorlesungen II. 356. Zu den dort an- 
geführten Stellen (jüngere Edda Grjlfaginning 56. Mon Germ. bist. 11.84. Haupt's 
Zeitschrift VI. 290. u. Rückert Hariri's Makamen I. 22, 23. kann ich aus eigener 
Erfahrung hinzufügen, dass die Sitte, den unter der Zunge gelegenen Teil des 
Mundes als Portemonnaie zu benützen, noch heute bei den rumänischen Kindern in 
dem Galgweiher- Viertel der Kronstädter Vorstadt Blumenau besteht, ohne dass diese 
vom Obolus an den Schiffer Charon oder von der chinesischen Abfertigung der to- 
ten Hand etwas wissen. Ich habe vor 2 o 3 Jahren durch die Galgweiher Kinder 
die Herbstzeitlosen auf meiner Wiese abpflücken lassen; wenn ich nun für einen 
Korb einige Kreuzer zahlen wollte, aber nur Sechserl hatte, so gaben die walachi- 
schen Buben mir das Kupfer aus obig geschildertem Portemonnaie zurück. Ich hatte 
nicht gewnsst, wohin sie da» Geld taten, da ich keine Taschen an ihren Röcken u. 
Hosen hemerkte Auf diese Art erfuhr ich es. wo sie das Kupfer- u Silbergeld 
hielten. 

Bransö, ' , 1890. Jo»ef Trauten. •) 

*) Ich kann den Wunsch nicht unterdrücken, dass sich mei-i geehrter Lands- 
mann eingehender mit der Volkskunde unserer Heimat beschäftigen möchte! Er hätte 
Sinn und Geschick. Gelegenheit und Kenntnisse, materielle und litterarische Mittel 
dazu und könnte auf diesem Gebiete etwas Erkleckliches und Dankenswertes lei- 
sten A. H. 



104 



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Inhalt der „Ethnographia." (Sieh Anzeiger, I. 1. Heft, S. 24). II. Jahr- 
gang. 2. Heft. Februar 1891. (3 Bogen). Dr. At. Marienescu, Dio Opfor in der 
rumänischen Volksmythologie (Schluss). — Dr. L. Katona, Parallelen zu ma- 
gyar. Märchen II. — J. Märton, Ethnogr. Skizze von Sorki-T6tfalu. — L. KaM- 
manjv Magy. Besprochungsformeln. — L. Kalmany, Volkssagen aus Südun- 
garn. — Amtliches: Dotation dos Ministers. Erste Sitzung der Ungvärer Fili- 
ale. Sitzungsprotokolle. — Volkspoetische Ueberlieferungen : P. Kiräly, Die 
Richterin. — J. Körody, Weihnachtsvers. — E. Veros, Siebenbürgische 
Märchen-Variante. — .1. Nagy, Volksbräuche der Slovaken im Arvaer Co- 
mitat. — Ungarische Ethnographen: Dr. A. M. Marienescu; Dr. G. Versßnyi. 

— Inländische Litteratur. — Ausländische Litteratur. — Inländischo Zeit- 
schriften. — Ausländische Zeitschriften. — Verschiedene Mitteilungen. — Vereins- 
nachrichten. 

3. und 4. Heft März-April 1891. (5 Bogen). Alex. Pintcr, Geburt-Heirat- 
Tod des Palovzcn. — J. Istvänffy, Palovzer Rätsel. — J. Marton, Ethnogr 
Skizzo von Sorki-Tötfalu (Schluss). — B. Vikar, Ueber meine Somogyer Stu- 
dienreise. — Lad. Esztegär, Woinachtsspiel aus Szamosüjvär. — Dr. L. Gop- 
csa, Klagelied der Siebenbürger Armenier. — O. Mailand, Rumänische Rätsel. 

— J. Nagy, Volkszauber der Arvaer Slovaken. — Dr. Ig. Kunos, Helva-Fest 
in Ada-Kaleh, I. — Gabr. Bälint, Proben mongolischer Volksdichtung. — A. Herr- 
mann, Sintflutsagon der finnisch-ugrischen Völker. — Ungarische Ethnogra- 
phen: Josef Huszka. — Ämtliches: Constitution ethnogr. Provinz vereine. Zuschrift 
des Bistercze-Naszddor Comitatsausschusses an die Kirchen- und Schulbehörden : 
Sitzungsprotokoll. — Ethnol. Litteratur. Inländische Zeitschriften. Ausländische 
Zeitschriften. Vermischte Mitteilungen. Vereinsnachrichten. Bad Jegenye (Som- 
merfrische ung. Ethnographen.) 

5. Heft. Mai 1891. (4 Bogen). P. Hunfalvy, Praosidial-Eröffnungsredo. — 
L. R6thy, Gestaltung der magyar. Nation. — A. Herrmann, Secretarialbericht. 

— Cassa-Ausweiss. — St. Ivänyi, Die Bunyevaczen zu Szabadka und ihro Ge- 
bräuche. — Mart Balazs, Ethnogr. Beiträge aus der Szilagysag. — S. Dorner, 
Hochzeitsgebräuche aus dem Komorner Comitat — Dr Ig. Kunos, Helva-Fest 
in Ada-Kaleh II. — Ethnographie des magyarischen Kindes. — Jul. Istvänffy, 
Rätsel dor Palovzen. — Alex. Pinter, Alte Palovzer Tanzweisen. — B. Vikär, 
Volkspoetische Ueberlieferungen. — Ämtliches: Sitzungsprotokoll. — Inländi- 
sche Litteratur — Inländische Zeitschriften. — Verschiedene Mitteilungen. — 
Voreinsnachrichten. 

6. Heft. Juni 1801. (3 Bogen). Dr. Lad. Rethy, Franzosen und Elsass- 
Lothringer im Magyarentum. — B. Läzär, Einfluss der „Gcsta Romanorum" 
auf die magyar. Volksdichtung. — P. Kiräly, Spruch der „Regesek 4 -- Dr. lg. 
Künos, Meldung über meine 3 Reise nach Ada-Kaleh. — Alex Borblly, Tanz 
dor Aranyosszöker. — Dr. Ar. Kiss, Alte Hochzeitsgebräuche aus Tokaj-Hegy- 
alja. — Ar. Kiss, Volksglauben aus Toroyos-Palcza. — B. Szivös, Volksglau- 
ben aus Hajduszoboszlö. — Alex. Farkas, Volkspootische Ueberlioferungen. — 
Amtliches: Sitzungsprotokoll über die am 2. Mai 189J abgehaltene II. ord. 
Generalversammlung. Meldung der Controlcommission. Sitzungsprotokoll. — 
Inländischo Zeitschriften. — Ausländische Zeitschriften. — Inländische Littera- 
tur. — Ausländische Litteratur. — Verschiedene Mitteilungen. — Vereinsnach- 
richten. 



Inhalt der Ethnologischen Mitteilungen ans Ungarn, zugleich Anzeiger der Ge- 
sellschaft für die Völkerkunde Ungarns. II. Jahrgang I.— V. Heft. 



Mitteilung der Rqdaction 1. 

Charles G. Leland, Begrüssungsschreiben an die Gesellschaft .... 2. 

Ludwig Käimany, Kosmogonische Spuren in .der magyarischen Volksüber- 

lieferung 3. 

Dr. Lad. Retby, Die Armenier in Ungarn 11. 

Dr. A. Marienescu, Baba Dokia, eine volksmythologische Gestalt der Ru- 
mänen ■ . . 12. 

Dr. S. Czambe), Zur Kritik der Editionen slovakischer Volksdichtungen 18. 

Adolf Strauss, Fremd zu Hauso. (Aus Ungarn ausgewanderte Bulgaren) . 21. 

Xotizen 24 

Prof. Kr. S. Knhac. Albanesen in Slavonien 1 25. 

Dr. Heinrich v. Wlislocki, Wesen und Wirkungskreis der Zauberfrauen 

bei den siebenbürgischen Zigeunern 33. 

Dr. L. Katona, Recht und Unrecht. Ein magyarisches Märchen mit seinen 

Varianten und Parallelen I. . . 38. 

L. Katona, Ethnographie. Etlinologic. Folklore 1 43. 

Dr. Ignaz Kunos, Türkische „(Jedankenlioder* aus Ada-Kaie 51. 

Pater G. Menesvi.«>chean, Ein chinesischer Gebrauch bei den Armeniern 55. 

Andreas Veress, Die Baba Dokia-Sago und dio mit ihr zusammenhängen- 
den Volksgebräuche in Rumänion 56. 

Dr. Ladislaus Rethy, Trajan-Decebal-Tradiüonen bei den Rumänen . . 58. 

Graf Geza Kuun, Schatzgräbor u. Bergloute 60. 

Bela Vikar, Ueber meine Studienreise in Finnland 61. 

Karl Papni, Unter Wogulen und Ostjaken 65. 

Dr. Bernhard Munkacsi, Kosmogonische Sagen der Wogulen (Deutsch 

von A. H.< 68. 

I. Die heilige Sage von der Entstehung der Erde. 

II. Die Sage von der Umgürtung der Erde. 

Graf Geza Knun, Über uneigentliche Ausdrücke verschiedener Sprachen 

aus Ehrfurcht vor der Gottheit und vor den Maehthabern .... 80. 

I. Dr. F. S. Krauss, II. Gaidoz. P. Sebillot, Blason populairo Btuhtrbe- 
sprechungen . . . 84. 

II. Dr. Athanasius Marienescn, Altweiber-Medicin bei don Rumänen 86. 

Magyarische Volksballaden (I — III. Kulmäny-Herrmann) 88. 

Deutsche VolksbaUaden aus Ungarn. (I. M. Wigand. D. E. Pratscher). . . 94. 

Deutsche Ueaprcchitngsformeln aus Südungarn (I — VI. A. Schwanfelder.) . . 97. 

Ma<iyari»che Volkslieder (I. Weiss-Schrattenthal, II. Katona, in. Wlis- 
locki, IV— V. A. Handmann • 98. 

friedlich S. Kraasa. Mensch und Bär. Eine bosnische Tiersago. . . . 101. 

Franz Prohascka, Historische Sagen aus dem Barscher Comitat . . . 103. 

Splitter und Späne (Dr F. S Krauss, Josef Trausch) 104. 

Auf dem Umschlage : Mitteilung des Herausgebers. Publioationen zur Volks- 
kunde. Inhalt der „Ethnographia." 1891. II— VI. 



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II. Band. 



1S91 — i8g2. 



VI— VIII. Heft. 




ZUGLEICH 



ANZEIGER DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 



BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON 



JPt of. Ur\ Autor 1 Ilerrmcinri. 



REDIGIERT VON 



ANTON HERRMANN und LUDWIG KATONA. 



Ein Band 10 Hefte — 20 fingen. Preis 3 ß. Für Mitglieder eines Vereins für Volks- \ 

künde 2 ß. (und ratio.) 



Kedaction unJ Administration 
Budapest, I. Attila'-utcza 47. 



KOLOZSVÄR. 

ACTIENDRUCKEKEI DER GESELLSCHAFT „KÖZMCVELÖDE8. U 

1892. 



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"Wo liegt Budapest? 

Unsere geehrten Corresj)ondenten in allen Weltteilen bitten 
wir ergebenste zur gef. Kenntnis nehmen zu wollen, dass Budapest 
weder in Österreich-Ungarn, noch weniger in Österreich liegt, 
sondern das* es die Hauptstadt des selbständigen, unabhängi- 
gen Königreich s f'ngarn ist. Wir netzen soviel primitive geo- 
graphische Kenntnisse bei allen Postämtern des Auslandes voraus, 
dass sie die Direction der correct und einfach nach Ungarn a- 
dressierttn Postsendungen nicht verfehlen werden. Die Redetet ion. 



Die „Ethnologischen Mitteilungen* 1891 — 1892. bilden 
zusammen ein Band von etwa 20 Bogen. Preis 3 rl ., für 
Mitglieder irgend eines Vereins für Volkskunde 2 fl. und 
Porto. Das IV. Heft des I. Bandes, im Format der ersten 
drei Hefte, den Schluss der dort begonnenen Aufsatze ent- 
haltend, wird in kurzem erscheinen, und an diejenigen Be- 
sitzer der übrigen drei Hefte gratis abgegeben, die auf 
den II. Band praenumeriert haben 



» M tU> 4 M M » »» 0 P U »» » 9 U t it W > 

An die Redacteure and Verleger Ton Zeitschriften zur Volkskunde. 

Da es mehrere Zeitschriften gibt, welche die Erscheinungen 
der Litteratur zur Volkshunde, auch den einschlägigen Inhalt 
von Zeitschriften u. dgl. detailliert registrieren, halten uir es. 
besonders bei der Erscheinungsweise unsere}' Mitteilungen, nicht 
für nötig, dasselbe zu tun. . Wir betonen aber, dass jeder ein- 
zelne auf Volkskunde bezügliche Aufsatz der mit uns im Tausch- 
verhä'ltnis befindlichen Zeitschriften regelmässig monatlich regis- 
triert, und jedes uns zugeschickte einschlägige Buch (auch ältere 
Publicationeu) unbedingt augezeigt wird in dem von uns gelei- 
teten Organ der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns: 
„Ethnographia eventuell auch in andern ungarischen Zeit- 
schriften. 

Die Redtiction. 



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II. Jahrgang. Budapest, 1891. VI.— VIII. Heft. 




ZUGLEICH 

ANZEIGER DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 

BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON PROF- DR. ANTON HERRMANN* 

REDIGIERT VON 

ANTON HERRMANN LUDWIG KATONA 

Secretir d. Ge«ell«chtft f. d. Völkerkunde Schriftfobrer d. Geeellech. f. d. Völkerkunde 

Uogarni. Ungarns. 



Kosmogonische Sagen der Wogulen. 

Aus dem Volksmunde aufgezeichnet von Dr. Bernhard Munkäcsi. 

I. 

Die heilige Sage von der Entstehung der Erde. 

• Schluss*. 

19. Wie er so geht, gelangt er auf einmal herab (auf die Erde.) 
An dem Orte, wo er herab gelangte, ist eine Leiter, ihr oberes Ende 
geht aufwärts gen Himmel. Sein Ross an eine in diesem Sommer ge- 
wachsene Rute band er, an in diesem Sommer gewachsenes Gras band 
er. Er selbst stieg die Länge dieser Leiter entlang aufwärts. Hierauf 
gelangte er in den Himmel. Mondschein-Alter hetzt mit seinen Hun- 
den herum Tari-p. läuft vergeblich ihnen nach, er erreicht sie nicht. 
Sie laufen und laufen herum, (bis sie endlich) wieder an dem Orte 
vorbei gehen, an dem sie früher gegangen. Tari-p. an einem Orte 
(stehend) wartete. Da kam der Mondschein-Alte. „Eh, Tari-p. !" sagt 
er, „du bist also hier?! Auf welche Weise bist du her gelangt ; leben- 
der Mensch, wie kommt er in solch unbekanntes Gebiet?" Am Orte 
ihrer Begegnung steht ein Haus. Der Mondschein- Alte spricht: „Tari-p. 
geh' her hinein, ich komme später!" Seiner im Hause sitzenden Toch- 
ter sagt er: „Fremden Menschen nicht quäle!" Jetzt geht der Mond- 
schein-Alte weg, er aber geht in das Haus. Das Weib sitzt in einer 
tapetenbedeckten Nische. (Der Jüngling) setzte sich. Lange, oder kur- 
ze Zeit sass er, auf einmal beginnt die tapetenverhüllte Zimmerniscbe 
sich zu bewegen, er aber zu frieren. Er friert, er friert nun in der 
Kälte, als der Mondschein-Alte eintritt und seine Tochter tadelt : „Ist 
das die Lebensgewohnheit des jungen Volkes V" Nun ist gar keine Kälte 
mehr. (Den Jüngling) versah der Mondschein-Alte wie seinen Schwie- 
gersohn, führte ihn in den tapetenverdeckten Raum. Nachts (dort) lag 
er, morgens stand er auf und gieng allein weg. 

20. Lange gieng er, oder kurze Zeit gieng er, auf einmal ge- 

HerrmanD, Ethnologische Mitteilungen. 105 b 



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DR. BEKNHAKD MUKKÄCSI 



langte er nur zur Sonnenfrau. Vergeblich lauf er, läuft ei* ihr nach, er 
erreicht sie nicht, so schreitet die Sonnenfrau mit ihren drei Rossen. 
Dann wartete er an einem Orte, die Sonnenfrau gelangte dort zu ihm. 
Eben dort steht ein Haus. Die Sonnenfrau spricht : „Eh, Tari-p. ! was 
hat dich denn hergeführt ; lebender Mensch, wie gelangt er in diese Ge- 
gend? — Geh' hinein, ich komme später!" Zu ihrer Tochter (aber) 
sagt sie: „Fremden Mann nicht quäle'" (Der Jüngling) tritt ein: da 
hieng denn vor einer Zimmernische Raum eine Tapete. Lange, oder 
kurze Zeit sitzt er dort, (da auf einmal) beginnt die Tapete sich zu 
bewegen. Nun brennt ihn, nun brennt ihn die Hitze, schon ist er ganz 
zu Wasser geworden (vor vielem Schweiss). Heim kommt die Sonnen- 
frau, tadelt ihre Tochter: „Ist das denn die Lebensgewohnheit des jungen 
Volkes?" Nun ist keiue Hitze mehr. Mit grossartigen Speisen bewirte- 
ten sie. Als er mit dem Essen fertig geworden, spricht er zur Son- 
uenfrau: „Lass mich die Sonne tragen ! u — Die Sonnenfrau spricht : r I)u 
wirst sie vielleicht gut tragen?" — „Warum sollte ich sie schlecht tra- 
gen, ich trage sie grade so gut, wie du. u Die Sonnenfrau spricht: 
„Dein Vergnügen, wenn du sie gut tragen wirst, also trage sie !** Ta- 
ri-p. packte die Sonne an und begann sie zu tragen. Er sieht hinab : 
auf der Erde (im untern Himmel) ist all das liebe Volk einäugig, krumm - 
mäulig. An einem Orte raufen sich zwei Menschen, sie schlagen sich 
blutig. Tari-p. denkt: „Eh, wenn ich dort wäre, diese Nichtsnutzigen 
(Lochkinder) und ihre Rauferei würde ich bald in Ordnung bringen." 
Wie er dies dachte, brachen jene Dinger zusammen und starben. Dann 
setzt er wieder seinen Weg fort. Da blickt er wieder einmal abwärts : 
(da sieht er dass) zwei Frauen einander herumzerren, beschimpfen. 
„Eh, wenn ich dort wäre — ihrer Mutter Schöpfung! — ich würde 
sie schon Ordnung lehren. - Diese Teufel brachen zusammen und 
starben. Er setzte seinen Weg fort. Lange, oder kurze Zeit geht er. 
auf einmal gelangte er zur Sonnenfrau. Die Sonnenfrau sagte ihm : 
„Also ist es dir gut gegangen?" — „Es ist mir gut gegangen. — „Hast 
du nicnts schlechtes gemacht?" — „Ich habe nichts gemacht." Die Son- 
nenfrau spricht: „Tari-p., wenn du die Sonne tragen würdest, dann 
gäbe es keinen aufrechtstehenden Menschen, du würdest sie alle töd- 
ten ; — warum hast du diese vier Menschen getödtet?" Tari-p. ant- 
wortet : „sie raufen, beschimpfen sich; ich habe nur an sie gedacht 
und sie brachen zusammen." Die Sonnenfrau spricht: .Einmal, beim 
Anbruch der Menschenalter- Welt, der Menschenzeit -Welt, auf diese 
Weise tödtest du alle die Menschen." Sie gehen hinein zu ihrer Toch- 
ter, die Sonnenfrau machte Tari-p. zu ihrem lieben Schwiegersohn. 
Der Schwiegersohn spricht : „Dies auf der Erde (am unteren Himmel) 
lebende Volk „warum Ist das einäugig, krummmäulig?" Die Sonnenfrau 
antwortet: „Das ist gerade so ein zweiäugiges Volk, wie du; es ist 
grade so ein geradmäuliges Volk, wie du; aber wenn sie dich (d. h. 
die Sonne) anblicken, wie sollen das ihre Augen ertragen? 1 * Tari-p. 
wollte schon gehen. Die Sonnenfrau spricht : „Wenn du meine Toch- 
ter und die Mondscheintochler, während du heimwärts gehst, dort am 

100 



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K0SM0G0XI8CHE SAGEN DER WOGULEN. 



Fusse der Leiter triffst : dann triffst du sie dort ; wenn du sie aber 
nicht triffst: so triffst du sie nicht." Seine Frau blieb dort, er aber 
stieg die Leiter herab, gelangte herab. Sein Ross magerte hungernd 
ab; es hat keine Knochen, kein Fleisch. Mit seinem Atem hauchte 
er es an: was tür ein Ross es neulich war, es wird ein noch 
schöneres Ross; aus einem Nasenloch sprühen Funken hervor, aus 
seinem andern Nasenloch bricht Rauch hervor. Er stieg auf den Rücken 
seines Rosses, er geht wieder weiter; er mengte sich unter wandeln- 
de Wolken, unter eilende Wolken. 

21. Lange gieng er, oder kurze Zeit gieng er, auf einmal gelangte 
er an den Ort, wo der Himmel auf die Erde herabhängt, zu einem 
ausgehöhlten Felsen. Der ausgehöhlte Felsen ist mit einem siebenfachen, 
eisernen Vogelnetz überzogen. Er schlieft in einen eisernen Habicht- 
balg. Der dieses Vogelnetz hütende Alte sagt: „Eh, Tari-p., auf dieser 
weiten Welt hast du überall deine Geschicklichkeit gezeigt; at>er hier, 
wenn du durch mein eisernes Vogelnetz auch hindurch dringst, wirst 
du in meinem eisernen Fischnetz liegen." Tari-p. sieht es an: (das 
Vogelnetz) hat nur eine Masche aus gebrechlichem Eisen, die übrigen 
sind alle aus hartem Eisen verfertigt. Jetzt warf er sich daran, durch 
die gebrechliche Eisenmasche hindurch konnte er kaum auf die jen- 
seitige Seite gelangen ; seine Flügelarme wurden ihm abgeschnitten 
und dann fiel er ins Wasser. Jener Alte spricht: „Ich habe auch noch 
eiserne Fischnetze; du bist durch mein eisernes Vogelnelz hindurch 
gedrungen, in meinem eisernen Fischnetz werde ich dich doch fan- 
gen." Tarip. sieht diese eisernen Fischnetze an: nur eine ihrer Ma- 
schen ist aus gebrechlichem Eisen, die übrigen alle sind aus hartem 
Eisen verfertigt. Als er ins Wasser gefallen, schwamm er in Gestalt ei- 
nes eisernen kleinen Hechtes weiter. Er gieng. er gieng, als er sich 
dran warf, konnte er nicht durch jene weiche Eisenmasche auf die 
drübige Seile gelangen, dort fieng er sich. Der Alte spricht: „Ich 
schlage ihn (todt)! tt Seine Frau spricht: „Ich schlage ihn (todt) u Die 
Frau ergreift den kleinen Hecht und ihr Alter beginnt ihn mit einem 
eisernen Hammer zu schlagen. Der Alte spricht: „Pack' ihn fest an! - 
Wie er mit dem Eisenhammer hinschlügt, gleitet jener kleine Hecht 
weiter und das Armbein der Frau wurde entzwei geschlagen. Die Frau 
schimpft : „Sagt' ich dir zuvor, dass ich ihn erschlage ; jetzt pack' du 
ihn an, ich werde ihn schlagen." Der Alte packte ihn an, die Frau 
schlügt ihn mit ihrer heilen Hand. Der kleine Hecht warf sich weiter, 
die Mitte der Hand des Alten traf (der Hammer). Der kleine Hecht, 
wie er sich weiter warf, gieng weg. gelangte auf die jenseitige Seite 
(des Netzes). 

22. Jetzt flog Tari-p. in der Gestalt einer kleinen Gans gegen 
die südliche Heimat der Zugvögel. Er gelangte in das Haus des dorti- 
gen alten Mannes und der Frau. Er warf seine Ganshaut ab, geht in 
das Haus. Der alte Mann und die Frau sitzen und sprechen (also) : 
„Tari-p. was hat dich hergebracht; lebender Mensch, wie gelangt er 
in diese Gegend?!" Die Frau gieng hinaus, fieng zwei lebendige Kricken- 

107 .V 



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DR. BKRNHARD MLNKÄCSI 



ten (anas cricca), trug sie ins Haus, schlachtete sie und warf sie in 
den siedenden Kessel. Tari-p. ass die Enten; als er fertig war, trug 
jene Frau die Knochenstücke hinaus, streute sie in das Becken des 
Sees mit lebendigem Wasser : die beiden Enten Iiiegen schreiend wei- 
ter. Der alte Mann und die Frau der Heimat der Wandervögel spre- 
chen: „Tari-p. geh' nur hinaus, Lieber; wenn du was antriffst : triffst 
du was an; wenn du nichts antriffst: ist es deine Sache." Tari-p. gieng 
hinaus, er blickt neben das Haus: (dort also) ist ein kleines Häus- 
chen ; er geht hinein. Im kleinen Hause sitzt ein Weib mit freiem (un- 
bedecktem) Haupte; ihre Haarzöpfe hängen frei herab, nur jetzt flicht 
sie dieselben von neuem; ihre Kniee sind mit Seide bedeckt; der 
Saum dieser Seide wogt nur so hin und her. Tari-p. spricht: «Viel 
Länder durchwandernd kam ich her; ich bilde mir ein, dass ich ir- 
gend ein treffliches Weib finde; ich erwähne eine in ihre Haarzopfe 
sieben schwarze Enten (anas nigra), sieben Eisenten (anas hiemalis) 
flechtende, und ich sehe: es sind da keine schwarzen Enten, es sind 
da keine Eisenten, ihr Knie schlottert nur mit ihrem Bastard." Jetzt 
reisst (das Weib) die Seide bei Seite, sieben schwarze Enten, sieben 
Eisenten flogen hervor; seine Augen, Ohren zerkratzen sie hin, zer- 
kratzen sie her. Tari-p. spricht zum Weibe : „Jetzt ist genug ! fang sie ein ! 
meine Augen, meine Ohren zerfleischen sie!" Sie setzten sich neben 
einander, küssten sich, umarmten sich. Die Maid sprach zum Manne: 
„Geh' zu meinen Eltern, sie mögen dir eine goldene Gänsehaut und 
eine goldene Schwanenhaut geben !" Tari-p. gieng zu den Alten und 
spricht: „Gebt mir eine goldene Schwanenhaut"' 

Ihre Köpfe hängen lassend sitzen sie da. (Auf einmal nur) erhob 
der alte Mann sein Haupt, gab seinem Schwiegersohn eine goldene 
Gänsehaut und eine goldene Schwanenhaut. Tari-p. schloff in die gol- 
dene Gänsehaut, seine Gattin schloff in die goldene J?ch\vanenhaut. 
Die Alten aus der Heimat der Wandervögel sprechen : „Meine Toch- 
ter, mein Schwiegersohn! Die Welt des Menschenalters, die Welt der 
Menschenzeit beginnt; diese Wasservögel (Gänse, Enten) geben wir 
euch mit als Mitgift unserer Tochter; in Zukunft, bis nicht der lelzte 
Mann zu Grunde geht, bis nicht das letzte Weib zu Grunde geht, sol- 
len sie zur Nahrung dienen, sollen sie nicht aussterben! 14 Jetzt küss- 
ten (die Alten das junge Paar), umarmten es und dann flogen diese 
weiter. Die Wasservögel schaarten sich ihnen nach. Durch den hoh- 
len Felsen hindurch gelangten sie auf die diesseitige Welt Tari-p. 
fand hier sein Ross, es war ganz abgemagert, hatte nicht Knochen, 
nicht Fleisch. Er hauchte es mit seinem Atem an; was für ein Pferd 
es vordem gewesen, jetzt wurde es ein noch schöneres Ross. 

23. Jetzt stieg Tari-p. in Gänsegestalt auf den Rücken seines 
Rosses, seine Frau geht auf Flügeln. Sie gelangen an den Fuss der 
Leiter, die Sonnenfrau-Tochter und die Mondschein-Tochter schritten 
dort mit Rossherden, mit Kuhherden vorwärts. Sie giengen lange, 
oder sie giengen kurze Zeit, das Burgtor des Wasserfürsien der Meeres- 
mitte öffnete sich, von da kam heraus die Wasser fürsten-Tochter. Vor- 

10 8 



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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



wärt» schritten sie; neben ihnen Fische, Wasservögel, beinahe wie 
fliessendes Gewässer fliesset, beinahe wimmelt es. Sie giengen lange, 
oder sie giengen kurze Zeit, sie gelangten in seine Burg. Mit seiner 
Mutter und mit seinem Vater fielen sie sich in die Arme, küssten sich, 
umarmten sich. Eine solche Burg entstand dort, dass die wandelnde 
Wolke entzwei gespalten auf ihr sich niederlässt, die eilende Wolke ent- 
zwei gespalten auf ihr sich niederlässt. Mit strahlendem lebendigem Golde 
fliessendes Haus entstand (dort), mit strahlendem Cioide fliessende Burg 
entstand (dort). Kein Nagel ist darin, an dem nicht ein Marderfell 
hienge; kein Nagel ist darin, an dem nicht ein Bärenfell hienge. Aus 
Bier, aus Honigspeisen bereitete sich eine Gasterei ; sie assen, sie tran- 
ken. Während ihres Essens, ihres Trinkens spricht seine Mutter: 
„Von nun an wird die Menschenalter- Welt beginnen, die Menschenzeil- 
Welt beginnen; von elendlich bepelzten vielen Weibern, von elendlich 
bepelzten vielen Männern bewohnte wo immer befindliche Herrentrauen- 
Gegend, wo immer befindliche Herren-Gegend wird die hörnige Stiere 
als Opfer stellen, wird dir hufige Stiere als Opfer stellen." Jetzt liess er 
in ihrem Hause sein Haupt, seine Augen sinken, und legte sich mit 
seinen sechs Frauen zusammen nieder. Am andern Tag morgens wachte 
er auf, er streckte seine Hand aus: er berührte eine warme Stelle, 
er streckte seinen Fuss aus: er berührte eine warme Stelle. Seine 
Eltern traten an ihn heran, seine Mutter spricht: „Du Söhnchen, 
jetzt bleibst du hier am unteren Himmel (auf der Erde), auf den 
oberen Himmel gehen wir. Von nunan beginnt die Menschenalter- 
Welt, die Menschenzeit-Welt; am unteren Himmel werde du der 
Welt-beaufsichtigende-Mann, dein Vater wird am oberen Himmel der 
Ober-Gott (Numi-Tärem), ich werde die Kaltes. Hiemit giengen sie 
in drei Gegenden auseinander In jenem ihrem Reichtum, in je- 
nem ihrem Wohlstand leben sie auch jetzt noch, sind sie auch jetzt 
noch selig. 



III. *) 

Das Lied von der Ueberschwemmnng des Himmels und der Erde. 

1. In ihrer von selbst entstandenen moosigen Burg, 

in ihrer von selbst entstandenen Tundrahügel-Burg 

Gold-SiS, Gold Ktc ore£. 

Frau und alter Mann leben, 
ö. Gold-Üfaiftä, Gold-fffoV 

ihre Tochter und ihr Sohn sind. 

Sonnenlichte sieben Rosse sind in ihrem Stalle. 

schoeeweisse sieben Rosse sind in ihrem Stalle. 

Neben ihrem Hause 



*) II. s. Ethn. Mitt. II. s. 68-80. 

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DR. BERNHARD MUNKÄCSI 



10. goldblältrige Birke erwuchs. 

(Jold-Äa/fe6, seine (Gold-<7ter's) Schwester 

kommt hervor (aus dem Hause), ihre Haarflechten löst sie auf, 

sieben einmündige Ob-Flüsse ergiessen sich, 
15. sieben einmündige Meere tauchen empor; 

ihren Haarflechten entwindet sich die Sonne, 

ihren Haarflechten entsteigt der Mondschein. 

Auf den neben dem Hause stehenden 

goldblättrigen, goldästigen Birkenbaum 
20. goldbeschwingte, goldbeschwänzte 

sieben Kuckucke lassen sich nieder; 

sieben Nächte hindurch singen sie, 

sieben Tage hindurch singen sie; 

ihre nächtliche Unterhaltung vergeht nicht. 
25. ihre tägliche Unterhaltung vergeht nicht. 

Herzu sie singen: ihre Schnäbel, 

weil sie aus reinem Silber, nur so überströmen; 

dahin zu sie singen : ihre Schnäbel, 

weil sie goldsilbern sind, nur so überströmen. 
30. Auf dieser weiten Welt lebende, 

elendlich bebundschuhte, elendlich bepelzte 

Menschen dieses (Liedes) durch seine Macht 

leben ja bis auf den heutigen Tag. 

Gold-c7fe'r, ihr Brüderchen 
35. kommt hervor (aus dem Hause), seine Haarflechten löst er auf: 

sieben einmündige Ob-Flüsse ergiessen sich, 

sieben einmündige Meere tauchen hervor; 

auf seinen Haarflechten, dort, steht die Sonne, 

auf seinen Haarflechten, dort steht der Mondschein 
40. Dem Grunde der sieben Ob-Flüsse, der sieben Meere 

goldrückige sieben Kolben wasserkäfer (Hydrophilu*) 

entsteigen, 

an seinen Haarflechten (Sonnenstrahlen) wärmen sie ihre Rücken. 
Kraft seiner Haarflechten ist Sommer, ist Winter. 
45. Auf dieser weiten Welt lebeude, 

elendlich bebundschuhte, elendlich bepelzte 
Menschen dieses (Liedes) durch seine Macht 
leben ja bis auf den heutigen Tag. 

Lange lebten sie. oder kurze Zeit lebten sie, 
50. einmal nur Gold-SVft, ihre Mutter starb. 

Gold- Kalte'*}, ihre Tochter gieng hinaus iaus dem Hause), 

von ihren gold beschwingten, goldgeschwänzten 

sieben Kuckucken fieng sieeinen, 

seinen Bauch schlitzte sie auf, 
55 ihre Mutter in des Kuckucks Innere hinlegte sie. — 

110 



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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



Lange lebten sie, oder kurze Zeit lebten sie. 
einmal nur Gold- KtcoreS, ihr Vater starb. 
Gold-fffc'r, sein Sohn gieng hinaus (aus dem Hause), 
von seinen goldrüekigen sieben Kolbenkäfern 
60. einen fieng er. 

seinen Bauch schlitzte er auf, 

seinen Vater in des Kolbenkälers Innere hinlegte er — 

In ihrer von selbst entstandenen moosigen Burg, 
in ihrer von selbst entstandenen Tundrahügel-Burg 
65. lange sie lebten, oder kurze Zeit sie lebten, 

einmal nur spricht Gold-A'aftes (also) zu ihrem Bruder : 
„Brüderchen, in unserer von selbst entstandenen moosigen Tun- 
drahügel-Burg 

werden wir beide ohne Menschen lange, oder kurze Zeit sitzen? 
In irgend eine von Herrinnen bewohnte Gegend, von Herren 

bewohnte Gegend 

70. lass uns jetzt gehen ! a 

Zu seiner Schwester spricht der Bruder : 

„Mit welcher Krall sollen wir gehen V" 

Gold-A'af/es, seine Schwester versetzt: 

„Ehemals, als unsere Mutter und unser Vater lebten, 
75. hatten sie Sonnenlichte sieben Bosse in ihrem Stalle. 

Sieh', Süsser, zu den Buinen jener Ställe ; 

einstens, als die Bosse lebten, kam ein Fohlen zur Welt, 

jenes Fohlen verstampflen seine Gefährten (unter die Erde); 
80. du, Süsser, grabe auf die Erde der Buine des Stalles, 

nachdem du bis auf eine Elle Tiefe die Erde gegraben, findest 

du das Fohlen!" 

Zu den Buinen des Stalles mit den sieben Bossen 

geht also hin Gold-<7*eV und gräbt 

Nachdem er bis auf eine Elle Tiefe die Erde gegraben, 
85. findet er richtig jenes Fohlen. 

In irgend einer alten Zeit, als es zur Welt kam, 

war seine Hüfte bunt, sein Schulterblatt gefleckt. 

war es ein kleines Fohlen gewesen — nichts anders war es : 

jetzt aber seinen ganzen Körper angeklebte Erde bedeckt. 
90. Das krepierte Fohlen trägt er also nach Hause. 

Gold-£Vift<&, seine Schwester nahm es jetzt hervor; 

seine eine Seite mit Seewasser sie wusch, 

seine andere Seite mit Ob-Wasser sie wusch, 

zu neuem Leben sie es brachte. 
95. Es war nicht anders, — ein solches Tier war es : 

aus seinem einen Nasenloch 

feurige Funken springen 

aus seinem andern Nasenloch 

Bauch strömt. 

in 



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DR. BERNHARD MUKKACSI 



100. Auf beiden Seiten seiner Hand, da sind seine Flügel. 
Es war nicht anders, — ein solches Tier war es : 
seine Schulter war gefleckt, seine Hüfte gefleckt, 
geflügeltes Ross so wie es steht, 

wohin es sich wendet, Sonne (strahlend) auf diese weite Erde, 
105 sein Oehrchen alles hört: 

wenn zwei Grashalme aneinander reichen: 

alles in sein Ohr driogt; 

wenn zwei Zweiglein aneinander reichen : 

alles in sein Ohr dringt. 
110. Von sieben Schellen schellenden Sattel 

breiten sie jetzt auf den Rücken ihres Rosses, 

und beide setzen sich auf ihn. 

Zwischen zwei Himmel, zwei Himmelreiche <d. h. zwischen Him- 
mel und Erde) 

erheben sie sich nun. 
115. Während sie ihrer geflügelten Pelze Flügel (d h. Säume) 
(unter sich) drücken, 

von anderem Volk bewohnte Gegend der Herrinnen erreichten sie. 
von anderem Volk bewohnte Gegend der Herren erlangten sie. 

Lange giengen sie jetzt, oder kurze Zeit giengen sie, 
120. an einem Orte, wie sie hinunter blicken : 

ist ihr reifartig rollendes rundes Erdchen 

von feurigem Wasser bedeckt, 

auf eine Höhe von sieben gestempelten Klaftern 

springt hinauf des Feuers Flamme. 
125. Jetzt giengen sie wieder lange, oder kurze Zeit gingen sie, 

einmal nur, als sie hinunter blicken, 

sind ihren gold-vorderfüssigen heiligen Tierchen 

die Klauen der Vorderfüsse, die Klauen der Hinterfüsse 

von der heiligen Feuerflut ganz versengt. 
130. Gold-«/«V seine Mütze abhob, 

seine Haarflechten breitete er aus 

und somit sie gehen weiter. 

Einmal nur, als sie hinunter blicken : 

ist nichts anders (als was geschah, dass) kein Waldbaum geblie- 
ben ist, 

135. ja sogar die Erde erblickt man nicht (verschwindet ganz spurlos). 

Jetzt giengen sie auf dieselbe Weise weiter. 

An einem Orte s'ch denkt Gold «/er: 

„Ohne Menschen wie kann so bestehen die Erde? 

Auf irgend eine Weise sollten doch entstehen Menschen !" 
140, Jetzt seine Mutter und seinen Vater aus ihrem Grabe 

weinend er heraufbeschwört : 

„(\o\d- KicoreS mein Väterchen. (JoW-SVk mein Mütterchen, 
ohne Menschen wie soll ich denn leben?" 

Iii 




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K0SMOGON1SCHE SAGEN DER WOGULEN 



Go\d-Kalte&, seine Schwester spricht : 
145. »Brüderchen, was ist dir geschehen, warum weinst du ?'' 

.„Ich nun, mein Schwesterchen, weine darum : 

auf der stehenden heiligen Erde 

siehe ! ist heilige Feuerflut entstanden : 

nicht blieb der letzte Waldbaum : 
160. nicht blieb ein Mensch: 

ohne die Menschlein wie soll ich leben!*" — 

„Brüderchen, blick' nur hinunter !• 

Wie er hinunter blickt: 

in einem siebenfachen PappelholzschifT 
155. eine alte Frau und ein alter Mann sind. 

Auf dem heiligen Wasser schwebend, gelangen sie (jetzt) auf's 

Trockene : 

sie erheben sich nun jetzt, sieh da! hinauszu sie nun schreiten, 
XuUäter entsteigt dem Bauche der Frau, 
jener nabelgeschnittene Mensch, 
ltX). ihre Töchter and ihre Söhne, 

ja wir, Russen und Maiwi im Verein 
leben alle bislang. . . . 

Gold-A'alAä, Gold-ä?«V 

mit ihrem an Hüften gefleckten, an Schultern gelleckten, 
166. geflügelten Tiere also wieder gehen. 

Lange gehen sie, oder kurze Zeit gehen sie, 

an einem Orte vorwärts sie blicken: 

also ein — um Dort es zu nennen, ist es zu gross, 

Stadt es zu nennen noch zu klein, — 
170. solch grosses Dorf zeigt sich. 

Dahin gelangen sie; 

ein von Menschen bewohnbares Haus ist (dort ), 
Boss ist, Kuh ist, Lamm ist, 

Fruchtbehälter ist, Scheune ist, Kaufladen ist (dort); 
175. aber der Mensch fehlt ganz und gar. 

Die Schwester spricht zu ihrem Bruder: 
.Du, mein Lieber, gehe hinein; 

wenn du irgend einen Menschen wahrnimmst, verrate mich nicht 

(zeige mich nicht); 
so wie ich bin, lass mich sein, mich verletze du nicht ! u 
180. Gold-äteV tritt ein, 
Mensch ist nirgends; 
Bier, Honigspeisen, 

so wie man sie einstens bereitet hatte, (unberührt) ad sind. 
Geräuschlos unter die Bank er kriecht, 
185. er versteckt sich. 

Einmal nur ein gebrechlicher Vielfrass- Alter *) tritt ein, 

*) Gulo horealis. 

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das Haus seinem ganzen Umfang nach brummend durchhüpft er. 
Gold-tffcr denkt : 

(irgendwie) soll er mich nicht packen mit seinen Zähnen, 
190. (wenn) er einmal nur seine VielfrassHaut 
abgelegt hat. 

Wie er dann zu ihm aufblickt: 

von welch einer Herrin stammender Mann ist aus ihm geworden, 
von welch einem Herren stammender Mann ist aus ihm ge- 
worden ! 

195. Der Held setzte sich nieder, 

seinen Sch weiss er sich wischt. 

Unterdes seine Türen man wieder öflhete; 

also ein schrecklicher Wolfsalter stürzt herein, 

das Haus seinem ganzen Umfang nach brummend durchhüpft er. 
200. Einmal nur seine Wolfshaut 

legte er ab: von welch einer Herrin stammender Mann ist aus 

ihm geworden, 

von welch einem Herren stammender Mann i>t aus ihm geworden ! 
Wieder ein Held setzte sich nieder (auf die Bank), 
205. seinen Schweiss er sich wischt. 

Unterdes die Türe man wieder öfTnete: 
also ein Bär-Alter stürzt herein, 

das Haus seinem ganzen Umfang nach brummend, rasend durch- 

hüpfl er. 

Einmal nur sein Bärenfell 
210. legte er ab : 

von welch einer Herrin stammender Mann ist aus ihm geworden, 
von welch einem Herrn stammender Mann ist aus ihm geworden? 
Wieder ein Held setzte sich nieder (auf die Bank). 
Lange sitzen sie, oder kurze Zeit sitzen sie, auf einmal nur sa- 
gen sie: 

215. „Eh, es scheint, in diesem unserem Hause ist ein Mensch : 
also wo ist er? er komme her!" 
Jetzt (lold-üleV erhob sich; 
den drei Helden grüssend er die Hand drückte 
und an den mit Bier und Honigspeisen (bedeckten) Tisch sie sich 

setzten. 

220. Lange oder kurze Zeit sie assen, tranken, 

auf einmal nur Gold-üfcr in den Sinn es kam : 
„Herr, mein Gott, ich esse, trinke, 
und meine Schwester jetzt draussen, sie hungert." 
Die Helden dann sagen : 

225. ^Also du hast auch eine Schwester? 
rufe sie herein ! u 

Gold-<7<e> die Lidld-Kültes, seine Schwester 
also hereinrief; 

an den mit Bier und Honigspeisen (bedeckten) Tisch sie sich setzten, 



t 



f 

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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



230. sie assen. tranken und dann legten sich nieder. 

Eine namhafte Woche hindurch lagen sie. 

eine berühmte Woche hindurch lagen sie, 

einmal nur dem Gold-'/frV 

der Schlaf zu schwinden begann. 
235. Jetzt stand er auf, gieng hinaus, 

wozu sein Kopf war, 

wozu seine Nase war, 

zu Fuss dahin zu getit er; 

seine Schwester und sein Pferd blieben zurück. 
240. Weite Weltgegenden weil durchwandert er. 

kurze Weltgegenden kurz durchwandert er, 

an einem Ort sonnbeschienener Tannenwaldrand. 

dahin legte er sich nieder. 

Lange lag er, kurze Zeit lag er, 
245. gen Frühling begann zu gehen (die Zeit), 

im Süden wohnende viele Vöglein 

in diese von Herrinnen (bewohnte) Gegend, in diese von Herren 

(bewohnte) Gegend 

schon zu kommen begannen. 
Er also liegend sieht ihnen zu : 
250. auf einmal nur eine einsame Gans 
geht dort oben. 

Go d-äh : r seine Flügelknochen, (seine Hände) rührte, 

und als Gänserich flog er weiter. 

Mit jener Gans als Mann und Frau 
256. begatteten sie sich. 

Im Herbste, als (Numi-Türem Vater) kurze Tage machte, 

nach Süden sie giengen. 

Goldwässerige sieben Teiche, 

goldwässerige sieben Meere, 
260. jene südlichen (Zug)- Vögel dort leben. 

Sieben Nächte hindurch singen sie, 

sieben Tage hindurch singen sie; 

aufs Ufer goldwässiger sieben Teiche, sieben Meere 

geh'n sie hinauf: ihr goldener Weg liegt dort, 
265. sie steigen herab: ihr goldener Weg zieht sich dort hin. 

Gold-äfe'r mit jener seiner Gans 

in jener Gegend leben, 

Tochter, Sohn ward ihnen, 

Numi-Tärem ihr Vater, 
270. Numi-Tärem ihr Vater (d h. die Zeit) 

Frühling ward 

Im Süden wohnende viele Vöglein 

auf die in diesen Gegenden von Frauen (begangenen) Wasser, 
auf die in diesen Gegenden von Männern (begangenen,) Wasser, — 

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DB. BERNHARD MUNKACSI 



275. ihr kluger Tieres-Sinn 
ganz hin sich richtete. 
Also auch sie kamen an. 

Wie sie in diese von Herrinnen (bewohnte) Gegend gelangten, 
wie sie in diese von Herren (bewohnte) Gegend gelangten, 
280 erinnerte er sich seines Rosses, 

Sein überallhin gehendes Koss fehlt ihm. 

Im Herbst, als [Numi-Tärem Vater] kurzen Tag machte, 

im Süden wohnende viele Vöglein 

auf die von südlichen Männern (begangenen) männlichen Wasser 
285. auf die von südlichen Frauen (begangenen) weiblichen Wasser 
hingiengen 

Gold-a<eV, wo er im vorigen Jahre gelegen, 
an jenen sonnbeschienenen Tannenwaldrand gelangte. 
Dort legte er sich nieder, dort blieb er auch ; 
290. seine Gansfrau mit ihrer Tochter und ihrem Sohne 
weiter flogen 

Jetzt (Gold-äter) sieben Nächte lang liegt, 
sieben Tage hindurch liegt er. 
Am sonnbescbienenen Tannenwaldrand. 
295. nachdem er lange Zeit hindurch gelebt, 
Lenz zu werden begann (die Zeit) 
Im Süden wohnende viele Vöglein 

wieder in diese von Herrinnen (bewohnte) Gegend zu kommen 

begannen, 

300. wieder in diese von Herren (bewohnte) Gegend zu kommen 

begannen. 

Die südlichen Vögel vergebens gehen, 
seine Gattin, seine Kinder wie immer er wartet: 
seine Gattin, seine Kinder sind nicht darunter 
Einmal nur begann (der Zug) der entenartigen Tiere ein Ende 

zu nehmen, 

305. begann (der Zug) der gänseartigen Tiere ein Ende zu nehmen, 
zuletzt auch seine Gansfrau 
erschien weinend. 

Es fehlt ihr ihr Alter (Gatte), es fehlen ihr ihre Kinder: 

ihren Alten beweint sie, ihre Kinder beweint sie. 
310. Während ihres Weineos sagt sie: 

„Auf den von südlichen Weibern (begangenen) weiblichen Wassern, 

auf den von südlichen Männern (begangenen) männlichen Wassern, 

goldenes Weib, des Südens Tochter lebt. 

Voriges Jahr im Winter, in mittwinterlicher Kälte 
315. wohin immer gehende südliche Vögel, 

alle auf ihre Knie giengen (sich zu wärmen) : 

(aber) meine kleine Kinder in mittwinterlicher Kälte 

wurden von ihren Knien herabgestossen, 

und giengen in der Kälte zu Grunde. 

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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



320. Wenn ich nun keine kleinen Kinder habe: 

möchte ich doch (wenigstens) finden meinen Alten. 

möchte ich doch (wenigstens) finden meinen Herren!" 

Diese seine Gansfrau kam dann in diese Gegend. 

Im Herbste, als (Numi-Tärem Vater) kurze Tage machte, 
325. im Süden wohnende viele Vöglein 

auf ihre von südlichen Weibern (begangenen) weiblichen Wasser, 

auf ihre von südlichen Männern (begangenen) männlichen Wasser 

dachten sie wieder. 

CJold-fffcr's Gatlin geht weinend wieder. 
330. Als sie an den sonnbeschienenen Tannenwaldrand gelangte, 

sprach sie weinend: 

„Einstens, mein Herrchen, 

von dem meine Tochter, mein Sohn waren, 

mein gutes Herrchen, — 
335. an diesem Orte brach er sich die Knochen, 

an diesem Orte fault sein Fleisch!" 

Hiemit gieng sie denn wieder weiter. 

Nachdem seine Gattin weggegangen, 

(Golt-üfc'r) sich zu argem begann. 
340. Er dachte: neulich das hatte gesagt (meine Gansfrau), 

dass meine Tochter und mein Sohn in der Kälte zu Grunde ge- 
gangen sind; 

nun also, wenn ich bald von unten, oder von oben dahin gelange, 
dein goldenes Weibstum wird grade so hin sein. 
345. Go\<\-äter läuft nur, läuft nur. 

Lange Zeit lief er, oder kurze Zeit lief er, — 

bis er dahin gelangte (in die Heimat der Wandervögel) ? ! 

An einem Orte wurde er kraftlos. 

„Nun. genug! — ich lege mich wieder nieder" (sprach er). 
350. Auf einen himmelerstrebenden Felsen 
hinlegte er sich. 

Lange Zeit lag er, oder kurze Zeit lag er, 
er dachte: „eh, ich hatte neulich ein Ross! 
Eh ! aus den Ruinen des Stalles der von Gold-S'w. meinem 

Mütterchen berittenen 

355. sonnenstrahlenden sieben Rosse, 

aus den von Gold- Kwo res, meinem Väterchen erbauten 

schneeweisser sieben Rosse Stallruinen 

einstens an Schultern geflecktes, 

einstens an Hüften geflecktes, 
360. geflügelles Ross wuchs auf. 

Von welchem lieben Orte immer, 

wenn mein Gesang vorwärts schritte, 

wenn meine Sage vorwärts schritte, 

wie von oben herabschlagender Regentropfen, 

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DR. BERNHARD MUNKACSI 



365. wie von oben herabschlagender Windhauch, 

schlag' her herab !" 

Dann fiel er in Ohnmacht. 

Lange Zeit lag er. oder kurze Zeit lag er, 

einmalt fühlt er (hört er), 
370 dass seine Wange irgendwas streichelt 

Er öftnet seine Augen, 

sein Ross also schmiegt sich an ihn. 

Nun hierauf erwachte er. 

und stieg hinauf auf den Rücken des Bosses. 
375. Wie er den auf der einen Seite befindlichen Halflerriemen bewegt : 

die auf der einen Seite befindliche Himmelsgegend singt mit Sil- 
berstimme, 

wie er den aul der anderen Seite befindlichen Halflerriemen be- 
wegt : 

an der auf der anderen Seite befindlichen Himmelsgegend tau- 
chen aul Sonne und Mond. 

Die reifringartig rollende runde Erde ringsum geht er. 
380. in jene von südlichen Weibern (begangene) Gegend gelangt er, 

in jene von südlichen Männern (begangene) Gegend gelangt er. 

(Hier) also sind jener gold wässerigen sieben Meere 

südliche Vogel so viele, 

dass die Erde nur so bebt. 
386. das Meer (davon) nur so anschwillt. 

Wie er denn näher geht. 

mit seinem Ohre er sie beobachtet : 

flutender Ocean zur Flut sich schwellt, 

wogender Ocean zu Wogen sich schwellt. 
31)0. Seine Unterhaltung sieben Nächte hindurch kein Ende erreicht. 

seine Unterhaltung sieben Tage hindurch kein Ende erreicht. 

Er sieht : jenes Süd -Mädchen, das goldene Weib sitzt ; 

nach seiner Seite es hinblickt : 

sein Ganstöchterehen, sein Ganssöhnchen, 
395. so wie sie starben, so liegen sie (dort). 

Seine über geflügelten Sieben sitzende. 

über füssigen Sieben sitzende 

von Tiirrm herabgelassene heilige Mütze 

rutscht jetzt ganz auf seine Auge herab. 
400. Zu seinem Hosse er spricht: 

„Auf dem vom südlichen Weibe bewohnten Orte. 

mein Ross, jetzt dort gehe hindurch ! 

Dein Vorderfuss (deine Hand), wie du ihn trügst: 

jenes goldenen Weibes Knochen 
405. auf jene Gegend hingestreut sein mögen ; 

dein rlinterfuss, wie du ihn trägst : 

jenes goldenen Weibes Fleisch 

auf jene Gegend hingestreut sein möge!"' 

118 

V • 



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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN 



Da nimmt ihn jene Frau wahr; 
410. zu ihren sieben Kammerfrauen sie spricht : 
«Dorthin sehet ! 

aus der Ferne zweier Himmel, zweier Himmelreiche 
eine" Herren Kommen ist sichtbar; 
den ich als Gatten besitzen werde, der herrliche Mann, 
415. wohin verschwindet er?!" 
Holdster kommt. 

Jene goldene Frau spricht zu ihren K ammer trauen : 
„Wohin jenes Ross seine Vorder- und Hinterfüsse hinstellt, auf 

jenen Ort 

legt hin vier Silberschalen ! tt 
420. Holdster gelangte hin. 

Des Bosses Vorder- und Hinterfüsse in jene Silberschalen, 
dahin stiegen hinein. 

Jene Silberschalen an die Platte der Hufe 

sich anklebten. 
425. Wie es lief, jenem goldenen Weibe 

vom Rande seiner eigenen Silberschalen 

wurden nach sieben Richtungen hin zerrissen die Knochen, 

wurde nach sieben Richtungen hin zerrissen das Fleisch. 

Holdster gieng also (dort ) hindurch ; 
430. jenes sein Trtchterlein und Söhnlein aber 

in Gansgestalt weiter flogen. 

Jetzt von den goldwässerigen sieben Meeren 
Goldstar sich zurückwendet. 
Seine Schwester kam ihm nur jetzt in den Sinn. 
435. Als er in die Burg gelangte, wo er seine Schwester gelassen, 
sind jene langschwünzigcn Helden bis auf den letzten zu Grunde 

geganden. 

In jener leeren Burg nur seine Schwester allein lebt. 
Auf ihr an Schultern geflecktes, an Hüften geflecktes, geflügel- 
tes Ross 

jetzt alle beide wieder hinaufsteigen. 
440 Während sie ihrer geflügelten Pelze Flügel (unter sich) drücken, 
zwischen die zwei Himmel (d h. Himmel und Erde) erhoben 

sie sich, 

zwischen beide Himmelreiche erhoben sie sich. 
An einem Orte wie sie in die Ferne blicken : 
eh, ihre von selbst entstandene moosige Burg 
445. ihre von selbst entstandene Tundrahügel-Burg 
ward nun sichtbar. 

In ihre Burg gelangten, dahin giengen sie hinein ; 
aus Bier und Honigspeisen bestehendes Mahl 
assen sie, tranken sie. 
460. Die Schwester geht hinaus (aus dem Hause), 

liy 



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DR HERNHARD MUNKÄCSI 



breitet ihre Haarflechten aus: 

einmündige sieben Meere tauchen auf. 

einmündige sieben Ob-Flüsse strömen hervor. 

Auf den goldblättrigen, goldästjgen Birkenbaum 
455. goldschwänzige. goldbeschwingte 

sieben Kuckucke lassen sich nieder ; 

sieben Nächte hindurch singen sie, 

sieben Tage hindurch singen sie, 

ihre nächtliche Unterhaltung endigt nicht, 
460. ihre tägliche Unterhaltung endigt nicht. 

Einen Kuckuck schlitzte sie auf. 

ihre (dahin begrabene) Mutler Gold-S'ig setzt sich auf (erhebt sich). 

Jetzt mil ihrer Mutler Gold-S'iS giengen sie hinein (in das Haus). 

Hierauf ihr Bruder geht hinaus (aus dem Hause), 
465. seine Haarflechten lässt er los: 

einmündige sieben Meere tauchen aut, 

einmündige sieben Ob-Flüsse strömen hervor. 

Aus dem Grunde der sieben Ob-Flüsse, der sieben Meere 

goldrückige sieben Kolbenkäfer 
470. tauchen empor. 

Einen Kolbenkäfer schlitzt er auf; 

sein (dahin begrabener) Vater Gold- ÄtroreS setzt sich auf, 
Jetzt mit seinem Vater (jo\d-Kworr& giengen sie hinein in das Haus, 
an den goldfüssigen Tisch setzten sie sich, 
475. Bier, Honigspeisen assen sie, tranken sie. 

Jetzt die Gold-Kalte^ und den ilo\d-ater — 
Gold-SVs ihre Mutter 
und Gold-Äiroreö ihr Vater 
in goldreifige zwei Wiegen sie legten, 
480. sieben quastige Silberketten schlössen sie an 

und an der Hessen sie dieselben auf diese unten befindliche 

Erde herab. 

Auf diese unten befindliche Erde also gelangten sie : nirgends ein 
Mensch. Auf einmal nur spricht die Schwester: »Brüderchen, dahin 
sieh ! neulich, als die heilige Feuerflut geschah, die auf dem sieben- 
fachen PappelholzschifT aufs Trockene gelangte Frau und der alte 
Mann sind jene dort, sieh !' Sie begannen dahin zu gehen. Ob sie 
nun auf Flügeln gehen, oder auf Füssen gehen, oder wie immer es 
ist, — sie gelangten hin. Die Frau und der alte Mann hatten ein 
Haus erbaut. Die Waldbäume waren nach dem Entfernender heiligen 
Feuerflut schon so gross geworden, dass sie hin und her zusammen- 
stückelnd (die Bäume) erbauen konnten (ihr Haus). — Die von jener 
Frau und vom alten Mann stammenden Töchter und Söhne leben bis 
auf den heutigen Tag und sind glücklich. 



120 



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K0SM0G0NISCI1E SAGEN DER WOGULEN. 



IV. 

Die Sage von der heiligen Feuerflnt. 
A. 

1. Nwni-Türem unser Vater dachte darüber nach, wie er den 
XuV -äter tödlen könne. Die von XuV-äte'r bewohnte Erde mit heiliger 
Feuerflut zu überschwemmen beabsichtigt er Für sein eigenes Volk 
ein eisernes Schiff verfertigt er; für seine Leute ein siebenfaches Bir- 
kenfloss verfertigt er, aus siebenfacher Störhaut ein Deckzelt verfer- 
tigt er. Nachdem er fertig geworden, Hess er sein eigenes Volk in 
das eiserne Schill steigen, sein mafisi-artiges Volk aber kroch in das 
üher dem Birkenfloss errichtete Deckzelt. Numi- Tärem gieng jetzt hin- 
auf in seinen Himmel und liess dann herab die heilige Feuerflut. Feu- 
riges Wasser, lebendige /«r-Würmer, lebendige soss«i-Würmer liess er 
von oben herab. Wo immer befindlicher Bergbaum. Waldbaum wurde 
sammt Erde, sammt allem vernichtet. Sechs Schichten des Flosses 
der Menschen verkohlten im Feuer, eine Schichte blieb übrig. Welcher 
Mensch über das Floss hinaus stürzte, der starb; ein anderer blieb 
unversehrt, sein Leben (Seele) rettete sich 

2. Den XuV-ater brachte die Feuerflut nicht um. Während Nu- 
mi-Türem das eiserne Schiff zu verfertigen gieng, kam er zu Numi- 
Tärem 's Gattin ; sprach zu ihr : „Wohin geht dein Gatte stets ? Ä 
Die Frau sprach : „Woher denn soll ich es wissen?!" Xul'-Rter sprach : 
„Tränke ihn mit dem in diesem Fasse befindlichen Wasser, er 
berauscht sich, dann sagt er es dir, wohin er geht." Numi- 
'I\rhm kehrte heim, mit solchem Wasser sie [seine Frau] ihn tränkte, 
er berauschte sich, seine Frau fragte ihn und er sagte ihr seine Ab- 
sicht, dass er heilige Feuerflut mache. Den XuV-yJter legte [die Frau] 
heimlich in ein Nähzeug-Lädchen, trug ihn dann hinauf in das eiserne 
Schiff, über die heilige Feuerflut hob sie ihn. Obgleich die Erde zer- 
trümmert ward, Xul'-äter ward doch nicht getödtet Dies war die Art 
der Rettung seines Lebens. 

B. 

1. Sieben Winter und Sommer brennt das Feuer. Sieben Winter 
und Sommer verzehrt das Feuer die Erde. Sieben Winter und Som- 
mer sagt altes (grosses) Weib, alter Mann: unsere Welt, sieh! über- 
schwemmt verändert sich in eine andere, wie könnten wir fernerhin 
retten unser Leben (unsere Seelen)? Ein alter Mensch, ein anderer 
alter Mensch, viele, wenige Menschen versammeln sich. In einem 
Dorfe versammelten sie sich, begannen Rat zu halten: auf welche 
Weise werden wir nun leben ? 

2. Ein bejahrter Mensch, ein bejahrter Mann spricht: „Aufwei- 
che Weise wir von nun an unser Leben reiten ? ! Wie ich gehört habe, 
soll man marklose Birkenbäume entzwei spalten, Flösse soll man ma- 
cheu. Wenn dadurch unser Leben gerettci wird, so [nur dadurch]; 

Hcrrmann, Ethnologische Mitteilungen. 121 9 



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DK. BERNHARD MUNKÄCSI 



übrigens wird sich auf keinerlei Weise unser Leben retten. Wenn wir 
auf dieser unserer bewohnten Erde leben wollen : muss man ein 
fünfhundert Klafter langes Seil flechten aus Weidenbaumwurzeln. Wenn 
dann dieses unser Seil fertig ist: soll man ein Ende (desselben) in eine 
Tiefe von einer Klafter in die Erde versenken, das Ende an unser 
Birkenbaum-Floss binden. Auf dieses unser Flossmöge der viele Toch- 
ter, viele Kinder besitzende Mann steigen. An das eine Ende dieses 
Flosses soll man einen Eimer mit reinem Fischtran hinstellen, den vier 
Ecken gemäss soll man vier Eimer hinstellen Dann soll man über 
die Kinder aus Störhaut einen Baldachin nähen. Nach Verfertigung 
des Baldachins soll man ihn über die Kinder halten. Für den Ver- 
lauf von sieben Nächten, sieben Tagen [hinreichende] Speis Vorräte, be- 
tränke soll man bereiten ; im Störhaut-Baldachin sei viel zum Essen 
und Trinken. Wenn dann auf solche W r eise sich unser Leben rettet: 
so rettet es sich auf diese Weise. 

3. Dann gieng jeder heim in sein Dorf. Dann als sie schon heim 
gelangt waren, floss-verfertigende Männer aus marklosem Birkenbaum 
Flösse machten, seil-verfertigende Männer Seile flochten. Sieben Näch- 
te, sieben Tage mühten sie sich also ab. Welcher der Männer Flösse 
nicht verfertigen kann, er erfrägt es vom alten Menschen. Der alte 
Mensch lehrt ihn : dies auf diese Weise mach', jenes auf jene Wei- 
se mach' ! Nun mancher Mensch Flösse zu machen nicht verste- 
hend, einen hohen Ort zu suchen beginnt. Vergebens geht er herum, 
bewohnbaren Ort findet er nicht. Dann fragen sie vom allen Menschen : 
„du erwuchsest vor uns (früher als wir), vielleicht weisst du irgendwo 
irgendeinen [geeigneten] Ort?- Der Alte antwortet : „Wenn wir auch 
wüssten, wie habt ihr dort alle Platz; alle habt ihr doch nicht Platz ?! 
Siehe da ist schon die heilige Feuerflut über uns gekommen, ihres Kom- 
mens Geräusch, Brausen ist schon seit zwei Tagen hörbar ; so schnell 
wohin sollen wir gehen, sie hat uns schon eingeholt?!" 

4. Dann eilte jener Mensch, dessen FIoss ferlig war, darauf mit 
seiner Tochter und seinem Sohne. Welcher Mensch aber kein Floss hatte, 
den vernichtete das feurige Wasser, so wie er war, so wie er war, ver- 
brannte es ihn. — Dann an welches Menschen Flosse das Seil [infolge 
des Steigens der Wasseroberfläche] das Ende erreichte (d. h. nicht lang 
genug war): der schnitt entzwei [das Seil]; er sank beinahe unter: 
wie er das Seil entzwei schnitt, so trug ihn [f»rt die Flut]. Welches 
Menschen Slrick lang war: der so wie er war, schaukelt [auf dem 
Wasser]. Wenn das Ende des Flosses sich entzündet [vom feuri- 
gen Wasser]: begiesst er es mit reinem Fischtran und loscht [das 
Feuer]. — Dann nach Verlauf von diesen sieben Nächten, sieben Ta- 
gen demjenigen Menschen, der [die Not] zu überstehen vermochte, 
dem sank (vertrocknete) das Wasser ; demjenigen, der sie nicht zu 
überstehen vermochte, dessen Seil zerriss und ihn trug die Flui 
weg. Welcher Mensch es überstand, der gelangte auf seinem eigenen 
Landstück aufs Trockene. Die übrigen Menschen wohin sie gelanglen, 
dort erreichten sie das Trockene. Welcher Mensch [die Drangsal J nicht 

122 



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R08M0G0NISCHE SAGEN DER WOOÜLEN. 



überstehen konnte, ward sammt Töchtern. sammL Söhnen, so wie er 
war, vernichtet, ihr Leben entschwand ihnen so (ihre Seele gieng so 
weg). Dann begannen die übriggebliebenen Menschen, d.h. diejenigen, 
die auf ihrem Landstück geblieben waren, dort zu wohnen. 

5. Dann suchten sie Holz zum Hausbau. Nirgends ein Baum, 
nirgends ein Gras ; so wie sie waren, wurden sie vernichtet, verbrann- 
ten sie. Die Erde [des Pflanzenreiches] ist auf eine Klafter Tiefe ausge- 
brannt, ist [durch das Feuer] ausgemuldet; daher ist weder Baum, 
noch Gras. Sie fanden nichts, womit man Häuser hätte bauen können. 
Erdhütten begannen sie also zu graben. Nachdem sie ihre Erdhütten 
fertig hatten, begannen sie darin zu wohnen. Ueberall kann man hö- 
ren, dass jenes Volk, das [nach der Sintflut] übrig blieb und in den 
nahe gelegenen Dörfern gelebt hat, sich dort Erdhütten gegraben 
hat. Dann kann man auch das überall hören, dass wo sie sich nie- 
dergelassen hatten, dort [nach der Sintflut] sie aufs Trockene gelangten. 

6\ Dann versammelten sich nun die übriggeblieben Alten und 
zu 7'ärem sie [also] flehten : w O, auf, welche Weise stillt sich unserer 
Tochter Hunger (Herz), unseres Sohnes Hunger? Nun gibt es keinen 
Wasserfisch, kein Waldtier. Nun also Numi-Tärem unser Vater, lass 
herab wenigstens Wasserfische, lass herab Waldtiere ! Wir deine neu- 
lich übriggelassenen Menschensöhne würden den Hunger unserer Toch 
ter daher stillen, würden das stillende Mittel für den Hunger unseres 
Sohnes dort suchen Wenn er sich auf das Wasser herablässt [dein 
Menschensohn]: lass [für ihn] Wasserfische herab! Den Wasserfisch 
tödtenden Menschen segne mit Wasserfisches Glück, den in den Wald 
gehenden Menschen segne mit Waldtieres Glück! seiner Tochter Hunger 
würde er von da stillen, seines Sohnes Hunger würde er von da stillen. 
Erschaffe dann durch dein Wort Waldbäume, Waldgräser! Dein auf 
welchem Erdteile immer übriggebliebener Mensch möge dann für be- 
ständig Wurzel fassen, sein sich vermehrender Sohn möge sich vermeh- 
ren, seine sich vermehrende Tochter möge sich vermehren ! u 

C. 

1. Weltbeobachtender Mann traf einmal während seines Ausrei- 
tens einen maiist-Menschen an. „Komm' her ! a — sprach er. Der 
waüs7-Mensch gelangle hin. Wellbeobachtender Mann riss ihn an die 
Hüfte seines Rosses, der mahät-Mensch klebte an die Hüfte des Ros- 
ses hin. Zu Gold-Äwores seinem Vater gieng er dann hinauf Als er 
oben anlangte, sprach er zu seinem maris* Menschen : „Kennst du 
mich ? a — Er antwortet: „Woher sollte ich dich kennen?!" 4 — „[Nun 
also], bedenke, der weltbeobachtende Mann bin ich, den du siehst !" 
In seines Vaters Göld-Kwores' silberstangiges Stangenhaus giengen 
sie also hinein. Wellbeobachlender Mann sprach zu seinem man&i- 
Menschen : „Wenn du innerhalb der Türe gelangst, bleibe an einem 
Orte im Hause stehen!" Als sie ins Haus treten, ist dort viel Volk 
versammelt. Weltbeobachtender Mann von seinem Hausvolke fragt : 
„So vieles Volk, warum habt ihr euch versammelt ?" Das Volk ant- 

123 9* 



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DR. BERNHARD MTNKACSJ 



wortet : „Warum wir uns alle versammelt haben, wir haben uns ver- 
sammelt : unser Vater Gold-Ktrores macht heilige Feuerflut. " YVellbeob- 
achtender Mann spricht : „Noch ist die Zeit nicht gekommen." Das 
Volk spricht: .Unser alter Oheim aus Jeli's Sladt ist noch nicht ge- 
kommen, man soll auch ihn fragen!" Weltbeobachtender Mann zu 
seinem Volke spricht: „Zitieret ihn her." Ihr alter Onkel aus Jeli's 
Stadt wird herzitiert. Auf einmal nur slürzte eine Schneesturm wölke 
herab, ein schneesoh liger Mann trat mit seinen Schneesohlen (in das 
Haus) ein. Der Alte aus Jeli's Stadt spricht zum Volke: „Was habt 
ihr mich mit so gewaltiger Krad herzitiert ; beinahe hätte ich meine 
alten Knochen gebrochen! — was lür einer Sache wegen habt ihr euch 
versammelt?!" — „Was für einer Sache wegen wir uns also versam- 
melt haben: unser Vater Gold-AVor*£s macht heilige Feuerflut." Ihr 
Onkel, der Alte aus Jeli's Stadt spricht: „Noch ist die Zeit nicht da; 
— doch wo ist die Schrift, sehen wir sie an!" — „In unseres Vaters 
Gold- Kxcores gastsitzendem Stubenverschlag liegen die Schriften. Der 
Alte aus Jeli's Stadt gieng in den gastsitzenden Stubenverschlag, welche 
Schrift er suchte, die fand er, öffnete sie, zum Volk spricht er : „Seht 
her, wahrlich noch ist die Zeit nicht da! - 

2. Dann trat von draussen ein Mann herein, zum Väterchen des 
Go\d-Kworts er spricht: „Sieh da, bereitet ist die warme Hadestube!* 
Sein Väterchen (io\d-Kwore$ hob er empor und trug es in die Bad- 
stube. Nachdem er sein Väterchen Gold- Kwo res in die Badstube ge- 
tragen hatte, kam der weltbeobachtende Mann [aus dem Hause] heraus. 
Seinen wari&i'-Menschen rief er mit sich: „Komm!" — so sprach er. 
In des weltbeobachtenden Mannes eigenes Haus giengen sie hinein. In 
dem Hause standen (sassen) drei Kessel. Die Kessel so wie sie siede- 
ten, sprudelten über und heransfloss das Wasser. Wie sie auf 
die unten befindliche Erde sehen, hat von da eine beträchtliche An- 
zal Volkes das herausgeströmte Wasser weggetragen. Weltbeobach- 
tender Mann berührte die Bäuche der Kessel mit einem Tuch, ihr 
Sieden Hess nach. Ein wenig hielten sie inne, die Kessel begannen zum 
zweitenmal zu sieden und überliefen wieder. Wieder eine beträchtliche 
Anzal Volkes trug fort (das überlaufene Wasser). Weltbeobachtender 
Mann berührte die Bäuche der Kessel mit einem Tuche, das Sieden 
derselben mässigte sich. Sie hielten wieder inne; die Kessel begannen 
auch zum drittenmal zu sieden. Weltbeobachtender Mann berührte sie 
wieder mit einem Tuche, ihr Sieden mässigte, mässigte sich, zuletzt 
mässigte es sich ganz, sie sieden nun nicht mehr. Weltbeohachtender 
Mann spricht nun zu seinem wiatis/'-Menschen : „Komm, gehen wir!" 
Hierauf giengen sie in das Haus des Vaters Hold- Kuore's 

3. Vater Go\d-Kirores kam aus jener Badstube herein. Er spricht 
zu seinem Sohne: „Söhnchen, warum hast du vereitelt (niedergetreten) 
mein Streben?" Weltbeobachtender Mann spricht: „0 Vater, wie sollte 
ich es nicht vereiteln; ich bedauerte meine vielen Menschen !- Weiss- 
gekleidete sieben Männer traten jetzt von aussen herein: ihren Vater 
Go\d-Kicorfo setzten sie über die oberste Leiter von sieben Leitern. — 



124 



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KOSMOP.ONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



i 



Welfbeobachlender Mann gicng mit jenem seinem marisi-Menschen 
hinaus [aus dem Hause]. Weltbeobachtender Mann stieg auf den Rücken 
seines Tieres hinauf, seinen waiW-Menschen klebte er an die Hüfte 
seines Rosses und so giengen sie weg. Wo er früher seinen marisi- 
Menschen gefunden hatte, dort (Hess er ihn frei). 



V. 

Heiliges Lied von der Herablassung der Erde ans dem Himmel. 

1. (\o\d-Kwores (Gold-Himmel) Väterchen, Gold-Kwores Papachen 
hat sich in eines silbernen Spindelringes Grösse geschaffen. 
5'o/>er-Frau, Äa/m'-Frau Mutter hat er herabgelassen, 
Xul'&ter-Tochior (Teufelslürsten Tochter) hat er erschaffen, 

5. Oben-gehenden-geflügelten-Äa/m hat er erschaffen. 

♦ 

Lange lebten sie oder kurze Zeit lebten sie, einmal nur 

spricht A'«r-a/«r-Tochter zum Oben-gehenden-geflügelten-lTalw : 

„Zu Go\d-Kwore», deinem Vater geh' hinauf! 

Von Gold- Kwores, deinem Väterchen erfrage dies: 
10. „Die ö'oper-Frau Mutter hat er herabgelassen, 

die JTawi-Frau Mutter hat er erschaffen; 

an einem kommenden Tag wird Go\d-Kwords Väterchen 

des Menschenzeitalters Welt erschaffen, 

der Manschenperiode Welt erschaffen; 
15. diese S'oper-Frau Mutter, ÜTatwi-Frau Mutter 

mit irgend welcher seiner Fesseln möge er fesseln, 

mit irgend welchem seiner Gürtel möge er umgürten ; 

(dann) der auf seinen Fusspitzen stehende Mensch kann es bald 

nicht mehr aushalten, 

6'op/r-Frau, Kami-Fr&u Mutter ineinemfort dreht sich." 

20. Jetzt der Oben-gehende-geflügelte-iTaim 

zu Gold'Kwores seinem Väterchen also hinaufgeht. 
Lange gieng er, oder kurze Zeit gieng er, woher soll er dies 

wissen ? ! 

Einmal nur zu Go\d-Kwores\ seines Väterchens Wohnort 

er also hinaulgelangte. 
25. Silberan gelige sechs Türen sechs er öffnete, 

dlberan gelige siebente Türe zum siebenten er öffnete. 

In des türversehenen Hauses innern Raum er jetzt hineingeht, 

auf die Mitte der Dielen des gedielten Hauses blickt er hin: 

goldrändige sieben Tische sieben dort stehen, 
30. neben goldrändigen sieben Tischen 

Gold- Kwores Väterchen 

auf goldfüssigem heiligem Trone (Slule) sitzt ; 

126 



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DK. BERNHARD MUNKÄCSI 



sein goldknüpfiger heiliger Stab 

ist an seine rechte Wange geschmiegt. 
35. Auf die Mitte des gedielten Hauses als er hingelangte, 

Go\d-Kwores Väterchen seinen goldknöpfigen heiligen Stab 

von seiner Wange weghob, 

auf ihn er blickt, fragt ibn: 

„ Oben-gehender-geflügelter-lTttZm, 
40. welche Boten-Tier [getragene] Botschaft, hast du gebracht? 41 

Oben-gehender geflügelter-ÄaJm zu Gold-Ätoores, seinem Vater 

spricht : 

„Welche boten Tier [getragene] Botschaft ich bringe? 
Die Boten-Tier [getragene] Botschaft, welche ich bringe, ist diese : 
i\old-%icores Väterchen! -XwZ'-äter-Maid [so] sprich: 
45. „Diese 6"o/>er-Frau Mutter hast du also herabgelassen, 
diese Äawi -Frau Mutter hast du also erschaffen; 
an einem kommenden Tage wirst du des Menschenzeitalters Welt 

erschaffen, 

wirst du der Menschenperiode Welt erschaffen : 
was für einer auf seinen Fussspitzen stehender Mensch wird es 

bald aushallen, 

50. [denn] diese S'oper-Frau, ifamt-Frou Mutter in einem fort sich 

dreht?! 

Du mit irgend welcher deiner Fesseln fessele sie, 
mit irgend welchem deiner Gürtel umgürte sie!" 

Uold-JCtvore* Väterchen sein Haupt herabsenkle, 
bis ein eisiger Fisch, bis ein schneeiger Fisch kochen kanu, 
55. [so lange Zeit] wortlos (ohne mündige Zunge) so sitzt er. 
Als er sein Haupt erhob, [so] spricht er: 
„Ich erschaffe Sieben -Berg Mutter, 
lasse Paräp-Frau Mutter herab ; 
auf meine rechtseitige Schulter 
60. meine lebendige Schlangen-Peitsche ich schwinge: 
strom-laufende zahlreiche Bäche 
in grosser Zahl strömen von dort; 
auf meine linkseitige Schulter 
meine lebendige Schlangen- Peitsche ich schwinge: 
65. schnell fliessende viele kleine Flüsse 

in grosser Zahl fliessen heraus von dort." 
Von ilo\d-%wores\ des Väterchens Wohnhause 
silberangeligen sieben Türen 
Oben-gehender-geflügelter-Äa/w 
70. nun /.um siebenten öffnet, hinaus geht, 

zur XuV-zter-Tochler er hierait herabsteigt. 

Nachdem er herabgelangt, 

X«r-ä/cr-Tochter ihn fragt: 

„ Oben-gehender-geflügelter- Kalm, 

126 



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KOSMOGONISCIIE SAGEN DER WOGULEN. 



75. was für eine Boten-Tier [getragene] Botschaft bringst du?" 
Oben-gehender-geflügelter-Kalm spricht : 
„Was für eine Boten Tier [getragene] Botschaft ich bringe?! 
Die Boten-Tier [getragene] Botschaft, welche ich gebracht habe, 

ist diese: 

(iold-'Kwores Väterchen, Gold ■ < Ktcor9s Papachen [so] spricht: 
80. S'opir-Frm Mutter, Äami-Frau Mutter 
zu umgürten habe ich schon umgürtet ; 
Sieben-Berg Mutter habe ich erschaffen, 
Paräp-Frm Mutter habe ich herabgelassen." 

Nachdem sie lange [so] gelebt haben, 
85. oder kurze Zeit [so] gelebt haben, 

„Y'w/-äter-Tochter wenn sie sich niedersetzt, 

auf ihrem Sitzplatz hat sie keine Ruhe; 

Awr-äter-Tochter wenn sie aufsteht, 

auf ihrem Stehplatz hat sie kein Bleiben. 
90. Zum Oben gehenden-geflügelten-ifafm sie spricht: 

»Zu Gold-3Ctrom, deinem Väterchen geh' hinauf wieder! 

Von Gold-Hwores, deinem Väterchen erfrage du dies: 

des Menscbenzeiialters Welt wie soll man erschaffen, 

der Menschenperiode Welt wie soll man erschaffen?" 
95 Oben-gehender-gefiugelter-iTa&n hiemit hinaufgeht. 

Lange gieng er, oder kurze Zeit gieng er, woher weiss er es?! 

Einmal nur an des Gold-Hwores Väterchen bewohnten 

silberangeligen siebentürigen Hauses Aussenseite gelangte er. 

Die silberangeligen sechs Türen zu sechsen er öffnete, 
100. die süberangelige siebente Türe zum siebenten er öffnete. 

In des türversehenen Hauses Inneres er jetzt hineingeht. 

Auf die Mitte der Dielen des gedielten Hauses er hinblickt: 

dort also goldrändige sieben Tische stehen ; 

neben goldrändigen sieben Tischen 
105. Gold -üwores Väterchen 

auf goldfüssigem heiligem Trone sitzt ; 

sein goldknöpflger heiliger Stab 

ist an seine rechte Wange geschmiegt 

Auf Oben-gehenden -geflügelten- Kahn blickend, ]so] spricht er: 
110. „Oben-gehender-geflügelter-üfalro, 

was für eine Boten-Tier [getragene] Botschaft hast du gebracht?" 

Oben-gehender geflügelter- Kalm [so] spricht: 

„Gold-'TCwore* Väterchen, Go\d J %wore8 Fapachen! 

Die Boten-Tiere [getragene] Botschaft, die ich gebracht habe, ist diese : 
115. Des Menschenzeitalters Welt wie soll man erschaffen? 

der Menschen periode Welt wie soll man erschaffen? 8 

{lo\d-%wores t Väterchen 

bis ein eisiger Fisch, bis ein schneeiger Fisch kochen kann. 

137 



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DR. BERNHARD ML'NKÄCSI 



[so lange Zeit] seinen Nacken er herabbeugte. 
120. Als er seinen Nacken erhob, [so] spricht er: 

„Des unbeweglich stehenden Waldbaumes Stamm 

wenn ihn Ruten bewachsen: lass sie seine Ruten zerlretcn, 

wenn ihn Gras bewächst: lass sie sein Gras zertreten, 

sieben Söhne aus einer Gebärmutter mögen daraus erwachsen. 
125. sieben Töchter aus einer Gebährmütler mögen daraus erwachsen!" 

Oben-gehender-geflügelier-^Caim 

Gold-3Cwores, seines Väterchens 

silberangelige sieben Türen zu sieben er öffnete, 

zu seiner S'oper-Fr&u, Aam»-Frau Mutter 
130. also er herabstieg. 

Als er herabgelangte, 

TuZ'-ä/er-Tochter ihn fragt: 

r Oben-gehender-geflügelter-Äai»i / 

(lold-Hwores, dein Väterchen, 
1.'15. was für eine Boten-Tier [getragene] Roischaft hat er dir gesagt?" 

Oben-gehender-geflügelter-Äa/w spricht : 

„Von Go\d-%wores deinem Vater, GoU\-Kwores deinem l'apa, 
gesagte Roten-Tier [getragene] Rotschaft ist diese : 
„Des unbeweglich stehenden Waldbaumes Stamm, 

140. wenn ihn Ruten bewachsen: zertritt seine Ruten, 
wenn ihn Gras bewächst: zertritt sein Gras! 
Sieben Söhne aus einer Gebärmutter daraus erwachsen werden, 
sieben Töchter aus einer Gebärmutter daraus erwachsen werden. 
Hierauf J^-a/er-Tochter 

1-15. des unbeweglich stehenden Waldbaumes Stamm, 

wenn Ruten ihn bewuchsen: seine Ruten sie zertrat, 
wenn Gras ihn bewuchs: sein Gras sie zertrat; 
sieben Söhne aus einer Gebärmutter erwuchsen daraus, 
sieben Töchter aus einer Gebärmutter erwuchsen daraus. 

150. Ihre aus einer Gebärmutter stammenden sieben Söhne, 
ihre aus einer Gebärmutter stammenden sieben Töchter, 
nachdem sie lange gelebt haben, 
oder nachdem sie kurze Zeit gelebt haben, 
können schon mit spitzen Holzpfeilen schiessen, so gross sind sie 

geworden 

155. Oben gehenden geflügelten Tieres 

Herz zum Beben sie bringen : 

unten wandelnden füssigen Tieres 

Herz in Verzweiflung sie stürzen. 

jr«r«/er-Tochter ihre Mutter 
160. zu Oben-gebendem-geflügeltem-tfafm wieder spricht: 

„Oben-gehender-geflügelter-Jftib/i / 

Zu Go\d-Kwor&, deinem Väterchen 

geh' hinauf du wieder! Trage ihn dies: 

128 



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KOSMOGONISCIIE SAGEN DER WOGULEN. 



„Meine sieben Söhne au« einer Gebärmutter sind sieh! erwachsen. 
166. meine sieben Töchter aus einer Gebärmutter sind sieh! erwachsen; 

aber jetzt die essbaren Uutcnknospen (d. h. die tägliche Nahrung.» 

woher sollen sie hernehmen, 

die essbaren G rasknospen (wo) sollen sie suchen, 

auf Herzspitze gehörigen (d h Hunger stillenden) schmackhaf- 
ten Bissen (wo) sollen sie suchen?" 

Oben-gehender-geflügelter-ftafm 
170. zu Gold Ktcores. seinem Vater wieder hinaufgeht. 

Lange gieng er, oder kurze Zeit gieng er, woher weiss er es?! 

An des Gold-ÄfroiVs-Väterehen bewohnten 

silbei angeligen siebenlürigen Hauses Aussenseite 

er wieder gelangte. 
175 Die silberangeligen sechs Türen zu sechsen er öffnete, 

die silberangelige siebente Iure zum siebenten er öffnete. 

In des türversehenen Hauses Inneres er jetzt gelangte. 

Goldrändige sieben Tische sieben stehen [dort| ; 

neben goldrändigen sieben T sehen 
180. (lo\d- Ktcores, sein Väterchen 

auf goldfüssigem heiligem Trone sitzt; 

sein goldknöpfiger heiliger Stab 

ist an .»eine rechlseitige Wange geschmiegt. 

Als Oben-gehender-geflügelter-'3\ alm 
185. auf die Mitte der Diele des gedielten Hauses gelangte, 

Gold Ktcores Väterchen sein Haupt erhob. 

B 0ben-gehender-geflügeller-7\alm, 

was für eine Bolen Tier [gelragene] Botschaft hast du gebracht? 
.Was für eine Boten-Tier [getragene] Botschaft ich bringe? — 
190. Gold-ÄVom Väterchen, Gold- Ktcores Papachen? 

Die Boten-Tier [getragene] Botschaft, welche ich gebracht habe. 

ist diese: 

XuV-äter-TochteT hat sieben Söhne aus einer Gebärmutier geboren, 
sie hat sieben Töchter aus einer Gebärmutter geboren; 
schon können sie mit spitzen Holzpfeilen schiessen, so gross sind 

sie geworden; 

195. oben gehenden geflügelten Tieres 

Herz zum Beben sie bringen. 

unten wandelnden nissigen Tieres 

Herz in Verzweiflung sie stürzen : 

jetzt die essbaren Rutenknospen wo sollen sie suchen, 
200. die essbaren Grasknospen wo sollen sie suchen, 

auf Herzspitze gehörigen schmackhaften Bissen wo sollen sie 

finden ? B 

Gold-Ktcores- Väterchen spricht : 

„An das Gelände dichlbeholzten schwarzen Gestrüppes 
sieben Elentierkühe lasse ich herab, 
205, sieben Elentierstiere lasse ich herab. 

129 



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DR. BERNHARD MUNKACSI 



Wenn ich lenzigen langen Tag erschaffe, 
von bergenden Ruten her, 
von bergendem Gras her, — 

die essbaren Rutenknospen von da mögen sie suchen, 
210. die essbaren Grasknospen von da mögen sie suchen, 

auf Herzspitze gehörigen schmackhaften Bissen dort mögen sie 

finden ! 

Ein Teil meines Landgebietes, ein Teil meines Wassergebietes, 
ist baumarmes armes Moor, 
ist grasarmes armes Moor, 
215. grauhaarige viele Hischkälber lasse ich dahin herab. 
Wenn ich lenzigen langen Tag erschaffe, 
von bergenden Ruten her, 
von bergendem Gras her, — 

die essbaren Rutenknospen van da mögen sie suchen, 
220. die essbaren Grasknospen von da mögen sie suchen. 

auf Herzspitze gehörigen schmackhaften Rissen dort mögen sie 

finden ! 

Ein anderer Teil meines Landgebietes, ein anderer Teil meines 

Wassergebietes 

ist an Nahrüng reiches Todten-Land, 
ist an Wasser reiches Todten-Land. 
225. Die essbaren Rutenknospen von da mögen sie sucnen, 
die essbaren Grasknospen von da mögen sie suchen, 
auf Herzspitze gehörigen schmackhaflen Rissen dort mögen sie 

finden!» 

Jetzt Oben-gehender-geflügelter-'Kafrn 
zur seiner S'oper-Frau, %ami-Fr&\* Mutter 
230. also herabsteigt. 

XuV-äter-Tochter fragt ihn : 
«Oben-gehender-geflügelter-'Kafrw, 

was für eine Boten-Tier [getragene] Rotschaft hast du gebracht ?" 
Oben-gehender-geflügelter-'JiaZm spricht : 
235. „Die Boten-Tier [getragene] Botschaft, die ich gebracht habe, 

ist diese : 

Go\d-Kwores Väterchen, Gold- Kwores Papachen 

an das Gelände dichtbeholzten schwarzen Gestrüppes 

sieben Elentierkühe, sieben Elentierstiere, 

sagte er, dass er herablassen wird, 
240. auf baumarmes armes Moor, 

auf grasarmes armes Moor, 

grauhaarige viele Hirschkälber, 

sagte er, dass er herablässt; 

an Nahrung reiches Todten-Land 
245. an Wasser reiches Todten-Land, 

sagte er, dass er herablässt. 

Wenn er lenzigen langen Tag erschaffen wird, 

ISO 



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K08M0G0N ISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



von bergenden Ruten her, 
von bergendem Gras her, — 
250, die essbaren Rutenknospen von 1 da mögen sie suchen, 
die essbaren Grasknospen von da mögen sie suchen, 
auf Herzspitze gehörigen schmackhaften Bissen dort mögen sie 

finden! - 

Nun die von einer Mutter seienden sieben Söhne 
sieh, in das Gelände dicht beholzten schwarzen Gestrüppes 

gehen, 

255. sieben Elentierkühe, sieben Elentierstiere sie dort finden. 

Hinter bergendem Gestrüppe [schleichend] nähern sie sich den- 
selben, 

hinter bergendem Gras [schleichend] nähern sie sich denselben. 

Der älteste Mann von ihnen mit dem Bogen schiesst : 

die sieben Elentierkühe, die sieben Elentierstiere 
260. mit einem abgeschossenen Pfeile [alle] er traf. 

Gefrorenen Fettes Fülle fanden sie dort, 

gekühlten Fettes Fülle fanden sie dort. 

Aus rohem Felle Zwischenziehriemen sie dann machten, 

auf zweiggekinnten kinnigen Schlitten luden sie auf. 
265. und zu ihrer Mutter, der XuV~äter-]LOch\er kamen sie heim. 

Nachdem sie [dort] lange gelebt haben, 

oder nachdem sie [dort] kurze Zeit gelebt haben, 

sieh, auf baumarmes armes Moor sie gehen, 

sieh, auf grasarmes armes Moor sie gehen, 
270. grauhaarige viele Hirschkälber sie dort finden. 

Der älteste Mann unter ihnen 

hinter bergendem Gestrüpp [schleichend] nähert sich ihnen, 
hinter bergendem Gras [schleichend] nähert sich ihnen. 
Sein einmal abgeschossener Pfeil 
275. grauhaarige viele Hirschkälber in grosser Anzahl trifft. 
Gefrorenen Fettes Fülle sie wieder fanden, 
gekühlten Fettes Fülle sie wieder fanden; 
auf zweigkinnigen gekinnten Schlitten sie es wieder aufluden, 
zur A'wZ'-äter-Tochter, ihrer Mutter heim sie es schleppten. 

280. Lange lebten sie, oder kurze Zeit lebten sie [dort], 

einmal nur die von einer Mutter geborenen sieben Söhne 

zur Xul'-äter- Tochter, ihrer Mutter sie sprechen: 

„Gold- Kwor es . unser Väterchen 

an Nahrung reiches Todten-Land erwähnt, 
285. an Wasser reiches Todten-Land erwähnt; 

dies an Nahrung reiche, an Wasser reiche Todten-Land 

zu suchen gehen wir weg. 

Bis wir zurückgehen, 

einspündige sieben Kessel [Hirsebier] braue (rühre) I 
290. Wir lassen unsere Hände ruhen, lassen unsere Füsse ruhen." 

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DR. BERNHARD MUNKÄCSI 



Die von einer Mutier geborenen sieben Männer 

jetzt das Todten-Land aufzusuchen gehen. 

Lange giengen sie, oder kurze Zeit giengen sie, 

in eine baumarme arme Gegend gelangten sie hinaus. 
295. in eine grasarme arme (legend gelangten sie hinaus, 

an des Jä/utmen [Sees] Ufer gelangten sie hinaus. 

Auf den Jäx-uttnen-See sie blickten: 

eisenbrüstige sieben Taucherenten 

zu sieben sich wiegen [auf den Wogen], 
300. eisenbrüstige sieben Taucherhühner 

zu sieben sich wiegen [auf den Wogen]. 

Der älteste Mann unter ihnen spricht : 

»Hinter bergendem Gesträuch werde ich selbst mich an sie her- 
anschleichen. 

hinter bergendem Gras werde ich selbst müh an sie heran- 
schleichen ; 

305. bis ich meinen Pfeil nicht loslasse, Pfeile nicht lasset ihr los, 
bis ich meinen Hogen nicht abspanne, ihr euere Bogen nicht 

spannet ab!" 

Hinter bergendem Strauche schleicht er sich jetzt an sie heran, 

hinter bergendem Grase schleicht er sich jetzt an sie heran 

Auf bugigen (gekinnten) Bogens Bug kaum legt er seinen Pfeil : 
310. hinter ihm des jüngsten Mannes 

seidener Sehne zitternder Ton erklingt. 

Der eisenbrüstigen sieben Taucherenten 

Brüste hat er nur blutig gestreift ; 

der eisenbrüstigen sieben Taucherhühner 
315. Brüste hat er nur blutig gestreift. 

Mit blutigen Brüsten die sieben Taucherenlen 

kranichfüssige (viel mündige) viele Flüsse 

in grosser Anzahl entlang laufen ; 

mit blutigen Brüsten die sieben Taucherhühner 
320 kranichfüssige viele Flüsse 

in grosser Anzahl entlang laufen; 

der siechtumlosen Erde Gebiet 

mit Siechtum überschwemmten sie also; 

der krankheitlosen Erde Gebiet 
325. mit Krankheiten überschwemmten sie also. 

Der älteste Mann schilt [ihn]; 

„Wenn ich geschossen hätte auf sie, 

diese eisenbrüstigen sieben Taucherenten, 

diese eisenbrüstigen sieben Taucherhühner. 
330 wie Frühjahrsfische auf einen guten Birkenstab, 

so hätte ich sie aufgespiesst alle [auf meinen Pfeil]; 

wie Herbstfische auf einen guten Birkenstab, 

so hätte ich sie aufgespiesst alle [auf* meinen Pfeil] 

Jetzt hast du der siechtumlosen Erde Gebiet 

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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



335. mit Siechtum, sieh! überschwemmt, 
ihr krankheitsloses Gebiet 
mit Krankheiten, sieh! überschwemmt 

Zur A'ur-afcV-Tochter, ihrer Mutter 

jetzt zurück sie sich wenden. 
34-0 Lange giengen sie, oder kurze Zeit giengen sie, 

Zur ATu r-ä/er-Tochter, ihrer Mutter heim sie gelangten. 

Die einspundigen sieben Kessel Hirsenbier waren bereifet. 

Die von einer Mutter geborenen sieben Söhne nun zechten. 

Lange zechten sie, oder kurze Zeit zechten sie, sie wissen es nicht. 
345 Als sie [aus ihrem Schlafe] erwachten, 

war der älteste Mann im Rausche wahnsinnig geworden. 

Sein selbst getragenes dichtringiges Ringpanzerkleid 

in kleine Stückchen zernagte er; 

Huf seine eigenen Füsse. auf seine eigenen Hände spie er sie hin. 
350. Des Wiesentieres (Bären) haariger Pelz ist daraus entstanden. 
Den mit sieben Pfeilen versehenen Ring -Köcher 
in kleine Stückchen zerbiss er; 

aut seine eigenen Füsse, auf seine eigenen Hände spie er sie hin. 
Des Wiesentieres fünfhackige Hackenpfolen (fünfkrallige Vorder- 

füsse) sind daraus entstanden, 
355 des Wiesentieres fünfhackige Hackenstiefel (fünfkrallige Hinter- 

füsse) sind daraus entstanden. 

Sein goldquastiges Schwert 

in kleine Stückchen er zerbrach; 

des Wiesentieres zehnzähniger gezähnter vielastiger Pfeiler (Mürtd) 

ist daraus entstanden. 
In unwegsamen Waldes, dunklen Waldes Versteck entfernte er sich. 



Wanderzeichen der Zigeuner. 

Von Dr. Heinrich v. Mlislocki. 

Indem die Milglieder ein und desselben Zigeunerstammes wäh- 
rend der Zeit ihrer sommerlichen Wanderfahrt nur in den seltensten 
Fällen alle zusammen bleiben können, sondern in einzelne Familien- 
sippen (gakkija) getrennt unter der Führung eines Sippen Vorstandes 
(gakko) ihre Wandergebiete durchziehen, so ist es beinahe selbstver- 
ständlich, dass die Wanderzigeuner sich gewisser geheimer Zeichen 
bedienen, die sie an den Wegen, welche sie zurücklegen, aufstecken, 
um ihre nachfolgenden Stammesgeno^sen von diesem oder jenem Vor- 
fall, Freignis oder von irgend einer Absicht, irgend einem Plane be- 
nachrichtigen, verständigen zu können. Dies? Wanderzeiehen mögen 
aus aller Zeit herstammen, als die Zigeuner noch ein ganzes, zusara- 

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DR. HEINRICH V. WL1SL0CKI 



menhängendes Volk bildeten, wenigstens mögen sie noch aus der Zeit 
herrühren, wo die Zigeuner Mitteleuropa noch nicht überschwemmt 
hatten und noch diesseits der Donau herumschweiften Dafür spricht 
schon der Umstand, dass fast alle Wanderzigeunerstiimme Europa's 
mit wenigen Abweichungen dieselben Wanderzeichen gehrauchen. We- 
nigstens gilt dies für die Zelt/igeuner Ungarns. Siebenbürgens, Polens, 
Serbiens, Rumäniens, der Türkei. Damit eben keine Verwirrung statt- 
finden kann, wenn zufälligerweise Mitglieder verschiedener Stämme ein 
und dasselbe Gebiet durchwandern, so hat jeder Stamm noch beson- 
dere Abzeichen, die von seinen Mitgliedern den betreuenden Wander- 
zeichen beigefügt werden, damit die Vorüberziehenden jedesmal wissen 
sollen, ob diese Zeichen ihnen, oder Mitgliedern eines anderen Stam- 
mes gelten. Ausser diesen Stammeszeichen hat noch jedes hervorra- 
gende Mitglied ein besonderes Zeichen, das in dem Kalle dem Wan- 
derzeichen beigefügt wird, wenn der Bet reffende allein wandert, wenn 
er z. B. als Kundschafter der Sippe vorausgeschickt worden ist. Der 
Vorstand jeder Sippe und der Wojvode jedes Stammes haben oben- 
drein noch ihre besonderen Zeichen 

Das allereinfachste Wanderzeichen besteht demgemäss: 1. aus 
dem Wanlerzeichen selbst, 2 aus deru Stammesabzeichen, 3. aus dem 
Abzeichen des Sippenvorstandes, eventuell des Wojvoden, und in be- 
sonderen Fällen 4. aus dem Ab/.eichen des eventuell allein irgendwo- 
hin voraus-entsendelen Mitgliedes. Diese einzelnen Zeichen bilden zu- 
sammen das Wanderzeichen, dessen jedem einzelnen Bestandteile noch 
5. ein besonderes Zeitrechnungszeichen, Kalenderzeichen beigefügt ist, 
um die Zeit anzugeben, wann das Wanderzeichen aufgesteckt worden 
ist. Ich nenne diese Zeichen blos aus dem Grunde „ Wanderzeichen u , 
weil dieselben von den Zigeunern eben nur in den milderen Jahres- 
zeiten, während ihrer Wanderfahrten gebraucht weiden. Im Winter, 
wo gewöhnlich der ganze Stamm sich vereinigt oder auf einem enger 
begrenzten Terrain in den „Winterquartieren*, die gewöhnlich Krdhöh- 
len sind, sich befindet, werden diese Zeichen höchst selten gebraucht. 
Die Zigeuner Ungarns. Siebenbürgens und Rumäniens nennen diese 
Wanderzeichen : sikajimako, die serbischen und türkischen Zigeuner 
hc'ssen sie : ciWtfr/je»=Erwartung, die deutschen dagegen : sikerpas- 
kero— Zeichen. 

Solche Wanderzeichen, wenn sie auch von Mitgliedern eines 
fremden und öder befeindeten Stammes herrühren, darf kein Zigeuner 
zerstören. Sie sind durch den Volksglauben geheiligt, denn wer solche 
Zeichen zerstört, den trifft all' das Unglück, welches denjenigen be- 
stimmt war, denen das Zeichen galt. Nur diejenigen dürfen die betref- 
fenden Wanderzeichen zerstören, denen sie eben gelten. Wer aus 
Uebermul sie vernichtet, wird — wenn Fein Vergehen bekannt wird — 
für „beschimpft" (melales) erklärt und aus dem Stamme ausgegossen. 
Wird er nach getaner Busse und nach Zahlung einer zigeunerischen 
Vermögensverhällnissen angemessen bedeutenden Geldsumme in den 
Stamm wieder aufgenommen, so verliert er doch für immer sein eige- 

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WANDERZEICHEN DER ZIGEUNER. 



nes Abzeichen, sobald er ein solches besitzt ; — eine Strafe, die un- 
ter die moralisch empfindlichsten gehört, welche einen Wanderzigeu- 
ner treffen können Ein eigenes, vom Wojvoden verliehenes Abzeichen 
zu besitzen, ist vielleicht der höchste Wunsch jedes Zigeuners. Es 
schmeichelt eben seiner Eitelkeit, zum Chor der Auserwähten zu ge- 
hören. Merkwürdig, diese Abzeichen entsprechen ihrer Natur nach im 
zigeunerischen Staatwesen — si licet verbum — unseren Orden und 
anderweitigen Auszeichnungen, w*nn sie auch mit einem recht prakti- 
schen Zweck verbunden sind. Nur der Wojwode des Stammes kann 
solche Abzeichen verleihen. In öffentlicher Sitzung, die gewöhnlich nur 
zur Winterzeit abgehalten wird, wo eben alle Mitglieder des Stammes 
beisammen sind, oder sich wenigstens nahe zu einander befinden, 
— erklärt der Wojvode : dieser oder jener habe seiner Familie oder 
Sippe, oder diesem und jenem Stammesmitgliede, somit auch dem gan- 
zen Stamme, diesen oder jenen wichtigen Dienst erwiesen, wodurch er 
(der Wojvode) sich bemüssigt fühle, ihm ein besonderes Abzeichen zu 
verleihen. Der Wojvode erklärt nun die Form des verliehenen Abzei- 
chens, worauf eine allgemeine Zecherei auf Kosten des Ausgezeichne- 
ten folgt. Sobald der Wojwode bei einem seiner noch nicht „beab- 
zeichneten* Untergebenen eine bedeutendere Geldsumme spürt, die 
eben für eine etwas anhaltende, allgemeine Zecherei genügt, so ver- 
leiht er dem oder der Betreffenden — nolens volens — ein „Abzei- 
chen." --. r Früher war es anders," meinte ein serbischer Wanderzi- 
geuner, namens Milivoj Raöicic, „da hatten nur wenige besondere 
Abzeichen ; denn der Wojvode durlte nur auf Verlangen des ganzen 
Stammes einem seiner Zigeuner ein solches Abzeichen verleihen. Heut- 
zutage tut er es nach eigenem Willen und gibt wem immer Abzeichen, 
ohne den Stamm zu fragen. Wir haben jetzt so viele Leute im Stam- 
me, die Abzeichen besitzen, dass wir uns bald einen Pfarrer halten 
müssen, der uns alle diese Abzeichen aufschreibt, damit wir nicht 
vergessen, wer dieses Abzeichen hat und wer jenes ! tt 

Bezüglich der unerlaubten Zerstörung der Wanderzeichen er- 
zähle mir Herr Franz Sulok, damals Fleischer in Hezdan (Südungarn) 
folgenden Fall : Zur Zeit des russisch-türkischen Krieges kamen Wan- 
derzigeuner aus Serbien und Bosnien schaarenweise über die Donau 
nach Südungarn. Kein Tag vergieng einige Wochen lang, wo nicht 20 — 
30 Zigeuner durch Bezdan gezogen waren. Anlangs waren den Ein- 
wohnern diese durchwandernden Zigeuner, die sich von da nach Sla- 
vonien zu verstreuten, höchst unlieb: die Gensdarmcn halten vollauf 
zu tun ; später aber waren sie willkommen, denn sie Hessen durch 
ihre Einkäufe ziemlich viel Geld in Bezdan. Da Iraf es sich einmal, 
dass zwei Sippen verschiedener Stämme sich in dieser Ortschaft an- 
trafen. Es kam zu einem mörderischen Gemetzel. Ein Teil wurde ar- 
retiert, ein Teil aber entkam. Die Verhafteten gaben an, dass ihre Geg- 
ner die Wanderzeichen vernichtet oder verstellt hüllen, um sie auf 
unrichtige Fährte zu führen. 

Die von deo Wojvoden den Sippenvorständen und einzelnen 



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DR. HEINRICH V. WLISLOCKI 



Stammesmitgliedern verliehenen Abzeichen bestehen : aus einer ge- 
wissen Anzahl von Längs- oder Quer- oder Kreuzschnitten in Holz ; 
einer gewissen Anzahl von Pferdehaaren, Schweineborsten, Bohnen, 
Kürbisskernen, Stechapfelsamen, Strohhalmen, einer gewissen Anzahl 
von Rissen in Tuch- oder Leinwandlappen; ferner in besonderer Art 
zugespitzten, abgeschälten, oder aufgeschlitzten und gespaltenen oder 
geflochtenen Ruten und H >lzern ; in mit Kohle angebrachten Zeichen 
und Figuren 

Die Wojvoden wühlen sich gewöhnlich Farben zu ihrem Abzei- 
chen, während das des ganzen Stammes gewöhnlich aus der Lage und 
Stiuetur überhaupt des ganzen Wanderzeichens erkenntlich wird. 

An jedem Kreuzwege, jedem einzeln stehenden Räume oder 
Strauche, an allen bedeuienderen Krücken und Hohlwegen, ebenso an 
den Lagerstätten wird von den Wanderzigeunern ein Wanderzeichen 
zurückgelassen. Gewöhnlich wird ein Zweiglein mit drei Nebenzweigen 
in die Erde gesteckt, so dass der mittlere die Richtung anzeigt, welche 
die betreffenden Zigeuner genommen. Oder es werden in die Seite 
eines Raumes, welche der genommenen Richtung zugekehrt ist, eine 
bestimmte Anzahl von Schnitten gemacht; oder an einen Ast Fetzen 
gehängt; Steine, mit Strohhalmen umwickelt und übereinander geschich- 
tet, werden auch als Wanderzeichen benutzt, wobei drei, sich den 
übereinander geschichteten Steinen anschliessende Steinchen die ge- 
nommene Richtung anzeigen. Gewöhnlich wird in die nächste Nähe 
duser Zeichen Mist und dergleichen geworfen, damit sie von Unein- 
geweihten nicht so leicht vernichtet werden können. Am gebräuchlich- 
sten sind die Fetzen und man mag sich nicht im Geringsten darüber 
wundern, wenn man Zigeuner auch den allerwertloseslen Lappen auf- 
klauben und autbewahren sieht ; sie verwenden ihn eben zu Wander- 
zeichen. 

Was die an diese Wanderzeichen angefügten Zeilrechnungs- oder 
Kalenderzeichen anbelangt, so müssen wir vorausschicken, dass alle 
christlichen Zigeunerstämme der oben erwähnten Länder die Zeit nach 
den drei Haupt festen der Kirche und dem Set. Michaelstag rechnen 
und zwar das Jahr in vier Teile teilen und die Zeit nach den ver- 
flossenen Sonntagen bestimmen ; z. H der siebente S nntag nach 
Weihnachten der zweite Sonntag nach Set-Michaeli usw , denn nach 
Verlauf eines der obigen Feierlage beginnt man stets die Zeit mit dem 
ersten Sonnlag zu rechnen. Beispiele werden dies Verfahren der Wan- 
derzigeuner am besten erläutern. 

Wenn z. R. der Wojvode des oberungarischen (marmaroscher) 
Wanderzigeuncrslammes, der sogenannten „Renate", seinen nachfol- 
genden Genossen kund geben will, dass er da und da am Mittwoch 
nach dem fünften Sonnlag nach Pfingsten gewesen sei, so mucht er 
folgendes Zeichen : ein Fetten wird in der genommenen Richtung an 
einen Baum gehängt : in den Fetzen sind mit roter Wolle (dem Ab- 
zeichen des Wojvoden) lünt Nähstiche (die lünl Sonntage) der Länge 
nach und drei Niihsiiche mitten durch die lünfe dor Quere nach ge- 



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WANDERZEICHEN DER ZIGEUNER. 



macht (die drei Wochentage). Solche Fetzen fand man Ende Juli die- 
ses Jahres vom erwähnten Wojvoden herrührend, auch in A. Herr- 
manns Badorte Jegenye. Die Fetzen waren mit 10 Nahstichen der 
Länge nach und mit vier Nähstichen der Quere nach versehen und 
obendrein mit Menschenkot eingeschmiert. Diese Fetzen sollten den 
nachfolgenden Genossen die Nachricht geben, dass der Wojvode den 
Badeort Donnerstag nach dem zehnten Sonntag nach Pfingsten (also 
am 30. Juli) passiert habe, und der Menscheakot sollte Kunde vom 
Erfolg seines Unternehmens geben, d. h. dass er die Schweine des 
Stammes auf dem Jahrmarkt zu Bänffy-Hunyad verkauft habe. 

Um nicht our die genommene Richtung den nachfolgenden Stamm- 
genossen anzugeben, sondern ihnen auch gewisse Nachrichten von all- 
gemeinem Interesse zukommen zu lassen, werden diesen Wanderzei- 
chen in letzterem Falle auch noch bestimmte Gegenstände beigefügt. 
Sind die Zeichen zum Teil mit Kuhdünger eingeschmiert, so bedeutet 
dies, dass man sich in dieser Gegend vor den Behörden in acht zu 
nehmen habe; ganz mit Kuhdünger eingeschmierte Zeichen zeigen 
an dass man. wegen Diebstahl u. dgl. verfolgt werde, daher jeder auf 
der Hut sein soll. Mit Menschenkot eingeschmierte Zeichen bedeuten 
Erfolg in den Unternehmungen, überhaupt etwas Gutes von allgemei- 
nem Interesse. Ein Fliederzweig an das Wanderzeichen geheftet, be- 
deutet: dass jemand der betreffenden Sippe erkrankt sei. Je mehr so- 
genannte „ Äuglein - (jakhort) d. h. Blattknospen oder Blattstellen der 
Zweig hat, desto schwerer oder gefahrlicher ist die Krankheit. Um 
mitzuteilen, wer erkrankt ist, wird an den Zweig das Abzeichen des 
betreffenden kranken Mitgliedes angeheftet; wenn dies Mitglied aber 
selbst kein Abzeichen besitzt, so wird das seines nächststehenden Ver- 
wandten angeheftet, indem man dasselbe doppelt, dreifach, vierfach an 
den Zweig neben einander bindet. Zwei Abzeichen bedeuten den Sohn, 
drei das Enkelkind usw. Ist ein Weib, das kein Abzeichen hat, er- 
krankt, so werden die Abzeichen des nächsten Verwandten oder — 
wenn sie verheiratet ist, des Gatten. — nicht nebeneinander, sondern 
aufeinander gelegt und so am Zweige befestigt. Auf gleiche Weise 
wird in solchen Fällen auch bei anderen Nachrichten verfahren. 

Ein Birkenzweig bedeutet, dass der oder jener von der Behörde 
abgefangen worden ist ; ein Weidenzweig dagegen zeigt Familienver- 
mehrung an. Wenn das Kind ein Knabe ist, so bindet man an den 
Weidenzweig einen roten, wenn es ein Mädchen ist einen weissen 
Wollfaden. Ein Tannenzweiglein zeigt Vei lobung und ein Eichenzweig 
die Rückkehr eines Mitgliedes der betreffenden Truppe den nachfol- 
genden Genossen an. Fell- und Lederstücke bedeuten, die Zusammen- 
kunft in wichtiger Angelegenheit beschleunigen zu wollen. Wann und 
wo diese Zusammenkunft stattfinden solle, wird den Nachfolgenden auf 
folgende Weise bekannt gegeben : Man zeigt die Zeit der beabsichtig- 
ten Zusammenkunft durch Nähstiche in das Fell- oder Lederstück an, 
indem dabei jeder Stich der Länge nach einen der oben erwähnten 
Sonntage, jeder Querstich aber einen der Wochentage angibt. Der Ort 

n«rrqiann. BthoologiHche Mitteilungen, IL 137 10 



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Uli. HEINRICH V. WLISLOCKJ 



wird also angegeben: Es werden in das Fell- oder Lederst ück qua- 
drat- oder kreisförmige Löcher geschnitten. Ein quadratförmiges Loch 
bedeutet die dem Wanderzeichen zunächst liegende Stadt ; zwei drei 
solcher Löcher die zweit-, drittnächste Stadt. Die kreisförmigen Löcher 
zeigen Dörfer an. Liegt zwischen dem Platze, wo das Wanderzeichen 
sich befindet, und dem Dorfe, wo die Zusammenkunft staufinden soll, 
eine Stadt, so wird dies durch ein an bei reffender Stelle zwischen die 
kreisförmigen Löcher angebrachtes, quadratförmiges Loch angezeigt ; 
z. B. drei kreisförmige Löcher, dann ein quadratförmiges Loch und 
wieder zwei kreisförmige Löcher zeigen an, dass in dieser Richtung 
drei Dörfer, eine Stadt und dann noch zwei Dörfer, respective ein 
Dorf passiert werden muss, um an den Ort der beabsichtigten Zusam- 
menkunft zu gelangen. Das letzte Loch zeigt immer den Zusammen- 
kunftsort an. Sobald ein Dorf passiert worden ist, so wird in das Wan- 
derzeichen immer ein Loch weniger eingeschnitten. 

Ein Büschel Schweinehorsten an die Wanderzeichen gebunden, 
bedeutet r grosses Glück" (baro ba^t), das der Truppe bevorsteht (vgl. 
die deutsche Redensart: „Er hat ein Schweinsglück "); ein Büschel 
Hundehaare aber mahnen die Nachfolgenden, die Richtung ihrer Reise 
schleunigst abzuändern. Jede Sippe (gakkya) hat ausser ihrem Sippen- 
namen auch noch eine Nummer, erste, zweite, dritte usw. Sippe. Will 
nun z. B. die erste Sippe der dritten mitteilen, dass ihr Gefahr drohe 
und sie die Wanderroute abändern solle, so werden in die Hunde- 
haare drei krepierte Käter gewickelt. Kommt nun an das Wanderzeichen 
z. B. die vierte Sippe, so weiss dieselbe, das nicht ihr, sondern der 
dritten Gefahr drohe und lässt das Zeichen unberührt. Glasscherben 
neben den Wanderzeichen zeigen den Verlust eines Tieres an; sind 
dieselben winzig klein, so bedeutet das, dass das Tier krepiert, wenn 
sie aber gross sind, so zeigt dies an, dass das Tier gestohlen worden 
sei oder sich verirrt habe. Sind die Glasscherben rein, so ist das Tier 
ein Ross; sind sie aber mit Kuhmist beschmiert, so ist das betreffende 
Tier ein Schwein. 

Graphische Zeichen mit Kohle gemacht, bringen die Zigeuner nur 
an den Gebäuden derjenigen Ortschaften an, welche sie passieren. All- 
gemein gebräuchliche Zeichen sind: 1. ein Kreuz, bedeutet: dass hier 
nichts zu holen sei; 2. ein Doppelkreuz=Niderträchtixkeit (diungiben) 
d. h. unmenschliche Behandlung ; 3. ein Kreis— Geschenk ; 4. ein Dop- 
pelkreis=sehr gute Leute; 5. zwei Längstriche und zwei Querstriche^ 
hier wohnt der Richter oder eine Amtsperson; 6. zwei Kreuze und 
zwei Striche unter dieselben-=hier werden die Zigeuner eines Dieb- 
stahls beschuldigt; 7. mehrere vertikale Linien=hier haben wir gefun- 
den (kathe hadsiljami, d. h. hier haben wir etwas gestohlen ; 8. ein 
Dreieck— hier kann man durch Kartenaufschlagen usw. (ield verdienen ; 
9. ein Kreis und in der Kreisfläche ein Kreuz=machet hier (aus Ra- 
che) Schaden! (keren paguba!); 10. zwei schlangenförmige Linien=» 
die Frau mochte Kinder haben: 11. zwei vertikale Linien «vt 
einer schlangenförmigen verbunden = die Frau möchte keine Kin- 

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WANDKRZEICHEN DER ZIGEUNER, 



der mehr gebären; 12. zwei schlangenförmige Linien durch einen 
Kreis g» zogen«=hier starb eine alle Frau ; durch zwei Kreise gezogen 
«hier starb ein alter Mann; sind in den Kreisen Punkte angebracht, 
so heisst es: infolge Todesfall Zwist wegen Erbschaft; 13. eine schlan- 
genformige Linie, die ein Dreieck durchschneidet = Tod des Hausherrn ; 
14. zwei solcher Linien durch ein Dreieck Tod der Hausfrau ; 15. 
zwei Kreuze und dazwischen eine schlangen förmige Linie =» Treulosig- 
keit der Frau; t6. zwei schlangen form ige Linien und dazwischen ein 
Kreuz=Treulosigkeit des Gatten; 17. eine vertikale Linie darunter 
eine horizontale Linie und unter dieser ein Kreuz=Heiratsprojecte. 

Diese Zeichen werden an solchen Stellen der Hauswände, der 
Einfriedigung, der Tore nsw. angebracht, wo sie Uneingeweihten we- 
niger auffallen. Diese Zeichen bewirken z. B., dass die Aussagen ver- 
schiedener Zigeunerinnen beim Kartenaufschlagen in den meisten Fäl- 
len im Grossen und Ganzen übereinstimmen. 

Curort Jegenye (Siebenbürgen), August 189:. 



Kosmogonische Spuren in der magyarischen Volksüberliefe- 
rung. 

Von Ludwig Kdlnuiny. 
II. 

Vom Sündeniall. 

Der Sündenfall ist den Traditionen gemäss nichts anderes, als 
die Umwandlung der Geschöple in weniger vollkommene Wesen. Eine 
ungarische Sage erzählt: 

Der Teufel betrog den armen Menschen auf jede Art und Weise; 
darüber beklagte sich der arme Mensch. .Na, ich helP dir aus der 
Klemme! 0 meinte der Teufel, „beklag' dich nicht, armer Mensch; 
komm 1 , gehen wir stehlen!" Sie giengen in den Stall einer Herrschaft. 
Der arme Mensch getraute sich nicht zuzugreifen, damit das Schwein 
nicht schreie. „Fürchte dich nicht, ich halte ihm das Maul zu!- Es 
schrie auch kein einziges. Sie warfen die Schweine aus dem Stalle 
heraus, wobei der Teufel einem jeden Tiere den Schwanz nach rechts 
drehte. Der arme Mann konnte kaum ein einziges hinaus werfen, als 
der Teufel bereits alle hinaus geworfen hatte. Als schon alle draussen 
waren, sprach der Teufel: „Nun, armer Mann, hast du sie bezeich- 
net?" — „Ja!" — r Was für ein Zeichen hast du ihnen gegeben?" — 
„Ich habe ihren Schwanz nach rechts gedreht!* und dies hatte nicht 
er, sondern der Teufel getan. Sie begannen nun nachzusehen, und 
da war nur ein einziges, dem der Schwanz nicht nach rechts gedreht 
war. Der Teufel packte dies Schwein an, und warf es so gewaltig 
in die Theiss, das es zu Nichts ward. Seit der Zeit ist der Schwanz 
eines jeden Schweines nach rechts gedreht " (Majdän.) 

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LUDWIG KALMlNY 



Eine andere unserer Daten erzählt, dass früher die Rinder die 
Fliegen von ihrem Leibe nicht abzuschütteln brauchten, sondern die 
Mittagsruhe geniessen konnten ; der Hirte konnte auch rasten. Christus 
kam einmal herbei und bat den Hirten um Milch, doch dieser war 
zu faul aufzustehen. Weil der Hirte bösherzig war, müssen die Rin- 
der, obwol sie nichts verschuldet, die Fliegen von sich treiben. l ) Eine 
andere Sage berichtet: 

„Der heilige Erzengel Michael warf auf Befehl Gottes alle Bösen 
aus dem Himmel herab. Der Erzengel tat dies so lange, bis unser 
Herrgott nicht .Amen !' sagte. Als unser Herrgott das ,Amen !' aus- 
sprach, konnte keiner weiter fallen : der eine hängt an den Füssen in 
der Hohe, dem anderen ragt noch der halbe Kopf aus der Erde, in 
die er versunken. Darum soll der Mensch, wenn er strauchelt, nicht 
lästern, denn es kann eben ein solcher Teufelsscheitel sein, der ihn 
straucheln machte, und wenn er dann flucht, kann er am Fuss ein 
ernstes Übel bekommen " (Ö.-Szent-Ivän.) 

In den Altajer Schöpfungssagen besiegt Mandi-Sire den Ärlik und 
dessen Schar, von denen jeder da blieb, wohin er eben fiel. a ) In der 
Variante der Bukovinaer Ungarn gibt Gott dem heil. Elias den 
Auttrag 40 Tage und 40 Nächte hindurch zu donnern und zu blitzen, 
und 40 Tage und Nächte hindurch fiel der Regen, und alle Teufel 
„fielen herab u Als auch die Engel schon begannen herabzufallen, stellte 
(Jott Elias 1 Werk ein, und wo in dem Augenblick die Teufel sich 
eben befanden, in derselben Stel'ung blieben sie bis auf den heuti- 
gen Tag. Von daher kommt es, dass man nachts .Funken* sehen kann, 
die jetzt hie und da zur Erde herabfallen. (Sternschuppen). *) 

In anderen Sagen erscheinen die gefallenen Wesen* als sich 
„schüttelnd-rüttelnd". demzufolge auch die Luft „ erzittert : B 

p Nachdem auf Befehl Gottes alle stolzen Engel aus dem Himmel her- 
abgestürzt waren, sprach er sein „Amen!" Dann war einer oder der an- 
dere in der Luft, der andere wieder in der Erde, der dritte wieder auf der 
Erde. L T nd als unser Herrgott das „Amen!" sprach: blieb jeder dort, 
wo er war. Und aus diesen wurden die Gespenster. Dann, wenn sich 
die Luft wie die Espenblätter bewegt — dann spielen sie einmal frei 
im Jahre miteinander." (Szöreg). 

Ferner heisst es: .Als unser Herrgott noch auf Erden war, be- 
stürmten ihn die Engel gar sehr. Als Gott wieder in den Himmel stieg, 
so Hess er sie herabwerfen. Im Fallen hielt sich Lucifer am Monde 
fest, und seither kann man ihn dort sehen. (Temesköz-Lörinczfalva). — 
Die Osselen erblicken gleichfalls ein .höheres" Wesen, einen Dämon 
im Monde »i 

Beim Fall der höheren Wesen gedenken die Traditionen auch 
der „Feen", „die so lange sie mit sterblichen Menschen noch keinen 

»1 In des Verf. ungarischem Werke: „Szeged nepe" (Szeged's Volk) II. 140. 
>) Radioff a. a. 0. I 181. 

»j Wolf, Zeitschrift t. deutsche Mythologie I. 180 
*) Ausland 1884. S. 884. 

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KOSMOGONISCHEK SPUREN IN DER MAGYARISCHEN VOLKSCHERLIEFERUNG. 



Umgang gepflogen, in der Luft schweben." (Szeged-Kirälyhalom). Aehn- 
lich der Fall des ersten Menschenpaares in der Ueberlieferung der 
Neger. J ) Die ungarische Tradition erzählt: „Als Ad im und Eva 
noch im Paradiese waren, sprach die Schlange aus dem Waaser zur 
Eva: sie solle sich vom verbotenen Baum eine Frucht pflücken. Als 
sie beide schon gegessen hatten, Hess sie Gott durch Engel mit Schwer- 
tern hinaustreiben. Vordem hatten die Menschen Flügel und konnten 
fliegen ; nachdem sie aber gesündigt hatten, konnten sie nicht mehr 
fliegen." (Magyar-Kanizsa). a ) 

Ueber die Unersättlichkeit des ersten Menschen erzählt die un- 
garische Ueberlieferung: „Als Gott den Adam aus dem Paradiese ver- 
trieb, befahl er ihm, sein Brot sich im Schweisse seines Angesichtes 
zu verdienen. Er gab ihm eine Haue, damit er um sich herum einen 
Kreis haue, aus dem er nicht heraustreten dürfe; die Früchte, (die im 
Kreise gedeihen) werden ihm für ein Jahr genug Nahrung bieten. Sie 
hätten auch ausgereicht, denn damals wuchsen nicht solche Aehren 
wie jetzt, sondern der ganze Halm war eine Aehre. Da aber Adam 
unersättlich war, machte er sich einen langen Stiel in die Haue, da- 
mit er weiter reiche. Auch das sah ihm unser Herrgott nach; im 
nächsten Jahre aber wollte Adam noch mehr, und trat aus dem Kreise. 
Als er heraustrat und mit der Haue rodete, sprach Gott: „Nun also 
Adam, du begnügst dich nicht mit dem, was iqh dir gegeben habe; 
auch deine Nachkommenschaft soll ungenügsam sein!" Seit der Zeit 
gedeiht der Weizen nicht mehr so gut, wie er früher gediehen ; jetzt 
kann der Mensch die ganze Erde bebauen, kann sich plagen und ab- 
quälen wie ein Pferd, und doch hat er nie genug." (Szöreg.) — Nach 
einer Tradition aus Magyar-Kanizsa beredet der Teufel den Adam 
dazu, dass er um eine Furche mehr anbaue, als ihm Gott gestattet 
hatte, worauf nicht der ganze Halm Aehren gedieh, wie früher, son- 
dern nur bis zur Hälfte. Auch dann noch gab sich der Teufel keine 
Ruhe, und beredete den Menschen, dass er noch mehr sae, was zur 
Folge hatte, dass nur so kleine Aehren gediehen, wie sie eben auch 
heutigen Tages zu sehen sind. — Der Weizen kommt in den ungari- 
schen Traditionen häufig vor. „Auf dem Weizen — heisst es — sieht 
man nur seit der Zeit Christi Bild, seitdem er sein Antlitz in das 
Tuch der Veronika gewischt hat. Damals sagte er : damit ihr es ewig 
im Herzen behalten möget, so lasse ich es auch an euerem Brote 
(am Weizen) zurück; desshalb darf man auf das Brot nicht treten." 
(Szöreg). — Eine Tradition aus dem Borsoder Comitat erzählt, dass 
Gott sein Antlitz deshalb auf den Weizen abgedrückt habe, damit die 
Menschen desto leichter die ihnen verliehene Nahrung erkennen mö- 



') Ausland 1859. S. 1132. 

») S. Weil, Bibl. Legenden der Muselmänner S. 22—28. — Pallas, Samml. hi- 
storischer Nachrichten über die mongolischen Völkerschaften II. 27 ; Schanang Sche- 
uen, Geschichte der Ostmongolen (Ibers, von Schmidt 5—7; Radioff, das Schama- 
nentmn u. sein Kuhns 3. 

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LUDWIG KÄLMANT 



gen. Nach anderen Ueberlieferungen kann man am Weizen Maria'» 
Bild sehen, (s. Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn I. S. 173). 
Die deutschen Einwohner von Nagy-Szent-Miklös sehen am Weizen 
Maria mit dem Jesuskindlein auf ihrem linken Arm, und erklären sich 
dies so, dass als Christus auf Maria's Bitten auch dann noch für Hun- 
de und Katzen Weizen übrig liess, trotzdem er ein Weib den Weizen 
verschwenden sah, er zum Andenken daran sein Bildnis dem Weizen 
aufdrückte. Mit Bezug auf den Missbrauch, den eine Frau mit dem 
aus Weizenmehl gebackenen Kuchen (längos) trieb, heisst es: .Ab 
Christus auf Erden wandelte, waren reichliche Weizenernlen, da war 
aber eine Frau, die hatte ein kleines Kind, das weinte in der Wiege, 
als die Frau grade buk. Sie formte die Kuchen, schob sie (in den 
Ofen): einen schob sie hinein, den anderen zog sie heraus. Das Kind 
hörte nicht auf zu weinen; sie hob das Kind auf; das Kind hatte sich 
besudelt. Was soll sie in der Eile tun; sie wischt das Kind mit ei- 
nem Kuchen ab. Gott hatte den Weizen so geschaffen, dass er drei 
Finger breite Aehren hatte, und solche Triebe besass, wie .der Lein. 
Damals verfluchte Gott das Kind und die Frau, und liess nur eine 
(einfache) Aebre zurück; auch die erhaschte eben nur die Katze und 
hielt sie zurück. Da sprach Gott: „Mit dem sollt ihr euch begnügen, 
was die Katze zurückgerafTt hat." (Szöreg) In einer Variante aus 
Ö-Szent-Ivan heisst es, dass eine Frau mit Weizen, und nicht mit Ku- 
chen also getan habe worauf jeder Halm, der früher drei Aehren ge- 
tragen, ') nur eine Aehre trieb. In Szeged, in der Kirälyhalomer Ge- 
gend erzählt man, dass Gott „nach der Tat der Frau nichts vom Wei- 
zen zurücklassen wollte; darauf habe Set. Peter eine Handvoll Wei- 
zen für die Hunde und Katzen zurückbehalten; davon leben wir." 
Tn einer Variante aus Felegyhäza tut dies die heil. Maria. In Sagüj- 
falu glaubt man, dass „als Gott die Weizenähre nach aufwärts zog 
(streifte), Maria die Spitze derselben ergriffen habe, damit für die Hunde 
etwas übrig bleibe. *) Mit Bezug auf das Vergehen der Frau erzählt 
eine Sage der Voljaken: „In Urzeiten warf ein 3 Frau die schmutzigen 
Windeln des Kindes auf den früher tief herab hängenden Himmel, auf 
dem der Gott herumgieng Seitdem ist der Himmel unendlich hoch em- 
porgerückt und der Kornhalm, der früher von der Wurzel bis zur 
Spitze mit Aehren dicht besetzt war, treibt jetzt nur an der Spitze 
eine magere Aehre, und auch die nur nach schwerer Mühe." *) In 
einer Sage der Neger heisst es, dass ein Weib den tief herabhängen- 
den Himmel, von dem bis dahin Fische reichlich herabfielen, beleidigt 
habe, indem sie ihn hiess, sich höher hinauf zu heben. ') 

In ungarischen Traditionen ist die verbotene Frucht des Paradie- 
ses mit der biblischen Überlieferung übereinstimmend der Apfel, der 

•) Vgl. Weil a. a. 0 S. 26. 

') Vgl. Grimm, Kinder- and Haasmärchen: „Die Kornähre." 
•) Munkdcsi, Votjak nepkölt£szeti r-ajrvomanyok. (Votkspoetisehe Traditionen 
der Wotjaken.) S. 58. 

*) Petermann, Mitteil, aas Justus Perthes geogr. Anstalt Jahrg 1856. S. 465. 

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K0SM0G0NI8CHEN SPUREN IN DER MAGYARISCHEN VOLKSÜBERUEFEKUNG. 



in der ungarischen Volksdichtung Sinnbild der Liebe ist. Eva hat 
mit ihrem , namenlosen * (nevetlen) Finger den Apfel gepflückt; 
deshalb blieb der Finger „namenlos" (Szöreg). Adam verschlang gie- 
rig den Sirunk des Apfels, der ihm in der Kehle stecken blieb: seit 
der Zeit haben wir den .Adamsstrunk" an der Kehle (Enyhäzas-Ker). 
In Magyar-Kanizsa und Egyhäzas-Ker sagt man: »Als Adam und Eva 
im Paradiese waren, ward sie schwanger, worauf sie Gott aus dem 
Paradiese trieb." - In den Traditionen gibt es auch noch andere 
verbotene Früchte So erzählt eine Sage der Voljaken: „Inmar. der 
Hauptgott gebot dem ersten Menschenpaare, den KumySka nicht zu 
gemessen, weil denselben Keremet, der Diabolus besudelt habe. Aber 
als Inmar die Ureltern ins Paradies führte, stellte Keremet in einer 
zugedeckten Schüssel vergifteten KumVSka hin. Die erste Frau, von 
Neugierde getrieben, deckte dem Gebote Inmar's zuwider die zugedekte 
Schüssel auf. trank daraus und bot davon auch ihrem Gemahl an, 
wovon die Folge Tod und Sünde war. Keremet hatte nämlich auch 
den Tod in die Schüssel hinein getan. Gott trieb sie dann aus dem 
Paradiese. Inmar erschuf dann an einem anderen Orte — weil er den 
ersten Menschen auch das Vermehrungsvermögen genommen hatte — 
einige Menschen, und damit diese von Keremet verschont bleiben, gab 
er neben jedes Menschenpaar einen Hund als Wächter.* l ) Hiezu ver- 
gleiche man die ungarische Sage: „Als Frau Eva den Apfel gegessen 
hatte, kam Gott in den Garten und frug: wo sie sind? Adam und 
Eva wolten nicht hervortreten: „Herr, wir schämen uns!" Sie hülllen 
sich in Feigenblätter. Als sie auf Gottes Befehl hervortraten gab Gott 
unserer Mutter Eva eine Schüssel; in diese Schüssel war weil un- 
sere Mutter Eva die Frucht gekostet hatte damit sie dem Manne 
folgsam sei, — die Folgsamkeit hineingelegt. Dann gab ihnen Gott Sa- 
men, damit sie denselben aussäen. Und dann öffneten sie die Schüs- 
sel, in welcher das war, dass das Weib dem Manne folgen solle, denn 
wenn das Weib unter dem Manne gestanden wäre, so halte es vom 
Apfel nicht gegessen." (Temesköz-Lörinczfalva). — In Lörinczfalva, 
Magyar-Kanizsa (und vor ungefähr drei Decennien auch in Szegedj 
herrschte der Brauch, dass man an Hochzeilen und bei Gelegenheit des 
Schweineschlachtens dem angesehensten Gaste eine zugedeckte Schüs- 
sel, in der sich ein Sperling befindet, vorsetzte. 

Eine andere ungarische Ueberlieferung erzählt : »Gott trug dem 
Adam und der Eva auf, dass sie von jedem Obste essen dürften, nur 
eine Frucht sollten sie nicht anrühren. Da aber Mutter Eva wankel- 
mütig war, so konnte sie nicht umhin, danach zu greifen und Gottes 
Gebot zu übertreten. Als sie in den verbotenen Apfel biss, fiel ihr Got- 
tes Gebot ein. Sie errötete und sie schämten sich, sie hülllen sich in 
Feigenblätter ein und begannen herumzuirren, konnten sich aber nir- 
gends vor Gottes Zorn verbergen; sie verbargen sich unter den Fei- 



») Borna, A votjakok pogäny vallasär61 (Ueber die heidnische Religion der 
Wotjaken) s>. 6 

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LUDWIG KALMÄNY 



genbaum. Unter dem Feigenbaum war eine Schüssel, die war zuge- 
deckt. Mutter Eva konnte sich ihrer sträflichen Neugier auch jetzt nicht 
erwehren, denn die Schlange war da und zeigte ihr die Schüssel, da- 
mit sie dieselbe aufdecke, was sie denn auch tat. In dieser Schüssel 
befand sich der Weltspiegel, in welchem Eva das Los der zukünftigen 
Welt erblickte. Als dies Mutter Eva gesehen hatte, trat Qolt in das 
Paradies ein und trieb sie von dannen. Aber Mutter Eva hatte ihr 
zukünftiges Schicksal schon gesehen und wollte nicht gleich von dan- 
nen, sondern irrte herum. Dann sandte Gott einen Engel aus, der aus 
der unter dem Feigenbaum befindlichen Schüssel ein feuriges Schwert 
hervorzog, dann gieng auch Mutter Eva aus dem Paradiese." (Szöreg). l ) 
Das Paradies befindet sich nach ungarischem Volksglauben am 
Himmel. Es heisst: „Das Paradies befindet sich am Himmel und kann 
auch gesehen werden; die Sterne glänzen nach der Art, wie die Bäu- 
me des Paradieses sich hin und her neigen." (Szöreg). — Mit Bezug 
auf die Unfolgsamkeit des Weibes heisst es: „Eva wollte sich nicht 
fürchten, sie fürchtete sich auch nicht vor Adam Dieser gieng nun zu 
Gott und sagte ihm, dass Eva sich vor ihm nicht fürchten wolle. Sprach 
da Gott: „Geh' und wasche dich im Flusse Tigris!" Adam wusch sich, 
und es wuchs ihm ein Bart. Als ihn nun Eva erblickte, erschrak sie: 
wer das wol sei? Seit der Zeit fürchtet sich das Weib vordem Manne, 
aber nicht ein jedes; manches ist so wie ein Pferd, man kann es 
schlagen, stossen — es folgt dennoch nicht. Eva wollte dann, dass auch 
sie einen Bart bekomme ; sie gieng also auch zum Tigris um sich da- 
rin zu waschen. Aber da stach eine Fliege ihren Bauch. Eva schlug 
auf ihren Bauch, und dort wuchs ihr ein Bart." *) (Egyhäzas-Ker). 
Ferner heisst es: „Adam hatte bei der Schöpfung keinen Schnurbart ; 
an der Stelle des Schnurbartes stach ihn eine Fliege ; Adam schlug nach 
ihr, da wuchsen ihm sofort Haare unter der Nase " (Szöreg). — In 
der Ueberlieferung der Wotjaken sagt Inmar dem Menschen, dass er 
sterben werde, wenn er sich den Tieren unterwirft. Vor den grösseren 
Tieren hütete sich der Mensch, auf den Sperling aber gab er nichts, 
und diesem gelang es ihn zu zwicken. So kam der Tod und der Kampf 
ums Dasein in die Welt. a ) — Nach dem Sündenfall wandten sich die Tiere 
gegen Adam. So heisst es in den ungarischen Ueberlieferungen : „Die 
Katze ist ein schlaues Tier; am Tage brummte sie stets der anderen 
zu, dass sie in der Nacht ihren Herren oder ihre Frau verscharre. 
Doch Gott strafte die Katze, dass sie, wenn der Abend kommt, das 
vergisst, was sie am Tage gebrummt hat. Jetzt brummt sie nun der 
anderen vergebens etwas zu, denn sie vergisst es (Szöreg). — „Frü- 
her war die Biene besser als jetzt. Einmal sagte sie zu Christus, dass 
der sterben solle den sie sticht!" „Stirb auch du!" versetzte Christus. 

>) Vgl. Mütter, Geschichte der amerikantscbon Urreligioneo S t>24 
»j Vgl. Mayer, Allgem. Mvth. Lexikon 1. 31; 0. S. 19. 29. 
•) Munkdcjti Bernb., Votjak nepkölteweti hagvomanvok (Volkspoetische Tra- 
ditionen der Wotjaken) 52 

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K08MOQONI8CH EN SPÜREN IN DER MAGYAR I SCHEN VO L KSÜBERUEFERÜNO. 

Seit der Zeit stirbt auch die Biene. Auch die Schlange sagte, dass der 
sterben solle, den sie sticht. „Gut, den du stichst, soll sterben! Aber 
dich soll die Erde nicht in sich aufnehmen!" sprach Christus. Die 
Erde nimmt sie auch nicht auf, denn wenn die Zeit kommt, dass sie 
sterben soll, dann legt sie sich auf den Fahrweg, damit man sie zer- 
trete* (Csanad-Apacza). In Egyhazas-K6r erzählt man sich, dass : „die 
Schlanze früher, als sie noch im Paradiese war, nicht gestochen habe ; 
nur seither sticht sie." — Von den Strafen in Folge des Sündenfalls 
heisst es weiter in der ungarischen Ueber lieferung: „ Damals, als unser 
Vater Adam noch nicht gesündigt hatte, war sein ganzer Körper so 
wie jetzt unsere Fingernägel; da er aber sündigte, verschwand dies. 
Nur die Nägel blieben als Andenken daran zurück. 14 (Magyar-Kanizsa). 
Was die Bestrafung der Schlange anbelangt, so heisst es in ungari- 
scher Tradition: „Wer eine Schlange sieht und sie nicht todt schlägt, 
der sündigt, die heil. Maria wende! sich von ihm ab, denn die Schlange 
ist ein von Gott verfluchtes Geschöpf, seit dem der Teufel in (iestalt 
einer Schlange den Menschen betrogen hat." (Temesköz-Lörinczfalva). 
Ferner heisst es: „Als Gott den Adam in das Paradies führte, gebot 
er ihm: „Hier sei! Paradies wachse! Menschengeschlecht vermehre 
dich!" Dies kränkte den Teufel, weil er daraus keinen Nutzen hatte. 
In der Gestalt einer Schlange verführte er die Eva zur Sünde. Dann 
verfluchte Gott die Schlange. Vordem war die Schlange ein schönes 
Tier; Eva spielte mit ihr." (Egyhäzas Ker). ') Auch der Pfau wird in 
der ungar. Ueberlieferung bestraft: „Der Teufel hat ausser dem Pfau 
keinen anderen Vogel, denn dieser hat dem Teufel sein Fleisch ver- 
kauft und auch seine Füsse, damit er schöne Federn erhalte ; er hat 
nun auch kein Fleisch, nur Knochen und Haut Damit er nicht über- 
mütig werde, bekam er hässliche Füsse Der Pfau getraut sich nicht 
seine Füsse. anzublicken, denn wenn er seine Füsse msä'ie, würde er 
krepieren.* (Temesköz-Lörinczfalva) a ) Zur Bestrafung der Unzufriede- 
nen gehört die ungarische Sage: „Das Kind konnte gleich nach sei- 
ner Geburt gehen; wenn es fiel, erhob es sich und gieng weiter. Als 
eine Frau sah, dass ihr Kind fallen wollte, haschte sie nach ihm Da 
sprach Gott: „Wenn es so nicht gut war, wie ich es erschaffen, so 
trage du jetzt ein Jahre lang oder noch länger die Sorge für das 
Kind! - * Seilher muss man Sorge für das Kind tragen und dennoch 
fällt es, sobald es zu gehen beginnt 8 (Egyhazas-Ke>). *) Vom Kuckuck 
erzählt die ungar. Ueberlieferung: „Der Kuckuck erbat sich von Gott 
das allerschönste Gewand; er war mit dem seinigen nicht zufrieden. 
Da ward Gott zornig auf ihn, und setzte ihm den Teutelskamm auf. 
Seither bereut der Kuckuck stets seine Tat und ruft traurig, denn es 
lastet ein Fluch auf ihm." (Majdän). •) 

») Vgl. Weil a. a. 0. 8. 22, 28. 
0 Vgl. Weil a a. 0. S. 20. 

*) Vgl. MilUer SiebenbUrgische Sagen: „Strafe des Ungehorsams. " 
«) Vgl. Pallas a. a. 0. IL 32; Borna, a Mordvinok pogany istenei (Die heid- 
nischen Götter der Mordwinen) 36; Kalevala IV Runo 500; Weil a. a. 0. 30. 

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LUDWIG KÄLMÄNY 



Wir wollen noch einige, mehr oder weniger hieher gehörige un- 
garische Ueberlieferungen mitteilen 

„Als Christus auf Erden wandelte, ward er müde und rief das 
Pferd, damit es ihn über den Morast frage. „Warte, bis ich satt wer- 
de ! u sagte das Pferd. „Gut, iss denn auch dann, wenn du nicht 
willst !• sprach Christus den Fluch über das Pferd aus, während er 
den Esel, der auf seinen Rul selbst das schon zwischen seinen Zähne» 
befindliche Schilfrohr fahren liess, segnete, damit er auch auf einem 
Mistbaulen überwintern könne Aehnlich ergieng es auch dem Kuh- 
und Schafhirten. Früher rasteten die Rinder zur Mittagszeit, wahrend 
die Schafe von den Fliegen geplagt wurden. Christus änderte an der 
Sache. Denn als er einmal Milch vom Kuhhirten verlangte, wollte die- 
ser aus seiner Mittagsruhe nicht aufstehen, während der Schafhirt ihn 
bereitwillig bediente. ') In den Kreis der Belohnung und Strategehört 
auch die folgende ungar. Sage: .Christus gieng an den Schnittern 
vorbei und verlangle Wasser. Eine heiratsfähige Maid brachte ihm so- 
gleich frisches Wasser. Als er nun mit Petrus weiter gieng. trafen sie 
einen faulen Hirten an. der unter einem Birnbäume den Mund offen 
haltend lag und wartete, dass ihm die Birnen in den Mund fallen 
mögen. Set. Petnw wollte die Maid belohnen und den Burschen be- 
strafen, Christus aber verheiratete sie mit einander, damit der Faule 
neben der Fleissigen leben könne und nicht zu Grunde gehe. u *) 

Einer Verwandlung wird nach ungarischer L'eberlieferung auch 
das Pferd unterzogen u. zw. durch den Teufel. Es heisst: „Das Pferd 
hat der Teufel erschaffen; da es aber gar zu schnell lief, nahm er 
ihm einen Gelenksknochen heraus. Auch jetzt noch lief das Pferd zu 
schnell und nun band er ihm eine Fessel (fesseiförmige Muskel) an das 
Bein Seither läuft es nicht so schnell. Hätte- dies der Teufel nicht ge- 
tan, so wäre das Pferd rascher gelaufen, als der Teufel. u (Ö.-Szent-lvän). 
In einer Variante heisst es: «Als Gott das Pferd erschaffen hatte, lief 
es so schnell, dass ihm auf der weiten Welt an Geschwindigkeit kein 
Tier nahe kam. Dies grämte den Teufel und er schnitt ihm in alle 
vier Beine, damit es ihn im Laufen nicht übertreffe. Seit der Zeit 
kann das Pferd nicht so laufen, wie der Teufel" (Egyhäzas-Ke>). Hie- 
her gehört die folgende ungar. Variante: .Gott erschuf für den Adam 
ein Pferd. Adam hatte keine Not mit dem Pferde, aber als ihn Gott 
aus dem Paradiese trieb, ward das Pferd gar zu schnell fussig. Er 
klagte Gott, dass er mit dem Pferde nicht mehr umgehen könne. Da 
sagte ihm Gott, er solle dem Pferde in die Beine schneiden ; so wuchs 
demselben das Oberbein. Adam ward dann ein Ackersmann. * (Temes- 
köz-Lorinczfalva). a ) Hier spielt Adam die Rolle eines Demiurgen. Wo- 
raus nun das Pferd erschaffen ward, darüber erzählen uns auch die 
ungarischen Uberlieferungen: „Pferde hatte Gott nicht erschaffen; es 

') Szeged oepe (Szeged's Volk) II. 140. 
» Eben da II. 143. 

»> Vgl. Weil a ». 0. 8. 27. 40; Zeitschr. d. deutsch, morgenl. Geaellschaft 

XXX. 189. 

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K0SM0G0NISCIIEN SPÜREN IN OER MAGYARISCHEN VOLKSÜBERLIEFEKl NO. 



gab nur Esel, Pferde aber keine Die Teufel aber vermehrten sich so 
sehr, dass wohin immer Chrislus gieng, er Überall lauier Teufel sab. 
Die Teufel foppten nun Chrislus und er machte aus ihnen Pferde. 
Manche Plerde sind auch wie die Teufel. Damals war das Pferd gar 
schnelllaufend; es lief so schnell, dass man es kaum zum Stehen brin- 
gen konnte. Da schleuderte Christus ein Beil an das Pferd, das in 
dessen Bein eindrang. Seit der Zeit sieht man den Beilschnitt an den 
Beinen der Pferde. Das Pferd ergab sich hierauf und ist nicht mehr 
so schnelllaufend. B (Ö-Szent-Ivän). Vgl. hie/u die mongolische Sage 
über Sigemuni. ') Auf welche Weise aus Teufeln das Pferd erschaffen 
wurde, darüber berichtet die ungarische Tradition also: „Als Gott den 
Adam ins Paradies berief, erklärte er ihm, dass er darin leben könne, 
wie er wolle, nur das solle er einhalten, was er ihm befehle. Der 
Pflug ackerte von selbst, denn damals gab es noch keine Pferde. Der 
Teufel trat hinzu, damit er an sein Wort glaube und nicht an das 
Gottes; aber der Pflug ackerte weiter. Da glaubte ihm Adam und der 
Pflug blieb stehen. Da gieng Adam zu Gott und sprach: .Herr, meins 
Schöpfer, der Pflug ackert nicht weiter !' Hierauf versetzte Gott : , Wa- 
rum hast du dem Satan geglaubt? Wenn du dahin zurückgehst, so 
schleudere den, der neben dem Pfluge steht, an den Pflug!* Als Adam 
zurückkehrte, schleuderte er den Teufel so an den Pflug, dass er gleich 
in ein Pferd verwandelt wurde. Da sprach Gott: ,Spann' ihn ein, da- 
mit er den Pflug ziehe! »Seither zieht das Pferd den Pflug." (Egyhazas- 
Ke>). *) Eine andere ungar. Ueberlielerung erzählt : „ Als Gott den Men- 
schen pflügen lehrte, kam auch der Teufel hinzu und disputierte mit 
Gott, dass auch er zu pflügen verstünde. Der Teufel sagte, dass er 
noch vor Hahnruf den Berg aufackere Als er die Mitte des Berges 
pflügte, schrie der Hahn. Der Teufel liess sogar seine Bundschuhe zu- 
rück. Der Teufel hat gerippte Bundschuhe." (Szeged-Madar&sztö). In 
einer anderen ungar. Ueberlielerung wieder heisst es: „Als Gott dem 
Menschen das Pflügen gebot, gab er ihm einen solchen Pflug, der von 
selbst gieng; man benötigte kein Pferd dazu. Gott sagte dem Men- 
schen: er solle den Pflug nur gehen lassen, wohin er (von selbst) 
geht und ihn nicht anrühren. Der Teufel kam hinzu und sah. dass 
der Mensch pflügt; er sprach zu ihm: „Es geht nicht gut, es geht 
nicht grade! kehr' dich herzu! dann wird die Furche grade sein.' 
Der Mensch wendete den Pflug, berührte ihn ; der Pflug blieb stehen, 
er gieng nicht weiter. ,Nun!' sprach der Teufel, ,ich bringe dir schon 
vier Pferde, dass er gehen wird !' Der Teufel brachte auch solche vier 
Pferde, dass der Mensch mit ihnen nicht umgehen konnte: es waren 
Teufel und nicht Pferde. Gott kam nun zum Menschen und sah, dass 
er mit den Pferden nicht umgehen kann, und da schlitzte er alle vier 
Beine der Pferde auf, worauf diese alle langsamer gi engen. Damals 
wurden aus den Teufeln Pferde; man darf auch den Pferden nicht 



t, Sfqjer a I 0. I, 641. 
») Vgl. Weil a. ». 0. 40. 

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LUDWIG KALMÄNY 



recht trauen, denn sie sind aus Teufeln entstanden!" (Szeged-Gajgo- 
nya). In Egybazas-Ke> sagt man noch: «Den Teufel schleuderte der 
heil. Petrus an die Pflugschar; so wurde er ein Pferd." 

Zum Schluss noch eine ungarische Tradition zu diesem Thema: 
„Als Gott den Menschen erschaffen hatte, gab er ihm einen Pflug. 
Dieser Pflug ackerte von selbst. Gott sprach : „Aber schlag' ihn nicht 
in die Seite!" Kam hinzu der Teufel und zwang den Menschen, da ss 
er den Pflug in die Seite schlage. Aber Adam schlug ihn nicht. Nun 
kam Gott und frug : r Geht der Pflug gut?" Adam antwortet: „Nicht 
besonders gut! Kam her ein roter Mann und sagte, ich möge den 
Pflug in die Seite schlagen * „Nun gut. Adam, - sprach Gott, „ich 
gebe dir einen Zaun, mit. dem schlage dem roten Manne an den Kopf, 
in dieses Geschirr spanne ihn ein, lass ihn auf die Weide gehen; 
dann kannst du den Pflug schlagen!" Gott gieng weg und es kam der 
Teufel und sagte wieder, der arme Mensch möge den Pflug in die 
Seite schlagen. Adam schlug den Zaun dem Teufel an den Kopf, 
spannte ihn ein und schlug auf den Pflug. Seit der Zeit geht der 
Pflug nicht mehr von selbst. Der Teufel verwandelte sich in ein fuchs- 
rotes Pferd, Adam spannte es ein und seither zieht das Pferd den 
Pflug." (Szeged-Kirälyhalom). 



Türkisches Puppentheater. *) 

Karag öz-Schaokelspiel. 

Aufgezeichnet u. übersetzt von Dr. Ignaz Kunos. 

Hadsciwat (trägt hinter der Bühne folgenden Achtzeiler vor): 

Ist jede Schöne so voll Liebreiz und Schelmerei, 
Hat sie so schöngefärbte blaue Augen? 
Ist die Liebe der Schönen eben so heimlich? 
Schatz meines Lebens, komm und lass dich nur einmal umarmen. 
Wo weilst du, o Holde, wohin soll ich kommen, 
Was für Leute fragen, wie's dir geht und wic's mit dir steht > 
Einmal im Monat möcht' ich dein Antlitz schaun. 
Schatz meines Lebens, komm, lass dich doch umarmen. 

(Nach Beendigung dieses Achtzeilers betritt Hadseiwat die Bühne und 
hebt mit den Worten ,0 Du Geruhterl" das folgende Bühnen-Ghasel an 
eu singen: 

Ohne dass die Kerze meines Glückes brennte, 

Strahlt unser Vorhang im Licht; 

Für die, welche Aufmerksamkeit haben, 



*) Einleitung, türkischer Originaltext und Anmerkungen im nächsten Hefte. 

14* 



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TÜRKISCHES PUPPENTHEATER 



Ist unser Vorhang reich an Reiz : 

Den Vorhang zieh' vom Auge weg 

Und nimm Anteil an dieser Rede! 

Glaube nicht, der Vorhang sei von Leinwand, 

Vollkommenheit ist unser Vorhang. 

Der ich hinter dem Vorhang hervorkomme, 

Ilad&eiwat bin ich, der für Euch betet; 

Wenu dies Schwarzauge kommt, 

Macht es diesen unseren Vorbang erbeben. 

(Nach Beendigung des Ghasels redet er folgendermasseu zum Publikum :> 
Zuerst habe ich ein Schattenspiel arrangiert, habe ein Zelt aufgeschla- 
gen, eiue Kerze angezündet ; zeigen möchte ich ein Schattenbild ; der Scheich 
Küäteri, unser Altmeister hat es mit dem Bemerken gelehrt, dass Leute 
von Empfindung es verstehen sollten ; wer nun Empfindung hat, versteht es, 
den andern ist das Verständnis nicht möglich, Gegenwart der Anwesenden, 
Versammlung von Kennern: das ist hier eine Glttckszeit für Männer! Ver- 
flucht ist ein Heuchler, ein Betrüger ist der Satan. Für des Satans Gottlo- 
sigkeit, für des Allerbarmers Einheit, für Tage und Augenblicke und Glück 
Sr. Majestät unseres Grossherrn, des mächtigen, gnädigen, hochherzigen Kai- 
sers, der Zuflucht (Stütze) des Weltgeistes, insbesondere aber für das Wohl- 
sein der Freunde, die uns Bewunderung zollen ! Das heisst, davon will ich nicht 
sprechen, wenn froh ich, euer Diener, ich euer Fürbitter, ich der Staub, 
ich der Staubbedeckte, eine Kurzweil hatte, das für mich ein Freund wäre, 
dessen Hand und Gesicht gewaschen, dessen Worte wohlgeordnet, dessen 
Umgang angenehm wäre, und der so gut wäre, und zu dem viereckigen 
Zelte käme ! Versteht er Verse und Gedichte, versteht er arabische und 
türkische Ausdrücke, ist er auch mit der Musik etwas vertraut, höre ich, 
wenn er redet, und hört er, wenn ich rede, so möchte ich sagen, die an- 
wesenden Liebhaber sollen ihr Glück finden! Was war unsere Aufgabe! Un- 
ser Werk möge unser Herr richtigstellen! 

„Einen Freund mir her, einen lustigen Freund! 
Einen Freund mir her, einen lustigen Freund!" 

(So ruft er und sieht, dass von Karagöz kein Laut kommt. Darauf 
fährt er so fort :) 

Ach mein Karagöz, mein Schneeberg, mein Hyazinthengarten, mein 
kameradschaftlicher Freund, mein in der Fremde mir brüderlicher Karagöz ! 
Ob er wohl zu Hause ist oder in der Wildnis? Ich will doch hingehen, an 
seine Thüre klopfen und ihn einladen. 

Hadöeiwat (an des K. Türe pochend) : Karagöz, he, Karagöz ! 

Karagöz (sieht aus dem Fenster): Was gibt's, o Hadseiwat? 

H. Du bist geboren wie ein Mond zwischen zwei Wolken ; ein Giess- 
bach ist gekommen und hat die Traufe überströmt. 

K. Mache dich fort, du ersäufst. 

H. 0 weh, Bruder, wodurch? 

K. Durch den Giessbach. 

149 



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DR. IONÄZ KÜN08 



H. Komm, Karagöz, Karagöz! 

K. Hast du eioe schwarze Traube in der Hand? Machst du ein Lamm 
von Mali* *) zahm? 

H. Komm, mein holder Freund! 

K. Ich kann nicht kommen, mein alter Vater. 

U. Komm, meine Herzenswonne ! 

K. Ich kann nicht kommen, Markt-Kaldaune ! 

H. Komm, raein herumstreichender Wandrer! 

K. Pack dich fort; wenn ich herunterspringe, bei Gott, so zerquet- 
sche ich dir das Gehirn! 

H. Versteht Ihr Armenisch, Herr? 
K. Ja wohl. 

H. Egörnajym, egörnajym. **) 

K. Stell s Horten hin, ich nehra's dann hin und drück's auf deines 
Vaters Schnurbart. 

H. Könnt Ihr Griechisch, Herr? 
K. 0 ja. 

H. Elado, Elado! 

K. Hältst du so die Hand voll, so lege die Hälfte davon dorthin. 
H. Versteht Ihr Bulgarisch, Herr? 
K. Gewiss. 

H. l'edi suda, pedi suda! 

K Fällt die Kuh da ins Wasser, so pack sie am Schwänze und zieh' sie heraus ! 

H. Könnt Ihr Jüdisch, ') Herr ? 

K. Ja wohl. 

H. HYnaitf, wcnaki! 

K. Spende viel *), so kriegst du Schnapps. 
II. Könnt Ihr Italienisch, Herr? 
K. Ja wohl. 

H. Veni quä, veni quä ! 

K. „Fehlt Dir was", so flick das Loch 8 ), was geht's mich an? 
H. Versteht Ihr Zigeunerisch Herr? 
K. Ja wohl. 
H. Udtldn! 

K. Sorarolu ') (mit diesem Worte kommt er herunter). 
H. Was bedeutet das denn, Bruder \ 

K. Was schert dich's! sag (Irap.) „sos körös" *) und damit gut. 
H. Man kann auf das, was man nicht versteht, keine Antwort ge- 
ben; was bedeutet das und was für eine Nation bat diesen Gruss? 



*) eine Stalt unweit lirussa. 

**) dies wie alle folgenden fremden Ausdrücke bedeuten B K»»mm her!* 

') nähralich da« spanische Jüdisch. 

9 eig. -Her mit dem Geld, so kriegst Du Schnaps." 

») eig. „Gib .'s ein Loch, so flick' na !" 

*) zigeunerisch: r Hicr bin ich." Karagöz versteht Zigeunerisch, eine Bestä- 
tigung der Vermutung, dass er ursprünglich als Zigeuner gedacht wurde. 
f ) Zigeunerisch iso keres): „was machst du? 

15" 



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TCRKISCHES PUPPENTHEATER 



K. Die Zigeaner. 

H. Ich hab's nicht verstehen können, Herr. 
K. Die Zigeaner, sag' ich, mein Herr. 
H. Öengel l ) sagt nicht, Herr. 

K. Nein, nach FFan/-köi ist er gegangen. Warum sagst da das, • 
fierl? Die T Zigeuner", sag' ich. 

H. Ich kann's nicht verstehen, Herr. 

K. Wir machen Kohlenbecken und Feuerzangen. 

H. Seit Ihr das Kohlenbecken- und Feuerzangen- Volk ? 

K. Nein, das Fcuerschaufelvolk ; Leute von Aiwän-Serai, von „Aiinin- 
Äroi. - 

H. Die Quitte ist gelb geworden? *) 

K. Ha gleich wird der Apfel in deinem Gesicht rot werden; Zelt- 
insassen sind wir, Zeltinsassen. 
H Gelbes Leder, Herr? 

K. Nein, rotes Saffian; aus Sulu-Kule sind wir, aus Sulu-%uU. 
H. Sohle gibt's in der Kahle? 

K. Da gibt's für deinen Schädel einen Faustschlag, nimmst da den 
An? Zigeuner! (mit diesen Worten gibt er ihm eine Ohrfeige). 
H. Kann nicht verstehn, Herr. 

K. Zigeuner! (nachdem er dies laut gerufen, gibt er dem HadSeiwat 
-eine Backpfeife, der macht sich fort). Zu welcher mich berührenden Ange- 
legenheit ist das nötig, (zieht sich ins Haus zurück, klopft an das Tor)? 

Seine Frau. Wer da? iruft). 

K. Mach auf, Alte! ich bin gekommen. 

Frau: Wer bist du? 

K. Der Mann, der die Abende Licht und Brot bringt. 
Frau. Ein Krämer bist du? 

K Nein, ein Grünhändler bin ich Weshalb fragst du, mein Herrchen, 
dein Mann bin ich? 

Frau: Was für* ein Mann von mir bist da? 

K. Wieviel Männer hast du denn ? Der Haasherr bin ich, der Hausherr. 
Frau: Der Hausherr seid Ihr, Herr? 
K. Ei ja. 

Frau : Ach Herr, verzeiht, gestern abends habe ich dort mit dem 
Agha sogar noch eine Unterredung gehabt, wir haben die Miete nicht auf- 
bringen können; will's Gott, so bringen wir sie in 1, 2 Tagen zusammen 
und zahlen sie. 

K. Mensch, *) so ein Hausherr ist's nicht; ach, wie soll man der 
sich verständlich machen (mit Mühe macht er ihr's klar and lässt sie die 
Tür öffnen). 

Frau : Du bist es? 



•) an „Cingane" (Zigeuner) anklingend, die Bedeutung ist „Haken." Cengel- 
fcöi und Wani-köi Bind zwei Dörfer am asiatischen Bospornsufer, dieses Arnautköi, 
jenes Ortaköi gegenüber. 

f ) Dies, narnl. aiwa sarardy bat er statt aiwan S. verstanden. 

*) Ulan Bursch -- werden in dieser Weise auch Frauenangeredet 

151 



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4 

DR. IGNAZ KÜNOS 



K. Ja wohl, ich. 

Frau: Wieder bist da gekommen, indem da deine Hand so hin nnd 
her schlenkerst? *) 

K. Nein, ich habe, beide Hände in meine Tasche gesteckt und bin 
so gekommen. 

Frau : Was habe ich um dich aushalten müssen : Das Fleisch sehe 
ich O beim Metzger, das Obst beim Fruchthändler. 
K. Sei doch dankbar 1 

Frau: Dafür, dass ich Hungers sterbe, soll ich Dank sagen? 

K. Und wenn nun deine Augeu bliud wären, und du keins von bei- 
den sehen würdest P 

Frou: Marsch, geh wenigstens und hole ein bischen Reis, für die 
Kinder will ich etwas kochen, dass sie essen. 

K. Gib nur das Geld dafür her, ich will's schon holen 

Frau: Und hernach wenn ich das Geld hergegeben habe, wovon bist 
du denn der Geraahl? 

K. Gib das Geld, dann bist du mein Gemahl. 

Frau : Was habe ich von deiner Hand zu leiden gehabt ? (Über diese 
Worte gibt's mit Karagöz Zank und Lärm, sie wirft den K. hinaus, und 
der fängt draussen zu weinen an). 

HadSeiwat (kommt und sieht den K. weinen): 0 je, Bruder, warum 
hältst du dich um Mitternacht hier auf? 

K. Frage nicht, Had§eiwat, frage nicht, ich kam nach Hause, ereiferte 
mich gegen die Frau, prügelte sie gehörig und warf sie hinaus. 

H. Warum hältst du dich (denn) hier auf? 

K. Da misch dich nicht hinein, ich habe den Stock zu schmecken 
bekommen. 

H. Bruder, sage mir, was für eine Sache der Grund davon war. 

K. Ich kam heim, und da ich sagte: „Was habe ich von dir auszu- 
stehen ! u hat sie mich hinausgeworfen. 

H. Bruder, die Schuld liegt an uns, wir tun keine Arbeit noch Verrichtung. 

K. Was sollen wir tun, welche Arbeit und Verrichtung sollen wir 
besorgen ? 

H Ich besitze eine Schaukel : (Sallynd&ak) wenn ich die hieher (eig. 
an den Platz dieses Ortes) brächte, und wenn du ein ordentlicher Kerl bist, 
können wir etwas Geld verdienen. 

K. Kerl, was habe ich in Salad&ak a ) zu thun? werde ich in Sa- 
lad&ak Geld verdienen? 

H. Nein, mein Bruder, das ist nicht gemeint, sieh nur einmal (bi- 
kerre) her, du missverstehst (mich), eine Bairamtviege. 

K. Eine Bairameiege, •) was für eine ist das? 



>) Beschreibung der mechanischen GebKrd<*n des Karagöz. 
*) ohne Geld zum Einkauf zu haben. 
») ein Dorf nahe Ismid. 

*) eig. Bairam- Esel, in dem K eseji für beiyi verstanden haben will. Weil 
am Beiram auf dem Moscheehofe eine Schaukel aufgestellt wird, so nennt man diese 
auch Bairamwiege. 

162 



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TÜRKISCHES PUPPENTHEATER. 



H. Bruder, das nicht, eine Schaaken 

K. Bring sie her, wollen sehn, was das für ein Ding ist (Er bringt 
die Schaukel und stellt sie auf den Platz). Eine Bairamwiege ist das? Gut, 
Hadseiwat. sehr gut. 

H. Sieh, Bruder, ich werde nun Kunden kommen lassen; so viel 
Piaster du (dann) erhandelst; sind z. B 100 Piaster zusammengekommen, 
diese 1 00 Piaster teilen wir in 3 Teile, einen für dich, einen fttr mich, und 
einen für die Schaukel. 

E. Hadseiwat, hat die Schaukel auch eine Seele ? Ich — ja, du — ja, die 
Schaukel, von welcher Art ist die denn? 

H. Bruder, daran gibt's Reparaturen, daran gibt's Farbe, deswe- 
gen teilen wir in drei Teile. 

K. Je. meinetwegen. 

H. Vorwärts, jetzt steige auf die Schaukel, und ich will dich leh- 
ren, wie du die Kunden schaukeln wirst. 

K. (steigt auf die höchste Spitze der Schaukel) Vorwärts, Hadseiwat, 
schaukele. 

H. (sieht nach, und wird gewahr, dass Karagöz nicht in der Schau- 
kel sitzt, sondern bis auf die Höhe des Gerüstes gestiegen ist). Steige he- 
runter, du wirst die Schaukel zerbrechen. 

K. Kerl, hast du nicht gesagt, ich sollte hinaufsteigen, sieh, nach 
deinem Wort bin ich hinaufgeklettert. 

H. Nein, wenn ich sagte, du solltest hinaufsteigen, so meinte ich 
nicht hinauf, sondern dass du dich unten auf die Sckaukel setzen solltest. 

K. Stelle dich hinter, dass ich nicht falle, schaffe mich hinunter. (Er 
tritt auf Hadseiwats Schulter und hebt an denselben zu fragen). Hadseiwat, 
gehört diese Schaukel dir oder deinem Vater? 

H. Kerl, schnell steige ab, die Schulter thut mir weh. 

K. Nein die Schaukel ist schön, deshalb frage ich. 

H. (wirft bei diesen Worten den Karagöz von seiner Schulter auf die Erde). 

K. 0 weh! (zu Boden fallend). 

H. Schurke, ich habe dir gesagt, du sollst unten hingehn, ich wollte 
dich schaukeln; habe ich otwa gesagt, du solltest oben hinauf gehn? 

K. (legt sich der Länge nach unter die Schaukel). Schaukele Hadseiwat. 

H. (sieht, wie er unter der Schaukel liegt). Steh von da auf, 
Schurke (bei diesen Worten erhebt sich Karagöz und stosst gleichzeitig mit 
dem Kopfe an den Schaukelstuhl). 

K. 0 je (erhebt sich): Kerl, ich bin hinaufgestiegen und du hast ge- 
sagt, ich sollte nicht hinaufsteigen, dann habe ich mich darunter gelegt, und 
du hast meinen Kopf daranstossen lassen (damit gibt er dem Hadseiwat eine 
Ohrfeige). 

H. (lehrt ihn etwas sich schaukeln). Bleibe du hier, ich will . dir 
jetzt einen Kunden schicken (damit geht Had§. fort). 

K. Schicke du nur den Kunden; Geld Dir? l ) Geld? Nicht einmal 
einen Heller gebe ich. 



») ich soll dir Geld geben ? 
HerrratoD, Ethnologisch« Mittoilangra, II. 158 



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DR. 1GKAZ KUNOS 



11. (Kehrt wieder um). Was, Karagöz. Geld Dir? Geld? so etwas 
sagtest du; was war das? 

K. Ich sagte: Wenn wir hoffentlich Geld gewinnen und Frau Hahbe 
kommt zu uns zu Gast, so wollte ich einen Honigkuchen machen 

H. Hoffentlich Karagöz (geht ab). 

K. Geld? Dir? Gold? Einen Knüppel möchte ich dir nachwerfen, 
dass du das nehmen konutest und weggiengest. 

H (Kommt wieder). Wieder hast du da Worte gesprochen, was 
war das? 

K. Ich sagte : Wenn wir Geld verdienten und man aus dem Hause 
„Holz!" riefe, wollte ich Holz kaufen. 

H Jetzt kommen Kunden (sagt's und geht fort. Mit folgendem 
Liede tritt nun eiu Bej auf :) 

„Liebe ergriff mich zu dir, o du mit dem Knospenmunde 
Mit unauslöschlichen Flammen branntest du mir ins Herz die Wunde, 
Was sollte werden, hätt' ich dich nicht erschaut, zur Stunde ! 
Mit unlöschbaren Flammen branntest du ins Herz mir die Wunde." 

Bej. Ich grüsse Euch, Schaukelvater! Die Schaukel des Herrn Had&ei- 
wat soll hier sein ; ist dies eine Schaukel ? 

K Marsch, geh an deine Arbeit, wer ist HadSeiwat. wer ist Schau- 
kel? Die Schaukel ist mein; sieh mal was der da für Geschwätz macht. 

Bej. Was geht mich das an? Mag sie dir oder dem Had&eiwat gehö- 
ren! Esel von einem Menschen, was fährst du mich so an? 

K. Nein, mein Sohn, du bist auf einmal gekommen und hast gesagt, 
hier sei des Had$eiwat Schaukel. Aber woher sollte ein so blutarmer Tropf 
wie Hadseiwat eine Schaukel baben? 

Bej. Ich bin gekommen, um mich zu schaukeln, wieviel habe ich zu 
zahlen ? 

K Gib tOOO Piaster, mein Sohn 

Bej. Väterchen, will ich denn die Schaukel kaufen? 

K. Mein Sohn, ich habe die Schaukel für 600 Piaster machen lassen. 

Bej. 100 Piaster will ich geben, nun schaukele mich. 

K. Mein Sohn, für weniger als 6 Para schaukele ich nicht. 

Bej. Sind 100 Piaster mehr oder 6 Para? 

K. Hast du „100 Piaster" gesagt, so ist's damit Ende; 6 Para - 
sieh, wie viele Para das sind: 1 2 3 4 5 6, wie viel ist das? 

Bej. Du scheinst ein dummer Mensch zu sein. Ich gebe dir 100 
Piaster und (noch) 6 Para. dann schaffe imich) die Schaukel hinauf! 

K. Kannst du nicht von selber daraufsteigen? 

Bej 0 du Esel von Kerl du, spricht man so zu einem Kunden? 

K. Ich will (dich) hiuaufschaffen. 

Bej. Väterchen, drücke mir das Bein nicht! 

K. Da sagst du aber die Unwahrheit, nicht einmal meine Hand habe 
ich (darüber) gestrichen 

Bej. Vorwärts, Väterchen, schaukele, »ollen sehn! 

. i:>l 



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TÜRKISCHES PUPPENTHEATER 



K. (schaukelt 1, 2-mal) Du stösst deineu einen Schuh an meine 
Nase (sagt's und schaukelt nicht mehr). 

Bej. Ich will mich nur wenigstens seiher schaukeln (der Bej schau- 
kelt sich). 

K Es brennt (schreit). 

Bej. 0 je, Vaterchen, brennt eine Stelle an dir? 

K. Kein, mein Sohn, dir Schaukel macht eine Pause. 

Bej. Kimm die 100 Piaster da und die 6 Para! 

K. Sakyn? Hüte dich, mein Sohu wenn du dem Hadseiwat begegnest, 
so sage ihm nicht, dass du dich auf der Schaukel geschaukelt und Geld gege- 
ben hast. 

t i 

Bej Was schert das mich! [geht ab. Hadseiwat kommt von der ande- 
ren Seite her. Als Karag. den Hads kommen sieht, legt er sich nieder und 
schläft.] 

H. Nun sieh einmal den da, die Schaukel hat er rubn lassen und 
schläft. Karagöz, be Karagöz ! 

K. Hurr . . poff . . . (schnarcht). 
H. (weckt den Kar.) Was schläfst du? 

K. Was soll ich tun, kein Kunde ist gekommen, das wurde mir lang- 
weilig, nun schlafe ich. 

H. Ist nicht jetzt eben ein Bej zu dir gekommen und hat sich ge- 
schaukelt ? 

K. Kiemand ist gekommen, da bin ich vor Langweile eingeschlafen. 
H Hat er nicht sich geschaukelt und dir 100 Piaster und 6 Para 
gezahlt? 

K. Kiemand ist zu mir gekommen (fängt an zu weinen). 
H Ich werde den Kerl schon später drankriegen (Geht ab. — Mit einem 
Liede kommt eine Dame). 

Dame Guten Abend, Väterchen mit der Schaukel! 
K. Danke schön, meine junge Spielzeug-Verkäuferin! 
Dame. Weisst du, weshalb ich hiehcr gekommen bin? 
K. Weshalb bist du gekommen? 

Dame. Hier soll des Herrn Hadseiwat Schaukel sein ; ich bin gekom- 
men mich zu schaukeln 

K. Jetzt sei böse auf da* Mädchen wenn du kann-t. 

Dame Soeben ist mein Bruder gekommen, hat sich hirr geschaukelt 
uud 100 Piaster 6 P gegeben, ich will mich nun auch schaukeln. 

K. Eben habe ich ihn ermahnt, es nicht zu sagen, und nun hat er 
es doch jedermann gesagt 

Dame. Vorwärts, schaukle, aber allein kann ich mich nicht schaukeln ; 
marsch, mit dir will ich den Gurt, schlagen. l ) 

K. (steigt mit der Dame auf die Schaukel, schaukelt sich, kann sich 
aber nicht halten und fällt herunter). Au! 

Dame. Weshalb bist du gefallen? 

K. Mir wurde Obel, (eig. meine Galle erhob sich), da fiel ich. 



•) = uns vii-Ä-via darauf setzen und die B^iue umeinander s.ht.gen. 

155 11* 



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DR. 1GNAZ KÜNOS 



Dame. Wenn das so ist, will ich mich allein schaukeln, (tut es). 
K. Es brennt! (schreit). 

Dame. Eins Stelle an dir brennt? (steigt herunter). 

K. Nein, mein Töchterchen, die Schaukel hat eine Pause gemacht. 

Dame. Nimm das Geld da, ebenso viel als mein Bruder gegeben. 

K. Wenn du dem Hadseiwat begegnest, sage nichts 

Dame. Was schert mich das? (ab). 

K. (fängt an das Geld zu zählen, Hadgeiwat kommt, macht an einem 
Kopfende halt und sieht zu). 

H. Karagöz, was machst du (da)? 

K. iwird verdutzt und fängt an „Fünf Steine'' ') zu spielen). Fünf 
und fünf sind 2 X 5, 5 kam aus 5, der Mieter zog aus dem Hause. 

H. Karagöz, was hast du denn gemacht? 

K. Ich langweilte mich, da habe ich, „Fünf Steine" gespielt. 

H. Jetzt (eben) kam doch ein Bej und eine Dame, nicht wahr, alle 
beide? Gaben sie nicht 200 Piaster und 12 Para? 

K. Nein, mir nicht, sprichst du Verleumdungen aus ? Seit kurzem lang - 
weile ich mich, Geld habe ich nicht verdienen können (fängt an zu weinen) . 

H. Ich ertappe dich sofort! (geht in sein Haus, zu seiner Tochter). 
Mein Mädchen, gib mir da das Kleid deiner Grossmutter (sagt's und kommt 
dann verkleidet mit einem Liede zur Schaukel; zu Karagöz). Guten Tag, 
Schaukeldirector. 

K. Guten Tag, Hexe. 

H. Dass dir die Knochen knacken, woher soll ich eine Hexe sein? 
Ich bin hieher gekommen, um mich zu schaukeln. 

K. Geh du und mag dich der Totengräber schaukeln! 

H. A, was soll das heissen? Mein Sohn da und meine Tochter sind 
gekommen und haben sich hier geschaukelt, nun möchte ich mich auch 
schaukeln. 

K. Was geht das dich an? Hier kannst du dich nicht schaukeln. Auf 
dieser Schaukel wird nur für viel Geld geschaukelt, wie viel Geld kannst 
du zahlen? 

H. Das soll wol heissen, das hier ist immer im Betriebe. 

K. Freilich, es ist im Betriebe 

H. Ist nicht Hadäeiwat dein Teilhaber? 

K. Was kümmert das dich? 

H. Gehört ihm nicht von dem Gelde, das du verdienst, die Hälfte? 
K. Woher gehörte dies ihm? 

H. Was heisst das? ist er nicht dein Associä? Schändlich, das ist 
Unrecht. 

K. Als wäre er mein Associe, fragt er von mir die Rechnung 
H. Karagöz! (entschleiert sein Gesicht). 

K. Je Hadfieiwat, ich erkannte dich und habe es absichtlich so ge- 
macht, (sein Gesicht auf die andere Seite wendend). Man soll's glauben, ich 
kannte ihn nicht, (schämt sich vor sich selbst). 



») Tric-trac. 

156 



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TCRK18CHE8 PUPl'KNTHEATER 



H. Sieh, ich fasse den Kerl, Gaunerei treibe nicht! (ab) (Mit einem 
Liede tritt laut schreiend Deli Bekir auf) 

Bekir. Höre, Weinwirt, gib doch nur eins her! 

K. Je, der Mensch meinte, hier wäre eine Weinwirtschaft; hier ist 
eine Schaukel, Väterchen. 

Bekir. Wenn's nicht eins sein kann, dann gib zwei her! 

K. Wahrhaftig, der Kerl hat das hier für eine Weinschenke gehal- 
ten. Höre, hier ist die Bairamwiege, die Bairamwiege. 

Bekir. He, man soll mich schaukeln, aber sowol einschläfern als 
auch aufwecken, zum Weinen wie zum Lachen bringen! 

K. Du schaukelst dich ja von selbst, was willst du noch mit diesem 
Schaukeln machen? 

Bekir. Was habe ich denn alles zusammen genommen, 10 Mass 
Schnaps, 9 Mass Wein. 

K. Da hast du wenig getrunken, du hättest Onkel Dimitris Weinhaus 
in deine Tasche stecken sollen. 

Bekir. Lass (mich) auf die Schaukel steigen. (Kar. lässt ihn hinauf- 
steigen und fängt an zu schaukeln, Bekir schläft ein, es wird ihm übel und 
er steigt herunter). Halt, ich werde dir Geld geben (speit in die Schaukel). 

K. Jetzt verweigere dem HadSeiwat sein Recht! (ruft den Had§.). 

H. Karagöz, soll ich Gewicht und Wage (terazy) bringen? 

K. Nein, bring 2 Kimer Wasser und einen Schwamm! Sieh, HadS., 
ich dein Recht, in der Schaukel, da (hast du's). 

H. (sieht sogleich in die Schaukel). Pu (fährt zurück). 

K. Pfui! (fährt gleichfalls zurück). 

H. Den Hund lässt man zu dem schleppen, der ihn getötet hat (ab). 
Kar (reinigt das Innere der Schaukel ein bischen). 

Mit folgenden Liede kommt ein Jude: 

Durch das Tor von Balat kam ich herein ; 

Da sassen die spanischen Jüdinnen in zwei Reihen: 

Ist es lange hur, dass raein Liebchen hier vorbeikam? 

Am Tore von Balat hab' ich es gesehn. 
Blau ist seine Hose, weiss seine Unterhose, 
(iar schön ist mein Lieb, zierlich seine Art. 

Jude. Guten Abend, Schaukelvater „Kara-ujaz". *) 
Kar. Dein Hinterer soll leben, Schacherjude ! 

Jude. Vorwärts an deine Arbeit. Roton -Wasser, Lotterbubensohn und 
Lümmel; sieh nur die Fratze in Kartoffelform, ein Abtritt der Muselmän- 
ner! Vorwärts, ich bin schaukeln gekommen: für wieviel Piaster leckst du 
mir den 

Kar. Schacherer, mach nicht, dass ich anfange zu schimpfen! 

Jude Wenn du nun für so und so viel Geld mir den leckst, 

wirst du mich dann schaukeln? 

*) schwarzer rnn<liger. 

»57 



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DR IGNAZ Kt'XOS 



Kar Kerl, wie viel kannst du zahlen? 

Jude. Vorwärts, 2 Fünfer will ich geben, schaukele mich! 

Kar Geht nicht! 

Jude. Vorwärts, 4 Hunderter sollen's sein! 
Kar Geht nicht ! 

Jude Vorwärts, 8 Fünfziger möj;en\s sein! 
K. Geht nicht! 

Jude Vorwärts, 16 Fünfundzwanziger ! 

K. Vorwäits, her mit den Geld. Schacherjud! 

Jude. Da hast du 2 Fünfer! 

K. Kerl, das sind ja 10 Piaster. 

Jude. Fängt das Handeln immer wieder von neuem au? 
K Du wolltest doch 16 Fünfundzwanziger geben 
Jude. Sind das nicht genau 10 Piaster? 

K. (rechnet und sieht, dass es genau 10 P sind) Er hat mich be- 
schwatzt, es ist ein Jude (lässt ihn in die Schaukel steigen). 

Jude. Sieh dich mal an, Kara-ujaz: wenn ich sage „Schaukele", so 
tust du's nicht, und wenn ich sage „Schaukele nicht", so tust du'a. 

Kar. 0 du verdrehter Kerl du! 

Jude. Schaukle nicht! 

K. Ich schaukle ja nicht. 

Jude. Willst du nicht schaukeln? 

K. Nein! 

Jude. Schaukle! 

K. (fängt an zu schaukeln). 

Jude Schaukle nicht! (bei diesem Wort lässt er ihn von der Schau- 
kel fallen, und der Jude wird ohnmächtig. Als Karagöz das sieht, läuft er 
in sein Haus). 

H. (Kommt, sieht, dass der Jude gefallen und bewusstlos geworden 
ist, nimmt die Schaukel zusammen und geht (wieder fort). 

K. (sieht, dass der Jude da liegt, und legt sich selbst neben ihn. Der 
Jude kommt wieder zu sich, sieht den Karagöz neben sich liegeu, gibt ihm 
ein paar Packpfeifen und legt sich wieder hin). 

H. (Kommt und sieht den Karagöz da). Junge, Karagöz, du hast 
den da von der Schaukel und in Ohnmacht fallen lassen, wir wollen nun sei- 
nen Gesellen Nachricht geben, und die sollen ihn in sein Haus schaffen. 
(Sie melden es, die nehmen den Juden und bringen ihn nach Hause. Zn 
Karagöz): Was für Sachen hast du gemacht? 

K. Deine Mutter sollen die Christenpfaffeo und- Mönche ins Gerede 
bringen ! 

II Guten Erfolg ! Du hast die Bühne vernichtet und zerschlagen (?) ; 
ich will gehn und dem Besitzer Nachricht geben. 

K. Alle Redefehler, die wir gemacht haben, möge man verzeihen ! 
(macht die Grussgebärde und geht ab) 



1.M 



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RECHT UND UNRKCH. 

Recht und Unrecht. 

Ein magyariaches Märchen mit seiuen Varianten und Parallelen. 

Von Dr. L. Katona. 

II. Varianten und Parallelen: 

Magyarisch : 1. Kriza, Vadrözsdk 403 : Az Iga/säg es Hamissäg 
üiazäsa »Reise der Wahrheit und Falschheit). W. u. F. begegnen sich 
auf der Reise. F. fordert W. zur Kameradschalt und Teilung des Rei- 
sevorrales aul. W. willigt ein. Zuerst wird die Barschaft der W. auf- 
gezehrt. Als nun die Reihe an das Reisegeld der F. kommen sollte, 
fordert diese (eigentlich dieser, denn die personü. Vertreter der W. 
u. F. sind männlich gedacht) den Genossen auf. sich ein Auge aus- 
siechen zu lassen, um dafür etwas von der Wegzehrung einhandeln 
zu können. W. verlier! auf diese Art das zweile Auge, dann einen 
Arm nach dem andern. W. kommt nun also verslümmelt unter einen 
Galgen. Das Gespräch wird von Teufeln geführt. Der älteste rühmt 
sich, einen gelehrten Arzt getndtet zu haben, der eben die Erfindung 
gemacht hatte, wie die vom Teufel verkrüppelten und geblendeten ge- 
heilt werden könnten. Der jüngere erzählt, dass in dieser Nacht alle 
Lahmen und Blinden Heilung ihrer Gebrechen finden, wenn sie ihre 
kranken Glieder mit dem Taue netzen, der zur besagten Zeit fällt; 
der dritte gibt das Brunnengeheimnis kund Mit der Zeit kommt F. 
verarmt zur W. Jus talionis. F. will ebendaselbst Heilung suchen, wo 
W. sie gefunden, fährt aber dabei Übel, da die über ihr Belauschtwer- 
den erbosten Teufel ihn zerreissen Lehrhafter Schluss wie oben. Epi- 
sode der kranken Königstochter fehlt. Für den Stadthauptmann in der 
wasserlosen Stadt ist bei Kriza ein König eingeführt. W. bleibt reich be- 
lohnt in der Sladt, die er von ihrer Not befreit. Fundort : Hdromsztk. •) 

11 Hyelvör, XI II, 378: A ket testver (Die beiden Brüder.) Zwei 
Br., von denen der eine reich, der andere arm, gehn eine Wette über 
die Frag« ein, was vorteilhafter sei: gerecht, oder ungerechi zu han- 
deln? Als Schiedsrichter werden zuerst ein Gutsherr, dann das Ge- 
richt selbst angerufen. Beide entscheiden sich zu Gunsten des reichen 
Bruders, der den Armen seiner Ochsen beraubt und dann gehlendet 
unter einen Galgen führt. Zwei Raben verraten, wie die Blinden durch 
das Wasser, welches auf der Galgenwiese emporquillt, zu heilen sind. 
Der arme Blinde erlangt zuerst sein eignes Augenlicht zurück und 
heilt dann die Blinden der nächsten Stadt, wodurch er reich wird. 
Cr misst sein Geld mit einem Scheffel, den er von seinem reichen 
Bruder entliehn. Der ältere fragt nach der Herkunft seines Reichtums. 
Will es dem jüngeren nachmachen und wird beim Horchen unterm 
Galgen von den beiden Raben getödtet. — Die Erzählung ist sehr 
confus. Fundort: Domokos. 



•) Eine Var. aus Udvarhelysztt hat Kriza im n S»epirodalmi Figyelö' mit- 
geteilt. 

159 



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DR. L. KATONA 



HL Paul Gyulafs Bearbeitung: „Wahrheit und Lüge" (ins Deut- 
sche übersetzt von Ad. Dux). Die Geschwister Wahrheit und Lüge gien- 
gen auf die Wanderschaft. Ihre Mutter gab ihnen je 20 Brötchen. Un- 
terwegs beredet die Lüge die Wahrheit, gemeinsam zuerst deren Vor- 
rat aufzuzehren. Als der alle war, wollte die Wahrheit vom Vorrate 
der Lüge essen. Sie musste aber hiefür der Reihe nach ihre Ohren, 
Hände, Füsse und Augen hergeben. Und so wandern Beide in der 
Welt herum, indem die taube, blinde und verstümmelte Wahrheit von 
der Lüge geführt wird. 

IV. Goal Oyörgy. Magyar N6pmese-gyüjtemenye. . . 111.(1860.) 
S. 176 = No. 47 : A szerencseilenscg jöl esett. — Bereits in Gaal's 
Märchen der Magyaren (1822) erschienen. (S. 175.) Registriert von 
Reinh. Köhler und Cosquin (S. weiter unlen) Der letztere führt bei 
ders. Gelegenheit noch Erdilyi-Stier No. 10 an. Beide stehn mit Grimm 
No. 107 (ältere Ausg.) im nächsten Zusammenhange. 

V. Cosquin und Oesterley erwähnen a a. 0. noch eines hieher- 
gehörigen Märchens der Majldth'schen Sammlung (Brünn 1825, 2 
Aufl Stuttgart u. Tübingen 1837), welches in der „Semaine des fä- 
milles' 1 1866—67, p. 4. auch in frz. Übers, erschienen ist. 

Vi. Die dieser Zusammenstellung zugrunde gelegte Fassung. fi*hn\. 
MM. a. Ungarn 11. S. 38. 

Für die nicht-magyarischen Parallelen vgl. Reinhold Köhlens An- 
merkung zu Widter und Wolf No. 1 im Jahrbuch für roman. und engl. 
Lit. VII, 3 fT. und Cosquin, Contes pop. de Lorraine (Paris 1886) I, 87 ff. 

Von den europäischen Versionen sind besonders zu erwähnen: 
die bisher älteste Aufzeichnung des Märchens im cap. 28 des Libro de 
los Gatos (Katzenbuch), einer spanischen Fabelsammlung vom Anf. 
des XIV. Jh. (Vgl. Jahrb. f. rom. u. engl. Lit. VI, S. 18.) Nach Oes- 
terley (Germania 1864, S 126 u. 1871, S. 129) ist aber dieses span. 
Werk nur eine Übers, der im letzten Drittel des XII. Jh. verfasslen 
Narrationes des engl. Cistercienser-Mönches Odo de Ciringtonia — 
Dann die ebenfalls litterarische Variante in Paulis Schimpf und Ernst 
(1519) Kap. 464 (Vgl. die Ausg. von Oesterley in der Bibliothek des 
Litter. Vereines in Stuttgart. Kap. 489—90: Von falschheit vnd be- 
trügnis. S. auch die reichhaltigen Nachweise daselbst.) Von den obi- 
gen magyarischen Varianten steht die II. (Nyelvör XIII, 378) der Ver- 
sion Pauli's am nächsten. — Hier wäre noch anzuführen; Pelbartus 
de Themesvar (Pomerium sermon. de sanetis. 1. 2. Hagenow. 1662. 
fol ) pasc. 8, Y. (Angef. bei Oesterley, a. a. 0.) 

Von sonstigen Varianten sind zu erwähnen : 

1. deutsch bei Grimm No. 107 (dazu III. 188 und vgl. No. 97 
mit III, 176 u. 342); Proehle, Märchen f. die Jugend No. 1 (Halle 
1854); Ey. Harzmärchenbuch (Stade, 1862) 8. 183; Zingerle, Tiroler 
Kinder- u. Hausm. I. No. 20 (Innsbruck. 1852); Suterraeister, Kinder- 
u. Hausm. aus d. Schweiz (Aarau. 1869) No. 43 u. 47: aiebenbürgisch- 
sächsisch bei Haltrich, Volksmärchen, der goldne Vogel; bei Wolf, 
Deutsche Märchen u. Sagen (Leipzig 1845) No. 4. 

1G0 



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RECHT I NI) UNKECHT. 



2. dänisch in Molbech, Udvalgte Eventyr, No. 6. und Grundt- 
vig, Gamle danske Minder III. 118. 

3. norwegisch bei Asbjörnsen og Moe, Norske Folkeventyr No 
49 (= deutsche Ausg. von Bresemann in Berlin 1847, II. S. 166.) 

4. finnisch bei Eero Salmelainen (Erik Rudbeck), II. 172 — E. 
Beauvois, Contes pop. de la Norvege, de la Finlande et de la Bour- 
gogne (Paris 1862) p. 139 ; die ehstnische in »Wiron Satuja" (Ehst- 
land's Märchen) St. Michael 1849, 2. Ausg. S. 5. 

5. russisch bei Goldschmidt, Russ. Märchen (Leipzig 1883) S. 61. 
6 wendisch in Haupt u. Schmaleres Volkslieder der Wenden 

(Grimma, 1843) II. S. 181. 

7. böhmisch bei Gerle, Volksm. d. Böhmen, I. S. 347; Waldau, 
Böhm. Märchenbuch (Prag, 1860) S. 271. 

8. serbisch bei Wuk, Volksm. der Serben (Berlin, 1854) No. 16 
und bei Jagid, im Archiv f. slav. Phil, „aus dem slidl. Märchen- 
schatz* No. 55; kroatisch bei Fr. S. Krauss, Sagen u. Märchen 
d. Südslaven, I. No. 74o 

9. neugriechisch bei Hahn, Griech. u. alb. Märchen (Leipzig, 
1864) No 30 

10. rumänisch (aus Siebenbürgen) im „Ausland' 1857, S. 1028. 

1 1 . zigeunerisch aus der Bukowina, bei M iklosich, Üb. die Mund- 
arten und Wanderungen der Zigeuner Europa's, (in den Mitteil, der 
Wiener Akademie d. Wiss. XXIII, 1874» No 12. und aus den unga- 
rischen Karpaten, mitgeteilt von J. Kluch, bei Miklosich, Beiträge zur 
Kenntnis der Zigeunermundarten, IV. Wien 1878. S. 3 — 7. 

12. italienisch bei Widter und Wolf, Volksmärchen aus Vene- 
tien, im Jahrb f. roman. u. engl. Litteratur, VII No 1 (S. 3.) Dann 
aus Toscana, bei Nerucci, Sessania Novelle pop. Montalesi (Firenze 
1880), No. 23; aus Wälschlirol, bei Schneller. Märchen u. Sagen au* 
Wt. (Innsbruck 1867), No 9, 10 u. 11. 

13. französisch bei Cosquin a. a. 0. No. 7 (S. 84 ff. mit den 
oben erw. Anmerkungen.) Bei Luzel, Legendes chretiennes de la Basse- 
Bretogne (Paris, 1881) p. III. und in dess Veilles brelonnes (Morlaix, 
1879) p. 258 Ferner die baskischen bei Cerquand, Legendes et Re- 
cits pop. du pays basque (Pau, 1875—76) 1. S. 61 und bei Vinson, 
Le Folk-Iore du pays basque (Paris 1883) 8. 17 und .1. M. de (ioi- 
zueta, Leyendas vascongadas 3. ed. (Madrid 18)6) S. 9. 

14. katalanisch im Rondallayre von Maspon y Labros (Barcelo- 
na. 1875) I. S. 68. 

15. portugiesisch, bei Coelho, Contos pop. portuguezes (Lisboa, 
1879; No. 20. 

16. irländisch bei K. v. K.(illinger), Sagen u. Märchen (aus 
Irland) II. S. 2:4. 

17. albanesisch, Der Gerechte und der Ungerechte, deutsch von 
J. U. Jarnik in Zeitschrift für Volkskunde, II. B. 7. H S. 264 -265. 

Von aussereuropäischen Versionen sind bei Cosquin und Oester- 
ley (zu Pauli a. a. 0.) die folgenden verzeichnet: 

3ö 



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HKKTALAN MATIKKO JtN. 



Tausend und eine Nacht (Aus?, des Pantheon litterniie S. 717. 
- Ein kirgisisches M. bei RadlofT, Proben der Volksiii der türkischen 
Stämme Süd Sibiriens, Hl. S. 343. - Ein snrikoli M (aus den westl. 
Tälern des Pamir-Plateau's), im Journal ol the Asiatic Soc. of Ben- 
gal. vol. 45, part. I. No. 2. p 180 — Eine Version au« Ben t al im 
Indian Antiquary, 1874. p. 9. Zwei kamaoni*che (vom Fusse des 
Him.daya-Gebirges), bei Minaef. Indiiskia Skaski y Legendy (St. Peters- 
burg 1 877 1. No 42 u. 16 In Süd-Indien: Ind. Antiquary, octobre 
1884. p 285. — Vgl. auch Benfey's Pantschatanlra I S. 13 ff. — 
Ein KnhyUn-MHrchen bei Rivifere, Recup.il des contes pop. de la Ka- 
bylie de Djurdjura (Paris 1882t. S 35. 



Die Zipser Volkssage von Kasparek. l ) 

Von Berialan Matirko jun. 
(Vorgelesen in der Vortragssitznng vom 10. Mai 181)0.) 

Um die Auslagen des Feldzuges gegen die Venetianer zu decken, 
verpfändete König Sigismund 1412 die 13 Städte der Zips. sowie die 
Besitzungen Lublo und Podolin dem polnischen Könige Ladislaus. Lublo 
ward der Sitz der Starosten, welche über diese Städte eingesetzt wur- 
den Der Eintluss dieser 400 jährigen polnischen Oberhoheit ist heut- 
zutage in der Zips nur noch an Lublo bemerkbar, das die einzige 
polnische Stadt in Ungarn ist. Reich ist diese Gegend an Sagen, die alle 
ein mystisches Motiv haben, und von denen die „Kasparek-Snge" in 
vieltacher Beziehung für den Volksforscher von bedeutendem Inte- 
resse ist. 

Kasparek, so erzählt das Volk, war ein Bürger zu Lublo, der 
mit Wein nach Polen, nach Warschau handelte. Auf Flössen führte 
er auf dem Poprad- Flusse die weingefülllen Fässer nach Polen und 
brachte auf diesem Wege leere nach Hau-o Einmal kam er nach 
Warschau als sein Handelsfreund abwesend war; die Gattin dessel- 
ben übergab dem Kasparek die Kellersehlü«sel, damit er so vorgehe 
wie früher, d. h. die weingefülllen Fässer einlagere und die leeren 
mit sich nehme. Kasparek, den Keller durchforschend, fand ein Fäss- 
chen mit Gold gefüllt. Er nahm es mit seinen leeren Fässern unbe- 
merkt mit sich nach Lublo, wo er nun in Ruhe lebte. Der Warschauer 
Kaufmann bemerkte den Diebstahl, und erschien unverhofft in Lublo. 
Kasparek leugnete und schwor auf die heil. Dreifaltigkeit: Seinen Kör- 
per möge die Erde ausspeien, der Himmel seine Seele nicht aufneh- 
men so er falsch schwöre! Am dritten Tage starb er. Nachdem man 
ihn beerdigt begann er als Gespenst herumzuwandeln. Er halte weder 
in der Erde, noch im Himmel Ruhe. In der Nacht besuchte er die 



•) Siebe „Ethnograph!«" 1. Jahrg. S. 261 ff. 

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DIE Zll'SEK V0LKSSA0E VON KaSPEKK 



Schlafenden und sog ihr Blut. Auch seine Gattin besuchte er; bat 
und flehte, man solle sein Vergehen wieder gut inachen, denn er habe 
weder in der Erde, noch im Himmel Ruhe Mau öffnete also sein 
Grab. Sein Körper schien der eines Schlafenden zu sein; vom ausge- 
sogenen Men-chen bluie ward er von Tag zu Tag fetter, schöner. In 
seinen Händen fand man ausgeraufte Haare, an seinem Gewände Bluts- * 
tropfen. Seinen Leichnam trug man auf den Marl platz, sein Haupt 
schlug man mit einer Grabschaufel auf dem nördlichen Eckstein der 
Kirche ab. Der Kopf fiel vom Rumpfe, Blut strömte aus der Wunde. 
Aber Kasparek irieb sein Unwesen weifer; am helllichten Tage biss 
und würgie er die Reisenden, die Feldarbeiter usw. Wo man ihn er- 
wähnte, da erschien er blitzschnell. Die Reichen beraubte er, die Ar- 
men beschenkte er 

Der Stadtmagistrat beschloss, die Leiche ausgraben und verbren- 
nen zu lassen. Millen auf dem Marktplätze wurde die Leiche verbrannt. 
Die Leiche lachte inmitten der Flammen, quackle wie ein Frosch, 
hob bald das rechte, bald das linke Bein empor; Kasparek aber sah 
seiner eigenen Verbrennung vom nächstgelegenen Hausdache zu. Wo 
er von nun an erschien, dort fieng alles Verb ennbare Feuer ; sobald 
aber Menschen erschienen, um den Brand zu löschen, flogen weisse 
Tauben aus den Flammen empor und keine Spur de** Feuers war 
sichtbar. Bisweilen tauschte er nur das Volk, bisweilen aber wütete 
das Feuer in mehreren Stadlvierteln zu gleicher Zeit Ungarns und 
Polens Bischöfe kamen in Lublo zusammen, um das Unheil zu ban- 
nen, sprachen den Exorcismus über die böse Seele aus und verfluch- 
ten den Kasparek in die Säroser Burg, die ausserhalb der Zips liegt. 
In eiiiem Turm dieser Burg harrt Kasparek, an den Schweif eines 
weissen Bosses gebunden, seiner Erlösungsslunde Nach jedem Jahr- 
hundert reisst ein Rosshaar und wenn alle Haare des Rosschweifes 
zerrissen sind, dann erst kann K. vor Gottes Richterstuhl treten 

Dies der Inhalt der Sage, so wie sich dieselbe die Lubloer Ein- 
wohner erzählen. Kasparek lebte in der Tat und ist keine fingierte 
Gestalt. Er trieb nach seinem Tode sein Unwesen im Frühjahr 1718 
unter dem Starosten Theodor Lubomirsky (1702—1754). Der ungari- 
sche Historiker Mathias Bil hat diese Geschiebte auch verzeichnet 
(Hungariae antiq et novae Prodromus .... etc. . . auetor Math. Be- 
Hus Pannonius. Norinbergae 1723. Li b II. p 103). Samuel Weher 
schreibt in seinem Werke: „Zipser Geschichls- und Zeitbilder" (Leut- 
schau, 1880) S. 63 u. A. über Kasparek also: „Man grub hierauf den 
Leichnam aus, und Hess ihn verbrennen, weshalb die Stadt, die den 
Aberglauben zu nähren schien, bestraft trurd«." Dies ist ein Missver- 
ständnis des Originals, wo es heisst: „Cadavere, haud sine superstitio- 
nis crimine exusto, novo iterum incendio a nefando isthoc spectro op- 
pidum muletalum feit." Abgesehen von Bil, spricht schon der dama- 
lige Zeitgeist dagegen. Solche Verbrennungen gehörten ja zu den da- 
maligen Hexenprocessen und waren an der Tagesordnung. 

Im S mmer 1889 fand ich im städtischen Archiv zu Lublo 

163 



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UKKTALAN MATIKKO JÜN. 



einen Codex in Qart unter dem Titel 9 Liber Actorum*, auf dessen 
178—197. Seite ein städtischer Notarius, Franz Wilcinsky 1718 die 
Historie des Kasparek teils in polnischer, teils in lateinischer Sprache 
erzählt. Michael Kasparek starb — diesem Berichte gemäss — am 28 . 
Febr. 1718; erschien am 1. März dem Diener Hertely ; an 26 März 
erschienen schon viele Leute beim Verhör, die alle mit Eid bekräftig- 
ten, dass K. ihnen ein Leid zugefügt habe. Am 15. April abermaliges 
Verhör. Zawadsky sagt aus, dass er von K. auf dem Wege angefallen 
worden sei. Noch am selben Tage wird sein Grab geöffnet und sein 
Körper so befunden, wie ihn auch die Sage beschreibt. Hierauf wer- 
den zwei Bürger: Jakob Maczko und Jo 1 -. Joseffi an den Krakauer 
Bischof Mich. Szembeck mit einem Bittschreiben ') abgesendet, damit 
dieser dem Lubloer Pfarrer die Exhumierung der Leiche erlaube. Am 
26 April wurde die Leiche verbrannt, wobei dieselbe die Beine öfter 
in die Höhe hob und quackte. Das Herz wurde in einem hölzernen 
Gefässe den Brüdern K.'s übergeben. Von einer Köpfung der Leiche 
erwähnt dieser Bericht nichts. Aber K. erschien auch jetzt noch vie- 
len Leuten Nun folgt die Beschreibung der Feuerbrände, besonders 
der vom 6. und 25. Mai, 6. 8. 9. 12. und 14. Juni Die Brüder und 
die Witwe K.s werden beeidet und sagen aus, dass K. nie einen Zau- 
berring besessen habe und ihres Wissens keinen Teufelsspuck im Le- 
ben getrieben habe- Am 27. Juni nehmen 2 Pfarrer den Exorcismus 
vor. K. aber treibt seinen Spuck weiter. Nun wird auch das Herz des 
K. verbrannt. Nun erschien K nimmer wieder! — Dies der Inhalt 
des Codex. *) — Das Motiv dieser Sage, nämlich : der Sieg des Glau- 
bens über die Macht des Bösen, findet sich auch in einer anderen 
Sage der Lubloer vor, die der ungar. Dichter Michael Tompa unter 
dem Titel „Hegyeskö" (Spitzstein) genau nach der Volksüberlieferung 
bearbeitet hat. Der Ritter Lublo baut die Burg. Der Bau schreitet 
langsam vorwärts. Er schliesst daher einen Bund mit dem Bosen. Die 
Burg wird nun fertig, aber der Ritter hat keine Ruhe mehr und zieht 
sich in ein Kloster zurück. Der Teufel will ihn nun bestrafen und die 
Burg mit riesigen Felsenstücken zersiören. Da erklingt die Kloster- 
glocke und die Macht der Teufels ist gebrochen 

Die K.-snge hat auch Baron Nikolaus Jösika in seinen 1852. 
verfassten Roman „Räkoczy II a aufgenommen, aber von der Volks- 
tradition in manchen Punkten abweichend. 



') Der Originalbrief ist dem Codex angeheftet; der Text ist in der , Ethno- 
graph ia" I. Jahrg. S 266 mitgeteilt. 

') Im Archiv der Stadt Gneada, einer Nacbbaratadt von Lublo war auch ein 
deutsches Manuscript der Kaspareksage, das aber öfter ausgeliehen, verloren gegan- 
gen ist. 



ir,4 



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DIE KLEIDl'NOJ DKH ZIl'SKK SACHSEN 



Die Kleidung der Zipser Sachsen.') 

Von Samuel Weber. 
(Vorgelesen in der Vortragssitzug vom 10. Mai. 1890.) 

Die Volkstracht der Zipser Sachsen war in den frühesten Zeilen 
echt deutsch. Noch 1690 schrieb Andr. Siübel: „Die Weiber gehen 
auf! alt sächsisch gekleidet." ') Die Männer trugen früher dreieckige 
Hüte : noch 1830 sah solche Sydow*) in Kesmärk. Diese Hüte, ge- 
wöhnlich am Rande mit Leder eingefasst, vererbten sich von Vater auf 
Sohn ; ebenso die Hauben, aus Seide, Gold- oder Silber-Spitzen ver- 
fertigt, von Mutter auf Tochter. Die Mädchen trugen Kopfbinden, Kränze 
aus Blumen und Perlen, deren Bänder auf den Rücken herabhiengen. 
Solche Kopfbindon trägt man in einigen Dörfern auch heutigen Tages. 

In früheren Zeiten war der Männerrock sehr einfach. Aus Wolle 
verfertigten sich die Sachsen selbst das grobe weisse oder graue Tuch 
zum Alltagsgewand. Der lange, bis auf die Fersen reichende „Gehrock", 
der Sonntagsrock, war aus blauem Tuch verfertigt und bei reichen 
Leuten mit Silberknöpfen versehen. In der Hand trug der Mann einen 
Stock, mit einem Gold- oder Silberknopf. Bei dem grossen Leinanbau 
ist es selbstverständlich, dass die Weiber ihre Kleidung aus selbst 
verfertigter, blauer, geblümter Leinwand herstellten. Das Alltagsgewand 
unterschied sich nicht vom Sonntagsstaat. Als Schmuck wurden weisse 
Perlen oder rote Granatsträusse und Ringe getragen, die wie David 
Fröhlich 1644 in seiner „Cynosura* erwähnt, oft auch den Verstorbe- 
nen ins Grab mit gegeben wurden. Die Hauptrolle in der Weiber- 
kleidung spielte das Brustleibchen (Brustlatz), „Wisst" genannt, das 
aus Sammt oder Seide verfertigt, mit goldenen oder silbernen Spitzen 
und Schnallen versehen war. Dies „Wisst* vererbte sich auch auf 
Kindeskinder und es gibt kaum ein Testamenf aus alter Zeit in der 
Zips, worin unter den vererbten Sachen dies Kleidungsstück nicht er- 
wähnt wäre. Zum Festschmuck gehörte auch der Gürtel, den beide 
Geschlechter trugen. Er war eine Spanne breit und aus Samt oder 
Seide verfertigt, bisweilen aus Silber- oder Goldstoff und mit goldenen 
oder silbernen Schnallen versehen, bei ärmeren Leuten aus billigeren 
Stoffen gemacht. Auch dieser Gürtel wird als Erbstück in den .Markt- 
büchern" häufig erwähnt; heutzutage tragen ihn die Bursche bei Hoch- 
zeitsfeierlichkeiten. 

Ausser dem langen Rock trugen die Männer bis zur Hüfte rei- 
chende, mit Silberknöpfen und Schnüren versehene Westen. In früheren 
Zeiten trug man Kniehosen und Strümpfe, später Stiefelhosen, die auch 
verschnürt waren : daher das Sprichwort : „Hosen mit Tressen und 

») Siehe : „Etnographia" I. Jahrg. 8. 291 ff. 

') HuDgaria, oder vollständige Beschreibung des Königreichs Ungarn von 
Mart. Zeiler, ergänzt durch Andr. Stübel ... Frankfurt und Leipzig 1690. 

Albrecht von Sydow, Die Beskiden u. die Central-Karpathen. Berlin, Dumm- 

ler 1830 S. 348. 

165 



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BELA LÄZAK 



nichts zu fressen!" Noch 1*05 beleidigte mit diesem Sprichwort ein 
Bürger die Belaer Behörde und ward dieserwegen mit Gefängnis be- 
straft. Später wurden die Weiberkiltel auch aus feineren Sloffen ver- 
fertigt, mit Schnüren und goldenen und silbernen Schnallen verziert. 
Früher trugen Männer und Weiber mit Schnallen versehene Schuhe 
und Strümpfe, später Stiefel von verschiedener Farbe. Die Schürze, 
aus teueren Stoffen oder nur aus einfacher Leinwand verfertigt, ver- 
vollständigte den Anzug der Weiber. Ein eigentümliches, manlelartiges 
Kleidungsstück war die „Schauhe" oder „Kotsch», in der die Weiber 
ihre Säuglinge trugen. Der weite sächsische Mantel war auch das 
Erbstück des Zipsers So heisst es im Markt buch zu Szepes-Szombat 
(1587) in einer testament Tischen Aufnahme: „Eine braune Schau be 
mit lauter Fuchsaugen gefüttert ; eine grüne Schaube mit Fuc isklauen 
samt einer guten Schlangen (Schnalle) ; ein schwarz-grüner Keppenik 
(Mantel) mit rothen Gewand gefüttert; ein Mantel mit gelben Horten." 
— Pelze, mit Marder- oder Fuchsfell gefüttert, trugen Weiber und Män- 
ner; die Pelze der Weiber waren hinten reichgefaltell und aus den 
Falten hiengen (Joldquasten herab. Die hellen, schreienden Farben wa- 
ren stets beliebt: rot (Weste;, grün, blau (Kock und Hose); selbst 
bei Leichenbegängnissen vermied man die schwarze Farbe. So berich- 
tet schon 1644 Fröhlich in seiner „Cynosura" ; ja selbst die Todten 
begrub man in so gefärbten Kleidern und mit ihren Ringen, damit die 
verstorbene Ehehälfte der Hinterbliebenen bei einer etwaigen neuen 
Heirat keinen Anstand mache. 

Später griff der Luxus um sich, so dass die städtischen Behör- 
den gar oft dagegen auftraten. Bis 1848 erhielt sich noch diese alte 
Kleidung, dann wich sie der ungarischen Nationaltracht, später der 
allgemeinen Mode und kann heutigen Tages nur hie und da noch ver- 
einzelt gefunden werden. 



Ueber den „Garabonezias diäk." ') 

Von Bila J^tizär. 
(Vorgelesen in der Vortragssitzung von 10 Mai. 1800.) 

Die Volksphantasie beschreibt den sog. Garabonczid» (Hak also: 
Der (1 1). kommt mit Zähnen auf die Welt, absolvirt 13 Schu- 
len, zieht sich dann in eine Höhle zurück, wo er sammt 13 
— bisweilen 12 — Genossen vom Teufel Unterricht erhält. Dann 
setzen sie sich auts Glücksrad, bei dessen Drehen einer herab- 
fällt und 12 werden Garalonczids diäk. Als Zauberer in bau- 
schige Mäntel ge üllt. durchzieht er dann als Bettelsludent (lahrender 
Schüler) das Land. Wehe dem, der ihm kein Almosen gibt. Stürme 

»y S. „EtnographiV I. S 277. ff. 

m»; 



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ÜBER DEN r GARUONCZlAS DIÄK a 



und Hagel bringt er hervor, verrenkt die Beine der Kinder, melkt die 
Brunnensc wegel usw. Stürmt es^ so reitet er auf einem Drachen durch 
die Lüfte und liest aus einem Buche, dessen Schrift nur er versteht. 
Die Palovzen in Ungarn glauben, dass dieser Drache den Sturm auf 
Wunsch des G. I). erzeuge. 

Diese Gestalt gieng auch in die ungar. Litterai ur über. Schon 
der Bibelübersetzer liomjdthi gebraucht in .«-einer Uebersetzung der 
Briefe Pauli das Wort : garaboncziäs mit Bezug auf Zauberbücher 
und in Peter Melius' B rIiob M (S. 93) lesen wir schon 1565 etwas über 
den G. D — Mathias Bü (Nolitia Hung. vol. IV. p. 6*2 ITi erzählt 
ein Abenteuer des 1712 verstorbenen Gellyo, den die Bauern G. I). 
nannten. 1782 schreibt der Jesuit Joh. lllei ein Fastnachtsspiel „Peter 
Tornyos-, das auf der Sage vom G. D. hasin, Veniifax heisst im 
Stücke der G. I) , der alle Züge die-er Gestalt des un;? u\ Volksglau- 
bens in sich vereinigt. 1799 beschreibt der Dichter Mich, ('sokonai in 
seinem komischen Epos „Dorottya" (Dorothea) als Episode die Wirkung 
der Taten des G. D. IS07 erwähnt auch Atäon tizirmay in seiner 
„Hungaria in Parabolis* den G. D als eine Gestalt des ung. Volksglau- 
bens und 1834 schrieb Joh. Munkdcsy eine Posse : „Garaboncziäs 
diak M , die sich lange Zeit auf den Bühnen Ungarns hielt. 1864 be- 
schreibt Vas G ereben in seinem Werke „Dixi" den G. D. so, wie er 
eben im Volksglauben lebt, nur ist sein G. D zu sentimental gefärbt. 
Seither hat niemand in Ungarn den Stoff bearbeitet, nur noch Joh. 
Arany erwähnt an einer Stelle (I. Gesang) seines Epos: „Buda ha- 
lala- (Buda's Tod) den G. D. 

Dem Kern dieses Volksglaubens forschten schon mehrere nach. 
Arnold lpolyi führt in seiner „Magyar Mythologia" (Ungar Mythologie 
S. 454 (T) in das ungar. Heidentum zurück und sieht im G. D. den 
letzten Rest heidnischen Priesterlums. Die heidnischen Priester segne- 
ten die Saaten, sie waren Auguren, Propheten. Etymologisch erklärt 
lpolyi den Namen G. D. aus gara = ung. alt und boncz = ung. 
Seeierer (der den Cadaver aufschlitzt). Dieser Ansicht scliloss sich auch 
Jökai an (in der „Oesterreich.- Ungar. Monarchie in Wort u. Bild" I 
S. 330 der ung Ausg.) und in neuester Zeit auch Jul. lstednffy in 
der Zeilschrift „Turistäk Lanja - 1H90. 3. Heft (Touristen-Blälter.) Der 
vergleichenden Mythologie gegenüber ist diese Ansicht unhaltbar. Die 
G. D. waren einfach wandernde Studenten, die entweder auf ihrem 
Wege nach den Universitäten, oder von da auf ihrem Heimwege von 
Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadl sich durch das Land bei leiten und 
auf ihren Wanderfahrten, um zu einem Imbiss zu gelangen, durch ihre 
dem Volke unbekannten physikalischen Productionen usw. in den Ruf 
<ler Zauberkünstler gelangten. 

Nicht nur bei den Ungarn, Croaten, Rumänen, Slovaken, Polen, 
■und Deutschen, aber auch in der Schweiz und in der Bretagne linden 
wir den G. D. Jagit hat über den G D. der Croaten einen Aufsatz 
{Archiv f. slav. Phil. 11. 437) veröffentlicht. Bei den Südslaven werden 
pem G. D. dieselben Eigenschaften und Kenntnisse zugeschrieben, wie 

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DR. LADISLAUS R&TIIY 



bei den Ungarn, nur ist er hier Pfarramtscandidat. Bei den Rumänen 
ist der G. D. — Solomonari — sächsischer Abstammung und wie 
Oaster (Archiv f. slav. Phil. VII. 281-291) ihn uns beschreibt, so 
stimmt auch dieser rumänische G. D. mit dem der Ungarn und Croa- 
ten betreffs seiner äusseren Gestalt und seiner Eigenschaften überein. 
Auch der „schwarze Student" der Slovaken ist im Grossen und Gan- 
zen der G D. der Ungarn, lpolyi teilt a. a. 0. auch eine polnische 
Volkssage mit, die betreff des G. D nur den neuen Zug enthält, dass 
er seine Ausbildung im Lysei gora Gebirge erhält. Auch bei Henne 
(Volkssagen S. 147) finden wir in einer schweizerischen Sage unseren 
G. D. vor. De Riese (Histoire et traitg des Sciences occultes p. 356) 
teilt auch eine Volkssage aus der Bretagne mit, in der von einem 
zaubernden Studenten die Rede ist. Aus dem von Orimm (Altdeutsche 
Wälder II. S. 49) mitgeteiltem Gedicht, in welchem ein fahrender 
Schüler, namens Johann Nürnberg auftritt, aus dem Anfang des XIV. 
Jahrhunderts ersehen wir am deutlichsten, dass der ungarische G. D. 
der deutsche fahrende Schüler ist (Vgl. auch Freytag, Bilder aus der 
deutschen Vergangenheit II. S. 456). Solche Gestalten wie der G. D. 
finden wir also auch im Volksglauben anderer Völker vor. Dass im 
Mittelalter italienische Zaubermeister Ungarn oft und oft besuchten, 
ist eine bewiesene Tatsache. Ihre Kunst hiess Negromanzia oder, nach 
Valentini's Lexikon — Gramanzia. Hieraus leitet öabr. Szarvas (Nyelvör 
= Sprach wart VI. 99) die Benennung Garabonczids ab; und wohl 
richtig, während Jagfö dies für ein aus dem Slavischen entlehntes Wort 
erklärt. Was nun das Wort didk = Student anbelangt, so stammt dies 
vom lateinischen diakonus ab. Katholiken sandten im Mittelaltes zahl- 
reiche Jünglinge auf theologische Anstalten, während die protestanti- 
schen Magnaten ebenfalls viele Schüler auf ausländische Universitäten 
sandten. Aus diesen wurden dann die Geistlichen, die Diakone. Hieraus 
ist ersichtlich, dass der Garaboncziäs diäk des ungar. Volksglaubens 
ein „fahrender Schüler" gewesen ist, der durch Zauberkünste sein 
Leben fristete, bis er eben das Ziel seiner Wanderfahrt erreicht hatte. 



Colonien der Spanier in Ungarn. 1 ) 

Von Dr. Ladislaus Rithy. 

Nach der Vertreibung der Türken aus Ungarn waren die süd- 
lichen Landesteile beinahe ganz entvölkert, wo früher Ungarn gewohnt 
hatten und wo wahrscheinlich zu Böszörmeny ein reformiertes Bistum 
bestanden hat. Her, in diese Gegenden wurden Süddeutsche, Italiener, 
Elsässer und Spanier angesiedelt. Adolf Erkbvy bietet uns in seinem 
Werke : „A telepites" (Die Colonisation) einen grossen Ueberblick über 



•) Vgl. »Ethnographi»" I. Jahrg. 8. 300 ft 

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COLONIKN DER SPANIER IN UNGARN 



diese Bewegung, während L. Hecht (Nancy 1879) ausführlich über 
die Ansiedelung der Elsässer und Lothringer schreibt (Les colontes 
Lorrains et Alsaciens en Hongrie.) Ober die spanischen Niederlassun- 
gen berichtet Joh. Miletz: „Adatok a delmagyarorszägi spanyol tele- 
pek tört6net6hez u (Beiträge zur Geschichte der spanischen Niederlas- 
sungen in Südungarn) in der Zeitschrift : Delmagyarorszägi tört. es rög. 
erl. 1878. Miletz hat die auf die Verhältnisse der vom Generalen Mercy 
circa 1733 in Werschetz und Temesvär, besonders ab^r in Gross- 
Becskerek angesiedelten Spanier bezüglichen Daten sorgfältig gesam- 
melt. Diese Spanier wanderten aus Murcia, Arragonien, Byscaja ein 
und wohnten zum grössten Teil in Gross-Becskerek, so dass diese 
Stadt auch Neu-Barcellona genannt wurde. Einzelne spanische Namen 
waren: Donna Anna Novarra (aus Murcia) Josef Novarra's Witwe, 
Anna Maria Abbadia (aus Arragonien), Josef Calon, Don Alfons En- 
tero, Don Johann Kristof Garcia Donna Maria Serra y Laguna, Don 
Joannes Galcagin de Toledo, Fernandez, Alvarez Lopez, Donna Ger- 
trud Ximenez, Don Josephus a Castro et Gongora u. s. w. Ihre Pfarrer 
waren: Valdoriola Franz, VUlatersana Josef, Brihuega Alfons, Cuttie 
Salzedo Anton. Auf königlichen Befehl — wie dies Ludwig Nimethy 
Eslergomer Kaplan, der gründlichste Kenner der Geschicite Budapest'*, 
so freundlich war uns mitzuteilen, — wurden diese Spanier aus Südun- 
garn 1738 nach Budapest übersiedelt, wo laut den Matrikeln schon 
1717 spanische Colonisten waren. Am 14. April 1715 wurde in der 
Festungskirche in der Set. Stefans-Capelle der Pfarrer der Spanier Mi- 
chael Guadancara begraben. Sie hatten hier ihre eigene spanische 
Kirchengemeinde, deren Pfarrer (Capellani curati inelytae nationis His- 
panicae) eben Antonius Cuttie a Salcedo und Alfonsus de Brihuega 
waren. Was aus dieser spanischen Colonie geworden, wissen wir nicht. 
Solche Namen in Budapest, wie : Rodriguez, Las Torres, Valduaga, 
Villas, können die letzten Nachkommen dieser Colonisten sein. 



Die Klementiner in Slavonien. 

Von Prof. Fr, Ö. Kuhal 

(Fortsetzung u. Schlags). 

Das Stammland der Klementiner ist Albanien welches von Kastriolid 
1433—1457 gegen die Türken tapfer vertheidigt, schliesslich der 
Uebermaehl unterlag. Die grausamen Verfolgungen unter Sultan Mu- 
rat II. veranlassten viele der römisch-katholischen Albanesen den mu- 
hamedanischen Glauben anzunehmen ; diese fielen nun über ihre christ- 
lichen Brüder her, und überboten die Türken an Grausamkeit und 
Treulosigkeit. Da entschloss sich ein grosser Theil der christlichen Al- 
banesen, (die Türken nennen sie Arnauten, sie sich selbst aber Ski- 

HerrmMD, Ethnologische HilUiloogeo, II. 169 12 



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FH. Ö. KDHAC. 



patari oder Skipitari. *) sich ein neues Heim zu gründen. Im Jahre 1465 
sammelte K leinen t gegen zweitausend Krieger, und führie siesammt ihren 
Angehörigen aus dem Lande ihrer Väler. Nach vielen Hindernissen 
und Angriffen seitens der Türken und der albanesischen Renegaten 
gelangten sie in eine damals unbewohnte Gebirgslandschaft zwischen 
Albanien und Serbien, eine kleine Hochebene von ungefähr einer hal- 
ben Stunde im Umfange in der prokleitischen Bergkette, von allen 
Seiten von unzugänglichen Abgründen umgeben, mit einem einzigen 
sehr beschwerlichen aber leicht zu vertheidigenden Zugang. 

Zum Oberhaupte ihres kleinen Freistaates wählten sie ihren An- 
führer Klement, nannten ihre Völkerschaft „Klemenlinci" oder „Bru- 
derschaft des Klement tt , und richteten ihr Staatswesen nach patriarcha- 
lischer Art, nach Bruderschaften ein. Diese Bruderschaften der Alba- 
nesen dürften den Serben, Montenegrinern und Kroaten als Muster 
gedient haben, da solche bratovstine (Bruderschaften) nur bei den 
Süd-, nicht aber auch bei den West- oder Nordslaven anzutreffen sind. 

Hier lebten die Klementiner fünfzig Jahre frei und unabhängig, 
und schlugen jeden Angriff der Türken tapfer zurück. Allein als im 
Jphre 1526 nach der Mohäcser Schlacht ein Theil Ungarns, Slavo- 
ni* us und der ganze Balkan unter türkische Herrschaft gelangte, muss- 
ten sich die Klementiner wenn auch nicht ergeben, so doch bequemen, 
einen jährlichen Tribut von 4.000 Dukaten dem Sultan zu geben, wo- 
für ihnen von Seile der Türken Ruhe und Friede garantiert wurde. 

In diesem Verhältnisse lebten die Klementiner in ihrer kleinen 
Republik gegen zweihundert Jahre ganz unbehelligt, vermehrten sich 
ausserordentlich, und gelangten sogar zu einem gewissen Wohlstande. 
Der Friede, welcher während dieser Zeit zwischen Türken und Kle- 
mentinern herrschte, hatte zur Folge, dass das kleine Volk ganz in 
Vergessenheit geriet. Selbst die einheimischen Volksdichter erzählen 
aus dieser Periode gar nichts, was insofern begreiflich ist, da keine 
Heldenthaten, Raufereien, Verrätereien u. d. gl. stattfanden. Wo aber 
nichts geschieht, kann auch nichts erzählt werden. 

Erst in den Jahren 1737—1739 geschah der Klementiner wieder 
Erwähnung. Es war dies zur Zeit, als Kaiser Carl VI. im Bunde mit 
Russland gegen die Türkei Krieg führte, und Oesterreich die katholi- 
schen Albanesen, besonders aber den Stamm der Klementiner für einen 
Aufstand gegen die Türkei gewann. Die Albanesen hielten treu zu 
Oesterreich. Aber leider hat sich Oesterreich durch übertriebene Stren- 
ge und allzugrosse Härte des Obersten Strasser die Sympathien der 
Albanesen derart verwirkt, dass diese sich in den darauf folgenden 
Kämpfen ganz passiv verhielten. Dies ihr Schmollen wird viel beige- 

* Adelung sagt (Mithridates II. pag. 792), das Wort Hkipatar oder skipitar 
sei unbekannter Bedeutung, Anton und andere legen ihm die Bedeutung „Bergbe- 
wohner" bei, uJihrend die syrmischen Klementiner meinen: Skipet oder Skit bedeute 
einen Wanderer, Skipitari daher ein Wandervolk. Hauptmann Baki6 (ein geborener 
Nikincer) sagte mir jedoch, das in der alten albanischen Sprache „sci-pe(r)-tar" so 
viel bedeute, als ..ein Unsriger, Einer, der das Unsrige versteht." 



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DIE KLEMENTINER IN SLAVONIEN 



tragen haben, dass das österr. Heer, das auf Novi Bazar gieng, bei 
Nis eine fürchterliche Niederlage erlitt. Gleich nach der Schlacht trenn- 
ten sich die Albanesen von den Trümmern des österr. Heeres, und 
wanderten als Flüchtlinge mit Sack und Pack, Weib und Kind über 
Usica nach Serbien. Als sie am Fusse des Berges Alava lagerten, wur- 
den sie von den Türken überfallen und zum grössten Theile nieder- 
gemacht. Die Wenigen, welche diesem Blutbade entkamen, trachteten 
den Sammelplatz des österr. Heeres : §abac, zu erreichen, von wo ans 
sie die Save überschritten, und sich mit Erlaubnis Kaiser Carls in 
Syrmien niederliessen. 

Dies ist im Kurzen die Vorgeschichte unserer Klementiner, die 
ich teils den „Albanesischen Studien" von Dr. Joh. Georg von Hahn 
(Jena 1854), teils anderen Quellen und vielfachen mündlichen Mit- 
teilungen entnommen habe. Für die neuere Geschichte der syrmi- 
schen Klementiner lieferten mir, als ich im Jahre 1875 Hrlkovci und 
Nikinci besuchte, der damalige Hrtkovcer Gemeindevorstand Herr An- 
ton Kolie" und der Gemeindenotär Herr Markus Pepcic, beide geborene 
Klementiner, wie auch der k. u k. Hauptmann in Pension Herr Mar- 
kus Bakie, der gegenwärtig in Agram lebt, schätzenswerte Beiträge, 
iür die ich ihnen hier meinen Dank ausspreche. 

Als sich die Klementiner im Jahre 1737 oder 1738 in Slavonien 
niederliessen, wohnten sie lange Zeit hindurch in Wäldern, in zerstreu- 
ten Einzelngehöften, in Familien oder Bruderschaften geteilt. Doch 
bauten sie bald nach ihrer Ankunft zwei Kirchen, und gründeten im 
Jahre 1785 zwei Pfarren. Im Jahre 18<>5, als das Grenz-Grundgesetz 
ins Leben trat, wurden die Klementiner aufgefordert, ihre isolierten 
Gehöfte zu räumen und in geschlossenen Dörlern zu wohnen. Da sie 
sich dieser kaiserlichen Anordnung widersetzten, so wurden sie mit 
Waffengewalt, wobei nicht wenig Blut floss, gezwungen, Gehorsam zu 
leisten. Nun rotteten sie grosse Strecken Wälder aus, und legten um 
ihre Kirchen die zwei grossen Ortschaften Hrtkovci und Nikinci an. 

Im Plarrhofe zu Nikinci befindet sich jetzt noch « in hölzernes 
Kreuz, welches die Klementiner bei ihrem Auszuge aus der alten Hei- 
mat vorantrugen, und unter dessen Schutz sie nach Slavonien ge- 
langten. Früher befand sich das Kreuz, das die Klementiner als ein 
Heiligtum verehren, in der Kirche zu Nikinci, da aber die Hrtkovcer 
Insassen drohten, das Kreuz mit Gewalt zu nehmen, so musste das- 
selbe der Sicherheit wegen, in das Wohnzimmer des Nikincer Pfar- 
rers gebracht werden. 

Kaum einige Jahre später, als sich die Klementiner in Slavonien 
festsetzten, erhielten sie neuen Zuwachs^ aus Italien, wohin sich viele 
albanesische Familien nach dem Falle Skender beg's geflüchtet hat- 
ten, und wo sie wie nomadisierende Zigeuner lebten. Diese italieni- 
schen Albanesen führte ihr Erzbischof Summa nach Slavonien unter 
dem Schutze eines Marienbildes, das sich heute noch in der Hrtkovcer 
Kirche befindet, und welches Bischof Strossmayer vor etwa zwanzig 
Jahren renovieren Hess. Kaiser Carl VI. wies dem albanesischen Erz- 

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FR Ö KUHiC- 



bischof die innere Stadt Eszek (Festung) als Silz an, und gab ihm 
einen Jahresgehalt von zweitausend Gulden. Summa starb zu Eszek 
am 20. November 1777, und wurde dort im Sanctuarium der Fran- 
ziskaner-Kirche beigesetzt. 

Mit den Brüdern der alten Heimat stehen die syrmischen Kle- 
mentiner in gar keiner Verbindung. Das was sie von dem weiteren 
Schicksale ihrer alten Stammesgenossen wissen, teilte ihnen ein vor- 
nehmer Albanese mit, der die beiden Ortschatten Hrikovci und Nikinci 
im Jahre 1840 besuchte. Die Klemenliner in Albanien gedenken über- 
haupt stets der syrmischen Colonien, während sich diese um das alte 
Vaterland nicht im mindesten kümmern, wie dies bei Auswanderern 
gewöhnlich der Fall ist. So kam in dem stürmischen Jahr 1849 ein 
Abgesandter Albaniens zu unseren Klementinern, um nachzusehen, ob 
diese irgend welchen Heistand von Seite Albaniens benötigen; im 
Jahre 1865 kam wieder ein albanesischer Mönch aas Constantinopel, 
der sie aufmunterte ihrer Sprache und ihrer Keligion treu zu bleiben, 
und ihnen zu diesem /wecke ein gedrucktes Psallir, ein Evangelium 
und ein Gebetbuch in albanischer Sprache brachte. 

Die Sprache der Klementiner ist der albanesische Gegedialekt, 
der in Nordalbanien gesprochen wird, und sich von dem toskischen, 
der in Mittelalbanien zu Hause und voll Gräcismen ist, dadurch un- 
terscheidet, dass er trotz vieler slavischen und türkischen Wörter älter 
und urwüchsiger ist. 

Das Vater Unser und der Englische Gruss lautet in der Sprache 
der syrmischen Klementiner nach Aufzeichnung des Herrn Marko 
Pepcie' folgendermassen : 

Ati ün ci je n cijel, sejinfia kjost, emnit tat, a rodjenija jote. botst 
volundedeja jote, si kur sen cijel, a stu egsen ze. Bnken ton per dicmen 
nepol v mazi zot nep ena dije, si kursem diem na fajtorsit tan, mosna 
Ije o zot me ra ne kec po Ijargona pre casitkecit. Amen: Astu kjost. 

Valjemi Mri ilji pljota, zoti uhn me tüh bekua je pigji; (pigjirslr) 

grah, e bekua fürte barkut tit Jesus: sentnuame Mri, oma e tim 
zot, ljutu perne patnuamit tasen fil mors san Amen : Astu kjost. 

Diese Sprache sprechen die syrmischen Klementiner heute noch 
unter sich, doch kann jeder iMann auch kroatisch. Anfangs gieng es 
ihnen mit der richtigen Betonung der kroatischen Wörter schlecht, 
und sie accen'uierlen jedes zwei- oder mehrsilbige Wort derart, dass 
sie die erste Silbe über die Massen dehnten z. B. nisam blo tämo; 
moja je mäti zdräva Heute sprechen sie jedoch so correct, dass man 
der Aussprache nach den Klementiner vom Kroaten nicht unterschei- 
den kann. Die Klementiner bedienen sich des lateinischen Alphabetes, 
dem sie noch drei eigene Schriftzeichen beirügen: £, H und £. Der 
Laut des ersten Zeichens wird wie das kroatische z oder dass deut- 
sche s in „Rose" ausgesprochen («ot = zot, der Herr; ifane «= izane, 
der Sklave), der zweite wie das deutsche ü (s88 = süü, das Auge) 
und der dritte wie ein lispelndes aber etwas schnarrendes r (£re = 
rlsree, die Erde ; her£e = herrslre, das Nest). 

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DIE KLEMENTINER IN 8LAV0NIEN. 



Jene Albanesen (in Albanien), welche den toskischen Dialekt 
sprechen, und grösstenteils der griechisch-orthodoxen Kirche angehö- 
ren, bedienen sich des griechischen Alphabetes. 

Bis zum Jahre 1785 erhielten die syrmischen Klementiner ihre 
Priester aus Rom von der „Propoganda fide", da kein Priester der 
Diakovarer Diocese (zu der die beiden Ortschaften Hrtkovci und Ni- 
kinci gehören) albanesisch zu sprechen verstand. Um diesem abzuhel- 
fen verordnete Kaiser Joseph II. im Jahre 177.1, dass je zwei kle- 
mentinische Jünglinge, welche sich dem geistlichen Stande widmen 
wollen, und vom Haus aus die Sprache der Klementiner kennen, aut 
Staatskosten erzogen werden mögen. Infolge dessen erhielten unseie 
Klementiner bereits im Jahre 1786 zwei Pfarrer aus ihrem Stamme, 
und hatten solche bis zum Jahre 1855 Die letzten zwei Pfarrer, wel- 
che Klementiner von Geburt waren, und dem Volke in dessen Sprache 
predigen konnten, hiessen Paul Gjolic und Peter Malja. *) 

Als im Jahre 1822 die früher erwähnte Verordnung Kaiser Jo- 
sephs ausser Kraft gesetzt wurde, die Klementiner aber ihre Söhne 
auf eigene Kosten nicht studieren lassen wollten gab es auch keinen 
geistlichen Nachwuchs mehr, und so mussten sie schliesslich solche 
Pfarrer annehmen, die der albanesischen Sprache gänzlich unkundig 
waren. **) Immerhin wird auch jetzt noch in ihren Kirchen, wenn auch 
nicht in ihrer Sprache gepredigt, so doch albanesisch das Gebet ver- 
richtet. 

Erwähnenswert ist, dass die Kleinem iner, als sie sich in Slavo- 
nien niederliessen, keine eigentlichen Zunamen hatten, sondern ihrem 
Taufiiamen die Taufnamen des Allvaters, Urgrossvatcrs, Grossvalcrs 
und Vaters beifügten. Hiess z. B einer Mras (d. i. Markus), so nannte 
er sich: Mras Gjot-Gig Nik-Prek. d. h. Markus vom Johann, Georg, 
Nikolaus der Sohn Peters In den dreissiger Jahren, als in der Mili- 
tärgrenze Conscriplionslisten angelegt wurden, mussten sich auch die 
Klementiner eines Zunamens bedienen. Diesem Befehle nachkommend 
wählten sie den Taufnamen des Vaters oder Grossvaters, und fügten 
demselben nach kroatischer Art die Silbe *ic u bei, z. B. Gjolic (von 
Gjot), Kolic (v. Kolja), Bakic (v. Bakai), Malie" (v. Malja) u. s. w. 

Das Klima des gesegneten Flachlandes an der Save wirkte auf 
die Klementiner, die an trockene Bergluft gewohnt waren, sehr un- 
günstig; deshalb verminderte sich auch ihre Zahl von Jahr zu Jahr. 
Nach der Volkszählung vom Jahre 1870 gab es in Hrtkovci nur mehr 
9o* männliche und 94 weibliche, in Nikinci aber 94 männliche, und 
103 weibliche Klementiner, im Ganzen also 387 Seelen. Manche glau- 



*) Malja, Dr. der Theologie und Dechant, hatte eine wertvolle Bibliothek 
mit vielen albanesischen Schriften, welche nach seinem Tode jedoch verschwand. 
Möglich, dass sich ein Teil dieser Bücher in der Diakovarer bisehöfl. Bibliothek 
befindet. 

*♦» Vom ethnographischen Standpunkt ist es gewiss recht schade, dass diese 
so überaus interessante - pracheninsel auf diese Weise der baldigen gänzlichen 
Überflutung ausgesetzt i*t. Red. 

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FB. Ö. KUHAC- 



ben zwar, dass die Kleraentiuer durch die in den Jahren 1809—1812 
eingewanderten Kroaten aus der ehemaligen Karlstädter Grenze, durch 
die im Jahre 1839 eingewanderten Schwaben, und durch die in 
den Jahren 1865—1870 eingewanderten Magyaren verdrängt wur- 
den ; aber dem ist nicht so, da sich der Klementiner aus seinem syr- 
mischen Stammsitz durchaus nicht verdrängen lässt; sondern sie wur- 
den, wie gesagt, durch Epidemien, zumeist aber durch das Fieber, 
welches in diesen Gegenden herrscht, hinweg gerafft. Indess forderte 
auch das Jahr 1848 viele Opfer; damals war .nämlich die Aufregung 
unter den Klementinern so gross, dass sie mit den dortigen Schwaben 
und Serben im buchstäblichen Sinne des Wortes Krieg führten, wo- 
bei viele, sowol von den ersteren als von den letzteren ums Leben 
kamen. Denn es muss gesagt werden, dass die Klementiner mit den 
Kroaten, so wie auch mit den später eingewanderten Magyaren stets 
sympathisierten, die Schwaben aber ihrer Habsucht, und die Serben ih- 
res spöttischen Wesens wegen nicht leiden mögen. Das Benehmen der 
Serben entspringt übrigens nicht aus Spott, sondern aus Hass und 
Verachtung, da sich die Klementiner rühmen, bei der für die Serben 
unglücklichen Schlacht am Kosovopolje (1389) den Ausschlag gegeben 
zu haben. Der Kampf, so erzählt die Tradition der Klementiner. währte 
sehr lange ohne Entscheidung, und da sämmtliche türkische Kräfte be- 
reits aufgebraucht waren, so beschloss der Sultan den Rückzug. In 
diesem entscheidenden Momente bot sich der Anführer des kleinen 
albanesischen Hilfscorps dem Sultan an. auf die Serben einen Sturm 
zu wagen. Der Sultan lehnte anfangs dies Anerbieten mit den Worten 
ab: „Wie wird eine handvoll Leute, eine so grosse Schlacht zur Ent- 
scheidung bringen?" Als jedoch der verwegene Albanese erwiderte: 
P Herr, der Feind ist erschöpft, die Siegeszuversicht geschwunden, 
der Gehorsam und die Eintracht gelockert, lass mich daher den Ver- 
such machen!" so antwortete der Sultan: „Also handle, wie du sagst !* 
— Als die Albanesen den Stoss mit dem ihnen eigenen Elan wagten, 
fieng der Gegner an zu weichen, das türkische Heer aber lebte neu 
auf, rückte vor und - siegte Nach vollbrachter Tat ritt der Sultan 
auf den albanesischen Führer zu und dankte ihm mit dem Ausrufe: 
„mir dit! tt d. h. wol geraten, oder auch: „guten Tag, Segenstag. - 
Diese Worte des Sultans sollen Veranlassung gegeben haben, dass sich 
ein Stamm der Albanesen Mirditen nannte, den Serben aber, dass sie 
die Albanesen bis auf den heutigen Tage hassen. 

Die Klementiner wurden, als sie sich in Slavonien niederliessen, 
als ein sehr emsiges und fleissiges Volk gerühmt, das — wie Taube 
sagt — seine faulen Nachbaren heimlich auslachte. Sie bebauten ihre 
Felder („bastinene me punuera"), hatten vortrefflichen Tabak, dessen 
Samen sie aus Albanien gebracht, hielten Bienen („mialzate") und be- 
trieben Viehzucht. Sie hatten schönes Hornvieh („brij delleia"). Schweine 
(;rjrlsrij) besonders aber schöne Schafe („grigi"), die sie ebenfalls 
aus der alten Heimat mitgebracht haben, und die eine vorzügliche, 
seidenartige Wolle geben. Die Weiber waren nicht minder fleissig und 

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DIE KLEMENTINER IN SLAVONIEN. 



geschickt, sie spönnen, webten und verfertigten sowol ihre Kleidung 
als auch die ihrer Männer. Die Schafwolle, welche sie gewannen, färb- 
ten sie. mit dem Safte gewisser Kräuter, welche Farbe besonders schön 
und dauerhaft war. Ihre Teppiche, die sie fabrizierten waren von 
ganz besonderer Schönheit und Güte. Heute kümmert sich der Kle- 
mentiner bei weitem nicht mehr so viel um Wirtschaft und Erwerb, 
weiss er ja doch, dass einst fremde Leute Erben seiner Habe sein 
werden. 

Die Gestalt der Klementiner ist gross und schlank, Augen und 
Haare sind gewöhnlich dunkelbraun oder schwarz, die Gesichtzüge 
sehr regelmässig. Cretins gab es weder früher unter ihnen, noch gibt 
es jetzt solche, doch sind die Weiber gegenwärtig nicht mehr so gross 
und schlank wie ehedem. Immerhin findet man aber auch heute noch 
klementinische Mädchen, die gerade von entzückender Schönheit sind. 

Dem Temparamente und Charakter nach sind die Klementiner 
hitzig und roh. aber nicht wild; sie sind ehrlich, treu, verschwiegen, 
tapfer, voll des Nationalstolzes und dem Herscher und der Kirche bis 
zum Aussersten ergeben Anderseit aber sind sie wieder rachsüchtig, un- 
versöhnlich und über alle Massen eifersüchtig. Darum ist es nicht 
ratsam mit einer klementinischen Braut oder einer jungen Frau ohne 
Zeugen zu sprechen, wenn auch auf offener Strasse und bei hellem 
Tage, denn wenn der Klementiner von einem derartigen Zwiegespräche 
Kunde erhält, so ist der Betreffende, sei er ein Klementiner oder ein 
Fremder, seines Lebens nicht sicher. Lobenswert ist dagegen ihre Gast- 
freundschaft und Zuvorkommenheit. Tritt man in ein klementinisches 
Haus, so kommen sie einem mit dem Grusse: „Miresete giaagn!" 
(„Willkommen, mein Herr!") oder mit: „Miresete giaagn mich!" („ Will- 
kommen, Freund!") entgegen, heissen einen in ihrem schönsten mit 
kostbaren Teppichen belegten Zimmer Platz nehmen, und bringen so- 
gleich Erfrischungen : Wein, Mehlspeisen, Obst u d. gl. 

Geistig sind die Klementiner sehr begabt und aufgeweckt Jene 
Jünglinge ihres Stammes, welche die Königin Maria Theresia studieren 
Hess, gelangten zu hohen Aemiern und Würden, jene aber, die als 
Hussaren in dem slavonischen Reiterregimente dienten, zeichneten sich 
jederzeit durch Tapferkeit, gutes Verhalten und Ritterlichkeit aus. 



Paul Hunfalvy f 

lf*10 — 1891. 



Paul Hunfalvy, der Begründer der wissenschaftlichen Ethnologie 
in Ungarn, der Praesident der Gesellschaft für die Völkerkunde Un- 
garns, unser Vorbild und Meister, ist am 30. November 1891 in 

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BÜCIIEBBESPRECHUNGEN. 



Budapest gestorben. — Am 28. hat er noch an der zu seinem 50- 
jährigen akademischen Jubilaeum von jener Gesellschaft veranstalteten 
Gedenksitzung in ungeschwächter geistiger Kraft teilgenommen und 
sehr bedeutsame Äusserungen getan, und noch am letzten Abend an 
seinem grossen Werke über die Geschichte der Rumänen gearbeitet. 
Sein Beispiel objectiven Forschens möge der heimischen Volkskunde 
den Weg zur Wahrheit weisen! Unsere „Mitteilungen" werden dem An- 
denken ihres illustren Mitarbeiters einen längeren Nekrolog widmen. 



Bückerbesprechungen. 

Sebillot Paul. Devinettes de la Haute- Bretagne. Paris, 
p. 26. gr. 8. Maisonneuve & Leclerc. 

Zu den am Wenigsten beachteten und immer weniger gepflegten 
Volksüberlieferungen gehört das Rätsel. Es is* das Erzeugnis kind- 
lich scherzenden Scharfsinns, eine zuweilen sehr geistreiche Abart des 
Witzes, der den Rätselaufgeber sowie den glücklichen Löser des Rät- 
sels erfreut und erheitert. Die Zeit, wo ein RULscIaufgeber beim Volke 
hochgeehrt wurde, ist Ireilich für die Cullurvölker längst vorüber. Bei 
uns pflegen nur mehr Kinder und Frauen im Volke das Rätsel. Frank- 
reich ist sehr reich an Rätseln. Rälselbücher, bemerkt Sebillot, sind 
seit Jahrhunderten ein guter Artikel der Colportage-Buchhändler. Am 
interessantesten sind aber, fährt S. zutreffend fort, die internationalen 
Rätsel. Solcher Rätsel bietet gerade diese Sammlung nicht wenige. Auf- 
fällig erscheint es auf den ersten Blick, dass die Literalbewohner we- 
nig Gefallen den Rätseln abgewinnen. Die charakteristische Einleitungs- 
formel zu Rätseln lautet: „Devine devinaille". der Serbe sagt: „da sto 
mi da sto? (was denn mir. was denn?i Wie der Serbe die v Pdalica u 
(vergl. Sitte u. Brauch der Südslaven p. XIX ) hat der Franzose die 
demande facitieuse. Das deutsche Fragespiel ist doch etwas Anderes. 
(Man vergl. Frischbier 's Sammlung) Wie sich doch in der Beantwortung 
eines einzigen Rätsels zwei Volksseelen abzeichnen können, will ich an 
einem Beispiel zeigen Nr. 96 lautet : Qui vale plus vite du monde ? 
— Antwort: U'ezprit. Lessing sagt in seinem Faustfragment analog: 
der Gedanke, der Südslave aber — das Wort wird dem greisen 
Cejvanaga zugesprochen — meint : oko (das Auge, der Blick.) Lesprit 
und Gedanke, der augenblickliche geistvolle Einfall ist eben nicht 
das Schnellste beim Südslaven. Das liegt aber nicht an dem Individuum, 
sondern an den uralten communistischen gesellschaftlichen Einrichtun- 
gen, nach welchen nie ein einzelner, sondern nur eine Versammlung 
Esprit besitzen kann. Der Franzose kennt auch : choses ä dire tres vite, 
so z. B. Cossulu, Pissulu, Coquentra, Pinosa (Coq sur l'hu [la porte], 
pie sur Thu ; le coq entra, la pie n'osa.) Auch dem Deutschen muss 
das Wälsche (Italienische) zu solchen Dingen herhalten, so z. B. Di cw- 
rante bizi /S/. (Die Kuh rannte, bis sie fiel.) Die „Rätselhaften Inschrif- 

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bCciikrresprechüngen. 

— .. ■ . . - 1 — . — 

ten" in den Scherzwinkeln unserer illustrierten Blatter sind nur Nach- 
bildungen solcher uralt volkstümlicher Scher/reden 

Wien. Dr. F. S. Krause. 

Haberlandt Michael: Der altindische Geist. In Aufsätzen 
und Skizzen von — , Leipzig, 1887. Bei A. (J. Liebeskind. VIII. -f- 348, 8°. 

Haberlandt ist eine eigenartige und etwas befremdende Erschei- 
nung unter den österreichischen Gelehrten. Ein stiller Zug von Li eb- 
lichkeit und Frauenhaftigkeit spricht uns aus seinen Arbeiten an. Er 
ist ein dichterisch, ein lyrisch veranlagter Gelehrter; zwei Naturen 
streiten in ihm um den Vortritt, doch beide weiss er sich dienstbar 
zu machen, und so schafft er eine neue Welt aus sich heraus. Dieser 
indische Geist ist vielfach sein eigener Geist. Ich möchte Haberlandt's 
Verhältnis zum Indischen Wesen mit seinen eigenen Worten begrün- 
den, die er in Bezug auf die Nichtbeachtung von Naturschönheiten 
gebraucht bei den Kömern. (S. 173.) .Auch das mächtigste Object 
kann dem Geist nicht mitteilen, was er nicht schon innerlic i hat, 
wir sehen, dass die Dinge nichts in uns hinein bringen, sondern Al- 
les aus uns hervorlocken. u Und auf seine Darstellung passt die Be- 
merkung, die er über die Namen der Lotosblume macht (S. 49 ). 
„Sprache und Poesie sind hier nicht mehr geschieden, sie spielen in 
einander über und sich gegenseitig in die Hände. u Von der Art sind 
seine Aufsätze: Bei den indischen Göttern, Die Mütter, Der Mann im 
Brunnen und am meisten: Die indische Frau. 

Haberlandt^ Grundfehler vom Standpunkte des Ethnographen 
glaube ich darin zu linden, dass er zu häufig verallgemeinert und Äus- 
serungen des Volksgeistes von den Auffassungen der Kunslliteraten 
nicht immer genau unterscheidet. Was soll man z. B. zu der Be- 
hauptung (S. 3) sagen: „In der Abgeschlossenheit des Gangeslandes 
hat das indische Volk nun immer aus eigenem und aus ganzem ge- 
schnitten, ist es aus sich allein zu dem geworden, wozu es sich ge- 
bildet hat; zum geistvollen Sonderling, zum Grillenfänger unier den 
Völkern, für dessen Grundstimmung, Denkgewohnheiten und Lebens- 
formen wir Eur-'päer in den eigenen nicht immer Gleichungsformeln 
zu finden vermögen." Wo in der Welt findet man noch so ein bun- 
tes Gemisch von Völkerschalten wie in Indien, und wo ist etwas > krau- 
ser in eines zusammengeschmolzen als es indisches Wesen ist? Nur 
von einem Naturvölkchen, das seit Aeonen auf einem weltvergessenen 
Eilande haust, kann man sagen, es habe aus eigenem und aus gan- 
zem Holze geschnitten. — Bei der Deutung der Vielköpfigkeit der Götter 
missversteht er die aetiologischen Mythen und sagt : (S. 9 ) „So ist 
alles indische Wesen : dem Lieblichsten und Tiefsten immer ein Gran 
von Aberwitz zugesetz." Nein. Aberwitz, das ist ein wissenschaftlich 
unzulässiges Wort an dieser Stelle. Die vielköpfige Gottheit hat nicht 
ursprünglich nur einen Kopf gehabt, sie ist schon vom Anfang an 
vielköpfig gewesen : denn sie ist einem ihrer Ursprünge nach aus 
anthropomorphisierlen Blumen und Blüten hervorgegangen. Diese auf 
den ersten Blick ungeheuerliche Form hat mit gesteigerter Cultur alle 

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BÜ( HKRHESPRECHUNGEN 



anderen Nebenformen in sich aufgesogen, doch dem Volke entschwand 
das Verständnis für den urältesten, religössymbolischen Gedanken, 
der natürlich nicht spezifisch indisch genannt werden kann. Wie zu- 
treffend bemerkt doch H. an einer anderen Stelle: »Mythologie ist 
nicht Kunst. Wir sind durch die Griechen gewöhnt, die beiden für 
eins zu nehmen. Aber das ist ein unzweifelhafter Irrtum und verdirbt 
uns jede rechte Erkenntnis in unserer Sache." 

Eine recht hübsche folkloristische Silhouette ist der Aufsatz über 
den indischen Fridolin. Die 57 Skizzen im Anhange zu dem Buche 
bieten eine gelungene Auswahl trefflicher ethnographischer Seltsam- 
keiten, die meistens keine Seltsamkeiten eigentlich sind. Das „Liebes- 
spier, bei welchem der Geliebte den Speichel der Geliebten schluckt, 
das ist nicht weniger als besonders indisch, in manchen Gegenden 
Deutschlands pflegt der Bursche beim Tanz ein Stück Apfel zu zer- 
kauen und seiner Tänzerin in den Mund zu schieben. Sie schluckt das 
Gekaute hinunter zum Zeichen, dass sie den Burschen liebt. Daneben 
kommt das „Züngerln" vor, die Griechen nannten es yhoitiUiv, und 
bei den Serben heisst es jeziiati se. Sehr lieb wäre es mir gewesen, 
wenn uns H. die indische Festfrau (S. 127.) die menschenschädel-ge- 
zierte Kdli, die so viel Verwandtes mit der südslavischen Frau Kuga 
aufweist, eingehender beschrieben hätte. Das Buch ist übervoll solcher 
schöner Andeutungen, vielleicht bietet uns H. bald neben duftigen Blu- 
mensträusschen auch einen ganzen Stamm, ich will sagen ein zusam- 
menhängendes Werk über indisches Volkstum. Er wäre der Mann dazu. 

Wien, 1888. Krauss. 

Ethnologische Litteratur Ungarn* im J, 1891. Seit die 
ethnographische Gesellschaft Ungarns vor 2 Jahren ins Leben getreten 
ist, hat sich um die „alte Garde" der Volksforscher Ungarns eine Schaar 
von Folkloristen herangebildet und Zeichen ihres Eifers, ihrer For- 
schung auf dem saatenreichen Boden pannonischen Volkslebens auch 
heuer ausser den in Zeitschriften erschienenen Aufsätzen, durch meh- 
rere namhafte folkloristische Werke gegeben. 

Unzweifelhaft das grösste und wichtigste Werk ist die 33 Druck- 
bogen starke „Sammlung ungarischer Kinderspiele" (Magyar gyermek- 
jätekgyüjtemeny) von unserem hochverdienten Mitarbeiter Dr. Aron 
Kiss, das sich an RochhoWs deutsche Sammlung würdig anreiht, ja 
dieselbe in mancher Beziehung sogar übertrifft. Ks ist dies ein Werk, 
das mit Hilfe der Volksschullehrer des Landes zustande gekommen, 
in der foklorislischen Litteratur nicht nur Ungarns, sondern wir kön- 
nen mit gutem Gewissen sagen, auf dem Gesammtgebiefe des Folklore 
als Sammlung von Kinderspielen den ersten Platz einnimmt. Für den 
Volksforscher welchen Specialgebietes immer bietet dies Werk ein 
unschätzbares Materiale. Sollte es Unterfertigtem irgendwie vergönnt 
sein, dies Werk im Auszuge in deutscher Uebersetzung grösseren Krei- 
sen zugänglich zu machen, so wird dies gewiss ehebaldigst geschehen. 

Eine „Classificierung und Charakteristik der ungar. Dialekte" 
(A magyar nyelvjäräsok osztälyozäsa es jellemzese) hat Josef Halassa. 

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HÜCHEHHKSPRECHUNOEN. 



der tüchtigste Phonetiker und Lautphysiologe Ungarns, herausgegeben 
und damit den Sammlern von Volksliedern u. dgl. einen recht brauch- 
baren Leitfaden zum genau phonetischen Aufzeichnen der Dialekt- 
Lieder usw. gegeben. Dies Werk sollte der Verf. wenigstens im Aus- 
zuge deutsch erscheinen lassen. 

Unser verdienstvoller Mitarbeiter Ludwig Kdl.mdny hat heuer den 
fünften Band seiner unschätzbaren Sammlung magyarischer Volksdich- 
tungen unter dem Titel: „Szeged's Volk. Volksdichtungen aus Szege- 
din's Umgebung. III.- (Szeged nepe. Szeged vid6ke Nepköltese) veröffent- 
licht. In diesem Bande, aus dem wir demnächst Stücke in deutscher 
Uebertragung mitteilen wollen, sind 30 Balladen, 80 Liebes-, 60 Sol- 
daten-, 20 Hirten-, 20 Spottlieder, 250 Kinderlieder und Spiele, 20 
Weihnachtsspiele, 50 Gebete und Besprechungsformeln , 40 Märchen 
und Sagen und 40 Rätsel mitgeteilt. Es ist eine fleissige. fachmässige 
Sammlung, zu deren Fortsetzung wir unserem Herrn Mitarbeiter ein 
freudiges r Glück auf!* zurufen. 

Alexander /Yn/^r, der beste Kenner der Palowzen, hat „für 
Freunde in 50 Exemplaren* 13 Märchen dieses interessanten ungari- 
schen Volksstammes veröffentlicht, von dem bereits voriges Jahr Prof. 
J. lstvdnffy eine Sammlung: „Palowzische Märchen aus der Spinn- 
stube" (Palöcz mes6k a fonöböl) herausgegeben. Gelegentlich werden 
wir etwas aus diesen Sammlungen in deutscher Uebersetzung mitteilen. 

Mit den Slövaken hat sich Josef Nagy befasst, der heuer auf 
eigene Unkosten als mittelloser Landlehrer ein Werk: „Aus der Hei- 
mat der Slovaken im Arväer Comilate a (A tötok otthonäröl Arvame- 
gyeben) herausgab. Das gegebene Material hat bleibenden Wert, wenn 
auch dem Verfasser und Herausgeber des Werkes folkloristische Schu- 
lung abgeht. Sollte uns über die Volksgruppen jedes Comitates des 
Landes ein solches Werk zu Gebote stehen, wir müssten dem Land- 
lehrerstande dann zum grössten Danke verpflichtet sein. 

Unser tüchtiger Turkologe Ign. Kunos, ein Schüler Vdtnbiry^ hat 
uns heuer mit einem Bande: .Bilder aus Anatolien" (Anatoliai K6- 
pek) beschenkt, die für den Literaturhistoriker, Volksforscher und für 
jeden gebildeten Leser eine anziehende Lecture bilden. Die deutsche 
Ausgabe dieses Werke« gibt Unterfertigter demnächst heraus 

Im Erscheinen begriffen sind noch die finnisch-ugrischen Studien von 
Bernh. Mnnkdcai und K. Pdpai, die längere Zeit in Sibirien unter den 
Wogulen, Wotjaken und Osljaken {reweilt haben und aus deren reich- 
haltigen und unschätzbaren Sammlungen unsere Zeitschrift schon ei- 
nige wichtige Stücke mitgeteilt hat. Von lUla Vikdr haben wir finni- 
sche, von Gabr. Bdlint mongolische und von Ign. Haldsz lappische 
Studien in nächster Zukunft zu erwarten, von Joh. Janko, dem Er- 
forscher des Nildelta's (s. „Globus- 1891. Bd. LX. Hft. 18), aber er- 
scheint demnächst eine umfangreiche, illustrierte Monographie über den 
Kalotaszeger Bezirk Siebenbürgens, wo auch Prof. Herrmann's Curort 
Jegenye, der romantische Aufenthalt des Unterfertigten liegt. 

Dr. Heinrich v. Wlislocki. 

• 

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BÜCHEKBESRECHUNGEN. 



Helwald Frd. v., Ethnographische Rösselsprünge. Kul- 
tur- und volksgeschichtliche Bilder und Skizzen. Leipzig 1891. C. Heissner. 
416. S — Der bekannte Kulturhistoriker bietet uns in 27 Abschniiten in 
klarer und leichter Darstellung einzelne Kapitel zur vergleichenden 
Volkskunde, in denen er eben für den alten Satz, den schon Peschel 
ausgesprochen hat, neue Belege herbeizieht, dass nämlich bei der Ueber- 
einstimmung einzelner Erscheinungen im Volksleben uns fast die trost- 
lose Vorstellung überfalle, als sei das menschliche Denkvermögen ein 
Mechanismus, der bei der Einwirkung gleicher Reize immer zu den 
gleichen Rösselsprüngen genötigt werde Hiezu bieten R. Andrejs, 
Ethnographische Parallelen ein grosses Material genug, zu dessen treuli- 
chem Werke Hellwald's Sammlung sozusagen ein „volkstümliches Pen- 
dant* bildet, denn jeder Laie, der nur einigen Anspruch auf allge- 
meine Bildung erheben kann, wird diese Sammlung mit (ienuss lesen 
und Belehrung daraus schöpfen. Sie liest sich wie eine Reihe recht 
anmutiger Feuilletons. Dr. H. v. Wlislocki. 

Andrian Ferd, Freiherr v*, Der Höhencultus asiatischer 
und europäischer Völker, Wien 1891, K. Konegen. XXXIV. u. 385 S. 

Dies Werk gehört unzweifelhaft zu den treulichsten Beitragen, 
welche im letzten Jahrzehnt uu( dem Gebiete der Ethnographie erschie- 
nen sind. In der Einleitung gibt uns der Verfasser die Ergebnisse, die 
er aus dem reichen Material der Arbeit gewann und teilt uns auch 
seine Methode mit, die er bei der 8ichtung des riesigen Materiales be- 
folgt hat. Er glaubt, im Bergcult zwei Vorslellungsgruppen zu erken- 
nen. Die eine beruht auf dein Animismus. auf der Beseelung und Be- 
lebung der Natur. Der Berg wird als Dämon oder als die Wohnung 
eines solchen gedacht. Die andere Vorstellung, „die kosmische Auflas- 
sung der Berge" findet sich nicht überall vor. S. 1—366 wird nun 
ein umfassendes Material lür den Höhencult zahlreicher Völker beige- 
bracht, wobei die heiligen Höhen der alten Griechen und Römer nicht 
behandelt werden, sondern im Anschluss an dies Werk von R. / eer 
in einer besonderen Schrift der Untersuchung unterzogen worden sind. 
Es ist begreiflich, was auch der Verfasser oft genug betont, — dass 
eine auch nur halbwegs erschöpfende Bearbeitung dieses Thema'« 
nicht gegeben werden konnte. Eine grosse Lücke bildet in diesem 
Werke u. a. auch der missliche Umstand, dass der Höhencult der 
Magyaren nicht in Betracht gezogen worden ist, wo doch der Verf. 
hiezu nur in den bislang deutsch veröffentlichten Märchen und Sagen 
der Ungarn bedeutend mehr Material gefunden hätte, als er z. B. für 
den Höhencult der Rumänen aus Müller's Siehenbürgischen Sagen 
und aus Mailands kleinem Aufsatze (im „ Ausland" 1887 Nr. 52) 
hat schöpfen können. Dies Werk bleibt für kommende Korscher auf 
diesem Gebiete ein Quellenwerk, auf dessen Basis der Höhencult jedes 
Volkes in Einzelndarstellungen geschrieben werden kann, wie dies Un- 
terfertigter bezüglich der Zigeuner, angeregt durch dies treffliche Werk, 
bereits getan hat (s. „Journal of the Gvpsy Lore Society" 1802. Vol. 
III. No 3. S. 161 - 169) 

Dr. H v. Wlislocki. 



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BÜCHERBK8PRECHUNG KS. 



Dr. Heinrich v. Wlislocki, der fruchtbarste ungarische Folk- 
lorist, hat in jüngster Zeit wieder einige sehr wichtige, interessante 
grössere Werke veröffentlicht, die wir hier nur kurz anzeigen wollen. 
/. Märchen und Sagen der Bukowinaer (richtiger: Bukowiner) und 
Siebenbürger Armenier. Aus eigenen und fremden Sammlungen über- 
setzt. Hamburg, Verlagsanstall, 1892. 12 Bogen, gr. 8°. 60 Märchen 
und an 100 Sprichwörter. Mit kurzer Einleitung und einigen wen vol- 
len Noten von Wl. und Hanusch; ohne Quellenangabe, und Unter- 
scheiden des Bukowiner und Siebenbürger Ursprungs. Eine Beurtei- 
lung des wissenschaftlichen Wertes der Sammlung muss daher in 
Schwebe bleiben, bis die Urtexte in der kritischen Ausgabe des gali- 
zischen Armenologen Munzath erscheinen werden 

/l. Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner. (Darstel- 
lungen aus dem Gebiete der nicht christlichen Rcligionsgeschichte IV. 
Bd.) Münster, 1891. XVI. +■ 184. gr. 8°. 3 Mark. — Die Fülle des 
ganz neuen Stoffes verblüfft auch den Fachmann. Der unerschöpfliche 
Reichtum an Zigeuner-Analogien für alle möglichen bekannten Erschei- 
nungen des Volkslebens lässl fast den gelinden Zweifel aufkeimen, ob 
der so viel gelesene und noch mehr erfahrene Verfasser nicht mitun- 
ter mehr wahrgenommen hat, als wirklich vorhanden. 

III Die Szekler und Ungarn in Siebenbürgen. (Sammlung ge- 
meinverständlicher, wissenschaftlicher Vorträge. Herausg. v. B. Vir- 
ehow u W. Wattenbach. Neue Folge. Heft 137. Hamburg, 1891. 40 
Seiten, 50 Pfennig.) Wl. ergänzt nun seine in dieser hochangesehenen 
weitverbreiteten Sammlung über die Zigeuner, Sachsen und Rumänen 
veröffentlichten Arbeiten mit dieser netten und liebevollen, lebendigen 
uud sachlichen Darstellung der Eigenschaften, des Lebens und Webens 
des Hauptvolkes dieses ethnographisch unvergleichlich interessanten 
Landesteiles, und hat sich dadurch ein neues bedeutendes Verdienst 
um die heimische Volkskunde erworben. A. H. 

Hunfalvy- Alb um. — XXIV. + 208 Seiten gr. 8". Mit Hun- 
falvy's Porträt u. einem Facsimile. Budapest, 1891. V. Hornyänszk's 
Verlag. Preis 3 11. — Dieses prächtige Gedenkbuch haben die Vereh- 
rer Paul Hunfalvy \s aus dem Anlasse herausgegeben, dass 50 Jahre 
um sind, seit die Ungarische Akademie der Wissenschaften Hunfalvy 
zum Mitgliede gewählt hat. Der Jubilar ist kurz vor Erscheinen des 
Albums verblichen, und die Jubelschritt ist zum Epitaphium geworden! 
Ein prächtiges Trauerdenkmal, womit 33 hervorragende ungarische 
Gelehrte in 30 Aufsätzen aus den verschiedenen, von Hunfalvy culti- 
vierten Disziplinen dem hochverdienten Jubilar den Zoll ihrer Vereh- 
rung abgetragen. 

Der biographische Abschnitt ist etwas karg bemessen ; in unser 
Gebiet gehört A. Herrmanns Aufsatz: Hunfalvy als Ethnograph. Der 
zweite Abschnitt zur ungarischen Philologie enthält in 11 Artikeln 
manches Interessante, aber wenig Hervorragendesund ganz Neues. Durch- 
wegs bedeutend sind die 5 Aufsätze zur finnisch-ugrischen Philolo- 
gie im dritten Abschnitt, von denen wir anführen: B. Vikar, Kalevala, 

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BÜCHERBESPRECHUNGEN. 



IX. runo, mit Einleitung. — B. Munkäcsi, Der wogulische Brauch des 
Bäreneides; u. K. Päpai, Heirat, bei den Wogulen. (Wol die beiden 
für uns bedeutendsten Arbeiten.) — Der vierte Abschnitt enthält 14 
Artikel aus verschiedenen Gebieten und von verschiedenem Werte. 
Näher interessieren uns: L. R6thy, Die ungarische Liiteratur u. d. Ru- 
mänen. — A. Szilägyi, Die sieben bürgische Gesetzgebung und die Ru- 
mänen. — .1. Goldziher, Die Dichter in der Auffassung der allen Ara- 
ber, mit einen schätzbaren Nachtrag von B. Munkäcsi. — J. Kunos, 
Aus dem Epos Köroglu. — G. Alexi, Der Rabe in der rumänischen 
Volkspoesie. — L. Katona, Die nächsten Aufgaben der Märchenfor- 
schung. — A. Strausz, Bulgarische Volkslieder. — Recht verdienstvoll 
ist A. Hellebrandt's chronologische Zusammenstellung derlitt. Arbeiten 
Hunfalry's in 284 Nrn, (Redactionen. selbständige Werke und Aulsätze). 
Die erste Arbeit sind Dresdener Briefe, 1839, die letzte eine Recension über 
A. Herrmann's, Alternativen zur rumänischen Ethnologie, 1890. — Wir 
vermissen einige nicht unwesentliche Nummern, so die sehr bedeutende Re 
cension über 0. Herman's Buch der ungarischen Fischerei in den Ethnolo- 
gischen Mitteilungen aus Ungarn, I. 1888. 2. Hell. Sp. 152—160, und die 
bedeutsame Eröffnungsrede in der Volkversammlung der Ges. f. d. Völ- 
ker*. Ungarn. (Ethnographia, II. 169—171.) A. H. 

Erdäly. (= Siebenbürgen.) Von dem illustrierten Organ des un- 
garisch-sieben bürgischen Karpaten- Vereins ist soeben das erste Heft 
(1892. Januar) in einem Umfange von 3 1 /* Bogen erschienen. Von 
grosser Wichtigkeit für die Volkskunde ist diese neue Zeitschrift da- 
rum, weil sie neben der besonderen Berücksichtigung der für Siebenbür- 
gen so bedeutsamen Balneologie im Hauptrahmen der Turistik der Eth- 
nographie dieses Landesleiles (Fachreferent A. Herrmann) den ihn 
gebührenden hervorragenden Platz anweist. Als volkskundliche Auf- 
sätze führen wir an: Graf Geza Kuun, Über die Brodnik (rumänische 
Nomaden). — Dr. J. Jankö. Über das magyarische Volk von Kalota- 
szeg. — H. v. Wlislocki, Wanderzeichen der siebenbürgischen Zigeu- 
ner. (Auszug aus dem Artikel in den Elhn. Mitt.) — Diese höchst 
beachtenswerte Zeitschrift erscheint monatlich einmal, im Sommer zwei- 
mal, und wird den Mitgliedern des Vereins gegen den Jahresbeitrag 
von 2 fl. gratis geliefert. Redacfeur 1). Radnöti. A. H. 

Bolgdr n&pköltesl gyiijtemtny. (Sammlung bulgarischer Volks- 
poesien). Mit unedierten bulgarischen Originaltexten. Übersetzt und 
mit Unterstützung der bulgarischen Regierung herausgegeben von Adolf 
8traus z . Mit bulgarischer Vorrede von Dr. I). Ivan Öiämanov. Buda- 
pest, 1892. 2. Bd. XVI. + 334 und 393 Seiten. Preis 6 fl 

Es erscheint uns seitens der Führer des bulgarischen Volkes als 
e * a bedeutsames Zeichen politischer Reife und klaren Einblickes in die 
Tiefen des Völkergedankens, dass sie jetzt, am Beginn der zweiten Epo- 
che d er nationalen Selbständigkeit das Studium ihres Volkstums so sehr 
m den Vordergrund treten lassen. Sie scheinen es gar wol zu wis- 
sß n, dass das der sichere Ausgangspunkt, die feste Grundlage für die or- 
ganische Entwickelung der nationalen Kultur ist, die Vergangenheit 

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BCCUEKKK8PRECHUNOEN. 



ein verlässlicher Wegweiser in die Zukunft, der im Ethnischen sich 
offenbarende Volksgeist ein tiefeingreifender Factor der nationalen 
Politik. Die bulgarische Regierung selbst lässt durch einen der hervor- 
ragendsten Vertreier der modernen Kultur, den Sectionsschef i.n Kul- 
tusministerum, Dr. Ivan D. Sismanov den Sbornik redigieren, eine gross- 
artige wissenschaftliche Sammlung zur bulgarischen Landes- und Volks- 
kunde, mit eminent ethnographischer Färbung. 

Aus dieser Sammlung ist das hier angezeigte ungarische Werk ge- 
schöpft. Ungarn, das sonst so sehr berufen wäre, zwischen Ost und West, 
zwischen Nord und Süd geistige und materielle Kultur zu vermitteln, lässt 
sich zwar diese Mission nicht sehr angelegen sein, und aus der vorliegenden 
Publication wird der Westen nicht viel Kenntnis des bulgarischen Volks- 
geisles schöpfen Umsomehr aber die ungarische Nation, deren aufrichtige 
Sympathie für alle wahren und edlen Freiheitsbestrebungen die Leiter des 
bulgarischen Volkes wol zu würdigen wissen, die dessen bewusst sind, dass 
das Eindringen in die bulgarische Volkspsyche nur geeignet ist, diese Sym- 
pathien zu stärken. Auch war aut Grund der ungarischen Edition das Zu- 
standekommen einer deutschen Ausgabe (welche der Referent mit dem He- 
rausgeber der ungarischen vorbereitet) gleichfalls in Aussicht genommen. 
Und es bot die bulgarische Regierung in lieberalster Weise die Hand zur 
Schaffung dieses Buches, des grössten in der ungarischen Litteratur, das 
sich mit dem Folklore eines fremden Volkes befasst. 

Wir wollen hier nicht aut eine genauere Beurteilung des Werkes ein- 
gehen, sondern nur kurz seinen Inhalt besprechen. Der erste Band enthält 
auf Seite I — XVI. das sehwung und taktvolle Vorwort Sismanovs sammt 
ungarischer Übersetzung. S?ite 1 — löl die Einleitung des Übersetzers, in- 
teressante Aufsätze über Volkspoesie und deren Editionen, über Volks- 
glauben. Sitte und Brauch der Bulgaren mit Musikproben; aus denen be- 
sonders die eingehende Schilderung der Eheschliessung hervorgehoben zu 
werden verdient. Diese ziemlich breit angelegte Einleitung erhebt zwar kei- 
nen Anspruch auf fachgemiisse Wissenschaftlichkeit, ist aber genug geeig- 
net, den ungarischen Lesern weiterer Kreise in anziehender Weise ein an- 
schauliches Bild des Volkslebens in seinen Hauptzügen zu geben, und sie 
in den Stand zu setzen, die Sammlung selbst zu verstehen. Nun folgen unter 
70 Titeln verschiedene Kategorien von Volkspoesien, und auf S. 321—331. 
Anmerkungen. — Der zweite Band enthält aut S. 1 — eine wertvolle 
Sammlung von ungedruckten bulgarischen Originaltexten, denen dann die 
ungarischen Übersetzungen folgen, weiters wieder Übersetzungen aus schon 
veröffentlichten Quellen, im ganzen 1 09 Titel: endlich Anmerkungen S. 
376- 390. — Die Übersetzungen nnd nett und flott, mitunter etwas flüch- 
tig, aber immer verständig und recht gut zu geniessen. Mit übertriebener 
Genauigkeit sind bei den meisten Dichtungen die Gewährsleutea ngegeben, 
was wir bei Übersetzungen nicht suchen, wol aber den Hinweis darauf, wo 
das schon veröffentlichte Original zu finden ist. — Die Anmerkungen bieten 
manches Belehrende und zum Verständnis der Dichtungen Erwünschte. 
— Strausz hat sich durch diese grosse, mühselige Arbeit sowol um die bul- 
garische Volkspoesie. als auch um die ungarische Litteratur grosse Ver- 
dienste erworben. A. H. 

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Sl'RACHMONOI'OL. 



Sprachmonopol. 

Der Anlass, dass wir in diesem Heft die Übersetzung eines unge- 
druckten Karagöz-Spieles von Ignaz Kunos veröfTeni liehen, erinnert 
uns an eine Expectoralion des Herrn Dr. Luschan, der im höchst 
verdienstvollen „Internationalen Archiv für Ethnographie" 1889. einem 
schönen Artikel über „Das türkische Schattenspiel" eine Nachschrift 
anhängt, die uns nahe interessierende wichtige prinzipielle Fragen be- 
rührt, die wir daher reproducieren, und uns dabei einige Bemerkun- 
gen erlauben. Hr. Luschan schreibt: 

„Während der Drucklegung des Schlusses dieser Arbeit wird mir 
die Schrift von Dr. Kunos Ignäcz zugänglich, in der Form eines Son- 
derabdruckes — aus einer Zeitschrift, unter dem Titel : ,Härom karagöz- 
jatek 1886, in Budapest erschienen. Sie enthält drei vollständige Texte 
in Transcription und in ungarischer Üeberselzung, ausserdem ein Vor- 
wort von 5, und einen Schluss von 15 Seiten, meist mit Noten, wie 
es scheint, sprachlichen Inhalts — auch diese leider in ungarischer Spra- 
che. Erscheint es schon eigentümlich türkische Texte gerade nur in 
ungarischer Üeberselzung zu veröffentlichen, so wäre es um so mehr 
zu erwarten gewesen, dass wenigstens der Titel und die wenigen Blät- 
ter, welche die Texte einleiten und abschlissen, auch in einer euro- 
päischen Sprache mitgeteilt würden. Die Schrift wäre mit dieser ge- 
ringen Concession an die ausserhalb des Globus von Ungarn woh- 
nende Menschheit sofort einem grossen Leserkreise näher gerückt, und 
zunächst auch allen Orientalisten, denen die türkische Transcription 
den ursprünglichen Text ersetzt, ohne weiteres verständlich. Vielleicht 
veranlassen diese Zeilen den Herrn Verfasser, wenigstens Anfang und 
Schluss seiner Schrift auch in einer allgemeiner verständlichen Sprache 
zu veröffentlichen; einstweilen kann ich nicht einmal darüber klug 
werden, ob die iranscribirlen Texte dem Herausgeber gedruckt vorge- 
legen haben, oder nur in Handschrift oder mündlicher Überlieferung 
— jedenfalls aber sind dieselben von grosser Wichtigkeit, so dass ich 
nicht verfehlen darf, die Aufmerksamkeit der Fachleute auf dieselben 
zu lenken". 

Es gereicht uns, die wir stolz darauf sind, uns die Anerkennung 
strenger Unbefangenheit verdient zu haben, und die wir uns ja bei 
unsern Mitteilungen der deutschen Sprache bedienen, — also es ge- 
reicht uns zu grosser Freude und Genugtuung, wenn wir ähnlichen 
Vorwürfen bezüglich der ungarischen Sprache begegnen, und wir wünsch- 
ten, das derlei litterarische Delicte je öfters und an je ansehnlicherer 
Stelle (wie z. H. in Mommsen's Corpus Inscr.) uns solche Vorwürfe 
zuziehen mögen. Würden nur die ungarischen Schriftsteller und Ge- 
lehrten einige hundert solche Werke schaffen, bei denen es den Eu- 
ropäern recht leid täte, dass dieselben in ungarischer Sprache verfasst 
sind, dann kämen wir allmählich dahin, dass es der Mühe wert wäre, 
ungarisch zu verstehen, was für hoch Civilisierte nicht so gar un- 
möglich sein kann, wenn man bedenkt, dass wir Halbbarbaren in Un- 



184 



SPRACHM ONOPOL. 



garn neben melireren Landessprachen so viele ..Cultursprachen" er- 
lernen, wie kein westliches Volk. Wenn man unserer Sprache bedürfte, 
wenn sie eine unentbehrliche Litteratur hätte, würde man sie schon 
erlernen, und sie würde wol auc i in die Vorzugsciasse „europäischer" 
Sprachen rangiert werden. Dass ungarische Schriftsteller nach diesem 
hohen Ziele streben, darf man ihnen wol nicht verargen. 

Wir müssen noch aufrichtig gestehen, dass es uns keineswegs so 
ganz u gar eigentümlich erscheint, türkische Texte gerade nur in 
ungarischer Übersetzung zu veröffentlichen. Die Herrn „europäischen" 
Turkologen mögen es gnädiglich zur Kenntnis nehmen, dass (da die 
türkischen Studien zu den Grundlagen magyarischer Ethnologie u. 
Philologie gehören) ausser dem hier inkriminierten Buche in ungari- 
scher Sprache auch noch andere wichtige osmanische Studien erschie- 
nen sind und erscheinen werden, deren der Fachmann füglich nicht 
wird entraten können 

Noch ein Wort zum ungarischen „Globus." Einem jeden Volke 
ist sein Land sein Kosmos, und so soll es auch sein. Die Ungarn ha- 
ben sich »las ihrige genug sauer verdient: dieser „Globus" war lange 
das Hollwerk abendländischer Kultur, und es geziemt den Monopolis- 
ten der Civilisalion. besonders den Orientalisten, nicht im mindesten, 
über das Desireben der Ungarn, des Reiches und Volkstums der Vä- 
ter hier im Halborient gelreu zu warten, vornehm „europäisch" zu 
spötteln. ■« A. H, 



Magyarische Volks bailaden. 

i. 

MolnAr Ann». •) 

Machte auf sich Ajgö Martin 
Aul gar weilen Weg zur Waldschlucht, 
Traf am Weg er Molnar Anna: 
„Komme mit mir. MolnAr Anna, 
Mit auf weiten Weg zur Waldschlucht. M 
„„Kann nicht kommen, Ajgö Martin, 
Hab mein Heim, mein liebes, holdes, 
Säug' am Düsen süsses Söhnlein." 
Rief und rief er sie, sie säumte, 
Raubte rasch sie aus der Sölde 

Wallten sie zu zwein nun weiter 

Auf dem Wildsteg, hin zur Waldschluchl ; 

Stund am Weg ein stämm'ger Richbaura, 

•) Vgl. Ethnol. Mitt. I. 1. Heft, Spalte 80. 



10 



ADOLF HAHDMANN 



Setzten sich in seinen Schatten. 
„Blick' mich an doch, weis' dein Antlitz:' 
Fiel aus Anna's Aug' ein Tropfen. 
,Was denn weinst du, Molnar Anna?* 
,„Wein' ja gar nicht, Ajgö Martin ; 
Tauestropfen träuft der Baum nur, 
Traun, im Mittag steht die Sonne."" 
Stieg hinan am Stamm des Baumes, 
Umschau halten, Ajgö Martin, 
Glitt zur Erd' sein prlcht'ger Pallasch. 
.Reich' mir, reich* mir meinen Pallasch!" 
Warf sie jäh empor den Pallasch, 
Bohrt 1 der prall in seine Brust sich. 

Mummte sich nun Molnar Anna 
Ein in Ajgö Martins Kleider. 
Kehrte heim zu ihrem Hausherd, 
Stund dort vor der Solde stille. 

»Stiller Hauswirt, frommer Hauswirt, 
Gibst mir Herberg für die Nacht heut ? 
„ .Hoher Herr ! kann keine geben, 
Hab' ein kläglich schreiend Söhnlein." * 
Bat sie ihn da, bis er nachgab. 

»Stiller Hauswirt, guter Hauswirt, 
Gibt's wol guten Wein im Weiler? 
Wollt 1 zum Nachtimbiss ein Krüglein. * 
Gieng um Wein der gute Gatte, 
Knöpfte sie sich auf den Dolman, 
Säugte satt ihr schreiend Söhnlein. 

Übersetzt von Adolf Handmann 
II. 

Die drei Waisen. 

, Wohin geht ihr, ihr drei Waisen?' 
„Gehn in Frohndienst weithin reisen!" 
, Bleibet, bleibt doch, ihr drei Waisen ! 
(Jehl in Dienst nicht, geht nicht reisen!' 

,Geb' euch Hut lein drei vom Herde, 
Schlagt damit die Friedhofserde! 4 
„Mutter lieb! entsteig' dem Grabe, 
Näh' das Kleid uns, gib uns Label" 

IM 



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MAGYARISCHE VOLKSBALLADEN 



„Kann ja rühren nicht die Hände, 
Drücken rings mich Bretterwände ; 
Nennt doch neue Mutter euer, 
Näht das Kleid euch, schürt euch's Feuer.« 

«Kämmt sie uns und wäscht die Glieder, 
Trieft das Blut am Leib uns nieder; 
Gibt sie Brot aus Hirsenkorne, 
Schilt sie uns und flucht im Zorne.* 

Übersetzt von Adolf Handmann. 



in. 



(Originaltext in Abafi'B ZfacLr „Figyalo* 1876.) 

Einstens hau' ein König eine schöne Tochter, 
Golden war ihr Haar und sternenlicht ihr Auge; 
Reich mit Diamanten, Perlen, Silber, Golde 
Schmückte man die Königsmaid, die holde. 

Einstens hatt' ein König einen schönen Sohn, 
Golden war sein Schwert und silbern war sein Ross 

Einstens hatt 1 ein König einen schönen Sohn, 
Und ein and'rer König eine Tochter schön. 

Von sechs stolzen Rossen kam der Prinz gefahren, 
Freile bei dem König um die Königstochter; 
Königssohn erhielt zum Weib die Königstochter, — 
Eine ganze Woche dauerte die Hochzeit. 

Königssohn fuhr mit der Gattin draut von dannen 
Auf dem schönen Wagen mit den goldnen Radern. 
Als sie in den tiefen Waid, den dunklen, kamen. 
Vier Haiducken hielten grimmig an den Wagen. 

„Einen P guten Morgen" wünschen wir dir Prinzlein, 
Noch zu dieser Stund' musst du dein Leben lassen I* 

— Tut mir nichtz zu Leide, lasst mir nur das Leben, 
All mein Gold und Silber will ich gern euch geben! 

Bat die Königstochter: .Räuber, ihr vier Räuber, 
Lasst uns, lasst uns leben; wollet uns nicht tödten!" 



— Hör' uns schöne Königstochter, hör* uns an, 
Du allein kannst retten deinen Ehemann; 
Wenn bei unsrem Hauptmann du drei Nächte schläfst, 
Unverletzt könnt ihr dann beide 



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fl. WLULOCKI 



Eingewilligt in den Vorschlag hatten beide, 
Königstochter schlief beim Hauptmann drei dor Nächte: 
Doch am vierten Morgen fiel durchs Schwert der Riiube- 
Ihres Gatten Haupt, das Haupt des Königssohnes. 

„Gott sei deiner Seele gnädig, Gatte mein, 
In dem Jenseits werden wir uns wiedersehn !* 

„„Gott beschütz 1 dich süsse, teure Ganin mein, 
In dem Jenseits werden wir uns wiedersehn ! uu 

11 o. Wlhlocki. 

IV. 

Magyarisches Volkslied. 

(Originaltext in Kdlmäny' Koszoru.f etc. LS 11 ) 

Dort, aus jenem dunklen, tiefen Moor 
Wächst die Lilie, wächst die IW empor; 
Schlanke Lilie, weisse Kose, 
Du betrogst mich, du Herzlose! 

Eine Blume war ich auch einmal, 
Doch jetzt bin ich welk, verblüht und fahl: 
Dich, du Falsche, will ich meiden, 
Will auf immer von dir scheiden! 

In die Welt, die weite, will ich ziehn. 
Weil in öde Fernen will ich lliehn, 
Namenloses Leid und Schmerzen 
Im gebrochnen, kranken Herzen. 

Nur das bittre Leid folgt meiner Spur 
Und begleitet mich durch Wald und Flur, 
Flüstert mir: dass du geb. ochen 
Hast die Treu, die du versprochen! 

H. v. Wlhlocki. 



Aus dem Munde 
i. 

Ene, bene, 
Ekate, pekate, 
Schliri, potsche, 
Quinqua, quinqua, 
Semelepa. 

Atscheine, tatscheine, Schopf 



ier Ofner Sehwaben. 

2. 

Der Heidi Pupeidl steht draussen, 
Er wüll ma mei Kinderl mausen, 
her Heidi Pupeidl steht hinter der 

Tür, 

Wann'st nit glei einschläfst , so kommt 

er herfür 

1Ö8 



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AÜ8 DEM MÜNDE DER OFNER SCHWABEN. 



3. 

Ziserlbaum, Ziserlbaum 
Wachs in mein Garten, 
Wann a schens Maderl kommt, 
Sag, sie soll warten. 
Wann sie nil warten will, 
Sag, i bin gsturm; 
Wann's driber traurig wird, 
Sag, i kum morgn. 

4. 

Ei ei ei 

Sagt mei Weib, 
Knederln soll i kochen, 
Hab ka Salz, 
Hab ka Schmalz, 
's Heferl is ma brochen. 
Wie i wüll zum Hafner laufen, 
Wüll a anders Heferl kauten. 
Kommt a klana Mann doher, 
Kennt mi übern Haufen. 

5. 

Guter Freund, ich frage dich, 
Sag mir, was ist eins? 
Eins und eins ist Gott der Herr, 
Der da lebt und der da schwebt 
Am Himmel und auf Erden 

Mitgeteilt 



Guter Freund, ich frage dich, 

Sag mir, was ist zwei? 

Zwei Tafel Moses, 

Eins und eins ist Gottder Herr u. s. w. 

Guter Freund ich frage dich, 
Sag mir, was ist drei? 
Drei Patriarchen, 
Zwei Tafel Moses, 
Eins und eins u. s. w. 

Guter Freund, u. s. w. 
Vier Evangelisten, u s. w. 

Fünf Gebote der Kirche, u. s. w. 

Sechs steinerne Wasserkrüg, 
Die der Herr hat angefüllt, 
Zu Kanaa in Galilea u. s. w. 

Sieben Sakramenten. 
Acht Seligkeiten. 
Neun Chöre der Engel. 
Zehn Gebote Gottes. 
Elftausend Jungfrauen. 
Zwölf Eigenschaften. 

von Frau Josefine Weisz-Findczy. 



Deutsches Volkslied aus Siebenbürgen. 

Die Schwalben, sie fliegen 
Hoch über das Dach: 
Meine Seele möcht' fliegen 
So gern ihnen nach. 

Möcht fliegen so gerne 
O Liebchen zu dir, 
Doch hat sie ka Flügel, - 
0 wehe, weh mir! 

18* 



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DEUTSCHES VOLKSLIED AU8 SIEBENBÜRGEN. 



0 Schwalbe, o fliege 
Aus da'm Nest hinaus, 
Meine Grüsse, o bringe 
Zu Liebchens Haus! 

Schaust du sie in der Küche, 
Sag': ich lass sie küssen; 
Schaust du sie im Hofe, 
Sag': ich lass sie grüssen; 
Schaust du sie vor'm Tore, 
Sag*, das« auseinander, — 
Auseinander wir müssen! 

(Aus Grosspold). Mitgeteilt von H. v. Wlisloeh. 



Bulgarisches Volkslied. 

(Original in Strausz, Bolgär n6pköH6si gyttjtemäny, II. Bd. S. 14.) 

Sprach der Sultan so zur Penka: 

„Penka, du mein f-üsses Täubchen, 

Wenn du werden willst mein Weibchen, 

Kauf ich, Penka, zum Talare 

Dir die schönste Seidenware, 

Eine Atlas-Öalavare. 

Eine HalsketV geh, ich, Holde, 

Dir aus meiner Mutter Golde." 

Sprach die Penka so zum Sultan: 

„Sultan, nicht mag ich dich leiden, 

Bist ein garstger, wüster Heide; 

All dein Walten Fluch und Schand ist, 

Schnöd dein Glauben, öd dein Land ist. 

Wisst vom Mittwoch nichts, noch Freitag, 

Und der Werktag ist nicht euer, 

Habt am Sonntag keine Feier; 

Wollt das Bairamfest begehen, 

Könnt es aber nicht erspähen; 

Suchet es nach allen Winden, 

Könnt mit Flinten nur es finden." 

Sprach der Sultan so zur Penka: 
»Penka. du mein süsses Täubchen, 
Alle deine Schwägerinnen 
Sind schon in Idriu Kadinnen; 
Deine Dever all zusammen 
Sind in Isirlin.sk Sultane. u 

190 



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BULGABISCHE8 VOLKSLIED. 



Sprach die Penka so zum Sultan: 
„Sultan, nicht mag ich dich haben; 
Nehm' mir einen meines Glaubens, 
Nimm dir eine deines Glaubens!' 

Übersetzt v. A. H. 



Fiumaner italienissches Volkslied. 



Te go deto tante volte, 
Che nun voio fior in testa, 
Ne de giorno de festo, 
Ne de giorno de lavor. 

Mi go fatlo lutto questo 
Per maridarmi presto, presto, 
Mi go fetto camisola 
Col brindulin Celeste. 



Muss ich dir so oft es sagen, 
Sollst am Kopf nicht Blumen tragen. 
Weder an den Feiertagen, 
Noch an einem Werkeltag. 

All das tat' ich zu dem Ende, 
Einen Mann zu fah'n behende, 
Machte mir drum auch ein Hemde 
Wol mit einem blauen Band. 



Aufgezeichnet von Prof. M. Storzina, übers v. A. H. 



Kolomyjka (ruthenisohes Volkslied.) 



Nu haju zelenenkij, nu haju, nu 

haju, 

Na mene sja buky lamjjut, ja nie 

ne hadaju. 

Na mene sja buky lanujut, a palidi 

tefiut, 

Bo za mene molodejku soäidicM 

breöut. 

Aj breäite soSidici, za kym me2i 

vami, 

Jak ja pijdu /. mefci vas, bijte 

holovami ! 

Aj pospivaj, poScebeci, sivoj holu- 

boöku, 

Po nad moi vißka öorni, po nad 

holovodku ! 

Aj pospivaj, poäcebeci, jaznoje 

potjatko, 



In dem Hain, dem grünen Haine, in 
dem Hain, im Haine, 
Zweige brechen auf mich nieder, — 
werd' darum nicht greinen. 
Zweige brechen auf mich nieder, 
werden wol zu Stecken — 
Mich die junge Maid bebelfernd 
Nachbarinnen necken. 
Belfert Nachbarinnen, bis ich nicht 
von hinnen wander', 
Wenn ich fort gewandert, schlagt die 
Köpfe aneinander! 
Singe mir, oh graue Taube, girre 
mir mit Munkeln — 
Über meinem Haupte, über meinem 
Aug', dem dunkeln. 
Singe mir, oh Frühlingsvogel, zwit- 
schre nach Belieben. . . 



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KOLOMYJKA. 



Pan Bin znaje, sco dilajc moje so- liott der Herr nur mag es wissen, wo 

koljatko. mein Falk' geblieben. 

Oj §co moje sokoljatko dilaje, dt- Oh mein kleiner Falk, was für ein 

laje, Leben mag er führen? 

Pizno Ijihat, rano vstaje, na strungu Legi sich spät, erwacht früh, setzt 

öidaje. sich auf die CJattertüre. 

In Alsö-Hidegpatak, Marmarosvr Oomitat, aufgezeichnet von Prof. A. Petrow 
ans St.-Petersburg. 

Ubersetzt von A. H 



Lieder der Spaniolen. *) 

Cantica al vino. Lied an das Wein. 

Bendieo el que te cria Ich preise den, der dich ersehnt 
en la vifia, In dem Weinslock; 

Siempre te topes Du bist willkommen stets 
en mi tripa. Mir im Hauche. 

Bendieo el que te cria Ich preise den der dich erschul 
en el campo. Auf dem Felde; 

Siempre te topes Du bist willkommen stets 
en mi papo. Mir im Munde. 

A una novia 

Ai novia, eslrella muy alta, 
Vuestra hermosura me arla, 
Non veamos vuestra talla, 
Para que goze lo amor. 

Ai novia de grande rijo, 
Bienes tengas como el mijo. 
AI afio vos nasca hijo, 
Para que gozö lo amor 

An eine Braut 

Oh Braut, du Stern mit hehrem Prangen, 
Dein Beiz hält unsern Sinn gefangen. 
Dass alle Sehelsucht uns vergangen; 
Weil wir gefröhnt der Lieb', 

Oh Braut, du herrlich Lustbegehren, 
Hast Schätze, wie die Weizenäliren, 
Wirst einen Sohn aufs .lahr gebären — 
Weil wir gefröhnt der Lieb'. 

*) Terte durcii gutige Vermittlung der Fran Wcisz-Neuhaus in Pancsova; 
Uber*, o es. H. 



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Vom Journal of Ute Gypsy Loi^e Society, 
diesem so vortrefflich redigierten, gehaltreichen Organ der 
Zigeunerkunde, wird im April. 1. J. das letzte Heft erscheinen. 
Um diesen von allen Fachgenossen schwer empfundenen 
Abgang einigermassen zu decken, wird unsere Zeitschrift, 
die im klassischen Lande des Zigeunertums erscheint und 
auf dieses Fach auch bisher grosses Gewicht gelegt hat, 
fürderhin die Zigeunerkunde ganz besonders cultivieren und 
9ich als internationales Organ des Gypsy-Lore betrachten. 
Wir ersuchen alle Mitstrebenden um ihre werte Mitwirkung. 

Der Herausgeber. 
Von den „ Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn" 

ist Bd. II. Heft 1 — •*> als Festgabe an die Mitglieder des II. 
internationalen Folklore-Cougresses, London, 1891, verteilt wor- 
den. Denjenigen unserer geehrten Interessenten, von denen wir 
voraus gesetzt haben, dass sie auf diese Weise in den Besitz 
jener Lieferung gelangt sind, haben wir dieselbe nicht zuge- 
schickt. Wir ersuchen hiemit diejenigen Volks forscher, denen das 
gegenwärtige Heft zugegangen ist, die aber Heft 1 — 5 nicht 
erhalten haben, uns hierüber gefälligst zu verständigen. 

Die Administration der £ M. a. U. 



Inhalt der .Ethnograpnia." 1891 II Bd VII -VIII. Heft. (8 Bogen): Jankö 
J , Kalotaszeger Volksglaube. — Weber S., Wohnung und Zimmereinrichtung der 
Zipser Sachsen. — Balassa J.. Visontaer Volkslieder und Kinderspiele — Hinter 
AI., Das „Aasgeigen." — Istränfly Jul , Rätsel der Palowzen. — Szivös B, Mar 
chen u. Volksl. aus Hajdu-Szoboszlö. — Kiss Ar., Volksglauben aus Porcsalma. — 
Juhäsz Mor., Der Wassergeist im Hern Ad. — P. K. Ethnographie auf der Prager 
Ausstellung. — Vereinsnaclirichlen (Ch. Leland's Bericht Über den Londoner Kolk- 
lore-Congress. — Sitzungsprotokoll.) — Inländ. Litteratur. — Ausländ. Litteratur. 
Inländische Zeitschriften. — Ausländische Zeitschriften — Verschiedene Mitteilungen. 

IX. Heft. November 1891. (3 Bogen): Herman Otto, Qlo^kenstimmen und 
noch etwas. — Herrmann Ant., Die Millennium-Ausstellung u. die Ethnographie. — 
Lehoczky Th.. Aus dem Hirtenleben der Russen in Ungarn. - Vräbely Mich., Die 
Ruthenen im Bacskaer Comiut. — Wlislocki H , Feuerbesprechungen d. Zigeuner. — 
Jllesy J., Beitrüge zum einheimischen Volksglauben. — Benkö Andr., Volksglauben 
aus Häromszek. — Srötb P., Rumänischer Volksglauben a der Marmaros. — Ki- 
raly P, .PalazubU 4 ; Volkagl a. ügocsa. - Inl. Litteratur. -Ausländische Littera- 
tur. — Inländi-sche Zeitschriften. — Ausländ. Zeitschriften. — Vereinsnachrichten. 
— Verschiedene Mitteilungen. 

X. Heft. Dezember 1891. (3 Bogen): Paul HunfaUy f. — Hunfalvj-Jubilaeum 
(1. Xantus Joh., Begrfissung; 2. Hunfalvy's Erwiderung; 3. Herrmann A., Hunfalvy 
als Ethnograph; 4. Rethy Ladislaus, H's Stellung in der Litteratur.) — Istvänffy 
Jul., Weinachtsspiel der Palowzen. — Wlislocki H., Diebszauber d. Zigeuner. 
Nagy Jos., Regöles. — Hannath Luise, Volksglauben am Nyarad. — Bartha Jul., Ethn. 
Beiträge a. d. Ermellek (Eierwerfen. Soldatenlied, Volksglauben) — Göncxi K, 
Croatische Ballade a. d. Muraköz. — Ausländ Litteratur. — Inländ. Litt — Ausl. 
Zeitschriften. — Inl. Zeitschriften. — Vereinsnachrichten. — Verschiedene Mittei- 
lungen. 



Inhalt der Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn, sogleich Aazeiger der 
Gesellschaft fiir die Völkerkunde Ungarn-«. II. Band VI VIII. Heft 



Dr. Bernhard Munkacsi. Kosmogonischo Sagen der Wogulen 

I. Die heilige Sago von der Entstehung der Erde (Schluss). 105. 

III. DasLied von der Überschwemmung des Himmels und der Erde 109. 

IV. Die Sage von der heiligen Feuerflut A. B. C 121. 

V. Heiliges Lied von der Herablassung der Erde aus dem Himmel 126. 

Dr. Heinrich v. Wlislocki, Wanderzeichen der Zigeuner 133. 

Ludwig Kalmany, Kosmogonische Spuren in der magyarischen Volksüber- 

lieferung. II. Vom Siindenfall 139. 

Dr. lgnaz Kuno«, Türkisches Puppentheater (Karagöz-Schaukelspiel) 148. 
Dr. Lndwig Katona, Recht und Unrecht Ein magyarisches Märchen. II. 

Varianten und Parallelen 159. 

Bertalan Matirko. Dio Zipser Volkssage von Kasparek 1B2. 

Samuel Weber, Die Kleidung der Zipser-Suchsen 165. 

Heia Lasar, Über don „Gavaboncziäs diik" i66. 

Dr. Ladislaus Rethy, Oolonien der Spanier in Ungarn 168. 

Fr. S. Kahne. Die Klementiner in Slavonien . . 169. 

Paul Hunfalvy f 175. 

BOcherbesprechungen 176. 

Paul Sebillot, Devinettes de la Haute-Bretagne (l<run**i .... 176. 

M. Haberlandt, Der altindische Geist (Kram») ... .... 177. 

Ethnologische Litteratur Ungarns (Wlislocki) ......... 178. 

Frd. v. Hellwald, Ethnographische Rösselsprünge Wlislocki) . . 180. 

Frd. v. Andrian-Werburg, Der Höhencultus (Wti»h«ki) 180. 

Wlislocki, Märchen und Sagen der Bukowinaer und Siebenbürgor 

Armenier \A. II) 181. 

Wlislocki, Volksglaube und religiöser Brauch der Zigeuner (A. H.) 181. 

Wlislocki, Die Ungarn und Szekler in Siebenbürgen [A. II) . . 181. 

Strausz Adolf, Bolgar nepköltesi gyüjtemeny (A. H.) 182- 

A. H. Sprachmonopol 184. 

Volspoe$icn 

Magyarische Volksballaden 

Molnar Anna (Adolf Handmann) 185. 

Die drei Waisen (Handmtrnnj .... 186. 

Königssohn und Königstochter (Wlishvki) 187. 

Magyarisches Volkslied (W7iV«*i) 188. 

Aus dem Munde der Ofner Schwaben (Jose/ine W'eisz-Findczy) . . 188. 

Deutsches Volkslied aus Siebenbürgen (Wli»locki\ . . . . . . 189 

Bulgarisches Volkslied (Stroits: — A. H ) . . ] 90- 

Fiumaner italienisches Volkslied (Sforzlna — A. II.) ... 1 91. 

Kolomyjka (ruthenisches Volkslied) (Prtrou- — A H.) 191. 

Lieder der Spaniolen (Weisz-Netthau* - A. H.) 192. 

Auf dem Umochliige : 

Mitteilungen der Redaction, des Herausgeber und der Administration. 

Vom Gypay Lore Journal 

Inhalt der „Ethnographia" 1891. VII-X 



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IL Band. 



1891— 1892. 



IX— X. Heft. 



-*3 




ZUGLEICH 



ANZEIGER DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 



BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON 



JProf. Dr. Anton, J^errrnanri. 



REDIGIERT VON 



ANTON HERRMANN und LUDWIG KATONA. 



Der II. Band besteht aus 10 Heften in 3 Lieferungen. Preis 3 fl. Für Mitglieder 
irgend eines Vereins für Volkskunde 2 fl. Wird auch im Tausch gegen Publica- 
tionen zur Volkskunde abgegeben. (Direct vom Herausgeber zu beziehen). 



Redactton und Administration 
Budapest, I. AttUa-utcza 47. 



KOLOZSVÄR 

DRUCKEREI OER ACTXEHQE8ELL8CELAFT „KÖZJIÜVRLÖDES. - 

189a. 



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Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. 



Das am 30. Nor. v. J. erfolgte Hinscheiden Paul Hunfalvg's, ihre." ersten Prä- 
sidenten, hotte den Organismus der Gesellschaft erschüttert Die directe Activität des 
hochbetagten Verewigt n beschränkt ■ sich zwar im Vtr< iusleben grösstenteils au f den 
Vorsitz bei Versammlungen die er run seinem lohen Stand punkte nut f,ri>s*ter Um- 
sicht und Weisheit leitete. Aber seine unbestrittene Autorität, sehte n : e beirrte Objec- 
tieitäl sicherte der Gesellschaft den glücklich angebahnten H eg hastlosen, zi> Ibrir Hus- 
ten, unangefochtenen Fortschrittes lUe neue iJiscijilm der Volkskunde hat überall 
grosse Schwierigkeiten zu bew illige», auch in Ländern, wo sie nicht o jung ist, wie 
hier. Und doch konnte unser Verein, dank d> m Eifer seiner Begrüw'er, seine Tätig- 
keit mit 600 Mitgliedern beginnen deren Anzahl mit Ausgang des zweiten .Jahres >>l)0 
überstieg, eine Zahl, wie sie keiner der gleichst rebenden, mitunter mit D,cennien 
bestehenden Vereine des Auslandes aufweisen kam,. Hei der Jieurteilung der Tat- 
sache, dass ein Teil der Mitglieder in der Erfüllung der Vereiuspflichten saumselig 
war, wäre zu berücksichtigen, dass die Gesellschaft für Völkerkunde keine energische- 
ren Mas.-, regeln zur Anwendung brachte, wie solche im Vereinzelten h;> rzu'ande üblich 
sind Hieeon und rom Verhalten der höchsten wissenschaftlichen un<l ojlicielien h reise 
abgesehen, a ar das Interesse, das den redlichen Ptstrcbunyen d- r G> Seilschaft ent- 
gegen gebracht wurde, ein befriedigendes. In den monatlich abgehaltenen Vortrngs- 
und Ausschasssitzungen entfaltete der Verein eine stolut> nmäs<ig, nspriessliche Tä- 
tigkeil. Das mit Ausnahme einiger Dopprf hefte regelmässig monatlich zur Aasgabe 
gelangle Vereinsorgan (jährlich äOBogtn) brachte gor manchen werteaHen Beitrag zur 
heimischen I VA*/, unde 

Mit dem Tode Hunfulnfs brach, ohne zwingende innere Xotwendigki it, eine 
Krise über den Verein tu r< in. Die Art und H eise, n ie diese beigt legt win de, führte 
ben ähe zur Katastrophe die nur dank dem inusscollen, »clhstcntäussernden Ge- 
bähten der tatsächlichen Begründe'- und bisherigen Verwalter des )'ereines und dem 
tateifri'/en Ein /reifen ei»iwer anderer berufener Kräfte verum den u erdi n kannte. 

Die durch das Hinscheiden des ersten Präsidenten entstandene mäch/ige Leere 
eröffnete nämlich solchen Strömungen den Zugang, die rom Stechen nwh radicalrr 
Unn/estaltung geleilet wurden Reformhastend wurde dii grutu legende Organisation 
gänzlich verworfen, die erreichten Resultate wurden negiert Such einem uncreptick- 
lichen Larieren nötigten endlich die unleidlichen Verhältnisse die Fuuctionäre, welche 
seinerzeit den »n isten Anteil an dem Zustandekamnn n des Vt.re 'ns gehabt hoJtcn, 
sich von der Administration zurückzuziehen. Gänzliche Auflösung schien zu drohen. 

Die unsst forden fliehe Generuf rersau nduug rom Oktober brachte a>cr den- 
Verein glücklich wieder ins rechte Geleise. Besonder die W ahl d<r Fuuetionlire 
scheint uns -in dauerndes gedeihliches Fort « i> K en zu verbürgen. Zum Präsidenten 
wurde Graf Ge'ca Kuun, der weltberühmte Herausgeber des kanonischen ( »-Ii der 
hervorragende Fartor auf allen Gebieten heimischer f'ultur gewühlt. I 'ieeprüsidenten 
sind Dr. Aurel v Torök, der allbekannte verdienstrolle Anthropolog, und Dr, Bern- 
hard Muukdcsi, der hochverdiente Siberienreisende und Erforscher van Sprache und 
Volkstum ural-altaischer Stämme So ist durch die l>t iden d e phgsische utd psechische 
Richtuno der Volkskunde auf das glücklichste vertreten Zum Secretär uunlc Bela 
Vikar gewonnen, der Redacteur der modernen Revue „Elet", einer der vielseitigeren 
Litteraten und liebenswürdigsten Persönlichkeiten im ungarischen Geistesleben. Das 
hochwichtige Amt des Redart lui's des Amtsorgans errang sich der junge, elf rige Volks- 
forscher Dr. Johann Jankö, der als Custos-adjanct der ethnographischen Sammlungen 
zugleich die Bibliothek des Vereines zu venealten haben wird. Auch Schriftführer 
und Ausschuss entsprechen ulhn gei echten Anforderungen. Wenn es noch ge- 
lingt, an Stelle des hochverdienten ('assiers Dr. Samuel Bororszkg, der sein Amt 
schon am Eingang der Reformperiode niederlegen wollte, und den hiezu jetzt Ge- 
sundheitsrücksichten zwingen Dr. Josef Särmag zu gewinnen, so wird sich die Ad- 
ministration in den besten Händen befinden. Möge der zu wichtigen Dingen berufen* 
Verein wieder kräftig gedeihen und unentwegt und ungestört seine hohen Ziele 
verfolgetu 

Zum Beitritt meldet man sich beim Secretär Bf In Vikar, (Budapest, IV. Ma- 
gyar uteza 'Jd. III ) Die Mttglicdgebiihr beträgt jährlich 3 fi. und w>rd hiefür die 
Quartalschrift „Ethnographia* geliefert. (Redaction : Budapest, Csengery-utcza 12) 



I 

II. Jahrgang. Budapest, 1892. IX. X. Heft. 



milOffll 11IWI 1 UNGARN 

ZUGLEICH 

ANZEIGER DER GESELLSCHAFT FÜR DIE VÖLKERKUNDE UNGARNS. 

BEGRÜNDET UND HERAUSGEGEBEN VON PROF- DR. ANTON HERRMANN. 

REDIGIERT VON 

ANTON HERRMANN LUDWIG KATONA 

B«cr«tir d. Get«Uichaft f. d. Völkerkunde Schriftfoarer d. GeeelUcn. f. d. Völkerkunde 

Ungarn«. Ungern». 



Deutsche Volkspoesie in Ungarn. *) 

A) Xordostungarn, Bereger Comitat. Gegend von Bardhdz. 
Aufgezeichnet von Theodor Uhoczky, Munkäcs. 



Ich weiss nicht, was mir fehlet, 
Ich sterb von Ungeduld, 
Mein Herz ist zum Zergehen, 
Das ist die Liebe schuld. 

Du Tochter, willst du heiraten? 
Ja, Mutter, ja. 

Willst du einen Schneider haben? 
Nein. Mutter, nein. 
Hosen flicken werd ich nicht. 
Einen Sehneider will ich nicht. 

Zu Strassburich, zu Strassburich, 
Ein wunderschöne Stadt. 
Darin da liegt begraben 
Ein manicher Soldat. 

Ihr Mutter, die gieng 
Yoren Hauptmann sein Haus. 
Ei Hauptmann, mein liebster Haupt- 
Gibt mir mein Sohn heraus [mann, 



I. 

0 ja, ja, ja, du Liebe, 
Du hast mich krank gemacht, 
Du hast mich armes Mädchen 
Ins Todtenbett gebracht. 

II. 

Du Tochter, willst du heiraten? 
Ja, Mutter, ja. 

Willst du einen Bauer haben? 
Ja, Mutter, ja. 

Ochsen hüten kann ich schon, 
Erdäpfel graben werd ich schon. 



III. 



Ich geb Euch, ich geb Euch 
Für ihn so viel Geld. 
Euer Sohn, Euer Sohn muss sterben 
Im weiten, breiten Feld. . . 

Dort vor dem Feind, dort stand ein 
Schwarzbraunes Mädelein, 
Sie trauert, trübt und weint, 
Sie kränkelt sich so sehr. . . 
Ei grüsst dich Gott, schönes Schätz- 
ich sehe dich nie mehr. [chen, 



*) Vgl. Ethnographia, 1892. Januarheft. 

*•) In Bardbiz wohnen an 230 Deutsehe mit Rathenen vermischt 1728— 17<>8 
wurden hier etwa 22 Familien aus Kleinberg und Kleinzwedl, dann aus Österreich 
und Böhmen angesiedelt. 



Hermann, Etk:,t>logUcne Mitteilungen. II. 193 



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THEODOR LEHOc ZKY 



IV 



Ich hab ein Schatz, 

Und den soll ich meiden. 

Soll vor ihn vorbeigehn 

Und kein Wort nicht auf ihn reden. 

Wie soll denn nicht mein Herzchen 

Im Leib zergehn' . . . 

Ei liebet nicht so sehr, 
Als ich geliebet hab' 
Sonst stürzet euch die Liebe 
Vor Zeiten ins Grab. 

Ihr Jungfräulein 
Alle insgemein, 
Sollt bei meinem 
Begräbnisse sein. 

In Pressburg auf der Brücke, 



Ihr sollt mir helfen 

Legen ins kühle Grab 

Und weil ich euch von Herzen 

Treu geliebet hab', 

Seht wol an den 

Zweiten, dritten Tag, 

Da wuchsen zwei Veilchen 

Aus ihrem kühlen Grab. 

Darauf da steht geschrieben : 
Verborgen war die Liebe, 
Gott hat sie schon hier 
Genommen in sein Quartier. 
Das Feuer auf der Erde 
Das brennt nicht so heiss. 
Als die verborgene Liebe. 
Die niemand weiss. . . 



v. 



Bei Frau Meisterin zu schlafen, 



Schreibt mir mein Schatz ein Brief, Ist kein Gesellenbrauch. 
Darauf da steht geschrieben, Viel lieber bei der Tochter 

Der Winter steht vor Thür. . . In ihrem rothen Bett. . . 



Gesellen, wollt ihr hier 
Zehn Thaler leih ich euch, 
Und wenn ihr gut arbeitet, 
Da fünfe schenk ich euch. 



Herr Meister, jetzt wollen wir wan- 
Jetzt ist die Wanderzeit, ^ [dem, 
Denn ihr habt uns diesen Winter 
Mit sauren Kraut gespeist. . 



Wenn euch das Brod zu hart ist, Sie nehmen Stock in Hände, 

So laset euch backen weich, Verlassen das Quartier, 

Und wenn euch das Bett zu hart ist, L T nd ziehen fröhlich weiter 

So schlafts bei meinem Weib. Weiter vors Meisters Thür. . 



vi. 



Es waren Schwestern dreie, 
Die jüngste unter ihnen war 
Schwarzbraunes Mädelein, 
Die lasst den Herrn herein. 



Von Bodenloch schmeisst sie ihn 

heraus. 

Er fallt, das war zu hoch, o wei, 
Erbricht sich alle Rippen inzwei, 
Schwarzbraunes Mädelein. 



Sie führet ihn in alle Winkel aus, Sogar das linke Bein. 



194 



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DEUTSCHE VOLKSPOESIE IN UNGARN. 



VII 



i 
{ 

I 



Ein Mädel wehlt (V) wohl wohi 

In dem grünen Klee, 

Da begegnet ihr ein Kitter. 

Ja Ritter, ja Ritter, 

Er breit' sein Mantel auf: 

Liebstes Mädchen, liebstes Mein, 

Komm, ruhe wenig aus. 

Warum soll ich denn schon ruhen, 

Ja ruhen, ja ruhen? 

Ich hab noch wenig Gras. 

Ich habe zuhaus eine schlimme Mut- 

Die haut mich alle Tag. [ter, 

So sag, du hast geschnitten, 

Geschnitten, ja geschnitten 

Zwei halbe Finger ab. 

Warum soll ich mit Lügen 

Meine Mutter betrügen, 

So möcht mir übel gehen. 



Viel lieber sag ich die Wahrheit, 
Ja Wahrheit, ja Wahrheit. 
Der Ritter ist mein Mann. 

Mutter, liebste Mutter mein. 
Schenk mir zweihundert Thaler, 
Dann kauf ich, was ich will. 
Mädchen, liebstes Mädchen raein, 
Thaler hab ich nicht viel. 
Dein Vater hat verrauschet, 
Rauschet, ja rauschet. 
Bei Würfel und Kartenspiel . . 
So pack dir deine Kleider zam, 
Zam, Kleider zam, 
Und maschier mit Reiter fort. 
So klag ich Gott im Himmel, 
Ja Himmel, ja Himmel, 
Ein armes Mädchen ich bin! 



VIII. 

^»AVirtshaus w ird man hoch geehrt, Trink einmal, trink einmal. 
Dort braucht man nichts nur Geld ; So lebe ich und du, 
Liebster Bruder, trink einmal. So lebe ich und du. 



IX. 



Der Wächter auf, 

Der Wächter auf der Ziele stand, 

Die Buben auf zu wecken, 

Ja wecken, ja wecken. 

Das Madel soll früh aufstehen, 

Frisch Wasser geht sie holen, 

Da begegnet ihr derselbe Knab, 

Der, der bei ihr geschlafen hat 

Er wünscht ihr ein guten Morgen, 

Ja Morgen, ja Morgen. 

Gut Morgen, gut Morgen. . . 

Herztreuester Schatz, 



Wie hast du heut geschlafen. 

Ja schlafen, geschlafen ? 

Ich habe geschlafen auf einen Arm, 

Und habe mein Ehre verschlafen, 

Mein Ehre verlassen. . . 

Ich hab gemeint, ich lasse dich 

Zur Kirche führen. 

Mit Pfeifen und Trommel 

Und Musizieren. 

Und daweil lass ich es bleiben, 
Lass ich es bleiben. . . 



195 



14* 



TTTEOPOR LEHOCZKY 



X. 



.Geistlicher will ich weiden, 
Ein Geistlicher will ich sein. 
Wenn ich das Gloria patri sing, 
So kommt mir mein herzgeliebtes 
Schätzerl in Sinn. . . 
Oh Himmel, was hab ich gethan! 
Die Liebe ist schuld daran; 
Gehe ich im Gasserl auf und ab, 
Da sehe ich zwei Lieben beisammen 

stehen; 

Undichmussin mein Kloster gehen. 

Stehe ich am hohen Berge, (Thal, 
Schau ich hinunter ins tiefe tiefe 
Da sieh ich Schitilein fahren, 
Darinnen viel Reiter waren. 
Der allerjüngste Reiter, 
Den ich im Schifflein sah, 
Er gab einmal zu trinken 
Aus einem venedischen Glas. 
Warum gibst es mir zu trinken 
Warum schenkst du mir den Wein ? 
Ins Klosterlein will ich gehen, 
Will die Gottesdienerin sein. 
Bei der Nacht um Mitte, 
Der Schleier trennet schwer. . . 
Pferdeknecht, liebster Pferdeknecht 

mein, 

Sattel mir und dir ein Pferd, 
Ins Kloster wollen wir reiten, 
Das Reiten ist schon wert 



O Himmel, was habe ich gethanf 
Da kommt meine Mutter und Vater 

daheim, 

Sie kommen und suchen mich heim. 
Da kommt mein Bruder und Schwes- 

ter r 

Sie kommen und schauen mich an. 
0 Himmel, was habe ich gethan! 
Die Liebe ist schuld daran. 
Und ich muss in der Kutte nach harn ! 



XI. 



Wie sie zum Kloster hin kommen, 
Ganz traurig klopft er an: 

Ist mein Herzenslieb darinnen, 
Soll ein wenig ausergehen. 
Sie darf nicht ausergehen, 
Ihre Haare sind abgeschnitten, 
Zu einer Nonne ist sie bereit. 
Er setzt sich auf sein Pferd 
Und reit ein wenig dahin, 
Sein Herz zersprang in Stücke, 
Vom Sattel fällt er herab. . . 
Mit ihrem kleinen Messer 
Sie macht ihm das Grab, 
Mit ihren schwarzbraunen Äugeln 
Sie ihm das Weichwasser gab. 
Bist dus wegen meiner gestorben 
Und hast gelitten den Tod, 
So denk an Jesum Christi, 
Der selig machen kann. 



XII. 



Kleine Rose, grüne Blätter, 
Streichelt mir mit leiser Hand, 

Und mit Bändlein umgegeben 

Tröste mich Mädchensgesang 

Was nützte mir mein junges Leben, 



Wenn ich nichts zu lieben hab. 
Einzeln gehe ich in Garten, 
Schneid die schönste Rose ab, 
Trag sie vor den grossen Spiegel, 
Sie gefreut ihr Wunderkeit. 




1% 



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l> KITSCHE VOLKSPOESIE IN UNGARN. 



Vater Mutter will's nicht haben, 
Schönster Schatz das weisst du wohl, 
Thu mir nur die Wahrheit sagen, 
Wenn ich wieder kommen soll. 



Wenn die Berglein sieh werden nei- 

[gen, 

Und die Donau neiget sich, 
Und die Distel tragen Feigein, 
So lang werd ich lieben dich. 



XIII. 



Jetzt fängt sich schon das Früh- 

[jahr an, 
Und alles fängt zu grünen an, 
Das Vöglein singt, das hört man 

[schon, 

Bei der Nacht, bei Sonnenschein, 



Und alle Sternlein leuchten fein, 
Jezt geh ich zu mein Schätzerlein. 
Da seh ich schon ein andern drin, 
Jetzt geh ich Uber Berg und Thal 
Dort singen schön die Nachtigal. 



XIV. 



Dort oben auf dem Berge, 

Dort stehen zwei Rosesträuchlein; 

Gebogen bis zu der Erde, 

Dort lege ich mich darunter. 

Da träumet mich ein Träumelein, 

Als wenn ich schlaf bei der Junge 



Bardhäz, Bardhäz muss ich meiden, 
O du wunderschöne Stadt; 
Darin, darin muss ich verlassen 
Meinen auserwählten Schatz. 
W r enn ich über die Gasse gehe, 
Alle Leute schauen auf mich; 
Aus meinen Äugelein fliesst Wasser 
Als der grösste Donaufluss. . . 
Spielet auf, ihr Musikanten, 
Spielet auf ein Seitengespiel, 
Meiner Herzliebsten zu gefallen — 
Siehe dich heut und nimmermehr. 
Rosmarin, du grüner Stengel, 



Wie ich früh erwache. 
So steht das alte Kammerweib 
Bei meinem Bett und lachte fein 
Für ein Stüklein weisses Brod 
Und für ein Gläslein Wein. 



XV. 

Wünsch mein Schatz ein gute Nacht, 
Weil ich sie verlassen muss. . . 
Wie ich über die Brücke gehe, 
Wend' ich mein Äugelein hin und 

her, 

Stadt Bardhäz, Bardhäz 
Zeiget mir den Rückenkehr. 
Schönster Schatz, du kannst ja 

schreiben, 
Schreibe mir ein Briefelein, 
Und schick zu mir mit die kleinen 

Waldvögelein — 
Sieh dich heut und nimmermehr. 



197 



LUDWIG BARÖTI 



XVI.«) 

Aus, und aus, und aus und aus, Ein, und ein, und ein, und ein, 

Bei den Rezis Tor hinaus. In Hansel' sein Tor hinein, 

Ob sie werden gliiklich sein, Ob sie werden glüklich sein, 

Das weiss der liebe Gott allein. Das weiss der lirfbe Gott allein. 

Maschieren, maschieren. 



B) Deutsche Volksballaden aus Sudungarn. 
(Aus Orczyfalva u. Merczyfalva.**) 
Aufgezeichnet ton Karl Grünn. Mitgeteilt durch Ludtcig Baröti 
1. Der Schmiedage8ell. *••) 

Es war einmal ein Schmiedsgesell, l ) 

Ein gar ein wunderschönes Blut, 

Der beschlaget dem jungen Markgrafen seinen Wagen, 

Und der war schön und gut. 

Und als der Wagen verfertiget war, 

So legt er sich nieder und schlief, 

Da kam dem jungen Markgrafen seine Frau, 

Mit heller Stimme und rief: 

»Ach Schmiedsgesell fein, Schmiedsgesell mein, 
Steh' auf und lass mich hinein ! 
Bei nander wollen wir schlafen, 
Mein eigener sollest du sein a 

Und wie sie geglaubt han, sie wären allein, 
So führet der Teufel das Kuehlmensch *) nein. 

nt Ach Herr, ach Herr, ach strengster Herr, 
Gross Wunder um unserer Frau: 
Sie schlaft beim schwarzbraunen Schmiedsgesell, 
Ja Schmiedsgeselle allein! 4 " 4 

* ) Wird gesungen, wenn die Braut vom Elternbaus w eg, und naoh der Trauung, 
wenn sie ins BräutigamshauR eingeführt wird 

**) In Merczyfalva (Merczydorf) wurden 1734 Italiener, 1752 Franzosen an- 
gesiedelt; diese verschmolzen aber mt den 1765 u. 1770 zumeist aus Trier, Loth- 
ringen u. Luxemburg eingewanderten Deutschen. Orczyfalva ist eine Niederlassung 
von Schwarzwäldern aus dem Jahre 1785. 

***) Vgl. Wunde rhom, (R.) S. 455— 466. Simrock, 102—104 S 4«?. 

') Im Wunderhorn und bei Simrock: ein Zimmergesell. 

») Im Wundernhorn und bei Simrock: das älteste Kammerweib. 

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DEUTSCHE VOLKSPOESIE IN UNGARN. 



Und als der junge Markgraf es erfuhr, 
Ein'n Galgen Hess er bau'n, 
Von rothen Gold und Edelgestein, 
FüYn Schmiedsgeselle allein. 

Und als der Galgen verfertiget war, 
So Hess man ihn führen hinaus. 
Da kommet Pardon vom Kaiser: 
Man soll ihn lassen aus. 

Was zog dem jungen Markgrafen seine Frau 
Aus ihrer riechenden Tasche? 
Fünfhundert Stück von rothem Gold. 
Für'n Schmiedsgeselle allein. 

„Ach Schmiedsgesell fein, Schmiedsgesell raein, 
Wo reis't denn du es jetzt hin?" 
„„In Pesth und Ofen bin ich es gewesen, 
Jetzt reis' ich wieder nach Wien."" 

..Wenn du es das Geld verzehret hast, 
So kommst und schläfst wieder bei mir. 
Wenn dir s der Wein zu sauer ist, 
So lass dir einschenken ein Bier." 



2. Das Lied vom Ringe. *) 

Es waren drei Soldaten, 
Spazieren woll'n sie gehn. 
Spazieren sein sie gegangen, 
Am Rheinstrom sein sie gefangen, 
Gefangen wohl an dem Rhein. 

Was thut man ihnen rüsten? 
Ein'n Wagen mit sechs Ross', 
Darauf soll man sie führen, 
Vom Rheinstrom bis nach Triren, ') 
Zu Triren wohl in die Stadt 

*) Vgl. Wunderhorn, 35—87. S. Erk, 30-34. S. {12, 12a, 12b, 12c; Sim- 
rock, 12«— 127. S. 

») Triren = Trier; bei Simrock: Strasburg; bei Erk: Strasburg und Düring . 

199 



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LUDWIG BABÖTJ 



Was thut man ihnen bauen ? 
Ein' Thurm und der war hoch, 
Darin müssen sie's verbleiben, 
Kurzweil müssen sie sich vertreiben. 
Kurzweil dauert ihnen gar lang. 

Es war ein Mädchen von achtzehn Jahr, 
Dem sein Schätzchen war auch dabei. 
Sie sprang wol über die Gassen, 
Wo Schreiber und Kaufleut sassen, 
Dem Gefangenen wohl vor die Thür. 

Was zog sie aus ihrem Fürtüchlein? 
Ein Hemd war weiss gewasch' : 
„Da hast, du Hübscher, du Feiner. 
Du schon Herzliebster meiner, 
Das soll dein Todtenhemd sein ! u 

Was zog er von seinem Fingerlein? 
Ein'n Ring, von Gold so roth: 
„Da hast, du Hübsche, du Feine, 
Du schon Herzliebste meine, 
Das soll dein Trauring sein!" 

„Was soll ich mit diesem Goldsringlein thun f 

Den ich nicht tragen kann?" 

,Leg du's hin in Kisten und Kasten. 

Lass du's Goldringlein rasten, 

Bis an den jüngsten Tag ! a 

r Und wenn ich über Kisten und Kasten komm" 

Und schau's Goldringlein an, 

Ich mein', mein Herz müsste brechen, 

Ich möcht' mich selber erstechen, 

Gross Unglück fang' ich an.* 

Der Grossmajor *) steht an der Wand 

Und höret dem Reden zu: 

„Den jüngsten Soldat will ich dir schenken, 

Dass du an mich sollst denken, 

Wenn ich schon lieg im Grab " 

') Bei Erk, oimrock and Wanderhorn: Commandant; bei Erk noch : Haupt- 
mann, Amtmann, Graf. 

200 



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DEUTSCHE VOLKSPOESIE IN UNGARN. 



! 



Das Mädchen fiel auf seine Knie 
Und küsst ihm Händ' and Fuss' : 
„Gott wird Euch schon belohnen, 
Im Himmel und da droben, 
Wenn Ihr schon liegt im Grab ! tt 

(Orczyfalva.) 

3 Der todte Freier. *) 

„Ach Gott, ich mach keinem die Thür nicht auf, 
Ich habe versprochen die Eh'. a 
„„Und hast du versprochen die Eh', 
Vielleicht werd' ich der sein!"" 

„Reich herein, reich herein deine Händlein, 
Wenn du er sollst sein! 
Ach Gott, du schmeckst l ) ja nach Erde, 
Als wenn es der wahre Tod wär'!- 4 

„„Wie soll ich denn nicht schmecken nach der Erde? 

Acht halbe Jahr schon bin ich todt. 

Zünd nur an, zünd' nur an ein Kerzenlicht, 

Weck nur auf, weck nur auf deine Hausleut'; 

Weck nur auf dein 1 Vater und Mutter, 
Der Bräutigam ist bereit. 
Schneeweiss musst dich ankleiden, 
Grün's Kränzlein musst aufhaben. 

Und wenn es das Erste läutet, 
Empfängst du das Sakrament, 
Und wenn's das Dritte läutet, 
Nehm' ich mir dein seliges End!" J 

(Merczyfalva.) 

— — i — 

4. Die Kindesmörderin. **) 

Es treibt ein Schäfer die Schäflein 'naus, 
Er höret schreien ein Kindelein klein. 

•) Vgl. Erk, 74 76. S. (24, 24a, 24b.) Ethnol. Mitt. a. Ungarn, I. 841—342. 
*) 8chmeckst = riechst. 

**) Vgl Wunderhorn, (K), 432. S. Erk, 140-146. S. (41,41a,4lb, 41c, 41d.) 
Simrock, 86-88. 1. (37, 87a.) 

201 



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LUDWIG ÜARÖTI 



.Ach Kindelein klein und wo du bist, 

Ich hör' dich schreien und sieh dich nicht.» 

„.Ach Schäfer, herzliebster Schäfer raein, 

Komm' her und hole mich heraus, 

Weil raeine Mutter hat Hochzeit zuhaus!"* 

,Wie kann denn die Braut deine Mutter sein, 
Sie tragt ja noch grün Kränzelein? 4 

„ n Und sie mag tragen grün oder roth, 
Sie hat ja schon drei Kinder todt : 

Das erste hat sie in'n Mist begrab'n, 

Das zweite hat sie's in'n Brunnen 'nein geworf, 

Und mich hat sie in einen hohlen Baum versteckt Mu 

Und wie das Kind nach Haus ist komm'n, 
Die Hochzeitleut' verstaunen sich bald. 

„„Ach Hochzeitleut', verstaunet euch nicht, 
Nun weil die Braut meine Mutter ist! utt 

„Wie kann denn die Braut deine Mutter sein, 
Sie tragt ja noch grün Kränzelein ?" 

„„Und sie mag tragen grün oder roth, 
Sie hat ja schon drei Kinder todt: 

Das erste hat sie in'n Mist begrab'n, 

Das zweite hat sie's in'n Brunnen 'nein geworf, 

Und mich hat sie in einen hohlen Baum versteckt. a * 

Und wenn das Wort nicht wahr soll sein, 
So kommt der Teufel zum Fenster herein. 

Er nahm die Braut an ihrer schneeweissen Hand 
Und führt sie in das hindrische Land. 

Ins hindrische Land, in die höllische Pein, 
Da soll der Braut ihre Hochzeit sein. 

(Orezyfalva.) 





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DEUTSCHE V 0 LK SPOESIE IN UNGARN. 



5 Ritter St. -Georg •) 

Der Ritter Sankt Georg, der heilige Mann, 
Hilf Maria! 

Er reitet für eine sehr prächtige Stadt, 
So helfe uns Gott und Maria! 
Allein da liegt ein gewaltiger Drach, 
Hilf Maria! **) 

Der Drach hegehrt alle Tage ein Kind, 

Und dazu ein ganzes Rind. 

So helfe uns Gott und Maria! **) 

Die Herrn die führen ein' heimlichen Rath, 
Welcher denn sein Kind hergab? 

Der Rath der fallt aufm König sein Kind, 
Dem König sein Kind muss selber dahin. 

Jungfräule steigt auf den Berg hinauf, 
Sie kniet sich auf 'nen Marmelstein, 
Und dorten bet' sie ganz allein. 

Und als sie kniet wol auf dem Stein, 

Da kommt der Ritter Sankt Georg geritten. 

„Jungfräule was thut ihr denn ganz allein?' 
„Hier wart 1 ich auf das wilde Thier, 
Und dass es mich gleich verzehren thut K 

Jungfräule geht ihr es nur nach Haus, 
Der Drach wird bald getödtet sein!' 

„Mein Kind, wer hat denn dieses gethan?" 
„Dies hat der Ritter Sankt Georg gethan." 

„Hat dieses der Ritter Sankt Georg gethan, 
So woll'n wir ihm geben das halbe Königreich, 
Und dazu meine Tochter zugleich " 

„Das halbe Königreich, das will er nicht 
Das braucht ein grosses Dienstgeschicht." 

•) Vgl. Wtmderhurn, 103-lOfi. S. 
*•) Refrain in jeder Strofe. 

203 



A. SCHWAN FELDER 



,Baut ihr's nur ein Kirchlein klein 
Darinnen bin ich mit Maria allein.' 

(Merczyfalva.) 

Als Probe des eigentlichen Dialektes diene folgendes Lied : 

„Heut Nacht is Samschtachnacht, Der Bü, den ich nicht mag, 

Das Herz em Leib mir lacht, Der kommt sonscht alli Tach, 

Heut Nacht gehts luschtich zu, Doch der mei Herz erfreut, 

Do kommt mei BÖ! Kommt endlich heut. 4 * 



C) Aus Bresztovdcz, Südungarn. 

(Mitgetelt vom Lehrer A. Schuanfelder.) 

L Zahlenlied.*) 

Bist du die Sängerin in unseren Haus, 

Gib den Pfarrer Sängerin aus (?) 

Sag mir, was ist eins? 

Eins allein ist Gott allein, 

Der da lebt und der da schwebt 

Im Himmel und auf Erden. 

Bist du die Sängerin, u. s. w. 
Sag mir, was ist zwei? 
Zwei tapfer (d. i. Tafeln) Moises. 
Eins allein ist Gott allein, u. s. w. 

Bist du die Sängerin, u. s. w. 

Sag mir, was ist drei, u. s. w. (bis neun) 

Bist du die Sängerin in unseren Haus, 

Gib den Pfarrer Sängerin aus (?) 

Sag mir, was ist zehn ? 

Zehn Gebote Gottes, 

Neun kehrt (Chöre » der Engel, 

Acht zu der (?) Seligkeit. 

Sieben Sakramente, 



•) Beliebtes GesellschaOslied bei Familienfesten. 

204 



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DEUTSCHE VOI.KSl'OESIE IN UNGARN. 



Sechs Kandel kühlen Wein 

Schenkt der Herr seine Jünger ein, 

Fünf guie Kristen, 

Vier Evangelisten, 

Drei Patriarchen, 

Zwei tapfer (!) Moises, 

Eins allein ist Gott der Herr 

Der da lebt und der da schwebt 

Im Himmel und auf Erden. 



II. Scherzlieder. 

1. Ich schwör auf meiner Seel, 
Ich esse nichts von Mehl, 
Als Xudl und Strudl, 

Und heurigen Köhl. 

2. Drei Duzend alte Weiber, 
Gott verzeih mir meine Sünd, 
Bei der Arbeit sind sie langsam, 
Beim Fressen und Saufen aber flink. 

3. Schöne Mariandl, 

Mit dem kurzen Gwandl, 

Bild' sich a noch ein Fleck ein, 

Sie hat die Strumpf gebunden 

Mit dem Schürzelbandl, 

Und die Haube mit dem Strick. 

Voll mit Schneckenhäusl, 

Und den Küttl gfranzt ein, 

Das Gsicht hat sie voller Rupa-Tupa, 

Und das Gnack voller Gnnt. 



III. Strolchpoesie. 

In verrufenen Dorfspelunken schlemmt nächtlicher Weise verlot- 
tertes Gesindel, die Hefe der Dorfjugend beiderlei Geschlechtes. Schwel- 
gend werden da rohe Gassenhauer und unflätige Knittelverse geschmie- 
det, Bubenstücke, Diebereien werden geplant und ausgeführte begungcn . 



205 



A. 8C1IWANFELDKR 



Einige Proben dieser ländlichen Galgenpoesie will ich in den nachfol- 
genden Diebssprüchen mitteilen. 

1. 

Gänse und Enten gebraten im Nest 

Schmecken viel besser, als Fasanen verzuckert in Pest. 

2. 

Dem Lehrer und Pfarrer ihre Trauben sind gar so süss, 
Sie schmecken so wolfeil, nun merke dir dies. 
Dem Spitz-Michl tut aber weh dann der Kopf, 
Wenn der Lehrer ihm packt und beutelt den Schopf. 

3. 

Äpfelstehlen ist nur a Bubenstück, 

So denkt und spricht stets Nachbars Nick. 

4. 

Der Nachbar hat a schöne Gans, 
Die g'hört schon halb dem Spitzl-Franz ; 
Verkauft sie schon, er hat's noch nicht, 
Er lügt sich an, der dumme Wicht. 

5. 

Dem Pfarrer sei Gans'l Schrein gick, gack. 
Wir haben sie schon halber in unser m Sack. 
Wir rupfen sie schon, wir braten sie aus, 
Und machen uns lustig beim fetten Schmaus. 

6. 

Gestohr n bin ich aus dem Haus, 
Wenn ich mal aus dem Stall bin draus: 
Dann kräht gewiss ka Hahn nach mir, 
Ich komm gewiss nie mehr vor eure Thür. 
Sie hab'n mich g'steckt in 'n grossen Topf. 
Und g'fressen dann mit Haut und Schopf. 

7. 

Eins, zwei, drei, 

Der Nazi ist dabei, 

Äpfelstehl'n ist ka Sünd, 

Denn man wird dabei nit blind ; 

Nur muss man sein dabei recht flink, 

Dass sie uns nicht fangen, 

Und durchprügeln mit Stangen ; 



206 



DEUTSCHE VOLKSl'OESIE IN UNGARN. 



Denn das tut weh, weh, weh, 

Wenn man geledert wird and kriegt Schläh. 

8. 

Schuster lied') 
Schuster Johann steht wol auf, 
Geht zum Garten, macht das Thirl auf, 
Da kommt auch seine Abolonia (Apollonia) raus; 
Johann, lass den Räuber nicht aus! 
Ja Abolonia, ich hab ihm beim Kopf, 
Er hat mich an meinen Kurkelknopf (Gurgel). 
Schau Johann, dass du ihm bekommst beim Frack, 
Er steckt uns ein Finwer in Sack. 
Er nimmt den Donnadi bei der Hand, 
Und fiert ihn ins Zimmer zum Ofen an die Wand, 
Dann zieht er seine Zieger an 
Und fangt mit Donnadi zu sprechen an : 

„Wennstduuns nicht sagst, was das andere fi er (für) ein Bu (Bub), 
So wirst du eingesperrt bis morgen in der früh!" 
Der Bartmann**) kommt auf die Ortswacht ; 
„Jefta***) hab du auf den kerl mir acht, 
Denn es ist nicht Tag, sondern es ist Nacht." 
„Gedichtet in 1887. Dichter waren Donnadi Nowak und Karich Franz 

in Brestowacz." 



D) Aus Pancsova. 
(Aus den wertvollen reichen Sammlungen der Frau Maja Hoffmann-Wigand in 

Pancsova.) 

I. Lieder. 

i. 

Stets in Trauerheit muss ich leben, 
Sag, warum hab' ich's verschuldt? 
Weil mein Schatz ist untreu worden, 
Muss ich leiden mit Geduld. 
Treue Liebe geht von Herzen, 

•) Nach dem Originalnunuscript. Die genannten zwei Strolche wurden beim 
Apfeldiebstahl im Garten des Schosterm eiste rs ertappt, Karch entkam, Donadi wurde 
festgenommen; beide mussten je 5 fl. Strafe zahlen. Sie dichteten d>es Lied und 
producierten es des Nachts auf der Gasse. 

*') So hies der Ortsricbter 

••♦> Der Ortswäcbter. 

207 



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MAJA HOFFMANN- WIGAND 



Falsche Liebe brennet heiss ; 

Oh wie glücklich ist der Jüngling, 

Der von keiner Lieb nichts weiss 

Lieben sind zwei schöne Sachen, (?) 

Wenn man keiner Falschheit spürt, 

Täglich thut das Herze lachen, 

Wenn man Stillstand kürasiert. (?) 

Spielet auf ihr Musikanten, 

Spielet auf ein schönes Gspiel; 

Mir und meinen Schätzchen zu Gefallen, 

Weil sie ist die schönste unter allen. 



2. 



Fraget nicht, warum ich weine, 
Warum ich so traurig bin? 
Ei, mein Schatz hat mich verlassen, 
Darum weine ich so sehr. 

In den späten Abendstunden, 
W r o ein jedes Vöglein ruht, 
Sitz ich armes Kind und weine, 
Brennt mein Licht so traurich zu. 

Hau' ich Tinte, hau' ich Feder, 
Und ein wenig Schreibpapir, 
Möcht' ich mir die Zeit aufschreiben, 
Die du gwesen bist bei mir. 

Meine Thräne ist die Tinte, 
Meine Wange das Papier, 
Meine Schmerzen ist die Feder, 
Schönster Schatz, das schreib ich dir. 



Wenn mein Herz ein Fenster hätte, 
Dass du schauen könnst hinein, 
Fels und Berg möcht' sich erbarmen 
Über meine Leidenspein. 

Gieng' ich auf der Strass' spazieren , 
Alle Leute schaun auf mich ; 
Aus meinen Augen fliessen Thränen, 
Dass ich gar nicht sehen kann. 

Ist das nicht die Friedhofsstrasse? 
Ist das nicht das Kirchhofsthor? 
Ist das nicht meins Liebchens Grabe, 
Das ich nicht vergessen soll. 

Ja das ist die Friedhofsstrasse, 
Ja das ist das Kirch hofsthor, 
Ja das ist meins Liebchens Grabe, 
Das ich nicht vergessen soll. 



3. 

Der Kukuk auf dem Zaune sass, 

Es regnete und er war nass; 

Da flog er auf des Goldschmieds Haus 

„Du mein lieber Goldschmied mein, 

Schmied mir und dir ein Ringelein, 

Schmied's mir und dir an die rechte Hand, 



208 



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DEUTSCHE VOLKSPOESIE IN UNGARN. 



Damit ich flieg' ins Ungarland, 
In Ungarland dort ist gut sein, 
Dort sind die Mädel hübsch und fein, 
Und die Burschen — wie die Schw.ein'. 
In Ungarland dort gibt's gut Brot, 
Dort sind die Mädel hübsch und roth, 
Und die Burschen — wie der Tod. 
In Ungarland dort gibt's gut Bier, 
Dort sind die Mädel hübsch und für, (?) 
Und die Knaben — wie die Stier.' 
In Ungarland dort gibt's gut Speck, 
Dort sind die Mädel hübsch und keck, 
Und die Knaben — wie der D 

II Hochzeitsprüche. 

Nun wollen wir holen den Herrn Hochzeiter und seine Braut 

Die ihm zur Seite war vertraut, 

Die wollen wir zur Kirche führen 

Und ihren Kirchengang helfen schmücken und zieren. 

Gott sorgt für alle Dinge. 

So wird uns viel Glück und Segen bringen. 

„Bringt mir die Jungfer Braut heraus!* 

Da bring ich eine, die hat Verstand, 

Wem sie gehört, ist sie bekannt, 

Sie hat auch schon vieles erfahren, 

Das zeigen die grauen Haaren. 

„Die will ich nicht, die mag ich nicht, 

Die sieht gar sauer im Gesicht. 

Was soll ich mit der Grauen machen, 

Da möchte mich mein Herr auslachen. 

Bringt mir die Jungfer Braut heraus." 

Da bring ich eine, die ist schön fein, 

Allein sie hat ein krummes Bein, 

Die schläft gar lang und frisst gar viel, 

Keine andre hab' ich nicht mehr hier. 

„Wass soll ich mit der Krummen machen, 

Da möchte mich mein Herr auslachen, 

Die Siebenschläfrin braucht kein Mann, 

Der Herr will eine frische hab'n. 



Hernnann Ethnologischen Mitteilungen. 209 



15 



MAJA HOFFMANN- WIGAND 



Bringt mir die Jungfer Braut heraus.* 

Da bring' ich eine, jung von Jahren, 

Wenig hat sie auch erfahren, 

Sie will nichts thun als müssig gehn, 

Beständig vor dem Spiegel stehn. 

Der Herr ist mir ja gar so karjos, (kurjos) 

Er schaut nur auf die Jugend blos. 

„Warum sollt* ich nicht karjose sein, — 

Schaut nur den jungen Herren an, 

Der will eine solche Jungfrau haben, 

Die wohlgeziert in allen Gaben. 

Bringt mir die Jungfer Braut heraus." 

Da bring ich eine, die ist recht schön, 

Ich mein, Ihr könnt't mit ihr bestehn. 

„Das mag ja wohl die rechte sein, 

Weil ihre Augen stehn zum Wein'n 

Und ihre Haare so schön geschmückt. 

Nun wollen wir sie zur Kirche führen, 

Und ihren Kirchengang helfen zieren, 

Seid nur getrost, in kurzer Zeit 

Wird sich befinden Lust und Leid — — Viffat!" 



Fresse mich die Würmerschwein Hans hinterm Ofen, 



HI Kinderreime. 



1. 



Saft, Saft, Seide. 
Hör in die Weide, 
Hör in die Grabe, 
Fresse mich die Rabe, 



Was willst mit de Stanche? 
Spätzche werfe. 
Was willst mit de Spätzche? 
Sode, brate. 



(Wildschwein.) 



Hans hinterm Dach, 
Lässt mei Pfeifche e helle, 



Mutter, geb mer Nägelcher. 
Was willst mit de Nägelcher? 
Säkelche machn. 
Was willst mit de Säkelche? 
Stanche lese. 



Helle licbtiche Krach, 
Geht mei Pfeifche los. 



(Beim Schälen der Weidenast 
pfeifen.) 



2 



Heitschi popeitschi, 
.Nach Spilrak zu, 



Dort tanzen die Bauern, 
Dort klappern die Schuh'. 



210 



HOCHZEITSPRÜCHE der hienzen. 



Mei Mutler backt Kräpl, 
Sie backt sie so hart, 
Sie sperrt sie im Kasten, 
Und gebt mer net satt. 
Drei Brocke zum locke, 
Komm bi, komm bi ! 



Ich hab selber net mi. 
Ach Mutter, ach Mutter, 
Wenn Ihr mir's noch einmal so 

[macht, 
So nemm ich mein Bündel, 
Und sag gute Nacht. 



3. 



Ans, zwa, drei, 

Bika Bohne brei. 

Bika Bohne Pfefferkern, 

Mei Vater will a Schnitzer wem ; 

Schnitz zwei Taube, 



Wer will's glaube? 
Ich oder du, 
Hamle, hamle muh ! 
Was die alte Kuh s 
Das frisst du ! ! 



•t, 



(Auszählereim ) 
4. 

Herrgottskäferche, tlieg fort. 
Flieg fort auf Szegszärd, 
Bring mer a neue Rocksack. 
(Marienkäfer.) 



5. 



Heio popole. 

Zukerche wolle mer hole. 



Zuker und süsse Mandelkern 
Essen die klanen Kindercher gern. 



Hochzeitssprüche der Hienzen.*) 

Mitgeteilt von Samuel Kurz.**) 
Gästeladen. 

Gelobtzei Jesus Christus. Meine lieben Herrn Vetter und Frau 
Mam, Sie derfen uns nicht in übel aufnehmen, dass wir Ihnen so spät 
überlaufen sind Wir sind zwei ausgeschickte Botten von unsern jungen 
Herrn Breitigam samt seiner versprochenen Jungfrau Braut. Indem 
sie sich besonnen haben, den ledigen Stand zu ändern, und den heili- 
gen Ehestand anzutreten, so lassens in Herrn Vetter und der Frau 

*) Vorungarische deutsche Colonien im Com i tat Vas tEisenburg) and Sopron 
(ödenburg.) 

*•) Ethnographia 1892. Januar. 



211 



16* 



SAMUEL KURZ 



Mam einen guten Abend winsehen und auch bitten, dass Sie megen 
begleiden helfen auf alle Gassen und Strassen, auf alle Wege und 
Stege, zu Wasser und zu Lande, und endlich zu des Priesters Hand, 
dort wird ein neuer Bund geschlossen werden, welchen niemand auf- 
lesen kann, als nur Gott und der Tot. Von Gottes Haus wird sie 
führen der Breitigara in sein Vaters Haus, dort wird ihnen vorgetra- 
gen werden Wein und Brot und andere Gottesgaben; auch wird Mu- 
sig sein. Wenn's im Herrn Vetter oder die Frau Mam beliebt einige 
Stück Ehrentanz zu raachen, somit bitten wir um einen guten Bericht 
nach Hause zu bringen. Mit diesen schliessen wir unsern schönen Gruss. 
Gelobtzei Jesus Christus. (Neuthal.) 

Brauttanz. 

Gelobtzei Jesus Christus. Ich wolde wünschen, dass wir auf der 
himmlischen Hochzeit auch so frölich beisamen sein, wie auf der weltlichen. 
Musiganten vivat! 

Meine lieben Herrn Bettleute und Ausgeber, Junggesellen und 
Kranzljungfrauen und alle eingeladene Hochzeitgäste; ich täte bitten, 
wenn ich einen Verlaub hätte, die Jungfrau Braut aufzufordern Ist 
das nicht schön, wenn Eltern ihre Kinder so gross auferziehen, dass 
sie können zum allerheiligsten Altare gehen, um dort ehrbar und christ- 
lich kupliert zu werden. 

Musiganten vivat! • 

Jungfrau Braut, Jungfrau Braut, schau an diesen grünen Ehren 
kränz, wie schön er geziert ist, zum erstenmal, zum zweitenmal, zum 
drittenmal, und zum letzten: jetzt hast du ihm auf deinen Haupt ge- 
habt, und dein Lebtag nimmer, bevor du ihm auf dein Haupt wirst 
setzen, werden alle Distel und Dornen rothe Rosen tragen. 

Musiganten vivat. 

Meine lieben Herrn Bettleute und Ausgeber, Junggesellen und 
Kranzeljungfrauen und alle eingeladene Hochzeitsgiiste, ich täte bitten, 
wenn ich Verlaub hätt, die Jungfrau Braut aufzufordern, oder ihr mit 
einen Glas Wein aufzuwarten, welcher gewachsen zwischen Köln und 
Rhein, und ist er nicht gewachsen zwischen Köln und Rhein, so ist 
er doch gewachsen zwischen Sonn- und Mondesschein. Ist die Jungfrau 
Braut gesund oder krank, so geht sie herüber über Tafel und Bank. 
Ist sie frisch und wohl in Muth, so springt sie über mein Buschen 
und Hut. 

Musiganten vivat! 



212 



SIKHENnCRGLSCHK KINDERSPIELE. 



Kranzl- Abtanzen. 

i 

1 . Herr Vetter Ausgeber, wenn ich die Erlaubnis hätte, der Jung- 
frau Braut ihren grünen Kranz von ihrem Haupt zu nehmen u. den- 
selben ihr nimmermehr aufzusetzen. Vivat! 

2. Nun Jungfrau Braut! Siehe an deinen schönen grünen Kranz, 
den du dir in deiner Jugend so schön gezieret u. gepflanzet hast. Ist 
das nicht ein schöner Kranz, den man in der Jugend zieren u. pflan- 
zen kann? Denn nicht jede Braut kann einen solchen grünen Kranz 
auf ihrem Haupte tragen! Vivat! 

3. So wenig soll die Jungfrau Braut einen grünen Kranz auf 
ihrem Haupte tragen, als dürre Distel rothe Rosen tragen; eher werden 
dürre Distel rothe Hosen tragen, als die Jungfrau Braut einen grünen 
Kranz auf ihrem Haupte trägt. Vivat! 

4. Jetzt Jungfrau Braut musst du alle Burschen meiden u. bei 
deinem Mann verbleiben, u. du Jungherr Bräutigam musst alle Mädchen 
meiden u. bei deinem Weib verbleiben. Vivat! 

5. Jetzt heisst's Kranzerl weg und's Häuberl her, Jungfrau g'west 
u. nimmermehr. Und wenn sie gleich keine Jungfrau ist, so ist sie 
doch a Weiberl, u. trägt sie gleich kein Kranzerl nicht, so trägt sie 
doch a Häuberl. Vivat! 

6. Nun Herr Vetter Ausgeber! Ich möchte mir untertänigst ausbitten, 
wenn ich die Erlaubnis hätte, die Jungfrau Braut auf drei christliche Ehren- 
tänze aufzufordern, u. zwar den 1. für mich; den 2. fürn Jungherrn Bräu- 
tigam, u. den 3. für alle ehrsamen Hochzeitsgäste. Vivat! (Hier: Viva!) 



Siebenbürgische Kinderspiele. 
/. Sächsisch. *) 
Mitgeteilt tob Dr. H. v. Wlislocki. 
1. Jakobel wo baat da? 

Fangspiel. Sie fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis . 

In der Mitte hält eines mit verbundenen Augen zwei Schlüssel. Sie 

singen im Chor: 

Bas menj Husen blein Kam Jakobel, kam! 

Hej am hischen Gorten, Kost da et na fen, 

Det Jakobel mausz Dön kost da der uch 

Noch gor lange wörten! E hisch Risken nen! 



•) S. Ethnograpbia, III. 24-28. 

213 



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DR. H. V. WLI8L0CKI 



Das Kind mit den verbundenen Augen wirft einen Schlüssel in 
den Kreis ; ein Mitspieler hebt ihn auf, tritt in den Kreis und berührt 
damit den Schlüssel des im Kreis stehenden. Dieser ruft: „Jakobel, 
wo bast da?" Nun schlägt der andere mit dem aufgehobenen Schlüssel 
wieder auf den des Blinden ; wenn dieser, an einem Platz stehend, den 
Jakobel fangen kann, tritt dieser an seine Stelle. 

2. De old Waderhex. 

Ein durch das Los bestimmtes Kind, die Wetterhexe, setzt sich 
auf den Boden, sein Kopf wird mit Laub oder Stroh umbunden. Auch 
die Mitspielenden, Katzen genannt, haben Laub- oder Strohbüschel am 
Oberarm, und singen im Kreis hüpfend : 

Do satzt de old Waderhex Walst da Katzen hun, 
Am Rän uch am Sehne, Mauszt ze as da kun 

Wat gen mer ar zu essen ? An aller £1 
Zacker uch Kafe! Af dem Besestel, 

Zipfel, zapfel, Baterkrappel, Hopp, hopp, hopp! 

Die Wetterhexe, auf einem Besen oder Stecken reitend, sucht 
die Katzen zu haschen ; jede hat eine bestimmte Freistätte. Gefangen 
st die Katze, wenn die Hexe ihr das Büschel wegrafft. Die Gefange- 
nen setzen sich abseits und bei jedem Fang singen sie: 

Miau, miau, miau! Ar Suhlen mauszen mer kratzen, 

Ach Breiderchen, ach Breiderchen, Miau, miau, miau! 

Miau, miau, miau! Mat aserm Schmolz 

Da bast en Hexen kaderchen. Schmert sej sech zam Donz, 

Miau, miau, miau! Miau, miau, miau! 

Mer mauszen hei na satzen, 

Unterdessen heftet die Hexe das Büschel des Letztgefangenen sich 
an (als Sinnbild von Fett und Schmeer). Wenn alle Katzen gefangen 
sind, stellen sich die Spielenden in zwei Reihen einander gegenüber, 
reichen sich vis a vis die Hände, nehmen die Hexe auf die Arme und 
wiegen sie. Dies soll das Verbrennen derselben bedeuten. 

3. Vogelsteller. 

Dem durchs Los bestimmten Kinde, dem Vogelsteller, werden die 
Augen verbunden. Die übrigen singen: 

De Vijeljen am granen Bäsch, Se spranj'n, se spranj'n. 
Se sanj'n, se sanj'n, Do kit en older, groer Mon, 

De Vijeljen am granen Bäsch, Wal Vijeljen sech fen, 

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SIEBENBÜRGISCHE KINDERSPIELE . 



Den Vijeljen am granen Bäsch, Zipi, zipi, zip! 
Den Hols wal he ösdren! Zipi, zipi, zip! 

Nun läuft eines zum Vogelsteller, berührt dessen Hand, dieser 
ruft: „ting." Nun singt es ein beliebiges Lied ; darauf wieder im Chor, 

Geschwanjd, geschwanjd Wer frojen as, wer frojen as, 

So as det Vijeljen, Won et der na wechflecht. 

Det da as, host verschecht. 

Wenn der Vogelsteller den Namen dessen, der allein gesungen: 
nicht errät, singen sie wieder im Chor: 

Vijel walst da fen, Schura dech, schum dech! 

Da older, groer Mon, Schum dech, schum dech! 

Doch wej det Vijeljen hiszt, Zipi, zipi, zip! 

Det kost da as nedj son! Zipi, zipi, zip! 

Nun beginnt das Spiel von neuem. Wenn aber der Vogelsteller 
den Namen des Singenden errät, wird dieser zum Vogelsteller. 

4. Trudefausz. 

Ein durchs Los bestimmtes Kind wird in ein weisses Linnen ge- 
hüllt und reitet auf einem Stecken im Kreise herum. In einer Hand 
hält es ein Strohbüschel. Die übrigen Spielenden dürfen nur auf dem 
rechten Fusse hüpfend ihr „Haus- verlassen. Der Reihe nach hüpfen 
sie dem Verhüllten nach und suchen aus dem Strohbüschel einige Hal- 
me zu zupfen. Je eher es einem gelingt, desto später hat er wieder 
im Kreise zu humpeln. Wer den linken Fuss auf den Boden setzt, 
wird bestraft, das heisst der Trudenfuss. 

5. Teufelsschwanz. 

Die Kinder stellen sich hinter einander; jedes fasst das vor ihm 
stehende am Kleide. Das erste und das letzte in der Reihe, Teufels- 
kopf und Teufelsschwanz, wird durch das Los bestimmt. Aufgabe des 
Teufelskopfes ist den Teufelsschwanz zu fangen, ohne die Kette zu lösen. 
In immer schnellerem Tempo wird gesungen: 

Der Tivel as gearjert, Hopphopp, hopphopp, Haar Tivel! 

De Macken patschen sen jen Schwonz ! An den Schwonz der beisz, 
Der Tivel as gearjert, Schnapp mat denjen Zandjen 

He mocht en Tivelstonz! No Macken uch no Leisz! 

» 4 

Wenn der Kopf den Schwanz haschen kann, tritt dieser aus dem 
Spiele. Wenn dem erstem während des dt eimaligen Absingens das Ab- 

215 



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DB. H. V. WLISLOCKI 



fangen nicht gelingt, so tritt der zweite in der Reihe an die Stelle des 
Teufelskopfes 

6. Uhuspiel. 

Ein Kind, der Uhu oder Todtenvogel, sitzt auf der Erde. Vor 
ihm ist ein Lappen ausgebreitet, davon einen halben Meter entfernt 
ist ein 4—5 Meter langer Strick gezogen, der „Bach" genannt wird 
und die Grenze zwichen dem Uhu und den übrigen Spielern bildet. 
Jenseits des Strickes hat jeder eine kleine Grube, das Ziel. Die Spie- 
lenden singen: 

Uhu, Uhu, Uhu; Iwern Boch da spranj! 

Tudevogel, Uhu; Uhu, Uhu! 

Am Hemel schent de San ; Meisker ech der branj ! 
Uhu, Uhu! 

Unterdessen verlässt irgend ein Mitspieler sein Ziel, und ver- 
sucht den Lappen an sich zu reissen, ohne den Strick zu übertreten. 
Jeder Mitspieler darf nur einmal nach dem Lappen greifen, und dann 
zu seinen Ziele zurückgekehrt warten, bis die übrigen alle den Ver- 
such gemacht. Wenn es dem Uhu gelingt, dem nach dem Lappen Grei- 
fenden auf die Hand zu klopfen, ohne seinen Sitz zu verlassen, ist der 
Betreffende „gestorben" und nimmt keinen Teil am Spiel. Wenn aber 
jemand den Lappen wegraffen kann, ohne vom Uhu berührt zu werden, 
nimmt er die Stelle des Uhu ein, dieser aber tritt unter die übrigen 
Spielenden, worauf das Spiel fortgesetzt wird. 



11. Deutsch*) 

Aua den Sammlungen toü Dr. Aron Riss. Kacb Aufzeichnungen der Lehrerin Araiüea 

Valent in Borgö-Prund. 

1. Grünes Gras. 

Die Kinder bilden einen Kreis, eines steht in der Mitte. Sich 
drehend singen sie: 

Grünes Gras, grünes Gras 
Unter meinen Füssen, 
Welche wird die Schönste sein, 
(oder: Welche du am liebsten hast,) 
Diese sollst du küssen. 

•) f». Ethnographie III. S. 88. 

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SIEBENBÜRGISCUE KINDERSPIELE 



Das Kind in der Mitte küsst eines im Kreis. Nun wechseln sie 
die Plätze und setzen das Spiel fort 

2 Muachketelein. 

Die Kinder singen im Kreise: 

Muschketelein, Muschketelein ! 
Ich bin ein armes Waiselein. 
Dreimal um und um und um 
Dreht sich die schöne N. um. 

(Die Genannte wendet sich um ) 

N. hat sich umgedreht, 

Hat den schönen Kranz verdreht. 

Florian, Florian, 

Hat geschlafen sieben Jahr, 

Sieben Jahr Sind um 

Und es dreht sich A. um. 

Das Spiel ist aus, wenn alle Kinder mit dem Gesicht nach aus- 
wärts gekehrt sind. 

3. Im Sommer. 

Die Kinder stehn im Kreis, das geschickteste in der Mitte. Sie 
drehen sich und s»ngen: 

Im Sommer, im Sommer, 
Da ist die schönste Zeit, 
Da freuen sich die alten 
Und auch die jungen Leut! 
Nun bleiben sie stehen; das in der Mitte klatscht, hüpft, geigt, 
u. 8. w.; die übrigen ahmen ihm nach. 

4. Der Musikant. 

Die Kinder sitzen oder stehen im Halbkreise; das geschickteste, 
der Musikant, stellt sich vor sie hin: 

Der Musikant: 

Ich bin ein Musikant 

Aus schönem fremden Land. 

Die Übrigen: 

Du bist ein Musikant 

Aus schönem fremden Land. 

Der Musikant: 

Ieh kann wol spielen. 

217 

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KKISTOF SZONGOTT 



Die Übrigen: 

Du kannst wol spielen. 

Der Musikant: 

Auf der Violine 
Vio, violine, tralala ! 

Die Übrigen: 
Auf der Violine (tralala ) 
Hierauf wird Ciavier, Zither u. s. w. nachgeahmt. Am Ende wer- 
den die Töne zusammenfassend wiederholt: 
Vio, violine, tralala, 
Pimpirim pim, pim pim pim, 
Tra ra, tra ra, 
Drum dum dum. • 

5. Paradieshüpien. 

Die Kinder zeichnen eine 3 — 4 Meter lange und l Meter breite 
Figur in den Boden: 



4 1 5 




oder : 



\ 3 / 












1 / \ 


1 


6 


7 


8 


1 

9 


2 













Dann wird ein flacher Stein ins erste, zweite u. s. w. Feld 
geworfen, und auf einem Fusse hüpfend, mit diesem hinaus geschupft. 
Der Fuss darf den Strich nicht berühren, der Stein muss ins rechte 
Feld fallen, und darf nicht auf dem Strich bleiben. Darauf folgt der 
nächste nach. Zum zweitenmal u. 8. w. wird bei dem Feld begonnen, 
wo man aufgehört hat. Wer zuerst den Stein aus dem letzten Feld 
geschafft, ist Sieger. (Vgl. Wlislocki, Vom wandernden Zigeunervolke. 
S. 136. Haltrich-Wolff, Zur Volksk. der Siebenbürger Sachsen. S. 207 ) 



Armenische Volksmärchen aus Siebenbürgen. 

Mitgeteilt von Krvtof Szongott in Szamosujvar. 
L Majre, ▼ertin jev uaapS.*) 

Orpoväri menäöhile genige, vov-or zämen hujsß meghädig vor- 
tun meö cekile. U Öhi chäpvi; zeräm deghän medznalov ez därde* 
unäöhile more. Märe ikhmäl bägsuthiun 6hi desi. 

*) Etbnographia, III. 86 



213 



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ARMEXiarHF VOLKMiABCMMf Al'8 8IKHKNBCROKN < 

Wirtin jerp äzad timänäg uner, na gerthär morin verMlu. M**g 
änkämm« morin meg «rind Aen m<- gi deSnu ; ne* gi mt-dnu, ugh 
uaipnu'i hcd gi händtbi ('hi ärhnvi irem 1 nie, hüte iu> gi khäae 
ez Iren thure jev gäAe: .Thür gt*dre !■ Thune gi pertärde ez u&apnert; 
paje jedkine gi chentivvi, or irj»*n marmnun v. ni kone m*»g kelurhme 
t hoi? hu Vi'TiatfhojtW gi gädüre ez ch.-ndirkh.' je> voghe thoghelov 
meg kt'lurhmft. gl koee ez unap«"« meg ne*i t-hurhim*' me<«. 

Khir zamängi vora njs *en(kh>in me<\ voK* Uftäpnun«' eghile, 
gl geni hed morö. W-rtin äAkir äl gerthär vörAälu; paj« tnore 
aiiler. the, ehelät* ro.dnu n*»Ai rhuehe, zeräm v^niA gilä häAnelu 
uvn. iKorov poile, or heränä vertin, u meguraö näile. tht? ine gä 
rhuehin mes I^növorvile hed usäpin u äjnbe* häAtadvilin, the 
iftovme «>pänin fz vrrtin. Mäjn- gi t.'rvi the hivänt e .Orti— gäÄe— zor 
hivänt im; päio äjnbeA guthvi, the theor chozigi rai* udei, nä 
bi lävnäi. K. na die* hon, uch tareiv meraegi gi zärnevin : hon g4 
meg choz mfi, ehern ängie meg chozigm* u pier zan dun ' Sügheaile, 
the hon bi gon jev ängie älä )M thi bi Urna Deghän gi thämbe £x 
ein. veräii gi tfne fit ärtmeehner.* u diämphä geie. 

ÄrikagO pärrgüm.* e^hiK« ; ünorhäroar deghän dsämphove gi gäuni 
Ärikegun dan<- t»raäc ,l>h g erthäA V — A.-iile. .Hedew H zim 
rhträdtt: Jerp daaverifu; ellä Aehätö. änfcumÄ raud tirerun mi- 
' eore; eboze c-hi belä punin me<- u tun hesd bi gärnas me« cho 
itgme rluMeln • ltfghan |»arev gudä u alind&n gertha DäAvrrguiin 
gi modnu tün-run mu <»r«', gl ch.'-le meg chozig rat* u jed gi tirnä 
AlvC- gi ganni Arik^gun dan- t>mdc. .MMig ärn, zeräm mämäd «z 
kelwhOd guze udelu. # Ittgfcin dun gertha Üi rhonin rhozige u 
gud*> mar«- mrohen. t Orti «1 ä«heg im!" — Khu- tämdnagi v.-ri 
ihf« hivänt e. .Orti keni dAire. Ajnbe. guka indzig, tl.e theor chemei 
ajn rmforen, vorin mer vogheerun u meradznuti vun> gä, nä bi 
Uvnäi * iN-ghän älv^ thämhile (>i vm, ärile fit artmAi-hnft* äl jev 
d>«mph a elik. (iänntlr änkt^gun timiir m khH chtrxilc fit khex um hia« 
mäm»d V AM* Ihr urh «,-rthä. .M.^ig äri, zeräm miäjn däAvergu- 
Am gelü; oz ämrnnenVi lenrlu Wj^m jerp jed UmäA, im ganne 
dämS tiiiuir - iVk'hnn konarilo, Kvhih» äro« nneiv. jev j,»d Ur- 
i4le Arikwt^ udelvov pojile zinkh* I.u-hun inkhö genh« nä, Anküg* 
barbechm hiJ« fit ämennere u änon£ mer häaaräg cur ^rile • 

••) Ht< : llrot. uudHu — d. Ii Mhta«%mal , ha^ Mrht oft far dUt. 



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KRISTOP SZONGOTT 



B Khid zamängi v6ra ägheg bi perne äjS cur6" — äsav inkhen irj6n 
u nieä m6dile. Döghän 6snähägän egile häctn»*) u älindän kenäöile. 
Dun6 häfinelov gudä more ceren raeg kävtovm6. Gi cheme u gi tärnä 
hiväntuthiune. 

Deghän vär gi t6ne 6z thur6 u gerthä vörsälu. Mär6 tus g'äble 
ez u§äp6 chuehen ; jöv vorovhedev uch-äl chörgilin ez deghän, na chi 
gor§6vi; änor hämär or azädvin irmen, nä äjnbes hästädvilin, the 
theor dun ikä, nä dunö thoghädz therove bi spänin 6z nä Deghän 
dun gukä, thurß usäpin cerön e. Himä deSnelov, the verc e 
iren nä gi chentr6vi, or ez pert6rdädz märmin6 tenin ärtmechnun med 
u äblin 6z 6in or erthä ärtnu'chnerove vortin äcvenicre dänin. Äjn 
beä ärilin, päjc ez Sirde" bähilin. Cin Arik6gun däne timäö gännile. 
„Ääilim, the mämäd gude ez k61och6d! u U tus perelov öz merädznun- 
jev voghöerun bähädz eur6, gi khe^e ez p6rt6rdädz märmine — u 
ähä voghchechuchile 6z d6ghän. „lnc sad khun eghilim." — JÖS 
voghöheöhuchilim 6z khiez" — bädäSchänile Ariikäge. Himbig amen 
pänc ägheg eghädz b'öllär, bäjö dhunächi sird. „Ar thuchi ger- 
bäränk — gase Ärikäge — u k6nä Si läußhove dun; hon ädeSä 
härgnikh e. Bi tenin or phöchis. Khicme bi pheehis, änor edevänö 
b'äsis, the dan ikbme. inöhov kh6sis 6z äghikhe; bidän ez khu 
sirded u tun zän gul bidäs. 14 D6ghän hedevile 6z ch6räd6. Dun6 
6hin dsäncheczhi zinkh6. Phechile; änor edevänö öer6 terilin 6z 
äird6; inkh6 jed tärcile, äkeste chorter 6z läuöhin — u gul duvile 
6z sird6. Himbig säd 6rind phedhile. Härs6 u phesän gi chäghär. 
„Tir vär 6z di thure, m'äni ädehä huk- — gäse härse phesin. Vär 
gi töne. Thuch6 khickhicene gi modignä th6rin, gi chele zäjn jev 
ärä£h6 6z mär6 u änor devänd 6z usäpe gi pertörde. Edjem hon 
thoghile zäjä ändolväth degh6 u Ärikegun mod könädile pönägelu. 



Mutter, Sohn und Drache. *) 

Witwe ward die Frau, die alle ihre Hoffnung in ihren einzigen 
Sohn gesetzt hatte. Und sie täuschte sich nicht; denn der Knabe wuchs 
heran und sorgte für seine Mutter. Seine Mutter hatte keine Not 
zu leiden 

Der Sohn, wenn er treie Zeit hatte, pflegte in den Wald auf 

*) Unter den vielen Parallelen xu diesem bekannten Märclienthema ist wol 
am interessantesten das Zigeunermärchen in Dr. B. Constantinescu, Probe de liroba 
*i litteratura figanilor din Romania, S. 65—72. 

220 



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ARMENISCHE VOLKSMÄRCHEN AlS SIKHENHCRGKN 



die Jagd zu gehen. Einmal sieht er im Walde ein schönes Gebäude; 
er geht hinein, dort trifft er Drachen. Er erschrickt nicht vor ihnen, 
sondern zieht seinen Säbel und spricht: „ Säbel, hau!" der Säbel 
haut die Drachen in Stücke; doch der letzte bittet ihn, er möge we- 
nigstens einen Kopf auf seinem Rumpfe lassen. Der Jäger gewährt 
die Bitte, belässt einen Kopf und sperrt den Drachen in ein inneres 
Zimmer. 

In kurzer Zeit übersiedelte er mit seiner Mutter in das Gebäude, 
das den Drachen gehört hatte. Der Sohn gieng auch hier jagen; er 
hatte es seiner Mutter untersagt, ins innere Zimmer zu treten, da es 
ihr übel ergeben könnte. Sie konnte es aber kaum erwarten, das ihr 
8ohn ausgehe, und sah gleich nach, was im innern Zimmer sei. Sie 
machte mit dem Drachen Bekanntschaft, und sie kamen über- 
ein, den Sohn auf irgend eine Weise umzubringen. Die Mutter stellt 
sich krank. „Sohn, — » spricht sit — ich bin sehr krank; es däucht 
mir aber, wenn ich Ferkelfleisch ässe, würde ich genesen. Geh also 
hin. wo die Berge zusammenschlagen, dort ist eine Sau, entrafle ihr 
ein Ferkel und bring es heim." Sie glaubte, er werde dort umkom- 
men und nicht mehr zurückkehren. Der Sohn sattelt sein Pferd, wirft 
ihm den Zwerchsack um, und macht sich auf den Weg. 

Die Sonne war ihm befreundet; unterwegs hielt er also vor dem 
Haus der Sonne an. „Wohin gehst du?* — Er sagt es ihr. „Befolge 
meinen Rat : Wenn es zwölf Uhr ist, dann geh zwischen die Berge : 
die Sau ist dann nicht im Lager, und du kannst leicht ein Ferkel 
errpffen." 'Der Sohn grüsst und geht weiter. Um zwölf Uhr geht er 
zwischen die Berge, errafTt ein Ferkel und kehrt zurück. Wieder 
macht er vorm Haus der Sonne halt. „Gib acht, deine Mutter will dir 
den Kopf verzehren." Der Sohn geht nach Hause. Das Ferkel wird ge- 
braten, die Mutter isst davon. „Sohn, mir ist besser." In kurzem ist 
sie wieder krank. „Sohn, geh, hol' Arznei. Es dünkt mich, wenn ich 
von dem Brunnen trinken könnte, in dem das Wasser der Lebenden 
und Todten ist, würde ich genesen." Der Sohn sattelte wieder sein 
Ross, nahm den Zwerchsack vor, und machte sich aul den Weg. Vor 
der Sonne blieb er stehen. „Wieder hat dich deine Mutter wohin ge- 
schickt?" — Er sagte ihr, wohin er gienge. „Gib acht, denn du kannst 
dein Geläss nur um 12 Uhr füllen. Wenn du dann zurückkehrst, mach 
vor meinem Hause halt." Der Sohn gieng hin, füllte seine Gelasse 
und kam zurück. Die Sonne wartete mit Speise auf ihn. Während er 
ass j leerte die Sonne sein Gefässe, und gab gewöhnliches Wasser hin- 
ein. „In kurzem wird dies Wassar uns gut zustatten kommen," — 
sprach sie bei sich und gieng hinein. Der Sohn bedankte sich fürs Es- 
sen, und gieng weiter. Zuhause angekommen, reicht er seiner Mut- 
ter ein Glas vom Wasser. Ihre Krankheit wendete sich. (D. h. sie 
genas). 

Der Sohn legt seinen Säbel ab und geht auf die Jagd. Die Mut- 
ter lässt den Drachen aus dem Zimmer, und da der Sohn, wohin 
immer sie ihn auch geschickt hatten, nicht umgekommen war, kamen 

221 



DR. RAIMUND FRIED. KAINDL 



sie überein, ihn, wenn er heimkehrt, mit seinem zu Hause gelassenen 
Säbel zu tödten. Der Sohn kommt nach Hause; der Säbel ist in der 
Hand des Drachen. Als er nun sieht, dass es mit ihm aus ist, bittet 
er sie, seinen zusammengehauenen Körper in den Zwerchsack zu ge- 
ben, und seinem Rosse zu gestatten, es möge mit dem Sacke gehen, 
wohin es seine Augen führen. Sie taten also, aber sie verbargen 
sein Herz. Das Pferd blieb vor dem Hause der Sonne stehen. B Hab' 
ich 's gesagt, dass deine Mutter dir den Kopf verzehren wird. . . " Und 
sie bringt das aufbewahrte Wasser der Lebenden und Todten hervor, 
bestreicht den zerstückelten Körper — und sieh da, der Sohn wird wie- 
der belebt. „Wie lang ich geschlafen hab'! u „Ich hab' dich wieder 
zum Leben erweckt - — entgegnete die Sonne. Nun wäre alles gut 
gewesen, aber er hatte kein Herz. „Nimm die Gestalt eines Zigeuners 
an — sprach die Sonne — und geh' mit der Geige nach Hause; dort 
gibt es eben Hochzeit. Sie werden dich musizieren lassen. Du wirst 
ein wenig spielen, dann sagst du, sie sollen dir etwas geben, womit 
du den Bogen bestreichen könnest; sie werden dir dein Herz geben, 
und du verschluck 1 es. - Der Sohn befolgte den Rat. Im Hause ward 
er nicht erkannt. Er musizierte, dann gab man ihm sein Herz in die 
Hand: er wandte sich um, — als wollte er was an der Geige richten, — 
und verschluckte das Herz. Hierauf spielte er sehr schön auf. Die 
Braut und der Bräutigam tanzten. „Leg' doch deinen Säbel ab und 
mach' keinen solchen Lärm" — spricht die Braut zum Bräutigam. Er 
legt ihn ab. Der Zigeuner nähert sich langsam dem Säbel, ergreift 
ihn. und haut erst seine Mutter, dann den Drachen in Slüeke. Da- 
rauf verliess er den unglückseligen Ort, und gieng zur Sonne wohnen. 



Baba-Jaudooha-Dokia. 

Von Dr. Raimund Fried. Kaindl {Czernomtz), 

Über die „Baba" ist in diesen Mitteilungen bereits zweimal, S. 12 
ff. u. 56 ff. gehandelt worden. So weit ich sehe, ist aber dort auf die 
hierher gehörigen rutenischen (slawischen) Überlieferungen keine Rück- 
sicht genommen worden. Dies veranlasst mich das Folgende zum Ab- 
drucke zu bringen. Es wird übrigens interessant sein, mit den diesbe- 
züglichen Mitteilungen aus Ungarn und Rumänien die folgenden aus 
der Bukowina zu vergleichen. 

I. 

Die Überlieferung. *) 
1. In der Bukowina wird es anfangs März wärmer, um die Mitte 



*) No. 1-9 sind von mir gesammelt und im Urquell, II. Bd., 9. Heft, aus- 
führlich mitgeteilt. Nr. 10 ist nach Wickenhauser : Molda I. 1881. S. 4 u. 236, Nr. 
II nach Sinti finowicz: Volksagen aas Her Bukowina. 1885. S. 136 f. erzählt Die 
Versionen mit „Jaudocha" sind rutenisch, „Jewdocha* huzulisch, „Dokia" rumänisch. 

222 



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BABA-JAUDOCHA-DOKIA. 



wird es gewöhnlich wieder rauh; das thut die Baba Jaudocha, Jew- 
docha oder Dokia (Dochia), (l. März a. St. = 13. März n. St. Eudo- 
xia). — 2. Wenn Baba Dokia ihre zwölf Pelze schüttelt, schneit es. — 
3. Wenn es schneit, sitzt Jaudocha in zwölf (vierzig) Pelzen am Dach. 
Kommt Sonnenschein, so wirft sie die Pelze ab. — 4. Jaudocha hat 
neun Pelze. — 5. Baba Jewdoch i geht in zwölf Pelzen mit der Spin- 
del aus. Sie wirft die vom Schnee nassen Pelze ab und erfriert. 6. 
Baba Jaudocha will den jungen März zum Manne. Aul sein Begehr 
bringt sie eine Nacht am Dache zu; er bläst und stürmt, bis sie er- 
friert. — 7. Baba Dokia schickt ihre Nichte Schafe weiden. Es ist sehr 
kalt, das Mädchen kehrt heim. Erzürnt geht Dokia selber auf die Weide ; 
am zu zeigen, dass sie die Kälte nicht fürchte, wirft sie die Pelze ab und 
erfriert. — 8. Als es März wurde, zog Baba Jaudocha zwölf Pelze an 
und stieg aufs Dach. Es schneite regnete und fror, dass auf dem Pelz 
fünf Finger dick das Eis stand. Da warf sie den obersten Pelz ab; 
am zweiten Tage den zweiten durchnässten Pelz u. s. w. ; am zwölf- 
ten Tage war es so warm, dass die Baba ihren letzten Pelz abwarf; 
um Mitternacht aber ward es sehr kalt, und die Baba erfror. Seither 
kehrt sie alljährlich um dieselbe Zeit den Leuten den Schnee in die 
Augen. — 9. Jaudocha lästerte Gott; sie fürchte Sturm und Schnee 
nicht. Sie zog zwölf Pelze an. nahm ihren Spinnrocken und trieb die 
Schafe auf die Weide. Gott schickte Regen und Schnee, sie durch- 
nässten den obersten Pelz, Jaudocha warf ihn ab, dann den zweiten, 
dritten, u. s. w. Als sie den zwölften abgeworfen hatte, erfror sie, 
Seit der Zeit herrscht um Eudoxia alljährlich veränderliches Wetter 
mit Schnee, Regen und Sonnenschein. Nähert sich der Eudoxiatag, 
so sagen die Leute: „Jaudocha zieht ihre zwölf Pelze an. Ist sie da- 
mit fertig, so beginnt das „Märzwetter. - Dieses währt zwölf Tage. 

10. Auf dem Frauenfels, der sich westlich von dem Humorabache, 
dort wo die Docila ihren Ursprung nimmt, erhebt, erbhckt man ein 
Felsbild der Doka (sie!). Sie war, als der Frühling zeitlich anbrach, 
mit ihren Schafen auf die Berge gezogen, und das Wetter war so 
mild und schön, dass sie mit ihrer Spindel beschäftigt, allmälig alle 
Oberkleider ablegte. Da begann es aber plötzlich wieder zu stürmen, 
und die Schneeflocken tanzten dicht umher. Vergebens zog nun Doka 
wieder ihre zwölf Pelze an. Gelehnt an den Felsen erfror sie und 
wurde ein Bild aus Stein. Auch ihre Schafe versteinerten. Man sieht 
sie noch jetzt im Bette des Docilabache* liegen, das sich nach kur- 
zem Laufe in die Moldawa ergie«st. 

11. Baba Dokia trieb ihre Schafe auf die Weide. Während diese 
grasten, suchte Dokia Erdbeeren. Sie fand wol noch keine Erdbeeren, 
aber glühende Kohlen. Diese sammelte sie, denn sie wusste, dass 
dieselbe sich gar bald in Beeren verwandeln würden. Dokia hatte zwölf 
Pelze an. täglich warf sie einen derselben ab. Als sie den letzten ab- 
gelegt hatte, trat schönes Wetter ein. Dessen freute sich die Baba 
und sagte: „Dies ist der erste Frühlingstag;* und dann fügte sie hinzu: 

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DR RAIMUND FRIED. KA1NDL 



„Erdbeeren fand ich; herrliches Wetter gab mir Gott; jetzt möchte 
ich noch einen schönen Mann haben. 8 

Kaum hatte Dokia diesen Wunsch geäussert, so wurde sie zu 
Stein. Aus diesem Steine aber, der Menschengestalt hat und in der 
Nähe von Kimpolung steht, fliesst ein klarer Quell. 

IL 

Dentungsversuch. 

Die Baba d. i. die Alte ist offenbar gleichzustellen mit der sla- 
wischen Jaga-Baba, welche nach der Volksüberlieferung auf einem 
Mörser reitet, und mit einem Besen hinler sich die Spuren verwischt. l ) 
Beide versinnbilden den Winter, und sind wie Je£i-Baba oder auch 
Baba kurzwegs gleichen Wesens mit der Todesgöttin Morana. Mit 
dem Verbrennen oder Ersäufen dieser Göttin in Gestalt einer Stroh- 
puppe hat offenbar der Untergang der Baba-Jaudocha-Dokia dieselbe 
Bedeutung; es wird der Sieg des Sommers über den Winter versinn- 
bildet. 2 ) Und wenn nach einer Version der Sage, die Baba den jugendli- 
chen Mart unterliegt, so kann man bei dem Namen desselben an 
St.-Martin 1 13. Feb a. St. = 25. Feb. n. St.) 3 ; und zugleich an den 
Monat März (Mart, Marot) denken ; seinem Wesen nach ist aber die- 
ser Mart sicher der Sommergott. Daran darf man keinen Anstoss neh- 
men, dass die Sage, welche am Erfrieren der Baba festhält, den Mart 
durch Wind und Sturm siegen litsst. Unterstützt wird unsere Ansicht 
ganz trelflich durch den Umstand, dass die Butenen auch sonst von 
einer Begegnung des Winters mit dem Sommer erzählen. ') Dieselbe 
findet am Feste Christi Darstellung statt (2. Feb. a. St. = 14. Feb. n. 
St.); in die nächsten Wochen fällt sodann der Kampf, zwischen bei- 
den, bis die Baba, der Winter, unterliegt Dieses geschieht nach der 
gewöhnlichen Überlieferung zwölf Tage nach dem Eudoxiatage, also 
am 13. März a. St. =25. März n. St. 

Neben der Baba wird in der rutenischen Volksüberlieferung auch 
Did d. i. der Alte genannt. *) Er ist, wie dieses aus der Überlieferung 



l i Lau-rtHcski : Die mythische Bedeutung einiger Sagen (angeführt bei Bes- 
tusbew Rjuroin: Gesch. Russlanda, Mirau 1874. s. 13) Bemerkenswert ist, dass bei 
den Ratenen die Bezeichnung „baba" sowol für d e Ramme (Werkzeug zum Stam- 
pfen) als auch für den Schneemann üblich ist. Zelechowsski: Huf. deutsches Wörter- 
buch 188« I. Vergl. auch Stern: Fürst Wladimirs Tafelrunde. 1892 S 91 ff. 

■) Über Morana (Baba, Jeii-Baba = Jaga-Baba) vergl. Hanw/ch: Die Wissen« 
senachaft des slaw. Mythus, Lemberg, 1812. S. 140 ff. 160 ff 198, 412 f. Über das 
Ersäufen, Verbrennen und Verscharren des Todes in Böhmen bandfit ausführlich 
Reinsberg-Düring» feld: Festkalender aus Böhmen, Prag, 1864. S. 88. ff 

*< Bemerkenswert ist folgende (polnische) Wetterregel: Marci (Martin) ver- 
nichtet den Winter, oder macht ihn roich (d h. lang). Krsteres findet statt, wenn 
am Martinstag trübes Wetter herrscht; letzteres wenn es schön ist Dieselbe Regel 
gilt vom Feste Christi Darstellung. Vergl Kaindl u. Manastyrski : Die Rutenen in 
der Bukowina II, Czernowiu, 1890. S. 95. 

*) Vergl. „Die Rutenen" a a. 0. 

«) Vergl. ebenda S. 7—12, 24 f. 90 ff. 

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BABA-JAUDOCHA-DOKIA. 



klar hervorgeht, ebenfalls ein Wesen des Verderbens, des Winters, er 
ist geradezu der Teufel (Czort, Czornoboh). Wie Baba wird auch es 
von einem jugendlichen Helden, dem lichten sommerlichen Gott, besiegt; 
aber er wird auch wie Morana = Baba in Gestalt von Stroh verbrannt. 
Es geschieht dieses zweimal; zum ersten Mal am Feste Mariä Ver- 
kündigung (25. Marz a. St. — 6. April n. St.), also zwölf Tage nach 
dem Untergange der Baba; das zweite Mal am Gründonnerstag. Es 
ist also klar, dass Did und Baba gleichen Wesens sind. Darauf deu- 
ten übrigens noch die einander entsprechenden Namen. Bemerkenswert 
ist es auch, dass wie Jaga-Baba auf einem Mörser reitet, so Did 
nach der rutenischen Volksüberlieferung auf einer Getreidestampfe 
fahrt. l ) 

Woher die Sage die Namen Jaudocha-Dokia und Mart für ihre 
mythischen Gestalten nahm, ist klar; es sind Namengebungen aus der 
Zeit. Erwähnt soll noch werden, dass ähnliche Steinbilder, wie sie in 
den letzten zwei Versionen der Sage genannt werden, auch in Russ- 
land unter der Bezeichnung „Kamennaja baba" (Steinweib) vorkom- 
men. Die Abbildung einer solchen findet man bei Schiemann: Russ- 
land, Polen und Livland (Allg. Gesch. in Einzeldarstellungen) 1. B. 
S. 31. Das Bezeichnende ist, dass diese Colossalfigure.j meist aut Grab- 
hügeln aufgestellt sind. Es entspricht dieses dem Charakter, den wir 
für die Baba in Anspruch nehmen. 

Dieses ist meine bescheidene Ansicht, wie ich sie in Kürze be- 
reits bei anderer Gelegenheit entwickelt habe. ') Aus meinen Ausfüh- 
rungen dürfte es zum mindestens hervorgehen, dass man Unrecht thut, 
den Mythos von der Baba als ausschliesslich rumänischen zu behan- 
deln. Ich glaube, dass derselbe im Zusammenhange mit der, slawi- 
schen Überlieferung sich leicht und natürlich erklären lässt. a ) 

l ) Vergl. das in Anmerk. 2. Angeführte. 
') „Die Rutenen« II. S. 63 L 

*> über die Jaudocha-Dokia Sage handeln noch: Dr. At. Marienescu, Ethno- 
graphia, 180(). III. u. „Transilvania" 1890. A. Vereas, Ethnographia, 1890. IV. 
L. Saineana. »Conrorbiri liter&re" 1888. Scheantt ^Saineauu) soll 1889. eine zn- 
»amtueiifasseode Arbeit veröffentlicht haben. Vergl. am Urquell, IL Bd. S U9— 151. 



Elhcologiioh. UitUiiang.o. Ii. 325 16 



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Italienische Sprüche und Lieder aus Fiume.*) 

Mitgeteilt von Ludwig Csink u. AUxander Körösi. 

L 

Sprichwörter und Redensarten. 

(L. Czink.) 



I. Se Jenajo nojeniza, se Febrajo 
no febriza, Marzo jenisa, febriza 
e marzissa. 

2. Febrajo carto pejo d'an turco. 

3. Marzo matto. 

4. Aprile dolze dormire. 

5. Aprile non ti scoprire. 

6. Majo va adajo. 

7. Majo grata formajo. 

8. Giugno cava el co de gugno. 

9. La piova de Agosto, rinfresca 
mar e bosco. 

10. San Sabastian cola viola in 
man ; viola o rton viola, de 
l'invemo semo fora. 

II. San Yinzenzo gran fredura, 
San Lorenzo gran caldura, e 
i'uno e l'altro poco i dura. 

12. Madonna Gandelora, se Iavien 
con vento e piova, de l'inverno 
semo fora; se la vien con piova 
e vento, nell' inverno semo 
drento. 

13. Se piove per San Urban, piove 
quaranta jorni drio man. 

14. San Vito, le zerese col ma- 
rito.') 



15. Vado pregar S. Vito, che mi 
dia marito. 

16. Legge fiomana dura una set- 
timana. 

17. Se piove sule Palme, bei tem- 
po sui ovi*) e se bei tempo 
sule Palme, piove sui ovi. 

18. Santa Barbara San Simon, 3 ) 
libereme de sto ton, de sto 
ton, de sta sajeta, Santa Bar- 
bara benedeta. Santa Ciara Cia- 
riza, Santa Barbara Barbariza, 
Ora pro nobis. 

19. San Miciel porta la marenda 
in ziel e San Jorjo la porta de 
ritorno. 1 ) 

20. Da santa Luzia al Nadal, 
cresce '1 jomo un pas de gal ; 
dal Nadal al Epi£ania, cresse 
el jorno mesa mia. 

21. Dal Nadal al primo del anno 
se slunga i jorni un pie de galo. 

22. Epifania porta tutte le feste 
via, poi vien el mato de Car- 
neval, che le fa ritornar. 

23. Jovedi grasso, poi jovedi te 
lasse») 



*) 8. Ethnographia 1892. 8. 141-207. 
>) Wurmig. 
*) Zu Ostern. 

•) Vgl. Ethnol. Mitt. aus Ungarn. I. 198. 1. (Gewittersegen.) 
*) Von Georgi an wird die Arbeit morgens 8 Uhr unterbrochen, um zu früh- 
stücken, von Michaeli an wird vor der Arbeit zuhause gefrühstückt. 
•) Der vorletzte u. letzte Faschings-Donnerstag. 

236 



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ITALIENISCHE SPRÜCHE UND LIEDER AUS FTUME. 



24. Nissun sabo senza sol,') nissu- 
na fia senz' amor. 

25. No xe april senza fior, come 
puta senz' amor. 

20. Lungo come la quaresima. 

27. Voja de lavorar saltime ados- 
so, lavora ti per mi, che mi 
no po8so. 

28. Poca voja saltime adosso, fa- 
me lavorar meno (piü) che 
posso.*) 

29. Sol e piova, le strighe se spo- 
sa (s'innamora) ; sol e vento, 
le strighe va in convento. 

30. Rosso de matina, la piova xe 
vizina ; rosso de sera, bon tera- 
po se spera. 

31. — Cio' an dove? 

— Cior un goto. 

— Ti ga bori? 

— Per cossa? 

— Ma ghe vol . . . 

— Cossa? muso roto e bareia 
fraeada}) 

32. El fero se bäte, quando xe 
rosso. 

33. Dona che pianje, omo che 
jura, caval che suda no bi- 
sogna crederghe. 

34. Scarpe larghe, goto pien, ci- 
orle sü come le vien. 

35. In bocca serada non gh'entra 
le mosche. 

3G. Tavola e leto non porta ris- 
petto. 



37. Lontan dai oci lontan dal cor. 

38. La salata vol el sal de un 
sapiente, l'asedo de un avaro, 
l'oio de un splendido, missiada 
da un mato e magnada da un 
afamü. 

39. Fioi e colombi sporca la casa. 

40. La galina dela vizina par 
sempre un' oca. 

41. Ovo de un jorno, vin de un 
ano, dona de venti, amico de 
trenta. 

42. A dona sbeletada voltighe le 
spale. 

43. Gata coi guanti no ciapa 
sorzi.*) 

44. De quel che no ghe xe, se fa 
senza. 

45. Cola pazienza el gobo va in 
montagna. 

46. Cola pazienza se vinze ogni 
cossa. 

47. Chi vol bona vendeta, in Dio 
la rimeta. 

48. Dal mal vien el ben. 

49. Chi ga bezzi, no ga cor. 

50. Se te ga bisogno, va prima 
dal povero, poi dal rico. 

51. Dove ghe xe pastizi, ghe xe 
anca amizi. 

52. Chi xe busiardo xe ladro. 

53. 0 drita o storta, o bona o 
trista fräse, co parla 4 rico, 
tuti quanti i tase. 

54. I soldi xe '1 secondo sangue. 



Dem Volksglauben gemäss muss die Sonne Samstag wenn auch nur auf 
einen Moment scheinen. 

') Wenn jemand keine Lust hat etwas zu tun. 

3 ) Wenn man nicht zahlen kann, wird man hinaus geworfen Wird gesagt, 
wenn jemand ohne Geld eine Speculation unternimmt. 
«) Bei 



227 



15» 



L. CZINK 



55. L'omo piübruto xe quel, ghe 
ga le scarsele roveree. 

56. La poverta xe la mare dela 

57. La salote no se paga con 
valote. 

58. Bezzi e sanita i se gode de 
ogni eta. 

59. Per star ben, ghe vol bro- 
coli, gnocoli e cocoli. 

60. Chi ga bon apetito, no ga bi- 
sogno de salsa. 

61. Pirole de galina, 
Siropo de cantina, 
Bareta in testa, 

E manda el medico a far festa. 
62 Pindolin che pindolava, 
Muatacin che lo guardava; 
Se pindolin ga pindolä, 
Mustacin lo gä vardä. 1 , 

63. Vame comprar diexe soldi de 
fugapressa e zinque de pefö- 
mels bone*) 

64. Galina vecia fa bon brodo. 

65. Chi oji se fida del onesto, 
perde '1 manigo col cesto. 

66. Chi va pian, va san c riva 
Ion tan. 

67. Chi va forte, lo ciapa la 
morte. 

68. Chi xe pigro a magnar, xe 
pigro a lavorar. 

69. La boca ga le gambe. 

70. I gali ga le gambe. 
(I gä ligä le gambe.) 



71. La fame xe 1 mejo cogo 

72. Chi magna in pie, magna per 
sie; chi magna sentä, magna da 
disperä. 

73. Chi va in leto senza zena, 
tuta la note se remena ; e quan- 
do che xe dl, no '1 ga magnä, 
ne dorml. 

74. Minestra riscaldada no xe bona 
gnanca per el mala. 

75. Meza luna pan in cuna, 
mezodi pan rosti, 
mezojorno pan in forno, 
meza ora '1 pan xe fora. 3 ) 

76. Ovo apena fato val un ducato. 

77. Ovo senza sal no fa ne ben 
ne mal. 

78. Quando '1 gato xe sul fogo, 
la fa magra anca '1 cogo. 1 ) 

GL La scorza fa bela la castagna. 

80. El bever senza misura molto 
tempo no se dura. 

81. Done jovane e vin vecio. 

82. Do diti de vin prima de la 
minestra la xe per el dotor una 
tempesta. 

83. El vin ala matina xe piombo, 
a mezojorno arjento, ala sera 
uro. 

84. El vin fa gambe. 

85. El vin fabon sangue. 

86. El vin fa morbin. 

87. L'acqua smarzisse i pali, 
la fa vignir i omini jali, 
la fa sbiaiu bir la pele 

e la fa le done bele. 



») Wenn »twaB anders ausfällt, als erwartet worden. 
') Um unbequeme Kinder wegzukriegen. 
■) Wenn man Kindern vor Mittag kein Brot geben will. 
«) Denn sie stiehlt alles weg. 

228 



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ITALIENISCHE SPRÜCHE ü. LIEDER AUS FTÜME. 



88. £1 pejo fior xe quel del vin. 

89. El vin coi fiori fa dolori 

90. Un bei sentar fa una bela 
dona. 1 ) 

91. Se ti vol veder una dona bela, 
vardila ala matma, co la se 
leva. 

92. Val piü una moretina inVuna 
gamba, che una biancolina 
grossa e granda. 

93. Debiti fe debiti. 

94. Debiti e pecai quanti isia no 



95. Se no se paga co se pol, bi- 
sogna pagar, quando che dol. 

96. Pecä Sora peca, roto sora 
sbrega. 

97. La dona bisogna praticarla 
un jorno, un mese e un istä 
per saver che odor che la ga. 

98. Ogni mato ga la sua stajon. 

99. Spende piü ei misero,che'l liberal. 
100 Val piü un soldo sparagnado, 

che un zech in rubado. 

101. Cossa trovada nonxerubada. 
Gossa trovada e non consegna- 
da xe meza rubada. 

102. Chi sguazza in joventü, stenta 
in veciaia. 

103. Un mato sa piü domandar, 
che sete furbi risponder. 

104. Per saver la verita, bisogna 
sentir do bujardi.*) 

105. La verita sta de sora, come 
Pojo. 



') Beim schminken. ») Widersprechen sich 
«) Denn so lang was drin ist, trinkt sie. 
V Die Eltern eines schlechten Schalers sagen 
todschlagen, denn besser u. s. w. 

•) Protection. Die Firmlinge werden yon ihren 
') Taufpate. 



106. No se vede un cristian. 3 ) 

107. Xe mejo un bon perdio, 
che un falso Jesumio. 

108. Pejo de l'amico Pinvidia, che 
del nemico Pinsidia. 

109 Impossibile aver la botte 
piena e la serva ubriaga.') 

110. Chi ga la rogna, se la grata. 

111. Se la va, la va; se nolava, 
la se impianta. 

112. Mejo un aseno vivo, che un 
fllosofo morto.') 

113. Ne donna ne tela non se 
compra alla candela. 

114. Chi lava ei mattone, perde 
Pacqua e savone. 

115. Chi fa la barba all' asino, 
perde Pacqua e '1 savon. 

11-6. A lavar la testa all' asino, 
se perde '1 tempo e 1 savon. 

117. Una picola piera ribalta un 
caro. 

118. Rider (far una cossa) per 
forza non val una scorza. 

119. Chi basa '1 bambin, diventa 
compare. 

120. Se la merda monta 'n scagno, 
la spuzza e la fa dano. 

121. Chi ga santoli, magna bu- 
zolai. 6 ) 

122. Dai segnadi da Dio zento 
passi indrio; da un zotto e 
orbo zento e quarantoto. 

123. Compare d'anelo xe pare 1 ) del 
primo putelo. 

») Keine Seele. 
Ich kann ihn doch nicht 



mit Backwerk traktiert. 



239 



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L. CZINK 



124. Dale scarpe strazadet fratV) 
guarda fora. 

125. Che brodi lunghi !') 

126. Caval donä no se guarda in 
boca. 

127. Paria quando Ia galina pissa. 

128. Meti la ligua in cal, 

129. El caval non ga cortel, ma 
ga denti. 

1 30. No se ghe mette la sela all* asino. 

131. Avocato non chiaraado colla 
merda vien pagado. 

132. Xe andä '1 manigo con tutta 
la manera. 

133. Saluda a casa e no sta dir 
gnente. 

134. 0 rosega sto osso, o salta 
sto foßso. 

135. 0 magnardc sta minestra, o 
saltar da sta tinestra. 

136. Chi trata colle man, trata 
da vilan. 

137. Trato de man xe trato de 
vilan. 

138. A bon intenditor poche pa- 
role. 

139. Levante ciaro, tramontana 
scura, buttate in mar senza 
paura. 

140. Loda el mar e tiente a tera. 

141. Mcjo oji un ovo, che doman 
una galina. 

142. Son turco in prediga.*) 

143. Parente con parente, povero 
quel che non ga gnente. 



144. Xe piü vizin el dente, che 
nessun parente. 

145. El leto xe una rosa: se non 
sedorme, seriposa. 

146. Una man laval' altra e tutte 
do '1 viso. 

147. — Dove ti va? 

— Vado far la monaca. 

— In convento di San Benedet- 
to, 1 ) dove i dorme due per leto. 

148. Ugyan arra a kerdesre: 

148. — Eti sarä monaca de San Ber- 
nardin, che i dorme due percuscio. 

149. La xe brutta, come l affitto 
de casa (come la fame.) 

150. La serva xe V nemico pagado 
de casa; guarda, che la scova 
no sia in stanza.*) 

151. Vardite dai parenti, come dal 
dolor de denti. 

152. Ne dona ne sopressa no se 
impresta. 

153. — Come ti sta? 

— Come '1 vechio podestä. 

154. Mosche e rompieoioni no 
manca mai. 

155. Dimentica dal naso alla bocca. 

156. Ogni groppo vien al petine. 

157. Chi ga creanza, campa ben, 
chi no, ancor mejo. 

158. Ogni bei balo stufa. 

159. El tropo rompe '1 gropo. 

160. Aspetta mus,che V erbacresce. 

161. Chi sparagna per la Spina 
spande pel cocon. 

') Langes GesclmiUa. 
'/ Wenn jemand ein in fremder Sprache geführtes Gespräch nicht versteht. 
<) Anspielung darauf, dass der H. Benedict mit seiner Schwester in der 



') Die Zehen. 



Wüste wohnte. 

*) Wenn was geheim gehalten werden soll. 



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ITALI HTtttSCHE SPRÜCHE C LIEDER ADS FIÜME 



1 62. Sa do careghe no se pol sentar. 

163. Ocio che te sbocio, 1 ) 

164. Ol d'un can. 

165. Fiol d'una tecia. 

166. Ma ti xe imbotonä. 

167. Che busolo! che flocion! 

168. Fogo Luvyi!!*) 

169. Daghel Blau, daghel Blau, 
daghel vecio Blau . . . 8 ) 

170. Cio ti conosci sto oquä? 
Eh come meso soldo sbusa. 

171. Va comprarme quatro soldi 
ombra de campanil. t ) 

172. A cht stima, no ghe dol la 



182. Chi la fe, se la speti. 

188 A dir la verita non se fadiga. 

184. L' acqua ciara no fa depo- 
sito. Ä ) 

185. A esser sinzeri no se fala mai. 

186. Piü la se missia, piü la 



187. Chi ga sanita, xe rico e no 
lo sa. 

188. El ben fato per paura no val 
gnente e poco dura. 

189. Magna renghe e sardeloni 
che ti conserverä sani i polmoni. 

190. Coi mati non se fe pati. 

191. Ai mati ghe se da sempre 
rajon. 

192. Chi rompe, ta paga. 

193. Nissun xe sempre savio. 

194. Ariade drio la schena,') in 
leto la ve mena; aria de fes- 
sura manda 1'omo in sepoltura. 

195. De matina Paria fresca tien 
la vita sana e lesta. 

196. Un pasto magro e bon man- 
tien l'omo in ton. 

197. Boso de pel, zento diavoli 
per cavel. 

198. A chi sparagna, lagata magna. 

199. Buon d'indio! s ) 

200. Dopo morto se pesa el porco. 

201. Negoziante e porco damelo 
morto. t ) 

') Boccia eiu Kegels piel. 

») Gassenkinderschrei, wenn sie ungewöhnliches sehen. 
») In der Arena wird in Boccaccio im Milaneser Dialekt gesungen: Dag he 
P dau, paron Miciel . . . Dies wandten die Gassenbuben auf den Optiker Blau am Corsoan. 
4 ) Aprilscherz. 

») Beim Wortwechsel wird man warm. 

*} Wenn sich etwas in der Folge als Lüge erweist 

') Zugluft. 

•J Vor Feiertagen. Der Indian ist das herkömmliche Festgericht. 
•J Nur dann weiss man, was sie wiegen. 



173. 1 bezi i va via, perche i xetondi. 

174. Per la boca se scalda el 
forno.*) 

175. Chi magna solo, crepa solo, 
e chi magna in compagnia, il dia- 
volo lo porta via. 

176. Dal acqua mi guardo io, dai 
ebrei mi guardi Idio. 

177. Se de giovine ti bevi vin, de 
vecio ti bevera acqua. 

178. Chi vive sperando, more ca- 
gando. 

179. A ognidun ghe piaze el suo. 

180. La bugya xe in ogni buso, 
e la verita xe fori de uso. 

181. La bugija core su per el 
muso. 



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l. cznre 



202. Oji in figura, domani in se- 
poltura. 

203. Lunedi ne Matte 
Da casa non se parte; 
Mercoldi e Giove 
Pepi non se move ; 
Venerdi e Sabo 
Giorni dimaliconia, 



Pepi non vavia, 
E domenica xe festa 
E Pepi resta. 1 ) 
204. 0 anima Serena 
Che pecä te mena? 
Disimelo a mi, 
Che farö pregar per ü. a ) 



Prima i era morosi, 
Adesso viva i sposi! 



II. Trinksprüche. 

(Brindisi.) 
{A. KSrösi.) 

Questo vin xe de Malvasia 
Eviva tuta la compagnia! 



In sto orto xe 3 ) del zaferano, 
Eviva il nostro äior capelano. 

Din, din din 
Eviva el Jovanin! 



Viva el vin, viva el pan, 
Viva el Sior Sacristan! 

Le calze in tedesco se tjama*) 

[8trinfe, 

Eviva le signorine nimfe! 

m. Rätsel. 

(L. Czink.) 



1. La rasa la frasa, la core per 
la easa, nisun la vede, tutti 
la Bente . cosa e? 

2. Ve la, ve la s ) ripeto, 
Ve la torno dire, 

Se non la capirete, 
Di legname duro siete. 



'S. Su quel monte sta Carleto 
Con quel viso benedeto. 
Co la coda verdolina, 
Ca valier chi la indovina. 

4. La pelosa che go avanti, 
La ghe piaxe a tuti quanti; 
La ghe piaxe a zinquezento, 
Tuti tica la man dentro. 



1. La mia mama poverina 
La m'ä dato un po' de dota, 



III. Volkslieder. 

A. (L. Czink * 



Una pignata tuta rota 
E una tola per lavar. 



■) So werden Gäste zum bleiben genötigt 
*) Wenn man ein Gespenst erblickt 

•) Lies das x, wie das * in Wesen. 



*) Wortspiel: vela — Segel, ve-la = a voi la ... euch. 



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ITALIENISCHE SPRÜCHE D. LIEDER AUS FIUMK. 



•neu 



2. Mama mia go visto Torso, 
Che balava sule scale, 
Mama mia, xe carnevale 

E me vojo divertir. 

Mama mia go venti ani, 
Vado sü per ventiun; 
Se ritardo maridarme. 
No me vol piü nissun 

3. Se passi per di qua, 
Tu passi invano; 

Se frugherai i stivai, 
Sara tuo dano. 

Ti frugherä i stivai 
£ anca le siole, 
De la mia boca 
No scampara parole. 

Se ti frugara stivai 
E anca i taeheti, 
De la mia boca 
No sara baseti. 

Ti frugara i stivai, 
E anca i riboti, 
De la mia boca 
No sara piü moti. 

4. CoBsa me importa a mi, 
Se no 8on bela; 

Co go V amante, 
Che me fa '1 pitor, 
Lu' mi dipingercomeunastela, 
Gossa me importa a mi, se no 

[son bela. 

5. Tuti Ii amanti passano 
El mio no passa mai ; 
Ghe vojo ben assai 

E lui non pensa a me. 



E voga e rivoga, 
Voga la mia barcheta, 
Voga Nineta 

Che semo in mexo al mar. 

In mexo al mar, che mormora, 
Se pesca le sardele 
Adio Humane bele 
No ve vedremo piü. 

6. In mexo al mar xe un camin 

[che fuma, 
Dentro xe '1 mio ben, che se ' 

[consuma. 
Se consuma i'anima anca 

['1 corpo 

E no so se '1 xe vivo o se 

['1 xe morto. 
Ghe se consuma '1 cor e 

[midolete 
E mi per guarirlo no go 

[rizete 

7. tabachine (sartorele) 

[lavore 

trcnta soldi ciapare. 
ventiquatro per la sala 
e sie per el cafe 

8. La barcheta pendere, 
No sta me dar intendere, 
Che m' ami solo me, 

E däme la matricola, 
Che vado navigar. 

<J. E T albero piangente, 
Le folie casca giü, 
Abasso i croati, 
Che no i comanda piü. 
Ta-rata, ta-ra-ta, tarataratara. 



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A . KÖRÖ8I 



10. Va lä, va IäPepin, 
Che tuti te vol ben; 
Ti ga la molie bela 
£ i siori la mantien. 

B. (A. 

11. Viva Fiume, un bei pajese, 
Che inamora, azende el core' 
[Viva 1' animo cortese 
D'ogni singulo fiuman!] 

Le discordie e i jorni amari 
Alontana Idio da noi 
[E ritorna coi Majari 
La primiera liberta] 1 ) 

12. Viva Fiume un bei pajese, 
Dove cresce le zeriese! 

[£ la bela ungarese 

Sara sempre el mio tesor.) 

Ma cossa fosse de sta Fiume, 
Se no fosser i majari? 
[Se podiia au quatro cari 
Trasportare la zita] J ) 

13. Dal' albero piandjente 
Le foje casca djü; 
iL'albero piandjente 
Le foje le van, van;) 
Abasso i croati! 

Che no i comanda piü. 3 ) 

14. E chi sarä che piandje? 
(Sara la mamma mia) 
Sarä le tre ragasse 

Su le finestre bäase 
Col fazoleto in man. 



Se la fussi una rejina, 
La portaria la Corona, 
Ma la xe una tabachina 
Che ghe tocca lavorar. 

KörÖai.) 

Col fazoleto bianco 
Se se forbisse i otji 
Veder sti jovanoti, 
Vestii da militar. 

15. Adesso vado via, 
Parto per P Ungaria; 
die mesi stago via 
Servir V imperadör. 

L' Imperadör me tjama 
L' Imperadör me vole: 
Una ferida al core, 
Mai piü parlar d'amor. 

Se me toca soldato, 
No me toca la morte; 
Se Dio me da la sorte, 
Spero de ritornar.') 

16 Cole teste, cole teste dei taliani 
Jogheremo ale borele, 
De Vitorio, de Vitorio Emanuele 
Meteremo per bulin. 

17. Vitorio Emanuele 
Che leca le pignate 
E cola man politica 
Se pestava le culate, 
Kirie, kirie, kirije leison 
Kirie, kirie eleison. *) 



») EntsUnd wol in den 50-er Jahren, «ir Zeit des Absolutismus. 
») Wird nach der Arie „In KWeii» non ha rosa- aus La Sonnambula 
gesungen. 

•) Nach der absolutistischen Aera. 

♦) 14. u. 15 Rekrutenlieder. Fiume stellt sein Contingent zur 
oder zur ung. Ijandwehr. (Eanizsa ) 

•) 16. u IV. erstanden wol in Tirol. 



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ITALIENISCHE SPRÜCHE U. LIEDER ADS FIÜME. 



18. Se ti brami di vedermi 
Fa la ronda al mio castelo, 
Poi ti donarö l'anelo, 

El anelo del'amor. 

[Senza di te, mio bei tesor, 

No posso vivere, no, no !] 

> 

Se la mamma te domanda: 
„Chi t'ha dato sto noreto?« 
,Me Tha dato el signoreto, 
Che fazeva Pamor con me.' 
[Senza di te, mio bei tesor, 
No posso vivere, no, no!] 

„Te go deto tante volte, 1 ) 
Che no vojo fior' in testa, 
Ne de jorno, ne de festa, 
Ne de jorno de lavor!* 
[Senza di te . . . 
etc. 

19. Fazo Pamor, xe vero: 
Cossa ghe xe de mal? 
Vole che a quindez' anni 
Stio lä come un cueal?*) 
Se tuto el santo jorno 
Sfadigo a lavorar, 

Xe justo, che ala sera 
Me fazo acompagnar. 

Son jovane, son bela, 
Cossa ghe xe de mal ? 
Vole che a quindez' ani 
Stio la come un cucal? 
etc. 

Se vado al vejon stasera, 



Cossa ghe xe de mal? 
Son jovane, son bela, 
Eeemo in carneval. 
Se tuto el santo jorno 
Sfadigo a lavorar, 
Xe justo che ala sera 
Me fazo acompagnar. 

Son vetja, son in tochi 
E questo ghe xe de mal! 
Me tocarä, capisso, 
Fini'r in ospedal. 
E tuto el santo jorno, 
Che mi svogo a tabacar, 
E poi, ala fine . . . 
Cossa ghe xe de mal? 

20. Se ga roto la pignata, 

Se ga spanto i macaroni: 
Magna Pepi, magna Toni, 
Macaroni ä la Pompadur 

21. Per andar in foiba 
Ghe vol la corda lunga, 
Per far l'amofe 

Ghe vol la riza e bionda 

Per far i bigoli 3 ) 
Ghe vol dele sardele, 
Per far l'amore 
Ghe vol le sartorele. ') 

22. Ziribiribim paghe una bira! 

non ze moneda. 
domani sera 
la pagarä. 



1 



») Verg. Ethnol. Mitt. a. Ungarn 11. S. 191. 
') Cucal Möwe, Maalaffe. 

s ) Bigoli (Würmer) dünnere Macaroni; die dünnste Sorte hewat capelini 
n. 

«) Soll dem bekannten „Gigerl '-Lied entsprechen/ 



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A. KÖRÖSI 



23. La dis, la dis, la die che xc malada 

Per no, per no, per no magnar polenta: 
Bißogna, bisogna, bisogn'aver pazienza, 
Lassarla, lassarla, lassarla maridar. 

(6 Takte) Trallala 



(3 , 
(4 . 

24. Tute le mule passano, 
La mia no passa mai. 
Te vojo bene assai, 

£ ti no pensi mai a me. 
Voga, rfvoga 
La mia barcheta! 
Voga Nineta, 

Che scmo in mezo al mar. 

Nel mezo al mar che mormora 

Se pescan le sardele. 

Adio finmane bele, 

Me tocara partir. 

Voga, rivoga 

La mia barcheta t 

Voga Nineta, 

Che scmo in mezo al mar. 

25. Pescador che va ala pesca 
Vien a casa ben bagnado: 
„Bela, son asasinado, 

Che ala pesca no vado piü - 

Quando el mar fa la burasca 
E le onde salta fora, 
Teresina se inamora 
D' un bei jovin pescador. 

„La mia mare poverina 
Me ga dado poca dote: 
Do teciete tote rote 
E 'na tola*) per lavar." 



) „ 

) , 

26.Zezilia ariva a Padova 
La vede un cameron, 
La vede el suo mar) 
Sera f una prijon. 

„Cos ti ga, marito mio? 
Cos' ti ga? Cos' ti ga?« 
,Va sü dal capitano 
'Na grajia a rijercarl' 

„Bon dl, sior capitano! 
Go una grajia a sercar," 
'La grajia sara fata 
Verai dormir con me'. 

,Stanote a me^anote 
Zezilia verä qua: 
Pronta i lenyoli bianchi, 
El leto ben fornl.' 

Quando era rae^anote 
Zezilia dä un sospir. 
,Cos' ti ga Zezilia mia, 
Che no ti pol dormir?' 
„M'ha da una bota al core 
Che credeo de morir." 

,Tasi, tasi, Zezilia 
Che presto fara el di, 
Ti andrä a la fmestra 
Veder el tuo marl 1 

Apena spunta l'alba, 
Zezilia va al balcon, 



•) tola — IotoIä: Brett. 



ITALIENISCHE SPRÜCHE U. LIEDES AUS FIUME 



La vede el sü marfo 
Pendente pindolon, 

„Mostro de un capitano, 
Come el me ga tradi ! 
Ga preso el mio onore, 
La vita al mio marl!" 



,Tasi, tasi Zezilia, 
Che mi ti sposarö! 1 
„No vojo capitani, 
Ma vojo el mio mar) !' 

La storia de Zezilia 
La va rinir cosl. 



V. Kinderlieder, Reime und Spiele. 

Ä. (L. Czink.) 



1. Cordon cordon de San Francesco, 
la bela stela in mezo, 

la peta un salto, 

la peta un altro, 

la fa la riverenza, 

la fa la penitenza, 

chiude i oci, 

la basa chi che la vol. 1 ) 

2. Siora Maria gaveva una gata, 
Tuta la note fazevala mata 
La ghe fazeva de panadela*) 
„Bigoli, bigoli siora Micela." 



3. Una volta jera un re, 
che fazeva pan de tre, 
che fazeva pan de quatro, 
e ti ti xe un raacaco. 
Una volta jera un re, 
che fazeva pan de tre, 
una volta jera un gato, 
che fazeva pan de quatro; 
levighe la coda e 
lechighe el mandolato, 
leveghela piü in sü 
e lecheghelo vü. 



4. Mädchen stellen sich, Hand in Hand, in eine Reihe, zwei 
Mädchen gehen singend auf sie zu: 

Noi siamo le zingarelle Ognuna per la mano 

Venute da lontano ; Allegre d' avvenir. 

Die Reihe antwortet und es entspinnt sich folgender Wechsel- 
gesang: 



Che cosa mai volete 

OgfoogfogelHIa 

Che cosa mai volete 

Ogi'o d' un cavalier. 

Vogliamo una ragazza 

Ogfogiogellila 

Vogliamo una ragazza 



Ogi'o d' un cavalier. 
E quäl' e sta ragazza etc. 
Noi vogliamo la piü bella etc. 
E qual e sta piü bella etc. 
La Teresa e la piü bella 
etc. 

Su sü venite a prenderla 



') Ringel -Reihen. 

*) Kinderbrei aus Brot, Öl, Petersilie und Knoblauch. 



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L. CZINK 



Sie nehmen die genannte zu sich, der Chor singt : 

E adessn 1* avete pre&a etc. 
Die Zigeunerinnen kommen aber bald zurück und singen : 
E questa non la vogliamo etc. p er questo vi affannate etc. 
Perehe non la volete stb. Su sü faciam la pace etc. 

Perche la mi ha detto zotta Faciam un baletto etc. 

(gobba, orba . . .) etc. 

Alle tanzen. 

La pace e gia fatta La pace e gia fatta 

Ogfögfogellila Ogfo d' un cavalier. 

5. Fangspiel mit Auszählereim: 
Uccelin che va per mare Puol portare una sola, 

Quante pene puö portare? Chi e dentro, chi e fora? 

Die Kinder bilden einen Kreis; in der Mitte ist die Mutter, 
stellt sich schlafend ; nach dem Gespräch läuft der Kreis auseinander ; 
wen die Mutter erhascht, tritt in ihre Stelle. 

Zitto zitto che la mamma dorme, Mamma xe un povero, 
Oh che mamma indormenzona. Cossa ghe darö? 

xe un povero, — Deghe quella scudella de cafe 



Cossa ghe darö? (tocco de pan . . .) 

— Lasseme dormir Mamma go rotto la scudella 

Oh che mamma indormenzona. (go magna el pan . . .) 

Die Kinder bilden einen Kreis; eins ist innerhalb, eins ausser- 
halb desselben; das äussere beginnt das Zwiegespräch, dann jagen 
sie sieb. 

Ti me da un poco? 

— Sorso sorsetto, cos ti fa _ Mi nö. — E se te ciapo? 

in quel busetto? _ E se te scampo? - Femo la 

— Magno pan e frumento. [prova. 

B. (A. Ktrfoi.) 
Auuählereime.*) 

8. Ujelin che va per mar, (Chi va drento, chi va fora. 

Quante pene pol portar? Chi xe drento, chi xe fora. 

Pol portare una sola, Un, dö, tre, 

Chi va drento, chi va fora. Ti xe el mio r6.) 



*) 8—14. rein italienisch, 10 -26. fremde Einwii 

288 



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I 



JTAIJENWCBB^PBÜCHE UND LIEDER AÜ8 PIUME. 



9. Corda, corda grossa, 
Quanto la me eosta! 
La me costa an carantan 
Sole porte de Milan. 
Sule porte de Verona, 
Dove che i bala 
E dove che i sona, 

10. Din, don, campanon, 
Tre sorele sul balcon ; 
Una stira e lava, 

L' altra fa ei pupin de pasta: 
L' altra va a San Vito, 
A trovar un bei marito, 
Com' el late, com' el vin 
Come la foja de V armnlin. 

11. La neve xe bianca, 
La val jentojinquanta ; 
La val uno, la val dd, 
La val tre, la val quatro, 
La val zinqae, 

La val Sie, 

La val sete, la val oto, 

Pan, vin, biscoto, 

Salta fora dal mio casoto. 

1 2. Gobo, gobo tondo, 

Cos ti fa in questo mondo? 
Fa^o cos che posso, 
Cola mia goba adosso. 
Gobo fa i jimbali, 
Zimbali de carta, 
Gobo salta in barca, 
Barca piena de fregola, 



Fregole de pan, 
Gobo, hol d' un can. 

13. Ghirin, ghirin, gaja, 
Martin soto la paja, 
p aja, paju3a, 
Fregola, fregoluja. 

14. Ai, bai, 

Ti mi stai, 
Tie, mie 
Compagnie, 
Ai, bai, buf. 

15. An, tan, Tini. 
Sora Catüii, 
Sora Caticheta, 
Ana, Pia, puf. 

16. An, tan, Tini 
Sora Catini 
Aja, baja, buf. 

17. In nome del padre 
Tanta nana, 
Croje d'Ebrei, 
Fiüstei, 

Dum, dum, dum, 
Starababa na kantun*) 

1 8. Zinjiri, bin^iri panpanela, 
Oto, nove, bagatela, 

Per un toco de biscoto 
Che si tjama galeoto.**) 
Smoqua, loqua, kapitan, 
Daiga nutra, daiga van***) 



♦) Kantun = ital. cantonr, Winkel. Die letzte Zeile kroatisch : Altes Weib 
im Winkel. 

**) Venezianisch galeta de biscotto, ein barter, runder, flacher Seezwieback 

•**) Die zwei letzten Zeilen kroatisch. Feige, Teich, Kapitän, gib'« herein, 
gib's heraus. 



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A. KÖRÖ8I 



19. Zinziri, bin^iri, campanele, 
Fekete, tekete, 1 ) tarantele, 
Dondolon, dondolon*), birimbele, 
Ziripiripin, ziripiripele 

20. Di drei manumchesse 
Di vasta, vasta flon 
Di flon machelsmesse 
Un si, sa, so. 8 ) 

21. „Elena (Franca) du mein 

Pibestin, 

Di Btaia tekete 
Di forma un tridon, 
Tridon vachelsmesse 
Und si, sa, so*) 

22. Enchete, penchete, 
Zucar di me, 



Avoli, favoli 
Bene per te. 

23. Engele, bengele, 
Zucar di me 

Fave, fave, Domine, 
Ex, pux, traus, 
Marsch hinaus. 

24. Andjol, banjol 
Tertanjol, 
Pilim, milim 
Cumpagnol 
Taca, raca, 
Zip, zip. 

25. Einz, zvei, drei, 
Pica, poca, pai, 
Pica, poca, hamerlai, 
Anen, firzen, drei. 



B. Kinderspiele. 



26. Pomo cotogno, che taja fetine, 
Con queste manine no posso 

[tajar. 

El galo canta, jomo fa. 

La povera vecia dove la va? 

Essa la va da San Miciele. 

San Miciele era morto 

La Madona era in orto 
28. Die Mädchen tanzen in 
Cordon, cordon di San Franzesco, 
La bela stela in mejo; 
La peta un salto, 

(Springt.) 



Cola sua compagnia 

Del rosario e de Maria.*) 

27. San Andrea, pescador 

Che pescava el nostro Sior. 
Pesca, raulesca! 
In quala man? 
In questa. 0 ) 

Reichen. Eins steht in der Mitte. 
La peta un altro, 

(Springt wieder.) 

La fa la riverenja, 

(Verbeugt *ich.) 



') Ungarisch fekete = schwarz. 

') Vielleicht nng. gondolom = ich denke. 

») Dentsch klingend. Un si = einer js; wol: und sie. 

*) Variante des Vorigea als Auszühlereim. 

s ) Beim Kniereiten. 

•) Erraten, in welcher Hand wss verborgen ist. 



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ITALIENISCHE SPRÜCHE DND LIEDER AU8 FIÜME. 



La fa la peniten^a, La basa chi che la vol. 

(Schlägt an die Brust.) (Küsst eine Qespielin.) 

29. Bockspringen (Colona) Eins ist der Bock, die übrigen über- 
springen es; bei jedem Sprung wird eine Yerszeile hergesagt: 

Tasi, tasi, Momolo, Ire ossi di armulini, 

Te daro luganiga, Tie sechi d'acqua dol$e, 

Luganiga de porco, Tre sechi d'acqua amara. 

Porco, porcajo, Cos ti vol: bareta in schena? 

Ladron del mio pala^o, Bareta de forner? 

Ladron dei miej zechini, 0 culata o lejer? 

Wenn der Bock antwortet: 
Bareta in schena, 

so legt jeder Springer sein Taschentuch auf den Rücken des Bockes 
und springt so hinüber, sprechend : 

Bareta in schena te darerao, Bareta in schena te go dä, 

Sto altro viajo che torneremo ; Bareta in schena te go preso. 

Welcher Springer das Taschentuch hinabwirft, oder es im Sprung 
nicht mitnehmen kann, wird zum Bock. 

Wenn der Bock antwortet 
Bareta de forner 

hat der Springer sein Taschentuch jenseits des Bockes auf die Erde 
zu werfen und darauf zu springen; wenn der Bock 
Culata 

wünscht, ist mit aller Kraft, auf die Ordre 
Lejer 

aber ganz leicht zu springen; wer gegen eine Regel verstosst, wird 
zum Bock. 

30. Mädchen bilden einen Kreis. Eines in der Mitte ist die 
Mutter») 

„Zito, zito, che la mamma dorme ! — ,E1 gato la ga magna/ 
0 che mamma indormen^ona ! »0 cn ^ mamma bujarda! 

0 che mamma indormenaona ! 0 che mamma bujarda ! 
Mamma eossagavemopermarenda?" ~ (Dte Mutter sucht die Jause.) 

T) « » O che mamma orba! 

- ,ran e nga. 0 che mamma orba! 

»0 che mamma bona! (jWe Mutter 8Ucht das MeMer) 

0 che mamma bona! La mamma ne majaräl 

Mamma, dove xe la marenda?" La mamma ne majarä!" 

Sie laufen auseinander. Wen die Mutter erhascht, tritt an ihre Stelle. 

•) Verg. Nr. ^. 8. 238. 
Hertmann, Ethnologische Mitteilungen II. 241 17 



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a 

31. Minolo, minelo, 
Bon per anelo, 
Piü grande de tuti. 
Frega i otji, 
Ma^a pedotji.*) 

32. La piova piovisina, 
La gata va in cusina, 
La va soter leto, 

Der Gefragte sagt „no. tf 
No sedise „no", perche 
Lafiaba de Sior Intento, 



La trova un confeto; 

La dise, che xe bon, 

La bäte sul tamburo, 

La mamma ghe dä per culo. 

33. La fiaba de Sior Inten\o, 

Che dura molto tempo 
E mai no la se distriga, 
La vol che ghe la diga? 
Der Erzähler fährt fort: 
Che dura molto tempo 
E mai no la se distriga etc **) 



Sveta Nedeljica. 

Nachtrag zo Ethnol. Mitt. 1. Jahrg. S. 130 ff. 
Eine hübsche Variante zu dem von Lukas Mb veröffentlichten 
Liede von der hl. Nedeljica finde ich im I. Hfte der „Hrvatske na- 
rodne pjesme sakupljene stranom po primorju a stranom po granici" 
von Stijepan Maiuranit, Zengg 1880 S. 1—6. Der Sonntagentheilige, 
bzw. der wilde Jäger, dem sich die hl. Sonntag als Schlange mit sechs 
Flügeln um den Hals gewunden, führt hier den Namen Kraljevhl 
Marko, des typischen serbischen Helden, der dem Volkdichtet' bei so 
vielen passenden und unpassenden Gelegenheiien herhalten muss. Die 
Frau des Frevlers heisst folgerichtig wie Markows Frau Angelija, und 
statt des labud in meiner Fassung tritt Marko's karac (der Schecke) 
auf. So ist aus der ursprünglich religiösen Legende eine historische 
Sage geworden und der Säuger beansprucht daraufhin für sich eine 
grössere Glaubwürdigkeit Der Schluss lautet : 

— o liebste Schwiegertochter, Marko ruft dich, 
du mögst hinaus ihm deine Söhne bringen, 

damit er sie zum letztenmal noch sehe. 

Kaum hat dies Angelika rasch vernommen, 
so nimmt sie ihre zwei noch kleinen Knaben 
und trägt sie vor den Vater, Prinzen Marko, 
damit er sie nochmals im Leben sehe. 

Aufs blosse Knie lässt sich das Frauchen nieder, 
die kleinen Söhnchen in den Armen hakend, 
und sie beschwört die Schlange von sechs Flügeln : 

— Wahlschwester sei mir, Schlange von sechs Flügeln, 
sei mir verschwistert. bei der jungen Sonnlag, 

sei Mutter mir bei einer Mutter Gottes,*) 

^ o_gib mir meinen Kämpen frei, denMarko! 

*) Die 5 Fingernamea. •*) Vexier-Märchen. 
***) Im Texte: Posestrimo zmjjo sestokrilal 

poaefltriui tc mladom nedeljicom, 

materim tn a 



342 



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- 

SVETA NEDELJICA 



Die Schlange ward um Gotteswillen milde, 
sie Hess sich in das grüne Gras herab 
und sprach zur Ehewirtin Angelika : 

— Wahlschwester, Ehewirtin Angelika! 
Ermahn du künftig deinen Kämpen Marko, 
er soll am Sonntag nimmer pürschen gehen, 
am Sonntag und dazu am jungen Sonntag 
so ungewaschen, ohn' Gebetverrichtung. 

Ich bin durchaus kein Schlangentier geflügelt, 
ich bin vielmehr die junge Sonntag selber 
und bin von Gott als Botin ausgesandt, 
um eine Lehr' dem Prinzlein zu erteilen, 
dass ohne Gott kein Anfang und kein Ende, 
damit kein Unheil fürderhin ihn treffe. 

So bleib mit Gott, o Wahlgenossin, Frauchen, 
o Schwester meiner Wahl, Frau Angelika! 

Mlada nedelja ist der erate Sonntag nach dem Neumond. Er 
ist dem Volkglauben besonders heilig. In einer jüngst im Letopis 
matice srpske, Hft 152. von 1887. Seite 82 f. veröffentlichten Sage 
aus der oberen Grenze, haust die Sveta Nedeljica in einem Berge 
eines unheimlichen Gebirges als Schlange mit sechs Flügeln und vier 
Köpfen. Der Sonntagfrevler ist diesmal ein ganz armer Holzbauer, 
der holzlallen geht. Die Schlange will ihn vernichten, doch zu seinem 
Glücke ruft er sie noch rechtzeitig bei Gott als seine Wahlschwester 
(po Bogu sesiro! Bogom te sestrimim!) an. Nun ist er gerettet. Zum 
Überfluss beschenkt ihn die Wahlschwester überreich mit Gold und 
Silber, doch untersagt sie es ihm strengstens, die Herkunft des Schatzes 
irgend jemand zu verraten. Sein Weib aber entlockt ihm das Ge- 
heimnis Darauf verwandeln sich die Schätze in Kohlen Hier ist 
also die Legende mit einer Episode der Eckhard's-Sage in eins ver- 
schmolzen. Über die zu Kohlen verwandelten Schätze vrgl. F. 8. 
Krauts: Südslavische Hexensagen, Wien, 1884. S. 46. 

In einer Beschwörungformel, die ich erst jüngst von meiner 
Mutter aus Pleternica in Slavonien erhalten, wird neben Gott und 
der hl. Jungfrau auch die Mlada Nedilja angerufen. Die Frau stellt 
Zaubereien und Beschwörungen an, um von ihrem Manne geliebt, 
nicht aber misshandelt zu werden. Ich citiere hier nur die für uns 
jetzt in Betracht kommenden Stellen : 

„Pomozi Boze i Gojspo i danasnja mlada nediljo ! u 
„treba kleknit na gola kolina, okrenit sczarkomu suncu i izgo- 
vorit tri oöena&a i tri zdrave Marije mlado f j Nedilji, da joj mlada 
Nedilja se smiluje nje carkama, koje ona ot svoje teöke muke (öini), 
da joj bude u pumoci, da ju covek ne bye i ne tuce. a (Hilf Gott 
und du (liebe) Frau und du heutige junge (Frau) Sonntag! . . . u 
(ferner) „muss sie auf die nackten Knie niederknien und zur jungen 
(Frau) Sonntag drei Vaterunser uud drei Mariengrüsse beten, es möge 

243 

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L. KATONA. 



sich die junge (Frau) Sonnlag ihrer Zaubereien erbarmen, <1ie jene 
durch ihren schweren Gram und ihr Leid bemüssigt. anstelle, auf dass 
sie hilfreich beistehe, damit jene von dem (iatten nicht geprügeil und 
nicht geschlagen werd\ u Die altgläubigen Serben im Mostarer Bezirk 
hegen den Glauben, Sveta Petka sei die Mutter der Sr.e.tn Xedilja 
Nach einer bulgarischen Legende (bei D. N. Popov im Sbornik <>t 
blgarski narodni pjesni. Varna 18*i. Nr 8. ö. 14 f.) sitzt die Solln 
Nidjelja in der Zelle eines Klosters als Klostertrau, die Haare un- 
gekämmt und wirr, die Kleider beschmutzt und bestaubt. Jung S:ojan 
( frägt sie: .Wenn du eine so grosse Heilige bist, warum schaust 
du gar so verwarlost aus?" Antwortet sie ihm: „D.iran seid nur Ihr 
Menschen schuld. So oft Ihr am Sonntag das Haus auskehrt und die 
Kleider ausklopft, fällt aller Schmutz auf mich." Über die Hersoni- 
fication von Kalenderlagen vrgl. W. Mannhardt in: Der Baumkuli us 
der Germanen und ihrer Nacnbarslamme, Berlin. 1S7Ö. 5. 273. 327 
u. öfters, und in Hezug auf die Verwandlung einer Frau in eine- 
Schlange Mannhardt, in: Antike Wald- und Feldkulte. Berlin, 1877. 
S. 64. fl. 

Wien, im Oktober 1888. Dr. Friedrich S. Kraus*. 



Ethnographie. Ethnologie. FolkJore. 

Von L. Katona. 
Scbluss. *) 

Der Folklore umfasst demnach nur einen Teil, und bei weitem 
nicht die Gesammtheit der Gegenstände, die in das Forschungsgebiet 
der Volkskunde gehören. Zur Bezeichnung der letzteren — wenn wir 
darunter die Kunde vom Volke, und nicht die Kunde den Volkes ver- 
stehn, also das Volk darin als Gegenstand, und nicht als besitzendes 
Subject der Kunde betrachten — wird wol der consequente und stän- 
dig festgehaltene Terminus der Ethnologie schon deshalb zweckmässig 
erscheinen, da in der zweiten Hälfte dieser Zusammensetzung ein deut- 
licher Hinweis auf den Charakter einer systematischen, auf die Erschlies- 
sung von Causalzusammenhii ngen sowie aus diesen abstrahierbaren 
Gesetzen und Princzipien au gehenden Wissenschaft enthalten ist, und 
somit ein scharf hervortretendes Unterscheidungsmerkmal die pragma- 
tische und erklärende, oder wenigstens für jede Erscheinung ihren Ge 
bietes eine Erklärung suchende Disciplin, zu ihrer rein beschreibenden 
und sich mit der Zusammenstellung von Beobachtungen und Tat- 
sachen begnügenden Schwester, der Ethnographie, in gegenseitig klä- 
renden Gegensatz stellt. 

Die Aufgabe der Ethuo } ogie wäre also dem Bisherigen entspre- 
chend, auf ein einzelnes Volk bezogen : rfas pragmatisch-historische 
Studium der gesummten materiellen und geistigen Lehenserscheinungen 
einer durch gemeinsame Abstammung, Sprache und Schicksale zu 



•) 8. Ethnol. Mitt. II, 4:> 

244 



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ETHNOGRAPHIE. ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



einem höheren socialen Organismus verknüpften Menschengruppe. Als 
letztes Ziel dieses Studiums ergäbe sieh aus dem Vorausgeschickten : 
die klare Einsicht in den Causalzusammenhang <ler aufgehellten Le- 
benserscheinungen, und auf Basis dieser Einsicht eine aus derselben 
resultierende Erkenntnis von Gesetzen und bestimmenden Pn'ncipien, 
deren ständiges Walten sowol in den gleichzeitig zu Tage tretenden 
Manifestationen, als auch in den aufeinander folgenden Vorgängen ein- 
mal richtig erkannt und begriffen, notwendigerweise zu -einer Voraus- 
sicht und vernunftmäss'gen Voraushestimmung dieser Manifestationen 
und Vorgänge führen muss Aus dieser Umschreibung des Problems 
der Ethnologie ergibt sich zu allererst, dass das Studium jeglichen 
Volkes notwendigerweise zu einer Mechanik des Lebens anderer Völ- 
ker, und schliesslich zur Mechanik des Lebens der Universalität der 
ganzen Menschheit führt. Andererseits ist es klar, dass wenn wir nach 
den Gesetzen des Lebens einer Menschengruppe höherer socialen Ord- 
nung forschen, wir die eingehende Analyse der niedereren Organismen 
nicht umgehen dürfen, welche trotz ihrer Gleichzeitigkeit auch eine 
frühere Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung repräsentieren. Hie- 
her gehört im Kähmen eines Volkes, und zugleich auch vor seine 
Entstellung fallend : der Stamm, innerhalb desselben und dennoch auch 
vor demselben: die Familie, und in letzter Analyse das Individuum 
selbst Das Individuum kann allerdings im llahinen der Ethnologie 
nur als Bestandteil des Ganzen und als Componente der innerhalb 
einer Gruppe sich entwickelnden Kräfte, oder aber als eine Function 
dieser wirkenden Kräfte in Betracht kommen. 

Zu den Hilfswissenschaften der Ethnologie gehört demnach in 
erster Linie die Anthropologie, welche im engsten Sinne genommen die 
Beschreibung des menschlichen Körpers ist, in einer etwas weiteren 
Bedeutung zur Kunde wird von den Lebenserscheinungen des mensch- 
lichen Körpers und von den Bedingungen dieser Erscheinungen. Wenn 
man schliesslich die Anthropologie auf einen noch weiteren Kreis aus- 
dehnt, so ist ihr Ziel das Studium der sclbstbewussten Facten des gan- 
zen Menschen, und indem sie nebst dem Gegenstande ihrer Kunde, 
den von ihm in der Kette der organischen Wesen eingenommenen 
l'latz bezeichnet, wirft sie auch die Frage nach seinem Ursprünge auf, 
und begleitet den Menschen in seiner Entwicklung schildernd von 
seinem ersten Erscheinen bis an die Schwelle der geschichtlichen 
Zeiten, hie Anthropologie, welche sich so einerseits mit der ver- 
gleichenden Anatomie und der Entwicklungslehre berührt, ander- 
seits aber mit. der Palaeontologie und der Archaeologie, bedarf auch 
der Geographie, zunächst der Anthropogeographie. welche die geogra- 
phisrhe Verbreitung unseres Geschlechtes untersucht, und den Einfluss 
der Wohnorte auf den Stammescharakter des Menschen nachzuweisen 
bestrebt ist. Sie bedarf aber auch, mit Hinblick auf die Fragen nach 
der Nahrung des Menschen, der Beihilfe der Biologie, so wie der Kennt- 
nis der für den Menschen besonders wichtigen Tiere, IHanzen und 
Mineralien, die sie aus der Naturgeschichte schöpft. Die Tatsachen 



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L. KATONA 



des menschlichen Bewusstseins analysiert sie aber nur insoweit, als ihr 
Verhältnis zu den körperlichen Vorbedingungen geklärt werden muss, 
und nur bis zu jener Entwicklungsstufe, wo die wesentliche Verschie- 
denheit des menschlichen Bewusstseins voti dem tierischen sich in je 
nen Erscheinungen des gesellschaftlichen Geisteslebens kundzugeben 
beginnt, zu deren Zustandebringen den einzelnen Menschen schon der 
Umstand unfähig macht, dass diese Erscheinungen für ihn als solchen 
vollkommen Uberflüssig, oder doch entbehrlich sind. Wir verstehen dar- 
unter vor allem die Sprache, und das in der Sprache als in seinem 
Organ lebende und sich entwickelnde begriffliche Denken, ferner die 
durch Vererbung zur zweiten Natur werdende Sitte (t&os), dann die 
Überlieferung (Tradition), und schliesslich jene anfangs mit der Ent- 
wickelung der Sprache parallel laufende urmenschliche Weltanschauung, 
welche wir mit dem Mythos in seiner allerweitesten Bedeutung identi- 
ficieren können. All dieses gehört aber schon zum Bereiche der im 
weitesten Sinne genommenen Ethnologie, und bildet das ungemein weite 
Forschungsgebiet der Völkerpsychologie. 

Indem wir die Sprache, die Überlieferung, die Sitte und den 
Mythos erwähnen, sind wir zu jenen Äusserungen des menschlichen 
Geisteslebens gekommen, welche nur in dem entwickelnden und erzie- 
henden Elemente des geselligen Zusammenlebens denkbar sind, und wir 
haben mit ihnen drei, in enger Ineinandergehörigkeit befindliche und 
auf einander gegenseitig wirkende Bestandteile des ethnologischen 
Kenntnismateriales bezeichnet. 

Sprache, Mythos und Ethos (Sitte) sind jene Dreieinigkeit, in 
welche die Lebensäusserungen niederer und vorbedingender Ordnung 
sich zu Tatsachen des menschlichen Bewusstseins sublimieren, und 
in der fortwährenden Wechselwirkung ihrer Elemente, die Gcsammt- 
heit jener Erscheinungen zu Tage fördern, deren Complex wir in ei- 
nem zeitlich und räumlich begränzten Durchschnittsprofil mit dem zu- 
sammenfassenden Namen der „Volksseele" bezeichnen. 

Aus dem erst in unserm Jahrhunderte durch Vertiefung und Er- 
weiterung der philologischen Forschungsgebiete gewonnenen Begriffe 
der Volksseele können wir am Besten jenes Wissenssystem ableiten, 
welches im weitesten Sinne genommen am zweckmässigsten unter dem 
Terminus der Ethnologie zusammengefasst werden kann Wenn wir 
die Lehren derselben auf Principien reducieren, so gehören dieselben, 
auf das Volk als gesellschaftlichen Organismus von einheitlichem Cha- 
rakter bezogen, in dieselbe phaenomenologische Reihe, deren Übrige 
Glieder sind: in erster Reihe die Physik, die die allgemeinen Eigen- 
schaften der Materie, so wie die molaren und molecularen Bewegungs- 
erscheinungen derselben behandelt; dann die Chemie, welche sich schon 
auf einen viel engeren Kreis beschränkt und die Materie weiter ana- 
lysiert ; des weiteren die Biologie, welche die allgemeinen Gesetze des 
organischen Lehens erforscht; und schliesslich die Psychologie, die in 
das Gewebe und Getriebe des individuellen Bewusstseins einzudringen 
versucht. Unter der letzteren verstehen wir natürlich jene Richtungen 



US 




ETHNOGRAPHIE. ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



derselben, die an keine, sei es spiritualistische, sei es monadische, sei 
es atomistische, aber stets substantielle Vorstellung der Seele anknüp- 
fen, sondern jene Erfahrungs-, Versuchs-, und — sagen wir es unum- 
wunden heraus — AVimvissenschaft, die mit dem Worte „Seele" 
nichts anderes bezeichnet, als .die Summe der psychologischen Erfah- 
rungen, und psychologische Gesetze nichts anderses nennt, als die an 
diesen Erfahrungen wahrnehmbare Regelmässigkeit. u *) Eine Psychologie, 
die auf so positiver Basis steht, wie sie Wundt im Zusammenhange 
mit den soeben citierten Worten nachweist, steht dem Begriff der 
Volksteele durchaus nicht fremd gegenüber, während die metaphysische 
Richtung denselben auf keine Weise in den Rahmen ihrer Lehren ein- 
fügen konnte; während Lazarus und Steinthal mit ihren von 
Herbart übernommenen psychologischen Begriffen in die offenbarsten 
Widersprüche geratend, sich nur mit harter Mühe bis zu dem 
höchst unklaren Programme der von ihnen erdachten „Völkerpsycho- 
logie" durchgearbeitet haben. Diese Widersprüche nachweisend, hatte 
Hermann Paul, der consequent auf Herbart schwört, ein leichtes 
Spiel, die in dem Plane von Lazarus und Steinthal verborgene Zu- 
sammenhanglosigkeit aufzudecken. (S. die Einleitung zu dem Werke 
„Principien der Sprachgeschichte"). Auch das ist leicht begreiflich, 
dass Paul, der unentwegt festhält au dem atomistischen Seelen- 
begriffe seines Meisters, mit demselben die Idee einer Volksseele 
auf keine Weise in Einklang bringen kann. Die Lösung dieser Aufgabe 
kann nur eine solche Auffassung der Erscheinungen des Seelenlebens 
geben, welche die psychologischen Erscheinungen nicht als die Wirke 
samkeit eines fertigen Mechanismus ansieht, sondern als die Summ- 
ier unter der Wechselwirkung des gesellschaftlichen Zusammenlebens 
entwickelten und sich ununterbrochen weiter entwickelnden Kraftäusse- 
rungen. Auf Basis einer solchen Auffassung ist, entgegen den Bemer- 
kungen Paul's, der den Gegenstand der Völkerpsychologie in Zweifel 
zieht, eher die Haltbarkeit der Vorstellung einer isolierten individuellen 
Seele problematisch; besonders wenn wir bedenken, auf welch engen 
Kreis die Tätigkeit derselben beschränkt wäre, so wie sie sich — nach 
der althergebrachten Einteilung in sinnlichen Wahrnehmungen, im 
Denken, in sensuellen und Willenstätigkeiten äussert, wenn wir auch 
nur auf einen Augenblick von dem entwickelnden Einflüsse des gesell- 
schaftlichen Zusammenlebens absehen würden. Wo bliebe dann die 
Sprache, die wir mit vollem Recht das Organ des begrifflichen Den- 
kens nennen können, — wo die in der Sprache als in ihrem Organe 
lebende Vorstellungsabstraction, das Urteilen und Folgern, — ohne das 
Leben in der Gesellschaft, das doch der Sprach fähigkeit als Grund- 
vorraussetzung dient? Wo und wie sollte sich der Mythos bilden, der 
ja zum Teile eine wesentliche Rolle im Denkgehalte spielt, wobei 
wir unter Mythos sowol hier, als auch später die gesammte primitive 
Weltanschauung verstehen : jene Weltanschauung, die übrigens, nach dem 

' ♦) Wundt. Über Ziele und Wege der Völkerpsychologie (Phüos. Stadien IV, 1 7.) 

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L. KATONA. 



natürlichen Gange der Entwickelung die Vorgängerin jener wissen- 
schaftlichen Erscheinungserklärung ist, die den Spuren ihrer Bahnbreche- 
rin folgend, in letzter Instanz ebenso mythisch ausklingende Erklärun- 
gen, wie ihre primitive Schwester gibt. Wo bliebe der die Willensäus- 
serungen regulierende Ethos, der von Zeit zu Zeit und Ort zu Ort wech- 
selnde Schnitt des moralischen Gewandes der Menschheit, — wenn jene 
gesellschaftlichen Wechselwirkungen fehlen würden? Kurzum, wir müs- 
sen jenes alte Sprichwort: Einer ist Keiner (unus homo nullit* homo) 
als eine unbezweifelbare Wahrheit anerkennen ; oder wir können auch 
sagen, dass jeder ausserhalb des Verbandes der Gesellschaft stehende 
Mensch — in einem Sinne, der jedes wesentliche Merkmal des mit die- 
sem Worte bezeichneten Begriffes in sich schliesst — nicht nur ein 
non-ens, sondern gleichzeitig ein non sens ist. 

Aus dem Obigen ergibt sich ganz klar, dass die Psychologie — 
und diese musste sich, wenn sie eine wirklich exacte Wissenschaft 
werden will, unbedingt zur Völkerpsychologie erweitern, — in demselben 
Verhältnisse steht zu der Beschreibung des Menschen als gesellschaft- 
lichen Wesens (Anthropologie und Ethnographie) und der diese prag- 
matisch ergänzenden Geschichte desselben (Ethnologie), wie die Bio- 
logie zu der Beschreibung der übrigen organischen Wesen (Zoologie 
und Botanik) und zu deren vorläufig noch sehr lückenhaften Geschichte ; 
oder in demselben Verhältnisse, wie die Physik und Chemie zu der 
Kosmographie und Kosmologie, und der aus dem Kreise jener heraus- 
getreten selbstständig gewordenen Geographie und Geologie. Eine Psy- 
chologie in diesem Sinne ist also berufen, die auf dem Wege der uni- 
versalhistorischen Forschung aufgeklärten Tatsachen der Entwick- 
lung des menschlichen Geistes in der Reihe der drei Kategorien: Spra- 
che, Mythos, Ethos aufzuarbeiten. In die erste Gruppe gehören ausser 
der Sprache als solcher, also ausser dem rein linguistischen Substrate 
an derselben, noch die Litteratur- und Wissenschaftsgeschichte. Diese 
leitet auf ihre letzten Principien zurückgeführt, zur Methodik ; die erste 
aber zu jenem Teile der Aesthetik, der auf Spvachwerke anwendbar 
ist. Der letzteren wird übrigens ausserdem vonseiten der Geschichte 
der bildenden Kunst, welche aus dem Mythos einen wesentlichen Be- 
standteil ihrer Nahrung zieht, reichliches Material zugeführt, während 
der Mythos und die aus demselben sich krystaUisierende Religion die 
Mythologie, beziehentlich die Theologie als Prineipienwissenschaft 
supponieren. Die Geschichte der gesellschaftlichen Ordnung, der Regie- 
rung und jener Arbeit, die auf die Beschaffung der materiellen Lebens- 
bedürfnisse abzielt, diese Geschichte, die sich in ihren Zweigen als 
Rechts-, Staats- und Wirtschaftsgeschichte gliedert, hilft die Principien- 
systeme der Rechtsphilosophie, der Staatslehre (Politik) und der Volks- 
wirtschaftslehre aufbauen. Diese, so wie auch zum Teile schon der My- 
thos zusammengenommen mit dem Religionsgehalte, integrieren all 
mählig den ethischen Teil der Volksseele, deren in Verbindung mit 
der intellectuellen Entwirkelung analysierte Gesetzmässigkeit — inso- 
weit nämlich die wissenschaftliche Einsicht die Spuren einer solchen 



248 





ETHNOGRAPHIE. ETHNOLOGIE. FOLKLORE. 



herausfindet, — eine gewisse Voraussicht gestattet und dem entspre- 
chend auch gewisse Vorkehrungen im Interesse des socialen Organis- 
mus anzuraten geeignet ist. Diese Folgerungen endlich, welche aus der 
in Statik und Dynamik sich teilenden Mechanik des gesellschaftlichen 
Lebens abstrahierbar sind, fasst die jüngste der Wissenschaften, die 
Sociologie in ihr System. Dass derart endlich, nach mehrtausendjäh- 
rigem Heruratappen, auch die Analyse der Erscheinungen des gesell- 
schaftlichen Lebens sich in den Rahmen der cxacten Wissenschaft ein- 
zufügen verspricht, ist das Hauptverdienst der dominierenden philo- 
sophischen Richtung unseres Jahrhundertes des hauptsächlich an die 
Namen Comte und Spencer anknüpfenden) Positivismus. 

Wenn man uns nun fragt, wie wir uns auf Grundlage des Obi- 
gen die Aufgabe der Ethnologie eines Volkes denken, so möge als 
Antwort auf diese Frage der hier folgende Plan dienen 
A. Auf ein (relativ) autochthones Volk bezogen: 
I. Geographischer (eigentl- chorogra t .hischer) Teil. 

a) Oro- hydrographische, klimatologische u. geologische Beschrei- 
bung des Wohnsitzes. 

b) Flora und Fauna desselben. 

c) Kulturgeographie. 

IL AttthropologiscJier Teil. 

1. Reschreibender Abschnitt: 

a) Somatolcgische Anthropologie. 

b) Demographie. 

2. Pragmatischer Abschnitt: EinHuss der unter I beschriebenen 
Bedingungen auf den Körperbau, und Bedingtheit der demographischen 
Daten durch die äusseren Lebensverhältnisse. 

Hl. Ethnographischer Teil : 
1. Beschr Abschnitt: 
o) Wohnung. 

b) Nahrung. 

c) Kleidung, Waffen und Schmuck. 

d) Pflege des gesunden und kranken Körpers. 

e) Lebensunterhalt: 

er) Jagd und Fischerei 
ß) Viehzucht. 

y) Feld- und Bergbau, Forstwirtschaft 
S) Industrie. 
t) Handel. 

C) Raub- und Kriegszüge. 

f) Sitten und Bräuche: 

ß) Nach der Reihe der cyklischen Erscheinungen des Men- 
schenlebens. 

ß)\m Anschluss an die natürlichen und festlichen Jahreszeiten. 

v) Sonstige Bräuche. (Traditionelles in der Ausübung poli- 
tischer Rechte und Pflichten, in der Rechtspflege und 
Regierung, u. s. w.) 



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h. KATONA. 



g) Volkstümliche Kunstfertigkeit mit Beziehung und im Anschluss 
auf die unter a), 6), c), rf), e) und /) angeführten. 

2. Pragmatischer Abschn : Einfluss von I. u. II auf III. 

3. Vergleichender Abschn. 

IV. Ethnologischer Teil iim engeren Sinne dieses Wortes). 
1 Beschr. Abschn : 

a) Sprache und mündliche Überlieferung (also Folklore im oben 
näher begrenzten Sinne dieses W.) 

f>) Mythos (Volksglaube) und Religion (positiver od eonfessionel- 
ler Glaube) und die gegenseitigen Beziehungen der beiden auf einander. 

c) Sitte und Brauch im engeren Zusammenhange mit dem Volks- 
und Kirchenglauben; zu einem Teile schon weiter oben berücksichtigt. 
(S. III. 1. f.) 

</) Geistiger Niederschlag der historischen Erlebnisse des Volkes. 

2. Pragmatischer Abschnitt: 

fr) Wiederspiegelung der vorstellungsbildenden Elemente sämmt- 
lichcr unter I II. und III. angeführten Bedingungen und Bedingthei- 
ten in der Sprache, der mündl. Tradition, dem (ilauben, Meinen und 
Wähnen, so wie in den Sitten des Volkes. 

M Folgerungen aus II. 1 , III., IV. 1. oj. ') und c\ auf den Ur- 
sprung und die verwandschaftlichen Verhältnisse des Volkes (Spceulative 
Ethnogonie) Zusammenhalten dieser Folgerungen mit den historischen 
Daten und Ergebnisse dieser sich gegenseitig ergänzenden Aufschlüsse 

3. Vergleichender Abschnitt. 

V. Völkerpsycholoytscher Teil. 

Bedingtheit dessen, was wir unter Volksseele versteht!, von den 
unter I , II und III angeführten Lebensverhältnissen und Erscheinun- 
gen Charakteristik dieser Volksseele an der Hand der unter IV. auf- 
gezählten Äusserungen derselben 

VI. Sociologischer Teil. 

Die von dem betreffenden Volke auf der Stufenleiter der gesell- 
schaftlichen Entwickelung eingenommene Stelle, der absolute Wert sei- 
ner gesellschaftlichen Institutionen (in Hinsicht auf den Fortschritt der 
gesummten Menschheit»; der relative Wert derselben (gemessen an dem 
Interesse der Erhaltung des eigenen Volkstumesi. Das System der aus 
diesen Wertschätzungen abstrahierbaren Folgerungen und allgemeinen 
Principien Die nach der wissenschaftlichen Einsicht feststellbare Pro 
gnosis für die Zukunft des Volkes, und die daraus eventuell abzuleiten- 
den Vorsichtsmassregeln «gesetzgeberische Prophylaxis) 

B) Bei einem nicht nu'ochthonen Volke erweitern sich die Punkte 
unter A) um Folgende: 

I. 2. Im Falle der positiven Kenntnis der Urheimat, beziehentlich 
der älteren Wohnsitze, ein (womöglich der resp. Zeit entsprechendes) 
Bild derselben; falls aber die positiven Daten dafür fehlen, muss eine 
Beeonstruetion durch Folgerungen aus dem jetzigen Zustande versucht 
werden. 

260 

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ETHNOGRAPHIE. ETHNOLOGIE. KOLKLOHE 



II. 3. Die aus dem anthropologischen Bilde ableitbaren Folge- 
rungen auf die Urheimat, bez den älteren Wohnsitz 

III. 4. Folgerungen hinsichtlich des eben Erwiihnten aus den eth- 
nographischen Daten 

IV. 4. o) Positive gesc hichtliche Dat^n über die Urheimat, bez. die 
älteren Wohnsitze, über Wanderungen und den Einzug in das jetzige 
Vaterland, so wie über die Besitznahme desselben 

b) a) Die Belehrung, die man aus dem unter IV. 1. Erwähnten 
(Sprache, Mythos, Ethos.) hinsichtlich der Urheimat bez der alteren 
Wohnsitze schöpfen kann. 

t i) Der Einfluss der älteren Wohnsitze und Berührungen auf das 
unter II. 1., III. 1. und IV. 1. Aufgezählte. 

c) Positive geschichtliche und palaeethnologiscbe Daten über die 
früheren Besitzer des gegenwärtigen Wohnortes, der Einfluss dersel- 
ben auf die nach ihnen gekommenen Volksschichten, in anthropologi- 
scher (II. 1 ), ethnographischer (III 1 ) und ethnologischer (IV 1.) 
Hinsicht. 

V. Die nachweisbaren Erinnerungen an die älteren Wohnsitze, 
früheren Wanderungen und Berührungen in den gestaltenden Elementen 
der Volksseele. 

Innerhalb dieses Planes kann der von uns soeben zu seiner eng- 
sten Bedeutung umgrenzte Folklore, als ein in die Kategorie der Spra- 
che einzureihender Bestandteil der Volksseele, folgendermassen ge- 
gliedert werden 

I. Angaben, die aus dem Wortschatze geschöpft werden können, 
und zwar solche, die 

a) den Vorstellungsgehalt der Volksseele aufklären, 

b) ihr eigentümliches Vorgehen bei der Begrittsabstraction be- 
leuchten, und zwar: 1) In Bezug auf die materielle Welt und die mo- 
ralische Lebensordnung. 

2) In Bezug auf die hinter der materiellen Welt verborgenen 
personifizierten Kräfte, und in Bezug auf die, das moralische Betragen 
regulierende transeendentale Auflassung. 

II Sprichwörter und stereotype Redensarten, entsprechend der 
Einteilung unter Punkt I. 

III. Die mündlichen Überlieferungen, erzählenden Inhaltes, d h. 
der epische Teil der Volkslitteratur u. z. 

1 ) Märchen : a) sogenannte Feenmärchen lim engeren Sinne des 
Wortes), 

b) Tiermärchen ; 

c) launige und übermütige Erzählungen, Anekdoten. 

2) Sagen: a) an einen Ort geknüpfte. 

b) von den Gestalten des Volksglaubens handelnde, 

c) anknüpfend an die Gestalten der positiven Religion, 

d) erklärende, od aetiologische Sagen (Legenden und 

Erzählungen). 

3) Epische Gelänge ( Heldengedichte, Romanzen, Balladen u. s. w.| 



261 



L. KATONA. 



IV. Der lyrische Teil der. mündlichen Volksüberlieferung, u. z. 

1) Lieder, Tanzlieder und Tanzsprüche; 

2) Wiegenreime und Kinderverschen (insoweit dieselben Bruch- 
stücke oder Kern von 1 sind). 

V. ' Die satirischen, didaktischen und gemischten Elemente der 
mündlichen Volksüberliefenuig. u. z. 

1 ) Spottverse, Spott- und Neckreime. 

2) Gereimte Sprüche, die sich an Festtagsgebräuche knüpfen 
(z. Ii. Hochzeitssprüdie u s. w ) 

8) Gedenkverslein, Spielreime und Lieder, Auszähleverse. 
4) Rätsel. 

VI. Der dramatische Teil der mündlichen Volksüberlieferung : 

1) Mysterien und Verwandtes (geistliches Volksdrama). 

2) Weltliche Volksdramen. 

3) Volksunterhaltungen und Spiele dramatischer Form 

Es ist selbstverständlich, dass der grösste Teil des hier Aufgezählten 
sich von den anderen Teilen des Studiums der Volksseele kaum trennen 
lässt, und in fortwährender Beziehung steht einerseits zum Mythos, ander- 
seits zu dem Volkahrauch und zu den Erscheinungen des Volkxlbens 
überhaupt. Nichtsdestoweniger ist eine Prüfung derselben nach ver- 
schiedenen Gruppen und in einem engeren Zusammenhang» innerhalb 
dieser Gruppe 1 nicht blos wünschenswert, sondern geradezu unerliiss- 
lich; vorerst mit Hinblick auf die Metho le, welche bezüglich der hierher- 
gehörigen Elemente und deren Natur entsprechend überwiegend litterar- 
h isto r/scA, oder sagen wir: philoloyUch ist; in zweiter L'nie aber weil, 
wie schon erwähnt, die Gegenstände des Folklorr in der directen oder 
indirecten Berührung der Völker von den ältesten Zeiten bis zum heu- 
tigen Tage fortwährend wandern, und somit auch Gegenstände einer 
der wichtigsten Hilfswissenschaften der Ethnologie sind, nämlich der 
im Übrigen auch selbständig existenzberechtigten vergleichenden Lit- 
leraturforschung. 



Bihliofjraphie. Topinuni, 1/ Anthropologie, 4. Aull. P.iris, 1HH4. ./. Iinnke, 
Der Mensch. Stuttgart, 1887. — Waitz, Anthropologie <ler Naturvölker, Leipzig 
1859 »»4. 4 B. ; der ö. u. 6. von Gerland 1870—71. H'tstian, Der Mensch in der 
Geschichte. Leipzig 18GÜ. Oers. Das Beständige in den Menschenrassen. . . . 
Berlin 1868. Oers. Ethnologische Forschungen, Jona 1871. />«•#•»•. Geographische 
u. ethnologische Bilder, das. 1873. Fr. M HUr, Allgemeine Ethnogruphio, 2 Aufl. 
Wien. 1879. TescM, Völkerkunde, •">. Aufl. Leipz. 1881. liat~,l, Völkerkunde, 
Stuttgart 1887. Tutor, Researchos into tho early history of mankind and the de- 
velopment of civilization. 2. Aull. London 187U. Ihrs. Primitive culture : resear- 
ches into the developruent of mythology, philosophy, religion. language. .tri, 
and custom. 2. Aufl. London 1H73. Her*. Anthropoiogy. Introduction to the study 
of man and civilization, London IKtfl. Hoychot, Der Ursprung der Nationen. 
Leipz. 1874. Haation, Allgemeine Gruud/.üge der Ethnologie. Berlin 1884. Vir- 
choii-BiUtian-H'.irtm tnn, Zeitschrift fiir Ethnologie, Berlin seit 1869. — H txtian, 
Beitrage zur vergleichenden Psychologie, Berlin 1868, L'unrux-Steinthnl, Zeitschr. 
für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, Berlin u. Loipz. seit 1859. S. 

362 



by CoOgt 



DIE ALTEN FOLKLORISTEN. 



besonders 1. B. 1—73. Vgl. Herrn. Paul, Principien der Sprachgeschichte, 2. 
Autl. Halle 188P, Einleitung. Ferner: H'. Hundt, Über Ziele und Wege der 
Völkerpsychologie (Philos. Studien IV, 1t— 27.) Bastian, Der Volkorgodanke im 
Aufbau einer Wissenschaft vom Menschen, 1881. — A. Lany, La Mythologie. 
Trad. par L. Parnientier. Avce une preface par Ch. Michel. Paris 1886. Bastian, 
Das Religiöse in ethnolog. Auffassung, Jena 1871. A. Lanu. Custom and Myth. 
London 1884. Drrs. Myth', Ritual and Religion, London i887. — F. Liebrecht. 
Zur Volkskunde, Heilbronn 1879. Chamber« Encyclopnedia : »Folklore" (Thoraas 
Davidson). Pui/maii/re, Folk-lore, Paris 1885. P. Sibillot, Le Folk-lore (Revue 
d'Anthropologio XV, 290—302, Paris 188G). Gustar Meyer, Essays und Studien 
zur Sprachgeschichte und Volkskunde. Berlin 1885. („Folklore" 145—162.) 
L. Kulotui, Zur Litteratur und Charakteristik des magyarischen Folklore: I. 
Allgemeine Char. des Folklore. (Zeitschr. f. vgl. Littoraturgesch. u. Renaißsance- 
Litteratur, Neue Folge Band I, Heft i. Berlin 1887.) Folk Lore Journal Vol. 11: 
Folk-Lore Terminology. Id. by Alfr. Kult Vol. Iii: The Science of Folk-Lore 
by Charlotte S. But ne. Id. by G L. Gor.ime Id. by IC Sidney Hnrtland. Id. by 
A. Machado y Alrarez. Vol. IV: Classification of Folk-Lore by Charlotte S Bunte. 
Principles of the Classification of Folk-Lore by J S. Stuart Glennie. Folklore 
as the Cumplemeut of Culture-Loro in the Study of History by J. S Stuart 
Glennie The Scienco of Folk-Lore, with Table* of Spirit Basis of Brlief and 
Custom by Captain <' T, mjdc. The Journal oi Amerian Folk-Lore. Vol I, p. 
79: Notes and Queries (on the term „folk-lore"). Boston and New- York 1888. 
— Herbert Spencer, The Classification of the seionecs, 3. Aufl. London 1871. 
Hers. Principles of Sociology, London. (D. Übers. Stuttgart 1877.) Dets. Ein- 
leitung in das Studium der Sociologie, Leipz. 1875. Gumjdotritz, Grundriss der 
Sociologie, Wien 1885. — A Hemnann, Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn 
1887-92. ' 



Die alten Folkloristen. 

Von Ch. G. Leland. 

Es kommt oft vor, dass ein Folklore-Sammler, wenn er sich unter 
Hauern, Zigcun rn oder dergleichen befindet, wo allerlei Märchen, 
Aberglauben, oder traditionelle Materialien im reichsten Überflusse vor- 
handen sind, nicht weiss, wie er anfangen soll etwas abzuschreiben. 
Ich möchte andeuten, dass in solchen Fallen manche nützliche Winke 
in gewissen alten Büchern zu finden sind. Wie der englische Dichter 
Chaucer sagt: „aus alten Feldern schaßt man alle Jahre neues Korn." 
So zum Beispiel habe ich erfahren, dass wenn man einen Zigeuner 
fragt: „Wie heisst — — in deiner Sprache?* der Mann sich des 
Wortes nicht erinnern kann. Aber wenn wir z B. ein Wörterbuch der 
hindostanischen oder gujeratischen Sprache vornehmen und die Wör 
ter nach einander vorlesen, wird er bald sagen : „Ja, Herr, ich kenne 
jenes Wort' — und wenn er es nicht genau kennt, wird es ihm ein- 
fallen, dass er ein ähnliches kennt. 

Nehmen wir z B. so ein Buch, wie der „Glücks Topf, welcher 
in 118 beschriebenen abergläubischen Zetteln besteht, von M. Johan- 
nes l'raetorius. 1609." Dann nehmen wir die einzelnen Capitel vor 
und fragen z. B. „Hast du gehört von Reichtum durch Hahnrei- 
schaft V Von Kobold-Glück? Von Maurer- und Hunde-Glück? Von 
Reichtum durch Finden ? Von Stillschweigen beim Schatzgraben ? u u. s. w. 

258 



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CH. O. LELAKD 



So kann man in allen Werken von Praetorius z. B. sein Anthro- 
podemus Plutonicus. 1666. sein IHocksberge Bericlxtung. etc. hunderte 
von dergleichen Beispielen finden. 

Nicht weniger nützlich ist der „Tractatus de Fascinatione* von 
Johann Christian Fromann. Nürnberg 1675. In diesem Buche findet 
man 1060 Seiten, und gewiss auf jeder Seite einen Aberglauben, der dem 
Folkloristen nützlich ist. Fromann gibt viele interessante Zauber- oder 
Besprechungs-Formeln der Bauern, doch immer unvollständig, z. B. 
Ad dolorem dentium hanc, 

„Gott uud das heilig Klüt 

Sey iür meine Zahne gut! 

\v ( ich Zähne hoer klagen, 

Will ich einem von Ualgenblat sagen, etc. 

Das sey dir eine wahre ßuss im Nahmen" etc. 

n et quae al a ohnervanda praeeipiuntur. Sed ea nos supprt'mimus." 
So bei Praetorius und vielen anderen alten Schriftstellern. Die guten 
ehrlichen Leute scheinen Angst zu haben, dass sündige Leute die ver- 
dammten Zauber-Formeln benützen werden Es ist zu wünschen, dass 
soweit möglich, die Folkloristen von heute diese Formeln vervollständigen . 
Denn wie Karl Blind bewiesen hat, manche von diesen Formeln sind 
uralt. Es existieren noch heute in Nord-Italien hunderte dergleichen, 
welche ursprünglich lateinisch waren, und sogar etruskisch. 

Noch reicher ist der Curiosus Amuletorum Scrutator, von Julius 
Ueiehelt, Frankfurt 161)2, ein Buch von 688 grossen Seiten, wo man 
auf jeder Seite mehrere Aberglauben findet. Mit solchen Handbüchern 
kann man schnelle Fortschritte machen Es ist nicht lange her, seit ich 
hier in Florenz anfieng, zu fragen von r Hexen" und alten Leuten, ob 
sie etwas wüssten von Zaubermitteln gegen Krankheiten. Es gieng sehr 
lamgsam. Da nahm ich die hundert Recepte von Marcellus Burdiglensis 
vom vierten Jahrhundert, und fand, dass fünfzig von diesen unter den 
Leuten noch bekannt sind 

Hier in Italien sind auch die christlichen Zauber-Formeln, welche 
an Gott, die Dreieinigkeit und die Heiligen gerichtet sind, vielleicht 
alle ursprünglich heidnisch gewesen So zum Beispiel will man glück- 
liche Träume habun, so wendet man sich an Santo Simeone, der früher 
gewiss Somnone und Soranus war Wer erkennt nicht in Santa Anna 
oder Lu San'Na. die Kinder gibt, die Lucina? 

Ich habe dies geschrieben, weil ich merke, dass sehr viele talent- 
volle und tüchtige Sammler, hauptsächlich in England und America, 
diese alten Quellen nicht besonders in Acht zu nehmen scheinen. Nach 
ihrer Art und Weise waren Männer wie Heinrich Fromann, Grosius und 
Praetorius sehr eifrige Folkloristen, und sie verdienen, dass man ihre 
Bücher benützt, um Neues zu sammeln. 

Florenz, 2 März 181)2. 



264 

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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOOTTLEN 



Kosmogonisehe Sagen der Wogulen. 

Aus dem Volkskunde aufgezeichnet von Dr. liernhard Munkäcxi 

VI 

Das Lied von der Erschaffung der Erde und des Himmels. 

1. Die Erde und der Himmel, — sie formen sich, 
sie werden erschaffen, 

Nach XuV-äters kleinsten Sohnes zum Pfeilfahnekleben gebrauchten 
silbernen Leimkessels Grösse 
5. wird erschaffen der Ober-Himmel {Numi- 7W»i), unser Vater. 
Nach XuV-äter* kleinster Tochter 
silbernen Spindelring» Grösse 
wird erschallen [die Krustige-Erde, uusere Mutter.] 

* 

Krustige-Erde, unsere Mutter 
10. füssigeischaffenen nissigen Kahn 

hinaufsendet [in den Himmel, lässt sagen:] 
„Erschaffen sind wir also erschallen; 
[aber] ohne von Speisen sich nährenden Menschen 
kann ich nicht leben (zu sitzen reicht meine Kraft nicht aus.)" 

* 

15. Dieser fiissigerschaffene lässige Kulm 
gelangt oben an, [sagt dies :J 
„Krustige-Erde. unsere Mutter 
ohne von Speisen sich nährenden Menschen 
kann nicht leben." 

* 

IXumi-Ttirdm Vater antwortet :| 
20. „Du, wenn du bald hinabgelangst. 

mit lebendiger Schlangengerte, 

drei Mal geschehend, 

peitsche die Mutter, Krustige-Erde ! 

Auf zwei Klaftern des weitklafternden*) Menschen 
25. wird sich ausbreiten (entfalten) das Erdchen: 

ihr von Speisen sich nährender Mensch wird von dort erschaffen 

\\ erden, 

Äamt'-Frau, die Mutter wird von da erschallen werden, 

aus einem Mutterleibe wird sie sieben Sprossen gebären (schütten)." 

* 

Jahre zählend, sieben Jahre hindurch, 
HO. Jahre zählend, drei Jahre dindurch 
schaukelt die Jungen der Wind. 
Obengehenden geflügelten Kahn 

♦) Mit ausgespannten Armen. 



255 



DR BERNHARD MUNKAC8I 



[Krustige-Erde Mutter mit der Botschaft) hinaufsendet: 
..Den von Speisen sich nährenden Menschen 
35. haben wir also ersehaffen ; 
aber jetzt einen essbaren, 

seinen Herzzipfel [füllenden] schmackhaften Bissen 
woher wird er nehmen?" 

Der Mann (d. h. Numi-Türem), nachdem er lange Zeit gesessen, 

[also] spricht: 
40. rBald an des unten sich ausbreitenden (sitzenden) 

dichten Rottannwaldes Gelände 

werde ich die sieben kalbige Rentierkuh herablassen, 

das Kuhkalb und das Stierkalb werde ich [dorthin] herablassen, 

das gescheckte Rentierkalb mit seiner Mutter 
45. auf die dort sich ausbreitende stierzungenbreite Moorfläche 

werde ich herablassen 

Ihr von Speiden sich nährender Mensch 

auf seinen Herzzipfel den schmackhaften Bissen 

von da sich verschaffen möge!" 

* 

50 Der Aeimi-Frau Mutter unserer, 
Sieben Söhne eines Mutterleibes, — 
die Männer wachsen. 

Nach des unten gehenden füssigen Tieres 
Herzen sie streben, 
55. nach des oben fliegenden geflügelten Tieres 
Herzen sie jagen. 
Unten gehendes füssiges Tier 
blieb nicht, 

oben gehendes geflügeltes Tier 
60. blieb nicht. 

Krustige-Erde, unsere Mutter 
mit Schwingen erschaffenen beschwingten Boten 
hinauf [in den Himmel] wieder sendet. 
Mumi-Tärem mein Vater lange Zeit sitzend, 

65 später [dies] spricht: 

„Wenn irgend welche Männer entstanden sind: 
auf dieser von Männern betretenen Männer-Gegend 
was machen sie? 

Auf dieser von Weibern betretenen Weiber-Gegend 

70. was machen sie? — 

Wenn irgend welche Männer entstanden sind : 
in männererzeugender Männer-Gegend 
hügligen Wandel-Wald, 
in weibererzeugender Weiber-Gegend 

2&Ö 



- 



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KOSMOGONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



75. hügligen Wandel- Wald, 

dahin mögen sie gehen zu suchen (das Wild)! a 

* 

Die Männer hören dies Wort, 

halsriemige viele Felleisen 

sie verfertigen; 
80. mit gutem Glückvertrauen 

auf den Weg sie sich machen. 

Lange gehen sie, kurze Zeit gehen sie, 

sie setzen sich nieder. 

Der beiden jüngsten Männer 
85. jähzornigen Wesens wegen 

der Seidensehne zitternder Ton erscholl. 

Der älteste Mann blickt nach rückwärts, 

spricht: „He, Männer, was macht ihr?! 

der grimmlosen Erde Grimm ihr macht!" 
90. Sie gehen weiter. 

Lange oder kurze Zeit gehen sie: 

die beiden jüngsten Männer 

ein dort liegendes Baumwurzelstück 

von hier beschiessen: [der Pfeil] dringt durch dasselbe, 
95. von da sie beschiessen: [der PfeilJ dringt durch dasselbe. 

Der älteste Mann wieder spricht: 

„Was macht ihr?! 

der grimmlosen Erde Grimm ihr macht!" 

Die Männer gehen weiter; da einmal 
100. in ein spärlich bewaldetes Wassergebiet 
sie gelangen (gehen) 
in ein bewaldetes Landgebiet 
sie gelangen (erscheinen). 

Sie gehen binab zu des Lous-Gebietes Flussteich ; 

105. eisenbrüstige sieben Taucherenten 

schlagen dort mit ihren Hügeln [auf dem Wasser], 
eisenbrüstige sieben Taucherhühner 
seh lagen dort mit ihren Flügeln [auf dem Wasser]. 
Sie tauchen unter; 

110. bis ein eisiger Fisch im Kessel [kocht 1 , so lange Zeit 
verweilen sie unten [und dann] tauchen sie empor. 
Bis ein eisiger Fisch im Kessel [kocht], so lange Zeit 
schlagen sie oben [auf dem WasserJ mit ihren Flägeln. — 
Sie (die Männer) zwischen bergendem Gras schleichend nähern sich 

ihnen. 

115. Der älteste Mann spricht: 

„Bis ich meinen Bogen nicht herablasse, 
bis ich meinen Pfeil nicht loslasse, 

S67 it 



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DB. BERNHARD MÜNKAC8I 



kein Mensch sei [der seinen Pfeil abschiesse] ! u 

Der älteste Mann auf die Mitte (den Bog) seines Bogens 
120. seinen dreikantigen, silbernen Angelpfeil legt. 

Den Bogen spannt er. — Bis ein eisiger Fisch im Kessel [kocht], 

richtet er den Bogen. 

Der beiden jüngsten Männer 

jähzornigen Wesens wegen 
125. der Seidensehne zitternder Ton erscholl. 

Die eisenbrüstigen sieben Wasserhühner 

von des silbernen Angelpfeiles Spitze 

werden nur gestreift — 

Dir älteste Mann spricht: 
130. „Was macht ihr?! 

auf die seuchenlose Erde habt ihr Seuche gelassen, 

auf die krankheitslose Erde habt ihr Krankheit gelassen !* 

Wasserreich mündende sieben Flüsse 

die blutigen sieben Wasserhühner 
135. entlang eilen. 

* 

Die Männer gehen weiter. 

Lange oder kurze Zeit sie gehen, 

in ihre «/tfx-tomew-benachbarte Burg 

sie zurückkehren, sie gelangen heim. 
140. Kamt'-Frau, ihre Mutter 

einen für eine Stadt selbst nicht sich erschöpfenden grossen Kessel 

hinstellt [zum HirsenbierkochenJ. 

Drei Nächte, drei Tage hindurch 

zecht das Volk. 
145. Dem ältesten Manne 

berauschtes Menschen Rausch 

nicht konnte kommen 

betrunkenes Menschen Trunkenheit 

nicht konnte kommen. 
150. Zu Teich-Fürsten Tochter, 

seiner Gattin heim er geht, tritt zu ihr ein, 

spricht: „Betrunkenes Menschen Trunkenheit 

konnte [mir] nicht kommen; 

höre Frau, geh nur hinaus, 
155. an der Sonne gedörrte drei giftige Blätterschwämme 

bring herein!" — Sie antwortet: 

„In deiner Verrücktheit vielleicht deines Vaters Blut 

begehrtest du zu trinken, 

in deiner Verrücktheit vielleicht verwandtes Blut 
1 60. begehrtest du zu trinken?!" 

Jener spricht: „Mich, den mit zwei Gürteln umgürteten Mann, 
bis ich nicht in Zorn kam, warum hast gereizt?! 

366 



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KOSMOOONISCHE SAGEN DER WOGULEN. 



Wenn ich in meiner Verrücktheit meines Vaters Blut 
begehrt habe zu trinken, frage ich dich?! 
1 65. Dich frage ich nicht. 

Jetzt an der Sonne gedörrte drei giftige Blätterschwämme 
Frau, bring herein!" 

[Die Frau die Blätterschwämme] vor ihn hinwirft; 
in seinen Mund mit dem Zwischenraum von zehn Bärenzähnen [tuend] 
1 70. kaut er dieselben, 

und berauschten Mannes Rausch kommt [ihm.] 

* 

Die rottannhölzerne grosse Türe 
bricht jemand ein. 

n He, Onkel, des berauschten Menschen Rausch 
I 75. auf später lass! 

Von nordischer Gegend her, von da hervorflog 
rotsteissiger Amseln [Schaar]; 

die zur Zeit deines wachsenden Mannes- Wachstums (d. h. Kinderzeit) 
von dir aufgestellten 
180. silberköpfigen sieben Säulen 
hat sie ganz bedeckt.* — 
.Mit des berauschten Mannes Rausch 
habe ich dazu keine Kraft ; 

meines Vaters zwei lieben Sprossen (meinen zwei Brüdern) Kunde 

hievon bringet!" 

* 

185. Die rottannhölzerne grosse Türe 
wieder man öffnet, 

»He, Onkel, des berauschten Mannes Rausch 
lass* auf später! 

Die zur Zeit deines wachsenden Mannes-Wachstums 
1 90. von dir aufgestellten 

silberköpfigen sieben Säulen 

hat rotsteissiger Amseln [Schaar] 

ganz bedeckt, ganz im Kreise umringt.' 

* 

Der Mann spricht : «Meinen zum Kampf bestimmten, 
1 95. mit Kinnstück versehenen, feinem Haare undurchdringlichen [klein- 
ringigen] Panzer 

bringt her!* 

Seine Rede hat er noch nicht geendigt, 
und [den Panzer] brachte man ihm 

Seinen Rentierhaaren undurchdringlichen, feinen Haaren undurch- 
dringlichen 

200. mit Kinnstück versehenen Panzer zieht er an (giesst er sich an). 
Den einen Stiefel 

in des töchterreichen Hauses Mitte, drinnen zieht er an, 

2*9 lft» 

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DR BERNHARD MÜNKACBI 



den anderen Stiefel 

in des söhnereichen Dorfes Räume, draussen zieht er an. 
205. Sein kleinspitziges Stahlschwert 

reiset er mit sich. 

Auf sein Ross schwingt er sich ; 

dem abgezogenen Heere 

eilt verfolgend der Mann nach. 
210. An den Rand dichten Gelsenschwarmes 

gerfit der Mann. 

Sein Ross [wie einen] dort liegenden modrigen Baumstrunk 

hin stösst er; 

dies abgezogene Heer 
215. untergehendem Monde gleich 

taucht er unter sich, 

aufgehendem Monde gleich 

lässt er vor sich aufgehen. 

Über das aufgehende Heer (als Haupt) 
220. stellt sich der Mann. 

Über das aufsteigende Heer 

gerät der Mann. 

Wohin er sich wendet: dürres Gras wie er zerknittert, 
so zerknittert er sie; 
225. wohin er sich wendet: [in den Reihen der Feinde] eine Gasse 

hauend schreitet er vor. 

Einmal an seinem rechten Bein 
etwas sich hinschleppt. 
Als er hinblickt : 

so ist es der Teich-Fürsten-Mann, sein Schwiegervater, 

230. der ist es, der sich an sein rechtes Rein 
hingeklammert hat. 

„Schwiegersohn, lebendiges Menschen Gut 
ist alles dein: nur deine Wut (Taumel) auf das erstandene Heer 
besänftige! — Blick' hinab, 
235. in Männer Blut bis ans Knie 
watest du, Mann, 
bis zur Männerhüften Höhe 
schwimmst du, Mann. 

Deine Wut über das sich erhobene Heer besänftige, 
240. totes Menschen Gut ist alles dein." 

Er besänftigte ihn; dem Teich-Fürsten, seinem Schwiegervater 

folgte er. 

Er gieng zurück, stiess ansein Ross; 

[dies] erhob sich, er bestieg es, und gieng heim. 

In seine Burg zu Jäx-tumen gelangte er heim. 

* 

860 



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KOSMOGONISCHK SA« EN DER WOGULEN. 



245. Kami'Fr&Uy seine Mutter geht draussen herum. 

„Söhnchen, als ich dich gebar, 

gleich zwei soeben sich rötenden Espenblättern 

waren deine beiden Wangen: 

jetzt aber wie sich häutende Birkenrinde 
250. wie wurdest du so bleich?" 

„Aber Mutter, woher weisst du es, 

dass ich bis ans Knie 

in Männerblut watete?" 

* 

Er kommt heim, tritt ins Haus, spricht [soj: 
255. „Auf eine Woche des Monats 

in die sieben Dickichte des bereiften Waldes 
lasset mich! 

Bei Menschen habe ich einen mir gleichen Helden 
nicht gefunden." 

260. Seinen für Rentierhaare undurchdringlichen, für feine Haare un- 
durchdringlichen, 

mit Kinnstiick versehenen Panzer zieht er an : 

sein dem Menschen furchtbares, harzbrand färbiges (schwarzbraunes) 

Bärenhaar, daraus entsteht es. 

Sein kleinspitziges Stahlschwert 
265. in vier Stücke bricht er: 

in seinen Mund mit dem Zwischenraum von zehn Bärenzähnen 

steckt er es, zerkaut es: 

seine dem Menschen furchtbaren, den Tieren furchtbaren 
rötlichen vier Bärenaugzähne daraus entstehen. 
270. Seinen schwarzeisernen Pfeil(?)köcher 
zertrümmert er, 

in seinen Mund mit dem Zwischenraum von zehn Bfirenzähnen (tuend) 
zerkaut er ihn : 

seine dem Menschen furchtbaren harzbrandfärbigen (schwarzbraunen) 

275. zehn Krallen daraus entstehen. 

* 

Als er in des bereiften Waldes Dickicht 
gieng, spricht er [so]: 

.Falschen Eides halber man mich nicht citiere (herschleppe), 
wahren Eides halber man mich citiere! 
280. Wenn man falschen Eides halber mich citiert: 

[den Schwörenden] wie eine Mütze reisse ich in Fetzen, 
wie einen Handschuh reisse ich in Fetzen." 



261 



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DEUT8CHE WIEGENLIEDER AUS DOBSINA. 



Deutsohe Wiegenlieder aus Dobsina*) 

OberuDgarn, Gömörer Comitat. 

L 

Schlof, Sasel, schlof! 

Dai Vöter hitt di Schöf, 

Dai Motter es a präva Diern, 

Di muss en Bloch») di Kiapel'j schraiern. 

U. 

Schlof, Süsel, schlof! 

En Goaten Wft») a Schöf, 

As hot zwa beisza 1 ) Fissel 

Mandelkeaner, Nessel, 4 ) 

A Holbchen Bain 6 ) und Zucker drain, 

Dos bit 1 ) Süsels Papchen sein 

III. 

Schlof, Suael, long, 
Der Tod setzt af der Stong,*) 
Ear hot an beiszen Kittel ön, 
Ear bell 9 ) unser Süsel hon. 

IV 

Haja, bubaja! 

Übers Joar draia, 

Übers Joar noch a Poar, 

Geht di Big 10 ) hear und doar. u ) 

V. 

Haja, bubaja! 
Geh heg 1 *) von der Thir, 
Mai Mön es schond komroan, 
Er schläft schond pai mir. 

Aufgezeichnet von Samuel Klein.**) 



*) Die Bewohner dieser alteu deutschen Bergstadt, in deren Weichbild «ich 
die unvergleichliche wundervolle Eishöhle befindet, sprechen einen eigent am) icheti Dia- 
lekt, den besonders das b für gemeindeutsches w charakterisiert. 

«I Walach beiBst der gewöhnlich slovakisebe Schuferknecht (Auch^bei den 
Siebenburger Sachsen : Bloch.)Woldchy nennen sich die gr. orientalischen Rutbenen in 
der Bukovina. Die Dobsinaer nennen die Slovaken „binduseba Lait" als Reminis- 
cenz uraller Berührung mit den Wenden. 

») Bundschuh slav. krpei. ») läuft. *, weisze •) Haselnüsse •) Wein. ') wird. 

•) Die Stange hängt gewöhnlich , überm Kachelofen von 'den Tragebalken 
beiab und ist zum Aufhtingm von Gespinst, Kleidern udgl. bestimmt. 

•) will. Wiege •», her u. hin. »») weg. 

*•) Prof. Klein in Dobsina ist ein eifriger Sammler auf dem Gebiete Dob- 
sebauer Volkttums, und selbst ein berufener Dichter im lokalen Dialekte, mit gros- 
sem Geschicke besonders die Grubensagen jener Gegend bearbeitend. 

362 



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ADOLF HANDMANN. 



Der todte Reiterbursche.*) 

Magyarische Volksromanze. 

Schmucken Reiter warfen 
Wilde Mordgesellen 
Seines Gelds und Pferdes halber 
In den Strom, den schnellen. 

Nicht doch litt's die Welle, 
Warf ans Land ihn schnelle; 
Kam ein Schifferknecht und breitet 1 
Ihn aufs Kahngestelle 

Kommt die Mutter gangen, 

Ruft ihn, ruft voll Bangen: 

„Sohn, mein Sohn 1 steh' auf, komm deiner 

Mutter Herz umfangen. tf 

„„Kann mich nicht erheben, 
Hab' kein Fünkcheu Leben: 
Eisstarr mir die schwarzen Locken 
An dem Nacken kleben. 8 " 

Kommt der Vater gangen, 

Ruft ihn, ruft voll Bangen : 

„Sohn, mein Sohn! steh' auf, komm deines 

Vaters Hals umfangen." 

„„Kann mich nicht erheben, 
Hab* kein FUnkchen Leben : 
Eisstarr mir die Sporenstiefel 
An den Füssen kleben."" 

Kommt sein Täubchen gangen, 

Ruft voll Glutverlangen: 

.Lieb, mein Lieb! steh' auf, komm deines 

Rösleins Herz umfangen.' 

„„Will mich gleich erheben, 
Röslein, fühl' noch Leben: 
Liebe, treue, hat mir neue 
Lebenskraft gegeben!*" 

Adolf Handmann. 
*) Aua der Bakonygegend. Vgl. Ethnol. Mitt. I. Sp. 48—49. 



SPLITTER UND SPÄNE. 



Splitter und Späne. 

Ethnographische Ausstellung. Bei Gelegenheit der Nationalausstellung 1895. 
wird in Budapest auch eine ethnographische Ausstellung in grösseren Masstabc 
veranstaltet, deren Objecto hoffentlich in einem Landesmuzeum für Volkskunde 
dauernd beisamen bleiben und nicht verzettelt werden, wie die ethnographischen 
Gegenstände früherer Ausstellungen. 

Der Bdrtfaer Roland. In der archäologischen Sammlung der Zipser Stadt 
Bärtfa (Bartfeld) befindet sich eine geharnischte Figur, mit Panzer und Helm, ein 
entblösstes Schwert in der Hand; am Helme ist ein Loch sichtbar. Keine Chronik 
der Stadt weiss etwas über dieses Museumstück zu berichten, doch haben sich aus 
späterer v Zeit"8agen erhalten, welche Bezug auf diese offenbare Rolands-Säule haben 
Roman, ein groser Räuber soll vom Könige amnestiert die Stadt erbaut haben. Der 
damals in Gebrauch gekommenen Feuerwaffen spottend, zog Roman seine Eisenrüstung 
an, und Hess die Feuerrohre auf sich richten. Eine Kugel, die den Helm durchlö- 
cherte, strafte diese Verwegenheit mit dem Tode. — Die Bärtfaer werdeu von ihren 
Nachbarn in Szeben und Eperjes Rimini gespottet. Rimanow ist der Name eines 
jener Spiessgesellen Axamiths, welche Bärtfa zur Zeit Giskras brandschatzten. AU 
in den Wirren und Drangsalen der Thronfolge-Kriege die Bärtfaer von den Hussiten 
viel zu leiden hatten, tauchte vielleicht das Andenken des ursprünglichen Roland in 
Vergessenheit, und der Giskraische Roman trat an die Stelle desselben. Auf diese 
Weise Messe Bich die Sage des „Roman* und der .Spottnamen „Rimini" der Bartfelder 
erklären. (Vgl. Ethnographia, 1892, 1. Heft ) Mitgeteilt von Dr. Albert Szildgyi. 

Der Mund als Portemonnaie. Zur Mitteilung auf S. 104. Die Somali-Kinder 
in Aden springen scharenweise ins Meer, um ein Penny-stück herauszuholen. Der es 
erhascht, weist es triumphierend auf und steckt es dann in seine natürliche Börse : 
den Mund. (Statt Conzeubach ist Gonzenbach zu lesen.) 

Von der Türken Zauber ey gegen die flüchtigen Schiaren. Sie haben eine Art 
der Zaubcrey. dadurch sie die fliehenden Schlaven wider ihren Willen zurücke 
bringen. Sie schreiben des Schlaven Nahmen auff ein Z»ttelchen, und h engen da« 
auff in seiner Wohnung: darnach fahren sie heraus mit greulichen Worten und 
Flüchen auff seinen Kopff: Worauff es geschieht durch Wirkung des Satans, dasz 
der flüchtige Schlave nicht anders vermeynet, als ob ihm ein Löwe oder Drache 
entgegen komme, oder ob die Wellen und Ströme des Meeres sich sehr erheben, 
oder ob es gantz finster werde; wofür er dermassen erschrickt, dasz er durch den 
Schrick zurück getrieben, wieder zu seinem Herren kompt. 

Joban Sommers Wasser und Landreise. Gethan nach der Levante (1641 42.) 
— Aus dem Niederländischen. Amsterdam, 1664, S 96. — 



Druckfehler-Berichtigung. 

Ethnologische Mitteil. a. Ung. II. Jahrg. 1891. I — V. Heft. 

Seite 100, 4. Zeile von unten, statt : „dass sio krank, die arme" 

zu lesen: „dass sie kränk' die Armen. u 
„ 101, 23. Zeile von oben, statt: „Lass' mich fert'gen" 

zu lesen: „Lass' euch fert'gen." 
„ i, 34. Zeilo von oben, statt : „Dammflut spüle dir weg" 

zu lesen: „Dammflut spül 7 von dannen." 
VI— I UI. Heft 

Seite 182. Zeile 19. statt Volkversammlung 1. Vollversammlung. 
192. „ 11. statt an das 1. an den. 
„ 192. „ 32. statt SeheUucht I. Schelsucht 

192. „ 38. lies: . Texte durch gütige Vermittluung der Frau Reich-Neu- 
haus in Pancsova. (ibersetzt von A. H 



264 



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Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. 

Mit dieser Lb-fexuag schüesst der IL Bd. Ich werde mich bestreben, auch 
Tom ersten Band (1387—89) das abschliessende vierte Heft (in 4°) in Balde her- 
auszugeben Bezüglich der Weiterführung dieser Zeitschrift kann ich gegenwärtig 
keine Zusage machen. Meine Kräfte sind erschöpft Das gänzliche Fehlschlagen eines 
gemeinnützigen socialen Unternehmens hat mich schwer geschadig:. Die einziee 
materielle Unterstützung, die meiuer Zeitschrift zugesagt worden, (einmalige)" :JOO fl., 
welchen Betrat die Gesellschaft: für die Völkerkunde Ungarns auf Grund der Statu- 
ten in Otters wiederholten rechtskraftigen Beschlüssen an Subvention für die Kthno- 
lojrischen Mitteilungen hIs Anzeiger der Gesellschaft vot ert hatte, ist unter den 
nichtigsten Vorwiinden strittig gemacht worden. Dio Kveoruaütiit eint-s Arrangements 
mit dieser Gesellschaft erscheint also für die Zukunft ausgeschlossen, nbwol im Falle 
den Weitererseheinons dieser Zeitschrift selbstverständlich die Tätigkeit des genann- 
ten Vereines auch fürderhin in erster Reihe Berücksichtigung rinden wird. 

Doch ist Aussicht vorbanden, dass das Zusammentn tf'en einiger n cht unbe- 
rechtigt erhoffter günstiger Umstände das Forterscheinen dieser Zeitsehnlt ermögli- 
chen wird. Sie "ird in diesem Kalle zweimal monatlich je einen Bogen stark aasge- 
geben, jährlich 2 fl kosten und die Zigeunerkunde besonders berücksichtigen. 

Budapest, 20. Dezember, 1S92. Der Herausgeber. 

Publicationen zur Völkerkunde Ungarns u. b. w. Ethnologische Mitteilun- 
gen aus Ungarn, 1. Bd. A Hefte. 4" 80 Bogen Preis 4 fl. Ii. Bd. lo Hefte H°, 17'/, 
Bogen, 2 fl. Cornea Ge'za Kuun, Rclationum Hnngaroium cum Oriente genti- 
busque orientalis originis bistoria antiqnissin ». Bde, ;>«• Bogen, fl A. Herr- 
mann, Beiträge zur Vergleichung der Volkspoesie, Mit Musiknoten. 1 11. -- H, v. 
Wlislockii Zauber- u. Besprechuogsformeln der Zigoune , ?>i) kr. Über d-n Zaube mit 
Körperteilen bei den transsilvanischen Zigeunern, 30 kr. Dr. Fr. S. Kraust, Das 
Burgfräulcin von Pressburg. H r . t*. Schulenburg. Die Frau bei den Südslaven. 
J. t\ Asboth, l>as Lied von Gusinje. 50 kr. - Krauss, Asboth, Thalloczy, Küd- 
slavipches, i<> kr — Zu beziehen direkt vom Herausgeber, Anton Herrmann, Budapest^ 
I. Aitila-uUza, 47. oder von der Buchdr uckerei- Actiengesellschaft „Közinüveljdcs" in 
Kolozsvdr. 

Inhalt der „Ethnographia* 1892 III. Jahrgang l. Heft. Januar. Theodor 
Lehoczky, Deutsche Colonion im Bereger Comitat. — Dr. Albert Szilagyi, Her 
Bärtfaer Roland. — Samuel Kurz, Hochzeit der HienzMi — Dr. Heinrich v. 
Wlislocki, Siebenbürgis h-shchsischo Kinderspiele. — Ludwig Barö'i, Deutsche Volks-' 
bailaden am Südungarn — Dr Äron Kiss, Deutsche Kinderspiele aus Siebenbür- 
gen. — Julius Kirczäk's Brief. — Sforzina. Fiumaner ttalieniscbes Volkslied. — 
Inländische und ausl. Litteratur. — In- u. ausländische Zeitschrüton. — Fragen und 
Antworten. — Aus Zeitungen Vermischte Mitteilungen 

II— HI. Heft, Februar, März Dr. H. Wlisloeki, Orakelticre im Kalotaszeger 
Volksglauben. — Josef Mar ton, Pflanzennamen in der Volkssprache. — Dr. Samuel 
Veres, Alte Volksarzneikundo — Josef Nagy, Volkstümliche:» v tn Hogyhat. — 
Dr. Johan S. Koväcs, Volksbrauch in der Repczegegend. — Ludwig Kalmanv, Ma- 
gyarische Sindflutsagen. — Valentin Bellosics, Beitrüge zur magyarischen Volks« 
pot-sie. Wendische Volkslieder. — Kristot Szongott, Siehenbürgiaeh armenische Volks- 
märchen. — Paul Kiraly, Becs. — Dr. Johan Janko, Unter den Wotjaken. — A. IL 
Slovakische ethnographische Ausstellung. - Wolfgang Farkas, Beiträge aus Gerichts- 
akten zum Aberglauben im Altöld. — Dr. A. Kiss, Besprechung. — Vereinsange- 
legenbeiten. — In- und ausländische Litteratur - Io-u auslrindi «che Zeitschriften. - 
Verschiedene Mitteilungen. — Programm des am 27. März 1892 von Julius Käldy . 
veranstalteten historischen Konzertes, mit den Texten alter magyarischer Volkslieder 
aus dem 17-18. Jahrhundert. 

IV--V. Heft. April-Mai. Alexander Körösi und Ludwig Czink, Beiträge zur 
Ethnographie Frames. - Vereinsawgelegenheiten. - In- u. ausländische Litteratur — 
In- u. ausländische Zeitschriften. 

VI. Heft. Juni. Aufruf an die Anhänger und Freunde der Volkskunde. - Otto 
Herman, Die Fischerei als UrbeBchäftigung und ihr Verhältnis zur Ethnographie. - 
Dr. Aurel Török, Die Anthropologie in der Ethnographie. — Bela Vikär. läger- 
traditionen der Finnen. — Engen Binder, Bemerkungen zum Aufsatz „Übei den 
Einfluss der Gest» Romanorum auf die ungarische Volksdichtung." — IV. General- 
versammlung der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. — In- u ausländische 
Litteratur. — In- u. ausländische Zeitschriften. — Vermochte Mitteilungen. 



ngen. 

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\ 



Inhalt der Ethnologischen Mitteilungen au» Ungarn, zugleich Anzeiger 
der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. II. Band. IX— X. Heft 

(Sellins».) 

Deutsche Volkspoesie in Ungarn 

A. Norduntfarn, Hor-egor Comitat, 1— 16, vonTheodorLehoczky S. 103. 



B. V o 1 k s b a 1 1 a d e n aus S ü d u n g a r n, voa Ludwig Baröti 

1. Der Schmicdgesell • 

2. Das Lied vom Ringe I99 - 

3. Der todto Freier 201. 

4. Dio Kindesmörderin .201. 

5. Bitter St. Georg 203. 

C. Aus Dresztoväcz, Südungarn, von A. Schwanfelder. 

I. Zahlenliod 204. 

II. Scherzlieder 1—3 205. 

III. Strolchpoosie 1—8 205 

D. Aus Pancsova, Süduntfarn, von Frau Maja Hoffmann-Wiganri 

I. Lieder 1—3 207. 

II. Hochzeitsprüehe 2<>9. 

III. Kindorreimo 1—5 J10. 

Hochzeitsprüche der Hienzen, vpn Samuel Kurz 211. 

Siebenbürgische Kinderspiele 

I. Sächsisch 1— (5, von H. v. Wlialocki 213. 

II. Deutsch 1— f>, von Dr. Aron v. Kies 2 6 

Armenische Volksmärchen ans Siebenbürgen, im Urtext mit Übersetzung 

von Kristof Szongott 

1. Mutter, Sohn uud Drache 218. 

Bnha Jaudocha Dokia, von Dr. R. Fr. Kaindl 222. 

Italienische Sprüche n. Lieder ans Finme, von Ludwig Czink u. Alexander 

Korösi 

I. Sprichwörter u Redensarten 1 — 204 226. 

II. Trinksprüche 1—6 232. 

III. Rätsel 1—4 232. 

IV. Volkslieder l-~26 232. 

V. Kinderlioder, Reime u. Spiele 1 — 33 237. 

Sveta Nedeljica, von Dr. Friedrich S. Krauss , 242. 

Ethnographie, Ethnologie, Folklore, (Schluss) von L. Katona .... 244. 

Die alten Folkloristen, von Ch G. Loland 258. 

Kosmogonische Sagen der Wogulen, von Dr. Bernhard Munkäcsi 

VI. Das Lied von dor Erschaffung der Erde und des 

Himmels 255. 

Deutsche Wiegenlieder ans Dobsina, 1—5, von Samuol Kloin .... 262. 
Der todte Reiterbursche. Magyarische Volksballade, übers, von Adolf 

Handrnann • 263 

Splitter u. Späne. 



(Ethnographische Ausstellung — Der Birtfaer Roland, v. Dr. Alb. Szi- 
lagyi. —Von der Türken Zauberey. - Der Mund als Portemonnaie ) 264 - 
Druckfehler. 
Auf dem Umschlage : 

Gosellschaft für die Völkerkunde Ungarns. — Mitteilung des Heraus 
gebers. — Publikationen zur Völkerkunde Ungarns. — Inhalt der „Eth- 
nographia" III. 1—6. 



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III. BAND. 



1893. JUNI. 



1-2 HEFT. 



Ethnologische Mitteilungen 



aus Ungarn. 



Zeitschrift fQr die Völkerkunde Ungarns 

und 

der damit In ethnographischen BeilehungeD stehenden Länder. 



JUnter dam Protectorate und der Mitwirkung 
Seiner kaia. und königl. Hoheit dea Herrn Sraheraoga Joaef 

redigiert und herausgegeben von 

Prof. Dr. Anton Herrmann. 



Monatlich 1—2 Hefte, 2—4 Bogen. Preis jährlich 8 Kronen o. 8 Mark ; 
für Mitglieder irgend eines Vereins für Volkskunde 6 Kronen oder 
6 Mark. Wird auch im Tausch gegen Publicationen zur Volkskunde 
abgegeben. — Nur direct vorn Herausgeber zu beziehen 



HftdaotJon und Administration : 
ludapeat, I„ Szont«GyÜrgy utoza 2. 

Expedition : I., Sa«nt Gy0rgy-u«c2a 5. i 



Budapest, 1893. 

BuohdrucUerei. Mezcl AntHl. 



-~ » i. 



■ 



An die g. Mitglieder der „Gypsy Lore Society." 

Nachdem das Journal unserer Gesellschaft nach dreijährigem 
Wirken vor einem Jahre eingehen musste, ist die Zigeunerkunde 
wieder ohne eigenes Organ geblieben, und diese Lücke wird von den 
Zigeunerforschern ausserordentlich lebhaft empfunden. Um diesem 
fühlbaren Mangel im Wesentlichen abzuhelfen, geruhte der erlauchte 
und höchstverdiente Förderer und Pfleger der Zigeunerkunde, Seine 
kaiserl. und königl. Hoheit, Herr Erzherzog Josef der von Anton 
Herrtnann gegründeten Fachzeitschrift „Ethnologische Mitteilungen 
aus Ungarn," wßlche Jahre hindurch der Wissenschaft von den 
Zigeunern eine hervorhebende Beachtung angedeihen Hess, aber 
bisher der Ungunst der Verhältnisse wegen nicht crwünschter- 
maassen erstarken konnte, die materiellen und moralischen Bedin- 
gungen des erspriesslichen Gedeihens endgiltig zu sichern. Die ge- 
nannte Zeitschrift erscheint unter dem Protectorate und der Mit- 
wirkung Sr. Hoheit auch ferner unter der Redaction von Anton 
Hemnann, dem der Zigeunerforscher H, r. Wlhlncki als ständiger 
interner Hauptmitarbeiter zur Seite steht, vom Juni 1. Jahres an in 
Budapest regelmässig in halbmonatlichen Heften. Die „Ethnolo- 
gischen Mitteilungen" wollen den Gypsy-Lore von nun an in noch 
hervorragenderer Weise pflegen und sich zum Organ internationaler 
Zigeunerkunde gestalten, wofür die Namen der erwähnten drei Forscher 
die sicherste Bürgschaft bieten. 

Wir Unterfertigte ersuchen alle Mitglieder der »Gypsy Lore 
Society", die genannte Zeitschrift bestellen und ihr je häufiger Ar- 
beiten aus dem Gebiete der Ciganologie zuwenden zu wollen. Die 
Mitglieder unserer Gesellschaft können diese ausserordentlich reich- 
haltige Zeitschrift zum ausnehmend billigen Preise von 3 Ü. ö. W. 
(6 Kronen, 6 Mark, 5 Sh, 7 Frcs) jedoch nur direct vom Heraus- 
geber Anton Hertmann (Budapest, I. Szent-György-utcza 2.) beziehen. 

• 

David MacRitchie Charles G. Le.land 

Hon. Secret&r. Prä«, der G/psy Lore SocW'tv. 



Bureau der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. 

» 

Vorstand: Grai G6za Kuun. Voratandstellvertveter: A. Hwrmann um! 
B. Munkacsi. Secretär: B. Vikar (Budapest, 1., Gellertutoza, Villa VikÄr. 
früher Reichard). Schriftführer : G. Nagy. C'asafar: ~JI. Papp. Bibliothekar : 
J. Jankö. Kedactuure de» Vereinsorgnns : A. Herruiann und J. .Tankö. 



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Ethnologische Mitteilungen 

ans Ungarn. 

Zeitschrift für die Völkerkunde Ungarns 

und der damit In ethnographischen Beziehungen stehenden Länder. 

(Zugleich Organ für allgemeine Zigeunerkunde.) 

Unter dem Protectorate und der Mitwirkung 
Seiner kais. und königl. Hoheit des Herrn Erzherzogs Josef 

redigiert und herausgegeben von 

Prof. Dr. Anton Herrmann. 



III. BAND 189M-H4. 1-12. M K FT. 
Kcdaction nnd Ailuiinistrittion : 

Budapest, I., Szent-György-utcza 2 



BUDAPEST, 1894. 

BUCHOKUC^RKKI K. BORUTH, 



Dem Herrn 

Franz Pulszky 

iMivetor i\t!H ungarisc.lien National museums u. s. w. 

in Budapest 

weiht diesen Band zu .seinem 



LXXX. Creburtatage 

/;. September 1S94 



in innig-dankbarer Verehrung 



der HerauxtjflMW. 




by Googl 



Inhalt des III. Bandes. 

Saite 

Barüti L., Beiträge zur Geschichte des Vampyiismus in Südungarn . . 219 

Bünker J. R., Heanzische Sprichwörter 287 

Fuchs K., Eine alte Beschwörungsformel 240 

Jlerrmunn A., Als Vorwort 1 

— - Aua dem Dobsinaer Volksglauben 106 

Kartenspielerglauben aus Ungarn 154 

Kroatische Volkslieder aus Cirkvenica 252 

Jannsen H., Estnische Volksmärchen: Die bunten Kühe. — Des Teufels 

Haus. — Die Fahrt des Herrn von Torgel 97, 200 

Kdlmdny L., Nachlese zu den kosmogonischen Spuren in der magyari- 
schen Volksüberlieferung 78 

Kinderschrecker und Kinderräuber in der magyarischen Volks- 
überlieferung 171, 188, 213 

Kolumban L., Magyarischer Aberglauben aus Lozsad 296 

Kraus» Fr. S., König Mathias und Peter Gereb. Ein bulgarisches Gus- 
larenlied aus Bosnien 46, 71, 129, 197, 234, 276 

Das grosse Sammelwerk für bulgarischen Folklore 147, 205, 247. 294 

Mdiyds L., Aus dem Volksglauben der Schwaben von Solymar, Szent-Ivin 

und Hidegküt 162, 244 

Munkdcsi Ii., Ueber die heidnische Religion der Wogulen . . . 61. 124. 191 

Pdpai K., Eine Heldensage der Süd-Ostjaken 82 

Der Holzbau der Palovzen (9 Illustrationen) 141. 283 

Der Typus der Ugrier 257. 261 

Strands A. t Bulgarisches Georgslied 167 

— — Zur Volksmedizin der Bulgaren 223 

Szongott Kr., Märchen der Siebenbürger Armenier (Die Kuh. — Das Beil) 88 

Sztankö B., bammeln ungarischer Volksweisen 99 

Tör k A., Der palaeolithische Fund aus Miskolcz und die Frage des di- 

lu vischen Menschen in Ungaru (6 Illustrationen) 8. 91, 117 

Versinyi G., Deutsche Kinderreime aus der Gegend von Kömiuczbänya 101 

Deutsche Volkslieder 255 

Wlislocki H., Neue Beiträge zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. IS 
Parallelen und Bemerkungen von IL Carsten*, O Fchclt, Frau .7 r. Findest. 

A. Treiehrl, Dr. M. Itößrr 29:: 

Splitter und Späne: Besprechungsformeln aus dem XVI. Jahrhundert, 

A. H. — Kerbholz aus Lemnek, A. H. — Das graue Mandl, A. 

Schicanfelder ICH 



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Seite 



Ungarische Nationalausstellung, H. v. WIMocki. — Die Gesellschaft 
für die V ölkerkunde Ungarns. — Kröten und Schlangensteine. — 

Zum Fingerabschneiden der Witwe 179 

Zipser Beschwörungsformeln, & Weber. — Die Wunder- und Heil- 
kraft des Frosches in der Zip«, S. Wrber 297 

Litteratur: Bastian A., Ideale Welten (H. t. Wlislocki) 66 

Bartels M., Die Medicin der Naturvölker (H. v. Wlislocki) .... 212 

Erdely ; 179 

Krzherzog Josef, Zigeunergrammatik 178 

E'hnographia < 178 

Jankö J., Torda, Amnyosszek, Toroczkö {//. v. Wl.) 177 

Kalmany L., Vilagunk alakulasai (A. H.) 60 

Kraus. Fr. A., Böhmische Korallen (II. v. Wl.) 17« 

Leland Ch. G., Etruscan Roman Remains (L. Kalona) 58 

Szinnyey J., Magyar tajszötär (A. H.) 69 

8zoi:go't Kr., Szamosujvar (//. f. Wl.) 177 

Ungarisches Convcrsationslexikon 178 

Westermarck Kd., Geschichte der menschlichen Ehe (//. v. Wlitlocki) 256 

Anzeigen und Bibliographie auf dem Umschlage eines jeden Heftes. 

Zur Zigeunerkunde. 

Erzherzog J»* f, Mitteilung' n über die in Alcsüth angesiedelten Zelt- 
zigeuner 3 

Herrmann A., I '« -Kiiiiu-nt <• zur Geschichte der Zigeuner (I. Opinio. De 

don)iciliHfi<vi . < r, Uegulatione Zingarorum). . . 55, 114, 168, 210, 221 

— — Zigeuners»-, r, ii. über Erzherzog Josef: 

I. Curko ti t den grossen Zähnen 112 

11. Der NYl-.-'fcönig 165 

III. Obristei .losef 1^6 

IV. Dan umlaiittsne Land 204 

V. Wie Joset König wurde 254 

— — Kerbhölzer der Wanderzigeuner (4 Illustrationen) 157 

— — Volkslieder bosnisch-türkischer Wanderzigeuner I. — XII. . . 106, 209 

— — Kolonisierung der Zigeuner in Ungarn 179 

Wlislocki IL v , Das Vehuigericht der bosnischen und bulgarischen Zi- 
geuner 178 

Seelenloskauf bei den mohammedanischen Zigeunern der Balkanländer 194 

Zidinski Vlmlhlnr h'orntl Kitter row, Die Abstammung der polnischen Zi- 

geunet- nach ihrer Tradition 250 

Die Reconsf irmeHing der „Gypsy Lore Society'* 10»> 

An die Mitglie.vi- {\ vr „Gypsy Lore Society" (Umschlag von Heft 1-8) 



i 

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Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn. 

UNTER DEM PROTECTORATE UND DER MITWIRKUNG 

S>r. Unis», n. königl. Horieit «les Herrn Erzherzogs Jos»ef 
REDIGIKRT U. HERAUSGEGEBEN VON J^.NTOM J^ERRMANN. 

III. Band. Budapest, 1893. Juni. 1—2. Heft. 



Als Vorwort. 

Durch unverhält massige Opfer erschöpft, durch viele Misslich- 
jfi entmutigt, war ich schon im Begriff, diese vor seclis Jahren 
«. findete, von den Fachkreisen des Auslandes einstimmig gewürdigte, 
N&ulande kaum beachtete Zeitschrift eingehen zu lassen, 
jf Der erhabene, hochherzige Förderer alles Edlen und Schönen 
Vaterlande, selbst einer der gediegensten Forscher auf dem 
'•biete heimischen Volkstums, Seine kaiserl. und königl. Hoheit, 
i;v durchlauchtigste Herr Erzherzog Josef, in gerechter Würdigung 
!er hohen Aufgaben der «Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn", 
sollte es nicht zulassen, dass ein so bedeutsames Unternehmen zu 
wirken aufhöre. Mit fürstlicher Munihcenz geruhte Seine Hoheit, die 
materiellen und moralischen Bedingungen des Gedeihens und Auf- 
schwunges dieser Zeitschrift allergnädigst zu sichern. Die Wissen- 
sehaft ist Seiner Hoheit hiefür zu tiefstem Danke verpflichtet 

Die „Ethnologischen Mitteilungen aus Ungarn" erseheinen nun 
unter dem Protectorat und der Mitwirkung Seiner kaiserl. und 
königl. Hoheit und unter der Kedaction des Gefertigten. Der be- 
kannte Volksforscher Dr. Heinrich von Wlislocki wird als ständiger 
interner Mitarbeiter fürderhin seine volle Kraft für die Zeitschrift 
einsetzen. Unser als Mitredacteur hochverdienter Mitstreiter Prof. 
Dr. Ludirig Katowi wird uns auch ferner als Hauptmitarbeiter im 
folkloristischen Fache unterstützen, während das bislang unberück- 
sichtigt gebliebene Gebiet der Anthropologie in Prof. Dr. Aurel v. 
Török, (lern gelehrten Director des anthropologischen Museums zu 
Budapest, einen würdigen, in Ungarn gegenwärtig einzigen Vertreter 
gefunden hat. Ausser diesen werden uns fast alle namhaften 
heimischen Fachgenossen und auch einige hervorragende Forscher 
des Auslandes zur Seite stehen. 

Wir dürfen es wol als einen Fortschritt in der Entwickelung 
unserer Zeitschrift bezeichnen, dass wir ihren Kreis sowol in Bezug 
auf die zu behandelnden Disciplinen, als auch hinsichtlich des 
Forschungsgebietes erweitern, ohne dabei die uns ursprünglich 
gesteckten Ziele im Wesentlichen zu überschreiten. Wir werden 
neben Ethnologie, Ethnographie und Folklore, auch die verwandten 
Zweige: die Anthropologie, Fraehistorie und Demographie in den 
Bereich unserer Mitteilungen ziehen. Wir haben auch bislang das 
Volkstum der südöstlichen Nachbarländer Ungarns und der ural- 
altaischen Verwandten der Magyaren berücksichtigt. Dies werden 

Ethnol. Mitteil k. i;n K Rrn III. 1 



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2 



wir in Zukunft in erhöhtem Maasse tun. Zufolge seiner geographischen 
und ethnographischen Verhältnisse ist Ungarn in erster Reihe berufen, 
zwischen Orient und Oecident zu vermitteln, besonders in Bezug 
auf die Kunde des Volkstums, das eben hier die instruetivsten 
Berührungen und Wechselwirkungen zeigt. Die Ergebnisse der eth- 
nischen Untersuchungen auf ural-altaischem Gebiete den westlichen 
Forschern zu erschliessen. erscheint auch als eine Aufgabe ungarischer 
Wissenschaft. Wir werden besonders H. Vdmberys und W. Kunos* 
türkiseh-tartarische. sowie B. Munkdcxi*. K. Pdpnin und Ii. Vikar* 
finnisch-ugrische Studien veröffentlichen. Die orientalischen Beziehun- 
gen werden in Gr. G. Kuun und J. Gohiziher ihre Vertretung finden. 

Für das Gebiet südslavischer Volksforschung wird auch in 
Zukunft Dr. £>'. Kraus* unser Fachreferent sein. Von andern 
Hauptmitarbeitern nennen wir hier noch L. Kdlmdn, für magyarische 
Volksüberlieferung; J. Janku, für das Magyarentum Siebenbürgens; 
A. M. Marienescu, für rumänischen Folklore; L. Patrubdn. für die Kunde 
der ungarischen Armenier: Bischof P. Firczäk, für die Ruthenen; 
S. Czambel, für die Slovaken ; L. Rtthy für ungarische Ethnologie. 

Das ausgezeichnete Organ der Gypsy-Lore-Society ist nach 
kurzem, doch höchst erspriesslichem und anregendem Wirken einge- 
gangen. In Ungarn aber hat mit Hinsieht auf die Regelung der Zigeuner- 
angelegenheit. die Zigeunerkunde eine hohe aktuelle praktische Be- 
deutung erlangt. Ungarn ist das klassische Land des Ziegeunertums. 
das hier von hervorragenden Forschern, an deren Spitze unser 
erlauchter Proteetor, Herr Erzherzog Josef steht, eingehend studiert 
wird. Wir halten daher unsere Zeitschrift für berufen, auch als 
Organ der allgemeinen Zigeunerkunde zu wirken. Wir können 
uns hiebei auf die Mitwirkung sämmtlicher heimischer und der her- 
vorragendsten ausländischen Fachgenossen stützen ; auch die Vor- 
stehung der internationalen Gesellschaft für Zigeunerkunde hat sich 
in diesem Sinn erklärt, wie aus dem betreffenden Ersuchen zu ersehen. 

Unser weites Arbeitsfeld, unsere zahlreichen Mitarbeiter und 
unser eigenes Material sichern unserer Zeitschrift die reichste 
Fülle ganz originaler, vollständig neuer Mitteilungen. Doch wollen 
wir uns durchaus nicht ausschliessend auf solche beschränken. 
Wir erachten es im Gegenteil für eine ganz specielle und besonder.^ 
dankenswerte Aufgabe unserer Zeitschrift, von den unahnbar reichen 
ethnischen Schätzen, die in magyarischer Sprache und in minder be- 
kannten Idiomen heimischer und benachbarter Völkerschaften fast 
ohne jeglichen Nutzen für die allgemeine Fachwissenschaft aufge- 
speichert liegen, das Wichtigste in Uebersetzungen und Auszügen 
allen Mitforschern zugänglich zu machen. In erster Reihe werden 
wir auch fortan die Wirksamkeit der, zu erspriesslichem Gedeihen 
sich eben aufschwingenden Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns 
berücksichtigen. — Im übrigen erlaube ich mir auf das Programm im 
allerersten Heft (1887) dieser Zeitschrift hinzuweisen. 

Und nun in LielV und Treu ans Werk! 

Budapest, am 1. Juni 1893. Anton Herrmann. 



1 

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Mitteilungen über die in Alcsüth angesiedelten Zelt- 
Zigeuner. 

— Von Erzherznj Jone f. — 

Als einige Komitate jenseits der Donau den wandernden Zelt- 
Zigeunern das Halten von Pferden untersagt hatten, und ihnen, wo 
sie immer betroffen wurden, Wagen und Pferde confiscierten, ohne 
früher für ihren anderweitigen l 7 nterhalt Sorge getragen zu haben, 
war es nur natürlich, dass sie zu mir kamen, wol wissend, dass sie 
bei mir stets Aufnahme linden. 

Alle Familien kannten mich. Sie hatten schon so manche rauhe 
Winterzeit, die sie auf ihren Wanderungen überraschte, auf meinen 
Meierhöfen zugebracht und dort Unterstand und Verköstigung gefunden. 
Sobald aber das Schneegestöber vorüber, waren auch sie verschwunden. 
Nun aber waren sie gezwungen zu bleiben. 

Ihre Wanderungen erstreckten sich diesseits der Donau bis ins 
Turöczer und Heveser Komitat und jenseits der Donau bis Kroatien. 
Slavonien und selbst bis Fiume. Amtlich waren sie in die Ortschaften 
der Komitate Pest, Esztergom, Fejervär, Komarom und Veszprem 
eingeschrieben und besassen Regierungspässe für ganz Europa auf 
1—3 .Jahre. 

Ihr erlaubter Erwerb bestand bei den Männern in Pferdehandel, 
Schmiede- und Kesselllickerarbeiten; die Frauen übten hauptsächlich 
Wahrsagerei und erwarben sieh hiedurch selbst in höheren Kreisen, 
wo man solchen Aberglauben kaum suchen würde, ein erkleckliches 
Geld. Geduldeter Erwerb war das Betteln und nicht erlaubter hie und 
da das Stehlen. Ich muss aber hiebei bemerken, dass sie bei mir 
weder im Hause, das ihnen stets offen stand, noch in der Wirtschaft 
je etwas entwendeten. 

Wenn sie durch die (legend von Alcsüth zogen und in der Nähe 
des Schlosses lagerten, suchten sie mich stets sogleich auf, und wenn 
ich im Garten nicht zu finden war, setzten sie sich auf die Stufen 
vor meiner ebenerdigen Wohnung nieder und harrten da meiner 
Rückkunft. 

Ihre Kleidung bestand stets aus sehr mangelhaften zerrissenen 
Stücken; die Kinder entbehrten meistens auch dieser. Der ihnen eigen- 
tümliche Rauchgeruch war nicht zu verkennen. Typisch schwarz mit 
dunkler Hautfarbe ist ungefähr nur ein Dritteil. die andern zeigen 
Schattierungen bis ins Hellblonde mit weisser Haut, doch hatten alle 
sehr krauses, struppiges Haar. Sowol unter den Männern, als auch 
unter den Frauen gibt es nur sehr wenige, die wirklich schön genannt 
werden können. 



Ausser der Horn-Sprache im rumänischen Zeltzigeuner-DnuVk' 
sprachen die Erwachsenen alle ungarisch mit zigeunerischem Aeeent. 
die meisten slovakisch, einige kroatisch und eine junge Frau, »he uw 
andern Stämmen in Böhmen und Deutschland gewandert war. s[»ra<\ 
nehen dem zigeunerischen ungarisch, slovakisch, böhmisch und deutsdi. 

Sie lebten in Zelten und hatten eine besondere Abscheu v.i 
andern Wohnungen, seihst im strengsten Winter. 

Aufs Brotbacken verstanden sie sich durchaus nicht und lernt« :, 
es auch bei mir nicht. Ihre hokhdVi bereiteten sie aus feinem Me" 
zu hartem Teig geknetet und in heisser Asche gebacken sehr gut. IN- 
liebste Nahrung war ihnen das Fleisch, und sie scheuten selbst \n 
altem Aasfleisch nicht zurück, das womöglich mit Essig gekokt 
wurde. Als die Koloihe schon mehrere Monate bei mir ansässig war 
stand eine Kuh an Antrax um, wurde tief verscharrt und — da wir mv-en 
Leute kannten — dabei drei Tage und Nächte lang Wache gehalten. I;i 
der vierten Nacht, als die Wache eingezogen war, gruben sie die Köl- 
aus und hielten frohe Mahlzeit. Ein Knabe wurde hiebei von eint" 
Fliege gestochen und erkrankte an Nase und Hals an Antrax, wnni-- 
jedoch auf der Budapester Klinik operiert und genas vollkommen. 

Der Heiltrieb ist überhaupt bei allen Verwundungen sehr rasdt. 
was bei den häufigen, oft der geringsten Kleinigkeiten wegen entstan- 
denen blutigen Schlägereien leicht beobachtet werden kann. Fh> 
Rauferei entstand einst zwischen zwei neben einander schmieden- 
den Männern, weil des einen Feuer besser brannte und sein Blase 
balg kräftiger funetionierte. Da ich eben in der Nähe war, eilte i< . 
auf den Lärm herbei und machte Ordnung. Der eine Mann hatte w. 
einem dicken Baumaste am obern Hinterhaupte eine Sehlagwuml- 
erhalten, dass der Knochen blosgelegt war. Ich legte einen antibio- 
tischen Verband an und nach 48 Stunden war die Heilung vollkommen 
Zu meinem Arzte hatten sie kein Vertrauen, aber meine antiseptisch* 5 :! 
Mittel (dieselben, wie jene des Arztes) erkannten sie als gut au un<: 
besonders die .galbano dran* (gelbe Wurzel), das Jodoformpulv» r 
hatte ihr volles Vertrauen. 

Ihre ausserordentliche Findigkeit im Gelderpressen legten sie b»'i 
mir glänzend an den Tag. als ich das Betteln verboten hatte mnl 
ihnen prinzipiell kein Geld gab, welches nicht durch Arbeit erworben 
war. In diesen Arbeitslohn wurde auch die Kost eingerechnet, tto 
sie mit baarem Gelde absolut nicht umzugehen wissen. Bald verlang- 
ten sie ein Kleidungsstück, welches dann verkauft wurde, bald baten 
sie nach Budapest ins Bad gehen zu dürfen, um sich schröpfen 
lassen. Einige giengen hin, andere verwendeten das Badegeld aü 
Branntwein. 

Intelligenz und rasche Auffassung kann ihnen durchaus nidit 
abgesprochen werden. Diese zu beobachten hatte ich Gelegenheit audi 
in meiner kurze Zeit bestandenen Zigeunerschule, welche von alle* 
Kindern beiden Geschlechtes von f> -15 Jahren besucht wurde. l*e* 
röm. kath. Kaplan Andreas Häcz, der in kurzer Zeit ziemlich geläufig 
zigeunerisch sprechen gelernt hat. leitete den l-ntcrricht mit gn*sei.. 



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Erfolg. Besonders Gesang und Deklamieren gieng recht gut; selbst 
lange Gedichte und Ansprachen waren in kürzester Zeit auswendig 
gelernt. Hierin ragte besonders Kolompär Bangö. ein 10 jähriger 
Knabe hervor. Dieser hatte einmal als Vorhut seiner Familie den 
Weg von Miskolcz nach Alcsüth allein zurückgelegt. 

Das Arbeiten konnte bei den Erwachsenen nur mit vielen Schwie- 
rigkeiten eingeführt werden. Das Ausnehmen der Rüben. Düngerauf- 
laden und Steineaulsammeln, wobei gross und klein beider Geschlech- 
ter mitwirkten, gieng ziemlich gut von statten. Erdarbeiten hingegen 
giengen einige Tage mit grosser Mühe und mit viel Klagen über Kreuz- 
weh. Einmal wollten sie im Akkord, bald wieder im Taglohn arbeiten. 
Bei der Schmiedearbeit bewährte sich auch hier ihre tradizionelle 
und bezeichnende Fertigkeit in der Metallbehandlung. Je drei Mann 
erhielten einen Amboss. einen Blasebalg und die übrigen nötigen 
W erkzeuge. Aus alten Werkzeugen erzeugten sie vorzügliche Hohrer ; 
aus allerhand altem Eisen machten sie Ketten. Spangen, Hacken, 
Nägel und dgl. für die ganze Wirtschaft 

Nun aber kam die militärische Nachstellung dazwischen, da 
man jetzt wusste, wo sie sich befanden. Sie verharrten aber bei ihrer 
vorgefassten Meinung, wonach sie laut alten Privilegien vom Militär- 
dienst von jeher frei gewesen ; es giengen die meisten Familien ohne 
meine Zustimmung durch, und trotz der Verbote des Komitates 
kauften sie sich in Szekesfehervär Wagen und Pferde und wanderten 
Iiis Miskolcz. Ihr Wojwode, der. weil er sie von Arbeit und Schul- 
besuch abhalten wollte, schon früher entlassen worden und in Sze- 
kesfehervär interniert war, sehloss sich ihnen an und führte sie wei- 
ter. Er war 18 Jahre alt; seine Frau, eine 24 jährige Schönheit, 
geistig gut begabt, führte tatsächlich das Kommando. Die Truppe 
ward aber dieser Fürsorge bald überdrüssig und kehrte nach 1—2 
Monaten wieder zu mir zurück. Ich liess sie nun alle der Nachstel- 
lungskommission vorführen, sie wurden aber sämmtlich als untauglich 
entlassen, was ich ungefähr voraussehen konnte, da allen die vor- 
geschriebenen Maasse fehlten. 

Als nun wieder das Verlangen des Radebesuches auftauchte, 
und ich dies der in Rudapest damals aufgetretenen Kolera halber 
abschlug, wurde mir erklärt, dass Zeltzigeuner (eerhüri) koleraimmun 
seien, und wurde dies mit folgender Erzählung bekräftigt: _Als die 
Zigeuner vor langer Zeit ihre Frheimat in den hohen Bergen ver- 
lassen hatten, um in die weite Welt zu wandern, herrschte in der 
grossen Ebene die böse l'rme der Kolera. welche jeden Menschen 
umbrachte, dem sie nahe kam. Da flüchteten die Zigeuner au! ihren 
schnellen Pferden und setzten über einen grossen Fluss (Ganges?); 
die böse l'rme, die kein Pferd hatte und zu Fuss lief, konnte im 
grossen Wasser nicht weit kommen und musste umkehren, ohne einen 
Zigeuner zu tödten. Seither naht die Kolera nie mehr den Zigeunern, 
denn sie befürchtet, dass sie wieder in den grossen Fluss gelockt 
werde." 

Die ansässigen Zigeuner wurden im Jahre 1S72— 73. wie ich 



erfahren, von der Koleia sehr stark hergenommen, die Zeltzigeuner 
dagegen im allgemeinen nicht, vielleicht weil sie zufolge ihrer Lebens- 
weise stark abgehärtet sind, mit der übrigen Bevölkerung wenig in 
Berührung kommen und ausserhalb der Ortschaften in gesunder, 
frischer Luft lagern. Wer nicht fähig ist die grössten Strapatzen zu 
ertragen, stirbt schon als Kind. 

Krankheiten kamen während ihres einjährigen Aufenthaltes bei 
mir kaum vor. Eine Frau, welche bei schwerer Entbindung innerliche 
Beschädigungen erlitten hatte, genas in einigen Wochen ohne beson- 
dere Pflege. Ein einjähriger Knabe erkrankte an Pneumia, wurde aber 
in einigen Tagen gesund. Als sie die für sie erbauten Hütten bezogen 
hatten, bekamen sie fast alle die damals herrschende Intluenza, aber 
in milderer Form : als ich sie sogleich wieder mit Zelten beschenkte, 
war das Uebel wie angeschnitten. 

Während die ansässigen Zigeuner meistens eine sehr dunkle 
Hautfarbe besitzen und blonde unter ihnen sehr selten vorkommen, 
sind die Zeltzigeuuer meistens viel lichter und genug häufig blond. 
Abgesehen von der Bassenmisehung. die gewiss bei beiden hie und 
da vorkommt, könnte dieser Umstand vielleicht mit ein Beleg für die 
LJeberlieferung der Zeltzigeuner sein, wonach sie aus einer höhein 
Kaste stammen, die nie arbeitete; denn auch in Indien sind die 
höheren Kasten von hellerer Farbe und arbeiten nicht. Dies stimmt 
auch zur Aussage des von mir hochgeehrten Gelehrten und Zigeu- 
nerkenners Ch. G. Lela ml.. 

Während ihres Aufenthaltes bei mir hatte ich Gelegenheit, manche 
jener Erscheinungen des Volksglaubens zu beobachten, die Dr. Hein- 
rich r. Wlialocki so eingehend und interessant schildert. Einige von 
ihm nicht erwähnte, sowie einige Varianten der seinigou lasse ich 
hier folgen. 

Vor dem Wiesel (Hermelin) fürchten sie sich ^ehr, besonders 
wenn es sich vor ihnen bäumt und pfaucht: sie meinen, das Blasen 
dieses Tieres verursache Krankheiten aller Art und Unglück in den 
Unternehmungen; auch sein Xame : phurdini stammt von phunld = 
blasen. Das Ziesel, Erdzeisel (peketiHca, aus dem serbischen lelcunir«) 
dagegen ist eine beliebte Speise und sein Fang eine Specialität un- 
serer Zigeuner. 

Als die für meine Kolonie erbauten Erdhütten bezogen wurden, 
wollte niemand ins letzte Haus einziehen, da alle fest und steif be- 
haupteten, es giengen darin nachts die bösen Geister, die UuvinuA 
um ; auf ihr Bitten wurde dies Haus zur Schmiedewerkstätte her- 
gerichtet. Dies geschah auf der Puszta Dobos ; noch ärger gieng's in 
Göböljäräs zu. 

Dort wurden in einem ehemaligen Ziegelschlag, wo vor 40 
Jahren noch ansässige Zigeuner arbeiteten, an der Lehne eines 
Hügels, am Bande eines schönen Waldes, nahe einem Bache die 
früher bestandenen Wohnungen neu erbaut. Die erste Beschwerde 
war, dass ein ehemaliger Keller, jetzt eine Lehmgrube, von einem 
Phuvui bewohnt sei, der ihnen keine Buhe lasse. Ich liess diese 




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7 



Grube zuschütten. Nun waren es die Frösche und Schlangen, die 
aus dem Bache hervorsteigend die (legend unsicher machten, hinter 
denen jedoch die Xivn+i steckten. Umsonst wies ich auf die sie be- 
schützenden Khesal'i am Berge ober dem Walde ; endlich musste ich 
ihnen doch erlauben, in Zelten nächst dem Wirtschaftsgebäude zu 
wohnen. 

Obwol alle römisch-katholisch getauft, und dieser Konfession 
angehörig, glauben sie absolut nicht an die kristliche Religion. Zum 
Gelderwerb tragen sie zu Weihnachten mit Beleuchtung und Ge- 
klingel Krippenspiele und Bethlehemgesänge* vor. was sie der Bevöl- 
kerung abgelauscht hatten. Wol lernten sie in Alcsüth auch heilige 
Lieder und besuchten Sonn- und Feiertag die Kirche, aber in ihre 
Seele war der (Haube nicht gedrungen, dieses könnte nur die plan- 
mässige Erziehung der jungen Generazion bewirken. 

Hochzeiten waren nur zwei aus Kigennutz, doch mehrere nach 
Zigeunerritus. Dabei gab's Musik und Tanz, Essen und Trinken von 
Früh bis Abends. Nachmittag gegen drei Uhr wird dem Brautpaar 
in Wasser aufgeweichtes Brot mit Salz durch der» Wojwoden in den 
Mund gestopft: andern Tags, wenn das junge Paar erwacht, wird der 
jungen Frau das Kopftuch durch die beiderseitigen Eltern aufgebun- 
den. Dies tragen nur Frauen und gefallene Mädchen. 

Die Taufscheine behufs Feststellung ihres Alters konnte ich nur 
für einige erhalten, da viele den Ort ihrer Geburt nicht wussten, 
und den eventuell nächst gelegenen ihrer Taufe noch weniger. Die 
meisten wissen nur, dass sie ,«/>re % droineste" — auf dem Wege das 
Licht der Welt erblickt haben. 

Neugeborne Kinder, für die auch sonst tunlichst vermögende 
Paten gesucht werden, wurden auch bei 18° Kälte möglichst bald zu 
mir, ihrem Oberhaupte gebracht, nebst der Vorstellung wol auch 
um irgend ein Geschenk zu erhalten. Ich wurde und werde auch 
vor der Ansiedlung und nach der teilweisen Aufhebung derselben, 
trotz aller meiner Proteste, stets <tmaro kraj betitelt, da sie den 
Titel ^Vajdir oder ^MujuUr zu gering fanden. 

So wenig meine Zigeuner als Wanderer sonst auf Äusserlich- 
keiteu hielten, so eitel wurden sie als Ansiedler. Die Männer wollten 
nunmehr nur feine kurze gestickte Hemden, breite Gatyen und ver- 
schnürte blaue Tuchkleider mit grossen silbernen Knöpfen, sowie 
Pelzmützen tragen. Die Frauen und Mädchen brauchten feinen Chifon 
zur Wäsche, bunt gestickte rote Perkai- und gelbe Seidenröcke, 
buntseidene Kopf- und Brusttücher, mit buntem Leder verzierte enge 
Knöpfschuhe, in denen sie ihre Füsse meist wund giengen. Manche 
kauften sogar Handschuhe und Begenschirrne. Silberne und goldene 
Hinge, Ohrgehänge. Halsketten aus Münzen und Muscheln waren 
ihnen schon last unentbehrlich, wanderten aber oft in Versatz. Im 
geselligen Benehmen entstand ein komisches Gemisch von Wildheit 

■'■ V-l. Ktbnographia. II. 125. 



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und feinen Manieren, welch letztere jedoch einige junge Mädchen 
sieh wahrhaft bewunderungswürdig schnell aneigneten. 

Die noch zurückgebliebenen Männer arbeiten jetzt als Herr- 
schaftskutscher ganz gut und schicken sich in das Loos der fixen 
Bezahlung und Deputate. 

Jenen aber, die auf Wunsch der Komitatsbehörde entfernt wur- 
den, erwirkte, ich ihr altes Recht. Pferd und Wagen zu halten, und 
bin daher ihrer künftigen häufigen Besuche bei mir gewiss. 

Der palaeolithische Fund aus Miskolcz und die Frage 
des diluvischen Menschen in Ungarn. 

Von Prof. Dr. Aurel r. Tirök; Direktor des anthropologischen Museums zu 

Budapest. 

(Mit (> Fi ff u mi.) 

Es ist gewiss ein interressanter Zufall, dass der erste Nachweis 
von palaeolithischen Steinäxten (Chelles-srher Typus) in Ungarn 
gerade in diejenige Phase der praehistorischen Forschung fällt, wo 
sich ein tiefeingreifender Umschwung in den Anschauungen über 
das Alter der Menschheit vollzieht. 

Ich sehe mich daher veranlasst, die Gelegenheit zu ergreifen, 
um bei der Besprechung di.eser für Ungarns Palaeethnographie wich- 
tigen Entdeckung, die wir dem durch sein über die ungarische 
Fischerei („A magyar haläszat könyve'" l. II. k. Budapest 1887) ge- 
schriebenes Prachtwerk verdienstvollen Gelehrten Otto Ikrmnn ver- 
danken, der dieselbe am Anfang dieses Jahres in ungarischer Sprache 
unter dem Titel: »A miskolczi palaeolith lelet" („Der Miskolczer 
palaeolithische Fund") in der Zeitschrift: „Archaeologiai ßrtesitö" 
(XIII. Bd. No. 1. Budapest 1893. S. 1—25) veröffentlichte, auch die 
Frage des diluvischen Menschen in Ungarn näher zu beleuchten ; und 
zwar umsomehr, als ich den Schlussfolgerungen O. Hermwa, y.w 
welchen er auf Grundlage dieses Fundes in Bezug auf den Beweis 
der Kxistenz des diluvischen Menschen in Ungarn kommt, nicht bei- 
pflichten kann. 

Ks ist eine der Analogieen zwischen den Krscheinungen der 
physischen und psychischen Welt, dass wenn gewisse Hindernisse in 
der Richtung der wirkenden Kräfte sich entgegenstellen, hier wie 
dort ein gewaltsamer Durchbruch erfolgt, wobei wie bei den strö 
menden Gewässern die normalen Ufer weit überflutet werden, um 
dann schliesslich doch wieder zum regelmässigen Kurs zurückzu- 
kehren. 

Die Hindernisse, die sich einer stetigen und ruhigen Strömung 
der geistigen Aufklärung entgegenstellen, bilden unsere vorgefassten 
Meinungen, unsere angeerbten und deshalb liebgewonnenen Tradi- 
tionen in der Auffassung von wissenschaftlichen Problemen, dem zu 
Folge von Zeit zu Zeit grössere Ucbertlutungen im Gebiet der gei- 



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stigen Strömung eintreten müssen. Welch lange Zeit und wie viele 
fehlgeschlagene Versuche kostete es, his endlich die auf die alten 
Traditionen sich stützende Auffassung von der Stabilität der „Kassen" 
durch Darwins „Origin of the species" überwunden werden konnte! 
Kaum hatte aber die darwinische Lehre obsiegt, als sich schon 
Speeulationen regten, die den wissenschaftlichen Tatsachen weit vor- 
auseilend, die biologische Forschung mit einer solchen Menge von 
Hypothesen überfluteten, dass eine Katarhsis der Ansichten sich wie 
eine natürliche Notwendigkeit herausstellte. Und heute nach beiden 
Richtungen hin eines Besseren belehrt, betrachten wir einerseits die 
alten Traditionen ebenso nüchtern, wie wir dies andererseits in Be- 
zug auf die voreiligen neuen Hypothesen über die nächste Abstam- 
mung (Phylogcnie) des Menschen tun. Kben die neueren und genau- 
eren Kenntnisse der Anthropoiden mussten uns von den kühnen 
Hypothesen bekehren und unser Denken wieder in die ruhige Strö- 
mung zwischen die engeren Grenzen der wissenschaftlichen Tat- 
sachen zurückbringen, bei welcher wir ganz leidenschaftslos der 
Dinge harren, die da kommen sollen. — l'nd so sehen wir uns ge- 
nötigt, das den Hypothesen nach als bereits aufgefunden vermeinte 
„fehlende Glied" (missing link) in der Kette der Organismen-Reihe 
auch noch fernerhin zu suchen, wie ehedem. Die Hindernisse muss- 
ten mit einem Aufwand von grösserer Energie des stets strömungs- 
hedürftigeu Geistes durchbrochen werden ; hierauf folgte die Ucber- 
flutung der Hypothesen, um dann wieder in die normale ruhige 
Strömung des streng wissenschaftlichen Denkens einzulenken. Das- 
selbe Schauspiel bietet uns die bisherige Geschichte des Problems 
des Alters der Menschheit. Musste nicht Boucher de Perthes lange 
Jahre hindurch gegen die traditionelle Auffassung des biblischen 
Alters der Menschheit kämpfen, bis es ihm endlich gelingen konnte, 
mit der Idee eines prähistorischen Alters der Menschheit durchzu- 
dringen? l'nd namentlich waren es seine eigenen Landsleute, die 
französischen Gelehrten, von deren Seite er den hartnäckigsten Wider- 
stand erfahren musste; kaum hatten aber fremdländische Forscher 
sich den Ideen von Boucher d? J'erthes angeschlossen, so waren es 
wieder seine Landsleute, die zu den begeistertesten Proselyten der 
neuen Lehre geworden, sich nicht mehr mit dem diluvialen Aller 
begnügten, sondern sogar auch noch die tertiäre Zeit für die Mensch- 
heit in Anspruch nahmen. 

Der Process der geistigen Retorsion musste auch hier eintreten; 
und dieser Process vollzieht sich jetzt vor unseren Augen, da wir 
in Folge der ganz neuen genialen Auslegung der praehistorischen 
Fiunie durch den allverehrten Nestor der Wissenschaft Justus Steen- 
Htrujj in Kopenhagen, sowie durch den penthallischen Heros der Wis- 
senschaft Rudolf l'irchntr in Berlin, genötigt sind auch die Frage des 
diluvischen Menschen mit ganz anderen Augen zu betrachten, als wir 
dies bisher gewohnt waren. Es mussten auch hier die ungestümen 
hypothetischen Speeulationen über die vermeintlichen Beweise der 
praehistorischen Funde, einer ruhigeren und nüchterneren Aulfassung 



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10 



den Platz räumen, so dass wir schon jetzt genötigt sind zu erklären : 
dass auf Grundlage der bisherigen Tatsachen der Mensch mit dem 
Mammut nicht zusammenleben konnte und dass das Alter der Mensch- 
heit nicht Uber die sog. Bentierzeit hinaus sicher verfolgt werden 
kann. 

Die grosse Tragweite dieses Umschwunges in den Anschauun- 
gen des praehistorischen Problems wird man sofort einsehen müssen, 
wenn ich hervorhebe, dass man bisher der Meinung war: dass in 
der ersten Epoche der palaeolithischen Zeitperiode, nämlich in der 
Chelles-schen Epoche der Mensch in Europa sowol noch das Mammut 
wie auch Hippopotamus, Uhinoceros Merkii und den Elephas antiouus 
unter den lebenden Tieren antraf (s. G. d. MortilleVs: „Lp prehis- 
torique antiquite de I homme" Paris 1883. S. 131). 

Ich musste diese Bemerkungen meinem Referate über den 
Miskolczer palaeolithischen Fund eben deshalb vorausschicken, da 
dieser Fund nach dem Typus der Bearbeitung der Steinäxte der 
Chelles-schen Epoche zugehörig erscheint : somit dieser Fund nach der 
älteren Auffassung schon an und für sich als sicherer Beweis der Exis- 
tenz des diluvischen Menschen in Ungarn gelten könnte, wie auch in der 
Tat Otto Herman mittels dieses Fundes den diluvischen Menschen in 
Ungarn für schon erwiesen erklärt. Dass dem aber nicht so ist, soll im 
Folgenden des Näheren auseinandergesetzt und gemeinverständlich 
erklärt werden. 

Zunächst wollen wir uns mit den Daten der Auffindung der Mis- 
kolczer palaeolithischen (zugeschlagenen) Steinäxte naher vertraut 
machen. 

Wie Otto Herman berichtet, hatte er das Glück in den letzten 
Tagen des vorigen Jahres (26. Dez. 181)2) von Herrn Johann Bdrsony 
Rechtsanwalt in Miskolcz ein Steingerät zu bekommen, welches mit 
zwei anderen solchen Geräten bei der Fundamentierung des Hauses des 
eben genannten Rechtsanwaltes von den Bauleuten etwa 3 M. tief in 
der gelblichen Lehmschichte des Erdbodens aufgefunden wurde. Der 
Hausbesitzer, ein Amateur von Altertümern erkannte sofort den Wert 
dieser Steingerätc. Das eine behielt er für sich, das zweite verehrte er 
dem Gerichtssenats-Präsidenten in Debreczen Herrn Wolfgang Szelf. 
ebenfalls einem Altertumsfreund, dem wir einerseits mehrere sehr inter- 
essante Forschungen, sowie Geschenke für das Budapester anthropo- 
logische Museum verdanken und das dritte - das schönste Exemplar — 
erhielt eben O. Herman. 

Wir entnehmen aus dem Berichte, dass die hier in Rede stehenden 
drei Steingeräte — nach der Ueberzeugung 0. Hermans ganz zweifel- 
los unterhalb der alluvialen Erdschichte lagen ; hingegen dass nach dem 
Ausspruche des Landes-Hauptgeologen Herrn v. Rath (der die geo- 
logische Aufnahme von Miskolcz ausführte), die betreffende Lehm- 
schichte „nur irahrtcheinlich eine diluviale ist." 

Wenn also nach der Aussage des für diesen Fall einzig compe- 
tenten Fachmannes, das geologische Alter der Lehmschichte, worin 
sich die palaeolithischen Steinäxte befanden, nicht ganz sicher zu ent- 



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n 



scheiden war : .so musste hierdurch auch das diluviale Alter dieser 
Steinäxte ebenfalls fraglich werden. 

Da die Frage einmal aufgeworfen ist, so müssen wir dieselbe 
wegen ihrer grossen Wichtigkeit hier noch weiter analysieren. 

Wir fragen: dass auch im Falle als die betreffende gelbliche 
Lehmsehiehte ausser allem Zweifel eine diluviale Schichte wäre, könnte 
man dies für den Beweis des diluvialen Alters der nach dem Chelles- 
schen Typus zugeschlagenen Steinäxte schon als vollkommen genü- 
gend erachten? Mit nichten. Nicht in der etwaigen Sicherheit der Be- 
stimmung des geologischen Zeitalters der Schichten, sondern einzig und 
allein in der Sicherheit des Nachweises: dass die betreffenden Artefacte 
oder menschlichen Knochen in einem jungfräulichen, unberührten Zustande 
der Schichte sich befinden, d. h. dass die Entstehung der betreffenden 
Erdschichte mit den eingeschlossenen Artefacten oder Knochen in dieselbe 
Zeit fällt — liegt das einzig entscheidende Moment des ganzen Problems. 

Da dieses Moment bisher zumeist nicht genügend gewürdigt 
wurde, denn eben wegen Vernachlässigung desselben hat man nur 
zu oft praehistorische Funde für viel älter gehalten, als sie es wirklich 
sind, (wie dies weiter unten noch an für die Prähistorie bisher klas- 
sisch geltenden Funden näher demonstriert werden soll), so will ich 
hierüber auf (irundlage meiner eigenen Erfahrungen eingehender ver- 
handeln. 

Ich stelle an die Spitze meiner Erörterungen die Tatsache, dass 
die nähere Entscheidung dessen : ob die praehistorischen Objekte mit 
der betreffenden Erdschichte gleichalterig sind oder nicht, in allen 
Fällen höchst schwierig, in vielen aber geradezu unmöglich ist. 

Finden wir nämlich die Objekte in der betreffenden Eriteehiehte 
derart eingeschlossen, dass sie mit dieser eine Breccie bilden und wo 
wir — mit dem freien Auge und mittelst des Tastgefühles — weder 
in Bezug auf die Farbe, noch in Bezug auf die Konsistenz. Gefüge, 
mineralische Zusammensetzung, irgend einen Unterschied bemerken 
können und wo wir auch sonst keine Unordnung in der Lagerung 
der Schichte beobachten können, so venneinen wir hierin schon einen 
sicheren Beweis dessen aufgefunden zu haben: dass hier eine nach- 
trägliche Störung der betreffenden Erdschichte auszuschliessen sei, 
d. Ii. dass die Objekte mit der Erdschichte gleichalterig sind. Dass 
dem nicht so ist. fand ich bei meinen Ausgrabungen am Dolmenfelde 
in Boknia (Algirien). In einigen dieser Dolmen fand ich die tiefer 
begrabenen Knochen und Beilagen (roh gebrannte Urnen, Bronzringe) 
sowie bereits ausgestorbene Schnecken (von Delix aspersa Bokniaca) 
mit der Erdschichte eine feste Breccie bildend, so dass die nachherige 
Ausschälung der Knochen und Objekte nur teilweise gelang; ich habe 
die Skelete deshalb in grossen Erdklumpen herausbefördert und einen 
Teil der Ausgrabung auf diese Weise »en hloc" aufbewahrt. Da in 
den oberen Schichten der Breccie die Schalen von recenten Schnecken 
(Delix pomatia) vorkamen, so interessierte es mich zu erfahren: ob 
nicht etwa ein Unterschied der oberflächlicheren und tieferen Schichten 
der Dolmenerde zu bemerken <ei. was ich nicht auffinden konnte. 



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12 



■ 



Ich habe diese Erde auch von den Geologen besichtigen lassen, auch 
diese konnten keinen Unterschied zwischen den tieferen und oberfläch- 
licheren Schichten bemerken ; somit boten diese Klumpen eine dem 
Augenscheine nach ganz gleichinässigc Erdschichtc dar. wiewol darin 
Objekte von verschiedener Zeit enthalten waren. Was das Zeitalter 
der Dolmen-Skelete anbelangt, so kann man hierauf bezüglich Fol- 
gendes anführen. Climttjtollion („Lettre* sur l'Egypte et la Nubie etc." 
p. 248) fand an den ägyptischen Monumenten unter der XVII. und 
XVIII. Dynastie den Typus der sog. Tnmhu oder Tamnhu abgebildet, 
von welchen der berühmte altägyptische Geschichtsschreiber Maneth > 
(ein Priester von Heliopolis unter Ptolemeus Philadelphus) aussagt, 
dass sie von Nordafrika Egypten mit einem Heere überzogen. Der 
Zeitpunkt dieses Einfalles der Tamahu fällt nach den Berechnungen 
zwischen 1591 — 2135 v. Chr. Nach den einschlägigen Daten der 
aegyptologischen. praehistorischen und anthropologischen Forschungen 
schreiben die Gelehrten das Dolmenfeld von Roknia den Tamahu-s zu. 

Aber auch bei viel recenteren Gräbern und Tumuli „aus den 
eisten Jahrhunderten unseres .lahrtausend (bei Alpär und Orkeny in 
Ungarn) fand ich die Kidschichte um die Skelete herum vollkommen 
kompakt und gleichmässig im Gefüge, sowie ganz gleichmässig ge- 
färbt; so dass die Stelle der Aulwühiung in Folge des stattgehabten 
Begräbnisses dem freien Augenscheine mich nicht im mindesten zu 
erkennen war und eine Unterscheidung der aufgewühlten Partie von 
den nicht aufgewühlten Partieen der Krdschichte (zwischen den Grä- 
bern) einfach unmöglich war. Hingegen fand ich bei 400 — 500 jährigen 
Gräbern (bei Duna-Földvär. in Pankota) immer mehr weniger deutliche 
Spuren "der Aufwühlung der Erde und zwar zumeist durch eine ver- 
schiedene Färbung und verschiedene Konsistenz der Leichenerde : die 
sich entweder schon von der Kulturschichte angefangen, oder gleich 
unterhalb derselben teils kontinuierlich, teils mit Unterbrechungen 
bis zum Skelet verfolgen liessen : es kam auch das vor. dass der 
Farbenunterschied erst unmittelbar rings um die Knochen in der Erd- 
schichte aufzufinden war. so dass die oberhalb liegende Schichte mit 
den übrigen — zwischen den Gräbern liegenden — Schichten nicht 
mir eine vollkommen ungestörte Kontinuität bildete, sondern auch 
ganz gleichmässig gefärbt war. 

Ich habe diese sehr lehrreichen Fälle von Fundorten aus ver- 
hältnissmässig viel recenterer Zeit deshalb hier angeführt, damit die 
Fachgenossen künftighin dieser speziellen Frage eine viel grössere 
Aufmerksamkeit schenken mögen ; denn es ist einleuchtend, dass die 
Entscheidung einer Intaktheit der Erdschichten für einen jeden ein- 
zelnen Fall eine ganz spezielle Frage bildet, weshalb man immer die 
speziellen Terrainverhältnisse, die geologische, physikalische und 
chemische Beschaffenheit der betreuenden Lokalität in Erwägung brin- 
gen muss. Aber eben deshalb muss auch das einleuchtend sein, dass 
man für derartige Lokalitäten keine bestimmten Zeitgrenzen angeben 
kann, wo die Möglichkeit eines Nachweises der Intaktheit der Erd- 
schichte aufhört. Ich habe bei meinen speziellen Fällen eben diese 



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Tafel zu: Der palaeolithische Fund aus Miskolcz und die Frage 

des diluvialen Menschen in Ungarn. 

Die drei Silexflxt* ran Miskolcz und drei französische Chflles'sch* Silexä.rtc. 




a h c 

St. Acheul St. Acheul Brive 

Mas. St. Qeraiain Mui. St. Gennain Coli. Haii«n»t 
Nr. 7001. Nr. 15U82. ft Brive 



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14 



Beobachtungen gemacht, die ich anführte, und andere werden wieder 
andere Beobachtungen machen. Betreffs des Zeitpunktes kann somit 
im Allgemeinen nur das behauptet werden : dass „ceteris paribus" die 
Schwierigkeit der Entscheidung einer Intaktheit der Lokalität umso grös- 
ser wird, um je ältere Zeitepochen es sich handelt, wie ich hierfür 
weiter unten bei Besprechung der vermeintlichen diluvialen Menschen- 
schädel, einen höchst instruktiven, man könnte sagen, einen klassi- 
schen Fall anführen werde. Xach meinem Dafürhalten wird es also 
fürderhin nötig sein, die Erdschichten der praehistorischen Funde ganz 
systematisch einer physikalischen, chemischen und sogar auch mikrosko- 
pischen Analyse zu unterziehen, denn zur sicheren Entscheidung der hier 
in Rede stehenden Frage reicht in vielen Fällen auch das geübteste Auge 
eines Geologen nicht aus. 

Wenn schon in solchen Fällen, wo man selbst die Ausgrabungen 
macht, so grosse Schwierigkeiten obwalten, wie könnte man den 
Nachweis der Intaktheit der Erdschichte erbringen wollen, wo die 
Ausgrabung der Funde durch unkundige Mände geschah, und wo es 
überhaupt erst dann möglich ist, sich mit dieser Frage zu beschäfti- 
gen, wenn die betreffenden Partieen der Krdschichte schon ausgehoben 
wurden? Auch bei der Ausgrabung des Miskolczer Fundes waren 
keine Sachverständigen Kugegen, weshalb der von O. Hermnn behufs 
der Beweisführung erwähnten Aussage des Hausbesitzers, dass er den 
Bau auf dem bisher ungestörten Teil seines Grundstückes aufführen 
Hess, auch nicht der mindeste Wert beigemessen werden kann : 
da es sich hier nicht um die Intaktheit der zur Baustelle verwende- 
ten Partie als solcher, sondern um die Intaktheit jener eng begrenz- 
ten Lokalität handelt, wo die drei Äxte aufgefunden wurden. Es 
ist ja doch einzusehen, dass an einer engern begrenzten Stelle 
die Erdschichte aufgewühlt werden konnte, ohne dass die Umge- 
bung in ihrem ursprünglichen Zustande gestört wurde. Ich will 
aber damit nicht behaupten, als wären die fraglichen drei Äxte ein- 
gegraben worden ; sie konnten einfach in eine damalige Vertiefung. 
Riss, Loch der Erdoberfläche zufällig hineingefallen sein, welche 
Öffnung oder Vertiefung des Niveau mit der Zeit auch ohne Zutun 
des Menschen wieder ausgefüllt wurde — - ohne irgend eine Spur dieser 
Ausfüllung zurück zu lassen. Wie wir auch hier sehen können, gibt 
es der Möglichkeiten und folglich der Schwierigkeiten so viele, dass 
„a posteriori" eine jede Beweisführung höchst problematisch" blei- 
ben muss. 

Aus allen diesen hier erwähnten Momenten geht ganz unwiderleg- 
lich hervor, dass das diluviale Alter der drei Steinäxte gar nicht erwiesen 
wurde und auch nicht mehr erwiesen werden kann: da wenn auch die 
betreffende Lehmschichte ganz bestimmt eine diluviale wäre — was aber 
der hierfür einzig competente Fachmann nicht behauptet hat, indem er 
dieselbe nur wahrscheinlich für eine diluviale erklärte, betreffs des einzig 
entscheidenden Momentes, nämlich der wirklichen Intaktheit der betreffen- 
den Lokalität jeder Beweis fehlt; denn dass die primitive Zubereitung der 
Steinäxte an und für sich noch keinen sicheren Bend* für das diluviale 



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15 



Zeitalter derselben liefern kann — ist für jeden in der prähistorischen 
Forschung bewanderten Menschen einfach klar. 

Nun wollen wir sehen, wie die Steinäxte selbst beschaffen sind. 
Wir entnehmen der Beschreibung folgende Daten. Das Material, aus 
welchem diese Steinäxte mittels Zuschlagens verfertigt wurden, besteht, 
wie 0. Her man sich ausdrückt, aus „Feuerstein 1 " (Silex), eine spezielle 
Determination dieses Silex gibt der Autor nicht. Er erwähnt zwar, dass 
es kein „Klint" sei und dass solche Silexe auch in Ungarn vorkommen. 

Die eine Steinaxt (im Besitze des Herrn Otto Her man in Buda- 
pest, wollen wir sie fürderhin N° 1 nennen, s. Fig. A. auf der Tafel), 
weist sozusagen ein klassisches Exemplar des Chelles-schen Typus 
auf. Sie zeigt die typische Mandelform, von aulTalend schönen Con- 
touren, mit den deutlich conchoid ausgeprägten Schlagmarken auf 
beiden Seiten und den Retouchen an den zugeschärften Kanten ; von 
Polierung ist an ihr keine Spur zu sehen. Diese Steinaxt gehört zu 
• jenen Formen der Chelles'sehen Industrieperiode, welche sich durch 
eine längliche Form auszeichnen. Die Länge beträgt nämlich = 23'8 
cm., die Breite = 110 cm., die Dicke = 23 cm. Die Dicke der Axt 
nimmt von der Mitte gegen die Seitenkanten allmälig, gegen das zuge- 
spitzte Ende stärker ab. An diesem Ende ist beiderseits — an dem 
breiteren Ende der Mandelform nur auf einer Seite — eine eisenhäl- 
tige Kruste des Gesteins zu bemerken. Die Färbung ist dunkel, horn- 
schwarz mit rötlichen Einsprengungen. Eine Patina ist an ihr nicht 
nachzuweisen, ihr Lustre ist von gleichmässigem Seidenglanz. Eine 
durch den Gebrauch entstandene Abwetzung sowie eine Reibung von 
Gerollen ist an ihr nicht vorhanden; dieselbe ist mit Ausnahme 
einer bei der Ausgrabung erfolgten kleinen Scharte an dem spitzigen 
Ende vollkommen unverletzt. 

Die zweite Axt (No. 2, im Besitze des Herrn W. Szell in Deb- 
reczen. s. Fig. B. auf der Tafel) weist dieselbe Zubereitung durch 
Zuschlagen auf, auch an ihr ist keine Spur einer Polierung zu ent- 
decken, auch die Färbung ist dieselbe. Ihre Form ist noch immer 
eine Mandelfor, maber von grösserer Breite im Verhältnis zur Länge. 
Diese beträgt nämlich = 19*5 cm., die Breite = 11*1 cm. und die 
Dicke — 2*3 cm. Auch diese Axt ist ringsum mit zugeschärften 
Kanten versehen, die beiden Enden aber abgestutzt und zwar an 
dem einen mehr als am anderen. Die beiderseitigen Contouren ver- 
laufen in schiefer Krümmung, in Folge davon auch die Längsaxe der 
Axt eine schief verlaufende ist. Auch an ihr ist keine Patina zu ent- 
decken, ihr Lustre ist ein gleichmässiger aber weniger glänzend als 
bei der vorigen. Eine Abwetzung oder Reibung ist auch an ihr nicht 
vorhanden, die Axt ist vollkommen unverletzt. 

Die dritte Axt (Nro 3, im Besitze des Herrn Bärsony in M^s- 
kolcz, s. Fig. C auf der Tafel) hat eine dreieckige Form, ihr Gestein 
ist lignitartig schichtig, von gelblich hellgrauer Färbung. Ihre Länge = 
U'O cm., Breite an der Basis = 8'0 cm., Dicke = 30 cm., diese 
letztere bleibt im Grossen und Ganzen überall dieselbe. Die eine 
.Seite ist flach, an welcher die Spuren einer schwach eisenhaltigen 



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Kruste zu bemerken sind, welche Kruste auf der anderen Seite eine 
beträchtliche ist. Dass diese Kruste eine originäre ist, beweist ihre " 
stellenweise Abschürfung in Folge des Gebrauches; eine Reibung 
von Gerollen ist auch an ihr nicht zu entdecken. Eine Patina besitzt 
auch sie nicht, der Lustre ist an den Schlagmarken von Fettglanz. 
Auch diese Axt ist unverletzt. Nach der Ansicht des Autors hat der 
praehistorische Mensch dieses schon ursprünglich dreieckige Stück 
nur im Groben ausgearbeitet Da die zwei ersteren Äxte keine Spur 
des Gebrauches aufweisen, so gibt der Autor jener Vermutung 
Ausdruck, dass diese Äxte ,loc<>' verfertigt werden konnten; eine 
nähere Aufklärung erwartet Autor übrigens von der Entscheidung: 
ob die landläufige Benennung ,Tüzköves" (d. h. der Feuerstein-häl- 
tige), mit welcher ein Teil des angrenzenden Herges Avas bezeichnet 
wird, wirklich daher rührt, dass hier Feuerstein vorkommt V Ks muss 
hierzu ergänzungshalber erwähnt werden, dass das berühmte Hegy- 
alja (Tokajer Weingebirge) zu Miskolcz nahe liegt, in welchem der 
Feuerstein wirklich vorgefunden wird. Zum Schluss vergleicht der 
Autor die zwei typisch geformten Äxte mit ähnlichen aus England 
und Mähren, welchen gegenüber er die namhafte Grösse der Mis- 
kolczer Äxte hervorhebt (denn während die Länge der englischen — 
in Evans' Werk: The ancient impiements etc. London 1872 abge- 
bildeten — Äxte zwischen 180 — 208 mm. schwankt, beträgt die 
Länge der Miskolczer Axt No. 1 = 288 mm. und No. 2 = 195 mm.) 

Ks sei nun erlaubt, an die hier erwähnten Daten des Autors 
folgende ergänzende Hemerkungen anzuknüpfen : 

1. Was den Typus der Form und der Ausarbeitung der Mis- 
kolczer Äxte anbelangt, so müssen wir nach den Photograplneen 
(die der Autor in Fig. 4, 5, o, 7 seiner Beschreibung a. a. 0. mit- 
teilt) die Axt No. 1. ihrer schönen Form nach als ein Kabinetstück 
der palaeolithischen Steinindustrie erklären, das auch unter den bis- 
her bekannten fremdländischen Exemplaren einen vornehmeren Rang 
beanspruchen kann. Verhältnismässig entspricht sie am meisten jener 
Saint-Acheuler Silexaxt, die sich im Musee de St.-Germain unter 
No. 7001 befindet, von welcher Herr G. de Mortillet hervorhebt : „instru- 
ment chelleen,en silex,parfaitementamygdaloide"(„ Musee prehistorique." 
Paris 1881. PI. VI. No. 29, siehe die Fig. « der Tafel.) 

(Behufs einer Vergleichung der drei Miskolczer Silexäxte mit 
den St.-Acheuler Silexäxten habe ich dieselben auf der beistehenden 
Tafel in V* der Naturgrösse photographisch copiert. Die Bezeich- 
nung: A =■ die Miskolczer Steinaxt No. 1, B = die Miskolczer 
Steinaxt No. 2, C = die Miskolczer Steinaxt No. 3, a = St.-Acheuler 
Silexaxt No. 7001 Musee de St. -Germain, h = St.-Acheuler Silexaxt 
No> 15232 Musee de St.-Germain, c = Briveer Silexaxt, Sammlung 
des Herrn Massenat in Brive). 

Die zweite Miskolczer Axt (s. Fig B) würde nach der Analogie 
mit der St.-Acheuler Axt (s. Fig. b der Tafel) einem sog. „eoup de 
poing*, hingegen die Miskolczer Axt (s. Fig. C der Tafel) einem 
.triangulaire en silex" entsprechen. Ich brauche hier wol nicht näher 



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es auseinandersetzen, dass es sich zwischen den Miskolczer und 
den französischen Steinäxten nur um eine allgemeine und nur auf 
die Configuration sich beschränkende Ähnlichkeit handelt. Denn was 
die specielle Technik des Zuschlagens (die Charaktere der Schlag- 
marken und der Retouchen) anbelangt, so ist hier ein auffallender 
Unterschied zu verzeichnen. Die praehistorischen Menschen von Mis- 
kolcz haben ihre Äxte nur im Groben ausgearbeitet, so dass die 
Miskolczer Äxte (No. 1 und 2) nur der Mandelform wegen dem 
Chelles-schen Typus anzureihen sind. Es wäre gewiss sehr erwünscht, 
dass die Miskolczer Axte überhaupt fachgemäss studiert werden f damit 
wir Näheres über den Unterschied der praehistorischen Industrie in 
Ungarn und in Frankreich erfahren können. Da ich die Miskolczer 
Äxte selbst nicht sah, so kann ich hierüber keine weitern Betrach- 
tungen anstellen — es wird vorläufig genügen, wenn ich auf die 
noch unerforschten Momente des Miskolczer Fundes hiermit hinge- 
wiesen habe. 

2. Was die (Konfiguration der liier miteinander verglichenen sechs 
Steinäxte abgelangt, will ich Folgendes hervorheben. Da es sich hier 
um das Verhältnis zwischen der Längen- und Breitenaxc handelt, so 
will ich dieses Verhältnis dieser beiden Axen von den 6 Steinäxten in 
der Formel eines sog. Index mitteilen ( nr °^,* c 1<V = Längen-Breiten- 
index).* In der folgenden Tabelle stelle ich die Wertgrössen dieses Index 
nach meinen an den Original-Figuren der Autoren gemachten Messun- 
gen zusammen. 

Längen-Breitenindex. 

I. A., Bei der Miskolczer Axt No. 1 = ,,:, *, lli0 = 4S Ü8. 
, <*., bei der St.-Acheuler No. 7001 = 9, 0 * m = 48*99. 

Differenz der Breite = 113— 916 = 214 mm. 

„ Länge = 225-187 = 48'0 - 
des Index = 4S99-48 0S = Ulli - 

II. B. Bei der Miskolczer Axt No. 2 = n \* ,ü ° = 5625. 

. b., bei der St.-Acheuler No. 15232 = *\*J W =62 98. 

| Differenz der Breite = 117—81 = 36*0 mm. 
{ „ „ Länge = 208-128-6 = 794 „ 
I „ des Index = 629S-56'25 = 673 m 

III. C. Bei der Miskolczer Axt No. 3 = !°° = 73 59. 

1 lo r> 

„ c, bei der Brive-er = 1,6 * 100 = 8169. 

| Differenz der Breite = 1 16—85 = 31 mm. 
; , „ Länge = 142— 1155 = 265 . 
I , des Index = 8169-73 59 = 810 B 
(Fortsetzung folgt.) 

* Bei der Beschreibung derlei praehistorischer Artefacte bediene ich 
mich der in der Kraniometrie üblichen Indices, die eine genauere Ver- 
gleichung der Form erleichtern. Es wäre wünschenswert, wenn die Prähi- 
storiker sich diese Methode aneignen würden. 

Bthno]. Mitteil. a. I n^arn. ILI. 2 



:8 



Neue Beiträge zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. 

— Von Dr. Heinrich r. Wlislocki. — 

Auf dem von unseren einheimischen Forschern woldurehpflüg- 
ten Fehle der siebenbürgiseh-sächsisehen Volkskunde liegen noch 
innner zahlreiche Bausteinchen von grösserem und geringerem Werte 
verstreut umher, die ruhloser Sammler bedürfen, um der Wissenschaft 
gerettet und vor dem gänzlichen l'ntergange bewahrt zu werden. Wir 
dürfen kein einziges solcher Steinchen bei Seite schieben, es auf 
unseren Wanderfahrten am Wege liegen lassen ; wir müssen es auf- 
heben und in die Schatzkammer der Volkskunde niederlegen, damit 
wir den im Entstehen begriffenen Bau einer Geschichte des mensch- 
lichen Geistes fördern helfen. Auf meinen jahrelangen Wanderfahrten 
durch mein wunderdurehrauschtes Heimatland, Siebenbürgen, . habe 
ich auch vom Felde der siebenbürgisch-sächsischen Volkskunde so 
manche Körnlein eingeheimst, die ich hier niederlegen will. Für den 
Dombau unserer Wissenschaft werden auch diese zerstreuten, nun 
aber wenigstens in losen Zusammenhang mit einander gebrachten 
Körnlein wol das Ihrige beitragen. Vor allem sind es die Heil- und 
Zaubermittel, die unsere Aufmerksamkeit in so mancher Richtung in 
Anspruch nehmen — besonders nachdem dieselben noch nirgends im 
Druck erschienen sind ; dieselben stammen zum grössten Teil aus 
der handschriftlichen Sammlung des Andrea« Jioth, meines Gross- 
vaters mütterlicherseits, zum geringen Teil aber aus meinen eigenen 
Sammlungen. 

Die Behandlung der Krankheiten von Mensch und Tier durch 
Kultmittel fristet auch bei den Siebenbürger Sachsen nur an beson- 
ders gehegten Plätzen eine üppige Existenz, eine üppigere wol, als 
man dies aus den bislang veröffentlichten Berichten der einheimischen 
Volksforscher erschliessen könnte. Vor den Augen der Lehrer und 
Geistlichen ziehen sich diese volkstümlichen Niederschläge ebenso scheu 
zurück, wie bei jedem anderen Volke. 

Die Art, wie diese Segen und Heilkräfte bei den Siebenbürger 
Sachsen -fortgepflanzt werden, ist verschieden", schreibt der verdienst- 
volle Siebenbürger Gelehrte Frinl. Willi. Srhusfer (Siebenb.-sächs. 
Volkslieder S. 481), ^sie sind Geheimnis und dürfen nicht ohne 
weiteres mitgeteilt werden. Entweder der Jutirr' oder ,ßeszer (Büsser) 
oder .Kundige' murmelt seine Worte leise für sich hin, wer sie ver- 
steht und behält, ist glücklich, er mag sie mit gleichem Erfolg gebrau- 
chen, ohne Nachteil für den eisten Besitzer: oder der Kundige teilt 
sie zwar ohne weiters mit, aber nur einem Jüngern, weil sie sonst 
für ihn selbst die Wirkung verlieren würden : oder endlich die Formel 
muss dem, der sie erwerben will, .von einem alten Weibe zur //«- 



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19 



fon Hand eingeimpft und nachher behutsam gebraucht werden/ In 
welcher Weise die Einimpfung geschieht, habe ich nicht ermitteln 
können.* 

Betreffs dieser Einimpfung habe ich zwei Berichte erhalten. Die 
Kellinger Magd Marie Klusch diente im J. 1884 in meiner Familie. 
Ihre Mutter war in der Umgegend zwar als „Hexe*" gefürchtet, aber 
nichtsdestoweniger als Heilkünstlerin für das Fieber berühmt. Als 
sie einmal schwerkrank wurde, impfte sie — nach Aussage ihrer 
Tochter --- die Kunst: das Fieber zu „büssen" (besen), derselben auf 
folgende Weise ein: Die Mutter ritzte sich mit einer neuen, nie 
gebrauchten Nadel die linke ^rust und liess einige Tropfen ihres 
Blutes auf eine Hostie rinnen, welche sie dann in die linke Handfläche 
ihrer Tochter legte, indem sie dabei durch die Hostie hindurch mit 
der Xadel in die Hand der Magd stach, wobei sie sprach: 

..Im Xamen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes! Was 
mir gegeben haben die drei Wenken, das geb' ich dir, mein Blut 
mit deinem Blut, damit dir Herr Satan auf dem Hoprichberg nie 
schade!" Die Tochter verschluckte nun die Hostie, worauf ihr die 
Mutter Mittel gegen das Fieber verkündete. Die Wenken oder Wäjnken, 
welche die Mutter in der obigen Formel erwähnt, sind dem dortigen Volks- 
glauben gemäss, „kleine schwarz? Frauen, die gar klug sind. 1 * In anderen 
Gegenden werden sie neben Wenken auch noch „misse Frauen" genannt 
und in Heilsprüchen angerufen (s. Schuster a. a. 0. S. 489 fT.) Ihr 
Wohnort ist der „dunkle 4 * oder ..grüne" Wald. Sie sind also Baum- 
geister, die vorzugsweise ausserhalb der Bäume als eigentliche Krank- 
heitsgeister auftreten. Auch als Schicksalsspinnerinnen und Schicksals- 
bestiinmerinnen mögen sie ursprünglich im Volksglauben der Sieben- 
bürger Sachsen eine Holle gespielt haben. Darüber habe ich mich an 
mehreren Stellen meines demnächst erscheinenden Werkes : r Volks- 
glaube u. Volksbrauch der Siebenb. Sachsen** (Berlin, Felber) aus- 
gesprochen. Auch in einer Besprechungsformel bei Schuster (a. a. 0. 
S. 4 ( .)0) kommt der oben erwähnte Hoprichberg in der Form von 
..Huiprichberg** vor. Ob dieser Berg nicht etwa die Bedeutung eines 
Hexenversammlungsortes, eines Teufelsberges hat? Im Magyarischen 
hat der Teufel (ördög) auch den Beinamen hopeiher (s. lpolyi, Magyar 
Mythologia = Magyarische Mythol. bei „ördög"). Bezüglich dieser oben 
erwähnten Wenken teile ich hier eine interessante Formel aus der 
Handschrift meines Grossvaters, Andreas Jioth mit, der in ein Heft 
Lieder, Hausmittel und Besprechungsformeln während seiner Wander- 
schaft in Siebenbürgen (zu Anfang dieses Jahrhunderts eingeschrieben 
hatte.) Es heisst nämlich hei ihm: Man schreibe mit dem Blute des 
Fieberkranken dies ..Gebetchen** auf ein Blatt Papier: 

Drei weisse Wenken giengeu durchs Lan«l. 
Begegnet ihnen der Heiliand: 
„Ihr Wenken, wohin wollt ihr gehn? u 
„Wir wollen zum N. N. gehn, 
Wir wollen sein Herz schütteln. 
Wir wollen sein Gedärm rütteln, 

2* 



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Wir wollen sein Blut lecken. 

Wir wollen seine Glieder strecken." — 

„Weisse Wenken, das dürft ihr nicht tun, 

Ihr sollt hier im Brunnen ruhn, 

Bis ich schreib' ein neues Evangelium u 

Diesen Zettel reisst der Fieberkranke in drei Teile und wirft 
dieselben vor Sonnenaufgang einzeln in einen Brunnen mit den Worten : 

(Jeht in den schwarzen Wald, 
Da springen drei Brunnen kalt, 
Der ein ist der mW, 
Der ändert der »mW, a 
Der dritt der phri! ^ 
Da sollt ihr drei Wenken ruhen ! 

Hei Schuber (a. a. 0. S. 302) findet sieh eine ähnliche Formel 
gegen das Fieber vor, in der aber nur zwei Hrunnen genannt wer- 
den, horujif und Werth, wobei Schuster (S. 489) an den germanischen 
„Mimirsbrunn" denkt. Wie die Namen dieser Hrunnen ursprünglich 
gelautet haben mögen, das wird wohl für immer unentschieden blei- 
ben. Ich erwähne hier nur noch, dass pisri vielleicht auf ~pisen~ 
zurückgeführt werden könnte, weil nach Roth'* Angabe der Fieber- 
kranke auch in den Hrunnen uriniert und neun Tage hindurch jedes 
Mal vor Sonnenaufgang Wasser aus demselben Hrunnen trinkt. Wie 
den germanischen Schicksulsbestimmerinnen, so werden auch den 
siebcnbürgisch-sächsischen Wenken, Hrunnen oder wenigstens die 
Nähe derselben zum Aufenthaltsorte angewiesen, obwol diese Wesen 
im Volksglauben beinahe ganz und gar zu Krankheitsgeistern herab- 
gesunken sind. 

Hoch keinen wir zur Einimpfung der Heilkraft zurück. 

Meiner seligen Mutter berichtete man 1887 von einer Frau M. 
in Mühlbach, welHie im Hufe stand, die .Kunst gegen das „schlagende 
Feuer" (Blitz) von ihrer Mutter ererbt zu haben, hie Tochter tnusste 
sich, als die Mutter ihr baldiges Lebensende voraussah, in der Set. 
Laurentiusnacht (10. August) ganz entkleidet im Freien rücklings 
niederlegen, worauf die Mutter mit glühenden Kohlen rings um sie 
einen Kreis zog. Lorenzi-Kohlen bewahren beim bayerischen Volk vor 
Feuersbrunst (s. M. Horfler in d. „Zcitschr. d. Vor. f. Volksk." L S. 
300). Dann schritt die Alte drei Mal über ihre Tochter hinweg und 
träufelte ihr drei Tropfen ihres Hintes in die linke Handfläche. Wenn 
nun bei schlagendem Feuer, oder bei einer Feuersbrunst überhaupt 
ein Kleidungsstück, selbst nur ein Kleiderlappen der Frau M. rings um 
die Feuerstätte getragen wird, oder sie selbst und zwar nackt, die 
Hrandstätte umkreist, so muss das Feuer sogleich gelöscht und ge- 
dämpft werden können. Auch bei der rumänischen Landbevölkerung 
Siebenbürgens herrscht der Glaube, dass es gewisse Personen gibt, 
die nicht verbrennen können, und wenn man von solchen Leuten einen 
Kleiderlappen in die Hrandstätte wirft, so erlischt das Feuer sofort. 

Aber nicht nur einzelne Eingeweihte, Männer und Weiber, diu 
mit Eifersucht und gläubischem Sinn ihre Kunst und ihr Wissen 



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21 



hüten, wenden Segen und Heilmittel an, sondern fast jeder sieben- 
bürgisch-sächsische Bauer und jede Häuerin kennt mehrere solcher 
Formeln und Mittel; der eine für dies, der andere für jenes Leid und 
Uebel ; ist aber in irgend einem Falle die Gefahr gross, da muss der 
Büsser oder die Büsserin helfen, von denen es fasst in jedem sächsi- 
sischen Dorfe zwei, drei gibt. Der eine kann von diesem Leiden 
befreien, jener jene Arten von Krankheiten bannen ; dieser kann gegen 
Böses und Ueldes in der Zukunft feien, oder das wankende Glück 
befestigen, jener hingegen von gegenwärtigem Leid und Uebel, von 
gegenwärtiger Krankheit befreien. Unlängst brac hten die Tagesblätter 
die Nachricht, dass in Tartlau (neben Kronstadt) ein sächsischer 
.Wunderdoktor", Job. Teutsch genannt, wohne und nun habe die 
Bewohnerschaft dieses Ortes und der Umgebung eine Bittschrift an 
die Behörde eingereicht, man möge ämthch gestatten, dass dieser 
„Wunderdoktor" frei und öffentlich die ärztliche Praxis ausübe (s. 
die Zeitung „Brassö" Nr. 36 vom 28. März 1893, S. 143). 

Dass auch bei den Zauber- und Besprechungsformeln der Sie- 
benbürger Sachsen die verschiedensten Quellen, wie Beligion, Zau- 
berei und frühere Perioden der Medizin, zusammenfliessen, braucht 
nicht noch besonders erwähnt zu werden. Heil- und Zauberkundc 
gehört, ja, wie dies unser Altmeister K. Weinhold sagt, einem nie- 
deren Vorstellungs- und Glaubenskreise an, der weder kristlich noch 
heidnisch ist, sondern eine Wucherbildung. Im germanischen Heiden- 
tum gab es einen Aberglauben und ein Zauberwesen, abgesondert 
und feindlich gegen die eigentliche Volksreligion und den anerkann- 
ten Gottesdienst. So ist es überall gewesen und so ist es noch heute. 
Aberglaube ist an keine Nation und keine bestimmte Beligion gebun- 
den, sondern ein allgemein Menschliches. Wie viel uralte Kiemente 
so manche Heilformeln des siebenbürgisch-sächsischen Volkes ent- 
halten, wird eine kleine Auswahl aus meiner Sammlung und der 
Handschrift meines Grossvaters bezeugen. Gegen Augensfaur teilt z. 
B. diese Handschrift folgendes Mittel mit: Man lege neun Tage hin- 
durch täglich einmal wanne Tierleber auf das kranke Auge und 
spreche heim Auflegen derselben : 

Ihtdrla, die heilige Frau, 

Ward blind geboren, 

Ward blind aut'erzoeen; 

Sie sass im wilden Wald allein 

Und weinte auf marmelnem Stein, 

Kam einher der schimrze Mann. 

Schlug sie ins Aue mit grünem Ast : 

Jesus Christ, der uu gekreuzigt bist, 

Mach' rot, was rot ist; grün, was grün ist; 

Mach' weiss, was weiss ist; nimm das 

Schwarze weg, im Namen Gottes. Amen ! 

Wer unter Dndela (Tutela?) zu verstehen ist, oder besser ge- 
sagt : ursprünglich verstanden worden sei, mag und kann ich nicht 
entscheiden. In Schuster'^ Sammlung (a. a. 0. S. 311 u. 491) kommt 
eine halbwegs ähnliche Besprechungsfonuel gegen Flecken im Auge 



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22 

vor, wobei eine „Duidelglr erwähnt wird, deren Bedeutung der 
Herausgeber nicht erklären kann. Ich glaube hinter beiden, selbst- 
verständlich ganz und gar verwischten Namen, mag wohl ein Wald- 
geist, beziehungsweise ein Krankheitsdämon stecken. Hiefür spricht 
teilweise die Erwähnung des „wilden Waldes* und des „schwarzen 
Mannes." Letzterer ist entschieden ein Waldgeist, wie solche Geister 
im Volksglauben der Siebenbürger Sachsen noch immer verhältnissig 
zahlreich vorhanden sind, wenn auch dieselben weniger zum eigent- 
lichen Zwerg- oder Albengeschlecht zu gehören scheinen (s. mein 
erwähntes Werk S. 21 IT.) In der Hermannstädter Gegend erzählt 
man, dass der schwarze Mann den Leuten im Walde beim Holz- 
fällen anfangs geholfen habe : dann aber seien die Leute ihm gegen- 
über undankbar gewesen, und er sei nun in die Erde verschwunden, 
woher man oft sein Bellen vernehme. Eine Bäuerin aus der ( )rt- 
schaft Neppendorf erzählte mir, dass die kleinen Kinder deshalb so 
oft zu Boden fallen und Beulen davontragen, weil sie den schwarzen 
Mann in der Erde bellen hören. Fällt ein Kind zu Boden, so besänf- 
tigt man es dadurch, dass man dem Erdboden Schläge versetzt und 
ruft: „Na, wart' nur, du böser schwarzer Mann !* Und gegen Beulen, 
die man durch einen Schlag auf einen Knochen davongetragen hat, 
nehme man ein Messer und drücke mit demselben kreuzweise die 
Beule, wobei man die Worte zu sprechen hat: -Beule, eile: Eil' in 
den Grund; Fress' dich der Hund; Fress" dich der schwarze Mann, 
Damit er nicht mehr bellen kann!" 

Ich glaube, dass dieser schwarze Mann und das Hulzmantchen 
(Holzmandel), von dem Müller (Siebenb. Sagen ; 2. Aufl. S. VA) be- 
richtet, ursprünglich ein und dasselbe Wesen, und zwar ein Wald- 
geist gewesen ist. Wo jetzt das Dorf Holzmengen, sächsieh Hulz- 
mängden, steht, wohnte ein kleines Männchen, welches auf jeden 
Wochenmarkt eine Fuhre Holz nach Hermannstadt brachte. Niemand 
kannte den eigentlichen Namen dieses Männchens. Man nannte es 
das Holzmandel. Bald siedelten sich in seiner waldreichen (legend 
Leute an, die man alle Holzmandel nannte, weil sie Holzhandel 
trieben. Das Holzmandel aber verschwand und ward nicht mehr ge- 
sehen. Sein Name ward auf das Dorf übertragen . . . Dies der 
kurze Inhalt der Sage bei Müller. Der Schluss von einer Variante 
dieser Sage, die mir Herr Ad. Adh>ß' mitteilte, ist für die verglei- 
chende Sagenkunde von Bedeutung. Es heisst nämlich, dass das 
Holzmandel nicht gleich nach der Ansiedelung der Leute in seinem 
Waldrevier verschwand, sondern im Gegenteil den Leuten hilfreich 
beistand, ihnen guten Bat erteilte, ja selbst das Baumfällen für sie 
ganz allein verrichtete. Aber die Leute bewiesen sich ihm gegenüber 
undankbar, spotteten ihn wegen seiner winzigen Gestalt und Hiis»- 
lichkeit. Einmal waren < lie Leute mit dem Holzmandel draussen im 
Walde und bliesen sich in die Hände, um sie zu erwärmen, denn 
es war ein bitterkalter Wintermorgen. Da fragte das Holzmandel : 
„Warum bläst ihr?" Die Leute versetzten: „Um uns die Hände zu 
erwärmen ! u Zu Mittag kochten sie eine Suppe, und während *ie 



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2:; 



assen, bliesen sie in den Lötfei. Da fragte das Holzmandel: „Warum 
bläst ihr in den Löffel ? a Die Leute antworteten: „Damit wir die 
heisse Suppe abkühlen!" Da ärgerte sich das Holzmandel und rief: 
„Mit solchen Betrügern will ich nichts mehr zu schaffen haben. Ihr 
bläst einmal, damit es wann werde: dann bläst ihr, damit es kalt 
werde: ihr wollt mich nur betrügen!" l ud das Holzmandel ver- 
schwand und ward nicht mehr gesehen. Ihm zu Khren nannten die 
Leute ihr Dorf Hülzmängen, aber er kehrte nicht mehr zu ihnen 
zurück. . . . 

Vor allem müssen wir bemerken, dass diese Sage, mir von 
Adlelf viermal erzählt, auch den Schluss einmal enthält: „Das Holz- 
mandel verschwand in die Krde und kam nicht mehr zum Vorschein. 
Bisweilen, wenn viele Leute im Walde Holz fällen, hört man es 
unter der Erde schreien und poltern ..." Wie sich nun immer die 
Sache um die Identität des schwarzen Mannes, der „unter der Krde 
bellt," und des Holzmandels verhält, so viel ist aus den oben mit- 
geteilten Formeln und obiger Sage ersichtlich, dass wir es hier im 
schlechtesten Falle mit verwandten Gestalten zu tun haben. Was 
aber die letzthin mitgeteilte Sage anbelangt, so findet sich dieselbe 
als Sage oder Märchen ausser bei den Kalotaszeger Magyaren, 1 auch 
bei Aesop, bei Avianus (Satyrus et Viator), bei Krasmus, bei La 
Fontaine, ferner in alten toskanischeu Versen, im Dittainondo von 
Fazio degli Uberti, im Verliebten Roland, in den Dreizehn Nächten 
Straparolas u. s. w. 2 

Dieser schwarze Mann scheint auch unter dem Namen „Alter" 
in den Besprechungsformeln vorzukommen, (legen das Grhi-rch 
(= Katarrh oder Brustbeklemmung bei Kindern) - führt Roth u. a. 
folgendes Mittel an : Man lege dem kranken Kinde einen in Lamm- 
talg eingetauchten Lappen allabendlich auf die Brust. In der Frühe 
reisse man jedesmal ein winzig kleines Stückchen vom Lappen herab 
und werfe es in die Hühnersfeige, wobei man zu sprechen hat : 

Es waren drei weisse Frauen. 
Die giengen morgens im Taue 
l'nd hatten ein Liebesgespriich : 
Kam da der Alte mit dem Gebrech 
Und macht« sie stumm. 
O Alter, Alter, o kumm. 
Nimm meines Kindes Gebrech. 
Im Namen Gottes usw. 

In Heltau habe ich folgendes Mittel gegen das (iebrech aufge- 
zeichnet: Hat das Kind das (iebrech, so reibe mau ihm die Brust 

') Wahrscheinlich wurde es liier aus den Sagenschatz der Sachsen 
herübergenommen, die auch in dieser Gegend einst gewohnt haben. S. mein 
Werk: „Aus dem Volksleben der Magyaren" S. 17 if. 

J ) S. (iinnnini. L'Uorao Selvaggio < ' Lucca. ISMO, Giustij und Mar. Mmgh- 
ini in der r Ztschr. d. \ er. t. Volkskunde" I. S. 10:;. 

») S. das treffliche Werk von llaltrkh- H r «ljr. Zur Volkskunde der 
Siebenb. Sachsen S. 'J'i-4. 



J4 



häufig mit Talg ein und forme am dritten Tage der Einreibung aus 
einem Teil desselben Talges eine menschliche Figur und binde die- 
selbe an den Hals eines Hahnes. Dem davoneilenden Hahne rufe 
man einige Mal nach : 

Alter Mann, alter Mann, 

Meines Kindes Gebrech mitnahm. 

„Der Kokesch (Hahn) soll die Krankheit zum Alten in deu 
Husch tragen," gab mir die Uäuerin Hellwig die Erklärung. Bei allen 
bislang bekannten Formeln gegen das Gebrech (s. Haltrich- Wolff S. 
264; Schuster S. 493) spielen die Hühner eine Holle. Hühner sollen 
das Uebel wegführen. Schuster (S. 493) meint diesbezüglich : „Hühner 
waren Woden und Hei, vielleicht auch anderen Gottheiten heilig. In 
Märchen und Kinderspielen hat sich Woden selbst in Gestalt eines 
Hahnes erhalten." Ohne mich in diesbezügliche Erörterungen einzu- 
lassen, bemerke ich nur, dass der Hahn bekanntermaassen nächst 
Hund und Katze für einen Verscheucher feindlich gesinnter Wesen 
gilt. «In der Symbolik des Rechtes sind Hund und Hahn verbunden," 
s&gt Laistner (Das Rätsel der Sphinx H, 85). „gerade wie in der zoro- 
astrischen Religion Hund und Hahn zusammen genannt werden als 
Streiter wider lurische Wesen. u Der Alp entweicht beim Hahnen- 
schrei, elbische Wesen fliehen vor ihm ; dies bestätigen uns Märchen 
und Sagen, die in Latetner's Werk nachgelesen werden können. Wir 
haben es also auch bei diesen siebenbürgisch-sächsischen Formeln 
gegen das Gebrech mit elbischen Wesen, Waldgeistern, Kraukheits- 
geistern zu tun. welche von den Hühnern vertrieben werden sollen. 
Bezüglich des Hundes und Hahnes als elbverscheuchende Wesen 
erwähne ich nur noch Folgendes aus dem Volksglauben der Sieben- 
bürger Sachsen: Die Darre oder das Hundsalter (d. h. wenn das 
Kind nicht wachsen will) schreibt die erwähnte Handschrift h'oth'* 
dem I nistande zu, dass dem Kinde Katzenhaare in den Magen kom- 
men; 1 ) das Gebrech aber bekommt das Kind, wenn es Hundehaare 
schluckt. «Ks bellt und keucht, wie ain Hundlein" (lioth.) Bezüglich 
des Ausdrucks „Hundsalter* erwähne ich hier nebenbei den ma- 
gyarischen Volksglauben, demzufolge jeder junge Hund auffällig ab- 
magern muss, und erst dann gedeiht und wächst. Diese Krankheit 
nennt man magyarisch: Zsigora. Wir sehen also aus diesen 
flüchtigen Andeutungen, wie der uralte Glaube bei den einzelnen 
Völkern verblasst, hei einem früher, beim anderen später zu blosen, 
oft unverständlichen Rudimenten herabsinkt. 

F. S. Krauts hat in seinem Werke „Volksglaube und rel. 
Brauch der Südslaven" bezüglich dieses Volkes gar trefflich nach- 
gewiesen, dass die Krankheitsgeister Waldgeister sind. Für die Rich- 
tigkeit dieses, sozusagen allgemein giltigen Satzes, haben wir eben 
auch aus dem Volksglauben der Siebenbürger Sachsen einige Belege 
herangezogen. Dass diese Geister als im Baume lebend gedacht 

') Vgl. Toppen, Abergl. aus Masuren S. b± 



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25 



wurden, dafür spricht folgendes Mittel gegen Anschwellung der Hals- 
drüsen, das ich in Mühlbach erfahren: Man stehle ein Stückchen 
Speck, binde es mit einem Fusslappen über Nacht um den Hals 
und hänge den Verband am nächsten Tag an einen Baum und 
spreche : „Baum, du hast viele Knoten, nimm mir weg auch meine 
Knoten" ; oder man spreche beim Abnehmen dieses Verbandes, den 
man ins Feuer zu werfen hat, die Formel : „Oer Knotenmann hatte 
sieben Söhne, das Knotenweib hatte sieben Töchter; sie heirateten 
sich, lebten miteinander, vertrugen sich nicht. Sie schieden von ein- 
ander und verschwanden, wie deF Speck im Feuer. So mögen im 
Namen Gottes dem N. N T . die Knoten am Halse verschwinden, damit 
er beim heiligen Abendmahl rein den Leib und das Blut unseres 
Herrn gemessen kann. Amen!" Der Knotenmann und seine Sippe 
weisen als personifizierte Knoten am Baume geradezu auf Baum- 
oder Waldgeister als Krankheitsgeister hin. 

Aber nicht nur als krankheitspendende Wesen treten diese 
Wald-, beziehungsweise Krankheitsgeister in den Formeln der Sieben- 
bürger Sachsen auf, sondern auch als heilspendend, übelabwendend 
erscheinen sie. Eine Verquickung beider Eigenschaften enthält das 
Verfahren gegen Blutungen der Beermutter (Gebärmutter) oder all- 
zustarke menses, das ich in Urwegen aufgezeichnet habe: Man 
wasche den leidenden Teil mit Bosenwasser, dem pulverisierte 
Eichenrinde beigemengt ist : während man das gebrauchte Wasser 
an einen Bauin giesst, spricht man die Formel: 

Beermutter sass auf marmeiuem Stein, 
Kam ein alter Mann zu ihr herein. 
,,Beermutter, wohin willst du gehn?" 
Ich will zur N. N. gehn, 
Ich will ihr Blut sehn, 
Ich will ihr Herz verzehren, 
Ich will ihr Leben nehmen. 
,.Beermutter, dag sollst du nicht, tun, 
Du sollst im marmelnem Stein ruhn. 
Die Waldfrau soll dich fressen, 
Als wäret du nie gewesen! 
Im Namen Gottes usw. u 

Hier tritt nun der alte Mann nicht als Schädiger auf; im Ge- 
genteil, ein anderer Waldgeist, die Waldfrau, „frisst" das Uebel. 
Dass diese Waldgeister auch im Besitze von Heilmitteln sind, ergibt 
sich aus einer Sage, welche erzählt, dass einst zwei Waldmaide ge- 
fangen und ins Dorf gebracht wurden. Zuerst entfloh die eine, später 
die andere. Die zuerst entfliehende rief der noch zurückbleibenden 
zu: «Lea, Lea, alles sage, nur wozu der Dillsame und der vier- 
blättrige Klee ist, das sage nicht!" Beide Kräuter haben im Volks- 
glauben der Siebenbürger Sachsen eine zauberabwehrende und zau- 
bererstickende Kraft. 1 ) 

M Vgl. Auf. Hemnanm Aufsatz: „Ueber den Höhencult der siebenb. 
Völker" im diesjährigen Bande der ungarischen Zeitschrift für Touristik 
und Volkskunde von Siebenbürgen: „Erdely" s. 27. 



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2»5 



Als helfende Wesen treten uns auch die drei weissen Frauen 
in einer inedierten Formel aus Ratsch entgegen. Gegen Ausschläge 
am Leibe wird ein Baumstamm so entzwei gespalten, dass das eine 
Ende desselben noch lose zusammenhängt; durch die also entstan- 
dene Spalte muss sich der Kranke hindurchzwängen. Nach dem Hin- 
durchzwängen sagt man ihm die Formel vor: 

Heüige drei Frauen 
Sollen die Wunden schauen, 
Sollen bei mir weilen, 
Bis die Wunden heilen. 

Sollen die Wunden im wilden Wald verstecken. 

Damit sie dort verrecken. 

Im Namen Gottes usw. Amen ! 

In einer Formel (hei Roth) zum Blutstillen tritt nur die dritte 
der drei (sündigen) Frauen als Helferin auf. Es heisst: 

Ks waren drei sündige Frauen. 

Die giengen Blut zu schauen : 

Die eine sagt: es soll gehn. 

Die andre sagt: es soll stehn. 

Die dritte sagt: Blut steh still, 

Das ist Gottes Will 1 , 

Blut mit Blut. Bein mit Bein, 

Halt' fest wie Stein ; 

Sollt nicht bluten, sollt nicht schwären, 

Bis Mutter Gottes wird ein Kind gebären. 

Dann soll man die Wunde mit der Schürze einer feilen Dirne 
verbinden. 

Ganz in derselben Weise wie die Waldgeister, d. h. teils übel- 
spendend, teils übelbenehmend, treten auch die Wassergeister in den 
Formeln der Siebenbürger Sachsen auf. So heisst es in einem Mittel 
zum Blutstillen bei Roth also: Man schreibe mit dem Blute die Buch- 
staben I N B 1 auf ein Stückchen Holz und werfe dies in den Brun- 
nen, wobei man spricht : 

Drei Brunnent'rauen 

Wollen Blut schauen. 

Sie sprechen : Blut steh* stille. 

Das ist Gottes Wille! 

Aus diesetn Holz war das Kreuz. 

Daran .Jesus hieng. Amen! 

Gegen die Epilepsie, welche Roth die „schedelnde Gottesstrat*" 
(schüttelnde Gottesstrafe) nennt, teilt er das folgende .Mittel mit: Man 
gebe dem Kranken jeden Tag vor Sonnenaufgang pulverisierte Mäuse- 
gedärme ein und spreche jedesmal die Worte: „Drei Brunnenfrauen 
wollen dich Mäuschen fangen ; kriech* zu einem Loch hinein, zum 
andern hinaus und nimm die sehedelnde Gottesstraf mit dir: trag sie 
in einen Baum, dort soll sie wachsen und grünen, sich schütteln und 
verdorren !" 



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27 



Gegen die Gelbsucht wird in eine ausgehöhlte Gelbmöhre uri- 
niert und dann dieselbe in den Rauchfang aufgehängt. Als ich 1886 
an der Gelbsucht litt, sprach eine „Büsserin" aus Ratsch beim Auf- 
hängen der Gelbmöhre in den Rauchfang folgende Formel: „Drei 
gelbe Frauen nahmen ihre gelben Aexte; sie nahmen sie in ihre 
gelben Hände; sie legten sie auf ihre gelben Schultern; sie giengen 
auf drei gelben Wegen; sie kamen in drei gelbe Wälder; sie hackten 
drei gelbe Bäume: siegiengen auf drei gelben Wogen und kamen zum 
gelben Hofe; aus dem gelben Hofe kamen sie in die gelbe Stube; 
sie kamen zum gelben N. N. ; sie schlugen mit den drei gelben Bäumen 
die gelbe Gelbsucht tot; sie schlugen sie im Namen Gottes also tot." 
Nun warf die Frau drei Holzstücke unversehens über mein Haupt 
hinweg. Erschrickt dabei der Patient, so heisst es: die Gelbsucht fliehe 
aus dem Leibe. Die Gelbmöhre ward am dritten Tage in einen Brun- 
nen geworfen, damit „die Brunnenfrau sie fresse." 

Hat man eine Eiterbeule am Fusse, so stelle man sich — berich- 
tete man mir in Mühlbach — so in ein fliessendes Wasser, dass der 
wehe Fuss im Wasser, der gesunde aber am Ufer sich befinde, und 
spreche nun die Formel: „Unser Herr Jesus gieng über die Brück", 
da kam der böse Ohm und biss ihn in den Fuss. Böser Ohm, geh' 
in den Fluss; Jesus, mein Herr, heil' meinen Fuss!" In Girelsau erfuhr 
ich, dass es gut sei, eiternde Geschwüre (z. B. am Finger) in einem 
Pferdeschädel zu baden und diesen dann der „Bachfrau" in ein 
fliessendes Wasser zu werfen. Wären wir zu gewagten Deuteleien 
geneigt, so könnten wir dies Verfahren mit dem Glauben mancher 
Völker (z. B. unserer Zigeuner) an pferdefüssige Wassergeister in 
einigen Zusammenhang bringen. Interessant, obwol auf Waldgeister 
Bezug nehmend, ist das Mittel, welches Roth gegen eiternde Geschwüre 
(= Ohm) mitteilt: Man nehme eine Trompete, halte sie über das Geschwür 
und lasse in das Instrument hineinblasen. Der Leidende spreche unter- 
dessen: „Heiliger Blasius, du frommer Knecht, tu mir Recht, erhör" 
mein Gebet, treib' in den Wald meinen Ohm!" Ist der Leidende eine 
Mannsperson, so blase ein Weib in die Trompete und umgekehrt. 
Nach dem Hersagen des Spruches aber blase die betreffende Person 
(nicht die leidende), mit der Trompete gegen einen Wald gekehrt, 
einige Stösse. 

Mit der Heilkraft des Wassers hängt auch das Verfahren zusam- 
men, welches Roth gegen „böse" (= wehe) Augen mitteilt : Man wasche 
das kranke Auge am Ostermorgen mit dem Wasser, das man aus 
zwei sieh kreuzenden Gräben schöpft. Wäjirend des Schöpfens spricht 
man: „Der heilige Tobias ist blind geworden und er bat Gott, dass 
er ihn sehend mache; und Gott machte ihn sehend. Da bat der Heilige 
zu Gott: „Gib mir die Kraft, böse Augen zu heilen, Blindheit zu bre- 
chen!" Und Gott sprach: „Wer böse Augen hat, der blicke auf eine 
Schwalbe und spreche deinen Namen aus!" Wer an Augenweh 
leidet, heisst es ferner, der rufe beim Anblick der ersten Schwalbe 
im Lenze den Namen „Tobias" oder „Thomas" aus und wische sich 



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2« 

dabei das Auge mit einem Kleidungsstück, das einer Tobias oder 
Thomas genannten Person gehört 1 

Die Brunnenfrau spielt auch eine Rolle im Verfahren bei Herz- 
klopfen und Herzkrämpfen, welche man erhält, wenn man mit aus- 
gespreizten Armen in der ofTenen Tür steht. „Trist (du) auf Judengrab 
oder ungetauftes Kindlein sein Grab, bekomst Hcrzgramp", schreibt 
Roth und empfiehlt als Mittel dagegen folgendes Verfahren: Man lege 
sich der Länge nach rücklings auf den Hasen, lasse die Körperlänge 
und Breite am Hasen bezeichnen und dann denselben fingerdick, wo 
möglich in einem Stück, mit dem Spaten abgraben. Diesen von seiner 
Stelle gehobenen Rasen werfe man vor Sonnenaufgang in einen Bach 
und spreche: „ Brunnenfrau, Brunneufrau, nimm mir das Wasser vom 
Herzen; ich gebe dir, was mir unter dem Herzen lag." Es scheint 
also auch bei den Siebenbürger Sachsen, wie bei den Magyaren, be- 
züglich der Herzkrärnpfe und auch des Schluchzens der Glaube zu 
herrschen, dass diese dann entstehen, wenn ein Tropfen Wasser oder 
Blut sich aufs Herz lässt und dort hängen bleibt. Im Burzenland, 
weiss ich, glauben die sächsischen Bäuerinnen, dass eine Schwan- 
gere Blut nicht sehen darf, sonst bekommt sie Herz- und Magen- 
krämpfe. Was den oben erwähnten Wassertropfen anbelangt, so wäre 
damit zu vergleichen der deutsche Glaube: „Geht man zwischen den 
abgesetzten Eimern einer Tracht Wasser hindurch, so bekommt die 
Trägerin oder der Träger des Wassers den Hartspann = Herzspan- 
nung" (Fri<chbier, Hexenspruch u. Zauberbann, S. 66). 

Spuren von Opfern, dargebracht den Wassergeistern, um sie 
günstig zu stimmen, finden' wir auch bei den Siebenbürger Sachsen. 
..De irscht Hangt wirft em än de Bach*" (die ersten Hunde wirft man 
in den Bach), sagt ein allgemein verbreitetes Sprichwort der Sieben- 
bürger Sachsen. Man glaubt, dass eben die ersten Jungen einer Hün- 
din rasend werden. Eine Sage aus Kelling berichtet, dass man zu 
Zeiten, wann viele Hunde wütend wurden, ein kleines weisses, zottiges 
Hündchen dem Buch entsteigen sah, das alle anderen Hunde biss. 
Schlug man nach ihm. so war es auf der Stelle verschwunden und 
wurde oft schon in demselben Augenblick im nächsten Dorfe gesehen. 
Das Hündchen ist hier also gleichsam der ausgeschickte Rächer der 
Wassergeister. Indirect spricht hiefür ein wichtiges Heilverfahren bei 
Hundswut. welches Roth mitteilt und das nebenbei auch auf den 
siebenbürgisch-sächsischen Namen eines Wassergeistes einiges Licht 
wirft. Vorerst aber, der Vollständigkeit halber, ein anderes Verfahren. 
Gegen den Biss des tollen Hundes soll man Mensch oder Vieh, be- 
richtet Roth, neun Tage hindurch spanische Fliegen (Canthariden) 
eingeben und zwar am ersten eine, am zweiten zwei, am dritten drei 
usw. Diese spanischen Fliegen wickele man jedesmal in einen Zettel 
und verschlinge sie sammt dem Papier. Auf diese Zettel schreibe 
man: „Heiliger Kristof, hilf meiner Not! Pater, fili, spiritus!*. . . 

') Teber die Macht des Namens vgl. Kr. Xyrop, Navnets Magt; Separat- 
abzug aus ,.Mindre Af handlinger" : Kopenhagen 18H7. 



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•2J» 



Auch heutigen Tages ist diese Formel den Besprechen! in der Her- 
mannstädter Gegend bekannt ; nur geben sie den von einem tollen 
Hunde Gebissenen die Canthariden mit gedörrtem Wieselfleisch ein. 
Und dies teilt auch Roth im zweiten, für uns bedeutsameren Verfah- 
ren mit. Gedörrtes Wieselfleisch, pulverisierte Canthariden und Hanf- 
samenblüten werden zu gleichen Teilen zu einem Brei gekocht, dem 
Gebissenen dreimal täglich neun Tage hindurch eingegeben. Sobald 
der Kranke urinieren will, muss er dies in fliessendem Wasser vor- 
nehmen und im Bache stehend, die Worte sagen: ,Gräsnaku, nimm 
meine Hund ; geb' sie dir zurück, mach' mich gesund. Im Namen 
Gottes usw. Amen!" ... Es herrscht auch bei den Siebenbürger 
Sachsen bezüglich der Hundswut die in meinem Heimatlande, Sieben- 
bürgen, unter allen Völkerschaften verbreitete Ansicht, dass der Ge- 
bissene unter der Zunge winzig kleine Hunde bekomme und sobald 
diese die Augen aufsperren, er sterben müsse: man kann diese Hünd- 
chen aber mit dem Urin abtreiben, Roth schreibt auch am Schluss 
der mitgeteilten Heilmittel: „Dann gehnd die Hündchen mit dem 
Bisch weg ..." 

her in oben mitgeteilter Formel erwähnte Grtimnht ist eine 
vielumstrittene Gestalt der siebenbürgisch-sächsischen Volkskunde 
gewesen. Das Volk selbst kann über diese Gestalt keine genügende 
Auskunft mehr geben. Jlränzäinjdich Gräsnaku!*" (grünzähniger Gr.) 
ist eine beliebte Schelte. Ich habe mich hierüber in meinem eingangs 
erwähnten, im Druck befindlichen Werke ausgesprochen (S. IM ff.) 
und erwähne hier nur kurz, dass das Wort eine Zusammensetzung 
aus yrds oder yrasz (grass, finster) und n<ikn ist, worin - wie schon 
Schuster erklärt — der Begriff des Wassergeistes stecken muss. Zu 
naku vgl. das detitsche: nikel, nix usw. Dies Wort kommt aber auch 
in der Form Grasznikd vor. Td yränzünijtlich G raszniekrt ! war eben 
das Lieblingsschimpfwort meines seligen Grossvaters, mit dem er mich 
zu beehren pflegte. Im Gräsnaku, Grasnikel, Grassnaku usw. steckt 
entschieden also der Begrilf eines Wassergeistes, der auch im fol- 
genden Beim aus meiner Kinderzeit eine verkappte Bolle spielt: 



Grassnaku. Grassnaku, 
Hu, hu, hu! 

Ali «ler Büch platscli. platsch! 

An den Orsch niech matsch, matsch! 



Gr. Gr.. 
Hu, hu, hu! 

Im Bache platsche, plätschere! 
In den mich küsse! 



* 

Mit diesem Beim neckten "wir die Lumpensammler, die in den 
damals noch unbedeckten Kanälen von Kronstadt ihrem Geschäfte 
oblagen. 

Welche Bolle Baum und Wald in den Heilmitteln und Heil- 
sprüchen der Siebenbürger Sachsen spielen, zeigen z. B. die fol- 
genden Verfahren : 

Geyen Hmlmanschirelluny, Syphilis („schlechte Krankheit, Fran- 
zosen 44 genannt) gebraucht man innerlich Steinöl, äusserlich Queck- 
silbereinreibungen. Roth'* Becept besteht im Folgenden : Der Kranke 
lege sich auf eine Totenbahre (Totenbrett) und lasse sich mit Pferdc- 



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mist . 1 ) drm Oel beigemengt ist, den Körper einreiben. Dies nehmt' 
er an einem Freitag vor; enthalte sich aller Speisen und Ge- 
tränke, und trinke nur Terpentinöl. Vor Sonnenaufgang lege er sich 
auf die Mahre und erhebe sich davon erst nach Sonnenuntergang : 
dabei spreche er das „Gebetehen" : .Der hl. Lazarus lag am Kreuz 
weg, kam da eine schwarze Frau und spie ihn an; ward da wundi; 
sein Leib: kam da eine weisse Frau und kiisste ihn; ward da glatt 
sein Leib. Heiliger Lazarus bete für mich, damit mich die weis*»' 
Fiau küsse und mein wundiger Leib glatt werde; im Namen Gottes. 
de> Sohnes und hl. Geistes also geschehe es! Amen!" Drei Freilagr 
hindurch hat der Kranke diese Kur vorzunehmen, deren zireiter Tai 
»in für die Volkskunde bedeutsames Heilverfahren bildet, das mit der 
Macht des Xamens zusammenhängt (vgl. Kristoffer Xurop, Xavneb 
Magt. Seperatabdr. aus ..Mindre Afhandlinger" herausg. v. d. ph. 
bist. Ges. in Kopenhagen 1887). Der Kranke muss nämlich an einem 
jeden der drei Sonntage während des Kirchengeläutes auf seinr 
l'ntcrhose mit seinem eigenen Rlute seinen Namen schreiben (.ist 
dies a in teilTlisch Krankhait" bemerkt hiebei Roth) und diese l r nter- 
hose an einen Raum hängen und sie daselbst für immer zurü«'k 
lassen (s : It. Andrer, Kthn. Raralellen und Vergleiche S. 58 üt»er 
Lappenhäume : und Syrop Dania 1, 2 IT.): seinen Namen aber dar* 
er während dieser ganzen Kurzeit nicht anderweitig schreiben. 

Eine Formel gegen die linse oder den Rotlauf aus der Her 
mann<tädter Gegend lautet : 

Ks sitzen drei Jungfern auf einem Marmelstein. 

Die eine heisset „Weisse", die andere „Grüne", die dritt 1 „Röselein ~ 

Sie gierigen über die grüne Brück", 

I)ie Rose blieb bei N. N. zurück. 

Nun weinen die anderen beiden 

Und klagen in ihrem Leiden. 

Komm Kose, ich führ' dich zu ihnen zurück! 

hn Namen Gottes usw 

Heim Hersagen «lieser Formel verneigt man sich vor einem 
Rosenstrauch, nachdem man vorher den leidenden Körperteil mit 
einem Fuchsschwanz einige Mal abgerieben und einige Fuchshaare 
an den Strauch gebunden hat. 

Oder man soll dem Kranken eine getrocknete Fuchszuuge ai: 
einem roten Hände um den Ha^ hängen (vgl. die Ztsehr. .Am 
l'i(juell* 1. S. 34) und spreche dabei. Heute rot. morgen tot. »lies 
i-t Gottes heilig Gebot, für mich, für dich, für uns alle, und auch 
für dich. Ro»e. Ris morgen sei du tot! sonst dörre ich dich, mahle 
ich dich, backe ich dich und gebe ich dich den Hunden zu fressen.* 
Nach drei Tagen gebe man diese Fuchszunge einem Hunde zu 
fressen (Roth). 

S. mein Werk: „Aus dem innern Leben der Zigeuner 44 (Berlin. 1&1 
Feiher) S. 25; und mein Werk: ..Aus dem Volksleben der Magyaren" Mün 
ehen, lSi« . Huttier; 8. 



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Oder man haucht die Rose des Leidenden kreuzweise an und 
spricht dabei die Formel : 

Die Rose und die Weide(n), 
Sie kämpfen und streiten ; 
Die Weide gewann. 
Und die Rose verschwand! 

(vgl. Frhrhhier S. 83; Prahn u . a. 0. S. 193.) Nachfolgende For- 
mel scheint mir unter magyarischem Kiufluss entstanden oder gar 
aus dem Magyarischen entlehnt zu sein, weil eben von den 
Magyaren die Rose „Szent Antal tüze" = Feuer des heiligen An- 
tonius genannt wird : 

Reiliger Antonius in deinem brennenden Kleid. 

Helte du mir in meinem Leid ! 

Bei Christi heiligen fünf Wunden 

Iass' mich von deiner Krankheit gesunden! 

Im Namen usw. 

mit diesen Worten bestreut man allabendlich die kranke Stelle mit 
feinem Mehl. In der Kronstädter Gegend legt man dies Mehl in ein 
Säckchen und gibt dasselbe über Nacht auf den leidenden Körper- 
teil : am nächsten Tage aber bindet man heimlich das Säckchen an 
einen solchen Wagen, der um Holz in den Wald fährt, damit er 
„die Krankheit in den Wald nehme." Der „Wald" wird auch in einer 
anderen Formel aus Zeiden erwähnt: „Ich gieng durch einen roten 
Wald. Und in dem roten Wald fand ieh eine rote Kirche. 
Und in der roten Kirche stand ein roter Altar. I nd auf dem ro- 
ten Altar lag ein rotes Brot. Neben dem roten Brot lag ein rotes 
Messer. Nimm das rote Messer und schneide das rote Brot. Im 
Namen Gottes. Nun ist der Rotlauf tot." Iliebei berührt der Kranke 
mit einem neuen Messer die leidende Körperstelle und sticht dann 
das Messer einige Mal in den Erdboden, gleichsam als wollte er 
sein Leid der Knie übergeben." (vgl. die Ztschr. „Am Urquell" 1. S. 
154: ..Ztschr. d. Ver. f. Volkskunde", I. S. 207). 

(injtn die tichöl, weisse Blasen am Munde. Wenn Kinder die 
School bekommen, führt sie die Mutter entweder drei Morgen oder 
morgens, mittags und abends um einen Holunderstrauch dreimal 
herum und spricht dreimal : 

Holunderstrauch, du elender Hund, 
Mein Kind hat die School am Mund: 
Nimmst du sie ihm his morgen nicht weg. 
So verreck'! Im Namen etc. 

(aus Zeiden: vgl. Haltrich-WolJ) ' S. 2ti7. Was den Ausdruck »//(/«/an- 
belangt, wäre die im Böhmerwald gebräuchliche Benennung Srhäl = Drü- 
sengeschwulst damit verwandt ; s. „Zeitschr. d. Ver. f. Volksk.M. S. 205, 
Die Formeln gegen Zahnschmerzen hängen auch mit dem „Baum" 
zusammen. Hoth führt folgende Formel an; ..Herr Petrus sass auf 
einem Stein und hielt sich die Backe in der Hand. Kam da Maria 
und fragte ihn: „Petrus, was tuet dir weh?" — „0 Mutter Gottes, 



:-i2 



der Wurm grabt in meinem Zahn !** — Sprach da Maria lieb : 
„Wurm, ich beschwöre dich bei Gott Vater, Gott Sohn, Gott heiligen 
Geist, du sollst von hinnen weichen und dem Petrus und dem X. N. 
im Zahne nicht graben! Dies ist mein Wille! Amen!*" (vgl. Zingerle 
a. a. 0. S. 175). Dabei soll man — fügt Roth hinzu — „ain neu 
Nagel in ain Baum schlagen, hilft sicher." — Der Vollständigkeit 
halber mögen hier noch einige Heilverfahren bei Zahnschmerz 
stehen : 

Um von anhaltenden Zahnschmerzen für immer frei zu wer- 
den, beisse man während des Geläutes in den Strang der Kirchen- 
glocken und spreche: 

Die frei (?) Messen siud gesungen, 

Die Glocken haben geklungen, 

Das Evangelium ist gelesen, 

Der Wurm in meinen Zähnen soll verwesen. 

(Roth; vgl. Schuster S. 301, Nr. 153; Frischbier S. 101.) — Hei 
Neumond spreche man, den Zahn anpackend : „Tu ich dich Mond 
wieder ansehn, Soll mein Zahnweh vergehn!" d. h. bis ich morgen 
dich wiedersehe, soll mein Zahnschmerz vergangen sein. — Man 
bohre ein Loch in einen Haum, stelle sich hin. kaue mit dem wehen 
Zahn ein Brotstück, die Hälfte schlucke man. die andere Hälfte 
aber speie man ins Bohrloch und spreche : „Baum, ich gebe dir die 
Hälfte von dem, was ich habe; nimm mir ab den ganzen Schmerz 
und führe ihn zur Knie nieder!" (Aus Agnethlen.) 

Einen grossen Teil der Krankheiten schreibt auch der sieben- 
bürgiseh-sächsischc Volksglauben den Würmern zu. Man gibt den 
Kindern gegen die Würmer eine Abendmahlhostie zu essen und 
spricht dabei : 

•lerusalem, du heilige Stadt. 
Darinnen Jesus gekreuzigt ward: 
Er vergoss für uns sein heilig Blut, 
Das ist auch für Würmer gut ! 

(Roth ; vgl. Prahn a. a. 0. S. 195.) In Grossan spricht man den 
Segen: „Hieb lag auf dem Mist, kam da Jesus Christ. Hiob sprach: 
Gott hat mich vergessen, die bösen Würmer wollen mich fressen ! 
Jesus sprach : Sie seien alle tot, ob schwarz, ob weiss, ob rot. Im 
Namen Gottes, Amen!" Oder man vergräbt den Auswurf der betref- 
fenden Person oder des Tieres unter einen Holunderstrauch und 
spricht dabei: 

X. X. hat ein grosses Kreuz, 

Würmer fressen ihm Blut und Schweis»! 

O, du lieber Jesus Christ, 

Der du im Himmel bist! 

Hast dem Lazarus geholfen im Leid, 

Sei dem N. N. zur Hilfe bereit! 

(aus Neppendorf.) — In meiner Kinderzeit band man in Kronstadt 
dem Kinde gegen die Würmer über Nacht ein Stückchen Speck auf 



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den Kürzel, um die Würmer hervorzuloeken. Am näehsten Tage 
warf man den Speck in ein Gestrüpp und sprach dabei die Worte: 
„Würmer weiss oder rot, Seid bis Abend tot ! Im Namen Gottes . 
usw!" In Kronstadt wohnte damals in unserer Nachbarschaft eine 
gewisse Elisabeth Heiner, die für eine grosse ..Büsserhr gegen die 
Würmer galt, so dass selbst die angesehensten Familien der Stadt 
ihre Kinder zu ihr hinführten, wenn dieselben der Meinung der 
Kitern gemäss an Würmern litten. Selbst Krämpfe aller Art werden 
den Würmern zugeschrieben. 

(Segen Krämpfe ritze man sieh mit einer neuen Nadel ein 
Kreuz auf die Brust und rufe: „Du verfluchter Teufelsirurm, geh' 
heim, deine Mutter liegt im Sterben" (Mühlbach ; vgl. Frischbier S. 
73.) Roth schreibt: „Hat dain Vieh oder Mensch di Gräm f. so tu 
auf ein Zedel schreiben: Hoinines ä jument Sul av bis Domine 
quaemad modum multiplizicasti miseri cordiam Deus . . . Die Zedel . 
gib ein zu essen . . ." 1 

Auch der Firrich, Fiäricht, bisweilen auch Firdgel {Feuerigel) 
genannt, ist ein Wurm, der im Leibe Hitze und die Kolik verur- 
sacht. Bei diesem Lehel soll man Knie mit Kssig wärmen, und die- 
selbe dann und in einem Säekchen dein Kranken auf den Bauch legen. 
Nach seiner Heilung hat der Kranke dies Säckehen in den Erd- 
boden einzugraben und die Formel zu sprechen : 

Fierich, tierich #eh" in die Erd' 

Zu einem Donnerstein werd: 

Beim Teufel seh' das Sonnenlicht, 

Wenn seine Grossmutter -lieh t'risst. diothj 

Nach dem Urteil des sächsischen Volkes fährt bei jedem einschla- 
genden und nicht zündenden Blitz ein sog. Doiinerstein dermassen 
tief in die Erde, dass er erst im neunten .Jahre nach dem Einschla- 
gen wieder auf der Erde zum Vorschein kommt. „In den Augendes 
gewöhnlichen Mannes sind die Donnersteine nicht Erzeugnisse von 
Menschenhand, sie sind ihm Boten des Himmels, l ud darum kön- 
nen sie nicht in der Erde Sehoss bleiben ; als Boten des Lichts 
rücken sie, nach oben strebend, jedes Jahr eine gewisse Strecke 
aufwärts" {Haltrich-Woljf S. 2(55)). Eine Formel aus Grossau lautet: 

Alte Frau — alte Katz', 
Trink dies («laschen Schnaps! 
Barmutter, lass r dein Gekratz! 

(vgl. Ammann a. a. 0. S. 206). Oder es streichelt Jemand des Lei- 
denden Unterleib und spricht dabei : 

1 Ist, wie ich soeben bemerke, eine Entstellung der Psalmenworte 85. 
7 — 8: homines et jumenta salvabis Domine: quemadmodum multiplicasti 
misericordiam tuam, Deus . . . S. K. Köhler in F. S. Kraus*' Ztschr. „Am 
Ur-Quell" II. S. 27. 

Ethnol. Mittoil. «. Ungarn III. 3 

t 

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84 



Wehmutter, Bermutter. 
Du willst Blut lecken. 
Das Herz abstossen. 
Die Glieder recken. 
Die Haut strecken! 
Darfst es nicht tun. 
Du musst ruhn 
Im Namen Gottes usw. 

(aus Kronstadt: vgl. Frischhier S. 70. Nr. 2). 

Kommt bei einer Wöchnerin die Nachgeburt nicht zum Vor- 
schein, so heisst es. „die Würmer lassen sie nicht heraus," und 
man räuchert die Krau mit einem Stückchen Hasenfell. Oder man 
reibt den Wöchnerin den Leib mit Olivenöl und spricht dabei die 
Formel : 

Bürmutter, du bist leer, 
Bärmutter geh' von her (hier), 
Geh' in den schwarzen Berg, 
Geh' in den weissen Berg. 
Geh' in den kalten Berg. 
Geh' in den heimsen Borg. 
Bärmutter, geh' von her! 

In Keps ist es Hrauch. dass man eine solche Wöchnerin auf die 
kahle Krde legt, mit einem Messer über ihren Unterleib das Zeichen 
des Kreuzes macht und dann obige Formel hersagend, das Messer 
drei Mal in den Erdboden sticht und zwar ein Mal vor der Tür- 
schwelle, das zweite Mal vor dem Tore und das dritte Mal aal 
einem Kreuzwege. Hei der Heimkehr, spreche man vor dem Hause 
die Worte: „Donner und Hlitz sollen euch Würmer, im Wald 
trocknen, dörren und mahlen ! Im Xatnen Gottes usw. 44 In manchen 
(legenden des Sachsenlandes steckt man noch vor der Geburt den» 
Weibe einen Stengel vom Donnerkraut (Hauswurz, sempervivum tec- 
torum) ins Lager, damit die „Härmutter nicht von Würmern leide. 4 * 
Cieffen Ohrenschmerz stecke man ein Blatt vom Donnerkraut 
(Hauswurz, sempervivum tectorum) ins Ohr und spreche: 

Christus fuhr über das Meer, 
Da kam der Sturm daher. 
Dich Kraut, steckte er ins Ohr 
Und war unversehrt ! 
Im Namen usw. 

Der Ohrenschmerz entsteht auch durch einen Wurm, der in diesem 
Körperteil „wühlt." 

Gegen Kopfschmerz uriniere man in einen IMerdeschüdel (His- 
trizer liegend). In Sächsisch-Kegen und Tekendorf spricht man da- 
bei die Worte : 

Würmer, aus meinem Hirn. 

Hier sollt ihr tanzen und spielen. 

Hier sollt ihr krepieren. 

80 will es mein Herr. .Jesus Clni-t! Amen. 



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Oder man lasse sich den Kopf mit Essig einreiben und die Formel 
sprechen : „Jesus sass an marmernem Stein, Er war traurig und 
allein. Kam da Maria gegangen, hielt ihren Sohn umfangen. „Ich 
will dich umgreifen, ich will dein Weh abschleifen, ich will dir 
büssen, ich will dich bessern, ich will dein Weh zerschmettern! 
Vater, im Himmel erhöre mich!" (Roth, vgl. Schuster S. 308). 

Interessant ist die Formel, welche Roth gegen Schlanyenbis* 
mitteilt, weil darin der Leind (Lindwurm) vorkommt. Sie lautet: 
„Der Leind kam und hiss in die Haut; durch die Haut ins Fleisch; 
durch das Fleisch ins Blut ; durch das Blut in die Lunge ; durch 
die Lunge ins Herz; durch das Herz in die Lunge; durch die Lunge 
ins Blut ; durch das Blut ins Fleisch : durch das Fleisch in die 
Haut : durch die Haut in sich selbst und also verreckte er, der N. 
N. ward heil durch Christi Gnade ! Amen !" (vgl. „Am Urquell" II, 
S. 75). — Eine Formel aus Klein-Kopiseh lautet: 

Die Schlange sticht. 

Christus spricht; 

Christus hat dies gesprochen : 

„Diese Schlange hat nicht giftig gestochen!-' 

(vgl. Frischbier S. 88.) 

Welche bedeutsame Bolle auch im Heilverfahren der Sieben- 
bürger Sachsen menschliche Körperteile (Nägel, Haare, Blut usw.) 
spielen, können wir aus Folgendem .ersehen : 

Geyen starken Nasenhluten schreibe man auf einen Baum die 
Buchstaben: u P u L u (Roth; vgl. die Ztschr. „Am Ur-QuelT II. 
S. 177). Allgemein bekannt ist das Mittel, dass man starkes Nasen- 
bluten durch festes Umwickeln des linken kleinen Fingers mit einem 
Zwirnfaden stillen kann. — Oder man grabe ein Loch in die Erde, 
lasse einige Tropfen Blut aus der Nase hineinrinnen, und das Loch 
dann zuscharrend spreche man: „Dir geh' ich Erde, mein Leiden!** 

Geyen den Schlayßuss w ird der vom Schlage Getroffene auf die 
Erde hingelegt und die Besprecherin giesst aus der Höhe je einen 
Wasserstrahl auf sein Haupt, seinen Bücken, seine Beine und Arme 
und spricht dabei jedesmal: 

Der Schlag und der Mord. 
Die gingen an einen dunklen Ort: 
Der Schlag und iler Mord fiel nieder, 
Jesus kommt und hilft uns wieder. 

(Aus Grosspold; vgl. Frischbier S. 87). Ein anderes Mittel besteht 
aus folgendem Verfahren : Man schreibe mit dem Blute des Kranken 
auf einen Zettel: „O crux admirabilis," auf den anderen : „evacuatio 
corporis," auf den dritten „restauratio vigoris" (vgl. Ostr. r. Zinyerle 
a. a. O. S. 175); diese drei Zettel lege man auf den gelähmten 
Körperteil des Kranken und schlage mit einem „groben Linnen" so 
lange drauf los, bis die Zettel in Stin ke zerreissen: während des 
Schlagens rufe man beständig die Worte: „Jehovnh, grosser Gott. 

3' 



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hast Zions Mauern gestürzt; hast den N. N. gestürzt: die Mauern 
kann man erbauen, den N. N. kannst nur du heilen! Jehovah !" 
Dies wiederhole man von einem Neumond bis zum anderen tag- 
täglich abends und in der Frühe (Roth), 

Auch bei der Wassersucht kommen Körperteile in Anwendung: 
man sehneidet von jedem Nagel der Hand und des Fusses ein 
Stückeheil ab, nimmt dazu einige Haupthaare des Kranken, bindet 
dies Alles in ein Söckchen und wirft es in ein Iiiessendes Wasser, 
wobei man spricht: „Nimm meine Krankheit mit lieber Christ, 
darum ich bitt!" (Mediaseher Gegend, vgl. ..Arn Urquell" I, S. III). 
-- Wachholderbeeren mit pulverisierten Krebsschalen gekocht, soll 
man dem Kranken eingeben, den Urin desselben aber stets in flies - 
sendes Wasser giesscn und dabei sprechen : „Christus fuhr mit 
Petrus übers Meer, versanken im Wasser beide: kam ein grosser 
Fisch, verschlang das grosse Wasser und beide waren heil ! Kleiner 
Fisch, komm' und verschling* dies kleine Wässerlein und mache den 
N. N. heil! Im Namen Gottes usw.!" (Roth). 

Bevor wir zu den Formeln gegen Feind, Neid und Wetter, und 
den sogenannten Reisesegen und dem Flnf'hann übergehen, wollen wir 
hier noch einiges, bislang unbekannte aus dem Heilverfahren der 
Siebenbürger Sachsen mitteilen. 

Geyen Sommersprossen. Siebt man im Frühjahr die eiste 
Schwalbe, so soll man sich schnell waschen oder wenigstens das 
Waschen nachahmend, das Gesicht mit den Händen reiben und rufen : 

Sprossen. Sprossen, Sommersprossen, 
Sind in mein Gesicht geschossen ! 
Schwalbe ist gekommen, 
Hat sie weggenommen. 

Oefteres Waschen des Gesichtes mit dem Saft der Gurken, gilt für 
ein unfehlbares Mittel; ebenso das Verschlucken von einigen Linsen 
und zwar täglich auf .nüchternen" Magen. 

Geyen Impotenz trinke man Wein, in den man Fischlaich ge- 
kocht hat (Burzenland). 

Geyen Unfruchtbarkeit soll man dem Weibe die getrockneten 
und zu Pulver geriebenen Genitalien eines Fuchses in Eselsmileh 
zu trinken geben (vgl. .Am Urquell" I. S. 

Fast allgemein verbreitet ist das Mittel gegen die Trunksucht : 
Man soll eine Kröte zu Pulver verbrennen und dies Pulver dem 
Betreffenden ins Getränk mischen (vgl. „Am Urquell" l, S. 136) ; 
oder man brennt Haselnusswurzeln und Kürbissblüten zu Asche und 
mischt diese ins Getränk (Kronstadt). 

Geyen die Pest wird in Roth's Handschrift der Bat erteilt ein 
kupfernes Täfelchen am blossen Leibe zu tragen, auf welches man 
die Worte zu ritzen hat: Wate, du nakfe mir nit nahe. Den Leib 
soll man oft mit Dachsfett einsalben. — Wer diese Wate ist. kann 
ich nicht bestimmen; was , y nakt<" (nackte) als Beiwort anbelangt, 
so verweist es auf den unter siebenbürgischen Völkerschaften all- 



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gemein verbreiteten Gluuben, dass die Pest (beziehungsweise Cholera) 
in der Gestalt eines schwarzen Weibes oder nackten Kindes durchs 
Land zieht (s. Müller Fr., Siebenb. Sagen S. 37). 

Christus, Set. Peter und Mathias spielen eine besondere Holle 
in den Formeln gegen die Yerrenkumj. Den leidenden Körperteil 
streichelnd, spricht die „Hüsserin" : 



Christus, der Herr und «1er hl. Mathias 
Kamen miteinander über die Brück', 
rirach das Bein des hl. Mathias zu »Stück! 
,,Was tuet deinem Bein so weh?" 
Mein Bein ist krank, ich bin lahm! 
„Nimm Schmeer und Salz 
Schmier dein Gebein, 
Schmier deine Adern! 
Bein an Bein, 
Ader an Ader, 
Fleisch an Fleisch. 

So soll's sein, wie Christus, der Herr 
Es haben will! Amen! 



{Holl; vgl. Schuster S. 3H5.) Eine Formel aus der Ortschaft Peters- 
dorf lautet : 

Jesus kam mit Set. Peter geritten, 



Vom vergleichenden Standpunkt sind auch die Mittel gegen die 
Warzen wichtig. Die meisten derselben sind in Deutschland allge- 
mein verbreitet, aber auch im Volksglauben anderer Völkerschaften 
anzutreffen. Will man sich die Warzen vertreiben, so reibe man 
sie mit Brotteig ein und werfe denselben rücklings in den glühenden 
Hackofen (vgl. „Am Urquell* I. S. 34). Man blickt den Neumond 
an und die Warze streichelnd spreche man: ..Was ich sehe, soll 
zunehmen: was ich fühle, soll abnehmen!" Oder man nimmt ein 
Gliedstroh, bestreicht damit kreuzweise die Warze, vergräbt dann 
das Stroh unter die Dachtraufe und wenn das Stroh verfault ist, so 
verschwinden auch die Warzen. In einen Zwirnfaden werden so 
viele Knoten gebunden, als Warzen vorhanden sind, indem man 
über jeder Warze eine Schlinge zuzieht ; den Faden vergrabe man 
unter die Dachtraufe. Sieht man einen Schimmel, so streichele man 



Da brach sich Set. Peter das Bein ! 
..Wein' nicht, Genosse mein! 
Nimm Schmeer und Salz 
Schmier dein (iebein. 
Schmier dein Fleisch ! 

Ich hauch' es an mit meinem heilenden Mund, 
t'nd du wirst wieder gesund 
Zur Ehre Gottes; Amen! 




Kine andere Formel ans Mühlbach lautet : 



Hast dein Bein verrenkt, 

Christus am Kreuze hängt; 

Hat ihm das Hängen nicht geschadet, 

Bald der Schmerz dich nicht plaget! 



'58 



die Warzen und rufe : „Schimmel nimm sie mit, ich brauch" sie 
nicht!" (vgl. H. Volksmann in der Ztschr. „Am Urquell" III. S. 
229). Oder man reibt die Warzen mit Brotteig und gibt diesen den 
Hühnern zu fressen, indem man spricht: „Fresst, meine Warzen 
versteckt, aber nicht verreckt!~ Es heisst nämlich, wenn man sich 
im Trinkwasser der Hühner wäscht, so bekommt man Warzen. 

Auch die hier mitgeteilten Segen zeigen, dass die ältesten, schöns- 
ten Formeln bei allen Völkern in Gebete überlaufen, die ursprünglich 
vielleicht bei Opferhandlungen gesprochen wurden. Sie stammen ihrem 
innersten Kern nach aus Zeiten, wo das Volk noch an seinen selbst- 
geschaffenen Göttern hing. Erst mit dem Christentum erstarrten diese 
Segen zu einfachen Formel», in denen die heidnischen Götter beinahe 
ganz ausgemerzt und durch Gott, Christus, Maria, die Apostel und 
Heiligen ersetzt wurden. Roth teiltauch unter dem Namen «Gebetchen" 
eine Segensformel gegen allerlei Krankheit mit. Es lautet: „Herr im 
Himmel mit deinen zwölf Aposteln blick' gnädig auf mich herab. 
Kommt eine Krankheit von rechts, so -sende sie in die untere Hölle ; 
kommt sie links, sende sie in mittlere Hölle; kommt sie von vorne, 
schicke sie in die oberste Hölle; kommt sie von rückwärts aber, so 
schicke sie in die allertiefste Hölle ! Nicht lass' sie sich auf meinen 
schwachen Rücken setzen! Im Namen deines Willens ! Amen!" dabei 
ist dreimal auszuspeien — fügt er in der Handschrift dem Gebete 
bei. Solche Gebete sind in den meisten sächsischen Dörfern Sieben- 
bürgens unter den Bewohnern allgemein bekannt; es sind einfache, 
volkstümliche Gebete, die jeder in welcher Drangsal immer hersagt, 
im Glauben, dadurch das bevorstehende Leid und Unglück abzuwen- 
den, oder das bereits eingetroffene entfernen zu können. 

Haben wir im Vorhergehenden die Segenssprüche und Heilfor- 
meln für gegenwärtiges Uebel mitgeteilt, so müssen wir nun einer 
Reihe solcher Segen gedenken, die gegen kommendes Leid und Uebel 
gerichtet sind, die angewendet werden, um einer etwaigen Gefahr zu 
entgehen, einem wahrscheinlich eintreffenden Unheil vorzubeugen. 
Solche Segen sind dem Volksbewusstsein der Siebenbürger Sachsen 
bereits zum allergrössten Teil entschwunden. Nur hie und da linden 
wir noch einen Hof bann. Reisesegen , Formeln gegen den Feind, X**id 
und das Wetter vor. 

Um ein neuerrichtetes Gebäude gegen die Macht der Feinde und 
der Elemente zu schützen, ist es gut, durch einen Besprecher einen 
Pferdeschädel oder Tierknochen in den Grund des Gebäudes vergraben 
und einen Segen, den „Ilofbann", sprechen zu lassen. 

Aus dem Nösnergelände teilte mir Herr Feldwebel K. Ohwlter 
folgenden kurzen, aber wichtigen Hofbami mit: 

Die drei Mareien sollen .spinnen aus Seide 
Kin festes Seil gen jedes Leide, 
Gott soll bauen ein gut Mauer 
Gen Krankheit, Tod und Trauer ; 
Christus wohne in diesem Haus 
Und treibe die Teufel daraus! 



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35> 



Die drei Mareien sind wohl die germanischen Schicksalsspinne- 
rinnen. Ans dem Bnrzenlande stammt folgender llofbann: 

Jesus ritt in Jerusalem allein, 

Schmiessen ihn Judenkinder mit Steinten). 

Sprach der Herr: „Nie tu' ich euch ein Leid, 

Von Ewigkeit zu Ewigkeit! 

Aber eure Freud' wird aufhören. 

Man wird eure Stadt zerstören !" 

Herr Jesus, der du im Himmel bist. 

Du mein lieber guter Christ. 

"Wolle dies Gebau nicht zerstören, 

Wolle alle Bösen beschwören. 

Zu diesem Gebäu komme nicht her, 

I >ie Satansbrut übers feurige Meer: 

Nicht nah' her ein Feind mit Feuer und Schwert, 

Nicht komm' her Hexenbrut und Satansknecht : 

Schlagendes Feuer (Blitz* reit' in die Erd, 

Komme nicht her Krankheit und Pest. 

Sie sollen reiten in den grünen Wald, 

Dort büssen und sich bessern. 

Dort fliessen drei Brünulein der Gnad' 

Dort sollen sie sitzen bis zum jüngsten Tag! 

Dies (Jebäu umspanne Christi Blut. 

Damit es wie Christus in Marias Armen. 

Sicher und feste ruht! 

Das wolle Gott, der Herr bewirken 

Von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen! 

Dies wird je dreimal an den vier Ecken des Gebäudes gespro- 
chen. Ans Heitau teilte mir Herr Apotheker Chr. Wohch folgenden 
„ Hofham! ~ mit: 

Vier heilige Jungfrauen sollen kommen, 
Von den reinen und frommen, 
Die sollen von den vier Enden 
Pest, Unglück. Feuer wenden ! 
In des allmächtigen Hand 

Soll ruhen in Ewigkeit dies Land (der Grund ! 
Der liebe Jesus Christus tiuf dorn Dach 
Schütz' dies Gebäu Tag und Nacht! 

Dann (mögen) kommen die Bösen aus grünen Wäldern. 

Aus dürren Feldern, aus kalten Brunnen, 

Aus heissen Steinen, wir fürchten uns nicht! 

Kine feste Burg ist unser Gott, 

Christus ist unser Schutz und Nutz! 

Im Namen usw. 

Ein merkwürdiger «Hofbann" steht hei Roth. „Hast du ain neu 
Gebäu crbauvet, so spuck auf die vier Enden (Ecken) des Gehaus, 
sprich dies Gebetchen hai jedem End und dann küss das End und 
geh dann zum zweiten End, tu so. geh zum dritten End. tu auch so, 
und baim vierten End tu auch so. Dann ponir (entleere dich) vor die 
Gebäusait, die gen Sonnenuntergang liegt ..." Der llofbann selbst, 
den man bei den vier Ecken zu sprechen hat, lautet: „Dies Gebäu 
ist erbaut aus grünem Holz aus grünem Wald: aus weissem Stein 



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10 



«ms weissem Gestein; aus schwarzer Eni aus schwarzer Erd"; aus 
kaltem Wasser aus kaltem Brunnen ! Krankheit aus grünem Wald, 
komm' nicht her, hast Holz noch genug: Wehfrau aus weissem Gestein, 
komm nicht her, hast Steine noch genug; Teufel aus schwarzer Erd* 
komm' nicht her, hast Eni' noch genug! Brunnenfrau, komm' nicht 
her, hast Wasser noch genug; die Toten lass ruhn, die Lebendigen 
verschon vor Wassernot, Feuergefahr. Hungertod, Blitzesstrahl; schick* 
ihnen Kinderchen, die weiterbauen, dich lohen und gen Himmel zu 
Christus, den Herrn selig schauen ! Im Xamcn usw. Amen/ 

Die Worte ..schick* ihnen Kinderchen" bezieht sich wohl auf 
den nunmehr entschwundenen Volksglauben, dass die Kinder vor ihrer 
Geburt in Gewässern, bei der Brunnenfrau leben. Nach der Ent- 
leerung spreche man : 

Beschtitz' das Gebüu vor Dieb und Feind, 
Schlag' ihn ums Maul, der mir greint! 

An dieser Stelle muss ich bemerken, dass die meisten sieben- 
bürgischen Völkerschatten für tfrvmu* imnlae auch den Ausdruck 
Hirtr gebrauchen und bei ihnen der Glaube herrscht, dass so lange 
der .Haufen', welchen der Dieb auf dem Schauplatz seiner Tätigkeit 
errichtet, warm ist, er vor jeder Störung gesichert bleibt. In Sieben- 
bürgen findet man dergleichen , Haufen* in Gebäuden, die von Dieben 
erbrochen und geplündert worden, gar häufig vor. 1 Der rumänische 
Ausdruck C*obiin (Hirte) seheint auch auf diesen allgemein verbrei- 
teten Glauben hinzuspielen (vgl. Liebrecht. Zur Volkskunde S. 853). 

Die sogenannten Beisesegen sind heutigen Tages dem Volks- 
bewusstsein ganz und gar entschwunden). In früheren Zeiten sprachen 
diese Segen die Fuhrleute, wenn sie auf weite Wege Frachten führ- 
ten, freilich in Zeiten, wo noch keine Eisenbahn im Lande war, 
oder Handwerksburscheu, wenn sie ihre Wanderschaft antraten. ItotU 
hat einen solchen Beisesegen. den früher die Kronstädter Tschismen- 
machergcsellen mit auf ihre Wanderschaft nahmen, in sein Tagbuch 
im Jahre 183fi aus einem Processakt der dortigen Tschismenmacher- 
zunft contra G. Orendi aufgezeichnet. Dieser Beisesegen lautet also: 

Der Herr im Himmel 
l'nd ich aut der Erd' — 
Er mache mich seiner 
l'nd Christi wert ! 

Geh' wieder heint (heuti auf Wanderfahrt. 

Hab Schutz und Segen bei mir gepaart ! 

Mein erstes ist Gott der Vater. 

Mein zweites ist Gott der Sohn, 

Mein drittes ist der hl. Geist, 

Der mit mir reist, 

Mir meine Wege weist. 



1 S. meine „Zauber- und Besprechung formeln der siebenb. Zigeuner* 
'■ Verlag „der Ethnol. Mitteilungen aus t'nganr" löSS. Budapest) S. .'3:1. 



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41 



Ich trete über fremde Schwellen, 

Jesus, Maria, Josef, die hl. H Könige 

Kasper, Melchior, Balthasar 

Seid meine Wandergesellen, 

Die wollen mich im fremden Land 

Bewahren mit starker Hand, 

Mich führen zu aller Zeit 

Zu Glück, Freud, Brot und Seligkeit. Amen. 

Ein IteiseMgen aus der Hermannstädter dopend, den die dortigen 
Fuhrleute zu beten pflegten, lautet: 

Jetzt t.ret' ich über meine Schwelle, 

Herr Jesus sei mein Wegselle! 

Lass alle meine Feinde ruhn, 

Steh' mir bei in allem Tun. 

Zu Wasser und zu Land 

Sei meine starke Hand! 

Im Wald vor Geistern und Käubern, 

Im (ebnen) Land vor Schleichern. 

Am Tag vor Unsichtbaren (?), 

Der Nachts vor Teufeln, 

Allzeit bis in die Ewigkeit. 

Behüt mein Blut und Fleisch. Amen! 

(Von) Fuhrmann Andrms Wohmrt.) 

Im Volke leiten wenn auch spärlich — noch immer Formeln 
gegen einen Fvind oder gegen Neid fort. In früheren Zeiten mögen 
diese Sprüche eine stattliche Anzahl auch im Kreise des siebenbür- 
gisch-sächsischen Landvolkes abgegeben haben. Ich konnte nur einen 
einzigen Spruch erlangen. 

.Sielist du deinen Faind", schreibt Hoth. „sprich in dir heimblich : ' 

Das Gute in mir, 
Das Böse in dir. 

Gott, der Vater über uns beiden. 

Er wolle gnädig und im (Juten scheiden! 

oder man spreche: 

Der Teufel zeigte dem Gottessohn 

Die schöne Stadt Babylon; 

Christus stiess ihn vom Kirchenturin: 

So wolle Gott dich von mir stossen. 

Du elendiger Höllenwurm! 

Nicht frisst du mir Mark und Bein, 

Gott muss beim Gerechten sein ! Amen ! 

In Kelling spricht man: 

Kannst kommen und kannst gehen. 
Drei Schlösser um mich gehen. 
Das eine ist Gott der Vater, 
Das andre der Sohn. 



42. 



Das dritte ist «lex* heilige (ieist. 
Die beschützen mein Gut and Blut! 
Spinnen um mich einen roten Faden, 
Dass du mir nicht kannst schaden! 

(Vgl. zum Eingang Schuster S. 290). Unter »rotem Faden" ist 
wohl das Glücksseil, Glüeksstriemchen zu verstehen. Kinder, die mit 
einem roten Striemehen am Halse auf die Welt kommen, werden vom 
Glück besonders begünstigt. 

Um sein Hab und Gut vor Neid zu bewahren, muss man oft gegen 
„geheimen Neid" einen Spruch hersagen. Der Neid wendet sich eben 
nicht nur gegen Leben und Gesundheit des Menschen, sondern auch 
gegen seinen Hausstand, sein Vieh, seine Gebäude usw. In manchen 
Dörfern heisst es daher, dass man morgens beim ersten Uebertreten 
der Schwelle dreimal ausspucken und den Spruch hermurmeln solle : 

Krstens für Neid, 

Zweitens tur böse Leut, 

Drittens für Krankheit nah und weit 

Im Namen (Jottes usw. Amen! 

(aus der Mediascher Gegend; vgl. Ammann a. a. 0. S. 311). Oder 
man spreche : 

Jeder, den ich seh', 
Tu mir kein Weh'. • 
Alles, was ich seh'. 
Rechter Wege geh 1 ! 

Im Namen Gottes, des Herrn des Himmels 
und der Erde, also Alles geschehe, Amen! 

(aus Klein-Kopisch). Oder man spreche: .Neid schadet neunmal ; 
nein, nur 8-mal: nein, nur 7-mal; nein, nur 6-mal : nein, nur 5-mal ; 
nein, nur 4-mal: nein, nur 3-mal; nein, nur 2-mal: nein, nur 1-mal ; 
nein, er schadet keinmal, denn der hl. Georg durchsticht ihn mit der 
Lanze im Namen des ewigen Vaters, Amen!" (aus Aynethlen). Ein 
anderer Spruch gegen Neid, den man bei Kindern anzuwenden ptlegt 
und der sich auf die Nornen zu beziehen scheint, lautet : 

Drei Frauen wir au dir laden, 
Sollen dich am Arm tragen, 
Sollen dir spinnen und weben, 
Den Neidern Krankheit geben, 
Dir Gesundheit schenken 
Und ewiges Leben. Amen! 

Verwandt mit den Formeln gegen Neid sind die Diebssegen und 
die Formeln gegen Feuer und Wetter. „Gewöhnlich geschieht das 
Segnen, was man auch , versprechen' oder .binden 1 heisst, um 12 Uhr 
in der Nacht oder vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang 
oder zu allen diesen Zeiten nach einander. Manche dieser Sprüche 
dürfen nur von einer Frau auf einen Mann und von diesem wieder 
auf eine Frau insgeheim übertragen werden, wenn sie ihre Wirksam- 
keit nicht verlieren sollen, (vgl. Ifaltrich-Wol/I r S. 274.) 



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Ii 



Roth teilt folgende wichtige Diebssetjen mit: 

Maria ging in den grünen (»arten, 
Drei Englein das Jesukindlein warten, 

Der eine heisst Michael, der andere Gabriel, der dritt' Zachariel ; 

Kamen her drei Diebe, wollten Jesum stehlen, 

Spi-ach da Michael zu Gabriel: 

Nicht lass' sie weitergehen ! 

Bind' sie mit des Evangeliums Wort, 

Sollen sich nicht rühren vom Ort ; 

Sollen die Sterne zählen am Himmel, 

Den Saud auf der Erden, 

Bis ich sie lösen werd' durch Gottes Wort. Amen ! 

(vgl. Frischbier S. 113). Bevor man aber diesen Segen spricht, muss 
man eine schwarze Katze nehmen, ihr die vier Füsse zusammenbin- 
den, und wenn man dann ein Feuer rings um sie herum anmacht, 
so wird sie „ihr Wasser lliessen lassen." In diesen Urin tauche man 
eine Rabenfeder ein und während man obige Formel hersagt, streiche 
man damit Tür und Schloss ein. Nie wird ein Dieb diese Schwelle 
überteten können. In dem von Teutsch im Vereinsarchiv N. F. 3, 1 ff. 
auszugsweise veröffentlichten Visitationsprotokolle heisst es unter 
anderm S. 30: De pastore (in Schönau) fassa est quaedam mulier 
Seydensis, quod ab illo didicerit formulam incantationis pro assecu- 
ratione curiae contra fures nocturnos, punitur fl. 5." 

Wichtiger noch ist der zweite Diebssegen, den Roth mitteilt. Kr 
lautet: 

Dieb, ich bind' dich mit Gottes Wort, 

Nicht rühr' dich von diesem Ort, 

Werde starr wie Lothens Weib, 

Zu Asche werde dein sündiger Leib. 

Bleibst du nicht hier stehn, 

Bis dich meine Augen ansehn. 

Im Namen usw Amen. 

Dabei geht man um die Sache, die man , binden' will, drei Mal 
herum. Zur Erklärung dieses Volksglaubens heisst es in der siebenbür- 
gisch-säehsisehen Uebcrlieferung : „Nun kann der Dieb zwar in den 
umgangenen Kreis hinein, aber nicht mehr aus ihm herausgehen. 
Daher muss man sich noch vor Aufgang der Sonne am folgenden 
Morgen hinbegeben und falls der Dieb da ist, denselben anstossen 
und heimlich bei sich sprechen: „Geh" hin in Teufels Namen ! u Denn 
wenn der Dieb an dem versprochenen Ort von der Sonne beschienen 
wird, so muss er in Staub zerfallen" (s. Ualtrirh- II o///' S. 274.) Fei - 
ner schreibt Roth : „Vergrap diesen Zedel unter die Türschwell, kann 
kain Dieb rüberkommen." Der zu vergrabende Zettel wird mit fol- 
genden Worten beschrieben: „Dieb, ich binde dich mit drei Ketten; 
die erste ist Gottes Wort, das er uns gab auf dem Sinai; die zweite 
ist Christi Blut, das er vergoss auf Golgatha; die dritte ist der grüne 
Rit (Fieber), das dich schütteln soll, wenn du herkommst, dass du 
hier bleibst, bis ich dich löse von Gottes Wort, von Ghristi Blut, von 
grünen Riten Kraft, im Namen Gottes. Amen." 

Der Rit ist das personifizierte Fieber, das mit seinem Beiwort 



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41 



.grün" auf uYn Wald und den Baum zurückweist und eben auefc 
einen Beweis dafür liefert, dass ja die Krankheitsgeister ursprünglich 
Wald- und Baumgeister waren. Deutlieh zeigt sich auch in den Wörter, 
des mitgeteilten Zettels die Verschmelzung von christlichen und heid 
nixdien Kiementen. 

Im Volksglauben der Siebenbürger Sachsen heisst es ferner : 

I m «las gestohlene Gut wiederzubekommen, verschaffe man sich 
eine Hostie, lege dieselbe auf etwas vom gestohlenen (inte und ste he 
mit einer Nadel in die Hostie. Heim ersten Stich sagt man: .hieb, 
ich steche dein (iehirn: du sollst deinen Verstand verlier'n!" Heim 
zweiten Stich sagt man: „Dieb, ich steche deine Hände, damit ieh 
dich zum Guten wende!" Heim dritten Stich wird gesagt: «hieb, ich 
steche in deine Küssen, damit sie erlahmen müssen!" beim vierten 
und letzten Stich sagt man: «Dieb, ich steche in dein Herz, du ster- 
best in Oual. Klend. Not und Schmerz!" Will der hieb nicht sterben, 
so bringt er da«» gestohlene Gut zurück (Hennannstädter Gegend | 

Seine Gebäude gegen Gewitter und Fnicr zu schützen, ist eine 
der Hauptsorgen des Landmannes. Kin Gebäude, auf dem ein Ston.h 
«»der an «lern eine Schwalbe nistet, ist vor dem Blitz gesichert, hei«*: 
c~ im siebenb.-sächsischeii Volksglauben. I'm sein Gebäude vor dem 
Blitz zu sichern, pflanze man auf »las Dach das Donnerkraut (senv 
pervivum tectorum) und grabe in den Grund desselben Schwalben 
federn ein. die man in Zettel wickelt, auf die man die Worte schreibt 
Fax. Lux. Nor in manu hei (ttoth\. 

Manche glauben, dass wenn man .. Donnersteine" (Helemniter.. 
>. olienf in das (iebäude einmauere, dasselbe vor <lem Blitzschlag 
gesichert <ei. Bricht Feuer aus, so stelle man sich .dem Wind cd' 
gegen", schreibt Hnth, und spreche dreimal: 

Sancr Martin mit deinem Feuerbrand. 
Samt .Johannes mit deiner Wass erkürt". 
Komm uns zu Hilf. Amen! 

(»der es soll, wenn ein Brand ausbricht, eine -reine Jungfer' um 
die Brand>tätte herumlaufen und sprechen: 

Maria giftig übers Land. 
Trat' sie wilden Brand ! 

..Brand, ich büsse beschwöre- dich mit meiner hl. Harni' 
• ieh' zunick in den wilden Wald, 
«ieh" zurück in den Brunnen kalt. 
<«eh* in die Wolken, 
I »ie dich erzogen !" 

Im Namen Cottas usw. Amen! [Roth ) 

In früheren Zeiten schrieb man sich sogar zujrun frischt Formeln 
gegen Feuer-brunst auf und hob das Schriftstück sorgfältig auf. um 
es hei Gelegenheit in das brennende (iebäude zu werfen, dadurch 
«las Weitergreifen des Feuers zu verhindern. 1 

Zum Schlüsse teilen wir nur noch einige inedierte Verwahntn>j<- 

1 S. mein Werk: „Aus dem innern I^el>en der Zigeuner" (BerÜu. l?i*2 
FtiKer S ITH. 



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45 



mittel mit, die sich auf die Haustiere beziehen. Die meisten solcher 
Verwahrungsmittel sind bereits von einheimischen Forsehern gesam- 
melt und veröffentlicht worden, so dass unsere Nachlese hier nun 
gar spärlich ausfallen wird, besonders nachdem auch Roth nur einige 
wenige dieser Mittel anführt. 

Kauft man eine Kuh, schreibt Roth, so soll ihr die Hausfrau das 
erste Futter aus ihrer Schürze geben und sprechen: „Der hl. Sylvester 
stand vor dem Tor, krochen unter der Brück' die Hexen hervor! 
Hexen, ihr sollt weichen von diesem Tier: Krankheit bleibe daheim : 
Neid, mach' ihm kein Leid, im Namen Gottes! Amen!" Den ersten 
Urin der Kuh soll man auffangen und ins Feuer giessen; dadurch 
verbrennt man alles Böse, das die neue Kuh mitgebracht hat. Wenn 
die Kuh beim Melken nicht stehen will, so prügelt man sie mit um- 
gekehrten Besen. Diese Schläge spürt die Hexe und verschont von 
min an die Kuh. Harnt die Kuh beim Melken, so fängt man ihren 
Harn in einen Frauenschuch auf und hängt ihn in den Bauchfang, 
wobei man spricht: „Der Neid soll Kohle werden, die Krankheit soll 
Asche werden, die Bösen sollen Bauch werden, damit Friede sei im 
Himmel und auf Erden! Amen!" Nach drei Tagen verbrennt man 
den Schuh und streut die Asche in fliessendes Wasser (Roth . Cm 
das Kalben der Kuh zu erleichtern, zerlegt man eine Axt und legt 
den Stiel auf die eine, das Beil selbst auf die andere Seite der Kuh 
und spricht: „Heilige Anna, über diesen Leib spreif (leinen Mantel : 
aus dem Leibe treib' die Frucht; zwei sind bei einand'. teil' sie in 
zwei mit deiner seligen Hand. Amen!" {Aus Grossati, Schärkäny). Um 
störrige Pferde zu zähmen, schreibt Roth } schlage man sie mit einer 
Kute, deren Spitze verkohlt ist, kreuzweise über dem Kücken und 
spreche die Worte: „Der hl. Elias gebot seinen Pferden: Stehet stille, 
das ist Gottes Wille! Und die Pferde standen still! Ich gebiete dir 
im Namen des hl. Elias, du stehest; wann ich will, du gehest, wann 
ich will; ich bin dein Herr und du sollst keinen anderen Herrn haben 
ausser mir! Amen !" 

Schwärmen die Bienen, so soll man ihnen den blanken Hintern 
zeigen und der Schwärm wird sich in der Nähe niederlassen oder 
man ziehe sich das Hemd rasch aus und blicke dem Schwärm durch 
den Aermel nach (Roth i. vgl. F. S. Kraus.* in seiner Ztschr. .Am 
Urquell" III. S. 1)7). Einen einzigen Bienensegen teilt Roth mit, der 
um so bedeutungsvoller ist, weil er darunter die Worte gesetzt hat : 
„von main selig Vater erlernt." Der Segen, den man beim ersten 
Ausflug der Bienen im Frühjahr zu sprechen hat, lautet : 

In nomine patris, tilii und aller sauetorum! 

Maria gen Sonnenaufgang hebt die rechte Hand, 

Maria gen Sonnenuntergang hebt ihre linke Hand, 

Damit ihr teure Bienen sollet fliegen, 

Damit ihr viel Honig sollet kriegen, 

Honig fürs Jesukindlein, 

Wachs für den hl. Altar, 

Deshalb beschützt euch die hl. Margaret 

Im Namen Gottes, des Vaters! Amen! 



4M 

Kili anderer Bienensegen ist mir aus Mühlbach und Agnethlen 
bekannt. Beim ersten Ausflug der Bienen im Frühjahr lasse man die- 
selben durch eine Wolfskehle und über den Hausschlüssel Iiiegen, dann 
weiden sie arbeitsam und keine fremden Bienen werden den Stock 
des Honigs berauben können. Beim Erscheinen der ersten Bienen vor 
dem Flugloch spreche man: „Gott sprach: Es werde Licht! — Gott 
sprach: Es werde die Biene! — Gott sprach: Es werde Wachs! — 
Gott spricht: Gesegnet sei euer Auszug! — Gott wird sprechen : Ge- 
segnet sei euer Einzug: Amen!" Oder man spricht hei dieser Gele- 
genheit : 

Bienchen. Kienchen, Bienchen, 
Reise in« grüne Land. 
Speise vod Blumen und (Iras-, 
Fülle mir Korb und Fass! 

(vgl. Frischbier S. 131.) 

Wir haben somit eine Nachlese zu den von Andern bislang ver- 
öffentlichten Segenssprüchen und Heilmitteln des siebenbürgisch-säch- 
sischen Volkes liier mitgeteilt, die einst vielleicht auch einen nicht zu 
verachtenden Bestandteil für eine zukünftige Sammlung aller deutscher 
Bcsegnungsformeln. Gebräuchen und Meinungen bilden wird. 



König Mathias und Peter Gereb. 

(Hin 1j\ »lg.'i risse moss Ovissl.nrerüiecl miss Bosnien.) 
Von /)/•. Friedrich S. Kram». 

Manchen wird auf den ersten Blick die Angabe: .ein bulgar- 
isches Guslarenlied aus Bosnien" überraschen; denn bekanntlich 
sind bulgarische Niederlassungen in Bosnien und im Herzogtum nicht 
vorhanden und. wie auch aus dem Titel dieses Aufsatzes hervorgeht, 
handelt es sich nicht einmal um einen nationalbulgarischen Stoff. 
Bei einem lyrischen Volklied, einem Märchen oder einer Sage wäre 
die Bemerkung, dass eine Entlehnung vorliege, so gut wie unauf- 
fällig, bei Gnslarenliedern wird man jedoch stutzig. 

Mit l'nrecht : denn Guslarenlieder und epische Vorwürfe über- 
haupt finden in gleicher Weise wie andere Volküberlieferungen in 
den ihnen zugänglichen Kreisen Verbreitung. Für alle derartige 
Erzeugnisse des Volkgeistes besteht nur ein Gesetz mit dem Unter- 
schiede, dass Guslarenlieder mehr als andere I Überlieferungen in 
der Form örtlich nationalisiert werden und aus ihnen selbst heraus, 
äusserst selten und nur schwer die Provenienz herausgefunden wer- 
den kann. Das spezifisch Nationale des l'rhcbers verflüchtigt sich bis 
zur l'nkenntlichkeit. 

Das epische Lied nimmt auch sofern einigennassen eine Son- 
derstellung ein. dass es den l 'ebergang von der Volkdichtung zu 
einer Kuustdichtung bildet. Das lyrische Lied und die Sage ist sozu- 



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47 



sagen autorlos. nicht so das epische, mag sich auch der Dichter des 
stereotypen Redebilderschatzes der Liedergattung bedienen. Jede 
dichterische Gattung ist an gewisse konvenzionelle Redearten wie 
gebunden und jede Literaturepoche zeichnet sich durch charakter- 
istische Stilarten aus. Trotz den schablonenhaften Wendungen, die 
das Festhalten eines epischen Liedes erleichtern, muss der Recitator 
bestrebt sein, die Individualität des Autors nicht zu verwischen ; denn 
der epische Bericht ist von einem Augen- und Ohrenzeugen der 
erfahrenen und dargestellten Begebenheit, der Guslar dessen Stell- 
vertreter. Daher kommt auch das tiefere, zuweilen freundschaftliche 
Interesse, das ein Guslar jenen gegenüber bewahrt, von denen er 
Lieder erlernt hat. Hierin liegen schon die keimenden Ansätze zu 
einem Begriffe vom Autorrechte und die Vorstellung dämmert auf, 
dass man an dem geistigen Eigentum eines anderen nicht willkühr- 
liche und beliebige Änderungen vornehmen dürfe. So erklärt es sich, 
dass epische, von Augenzeugen herrührende Berichte noch nach Jahr- 
hunderten in den wesenlichsten Punkten unangetastet überliefert 
werden und die Phantasie der Guslaren mehr oder weniger sich mit 
der Ausschmückung durch bestimmte Scenen oder Episoden begnügt. 
Selbst die in epische Versform eingekleidete Sage und Legende wird 
auf diese Weise ihrem Inhalte nach stabiler. 

Guslarcnlieder wandern etwas langsamer als andere Ueberliefer- 
ungen von Ort zu Ort im Süden und bürgern sich weniger leicht 
ein, weil es doch einige Anstrengung mehr als sonst kostet, ein 
längeres Gedicht seinem Gedächtnisse einzuprägen. Es ist eine trivi- 
ale Erfahrung, die aber ausdrücklich ausgesprochen werden muss. 
weil sie zu häufig übersehen wird, dass nämlich nicht die Lieder, 
sondern die Menschen Beine haben und wandern. Es ist eine von 
oberflächlichen Beobachtern in der Literatur verbreitete Meinung, 
dass blinde Bettler und Vaganten die Hauptträger der epischen 
l'eberlieferung im Süden seien. Das ist ein entschiedener Irrtum. 
Mit gleicher Berechtigung könnte man behaupten, die von Haus zu 
Haus in Wien herumziehenden Werkelmänner wären die Repraesent- 
anten der Wiener Musik. So wie der Werkelmann auf seiner Walze 
einige (meist verstimmte) Arien herumführt und sie überall gleich- 
massig ableiert, so erlernt auch im Süden der bettelnde Landstrei- 
cher einige Guslarenlieder und schlägt sich damit durch seine Welt. 

Die wahre und echte Epik trifft man bei ansässigen Bauern an. 
In Bosnien und im Herzogtum findet man fast in jedem Dorfe 
epenkundige Leute. Sinn und Verständnis für derlei Sachen sind 
wieder nur bei wenigen, fast möchte man sagen, auserlesenen Men- 
schen vorhanden. Lieder müssen erlernt werden. Dazu gehört Zeit 
und Gelegenheit. 

Der Südslave ist von Haus aus ein wanderfroher Geselle, zu- 
mal jener, der wenig und vollends der, der nichst besitzt. Bei seiner 
Bedürfnislosigkeit kostet es ihm geringe L'eberwindung, seinen stän- 
digen Wohnort aus der einen in der anderen Provinz zu nehmen. 
Als die Türken Bulgarien erobert hatten, zog ein guter Teil der 



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48 



christliehen Bevölkerung westwärts nach Serbien, Bosnien und Dal- 
matien und nahm mit sich bulgarische Ueberliefernngen. So kam es, 
dass eine Beihe echtbulgarischer Nationalhelden in die Epik der 
Serben und sogar der Kroaten und Slovenen übcrgiengen. Das mag 
der nationalen Eitelkeit nurserbischer und nurkroatischer Patrioten 
nicht schmeicheln, doch die in den acht Bänden des von der 
fürstlich bulgarischen Begierung veröffentlichen Sammelwerkes von 
Volküberlieferungen erschienenen Epen lassen keinen Zweifel mehr 
an der Bichtigkeit der Wanderung aufkommen. Auch in unseren 
Tagen findet ein solcher Austausch statt. Ein Beweis dafür ist das 
Epos, das ich hier mitteile. 

Mein Guslar und Beisebegleiter Milovan Uija Crljic Martinovi«'- 
aus Brgovi, dessen ich wiederholt schon rühmend gedacht, sang mir 
am 19. Oktober 1885 das Lied, von dem hier die Bede sein soll. 
Auf meine übliche Krage, von wem er das Lied übernommen, gab 
er mir zur Auskunft, er hätte es etwa zehn Jahre früher vom einem 
Katholiken Namens Peter, einem Zimmermann (dundzer) aus ( skiib 
in Altserbien gelernt. Dieser Mensch habe in Grada'ar bei einem 
Beg einen Hausbau (aus Holz) aufgeführt, und er, Milovan, sei bei 
ihm als Lohndiener beschäftigt gewesen. Peter war stets bei guter 
Laune und aufgelegt zu den Guslen vorzutragen. Zwar mochten zu 
Grada<"ac die Leute seinem Gesänge nicht gerne zuhören, weil seine 
Bede mehr bulgarisch als serbisch und darum minder Iiiessend ver- 
ständlich war. Milovan jedoch fand wenigstens au einem Liede Ge- 
fallen und bat den Zimmermann, es ihm öfters vorzusingen. So hat 
er es sich gemerkt und es sich zurechtgelegt. 

Milovan ist kein Dichter, sondern einzig und allein ein Ge- 
dächtnismensch, wie ich dies durch Beibringung der Aufzeichnung 
des Liedes von der Burg zu Te v anj, wie er es sich gemerkt, zu dem 
Originale in meiner Studie über das Bauopfer bei den Südslaven 
ausreichend nachgewiesen. Dieser Umstand ist darum von Bedeutung 
für uns, weil wir dadurch zur Annahme berechtigt werden, dass 
Milovan an dem Liede Peters des Bulgaren keine wesentliche Än- 
derung vorgenommen. Bisher ist mir zu dem Liede keine serbische 
und auch keine bulgarische Variante bekannt geworden, so dass. 
allem Anscheine nach, das Lied ein Lnicum ist. 

Das Lied handelt von König Mathias von Ungarn und seinem 
General Peter Gereb, von einer der populärsten und von einer kaum 
bekannten Gestalt der ungarischen Geschichte. Im Liede kommt aber 
weder der Name des Königs noch der andere Zuname (Gereb) vor. 
Ich habe die wahren Namen der Hauptpersonen des Liedes als Hist- 
oriker aus den dargestellten Ereignissen erschlossen, wozu frei- 
lich nicht viel Scharfsinn gehörte, nachdem der Inhalt des Liedes 
genug deutlich auf die gedachten Männer hinweist. 

Den Kern des Liedes muss ich nun kurz skizzieren: 

Ein türkischer Sultan beschliesst, ungehalten über die Lnbot- 
mässigkeit des Herrschers von Ungarn, des Gebieters von Gran, mit 
einem riesigen Heere Donau aufwärts bis Gran zu ziehen, um das 



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ganze Reich sich zu unterwerfen. Der Herr von Gran berät sieh 
mit seinem Vertrauten, dem Geistlichen Johannes und bestellt zum 
Feldherrn wider den Feind den Helden Peter (Duea Peter), dessen Kit- 
terburg angeblich auch in Gran sich beiludet. Duea Peter besiegt 
das Türkenheer am Rabflusse und jagt den Rest bis gen Relgrad. 
Dann gibt er auf Geheiss seines Gebieteis die Verfolgung des Fein- 
des auf. Kurz nach seiner Heimkehr stirbt der Sultan. 

('bliche Ausschmückung: Charakterisierung Duea Peters als 
eines gewaltigen Weinvertilgers vor dem Herrn, Zweikämpfe unter 
freundlicher Mitwirkung zweier Vilen, ein treuer Eilbote, eine treu- 
lose Ehegattin, Thräncnegrüsse des Gebieters von l'ugarn so wie 
des Sultans; zu guter Letzt: Heirat Duca Peters mit der Tochter 
seines Gebieters. 

Die angegebenen Personen und der Gang der Handlung lassen 
uns erkennen: 

den Sultan Mohamed II. (1451 — 1481). 

Konig Mathias Corvinus (1458-1491)), 

dessen Feldherrn Peter Gereb. Sieger in der Schlacht 
an der Rab (1478 oder 1470) und den Prior von 
Vräna, Johann Szekcly, den Helden von Jajce. 

Nähere Ausführungen gehören nicht in diese folkloristische 
Studie hinein und können hier um so eher entfallen, als die polit- 
ischen und kriegerischen Ereignisse jener Epoche in der ausge- 
zeichnetsten und erschöpfendsten Weise von Dr. Wilhelm Frahini 
(Mathias Corvinus, König von Fngarn. Auf Grund archivalischer Forsch- 
ungen bearbeitet. Freiburg i. Hr. 1801, S. 89 f.) und von Fnm: 
Su lammt (ITngarn im Zeitalter der Türkenherrschaft. Ins Deutsche 
übertr. v. Gustav Jurany, Leipz. 1887, S. 39 ff.) erörtert worden sind. 

Aus Salamons Buche sei eine Stelle hier angeführt. Auf S. 
41 heisst es: „1478 und 79 geschehen neue, grosse Raubeinfälle. Im 
erstoren Jahre werden Krain, Friaul, ja die Fmgebung von Venedig 
geplündert, im letzteren verheeren die Türken die Comitale Vas und 
Zala. Eine türkische Abteilung wird aber an der Rab von Stephan 
S/.apolyai und Peter Gereb vernichtet und Mathias Truppen streifen 
als Ersatz bis nach Jajce. Ein zweitesmal dringt Mathias selbst bis 
zu der genannten Festung vor." 

Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, dass der südslavischc 
Guslar aus dem Reinamen Corvin(us) erst aus Missverständnis den 
.Stadtnamen Krojan gebildet hat. Ich als l'ebei>et/.er musste ihn 
jedenfalls mit Gran wiedergeben. Ist jedoch meine Vermutung zu- 
heilend, worüber ich in Ermanglung weiterer ähnlicher Relege mich 
nicht auslassen will, so würde sich daraus zwanglos der Wegfall 
des Namens Mathias erklären. 

König Mathias ist sowohl im slavischen Süden als auch unter 
den Polen noch immer ein populärer Held. Fnter seiner Oberleitung 
sollte sich die gesammte mitteleuropäische Christenheit zu einem Kreuz 
zugv gegen die vordringenden Türken vereinigen: lausende und aber- 

Kt.bm.l Mitteil. u. I nRiirn. III. * 



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oÜ 

tausende Serben und Bulgaren, Kroaten und Slovenen dienten unter 
seinen Fahnen gegen den Halbmond. In ihm vereinigten sieb fast 
alle jene glänzenden Eigenschaften, die einen Horrweiler volktümlicli 
und bei den kommenden Geschlechtern unvergesslich machen. 

Die ungarische Geschichte berichtet, soviel ich mich überzeugen 
konnte, nichts näheres über Peter Goreb und die Schlacht an der 
Hab. Für die weiten Kreise des Reiches blieb jener Sieg ohne nach- 
haltige Bedeutung. Anders dagegen mussten diejenigen darüber 
urteilen, die selber im Schlachtgetümmel mitgekämpft. Ks ist daran 
wohl kaum ernstlich zu zweifeln, dass der erste Guslar und Dichtet 
unseres Liedes mit dabei gewesen. Vielleicht ist er bald darauf sel- 
ber mit den Truppen nach dem Balkan ausgezogen, in türkische 
Gefangenschaft geraten und in Bulgarien oder Altsorbion geblieben, 
wo er seine Erlebnisse weiter überlieferte. Wieso das Lied nach 
Bosnien gelangt ist, weiss nun auch der Leser. Für uns Ungarn hat 
es abgesehen von seinein ethnographischen (und nach Geschmack 
poetischen) Worte, auch noch die Bedeutung eines seltenen histo- 
rischen Dokumentes, einer guten Beglaubigung über eine sonst fast 
unbeachtet gebliebene kriegerische Wallentat eines der glorreichsten 
Herrseher unseres Vaterlandes. 

Gewisse Nurphilologen sowie Nurhistoriker pllegen häutig in ge- 
ringschätzigster und wegwerfendster Weise über solche Funde oder 
wenn man will, Entdeckungen der Folkloristen abzuurteilen. Das i>t 
ein Vorgehen, das in keiner Weise und unter keiner Bedingung gul- 
goheisson werden kann, wenn man in Erwägung zieht, wie wenig z. U. 
die Berichte eines Livius über den punischen Krieg oder die eine- 
Tacitus über Christen und Juden der historischen Kritik Stich hal- 
ten. So mancher Fikundenforscher möchte sich glücklich schätzen, 
immer so treffliche Zeugnisse von der Art unseres Guslarenliedes zu 
Gebote zu haben. 

Für den Ethnographen ist der Inhalt des Poems aus mehreren 
Gründen von Belang, und zwar nicht zum geringsten wegen der 
Episode, in der zuletzt die treulose Ehegattin gevierteilt wird. Eine 
alte, furchtbare Strafe tritt in Erinnerung vor uns als ein l T eber- 
lobsol des ursprünglichen slavischen .Mundschaftrechtes des Mannes 
über seine Frau. Auf Einzelheiten kommt übrigens unser Kommentar 
zurück. 

Nach beendigter Forsehungreise nahm ich meinen Guslaren 
Milovan mit nach Wien. Wir fuhren mit der Bahn. In Kab stiegen 
wir aus. Ich zeigte ihm den Fluss und rochierte mit Anspielung anl 
eine Stelle des Liedes : 

Eto Baba, eto voda hladna, 

al no tece mutna ni krvava. 

Das ist die Bab, das ist das kalte Wasser, 

doch fliesst sie weder trüb noch blutig bin. 

Milovan machte ein urdummes, verblüfftes Gesicht, und noch 
verdutzter klang mir seine Frage : Gospodaru, zur moro bil, zar iuiu 



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Ol 



Raba? (Herr, ist es dorm möglich, gibt es denn wirklich einen Rab- 
flussV) — Da tliesst er. Frag die Leute. — Nun stützte er das Kinn 
in die (Jabel des Zeigefingers und Daumens der rechten Hand, be- 
trachtete tief in Gedanken versunken bald das lehmig gefärbt« 1 Wasser, 
bald die Umgebung. His knapp vor Wien sprachen wir kein Wort 
mehr miteinander, dann unterbrach er das Schweigen : „Da sieh, 
Herr, der Sänger lügt nicht, doch wer sollte glauben !" Kaltblütig 
und kurz antwortete* ich zu seiner Beruhigung: „Was der Sänger 
sagt, ist alles wahr!" 

Als Ethnograph behaupte ich dies jeder gegenteiligen Meinung 
gegenüber. Der Guslar schildert fern von jeder Tendenz mit aller 
möglichen Treue Sitten und Bräuche, (ilauben und Sprache, kurz 
fast alle Verhältnisse des Lebens, das seine Gewährmänner und er 
kennen gelernt. In solchen Dingen lügt er und erfindet er nicht, 
weil es sinn- und zwecklos wäre und er auch bei seinen Zuhörern 
durch unrichtige Angaben über Sachen, die ihnen auch sonst be- 
kannt und geläutig sind, überllüssiger Weise Anstoss und .Missfallen 
erregen rnüsslc. So erscheinen auch dem Ethnographen gute Nieder- 
schriften von Guslarenliedern als äusserst wertvolle Dokumente. Zu 
«lieser Art zählt auch nachfolgendes Lied. 



Divan cini care u Stambolu 
zn tri petka i tri pouediljka; 
svu gospodu sebi pokupio, 
okupio pase i vezire: 

— Laie rnoje, pa.se i ve/.irü- 
sedam kralja ot sedam zcmalja 
svi mi daju arae i porezu, 
i daju mi kljuce od gradova, 
sain mi ne da jedna jogunica. 
wim mi ne da ot Krojana baue. 

Kvo ima dvanajes godina, |10 
ritt »rafci. nit poreza dade, 
nit mi kljuea ot Krojana dade. 

K iinem um se, tvrdu vjeru dajem, 
kupic vojsku tri godinc dana, 
sakupicu tri sta iljad vojske, 
potjeracu stotinu galija 
i 11 njima ubojne topove, 
svescu mu je niz l'ngjurgjevinu 
robit, palit, grdne jade radit ! 20 
Sve knezove i prve kmetove 
zive cu mu na kolje nabijat; 
sve njegove pratre i popove 
zive cu ji na kolje nabijat! 

I»a cu snijei Rani vodi ladnoj, 
kod Habe cu zastaviti vojsku. 
Ongjer cu um sitnu knjigu pisat. 



nek trijebi bijela Krojana, 
nek trijebi za petnajes dana ; 
dovescu mu u Krojana vojsku, 80 
Krojana mu pot sablju uzeti 
a l>ana cu ziva ujititi, 
na svakc ga pate udariti ; 
a njegova pra Ivana |)ratra, 
fciva cu ga na kolac nahiti ! 
u cikvn cu rnetrut mujezine. 
tursku djecu nek nee u erkvam! 

Sve govori, Boga nespominje! 
Ako Bog da, ui pornoc mu ne ee! 

♦ 

Kupi vojsku za godinu dana : 4t > 
sakupio tri sta iljad vojske; 
podize je ot Stambola grada, 
i potjera stotinu galija 
i u njima ubojni topovi. 

Svede mu je niz rngjnrgjevinu, 
robi, pali grdne jade radi. 
Sve knezove i prve kmetove, 
zive njija na kolje nabija 
i njegove pratre i popove, 
zive njija na kolje nabija! 50 

l'a od sni jgje Rubi vodi ladnoj, 
Rabi vodi ni e Biograda. 

r 



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52 

I tude je zastavio vojskn 

pa on sjede, sitnu knjigu pi«e, 

knjigu i>i§e ot Krojana bann : 

Trijebi mi bijela Krojana, 
trijebi ga za petnajes dann ! 
eto mene s trista iljad vojske! 

Jesam Ii ti baue govorio 
da so svogajogunluka projgjes? (>0 

Krojana cn pot sablju uzeli 
a tebc cu ziva ujititi, 
na svake te pate udariti; 
tvoga sveea pra Ivana pratra, 
fciva 6u ga na kolac nabiti ! 
u erkvu i-u metrnt mujezine 
tnrsku djecu da uee u erkvam!" 

Knjiga odr n Krojana grada. 

♦ 

Kada dojgje ot Krojana bann 
na njoj haue peent prilomio ; 70 
knjigc glcda suy.e prolijeva, 
poncse je erkvi namastiru, 
da je vidi pra Ivane pratar. 

On nkobi pra Ivana pratra 
pa mu darin knjigu i jazijn. 



Ja gleda je pra Ivane pratar ; 
Kada vidje sta mn knjiga kaza 
a i njemn mila ne bijase 

— Znns Ii bane, zemen gospo- 

dare, 

kolik iniaS na tefteru vojske? SU 

— Znadem brate, pra Ivane 
Sedamdeset i sedam iljada jpratre. 
viSc brate nijednoga nejmam ! 

— Kolik imas svojib kapetana? 

— Ja stotinn iniam kapetana. 
vise brate nijednoga nejmam. 

— Ot stotinn svojib kapetana 
koga imas najboljeg junaka? 

— Najboljega Dojcin kapetana ! 
Kvo ima tri godine dana, '.MI 
kaku sam ga ozenio nilada. 

s ljubom ciglu prinoeio nojeu 
pa otiso n turskn tureiju, 
da nvodi zemlje i gradove: 
nit je doso dvorn ni Krojnnu. 

Skoro mi je knjiga dolazila. 
dolazila is turske tureije. 
Eno pijc po tnn'iji vino 
a turaka na megdan pozivlje. 011 



Divän beruft der Kaiser ein in Stambol 
dreimal je Freitags und dreimal je Montags : 
berief zu sieb die Herren allzumal, 
berief die l'nschen und Vezieren ein : 

— () meine Laien, Paseben und Veziere! 
Von sieben Ländern sieben Könige, 
sie geben alle mir Tribut und Steuern 
und geben mir die Schlüssel zu den Städten, 
nur einer nicht, ein ungeberdig Frücht!, 
nur einer gibt sie nicht, der Hau von Gran! 10 

Zwölf Jahre sind nun schon dalüngellossen. 
er gab nur weder Steuern, noch Tribut, 
noch übergab er mir zu Gran den Schlüssel! 

Ich schwör' es ihm, bei meines Glaubens Treue! 
drei Jahre lang werd' ich ein Heer versammeln, 
drei hundert tausend Mannen werd' ich sammeln, 
ein hundert Mcergaleeren mach" ich Holt, 
bewehr' sie mit Kanonen. Todvcrbreitein. 
ich führ' sie hin entlang dem rugarland. 
zu rauben, sengen, grauses Leid bereiten; 20 



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53 



die Schulzen und die reichsten Lehensbauern. 
lebend'gen Leibes lass' ich ihm sie pfählen, 
und alle seine Fratres sammt den Pfarrern, 
die lass' ich bei lebend'gem Leibe pfählen ! 

Dann steig' ich zu dein kalten Rabfluss nieder, 
am Rabfluss halt' ich mit dem Heere Rast. 
Von dorten schreib' ich ihm ein zierlich Rrieflcin. 
er säub're mir die weisse Veste Gran, 
er säub're sie im Lauf von fünfzehn Tagen, 
sonst führ ich ihm das Heer hinein nach fJran. MO 
das Volk von Gran muss über Klingen springen, 
und ihn, den Ran, den fang' ich ein lebendig 
und lass' ihn Folter jeder Art erfahren: 
doch sein Johannes, dieser Franziskaner, 
der muss hinauf lebendig auf den Pfahl: 
ich setz' ihm in die Kirche Mujezine, 
zu lehren Türkenkinder in den Kirchen! 

Kr spricht und spricht, gedenkt hiebei nicht Gölte-! 
So (iott es gibt, er wird ihm auch nicht helfen! 



Kr sammelt an dem Heer ein ganzes Jahr: -40 
drei hundert tausend Mannen zählt sein Heer! 
rückt aus mit ihm von Stnmbol. von der Stadt, 
und machte llott ein hundert Meergaleeren, 
bewehret mit Kanonen. Todverbreitern. 

Kr führt das Heer entlang dem l'ngarland. 
er raubt, er sengt, bereitet grauses Leid : 
die Schulzen und die reichsten Lehensbauern. 
die lässl er bei lebend'gem Leibe pfählen, 
lind alle seine Fratres sammt den Pfarrern 
lebend'gen Leibes kommen auf den Pfahl ! o<> 

Und zu dem kalten Rablluss stieg er nieder, 
zum Rablluss tiefcrwärls von Meograd 
und machte dort mit seinem Heere Rast. 

Pud setzt sich hin und schreibt ein zierlich Rrietlein. 
er schreibt das Rriellcin an den Ran von (iran: 

— Du sauber' mir die weisse Veste (iran, 
du sauber 1 sie im Lauf von fünfzehn Tagen ! 
Drei hundert tausend Mannen führ' ich mit! 
() Ran. hab' ich dich nicht genug beraten, 
yon deiner kecken Trotzheit abzulassen? tili 
Nun wird dein Gran wohl über Klingen springen, 
dich krieg' ich. dich lebendig in die Hand 
und lass' dich Folter jeder Al t erfahren : 
doch deinen lleil gen, den Johannes Krater, 
der muss lebend'gen Leibes auf den Pfahl! . . . 



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I 



54 



In seine Kirche setz' ich Mujezine 

zu lehren Türkenkinder in den Kirchen ! 

So gieng der Brief mu h (hau. Her Veste ah. 



Als er heim Hau von (iran war angelangt, 
so hraeh von ihm der Hau das Sigel auf: 71) 
er liest den Brief, es Iiiesst ihm Thrän' auf Timme, 
er trägt ihn hin ins Kloster an der Kirche, 
damit Johannes ihn. der Krater, sehe. 

Kr trilft dort an den Krater, Herrn Johannes 
und ühergah ilnn's Brieflein mit der Schrift. 

Kr schaut ihn durch, der Krater, Herr Johannes, 
und als er merkte, was das Briellein spricht, 
da war auch ihm die Kunde gar nicht lieh: 

— - Ist dir bekannt, o Beichbeherrscher Bau, 
welch Zahl die Liste deines Heers verzeichnet? SO 

Wohl weiss ich's, Bruder Krater, Herr Johannes, 
es sind just siebnundsiebzig tausend Streiter, 
nicht einen Mann, o Bruder, hab' ich weiter! 

— Wie gross ist deiner Kapitäne Zahl ? 

— Wohl zähl' ich just ein hundert Kapitäne, 
nicht einen Mann, o Bruder, hab' ich mehr! 

Von allen deinen hundert Kapitänen 
wen hältst du für den allerkühusten Helden? 

Den allerkühnsten mein' ich Hauptmann Dojcin! 
Drei Jahre sind erst kürzlich hingeschwunden. ( .I0 
seitdem den jungen Bitter ich beweiht. 
Nur eine Nacht verblieb er bei der Liebsten, 
dann zog er in das türk'sche Türkenland. 
um Land und Stadt des Keiudes auszukiuiden. 
und kam nicht mehr auf seinen Hof nach (iran. 

Ohnlängst kam mir ein Schreibebrief zu Händen, 
er kam mir aus dem türk'schen Tiirkeulande. 
Dort sauft er in dem Türkenlande Wein 
und fordert auch die Türken auf zum Zweikampf. \M 

(Kortsüt/.un« t'ol^t.i 



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55 



Dokumente sur Geschichte der Zigeuner. 

i. 

O p i n i o. 

|)«; domiciliatione, et Regulatione Zingarorum. 1 

Zingari non pridein ordinante I )iva <|Uoudam Imperatrice Maria Theresia 
Neo-Rustiei vocari caopti, <]ua<|iia versum velut Haholicac Confusionis, et dis- 
persionis iudiees dirt'usi Transylvaniam <|iio<.|Uc Aranearum instar perreptabant 
erant'jiie alii illorum DotHiymm' «jui tarn in Pagis, et cumprimis <|uiileni in 
Civitatum. et Oppidornm stenjuiliniis sive Locis ignobilioribus Tuguria inco 
lebanf. et perpetna mallcorum tunsione Vulcanum cireuinsndent.es non male 
l'abros imitando, multi symphonicos agendo vi tum sustentabant, alii trutoricohw 
vocitati, sive <|uibus sui> Pnpiliouibus dcgcie, et sub umbra portatilium Domo- 
runi aestivalium o rarioris texturac panno coulici solitarum, aut ad Incudeni 
desudare, aut faeere torno fusos, ( 'oeJilearia, et excavare pelviui, vel aptare 
Cribrum Frumentarium, vel deni.jue cantu Fidium dinun taniem pidlere pro- 
prium tuit. Erant etiam complures boriun, 4111 ad Ripas Fluviorum, aurive- 
lioruui dclabendo fulvam auri arenam legeudo, unde aurileguli dicti susten- 
tandae Vitae adinin'u ula »|Uaesitabant. In moro bis otnnibus positum erat, in 
seruin nutumnnm Tentoria observaro, t um vero defossam in Terra Domunculum 
aliquot palis, et straiuine tectam, ad cujus Fores eijuus aestivae Domus e 
loco in locuin vector indefessus sub nubiliario stramento, fimoijue obsepto 
stabulatur. ineolere. at baue primo vere liberiorum Hospitioruin desiderio 
deserero. Quemadinodum autem erant mortalium ignorantissimi, »tu nullam 
leriue nonuullis Cultioribus exeoptis tenebant Religionoin, ac inter ignotas 
ipsis Connubii Leges promiseuos Concubitus, asvetannjue, et a toneris exer- 
ritani occasione nuditatis, vel inter ejusdem sexus puoros taeditatem. et «juod 
ob vagam baue instabilemque Conditionem nemo Pastoivm illis intendere 
posset, v itam agebant vix non Rclluinam. 
• Successu temporis genshaee paululuin ad strietores «|Uidem vitae social is 

regulas revocari caepit, et alii >;ui elueiiilo e diversis fluviis auro operara loea- 
bant in certos caerus divisi vi articuü VIII. anni 1747. immunitate i'rbururiis 
coneessa donati Jurisdiction! Montanae subjecti sunt, corta<jue «(uotannis ad 
Officium Auri Cambioratus administrauda auri «juantitas ipsis imposita est, 
alii in Vajvodatus distributi sub peculiari Zingarorum Inspeetore .Jurisdiction! 
t < iimerali subditi annuain ad Aerarium Cainerale Taxam persolvero obstricti 
biijue Zingari Fiscales Taxalistae nuneupati sunt, alii deni«.|Ue duribus priva- 
torum Dominorum Terrestriuin ( 'omiiiunitatumipie semet subjicientes sta- 
tum<|iie aut Jobhagionalem, aut Imjuilinalein amplexi utiliter illis ijuaudo«|Ui! 
<jua arte Mcchanica, <|ua falee messoria famulabantnr, induci tarnen non pot.e- 
rant, <|iiin postmodum etiam letonto Tentorioruin usu, aestivo cumprimis 
tempore de loco in locum opihViorum suoruin arte Mechanica produetorum 
di-trahendorum causa «outinuo non oberrarent, c' sub boc <[uandoi|ue prau- 
ti-xtu cum ab artis autolycae notitia celeberrimi itaijue gnan sint, ut vix non 
oculos füren tur, furtis quo^uo et rapinis non <piam überalissime indulgerent. 

Inde ad meliorem tandem gentis hujus vagae, et dispersae regulatio- 
noin tarn l'iva Imperatrix Maria Theresia, quam et Augustissimus '|UOndam 
linnerator Josephus Secundus editis iteratis. anteriores praetereundo, sub :». 
Felnuarii 2«; Mensis Julii, er 2!». Novembris anno 1780. sub Xumeris Guber- 

' KltO ortit iiii<) .l.-m .1. scitous (l. r .lurth <| ( >ii l.XIV. ii A. v. .!. 17m .•nts««»- 

dct.-n a lmini-trativcn Commission I». noksrln itr o|in<- Ort un-l -lalir. 17 S. Koli«. I,i»n- 
dfsan l.jv tu niul»|u-it Nr. U0l/l7Jh\ 



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5»; 



nialibus 834. UJ82. et b'GOO. nec non sab 2S. Mensis Martii Anno ITSI. Nro 
27">!l. 14. Augusti anni 17S2. Sro U525 et 27. Augusti anno 1783. Nro 1712. 
salutaribus Ordinationibus jussit i|uam strietissime, ut Göns haee ad certa et 
Üxa Domieilia revocetnr, ac per Domie.iliationem tarn ad vestitmn eultiorom, 
quam vol maxiine ad politiorem vitae moduin, moresque honestos tradueatur. 
Principiisque keligionis ac vitae soeialis imhuatur. 

Qualemnam Benignae hae Ordinationes habuerint efteetum, et quid 
adhuc ad plenarie assequendam salutareni Iutentionom Rogiam quoad melio- 
rein dictae gentis regulationein constituero neeosso sit, in sequentibus tribus 
Titulis quorum. 

1-inus Do Zingaris Fiscalibus Aurilotoribus. 

2 dus De Zingaris Fiscalibus Taxalistis. 

3-tius Di? Zingaris ad Privatos, vid < ommunitates spectantibus agit. 
perh'artabitur. Mitgeteilt von A. H 

( Fortsetzung folgt.) 



LITTERATUR. 



linst in h All., Ideale Welten in Wort und Bild. Ethnologische Zeit- und 
Streitfragen nach Gesichtspunkten der indischen Völkerkunde. Drei Bände 
mit 22 Tafeln. Bd. I. 28!» S. ; Bd. II. 270 S. ; Bd. III. 232 Seiten: gr. 8° Ber- 
lin is;t)2, Kmil Feiher. 

Das Kvsi heinen eines Werkes aus der Feder dos hochverdienten For- 
schers B.stian, bedeutet stets einen Festtag in unserer Wissenschaft der 
Völkerkunde: eine neue Arbeit von unserem Altmeister bedeutet immer eine 
neue Sprosse nach aufwärts auf der Leiter im Wissen vom Völkergedanken. 
Dies gros-e Werk, das so lange Völkerkunde und Religionsphilosophie be- 
trieben wird, stets ein (Quellen werk ersten Ranges bleiben wird, enthält die 
wissenschaftlichen Resultate der letzton Reise (1889— Ml), die Bastian in In- 
dien unternommen hat. Der Titel „Idealo Welten' 4 zeigt uns bereits an, 
welches Gebiet menschlicher Gedankensphäre diesmal der Verfasser behan- 
delt. „Den gemeinsamen Umbegrift der Erörterungen," sagt der Verfasser 
(Vorwort I. Bd.), „bilden ethnologische Zeitfragen, die in das Geschichtliche 
verlaufen (mit der „Lehre vom Menschen"). Was wir diesem grossen Werke 
in erster Reihe verdanken, ist, dass es uns mit den Vorstellungswelten des 
alten und neuen Indiens, besonders der jainistischen so eingehend, wie kein 
anderes Werk, bekannt macht, Wir haben zwar über die religiösen Sekten 
Indiens zahlreiche Werke zu verzeichnen, aber einen klaren, sicheren Ueber- 
blick haben wir bislang doch nicht gewinnen können. Mit Recht sagt daher 
Bastian (I, 2t: „lieber den wunderlich grotesken Mummenschanz, not _*r 
welchem der Buddhismus, zumal wenn mit (phantasieloser) Phantastik, oder 
der Bomb.istik einos (kraft theosophischen Arcanum) wiederbelebten „Bom- 
bastes" aufgeputzt, in populärer Literatur vorgeführt zu werden pllegt (i:n 
wohl oder übel verstandenen Kifer), bedarf das mehrfach darüber Ges.ngte 
keiner Wiederholung, und auch philosophirende Buddha-philen, die von 
pessimistischer Verwandtschaftlichkeit sich angeheimelt fühlen, können ihrem. 
S( Ibstvernichtung anstrebenden, Zuge überlassen bleiben, da sie in den vier 
Wänden der Studirstube nur das Bild der eignen Augenlinse nachzuzeichnen 
sieb befleissigon, das als umgekehrtes bekanntlich auf dem Kopf steht und 
in einem Querkopf erst recht, weil doppelt verschroben (schief und schielende." 
Tin die Wissenschaft bei den noch ungeklärt durcheinander fahrenden An- 
sichten nicht noch in fernere Irrgänge hineinzuführen, bedarf es eben eines 
Mannes, wie Bastinn, der schon so manche tiefe Furche im Felde der Wis- 
senschaft gezogen hat, 

Der erste Band ist zwar unter dem Sondertitel : „It'isrn auf dir rn»-- 
derimlischrn llaUtimtl im Jahn- Isuo für rth>i»!<></i<rh< Studien und Sannitln/nj<- 
zirrch " erschienen, aber man würde sich ausserordentlich täuschen, wenn 



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57 



man in diesem Bande eine Reisebetschreibung suchen wollte. Bastian berichtet 
uns darin ausführlich, wie noch niemand vor ihm, über die religiösen Sekten 
Indiens, über ihre Entstehungsgeschichte, ihre Verbreitung, über ihre Heilig- 
tümer. Ein klares Bild gewinnen wir nach Lesung dieses ersten Bandes über 
die mehr oder weniger auffallenden Abweichungen der einzelnen Sekten von 
einander und über ihre besonderen Eigentümlichkeiten. Durch das Labyrinth 
indischen Sektenwesens führt uns Bastian mit sicherem Blick und mit 
sicherer Hand, so dass wir, anfangs eingeschüchtert vor der mühseligen 
Fahrt, am Ende derselben mit ihm sagen können (I. 268): „So schiebt sich 
Allerlei in seine naturgemass selbstverständliche Stellung ein, wenn unter 
controllirenden Prüfungen (geduldigen Geduldspiels) dahin passend (mit 
nachträglichen Rectifi cationen, wo nottuend), um die räumlich und zeitlich 
zerrissenen Fetzen des Völkergedankens in ein einheitlich zusammenhän- 
gendes Bild zu vereinigen für die „Geschichte des Menschengeschlechts" (in 
der „Lehre vom Menschen"), und aus Eingewobenheit in die Gesellschafte- 
wesenheit hätte sich dann das eigene Selbst des Einzelnen (und „Einzigen") 
daraus zu integriren, soweit das Wissen reicht bei fortschreitender Durch» 
bildung des logischen Rechnens (auf Unendlichkeitsreihen hinaus)." 

Der zweite Band führt den Sondertitel : „Ethnologie und Genchirhte in 
ihren Berührungspunkten. Unter Bezugnahme auf Indien." Hier gibt uns B. gleich- 
sam das Grundgerippe einer Entwickelungsgeschichte der Geschichtswissen- 
schaft, wobei eben der schlagende Beweis geliefert wird, wie die Ethnologie 
vicarierend für dieselbe einzutreten gezwungen ist. „Dem Menschen ist eben, 
als nächstes Forschungsobjekt, sein Eigenes, eigentlichst, hingestellt, der 
Mensch als Studium des Menschen, und der Schwerpunkt alles Wissens hat 
in diejenige Lehre zu fallen, die sich als die „Lehre vom Menschen" kenn- 
zeichnet. „Und dennoch fehlt gerade sie in der von den Wissenszweigen 
geschlungenen Corona. 4 * Sie hat die „Rassen<tualität mit ihrem typischen 
Sondergepräge zu berücksichtigen, „das von der umkreisenden Peripherie der 
geographischen Provinz im mikrokosmischen Centrum gespiegelt, " die Welt- 
anschauung jedesmal im Völkergedanken projiciert, Dabei ist nicht ausser 
Acht zu lassen, dass die Weltanschauung des Culturvolkes eine niessende 
ist die Gegenwart eilt rasch dahin, die Zukunft ist unbekannt, nur die 
Vergangenheit steht fest, und ihrerseits entschwindend (im historischeu Fluss). 
Die des Wildstainines dagegen ist stabil, einkrystallisirt in seine Umgebungs- 
welt. Ihr Studium gleicht deshalb dem des Krystalles, in scharfen Messun- 
gen unterscheid bar zu zerlegen, während im Geschichtsleben sich die For- 
schung einer Entwickelung zuwendet, im Zellenschwellen organischen 
Wachstums, um die Früchte der Civilisation zu zeitigen (nach Zeittgungs- 
phasen periodicirt) (II. 1<>)." Und weil eben die indischen Religionssysteme 
„dastehen als abgerundete Kunstwerke, wie aus einem Guss. Religion und 
Philosophie vereinend, mit Antwort auf all' die Fragen, welche das beküm- 
merte Herz zu bedrängen pflegen in dieser Welt des Leidens," so sind *ic 
in erster Reihe berufen, um abgerundete Reffexbilder der ethnischen Welt- 
anschauung zu projiciren, nach Religion und Kirnst, nach socialen Institu- 
tionen hin. Unter steter Heranziehung psychologischer Parallelen aus ethi- 
schen und rituellen Lehren, aus der Glaubenswelt anderer, sowohl wilder, 
als auch civilisierter Völkerschaften behandelt Bastian in diesem zweiten 
Bande auf breitester Grundlage die Vorstellungswelten des neuen und alten 
Indiens. Auch Geschichtsforscher werden den Inhalt dieses Bandes beher- 
zigen müssen, besonders was den so oft betonten und bis zum Lächerlichen 
herausgestrichenen objektiven und subjektiven Standpunkt der Geschichts- 
schreibung anbelangt (IL 21 ff.) Auch die „genealogische" und „analogische 
Schule" geht dabei nicht leer aus, und bei dem mythoplastischen Uebereifer 
unserer Tage können wir uns die Worte wol zu Herzen nehmen (II, HÜ) : 
„Allerdings ist (bei der überraschenden Uebereinstinimung von Mythen, Sit- 
ten und Ueberlieferungen bei räumlich und zeitlich einander ganz fernste- 
henden Völkern, die kein verwandtschaftliches, kein genealogisches oder 
sprachliches Band zusammenhält, die civilisirt und uncivilisirt, alt oder neu 
sein können) — das Studium, obwohl ein anziehendes, ein getährliches, 



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m 



so lange die Gesetze des organischen IVach&tutnsjtrocesses noch nicht festgestellt sind, 
»us denen sich indess das psgchiche Lehen der Menschheit zu entfalten hat, statis- 
tischer Unterlage (bei streng methodischer Forschung sorgsamster Controlle). 
Nicht Vermutungen üher mythologische Grundltegriffe (wie in der „analogischen"' 
Schule) genügen, da sonst in jedem roten Hahn ein Wodan krähen mag, son- 
dern tatsächlich gesicherter Betreisstilcke l>edarf es (wie aus psychologischen Ver- 
gleichungen sich ergebend.)" 

Der dritte Band hat den besonderen Titel : „Kosmogonien und Theogo- 
nien indischer Religionsphil osophitn (vornehmlich der jainist i sehen) ; zur Beantwor- 
tung ethnologischer Fragestellungen." Es ist dieser Band eine unerschöpfliche 
Schatzkammer für die religionsphilosophische Forschung. Nicht nur die dies- 
bezüglichen Anschauungen der Inder, sondern aller bekannten Völkerschatten 
des Erdballs, ob lebend, ob ausgestorben, sind hier in entsprechenden Fächern 
in übersichtlichster Weise für weitere Forschung aufgespeichert. Bei wei- 
terer Forschung aber — heisst es — muss ein einheitliches Zusammengehen 
von Ethnologie und Geschichte involvirt vorliegen (unter gegenseitiger Cont- 
rolle mit einander). „Im Uebrigen," sagt Bastian im Vorwort, „kann die Eth- 
nologie, wenn aus der ihr ethnographisch zugehörigen Domaine schriftloser 
Wildstiimme, in das Bereich der (Kulturvölker übertretend, dort zunächst 
nur das in dem Völkergedanken gelieferte Material vorbereiten, für sachkun- 
dige Behandlung durch die zuständigen Fachgelehrten jedesmaliger Special- 
forschung — jenes ethnologische Material, das zum Aufbau einer „Lehre 
vom Menschen" verwertet werden mag, nachdem die unter den Principien 
einer induetiven Methode (und deren Verwendungsweise auf die Völkerge- 
danken) in Durchbildung genommene Psychologie an die naturgeschichilichen 
Wissenschaften (zur Ueberführung in culturgesch ich fliehe) angereiht sein 
wird, zur Abrundung einer einheitlichen Weltanschauung, wie deren „natur- 
wissenschaftlichem Zeitalter" entsprechend (und den Fragen, die unsere Zeit 
bewegen)." Der Schwerpunkt des ganzen Werkes ist es eben, zu beweisen, 
dass sowohl in der Ethnologie, als auch auf dem religionsphilosophischem 
Gebiete im Geistesleben der Völker einzig allein die naturwissenschaftliche 
Methode der Forschung beobachtet werden kann und muss, weil sie allein 
uns zu den erstrebten Resultaten sicher hinzuführen imstande ist. 

Von den 22 Tafeln der höchst wichtigen und gelungenen Abbildungen 
sind jedem Bande mehrere beigegeben. Die Abbildungen sind auf 46 Seiten 
von Albert Grilnwedel in trefflichster Weise erklärt worden. Kurz, es ist ein 
Werk, das der Wissenschaft unseres Jahrhundert für immerwährende Zeiten 
zur Ehre gereichen wird. 

Budapest. //. r. Wlislochi. 

* 

Charles Godfrey Leland: Etruscan Koman Remains. London, Fisher 
Unwin, 181*2. VLn-f-HSo* S. 4°. (Mit zahlreichen, teilweise vom Verfasser selbst 
gezeichneten Illustrationen.) 

Altmeister Leland, dem Folklore viel mehr ist, als Gegenstand wissen- 
schaftlich kühler Forschung, ja mehr noch als Stoff künstlerischer Gestaltung, 
weil eben die reichste Fülle äusserer und innerer Erlebnisse — hat uns wieder 
mit einem ungeahnten Zauberhort überrascht. Der grosse Charmeur braucht 
nur seine Wünschelrute zu nehmen, und seit Jahrtausenden versiegte, oder 
doch versiegt geglaubte (Quellen der Ueberlieferung rieseln aus todtem Ge- 
steine, und versunkene Wälder mitsammt ihrem Feengevölk und Geister- 
spuk entsteigen der seit undenkbaren Zeiten über denselben lastenden Ver- 
gessenheit. Wer könnte da unter dem bestrickenden Banne hinreissender 
Darstellung, die durchdrungen von der suggestiven Wärme ehrlichster 
Ueberzeugung, auf Jeden, der nur ein Fünkchen vom höherem Zigeunertum 
des Verfassers mit ihm gemein hat, fascinierend wirkt, — wer möchte da, 
solang jener Bann nicht nachgelassen, mit kleinlich nörgelnder Skepsis an 
diesen Zauberhort herantreten und das geisterverscheuchende Wort mit 
unbeirrter Härte aussprechen, von dessen entnüchterndem Klange vielleicht 
die gesammte Herrlichkeit der heraufbeschwörten etrusko-römischen Ueher- 



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59 



lieferung in einen schönen Kün>tlertraum zertliessen würde ? Am wenigsten 
fühlen wir uns hiezu berufen, die im schier unentwirrbaren Knäuel der 
etraskischen Fragen auch nicht ein einziges Knötchen dieser für ewig rätsel- 
hatten Wampumschrift zu lösen fähig wären ; — am wenigsten drängt es 
uns, die wir von der beträchtlichen Menge über jeden Zweifel erhabenen 
folkloristischen Schatzes, der im Buche enthalten, mehr als befriedigt, weil 
freudig überrascht sind. — in allerletzter Reihe drängt es uns zu solchem 
kritisch sichtenden Verfuhren einem Werke gegenüber, das auch dann eine 
dankbar aufzunehmende Bereicherung überlieferter Kunde bieten würde, 
wenn es vor einem hiezu befugten Urteil seinem Titel nur in weit geringerem 
Maa.sse entsprechen sollte, als sein Verfasser es in ehrlichster Absicht und 
mit hingebungsvollem Eifer für seinen Lebenszweck meint. Und ist es denn 
wirklich so undenkbar und schwer glaublich, dass hier in diesem uralten 
Zauberlande, das von Irlands Springwurzel berührt, seine mit sieben Siegeln 
verschlossenen Türen auf einmal vor unseren geblendeten Augen auttut, — 
ist es denn gar so unerhört, dass hier Jahrtausende alt« Ueoerlieferungen 
durch Schichten mannigfachster Art und Herkunft, die sich über sie gelagert, 
Kraft ihrer angeborenen Zähigkeit hindurchgewachsen sind und dort wieder 
zu Boden treten, wo der kundige Schürfer sie ahnend sucht? 

Wir wollen uns diesmal gar nicht auf die Erörterung jener Frage ein- 
lassen, ob Tiniu, Trramo, Aplu, Faflnn, Cupra, Turanna, Alpena und wie sie 
Alle heissen, die von den Aesar und den ihnen untergeordneten „dii con- 
sentes" der alten Rasener oder Etrusker bei Leland als in dem Volksglauben 
der weiteren Umgebung von Firenze, näher bestimmt der Gegend zwischen 
Forli und Ravenna noch lebend dargestellt werden, — ob alle diese Götter- 
gestalten wirklich die Bestandteile einer seit vorrömischer Zeit bis auf den 
heutigen Tag on/anmh fortgeerbten Kunde des an seiner Scholle haftenden 
Volkstums sind. Diese, in mancher Beziehving auch irrelevante Frage ganz 
beiseite gelassen, können wir unsere ungeschmälerte Freude haben an den 
reichlichen Angaben, die Leland zur Bekräftigung jener unbestreitbaren 
Behauptung beibringt, dass — wie in Italien überhaupt und überall — so 
auch im toskanischen Gebiet „la vecchia religione," d. h. das alte Heidentum 
noch mit starken und lebenskräftigen Wurzeln in der Volksseele haftet und 
tortwährend neue Schösslinge zu treiben befähigt ist. Dies mit unwiderleg- 
baren Zeugnissen bewiesen zu haben ist das über jedo nachträgliche Berich- 
tigung im Einzelnen erhabene V erdienst des neuesten Leland'schen Werkes 
— ich hätte beinahe gesagt: des ittngsten und vielleicht schönsten Kindes 
der Leland'schen Muse. Das Buch liest sich nämlich durchweg wie die von 
olympischer Heiterkeit und stellenweise vom Sonnenschein göttlichen Humors 
beleuchtete Schöpfung einer echten Künstlernatur. Denn eine solche ist 
unser liebenswürdiger Hexenmeister, Ehrenzigeuner und Poet, der den 
Dichter in seinen wissenschaftlichen Untersuchungen solchen Erscheinungen 
gegenüber, die ein congeniales künstlerisches Erfassen fordern, stets hervor- 
zukehren versteht. Bedauernswert sind dabei nur diejenigen, weit prosaischer 
gearteten Naturen, die solchen Blüten des mit seinem Objekte sich ganz 
verwebenden und von ihm durchdrungenen Subjektes den eisigen Hauch 
ihres grundverschiedenen Wesens und die schonungslose Klarheit engerer 
Gesichtskreise entgegenbringen. Solchen ist die ergötzliche Abfertigung ge- 
widmet, welche der Verfasser in seiner Einleitung jenen Kritikern seiner 
Algonkin-Legenden erteilt, die in denselben eine peinlichere Genauigkeit 
der Wiedergabe erwünscht hätten. Beurteiler dieses Schlages dürften auch 
im neuesten Buche Lelands Manches zu beanstanden haben. 

laSIi. Mai. L. Katmia. 

$zinn\j*i Ji':."f, Magyar Tajsz6tar (= Wörterbuch der magyarischen 
Dialekte). Unter diesem litel gibt im Verlage der budapester Buchhandlung 
V. Hornvänszky der klausenburger Universitätsprofessor Szinnyei ein magya- 
risches f)ialektwüvttrbuch heraus, das berufen i>t, in der magj-arischen Phi- 



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'JO 

lologie, wie auch in der Volkskunde eine * bedeutende Lücke auszufüllen. 
Der über 80000 Artikel umfassende Inhalt gliedert sich nach folgenden 
Gesichtspunkten: 1. eigentliche Dialekt worte, die in der Umgangs- und 
Schriftsprache nicjjt vorkommen und nur im betreffenden Dialekte existieren : 
2 Dialektworte der Bedeutung nach, d. h. Worte, die in der gewöhnlichen 
Sprache wohl vorkommen, aber im Dialekt« eine ganz abweichende Bedeutung 
haben, 3. Dialektworte der Form nach. d. h. Worte, welche im Dialekte 
eine phonetisch abweichende Form aber dieselbe Bedeutung wie in der 
Bücher- Sprache haben. Nebenbei wird die Ammensprache (Kindersprache) 
Berücksichtigung linden, ebenso die dialektischen Formen der Taufnamen, 
die Eigennamen der Tiere, die Lock- und Schenchrufe für Tiere. Wir Volk- 
forscher freuen uns im Vorhinein auf dies für uns so wichtige Werk, be- 
dauern abei-, dass wir ungefähr 5 Jahre lang warten müssen, bis dies Buch 
uns complet vorliegt, nachdem es in jährlich circa 3 Heften zu 10 Bogen 
(a 2 Kronen per Heft) in zwanglosen Zeiträumen erscheinen wird. Wir kön- 
nen dies bedeutsame Werk eines der tüchtigsten magyarischen Sprachkenner 
allen Volksforschern aufs Wärmste anempfehlen. A. H. 



Kiihiidin/ LajoH. Vilagnnk alakulasai nyelvhagyomanyainkban. Mytholo- 
giai tanulmany. (Die Gestaltungen unserer Welt in unsern Sprachüberlie- 
terungen. Eine mythologische Studie) Szeged, i«!»3. 75 S. gr. 8° Preis 1 
Krone. — A csillagok nyelvhagyomanyainkban. Neprajzi tanulmany (Die 
Sterne in unsern Sprachüberlieferungen, Eine ethnographische Studie). Szeged. 
1893. 2(>S. 8". Preis 10 Heller.— Wir hatten Gelegenheit, den wesentlichen Inhalt 
dieser eine reiche Fülle überraschender neuer Daten enthaltenden wichtigen 
Studien noch vor der Verötf'entlicnung im Original auch denjenigen Volks- 
t'orschern zugänglich zu machen, die der magyarischen Sprache nicht mächtig 
sind. (S. ,. Ethnologische Mitteilungen aus Ungarn 14 II. 3—11, 13!» — 14«. — Mit- 
theilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien. 181*3. Sitzungs- 
berichte. 10—12. — Globus. 18! »3. 333—388. — Am Cr<|uell. 1893.) Indem 
wir hiemit das Erscheinen dieser für die noch immer wenig gepflegte Kenntnis 
magyarischen Volkstums so bedeutsamen Specialstudien einfach registrieren, 
können wir nicht umhin, zu bemerken, dass der Verfasser, der eifrigste und 
glücklichste Sammler und Bearbeiter magyarischer Volkstiberlieferungen, 
•>eit 1« Jahren als armer Dorfkaplan in verschiedenen Gemeinden Südungarns 
(gegenwärtig in Nemet-Elemer, Torontaler Komitat) dem nicht nur schwie- 
rigen, sondern auch ziemlich kostspieligen Berufe der Volkserforschung in 
erspriesslichster Weise obliegt. Noch tüchtigeres könnte Kaiman leisten, 
wenn er in sorgenloser Stellung noch mehr Müsse und Geld auf seine Stu- 
dien verwenden könnte. Eine grosse Stadt, der Kaiman das geistige Erbe 
ihrer Vorzeit, die köstlichsten Schätze der Volksüberlieferung gerettet 
und in mehreren Bänden zum Gemeingut heimischer Wissenschaft gemacht 
hat, hätte unlängst Gelegenheit gehabt, Kaiman zum Seelsorger zu gewinnen. 
Aber Abderitismus und persönliche Nebeninteressen vereitelten das hierauf 
gerichtete Streben der Besten, hie Masse hat dort eben noch keine Ahnung 
von der hohen Bedeutung des Volkstümlichen, noch davon, wie ausseror- 
dentlich wichtig die Volkspsychologie, das verständnisinnige, tiefe Kingehen 
auf die Volksseele für alle ist, welche leitend, bildend, vervollkommnend, trö- 
stend auf das Volk einzuwirken berufen sind, in allererster Reihe für den 
Seelsorger. A. U. 



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Magyarische Zeitschriften aur Volkskunde. 

Ethnographia.' Organ der Gesellachalt für die Völkerkunde Ungarns und 
des ungarischen Nationalmuseums. Vierteljahrlich ein Heft, 5 Bogen, mit 
Illustrationen. Mitgliedtaxe jährlich 3 fl. — m. Jahrgang, 1892. September- 
Dezember. 7—10. Heft. (Den Inhalt der Hefte 1—6. s. Ethnol. Mitt. II. 
3. Heft, Umschlag). Redacteur Dr. J. Jankö. — Xantus J., Geschichte der 
ethnogr. Abteilung des ung. Nat. Museums und Vorschlag bezüglich der 
Zukunft derselben. S. 298. — Herman Otto, Meisterwerke ungarischer 
Hirten, S. 310. — Jankö J., Mitteilungen aus. dem ung. ethnogr. Museum. 
I. FischereigerÄte aus Neu-Seeland, S. 321. — Beledi P. M. Orientalische 
Motive iu einem westlichen Märchen, S. 326. — Goldziher I., Die ethno- 
graphischen Beziehungen der vergleichenden Mythologie. S. 335. — Istvanfty 
Oy., Beilage zum Aberglauben der Palovzen. S. 351. — Wlislocki-Dörfler A., 
Kalotaszeger Volksglauben, S. 302. — Besprechungen: A. R. Hein, Die bil- 
denden Künste bei den Dayak, von J. Jankö. S. 367. — Vereinsangele- 
genheiten. — IV. Jahrgang. 1893. Jan.— März. Papai K., Der Holzbau der 
Palovzen. S. 1. — Munkacsi B., Die Urreligion der heidnischen Wogulen. 
S. 32. — Jankö J., Finnische Fischereigeräte, S. 55. — Popovioh M. Gy., 
Ivanyt und die Ethnographie der Bunyevaczen, S. 60. — Lazar B., Entgeg 
nung, S. 66. — Wl. H. Die ethnographische Abteilung der Millen» ialaus- 
stellung, S. 68. — Litteratur : Bogdanov A., Die älteste Menschenrasse Mittel- 
vusslands, von Jankö J. S. 70. — Repertorium von Herrmann A. S. 76. — 
Verein sangel egen h eiten . 

ErSly. (Siebenbürgen). Zeitschrift für Turistik, Balneologie und Eth- 
nographie (von Siebenbürgen). Organ des Siebenbttrgischen Karpathen- Vereins 
(in Kolosvar.) Illustrierte Monatsschrift. Mitgliedgebühr .jährlich 2 fl. Fach- 
referent fftr Volkskunde: A. Herrmann. Der I. Jahrgang (Redacteur D. Rad- 
nöti) 1892. enthält, an ethnographischen Mitteilungen : Czirbusz G., Ethnogra- 
phische Sonderbarkeit. S. 203. (Der Szolcsvaer Rumäne nimmt den Namen 
seiner Frau an, wenn er in deren Besitz hineinheiratet). — Hiezu Beitrag 
von Jankö J. S. 300. (Ahnliches aus Kalotaszeg.) — Jankö .1. Über das 
Ungarntum in Kalotaszeg und in Siebenbürgen, S. 21, 63. 116. Hierüber noch 
S. o4. — Gr. Kuun G., Über die Brodnik. (Rumänen in Siebenbürgen). S. 8. 
— Hiezu noch Veress G. S. 382. — Wlislocki H. Die Wanderzeichen der 
siebenbürgischen Zeltzigeuner. S. 3H. (Aus Ethnol. Mitt. II. 133.) — Bericht 
über Herrmanns ethnographische Studienreisen und Vorträge in Sieben- 
bürgen, S. 53, 102. — Anzeige und Besprechung von PubTicationen zur 
Volkskunde Siebenbürgens. - II. Jahrgang (Redacteur Veress Endre) 1898. 
1—5. Heft. Hemnann A., Der Höhenkult bei den Völkern Siebenbürgens. 
I. Sachsen, S. 24. II. Zigeuner, S. 100. IDT. Magyaren. S. 137. — Veress E., 
Die Rumänenfrage in Ungarn, S. 41. — Rosenberger Fani, Die Sage von 
Leanyvar, S. 149. Litterarische Anzeigen. — Dieser sehr reichhhaltigen 
Zeitschrift gebührt das Verdienst, die grosse Bedeutung der Volkskunde für 
die Turistik nachdrücklich betont zu haben und zielbewnsst zur Geltung zu 
bringen. 

tipittezeti Szemle. (Revue für Bauwesen). Herausgegeben von J. Bobula 
in Budapest. Illustrierte Monatsschrift. Jährlich 8 fl. I. Jahrgang, 1892. 
Herrinann A. Die Architekten im Dienste der Volkskunde, S. 15. — H. A. 
Hausbau in der Provinz S. 121. (empfiehlt die Anwendung volkstümlicher 
Stile und Motive) — H. A. zum Studium des Gewohnheitsbaues, S. 216. — 
Der zweite Jahrgang wurde bisher vom Hilfsredacteur A. Herrraann geleitet,' 
der diese Zeitschrift zu einem bedeutsamen und in seiner Art einzigen Organ 
für das Studium des volkstümlichen Baues in Ungarn gestaltete und mit 
sehr instructiven Abbildungen, hauptsächlich von interessanten Holzkirchen 
in Ungarn versaK I — V.Heft. Papai K. Der Holzbau der Palovzen und die Ent- 
wicklung des ungarischen Hauses, S. 13. — H. A. Die Gebäude der ethno- 
graphischen Ausstellung in Budapest 1896. S. 18. — Huszka J., Szekler 
Kunst. S. 20. — Lehoczky T., Holzkirchen in Oberungarn, S. 45. — Wlislocki 
H. Die Bauart unserer Zigeuner, S. 68. — Arrivederci, Hausbau am Karst, 
S. 75. — H. A. Zur Geschichte unseres volkstümlichen Bauwesens, S. 85. — 
Jankö J. Dur Gewohnheitsbau in Torda, Aranyosszek u. Toroczkö, S. 9(i. — 
T. K. Beiträge zur Geschichte des ungarischen Bauwesen« im Mittelalter, 
S. 107. — Papai K. Der Holzbau der Palovzen. S. lltf. 



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In dem Verlage von Emil Felber, Berlin, 8. W. 4*», Halleache-Strasse 4. 
ist erschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen : 

IDEALE WELTEN 

NACH UllANOGRAPHISCHEN PROVINZEN IN WORT UND BILD. 
ETHNOLOGISCHE ZEIT- UND STREITFRAGEN. 
NACH GESICHTSPUNKTEN DER INDISCHEN VÖLKERKUNDE 

von 

A. BASTIAN. 

Drei Bftnde, grösstes 8° mit 22 Tafeln. Ladenpreis 45 Mark. 

Band I. 

Reisen auf der Vorder-indischen Halbinsel im Jahre 18f0 für ethnolo- 
gische Studien und Sammlungszwecke. Mit *J Tafeln. 

Band II. 

Ethnologie und Geschichte in ihren Berührungspunkten unter Bezug- 
nahme auf Indien. Mit 9 Tafeln. 

Band. in. 

Kosmogonien und Tbeogonien indischer Religionsphilosophien (vor- 
nehmlich derjainistischen). Zur Beantwortung ethnologischer Fragestellungen. 
Mit 4 Tafeln. 



Am Urquell. Monatschrift für Volkkundr. Herausgegeben von Friedrich S. 
Kraus«. (Wien, VII. Neustiitgasse 12) Preis ganzjährig 1 Mark oder 5 Kronen. — 
Diese billigste und interessanteste Zeitschrift tür Volkskunde sei allen Volks- 
forschern und allen Freunden des Volkstümlichen aufs angelegentlichste 
empfohlen. 



INHALT. 



Anton Ilnrmann. Als Vorwort I 

Erzherzog Josef, Mitteilungen über die in Alcsüth angesiedelten Zelt- 
zigeuner ii 

Pmf, J>r. Aurtl r. Torölr, Der palaeolitbische Fund aus Miskolcx und die 

Frage des diluvischen Menschen in Ungarn (Mit <» Figuren) ... 8 

Dr. Heinrich r. Wlitlocki, Neue Beiträge zur Volkskunde der Siebenbürger 

Sachsen 10 

Dr. Fr. S. Kraus*, König Mathias und Peter Gereb. Ein bulgarisches 

Guslarenlied aus Bosnien 46 

.-!. If., Dokumente zur Geschichte der Zigeuner. 1 55 

Litteratur : Ad. Bastion, Ideale Welten, von H. v. Wlislocki 5ü 

t'/i. (i. Lelantl, Etruscan Roman Reinains, von L. ^-Jonu .... 58 

Szinnt/ry ./., Magyar Tajsz6tai% von A. H 6W 

h'uhiulny Lajnn, Vilagunk alakuiasai, und: A esillagok nyeivhagyo- 

manyainkban, von A. H. . (!Ü 



Auf dein Umschlag: An die Mitglieder der «Jypsy Lore Soeiety. — Mngvarische 
Zeitschriften zur Volkskunde. — Annoncen, 



IIJ. BAND. 



1893. Juli. 



3-4 HEFT. 



Ethnologische Mitteilungen 

aus Iii lgarn. 

Zeitschrift für die Völkerkunde Ungarns 

der damit in ettnograpiilsenen Belebungen stehenden linder. 

Unter dem Protektorate und der Mitwirkung 
Beiner kaia. und kOnigl. Hoheit des Herrn Erzherzogs Jcsef 

redigierr uml herausgegeben, von 

Prof. Dr. Anton Herrmann. 



Monatlich 1 2 Hefte. 2-4 Bogen. Pres des III. Bandes (1893) 8 Kronen 
o. 3 Mark; für Mitglieder irgend eines Vereins für Volkskunde 6 Kronen 
- oder 6 Mark. Wird auch irn Tausch ß-egen Publikationen zur Volks- 
kunde ab^e^eben. Nur direot vom Herausgeber zu beziehen 



H.'.lsriion un.l A.lmiiiNTrjttinu : 

huclnpost, I., S / n 1 1 • C >• (i r « y - u t c / n 2. 

i 

i. 

Budapest, 1893. 

Riit;liclrticfUc*roi Me/ei Aufil. 



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An die g. Mitglieder der „Gypey Lore Society." 



Nachdem das Journal unserer Gesellschaft nach dreijährigem 
Wirken vor einem Jahre eingehen musste, ist die Zigcunerkuudc 
wieder ohne eigenes Organ geblieben, und diese Lücke wird von den 
Zigeunerforschern ausserordentlich lebhaft empfunden, Um diesem 
fühlbaren Mangel im Wesentlichen abzuhelfen, geruhte c^et* erlauchte 
und höchstverdiente Förderer und Pfleger der Zigeunerkunde, Seuie 
kaiserl. und königl. Hoheit, Herr Erzherzog Josef der von AnUm 
Hertmann gegründeten Fachzeitschrift „ Ethnologische Mitteilungen 
aus Ungarn, " welche Jahre hindurch der Wissenschaft von den 
Zigeunern eine hervorhebende Beachtung angedeihen liess, aber 
bisher der Ungunst der Verhältnisse wegen nicht erwünsehter- 
maassen erstarken konnte, die materiellen und moralischen Bedin- 
gungen des erspriesslichen Gedeihens endgiltig zu sichern. Die ge- 
nannte Zeitschrift erscheint unter dem Protectorate und der Mit- 
wirkung Sr. Hoheit auch femer unter der Redaction von Anton 
Herrmann, dem der Zigeunerforscher //. r. Wlislocki als ständiger 
interner Hauptmitarbeiter zur Seite steht, vom Juni I. Jahres au in 
Budapest regelmässig in halbmonatlichen Heften. Die »Ethnolo- 
gischen Mitteilungen * wollen den Gypsy-Lore von nun an in noch 
hervorragenderer Weise pflegen und sich zum Organ internationaler ' 
Zigeunerkunde gextalten, wofür die Namen der erwähnten drei Forscher 
die sicherste Bürgschaft bieten. 

Wir Unterfertigte ersuchen alle Mitglieder der ^Gypsy Lore 
Society", die genannte Zeitschrift bestellen und ihr je häufiger Ar- 
beiten aus dem Gebiete der Ciganologie zuwenden zu wollen. Die 
Mitglieder unserer Gesellschaft können diese ausserordentlich reieb-, 
haltige Zeitschrift zum ausnehmend billigen Preise von 3 II. Ö. W. 
(h* Kronen, 6 Mark, 5 Sh, 7 Frcs) jedoch nur direct vom Heraus- 
geber Anton Hert mann (Budapest, I. Szent-György-utcza 2.) beziehen. 

David MacRitehie Charles G. Leland 

Hon. Secretttr. Präs. «ler Gypsy Lore Society. 

1 
\ 

Bureau der Gesellschaft für die Völkerkunde Ungarns. * 

Vorstand: Graf Geza Kuun. \ orstandstell Vertreter: A. Herrm&nu und 
B. Munkacsi. Secretitr: B. Vikar (Budapest, I., Gelltithfgy lO.HJs, Villa Vikir). 
Sclirii'tfiihrer: G. Nagy. Cassier: A. Papp. Bibliothekar: .1. Jankö. Hedactt-tire 
des Vnri'insorgjiitB „Ethnographia": A. Horrinann und J. Janku. 



: 



: 



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I 

i 



Ethnologische Mitteilungen ans Ungarn. 



UNTER OEM PROTECTORATE UNO DER MITWIRKUNG 

iSr. kais. 1 1. Icönigl. Holneit de® Herrn Erzherzogs Josef 
REDIGIERT U. HERAU$GEGEBEN VON &NTON J^ERRMANN. 



m. Band. Budapest, 1893. Juli. 3—4. Heft. 



Ueber die heidnisohe Religion der Wogulen. 1 

Von Dr. B. Munkdcsi. 

Nach den amtlichen Ausweisen sind die Wogulen heute schon 
Kristen. Die Anfange ihrer Bekehrung greifen in jene Zeit zu- 
rück, wo sie zum erstenmal mit den Russen in Berührung kamen. 
Schon in jenen Raubzügen, welche die Nwogoroder im 12. Jahr- 
hundert ins Land der Juguren unternahmen, kann man Spuren der 
Beteiligung von Priestern nachweisen, die dort wohl nicht nuV 
den Lagerdienst zur Aufgabe hatten, sondern auch, dass sie die 
Kirchen — welche nach Brauch jener Zeitperiode auf erorberten 
Gebieten als Zeichen der Unterwerfung erbaut zu wei den ptlegten — 
einweihen und der Kirche Anhänger verschaffen. 2 Aber der religiöse 
Einflnss der Nowgoroder, konnte hier ebenso wenig erstarken, als 
ihre äussere Herrschaft; und auch der Bekehrungseifer des hl. 
Gerasim, den er in dieser Sache als Bischof zu Perm im An- 
fang des 15. Jahrh. bei den Wogulen entfaltete, scheint von 
keinem grossen Erfolge gewesen zu sein. Voj# intensiverer Wir- 
kung auf das geistige Leben der Wogulen ^^^T)stjaken waren die 
Tataren des sibirischen Khanats, durch derc^^ ermittlung die Lehren 
des Islam in der Weise sich zu verbreiten begannen, dass man 
Spuren davon auch in Brauch und Sprache der Wogulen nach- 
weisen kann (z. B. im Konda-Wognlisehen Kuoreü Buch, arab. Koran. 
Buch, Koran : oyer-sameu Tag des jüngsten Gerichts, arabisch : 
dyer zemän Ende der Zeit : asraj Teufel : azrdit Todesdämon ; ogSel 
Tod : ar. e el Tod, Todesstunde usw.) Aber die formalen Bekehrun- 

1 S. Ethnographia. 1SÖ3. S. 32. ft'. 

2 Quellen: Kratkoje opiaanjije o narodje astjackoin, socinjennoje Grigorijetn 
Novickim t> 1715 godu. (Kurze Beschreibung des Ostjaken- Volkes, welche Gr. 
Novicki im Jahre 1715 verfasst hat.) Herausgegeben von L. Majkov, Peters- 
burg 1884. — Opisanjije ' Berjozorskavo Kraja (Beschreibung des Gebietes von 
Berezov). Verfasser N. A. Abramov. Erschienen 1858 im XII. Bd. der „Za- 
piski" der Geograph. Gesellsch. zu Petersburg. — Materialy dlja jittoriji yristi 
Anskato prosvjescenija Sibirji so vremenji pokorenija ejo v 15*1 godu do nacala 
XIX. stoljetjija. (Beiträge zur Geschichte der kristl. Aufklärung in Sibirien 
seit dessen Eroberung im J. 1581 bis zu Anfang des XIX. Jahrh.) Von N. 
Abramov. 1854. — Snosenjija Novgoroda Veljikavo 8 jugorskoj zjemljej. ( Das Ver- 
hältnis Gross-Nowgorod's zum ugrischen Lande. Iiistor. -geogr. Skizze zur 
ältesten Geschichte Sibiriens.; Von A. Oksenov. Erschienen in dem von N. 
M. Jadrincev herausgegebenen: Ljitjrraturnyj Sbornjik, Petersburg, 1885. 

Ethnol. Mitteil. a. Ungarn III. 5 



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62 

gen. welche -eitens des Mohamedanisinus um die Mitte de- 15. Jahr- 
hunderts Ahmet Girej, der Bruder des letzten sibirix ln 11 Khan's, 
Köcüih. begonnen hatte, erreichten gar hald ein Knde durch das 
Vordringen der Hussen. 15S1 eroberte Jermak Tinmfejer, Anführer 
einer Kosaken-Häuberbande die am Zusammcntluss des Tobol und 
Litis erbaute tatarische Hauptstadt, Sibir. worauf ein Teil der wu- 
gulischeu und ostjakisehen Häuptlinge sich freiwillig ergab, ein an- 
derer Teil aber gezwungen war der vordringenden Waflenmacht 
nachzugeben. Die Küssen vernic hteten nicht, sofort die kleinen ug- 
rischen Fürstentümer, deren Herren ihnen unter den bestehenden 
Verhältnissen gute Dienste leisten konnten in der Verwaltung der 
Gegend und beim Eintreiben der Kellsteuer (jazak.) Als Gegendienst 
für genossene Schonung, und um die Gunst ihrer Beherrscher 
auch fernerhin für sieh zu erhalten, zeigten sich die ugrischen 
Fürsten allmälig auch zur Annahme des Kristentums geneigt. Schon 
zur Zeit der Regierung Feodnr lianovic'x trat der obdorsker Fürst, 
mit späterem Namen Vasilij in den Schoss der orientalischen 
Kirche über, der aus Moskau in sein Vaterland heimkehrend, da- 
selbst auch eine Kirche zu Ehren des gleichnamigen Heiligen er- 
bauen liess. Seinem Heispiel folgten die Mutter und der eine 
Sohn des Fürsten am Mittel-Ob (Kondin) Jiyi'tj. des Sohnes Alai's. 
nach deren Heimkehr der Fürst selbst nach Moskau reiste und sieh 
taufen Hess. Heimgekehrt liess auch er 1602 eine Kirche baucn.und 
sandte auch noch seinen anderen Sohn in die russische llesidenz- 
stadt, der dort eine Hofwürde erhielt. Aehnüche Fälle wiederholten 
sieh im Laufe des 17. Jahrhunderts mehrmals, aber sie waren 
schliesslich doch nur isolierte Ausnahmserscheinuiigeu ; in der Volks- 
masse selbst aber erwachte die Neigung zur neuen Keligion nicht 
im Geringsten, ja selbst Nachkommen der bereits Getauften fielen 
ins Heidentum zurück, z. \i. die der erwähnten obdorsker Fürsten, 
nach dessen Nachfolgern Maninil:, MoVuk, Gynda* Turnhaida nur 
Tajsa, der Ahne, der später unter dem Namen Tajsin berühmten 
Fürstenfamilie, 1714 wieder das Kristentum annahm. 

Krnster nahm sich der Kekehrungssache erst Peter der Grosse 
an, der mit seinem politischen Scharfsinn wahrnahm, dass es zum 
Gedeihen seiner Nation unendlich viel beitragen würde, wenn die 
Kristianisierung der sibirischen Heiden durchgeführt werden könnte. 
1706 sandte er daher eine Verordnung an den berjozover Militär- 
kommandanten, damit dieser den an den ( fern der Sigva regieren- 
den nordwogulischen Fürsten. Sek na und den obdorsker Fürsten 
Tuvahalda vor sich lade und sie frage: ob sie geneigt sind sich 
zum Kristentum zu bekehren. Diesem Befehle folgten bald Missio- 
näre nach, welche der sibirische Metropolite Fl/ofej Jss inskij unter 
die Wogulen und Ostjaken aussaudte. Aber wie das seit 1657 be- 
stehende kondiner Kloster, so hatten auch diese neueren Vorkeh- 
rungen gar wenig Krfnlg bezüglich der religiös»Mi Aufklärung des 

' y = tiet'lauteu'les i. 



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Volke* aufzuu ei*cn. bis schliesslich Lescinskij selbst seine Metropole 
verliess und die Sache selbsl in die Hand nahm. Ln der Hand den 
kaiserlichen l T kas. welcher die Ausrottung der ostjakischen und \vo- 
guliscbcn Götzenbilder anordnet, macht er sich 1712 zu Schiff, von 
zahlreicher Mannschaft begleitet, auf seinen apostolischen Weg und 
zwar den litis abwärts zum Ob-Fluss. Ungeheuerer Schrecken be- 
mächtigte sich der Ostjaken. als sie die grosse Gefahr bemerkton, 
die ihrer alten Kcligion drohte, und ihre Aufregung steigerte sich 
beinah«' zu einer Empörung, als sie wahrnahmen, dass die Hussen 
ihre heiligen Stätten und Gegenstände zum Kaub der Flammen ma- 
chen. An mehreren Orten schaarten sie sich zu bewaffnetem Wider- 
stand zusammen und waren bereit selbst auf Kosten ihres Lebens 
ihre Götzen zu verteidigen ; indessen sahen sie noch bei Zeiten ein, 
dass dem ausgesprochenen Willen des Garen gegenüber jeder Wider- 
stand fruchtlos sei. ja vielleicht zum verhängnisvollen Untergang 
des ganzen Volkes führe, und sie ergaben sich allmächtig in ihr 
Loos. Viele jedoch, deren Gewissen sich mit den neuen Zuständen 
nicht befreunden konnte, flüchteten in das Gebiet von Obdorsk, wo 
sie mit vielen tausend Ostjaken und Samojeden zusammen auch 
noch heutigen Tages einen starren Hamm gegen die Ausbreitung des 
Kristentums nach dem Norden hin bilden. 1714 bekehrte LesÖinskij 
und seine Priester die pelimer, unterlosvaer. tavdaer. sowie die in 
den Gebieten der Sosva und Sigva Flüsse wohnenden nördlichen 
Wogulen : und schliesslich 1715 nach schweren Kämpfen die kon- 
<laer Wogulen. Auf welche Weise diese Bekehrungen geschahen, 
das stellt uns ein von Itoiuhj aufgezeichnetes wogulisches historisches 
Lied recht charakteristisch dar, dessen Held wahrscheinlich kein an- 
derer ist. als der bekannte, letzte kondaer Fürst .Sr//>X. 1 Wir teilen 
hier die t'ebersetzung dieses Liedes mit: 

Lied beim Taufgang. 

iPernün tum «ry'). 

Auf der vielgegendigen Erde überall, so höre ich, Mann : 

viereckige eckige Kreuze erwähnt man. 

Auf vielgegendiger Frde Gegenden überall, so hör' ich : 

1 Ueber den energischen "Widerstand Salik's, oder wie ihn die Rus- 
sen nennen Satiga's, schreibt ausführlich Novicky, woher wir erfahren, dass 
derselbe auf Aneiferung eines tobolsker Tataren ungefähr 000 bewaffnete 
Männer um sich geschaart habe, um — wie es heisst — den Missionär, den 
Erzbischof. samt seiner Begleitung niederzumetzeln. Diesen Plan verriet ein 
Wogule den Missionären, die erschreckt vom angetretenen Wege zurückzu 
kehren beabsichtigten; aber sie führten ihre Absicht in der Furcht davor 
doch nicht aus, dass sie nämlich durch das unter-kondaer. bereits getaufte 
Volk, vernichtet werden, sobald man ihre Flucht bemerkt. Als sie am 
Fürstensitze einlangten, so wagte der Fürst und sein Volk doch nicht den 
Kampf zu beginnen, sich vor der bevorstehenden Todesstrafe fürchtend. 
„I)u, w sprachen sie, laut Novicky. zum Fürsten. — „du tobst und willst mit 
dem Kaiser hadern: du selbst wirst deshalb sterben und wirst dadurch auch 
uns zu Grunde richten!" 



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'J4 



viereckige eckige Kreuze 
5 hängt man jedem an : 

In meinem von meinem Mann-Vater gezimmerten, 
aus einem Zimmer bestehenden Balken-Hause 
sass ich, Mann. — (Da auf einmal nur) irgendwoher erhebt sich, 
mächtig schallender, schalliger donnernder Lärm erhebt sich. 
10 Auf den Marktplatz meiner marktplatzversehenen Stadt 
geh' ich hinaus ; 

mit meinen schwarzen Johannisbeeren gleichenden beiden (Augen) 

zu meinem Erhabenen-Himmel-Vater blick* ich empor : 

wie gross eines Leuciscus-Fisches Aug' ist, nicht so viel YY'olken- 

15 Dasein erblick' ich. [stückleins 
Ans Ende der unteren Stormwendung, dahin seh" ich : 
dem Schnabel einer Henne ähnliches, schnabligcs ausgezeichnetes 
ist von dorther erschienen. [Schiff 
Starke Flinten mit eisernem Innern 

20 lässt man erdröhnen von dorther: 
Viele Kanonen mit eisernem Innern 
lässt man erdröhnen von dorther: 
unsere Mutter Schwarz-Erde erzittert nur so darob. 
Meinen seh wareisernen pfeilbesetzten Köcher 

25 in meine beiden zehnfingrigen Hände nehmend. 

stell' ich Mann mich an die Spitze der sich erhobenen Schaar, 
und wende das huhnschnablige ausgezeichnete Schiff zurück. 

Dann ein aus zwei Stuben bestehendes Balken-Haus 
erbaue ich, Mann ; 
30 in diesem aus zwei Stuben bestehendem Balken-Haus 
lieg' müssig ich, Mann. 
(Auf einmal) irgendwoher erhebt sich, 

mächtig schallender, schalliger donnernder Lärm erhebt sich. 
Ich gehe abermals hinaus : 
35 im blossen aus russischer Leinwand bestehenden Hemde ans 
dorthin blick" ich: [Ende der unteren Stromwendimg, 

sieh da! viele Kanonen mit eisernem hinein 
erdröhnen dorten. 

Als ich die Geistesgegenwart verloren hatte : 
40 gestutzt-schössige zwei Kosaken 
ergriffen mich irgendwie, 

wie eine in diesem Sommer ausgebrütete. sich zu erheben un- 
ergriffen sie mich irgend wie. [fähige Kriechente 
Als ich genauer umblickte : 
45 den verdammten Bischof, ihn selber brachte mau. 
Was man meinem Vater nie anlegte, FussM-hellen 
legte man mir an. dem Manne an ; 
an hundlngerglcichc, unflätige Stätte 
warf man mich, den Mann. 



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*5 

50 Lange oder kurze Zeit trug man mich. 

v<m meines Mann-Vaters 7 (Sehatz) Kisten das letzte (übrigge- 

Kistchen nehm' ich mit mir. [bliebene) 

(Einmal nur) ins Innere jener vielerwähnten. 

dem strahlenden Morgenstern gleichenden Stadt Tobolsk 
55 gelange ich, Mann. 

Was mein Vater nie gesehen, 

ins Innere irgendeines lausigen Hauses 

wirft man mich, den Mann. 

Eine sich erneuernde Mondwoche hindurch 
60 ernähre ich, Mann, dort die Läuse. 

Die mein Vater gefüllt hat, 

der viereckigen Schatzkiste Ecken 

leere ich aus. — Dann 

ein seidenknöpfiger mächtiger Herr tritt zu mir herein. 
05 Wie ein zungenhängendes zungiges Tier. 

so fleht er dort zu mir, dem Mann. 1 

Die mein Mann-Vater gefüllt hat, 

der viereckigen Schatzkiste Oeffnung 

ward weiträumig (d. h. das Geld verschwand). 
70 Womit mein seidenknöpfiger mächtige Herr 

sich unten am Halse zu knöpfen pflegt. 

mit solchem brotförmigen Knopfe 

knöpfelte ich mich. 2 

Viereckiges goldenes Kreuz 
75 hängte ich dort mir um, mir dem Manne. 

Die mein Vater (als Opfer vor die Götzen) zu stellen pflegte, die 

[an Füllenfett reiche Schüssel 

ist nun bis zum tausendsten Tage des Gottes (für immer) wegge- 
blieben. 

Nach Leseiuskij's Tode schickte dessen Nachfolger, der Metro- 
polite Anton Sfachocxkij der hl. Synode den Bericht: „In Sibirien 
wurden ungefähr 40,000 Andersgläubige getauft und unter ihnen 
37 Kirchen erbaut. Die Andersgläubigen wurden weder durch Ge- 
walt, noch durch Furchteinjagen oder sonstige Androhungen zum 
Kristentum bekehrt, sondern einzig und allein durch des Evan- 
geliums Verkündigung und infolge seiner eigenen Bemühungen * 
(Abramov). 

Seither sind nahezu 180 Jahre verflossen, in welcher Zeit im 
Interesse der Kultur der Wogulen nichts anderes geschehen ist, als 
dass man in die volkreicheren Gegenden Pfaffen mit gehörigem Per- 
sonal aussandte, die — wie alle Reisenden im allgemeinen erfahren 
haben — überall, wo sich nur Gelegenheit bot, wahrhafte Tyrannen 
des Volkes wurden. Auf dem ganzen riesigen Gebiete, welches die 
Wogulen bewohnen, gibt es heutzutage weder eine Schule, noch 

1 <1. h. er überredet mich zur Taute. 

'-' <1. h. zur Taufe gab man mir prächtige Kleider. 



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66 



Landstrassen, noch einen Arzt oder auch nur (»inen Chirurgen, noch 
einen Gewerbtreibenden, ja selbst einen Schmied findet man nicht 
vor, obwohl die Wogulen des ganzen südlichen Gebietes Pferdezucht 
betreiben. Wo unter die Wogulen sich Russen niedergelassen haben, 
dort verschwanden jene entweder. spurlos bis auf den letzten Mann, 
wie z. B. im Gebiete der Flüsse Cusovaja und Tura. der südlichen 
Sosva und im Gebiete der oberen Tavda (wo ja doch an letzteren 
Orten noch Ifajult/ wogulische Gesänge aufzeichnen konnte), oder 
sie sind dem Aussterben gar nahe, wie z. B. an den Flüssen Losva 
und Pelim, im Gebiete der unteren Tavda, wo ungefähr nach einein 
Halbjahrhundert kaum mehr als anthropologische Spuren und geo- 
graphische Namen Zeugen der einstigen ethnographischen Zustände 
sein werden. In Anbetracht solcher Verhältnisse ist es gar leicht 
verständlich, dass das Wogulentum dort, wo es sich in grösseren 
Gruppen aufrecht erhalten hat — wie z. B. am Oberlaufe des Konda- 
und am Laufe des nördlichen Sosva-Flusses — mit Selbstbewußt- 
sein an seinen volkstümlichen Eigenheiten hängt, un,d dass beson- 
ders in der zuletzt erwähnten Gegend auch das uralte religiöse 
Leben und Anschauung in vollkommener Unversehrtheit fortbesteht. 
Das einzige Anzeichen des Kristenturns in diesen Gegenden bestellt 
sozusagen nur darin, dass gegen Neujahr mit den Steuereintreibern 
zugleich auch der Priester des Bezirkes erscheint, die ihm gebüh- 
renden Abgaben und freiwilligen Geschenke einsammelt und dann 
durch den wogulischen Unter-Richter, den jasewolä die noch unge- 
tauften, oft 10 — 13 jährigen Kinder zusammentreiben lässt und die- 
selben auf einmal tauft. Irgend eine Bekräftigung seitens der Kirche 
hält man für überflüssig, selbst bei Ehebündnissen, denn au die 
Kirche wenden sich Eheleute gewöhnlich nur im Falle der Braut- 
entführung, d. h. wenn gegen das eventuelle Auftreten der Braut- 
eltern das Eingreifen und der Schutz der Behörde gerade bequem 
und erwünscht erscheint. 

Grundstock und bedeutsamster Bestandteil der Ur-Religion der 
Wogulen ist, wie ursprünglich bei allen altaier Völkerschaften, der 
Naturcult. Im Kreise desselben nimmt den höchsten mythischen Rang 
der Himmel ein, dessen Gemeinname taarem, torem, zugleich einen 
Ausdruck für den BegrilT der Gottheit bildet, wie das ostjak. törem y 
tärem, sürjenisch jen, wotjak. inmar, mordwin. skaj, osttürk. und mon- 
gol. taFlri, tschuwas. tür» 1 „coelum* und zugleich auch „deus" bedeuten. 
Neben dem Himmel war Gegenstand besonderer Verehrung auch die 
Erde, die nach wogujischer Weltanschauung eigentlich nur ein ergän- 
zender Teil des Himmels ist, d. h. der „untere Himmel" (joli taare'im 
dem Himmelreiche, dem „oberen Himmel" (numi taarem) gegenüber. 
In der mythischen Rangordnung und Genealogie nehmen den zweiten, 
aber in der religiösen Praxis wohl den vornehmsten Platz die Manen 
ihr Xationalhelden ein und von diesen stehen in erster Reihe die 
sogenannten ,Himmelssöhne*" (taarem-pytfiet). Diese Heroeninanen, — 

1 9 tietVs e. 



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67 



von denen ein Teil gewiss reininythischeii und von diesen der eine 
oder andere solarischen Ursprungs ist, — wohnen der Vorstellung 
ihrer Verehrer nach, an der Stätte ihrer einstigen Tätigkeit, wo man 
sie sieh in Götzengestalten darstellt. Diese Götzenbilder heissen: pupg\ 
während der durch sie dargestellte innewohnende lebendige Geist, der 
auf den Zauber „gottbeschwörender Sprüche** wo immer mit Blitzes- 
schnelle erscheint, aater „Fürstenheld**, oder wenn er weiblich, ndj 
..Fürstenfrau** heisst. Die Götzenbilder werden oft durch natürliche 
Stein- oder Felsengebilde (jelpiil naan ersetzt, die dem Volksglauben 
gemäss zauberhafte Verwandlungen der Helden sind. Das den Sitz 
der Heldenmanen bildende Revier ist «vom Weibe unberührbare (d. 
h. unverletzbare), vom Manne unberührbare heilige Krde" (ne rautal, 
xum rautnl jelpiil md). wo unheilige Sachen zu treiben, unnötiger 
Weise oder iti unreinem Zustande zu gehen, Gras zu klauben. Zweige 
zu brechen oder aus dort befindlichem Wasser zu fischen, kochen, trin- 
ken, ebenda das Ufer mit dem linder zu beschädigen, für eine mit 
Verdamnis verbundene Sünde (nak) gilt. — Mythische Wesen niederen 
Ranges, aber deshalb auch hervorragende Objekte des Cultes sind 
die heiligen Tiere (jelpiil uj), besonders der Bär, das Elentier und an 
manchen Orten der Hecht und die Schlange ; ferner einzelne Fetisch- 
gegenstände, von denen am häufigsten das Schwert ist : schliesslich die 
unterirdischen, Wasser-, Feuer-, Berg- und Walddämonen, beziehungs- 
weise Feen und auch die Seelen der Toten geben die Hausgötzen ab. 

Alle diese grösseren und kleineren Mächte haben einen gewissen, 
bestimmten Wirkungskreis, innerhalb dessen des Menschen Lebensloos 
und der Lauf der Welt von ihrer Gnade abhängt. Daher ist die Siche- 
rung ihrer Gunst sehr wichtig, was durch strenges Ein halten der 
religiösen Vorschriften und besonders durch häufige Opfer bewirkt 
werden kann. Die Arten dieser Opfer sind: 1. das Blutopfer (jir). 
wozu man am liebsten Pferde verwendet, besonders weisshaarige. Diese 
Tiere können sich die Nordwogulen nur mit schwerer Mühe und grossen 
Kosten von den diesseitigen Abhängen des Ural oder aus dem Ob- 
gebiete verschaffen, weshalb sie auch verhältnismässig selten und nur 
bei wichtigen Vorkommnissen den Göttern damit gefällig zu sein 
pflegen. Die gewöhnlichen Opfertiere sind das Rentier und bei den 
Südwogulen der Hahn. 2. Die Speiseopfer (puri), die aus gekochten 
oder gebratenen Speisen, besonders aus Fleisch, Fett, ferner Mehl- 
speisen und Getränken (heutzutage regelmässig Branntwein ; in alten 
Zeiten, wie wir es aus den Liedern ersehen, Bier und Hirsemet, auf 
wogul. sur u. pusä (magy. sör u. hoza). 3. Opfergegenstände, besonders wert- 
volle Tierfelle, Seiden- und Tuchstücke, oder Kleiderstücke; Pfeile. 
Speere ; Silber-, Gold- und Kupfergeldmünzen, ebenso verschieden 
gestaltige Gussarbeiten aus diesen Metallen. 

Diese Opfer sind nicht an bestimmte Zeiten gebunden, sondern 
an Gelegenheiten, welche die gesammten wichtigeren Vorkomnisse im 
Leben darbieten, z. B. Anfang und Schluss der Fischerei- und Jagd- 
zeit, ferner persönliche Wünsche. Geburt, Hochzeit und besonders 
Krankheit, Todesfall oder sonst ein Unglücksfall. Bezüglich der Art 



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uimI Meng»* «Irr von der ( iottheit gewünschten < »pfer gilt als Krkeimer 
-owie als Vermittler zwischen der Gottheit und dem Menschen über 
haupt. der Schamane (üajt). der sich für seinen Beruf von zartest»- 
.lugend an vorbereitet und zwar nicht nur dadurch, dass er die reji 
giÖsen Satzungen pünktlich einhält und an den gemeinschaftlich* 
(Zeremonien teilnimmt, sondern auch dadurch, dass er ernstlich be 
strebt ist. die religiösen (Gesäuge und Sagen, sowie die Kenntnis der 
gottheitbeschwöreiiden Sprüche sich anzueignen. 1 Wenn der Sch.v 
mane von der Gottheit Willen Kenntnis erhalten hat. so muss der- 
selbe sogleich erfüllt werden: „mein am Abend begehrtes Opferen^ 
verschiebet nicht auf den Morgen: mein am Morgen begehrtes Opfercher 
verschiebet nicht bis zum Abend". pflegt die Mahnung der <iöttrr 
in den Hc-chwüruiigsliedem rler Schamanen zu >ein. Wenn die rasch« 
Krfüllung unmöglich ist. so wird ein aus Birkenrinde geschnitzt»*- 
Bildm> des Opfergegenstandes |pl. ein Boss oder Bentier aus Bir 
kenrinde l gleichsam als Schuldschein neben da.> Götzenbild gelegt, 
welcher dann nach Krlangung des begehrten Opfergegenstandes ver- 
nichtet wird. Ines ist das sogenannte Gelöbnis-Bild (kastne yuri/ 

Der Verlauf eines blutigen Opfers, wie ich ihn im Gebiete de» 
oberen Losva-Flusses. in der Nähe von Pay uefl-tit-paul zu beobach- 
ten Gelegenheit hatte, \A der folgende: Vor allem wird die Opfer 
Stätte taarewkan oder jir-yafne-kan eiligst hergestellt, d. h. auf 
dem Schnee oder Basen wird ein gutes Stück kreisförmig nieder 
gestampft und in dessen vorderen Teil stellen sie den als Ruhplatr 
für das herabzubeschwörende Götzchen dienende heilige Birken 
setzling y'H'-py'-tiri, welcher wenn sie dem Herrn der Dämonen, 
den» kul'-ater opfern, durch einen Gypressensetzling (ur-fnl-tirf ersetz: 
wird. Dann bringen sie den Hausgötzen heraus, und zwar nicht zur 
Türe, sondern so wie die Leiche und am Schluss des Totenmahl> 
den Bärenkopf. zum Fmttrr heraus, und mit ihm zugleich werdet* 
die ihm zu Khren dargebrachten Opfergegenstände herausgeschafft 
Felle. Kleider. Silberzeug udgl.: das letztere wird auf zu diesem 
Zwecke eigens hergerichtete Stangen gehängt. Dann fuhrt der 
Schamane die an einen Strick gebundenen Opfertiere hervor um! 
ruft dann, vor dem tir stehend mit eine besondere Aufregung an- 
drückender, gebrochener Vortragsweise au> voller Kehle zum Himme 
hinauf die beschwörenden Sprüche und Flehungen. Nach Beendigung 
derselben töten auf den Wink de- Schamanen seine Gehilfeu <i\>- 
Tiere (indem sie hinter denselben >tehen) mit einem Beilhieb utic 
stechen sie durchs Herz : in manchen Gegenden werden die Tiere 
mit f'feilen und Spiessen getötet. Das ihnen entströmende Blut wiri 

1 Bfi jeder wichtigeren religiÖM-n Handlung — und dahin ffelwrt lr 
Prophezeiung. Zaubere» und Heilkumle — i>t er der Leiter und Führer. :«e. 
welchen (ielegenheit^n er die Werk/enge bei sich hat. - Zaubertrommel • 
den mit Tierhaut überzogenen Zauber.« lab 'su jihk .Schwerter. Pfeile uc-i 
andere Gewath-n. Zu seinen »i n« ersten Autgaben gehört die Gotth»'itbe$cbvf- 
rang /aätth. .leren ^rschk-dene Formen au> h bei den wirksamsten «piriti»'.- 
stlieu AurtÜhrungeu am Flatz>- wären. 



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6!> 



in Gefässe aufgefangen und nach Zerlegung des Tieres essen sie 
einen Teil des Fleisches in dieses Blut getaucht, roh. der andere 
Teil aber wird auf dem Opferplatz in Kesseln gekocht und später, 
oder erst am nächsten Tage verzehrt. Einen Teil des Blutes, des 
Fleisches und anderer Opferspeisen stellt der Schamane vor den 
tir hin, damit der Duft und Geruch derselben hinaufdringe zu dem 
den tir umschwebenden Geiste des Götzchens. Obendrein schmiert 
— wie es heisst — der Schamaue mit dem Blute und dem Fleische 
der Opfertiere auch das Antlitz des Götzenbildes ein, es dadurch 
zum essen nötigend. Nach Schluss des Opfermahles werden die 
Felle. Geweihe und Schädel der Opfertiere auf hohe Bäume ge- 
hängt, die übrigen Knochenreste aber bleiben auf dem Opferplatze 
liegen. 

Speiseopfer werden gewöhnlich nur untergeordneten, kleineren 
Gottheiten dargebracht: diese Opfer werden gar oft erwähnt in den 
Bärenliedern und in den die Götzen behandelnden Schauspielen, in 
denen gewöhnlich die Opferspender Füllenschenkel und „an Fett 
reiche Schüsseln" vor das angebetete Götzenbild hinstellen. Zeuge 
einer anderen Art von Speiseopferspendung hatte ich Gelegenheit in 
Satr-fxivl zu sein, im oberen Gebiete des Loswa-Flusses, als nämlich 
meine Leute vom Heiligen des Losva- Wassers i Lusmoit-jelpu) ) sich 
verabschiedend, auf das Eis des Flusses einen Napf voll Branntwein 
und rings um denselben herum brezelförmige Kuchen legten, dann 
gen Süden sich wendend unter Beugungen die Beschwörungsformel 
der Gottheit hersagten, nach deren Beendigung sie ein wenig vom 
Branntwein auf den Schnee gössen, den Best aber samt den Bietzen 
selbst verzehrten. 

Die Darbringung der Opfergegenstände geschieht auf die Weise, 
dass man dieselben neben das Götzenbild der im Gelübde erwähnten 
Gottheit hinstellt (dem Wassergotte wirft man sie ins Wasser), oder 
man verfertigt, wenn diese Gegenstände dazu geeignet sind, Kleider 
und Zierrat für die Gottheit daraus. Im Gebiete des Ob-Flusses 
werden diese Gegenstände von besonders dazu Betrauten von Dorf 
zu Dorf eingesammelt, die heimgekehrt, mit den gebrachten Kleidern 
und anderen Gegenständen ihren Götzen so sehr behängen, dass 
derselbe dadurch überaus dick wird ; trotzdem bleiben noch viele 
Gegenstände übrig, die man dann an den Wänden, auf Stangen und 
sonstwie unterbringen muss. Zwischen den Opfergegenständen spielt 
eine sehr wichtige Rolle das Geld und Silberzeug, dass von altersher 
Jahrhunderte hindurch neben den Götzen aufgehäuft, oft zu sehr 
grossem Werte angewachsen ist und dem Volke oft bedeutende 
Dienste geleistet hat, inwieweit nämlich dasselbe in Notjahren wie 
aus einer Sparkasse von dem Gelde der Götter sich Anleihen machte, 
die es dann, sobald es nur möglich war, gewissenhaft zurückerstattete. 
Im Zusammenhang mit der Bekehrung ward die Aufmerksamkeit 
auch auf diese Schätze hingelenkt, welche von den Ostjaken und 
Wogulen samt ihren Götzen in die verborgensten Schlupfwinkel der 
Wälder versteckt wurden, aber von den sich unter sie angesiedelten 



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72 

Zbogom <>.-taj draga poses- 
Ti alali meni i gjogatu, |trime! 
ja >e vi>e vidjet, ja ne vidjet. 

Oto re'e. skoci iz inejane ; 
prid mex'nnm uzjasi gjogata ! 

* 

l)oj< in igje kako gjogat more, 
pa u akAam u livade dojgje. 
u liva<iarn <"-ador razapeo. 180 
pa prid njime priveza gjogata. 

Malo vrinif za (Ingo ne bilo, 
al eto ti singe Mijovila 
snese njemu piva i jediva. 

Dojriri, sio, ladno pije vino, 
do po nori ladno pijo vino, 

Kada bjefc> oko pola nori 
ondar sjede. sitnu knjigu pi*e: 

„Eto knjiga rare ot Stambola! 
ajde rare na rnegdan izijgji 
pot Krojana u moje livade! 

Ako rare ne smijes izijtfi, 
eto mene ni je Biograda 
ja do Habe, do vode studene; 
svn cu tvojn rastferati vojsku 
i na Nabu vodw nagoniti 
a tebe < u ziva u jititi : 
svu cu tvoju bradu poguliti, 
na svake te pate udariti!" 

Pa na knjigu pe 'atudario: 200 

— 0 Mijate, moje drago djete ! 
Ajde sine Habi vodi ladnoj. 
knjigu nosi caru restitome ! 

Kako dojgjes. u vojsku unigji, 
lijest knjigu nosi u rukama ; 
kad opazis earova radora. 
— na njeniii su tri jabuke zlatne — 
pravo ajde carovu radoru ; 
pa ti sine pot eador nnijgji, 
poljubi inu nogu i nanulu. 
pa tnu knjigu na krilu osüivi. 
Pa se vrati u Krojana grada. 
Meni ajde u rusne livade ! 

Kada Mijat r-uo lakrdiju. 
on proljeva suze niz obraze : 

— 0 Dojeine, mili gospodine! 
Evo danas devet godin dana. 
kako dvorim tebe go^podara, 



nijesam ti (nie u iniu. 

ni ot sad je uriniti ne du! 22»» 

Ne Salji me uize Biograda ! 

Tko c toliku silu pruditiV 

tko ee earu knjigu donijeti. 

kaee tnrci nioju osjee glavu? 

Ti ni osjcci u tvojoj livadi. 

svoju ru ti krfcu aialiti! [mija: 
Na njeg s Doj«un grovotoin za^- 
— O Mijate, moje drago djete! 

I'zmi knjigu, k Rabi vodi ajde. 

u po noci ko kad u po daua: 

knjigonosi nitko ni*ta ne «V. 
Valja ii'i pa da, ee ne do«'-i. 

l'ze knjigu, na/e niz livade. 



Kada snijgje Habi vodi ladnoj, 
kat rare vu opazio vojsku, 
\Utii* mili «Hida golemoga! 
nije sala tri sta iljad vojske. 
pod Mijatom noge pokleruju. 
iri valja, da ee poginuti ! 
Kako dojgje, u vojsku unijgje. 240 
Sitru knjigu nosi u rukama. 
Knjigonosi s mjesta uklonjaju; 
Nitko njemu ni inukajet nije. 

On opazi rarova radora: 
Kako dojgje, pot eador unijgje. 
Poljubi mu nogu i nanulu. 
pa mu knjigu na krilu ostavi. 
Pa izijgje Mijat is radora. 
Odr Mijat pot Krojana grada. 

Xa njoj rare peCat prilomio. 
Knjige gleda a jazije ne zna. 
Dade knjigu do sehe prvome: 
nitko knjige prouöit ne moze; 
dokle dojgje Cuprilie vezim, 
jer on znade knjigu svakojaku. 
Pa on vidje, sta mu knjiga kaza. 
pa on raru naustice kaze : 

— Sultan rare, sunce ogrejano ! 
Tebe vlase na megdan saziva; 
ta njekakav Dojrin kapetane. 26» > 
da izijgjes pot Krojana grada 
u njegove zelene livade. 
Ako rare ne smijeA izijei. 
da « r k nama k Habi vodi snij«-j 



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Iii 



i svu tvoju rastjerati vojsku, 
tobe care ziva ujititi, 
na svake te pate udariti 
i svu tvoju bradu poguliti ! 

A kat rare < un lakrdiju. 
on proljeva suze niz obraze, 
pa on pusca tri telara mlada. 

Oni vieu ljetni dan do podne, 
svu carovu prolazi : o vojsku: 

— Nije 1 majka rodila junaka, 
tko b za eara na megdan iziso 
pot Krojana Dojein kapetanu? 

Car in 11 daje dvore kot svojije 
i ako je junak neozenjen, 
svojom «V ga eeri ozeniti, |280 
svojom eeri sultanijom mlariom ! 

Dok se najgje Susic Mehmedaga, 
is Stambola bijeloga grada. 
jer s lakome o<"i pri poga- i 



i turciuu za carsku rijevojku, 
za carovu sultaniju niladu. 

Pa debela istjera dorata ; 
pa on ode pot Krojana grada 
da eadora Dojein kapetana ; 
natjera mu konja na eadora. 

Dojein sio. pije pot cadorom : 

— Lako, lako, carov rnegdan- 
uinorna si mene prikobio! [dzija ! 

Ondar skoei, uzjasi gjogata. 
Natjerase jedan na rirugoga, 
al je Dojein junak na mejdanu. 
pa Memeda prije izvadio, 
izvadio sablju ot pojasa 
i Memoria prije ujagruio. 
Osjece mu sa ramena glavu, 
pa zatjera konja niz livarie. 3(X) 

Ode riorat Kabi vodi larinoj, 
brez Memeda u vojsku unijgje. 



— Ach geh, mein Hau, Gebieter dieses Boichs 100 
verfass doch einen feinen Brief an Doj-in 
und übergib den Brief dem Diener Dojeins, 
er soll von Stadt zu Stadt auf Wander ziehen, 
wo immer sieh er seinen Herren finde, 
er küss ihm gleich den Fuss und den Pantoffel 
und leg ihm auf den Schoss das Briefchen hin. 
die Arme kreuzend zieh er sich zunicke 
und eile sclileunigst heim zurück nach Gran ! 

Kin hundert Meergaleeren rüste, Bau, 
bewehr sie mit Kanonen. Todverbreitern, 
und zu den Waffen ruf das Heer, o Bau ! 

Man eil herbei zum Kloster und zur Kirche, 
ich will dein ganzes Heer in Beichte nehmen: 
ich stell mich an des Heeres Spitze, Bau, 
und trag voran das Banner mit dem Kreuz 
und auf dem Banner stellen grosse Zeichen ! 

Wir ziehen niederwärts von Beograri, 
wir lassen uns am kalten Babiluss nieder, 
erwarten da des türkischen Kaisers Ankunft ! 

Entweder retten wir die Veste (Iran. 120 
oder wir sterben, Bruderherz, vereint! 

So sprach er und zur Kirche kehrt er wieder. 

*. 

Ks setzt der Bau sich hin den Brief zu schreiben 
und übergab den Brief dem Diener I ins : 



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74 

• O Mirhai'I. o du mein trauter Knabe! 
mach auf die Suche dich nach deinem lierrn. 
mein Sülm, zieh aus ins türkische Tiirkenland: 
wo immer du den Hauptmann hoj -in findest, 
küss ihm den Tu>s und kiiss ihm den Pantoffel 
und leg ihm auf den Schoss das Briefchen hin. 
die Anne kreuzend zieh dich dann zurück ! 

W er l'ntertan. gehorcht otin Widerrede. 
Von (irau flussabwärts reiste Michael, 
durchzog die Städte in dem Tiirkenland. 
«loch jenen könnt an keinem Oj-t er finden 
und keine Kunde über ihn erkunden. 

So kehrt er heim zurück zur Ve>te <oan. 
Als Michael zur Schenke angelangt, 
zur Scheukenwirtin Angelikus Schenke, 
erblickt er einen feistgenährten Schimmel. 1-44 * 

erkannte leicht allda den Renner hojcins. 

l ud Michael hielt Einkehr in die Schenke. 

Herr Uojcin sitzt und labt sich in der Schenke. 
Kr küsste ihm den Kuss und den Pantoffel, 
die Arme kreuzend zog er sich zurück, 
als er den Brief ihm auf den Schoss gelegt. 

Herr Dojcin sah. was ihm der Brief besagt, 
und sprach ein leises Wort zu Michael: 

— <> Michael, o du mein trauter Knabe! 
Geh in die Veste (iran, mein Sohn, hinauf! 
Sobald die Abenddämmerung beginnt, 
bring mir herab zum Abendmahl die Speisung 
auf ineine Wiesenfluren unter (Iran. 
Fürs Nachtmahl reicht der erste beste Hissen, 
nur schmälre mir den kargen Schoppen nicht! 
ich aber mag nicht in die Veste Uran, 
ich geh vielmehr auf meine grünen Wiesen 
und spanne mirs (iezelte dorten auf! 

So kehrte Michael zurück nach (»ran. 

Herr Dojcin setzte sich zum kühlen Weintrunk. ItfO 
Nachdem sich Doj.-in mit dem Wein vereinigt, 
da rief die Schenkin Angja er herbei : 

— Komm her zu mir, o meine Herzensschwester! 
Ks tlog zu ihm die Schenkenwirtin Angja. 

— Wie viel beträgt, o teure Heizeusschwester, 
die Schenkenscliuld von mir und meinem Schimmel V 
wieviel im Lauf von einem Jahr und Tag? 

— 0 llerzensbruder. Dojcin Kapitän. 

die Schuld von dir beträgt und deinem Schimmel 
in einem Jahr zwei hundert tJolddukaten. 

ha mochte Dojcin gar nicht Antwort geben, 
er reich! ihr hin drei hundert (iolddukateu : 



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Verbleib mil * iott. n teure Herzenv>r!i weiter ! 
Vergib mir jede Schuld und meinem Schimmel : 
wir sehn uns jemals «»der niemals wieder! 

Kr sprach also und sprang hinaus zur Schenke 
und seliwaujr sich auf den Schimmel vor der Schenke. 

Herr Hojcin reitet mit verhängten Zügeln 
und trilft zur Däminrung auf den Wiesen ein. 
Nun spannt er auf den Wiesen das Gezelt auf... ISO 
und bindet vor dem Zelt den Schimmel an. 

Nach kurzer Krist. es währte nicht zu lange, 
da nahte schon der Diener Michael, 
er bracht ihm Speisen und Getränk herab. 

Herr Doj 'in setzte sich zum kühlen Weintrunk 
und trank vom Kühlwein bis gen Mitternacht. 

So um die Zeit der Mitternacht herum, 
setzt er sich hin und sehrieb ein zierlich Briefcheu : 
-Ein Fordrungsbrief, o Kaiser von Istatubol! 
-Wohlan, o Kaiser, rück heraus zum Zweikampf 
..auf meine Wiesen unterhalb von Gran! 

»Hast du den Mut nicht. Kaiser, dich zu stellen. 
_so komm ich dir wohl unterhalb von Heigrad, 
„wohl hin zum Rabtluss, zu dem kalten Wasser! 
-leb werde dein gesammtes Heer vertreiben 
.und in die Hab hinein, ins Wasser treiben, 
-doch dich, dich krieg ich in die Hand lebendig 
..und werd dir deinen ganzen Hart zerschinden 
..und Folter jeder Art dir auferlegen!" 

I >rauf drückt er auf das Schreiben auf das Sigel. 2< K » 

— 0 Michael, o du mein trauter Knabe! 
<> zeuch, mein Sohn, zum kalten P'Iuss. der Hab. 
und überbring den Hrief dem edlen Kaiser. 

Sobald du in des Heeres Lager kommst, 
so trag das Schreiben sichtbar in den Händen. 
Fnd wann du das Gezelt erschaust des Kaisers 

— drei goldne Apfel zieren wohl das Zelt — 
schreit gradenwegs aufs Zelt des Kaisers zu. 
und dann, mein Sohn, tritt unter das Gezelte. 
küss ihm den Fuss und küss ihm den Pantoffel 
und leg ihm auf den Schoss das Schreiben nieder 
und kehre zu der Yeste Gran zurück. 

zu mir hieher auf tauigfrische Wiesen! 

Als Michael die Weisung wohl vernommen, 
vergoss er Thränen übers Angesicht: 

— 0 du mein Hojcin, teuerster Gebieter! 
neun Jahre -ind wohl heilt dahingeflossen, 
seit deiner ich, Gebieter, treulich warte. 



doch niemals dient ich hinterlistig dir, 

und derlei möeht ich nun und nimmer tun! 220 

0 schick mich nicht dort tieferwärts gen Belgrad ! 
Wer soll durch solche tibermacht durchdringen, 
wer soll dem Kaiser dieses Schreiben bringen, 

wenn mir vom Kumpf das Haupt die Türken schlagen? 

Schlags lieber ab auf deiner Wiese mir, 

Vergebung dir für mein vergossen Blut! 

Drauf lacht ihm Dojcin schallend ins Gesicht : 
— 0 Michael, o du mein teurer Knabe! 

da nimm den Brief und eil getrost zur Rab! 

Hm Mitternacht als wärs zur Mittagstunde, 

wer Briefe trägt, vor jedem ist gefeit! 

Da gilt es gehn und gab es keinen Bückweg! 

Kr nahm den Brief und lief die Wiesen abwärts. 

♦ 

Als er zur Bab, dem kalten Fluss gelangte, 
als er allda des Kaisers Heer gewahrte, 
— du lieber Gott, ein gar gewaltig Wunder ! 
drei hundert tausend Mannen sind kein Spass ! — 
erfasst die Füsse Michaels Gezitter. 

1 >a gilt es gehn und gieng es in den Tod ! 

Sobald er kam, begab er sich ins Heer 240 
das zierlich Schreiben in den Händen tragend; 
man macht dem Träger eines Briefes Platz, 
mit keiner Silbe tritt ihm jemand nahe. 

So sah er letzt das kaiserlich Gezelte. 
(rat ohne Zaudern unter das Gezelte; 
küsst ihm den Fuss und küsst ihm den Pantoffel, 
er legt ihm auf den Schoss das Schreiben nieder. 
Pnd Michael gieng aus dem Zelt hinaus, 
zur Veste Gran zog Michael zurück. 

Der Kaiser brach das Sigel auf vom Schreiben, 
er schaut den Brief, doch kennt er nicht die Schriftart, 
trat ab den Brief dem ersten Nebenmanne, 
doch niemand ist im Stand den Brief zu lesen, 
bis endlich Küprülii der Vezier nahte, 
der kennt sich aus in Schriften jeder Art. 
und als er sah. was ihm das Schreiben meldet, 
da sprach er Wort für Wort zum Kaiser also: 

O Sultan, Kaiser, Sonnenglanz und Leuchte! 
zum Zweikampf fordert dich ein Kristel auf. 
halt ein gewisser Dojciu Kapitän: 2*10 
du sollst ihm unterhalb der Veste Gran 
auf seiner grünen Wiesenflur erscheinen. 
Fehlts dir an Mut, o Kaiser, zu erscheinen, 
so werd er uns am Flusse Bab besuchen 



und samt und sonders dir «lein Meer verjagen, 
dich, Kaiser, bei lebendigem Leibe fangen, 
mit Foltern jeder Art dich martern lassen, 
dazu dir deinen ganzen Bart zerschinden! 

Als nun der Kaiser solche Red vernommen, 
vergoss er Thränen übers Angesicht. 
Drei junge Heeresrufer sandt er aus ; 
die schrein den Sommertag hindurch bis Mittag, 
die schritten durch des Kaisers ganzes Heer : 

— Gebar denn keine Mutter solchen Helden, 
der für den Kaiser auf dem Plan erschiene 

gen Hauptmann Dojcin unterhalb von Gran? 

Dem schenkt den Hof er nächst dem Kaiserhofe, 
und falls der Held ein Ohneweib geblieben, 
mit seiner Tochter ihn beweibt der Kaiser, 
mit seiner Tochter, mit dem Jung-Prinzesschen ! 28<) 

Letzt trat hervor Herr Sustf Mehmedaga, 
ein Bitter aus der weissen Stadt Istambol ; 
auf frischen Fladen macht man grosse Augen, 
und sehr begehrt der Türk die Kaisertochter, 
die Kaisertochter wohl, das Jung-Prinzesschen. 

Er jagt hinaus auf seinem feisten Braunen 
und zog dort unterhalb der Veste Gran 
bis zum Gezelte Dojcin Kapitäns, 
er spornt ihm aufs Gezelt das Boss hinauf. 

Es sitzt Herr Doj('in unterm Zelte trinkend: 

— Gemach, gemach, du kaiserlicher Kämpe! 

du trafst mich an, dieweil ich müde bin. [mel, 
Dann sprang er auf und schwang sich auf den Schim- 
sie stürmten gen einander hoch zu Bosse, 
doch ist ein Held Herr Dojcin auf dem Plane, 
er zog heraus viel flinker noch als Mehmed, 
er zog heraus den Säbel aus dem Gürtel, 
viel flinker griff er an den Partner Mehmed, 
er hieb ihm von den Schultern ab das Haupt 
und jagt entlang den Wiesen fort das Pferd. 3ÜJ 

Zum kalten Babtluss rannte fort der Braune, 
ohn Mchemed ins Heer zurück er kam. 

(Fortsetzung lol^t.) 



Ethnol. Mitteil. a. Injtani III 



TB 



Nachlese zu den kosmogonischen Spuren in der 
magyarischen Volksüberlieferung. 1 

Von Ludwig Kdlmdny. 

1. Schöpfungssagen. 

Als Gott die Welt erschallen hatte, verlangte der Teufel von 
Gott die Seele des besoffenen Menschen; er sagte, dass die Seele 
desjenigen Menschen, der sich einmal berausche, ihm gehören solle. 
Gott sah, dass der besoffene Mensch auf dem Totenbette sich bekehrt, 
und er willigte nicht ein, sondern sagte, dass wenn er (der Teufel) 
vom Meeresgrunde Sand mit einem Stricke heraufbringe, er ihm 
dann die Seele des besoffenen Menschen übergeben werde. Der 
Teufel gieng auch auf den Meeresgrund hinab, aber er konnte keinen 
Sand heraufbringen; so bekam er denn die Seele des besoffenen 
Menschen nicht. (Aus Magyar-Szent-Mihäly) - — In einer anderen 
Sage wird erzählt: War auf der Welt ein Mann, der hatte einen 
Lidvercz; die eine Woche war der Lidvircz bei ihm und was er 
(der Mann) ihm auf der Welt sagte, das alles brachte er ihm ; die 
andere Woche war der L. bei dem Sohne (des Mannes): und der L. 
sagte immer nur: „Was, was, was (soll ich bringen)?* Er sagte 
ihm: „Bring mir jetzt Mais!* - Der L. brachte nun soviel, dass der 
Hof damit voll wurde; dann sagte er: „Bringe Geld!" Er brachte 
(ihm) soviel, dass er ein gar reicher Mann wurde. Als er nun ein 
reicher Mann geworden war, war es ihm eine Last, den L. zu halten ; 
er gieng in die Nachbarschaft (nachfragend), was er mit dem L. 
machen solle, denn stets hält er sich ihm unter der Achsel auf? 
(Man antwortete ihm), er möge ihn in die Mitte des Meeres senden, 
damit er mit einen Strick Sand bringe. Gieng der Mann nach Hause, 
sprach der Lidvercz: „Was, was, was?* — „Geh', bring' aus des 
Meeres Mitte mit einem Strick Sand!" Der L. gieng fort, kam nimmer- 
mehr zurück. (Aus Magyar-Szent-Mihäly). 3 

1 S. Hand IL, S. 3—11: S. 139—148. 

- Vgl. dazu Munkacsi, Vogul nepköltesi gytijtemeny L 160. 

* Der Lidvercz oder Lidercz, auch Ludvercz genannt, ist ein Buhlgeist, 
gewöhnlich in der Gestalt eines struppigen Hühnleins; s. darüber ausführlich 
Wlislocki, Aus d. Volksleb. d. Magyaren, sub. Lidercz. — Die Erschaffung der 
Erde aut ähnliche Weise kommt noch vor: in Munkdcsi's o. a. Werke 139: 
bei den Mordwinen s. Bttrna, A mordvaiak pogany istenei 8 ; bei den Tschere- 
missen s. Bartta, A Votjakok pogany vallasarol 20: Ertnan: Archiv für 
wissonsch. Kunde von Russland XVII. 389: bei den Wotjaken s. Munkdcsi, 
Votjak nepkölteszeti hagyomanyok 50: vgl. noch die Ueberlieferung^ der 
Bukowiner: Zeitschrift f. deut. Myth. u. Sittenkunde I. 179. In der Leber 
lieferung der Siebeubürger Rumänen sendet Gott den Krzengel Gabriel nach 
Erde, s. Müller. Siebenbürg. Sagen : Die Schöpf, d. Welt ; bei den Burjaten 
und Russen, s. Ausland 1866. §. 534: 1872, S. 1178; bei den Zigeunern, 
s. Wlislocki, Sag. u. Märchen d. transsilv. Zigeuner (Berlin 1887) Nr. I. Vgl. 
noch Andrej Die Flutsagen S. 78-82. 



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79 



Bezüglich der Erde lieisst es in der magyarischen Volksüber- 
lieferung : Die ganze Welt wird von drei Walfischen gehalten ; in 
jedem dritten Jahre drehen sie sich auf die andere Seite, dann 
erbebt die Erde. (Aus Temesköz-Lörinczfalva). In Magyar-Szent-Mihäly 
berichtet man von 4 Walfischen. 

Aehnlich wie der wogulische Elmpi auf Numi Tarom's Rat 
r Aus Schnee einen Menschen macht, knetet, denselben in Bewegung 
setzt, er in Stücke fällt*, 1 heisst es in der magyarischen Ueber- 
lieferung: „Der Teufel konnte Menschen, Pferde formen, aber wenn 
sie sich bewegten, zerfielen sie zu Staub* 4 (aus Jäszova). 2 Der Teufel 
kann zwar Menschen formen, aber ist nicht imstande, ihnen eine 
Seele zu geben (vgl. diese Zeitschr. Ii. 5 ff). So heisst es in Temes- 
köz-Lörinczfalva : „Den Elias und Enoch formte der Lucifer, aber 
er konnte ihnen keine Seele geben, da gab ihnen denn eine Gott, 
aber er nahm sie auch in den Himmel hinauf, woher sie aber auf 
die Bösen schiessen.'' Eine Sage aus Magyar-Szent-Märton berichtet: 
.Als Gott den Menschen erschallen hatte, wollte auch der Teufel 
einen erschaffen. Aus Kot war schon die Menschengestalt geformt, 
aber eine Seele war nicht darin. Also Gott segnete sie, gab eine 
Seele in sie (aber es war kein Loch an der Form); da sagte er 
dem Teufel, dass er eines bohren solle. Als es der Teufel bohrte, 
sagte das Knarren des Bohrers stets: Cro-at, Cro-at! Fragte Gott 
den Teufel, was der Bohrer sage? Sagte der Teufel: Cro-at! So 
ward der Croate (erschaffen)." In einer Variante dieser Ueberlieferung 
tritt Set. Peter als Demiurg auf: „Als Gott das Weib erschaffen 
hatte, bohrte Set. Peter das slovakische Kind an (denn es hatte kein 
Loch) : daraus ward der Raize : denn als er es anbohrte, sprach sein 
Bohrer ineinemfort: Raz, raz, raz ! Set. Peter sagte dann, dass dies 
also der Raize werde : seither sind Raizen (Serben) auf der Welt" 
(aus Egyhäzas-Ker). Nach einer Ueberlieferung aus Szöreg bohrt 
Set. Peter den Raizen aus einem Deutschen. 3 

Eine Sage aus Magyar-Szent-Mihäly erzählt: „Als die ersten 
Menschen erschaffen worden waren, hielten die drei göttlichen Personen 
Rat, welche (von den in verschiedenen Zeiten lebenden Menschen) 
die schlechtesten werden sollten? Die eine göttliche Person sagte, 
die zu Anfang (lebenden), die andere göttliche Person aber sagte, 
die in der Mitte (lebenden); Gott-Vater sagte, die zu allerletzt 
(lebenden) sollten die schlechtesten sein, dann bedauere Gott nicht, 
die Welt zu vernichten." 

Nach magyarischer L'eberlieferung gibt Noe den einzelnen 
Tieren die Namen, aber nicht bei ihiem Herauslassen aus der Arche, 
sondern schon bei der Aufnahme in dieselbe. In Torontäl-Monostor 
heisst es: „Als Noe die Tiere in die Arche aufnahm, wollte auch 
die Fliege hinein, aber Noe sprach zu ihr: ^Fliege, hier soi! u 

1 Ilun/alvtf, Reguly hagyomanyai (R r s Nachlass) I. 126. 

2 Vgl. dazu die Sage aus Majdan in dieser Zeitschrift IL 8. 5. 
J S. diese Zeitschrift II. S. 8. 



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so 



(Legy, itt legy ! — ttgy heisst magyarisch : Fliege und auch : sei, 
bleib' !) Seither heisst man sie Fliege (legy) u . In Magyar-Szent-Mihäly 
gibt Set. Peter dem Esel den Namen. Als die Tiere ihre Namen 
erhalten hatten, mussten sie am folgenden Tage erscheinen, damit 
jedes einzelne seinen eigenen Namen hersage. Jedes konnte seinen 
Namen sagen, nur der Esel hatte den seinen vergessen ; da zupfte 
ihn Set. Peter am Ohre und sprach zu ihm: „Esel bist du. nicht 
einmal deinen Namen weisst du!" Seither heisst man ihn Esel und 
seither hat er lange Ohren . . . 

Eine demigursche Rolle 1 hat der Teufel beim Branntwein- 
brennen, das er den Menschen gelehrt hat: -Früher fluchten die 
Menschen nicht ; als aber dem Landwirt soviel Korn gedieh, dass er 
nicht imstande war es zu verkaufen, lehrte der Teufel die Menschen 
das Branntweinbrennen ; darüber verzankten sich die Menschen ; da 
bekam der Teufel Seelen, denn einer erschlug den andern" (aus 
Magyar-Szent-Mihäly). Die Mordwinen lehrt der Saitan das Bierbrauen, 
die Wotjaken werden vom Diabolus Keremet im Kumyska-Kochen 
unterrichtet; die Finnen lernen das Bierbrauen ebenfalls vom 
Demiurgen Osmatar . . . 

Den ursprünglichen Zustand des Feuers verderbte der Teufel 
also: „Dem Teufel starb die Mutter; die Menschen sassen rings um 
das Feuer herum; kam hin der Teufel, sprach: „Meine Mutter ist 
gestorben, beweinet sie!" Die Menschen sagten: „Wir beweinen sie 
nicht !** — „Nun, wenn ihr sie jetzt nicht beweinen wollt, so werdet 
ihr sie bald euer Leben lang beweinen!" Der Teufel sprang nun 
über das Feuer hinweg u. Hess einen Wind hinein ; sogleich begann 
grosser Rauch zu werden ; seither beweint man stets seine Mutter, 
besonders wenn das Brennholz nass ist* 4 (aus Szeged-Gajgonya).- 

Bei der Schöpfung des Weibes läuft nach Berichten aus xMagyar- 
Szent-Mihäly ein grosser, weisser Hund mit Adams Rippe davon.* 
In Magyar-Szent-Märton erzählt die Ueberlieferung : „Als Gott den 
Menschen erschaffen hatte, nahm er ihm eine Rippe heraus, aus 
der er die Eva formte ; aber als er die Rippe (auf die Erde) nieder- 
legte, stahl dieselbe die Katze; Gott haschte nach ihr, riss den 
Schweif der Katze ab, daraus schuf er die Eva ; deshalb ist das 
Weib so aufpassend und unbeständig* 4 . 



2. Vom Sündenfiall. 

Eine Sage aus Magyar-Szent-Mihäly erzählt: „Als der alte Gott 
das Paradies anpflanzte, war auch Lucifer dabei ; Gott gab ihm die 
Samen, damit er sie aussäe. Lucifer säte jeden Samen aus, nur den 
Samen der verbotenen Frucht säte er nicht aus : den steckte er sich 

' S. ebenda II. Bd. S. 8 oben. 

-' Andere Werke der Verschlechterung s. in dieser Zeit sehr. II. S. 5*. 
J S. ebenda S. 6. 



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81 

unter die Zunge. Gott hatte dem L. aufgetragen, wohin er die 
(einzelnen) Samen setzen «olle; an jedem Orte war ein Samen, nur 
an einem Orte fehlte er. »Wo ist von hier der Same?" fragte Gott. 
— .Er ist da, mein Herr und Schöpfer!" — „Er ist nicht da! 
Streck' deine Zunge heraus!" Er streckte sie heraus und da war 
der Same. „Steck' ihn in die Erde!" (sprach Gott). L. steckte den 
Samen in die Erde, er keimte, aber er wuchs nicht. „Herr, mein 
Schöpfer, er wächst nicht; segne ihn, dann wächst er! 4 " (sprach L.) 
Gott segnete ihn dann, es wuchs auch der Baum, aber er (Gott) 
sagte dem Adam, dass er von dessen Früchten nicht essen dürfe. 
I.. aber sprach so lange, sagte so lange: „Esset davon!" bis sie 
assen. da trien (Gott) den Adam aus dem Paradiese. 

Einen EinfUiss des Islam finden wir in der Ueberlieferung aus 
Magyar-Szent-Märton: „Als Gott den Menschen erschuf, kam auch 
der Teufel hinzu, sah zu, wie Gott es beim Schaffen anstelle, damit 
er bald es auch so mache : er fieng auch an, machte bereits die 
Form aus Lehm, damit er (also einen) erschaffe, aber er konnte ihm 
eine Seele nicht erschaffen. Gott sprach, dass er ihn auf die Füsse 
stellen solle : aber wie er sie immer stellte, seine Form fiel immer 
um ; was sollte er machen ? als Gott einmal anderswohin hinblickte, 
so lehnte er (seine Form) an den Zaun, aber wer hat den Zaun 
geflochten?" 1 

An gnostische Lehren erinnernde Züge enthalt folgende Ueber- 
lieferung aus Magyar-Szent-Märton: „Als die stolzen Engel sagten, 
dass sie mehr können, als Gott der Vater, denn sie können auch 
so einen Menschen formen, wie er einen aus Sand und Lehm geformt 
hat, — da sagte Gott, sie mögen ihn denn lebendig machen ! Sie 
sprachen, sie könnten das nicht tun. Da hauchte Gott hin, sprach : 
.Steh' auf, verfolge deine Schöpfer!" Da warf sie Elias so lange 
hinab, bis Gott nicht sagte: ..Amen!" Wo einen jeden das Amen 
antraf, dort blieb er und wird von Elias mit Blitzen beschleudert, 
manchmal aber trifft er auch einen andern (einen Menschen), denn 
der böse Engel zieht sich (oft) hinter den guten Menschen zurück". 2 

In einer Variante der Bukowiner Magyaren wirft auch der 
hl. Elias die bösen Engel herab. Eine Ueberlieferung aus Magyar- 
Szent-Mihäly lautet: „Als Gott den Elias erschaffen hatte, sprach 
Lueifer zum Erzengel Set. Michael: „Wohin ist Gott-Vater gegangen? 
Wir sind schon genug vorhanden, wozu (noch) dies Menschen- 
geschlecht?" Ein Wort gab das andere, einen grossen Streit begann 
Lueifer. Da stieg der Erzengel Set. Michael Gott-Vater nach herab : 
.Mein Herr, mein Schöpfer, Lueifer hat einen grossen Streit gegen 
die Engel begonnen!" Da kam Gott, da kam auch der Prophete Elias 
hinauf zum Streit. Sprach Gott : „So lange fallet, bis ich mein Amen 
sage!" Elias warf sie sofort hinab. Als Gott sein Amen aussprach, 
da blieb jetler dort, wo ihn das Amen antraf. Als da Jesus in die 

1 S. eb. S. 10. 
" S. eb. S. 140. 



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82 



Hölle stieg, sprach ein Engel zum Propheten Elias: „Was suchst 
du hier mit Leib und Seele, hier ist kein Platz für dich?" Sprach 
der Prophete Elias: „Bis zum jüngsten Gericht werde ich in diesem 
Zustande hier bleiben.* Dann muss er auch herabkommen, dann 
muss er auch sterben. " 



Eine Heldensage der Süd-Ostjaken. 

Mitgeteilt von Dr. Karl Päpal. 

Während wir aus dem Schatze wogulischer Volksüberlieferung 
namhafte und zahlreiche Aufzeichnungen von Bernhard Munkdcsi 
besitzen, 1 so haben wir aus der Volkspoesie der an Zahl und Aus- 
breitung bedeutenderen Ostjaken bislang kaum eine nennenswerte 
litterarische Mitteilung. Neben seinen handschriftlichen Aufzeichnun- 
gen wogulischer Volksdichtungen bewahrt die ungarische Akademie 
der Wissenschaften von Reguly auch das Manuscript einiger ost- 
jakischer Heldenlieder und zwar in der Originalsprache, aber bislang 
haben dieselben noch keinen Erklärer gefunden. Nach Reguly hat 
sich Ahlquist mit der Sprache der Nord-Ostjaken befasst und in 
seiner „Chresthomatie" einige ostjakische volkspoetische Texte und 
zwar so gehaltlose Märchen und Lieder veröffentlicht, dass wir 
daraus nicht einmal eine Ahnung von der reichen Sagen- und 
Heldendichtung der Ostjaken gewinnen. In neuerer Zeit hat der 
russische Forscher S. Patkanov drei Heldenlieder und zwei Sagen 
der Ostjaken am Irtis-Fluss in ostjakischer Sprache und 15 kurze 
Märchen in russischer Ueberzetzung mitgeteilt. 2 Ein anderer russischer 
Reisende, Herr Adrijanov aus Tomsk hat vor mir die vas-juganer 
Ostjaken besucht und wie er mir mündlich mitteilte, mehrere ost- 
jakische Volksdichtungen aufgezeichnet. Ob er dieselben im Druck 
veröffentlicht hat, weiss ich nicht. 

Ich selbst habe während meiner Studienreise in Sibirien 
mehrere ostjakische und ostjakisch-samojedische Heldenmären, Sagen 
und Märchen nach in russischer Sprache gehaltener Mitteilung auf- 
gezeichnet, — zu dem Zwecke blos, um mich mit der Volksseele 
näher bekannt zu machen und die Aufmerksamkeit der Volksforscher, 
besonders meines Freundes Munkdcsi, der sich nach Beendigung 
seiner wogulischen Studien auch hiemit befassen wollte, auf dies 
sozusagen unbekannte Gebiet hinzulenken. Meine Sammlung umfasst 
ungefähr 1Ü Druckbogen und mag besonders für den vergleichenden 
Folklore von Wert sein. 

1 Aus Munkdctfs wogulischer Sammlung ist bislang im Verlag der 
nngar. Akademie der Wissenschaft, vom I. — III. Bande je ein Heft erschienen, 
wogulische Originaltexte nebst magyarischer Uebersetzung enthaltend. 
Herrmann hat im 11. Band dieser Zeitschrift mehrere Stücke in deutscher 
Uebersetzung veröffentlicht. 

8 S. Patkanov, Tip. ostjackav bogatyrja (Typus ostj. Heldenlieder). 
Petersburg 1891. 71 S. (Sonderabdruck aus ..Zivoi Starina" III. -IV. Band). 



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Im Folgenden will ich eine Heldensage der Süd-Ostjaken mitteilen, 
die ich in der Jurte Kalümskij (Kalem-puchel) am Ob oberhalb 
Surgut nach der Mitteilung des als „ Liederkenner ** berühmten Vasüij 
Öerdakov genau aufgezeichnet habe. In ihrer gegenwärtigen Gestalt 
ist die Sage sehr zusammengezogen, bruchstückartig: trotzdem 
bildet sie ein zusammengehöriges Ganze. In mythologische Aus- 
einandersetzungen mich hier einzulassen, habe ich nicht die Absicht, 
und will hier nur einige Bemerkungen über die in der Sage auf- 
tretenden Gestalten mir erlauben. 

Der Held der Sage ist Üljunk y was „ Unter-Götzchen ** bedeutet; 
junk im nordostjakischen tonx = Götze, Götzenbild (Ahlquht), im 
irtiser ostj. tonx = 1. Tschude. 2. Götterbild (Castr6n)\ im ostj. 
oberhalb Surgut und im vasjuganisch-ostj. bedeutet junk in den 
Heldenliedern auch „Götzchen", daneben aber bezeichnet es auch 
die aus Holz udgl. geformten Götzenbilder. Die Zahl der junk wäre 
sehr gross, wenn sie sich nicht — wie es in den Sagen heisst — 
gegenseitig vernichtet hätten. 

Ül-junk's Aufenthaltsort wird unter die Erde verlegt, weshalb 
wir das in seinem Namen vorkommende «Unter* 4 wohl für 
„Unterirdisch* 1 nehmen können. Seine Farbe ist schwarz, und 
schwarze Tücher oder Kleider werden ihm geopfert. Seinen einstigen 
Wohnort versetzt man auf den bei , Samarova, an der Mündung des 
Irtis gelegenen „ hohen Berg" (il-junge-vac) „wohin kein Schiff 
hinfahrt und woher kein Rauch sich erhebt". Im Dörfchen Salagaei, 
am Vas-jugan-Fluss gelegen, sah ich eine kleine aus Holz geschnitzte 
Menschengestalt, deren Besitzer sie für das Bildnis des VI- junk 
ausgab. 

Noch zwei Gestalten treten in der mitgeteilten Sage auf; die 
eine ist Jak-kolte-junk's Sohn, die andere Terön-junk. 

Jak-kolte-junk bedeutet : „ Volk - sterbenmachendes - Götzchen" 
(jax-Volk). Der Erklärung meines Gewährsmannes gemäss ist das 
der Teufel, der den Tod der Menschen verursacht. Ob diese Gestalt 
mit der des Jay-vtnt-junk („ Volk-nehmendes [vernichtendesj-Götzchen") 
gleich ist, weiss ich nicht. Von Letzterem hörte ich, dass er in der 
Erde wohne und man ihm schwarze Tücher und Kleider opfere. — 
Die Bedeutung des im Namen Teren-junk vorkommenden teren können